18. Unter den Vampirindianern der Pampas Sacramento.

Als wir am nächsten Morgen am Ufer des seichten Sees entlang fuhren, erhielten wir die erste Andeutung, daß es hier Indianer gab. Ein Pfeil zischte in einiger Entfernung vor dem Kanu ins Wasser. Es war ein bedenklicher Augenblick, und selbst in den Augen meiner beiden Boys zeigte sich die Nervenanspannung. Ob es sich um eine Warnung handelte oder um einen Pfeil, der auf der Fischjagd abgeschossen worden war und die Anwesenheit von Indianern verriet, spielte dabei keine Rolle. Ehe eine Art Freundschaft hergestellt oder wenigstens eine Form passiver Duldung von den Indianern erreicht war, die sich offenbar in den umliegenden Wäldern befanden, schien ein Vormarsch ebenso unmöglich als der Rückzug. Ähnliches hatte ich schon oft erlebt, aber bei dieser Gelegenheit fühlte ich mich zum erstenmal wirklich ungemütlich. Der Hauptfaktor der Sicherheit, eine gute Rückzugslinie, fehlte, und alles hing nun vom guten Willen eines unbekannten Stammes in einer übelberüchtigten Gegend ab.

Irgend etwas mußte geschehen, aber was sollte ich tun? Auf den niedern dschungelbedeckten Ufern war kein Zeichen zu erblicken weder von den Indianern noch ihren Behausungen. Wir ruderten auf eine sandige Landzunge zu, die in den seichten See vorsprang. Das Kanu saß bald fest, und so wateten wir, bis zu den Knöcheln im Wasser, auf die Sandbank. Nachdem wir uns versichert hatten, daß sie bei dem natürlichen Steigen des Flusses während der Nacht nicht überschwemmt würde, beschloß ich, hier das Lager aufzuschlagen, weil niemand weder vom See noch vom Ufer her sich nähern konnte, ohne das Stück offenen Strandes zu überschreiten.

Die Nacht über wachte ich, bis mich die Dämmerung erlöste und ich mich für eine oder zwei Stunden niederlegen wollte. Ich war jedoch kaum eingeschlafen, als schon einer der Boys ins Zelt trat und mir durch Zeichen bedeutete, ihm zu folgen. Weniger als 50 Meter vom Lager entfernt steckten vier Stöcke mit vier kürzeren Stöcken quer darüber gebunden im Boden, und daneben lag ein Pfeil auf der Erde, der nach der Richtung wies, von wo wir gekommen waren. Der Cocama schüttelte den Kopf und murmelte etwas.

Da ich von ähnlichen Zeichen bei den Nambiquaras des Matto Grosso gehört hatte, zermarterte ich mein Gehirn nach einer Erklärung. Wahrscheinlich bedeuteten die vier langen Stöcke ebenso viele Indianer, und der Pfeil, der flußabwärts wies, gab eine Richtung an. Sollte er eine Warnung sein, daß wir dahin zurückzukehren hatten, von wo wir gekommen waren? Wenn so, was sollten dann die vier Querstöcke ausdrücken? Keine Erklärung, außer einem unheilverkündenden Kopfschütteln, kam vom Cocama. Anderseits mochten die Stöcke anzeigen, daß die gleiche Anzahl von Indianern in der Richtung des Pfeiles lagerte.

Nachdem ich mir einige Zeit fruchtlos den Kopf zerbrochen hatte, entschloß ich mich, Geschenke bei den Stöcken niederzulegen, alles wieder ins Kanu zurückzuschaffen, das Zelt aber stehenzulassen und den Saum des Dschungels dort zu untersuchen, wohin der Pfeil deutete. Während der drückenden Hitze des ganzen tropischen Tages ruderten und suchten wir ohne Ergebnis umher, aber bei der Rückkehr zu der Sandbank am Abend sahen wir, daß die Geschenke verschwunden waren. Das Zelt und die geheimnisvollen Stöcke waren jedoch nicht berührt worden. Ehe die Nacht anbrach, legte ich meinen Rasierspiegel als weitere Gabe hin und band eine rohe Skizze daran, die einen Indianer und einen Weißen darstellte, die sich gegenüberstanden, die Waffen auf den Boden gelegt hatten und die Arme über die Köpfe hielten.

Wieder saß ich die ganze Nacht neben dem Kanu, da ich zur Wachsamkeit der beiden Cocamas kein Zutrauen hatte. Als das Licht des kommenden Tags endlich ausreichte, die Umgebung zu unterscheiden, ging ich zu den Stöcken. Der Rasierspiegel und die Zeichnung waren fort, und auf dem Sande zeigten sich die Spuren mehrerer nackter Füße. Sie kamen vom seichten Wasser des Sees und führten wieder zurück, ein Beweis, daß die Indianer ein Kanu benutzt hatten.

Diesmal erneuerte ich die Geschenke nicht, sondern ließ nur eine neue Zeichnung zurück, auf der ein Weißer abgebildet war, der einem neben dem Zelt stehenden Indianer eine Schnur Perlen überreicht. In der folgenden Nacht verschwand auch dieses Blatt, und ich hörte, wie das Kanu der Indianer von der Sandbank abgestoßen wurde, indem ich das Ohr dicht an die Oberfläche des stillen Seespiegels hielt.

Nun war ich beruhigt, und am Morgen des vierten Tages näherte sich richtig ein Kanu, in dem vier Indianer saßen, die langsam ruderten. Ich rief sie an und bekam eine Antwort. Dann hörten sie auf zu rudern, und das Kanu hielt etwa 180 Meter vom Ufer an. Sich auf diese Entfernung pantomimisch zu verständigen, war unmöglich. Daher winkte ich den Indianern zu, näher zu kommen, legte meine Flinte auf den Boden und ging im seichten Wasser auf sie zu, während ich eine Schnur Perlen ihnen entgegenhielt.

Skizze der Peruanischen Montaña.


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Einige Minuten saßen sie unbeweglich und paddelten dann vorsichtig vorwärts bis auf etwa zehn Meter an die Stelle, wo ich bis zu den Knöcheln im Wasser stand. Ich bedeutete ihnen durch Zeichen, daß ich ein Freund wäre und mit ihnen zu sprechen wünschte. So oft ich vorzugehen versuchte, ruderten sie hastig zurück, und dieses lächerliche Hin und Her ging länger als eine halbe Stunde so fort, bis ich endlich zum Zelt zurückwatete, wo ich mich niedersetzte und wartete.

Allmählich faßten sie Mut, ruderten zuerst das Ufer entlang zum Zelt, stiegen dann ins Wasser und wateten auf mich zu. Ich stand auf und hob die Hände über den Kopf, um zu zeigen, daß ich unbewaffnet wäre. Drei von ihnen ahmten das nach, während sie sehr mißtrauisch den Strand heraufkamen. Langsam ließ ich die ausgestreckten Hände sinken und begann, ihnen durch Zeichen anzudeuten, daß ich Geschenke für sie hätte. Einige Stücke wohlriechender Seife wurden auf den Sand gelegt, nach denen einer der Indianer gierig griff, während die andern meine Bewegungen beobachteten. Daran schloß sich ein lebhaftes Gespräch, das durch Zeichnungen im Sand geführt wurde. Nun kam heraus, daß die Stöcke mit den Querhölzern Hütten bedeuteten und daß der Pfeil nicht nach ihnen hin, sondern von ihnen her wies.

Ihrem Äußern nach waren die Indianer von Mittelgröße und einer sehr blassen Hautfarbe von gelber Bronze. Im Sonnenschein sehen sie wie Chinesen aus. Alle vier waren in lange dunkelbraune Kusmas aus grobem Eingeborenenstoff gekleidet. Ihre Köpfe waren zum Teil geschoren, und um den Hals trugen sie einen merkwürdigen Schmuck aus Flügeldecken von Käfern, der vorn mit dem Kopf einer Fledermaus abschloß. Ihr Haar war kohlschwarz und dicht um den Kopf durch ein Rohrband zusammengehalten, das mit Vogelfedern verziert war. Nur einer hatte einen langen, dünnen Speer aus dem Kanu mitgebracht.

Nach langen Bemühungen, durch Zeichen und ein paar Panaworte, die ich in Sarayacu gelernt hatte, meine Absichten kundzutun, war endlich eine etwas freundschaftlichere Atmosphäre hergestellt. Ich benützte sie um anzudeuten, daß zwar ich meine Waffe abgelegt hätte, einer der Indianer aber noch immer einen Speer trüge. Es bedurfte mehrerer Zeichnungen im Sand, um diesen Umstand klarzumachen, aber sobald ihn die beschränkte Intelligenz der Wilden begriffen hatte, wurde der Speer auf den Boden gelegt. Doch war der Besitzer nicht zu bewegen, sich von der Stelle zu entfernen. Nachdem ich meinen Zweck erreicht hatte, einen Zustand gegenseitigen Vertrauens zu schaffen, hätte es keinen Sinn gehabt, die Sache noch weiterzutreiben. Die nächste Aufgabe war, die kleine Indianerschar, die sich offenbar auf einem Jagd- oder Fischzug befand, dazu zu veranlassen, uns nach ihrem Dorf zu führen und gleichzeitig alles Menschenmögliche zu tun, um unsere eigene Sicherheit zu gewährleisten.

Es ist nicht ratsam, gänzlich wilden Indianern zu viel Geschenke zu geben, ehe man seinen Zweck in ihrer Mitte erreicht hat. Sie gleich am Anfang mit Gaben zu überhäufen, heißt sich später einer gefährlichen Unzufriedenheit aussetzen, wenn die Quelle erst spärlicher zu fließen beginnt, was bald eintritt, falls nicht unbegrenzte Transportmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Die frühe Erforschungsgeschichte unter den Eskimos beweist zur Genüge, daß man nur mit Vorbedacht diese Form der Bestechung anwenden sollte.

Nachdem ich den Indianern meinen Wunsch, ihr Dorf zu besuchen, kundgetan und zugleich meine Bereitwilligkeit ausgedrückt hatte, ihnen für ihre spätere Unterstützung bei der Rückkehr an den Ucayali Geschenke zu machen, drehte ich ihnen absichtlich den Rücken und ging in mein Zelt. Anscheinend, um etwas zu holen, aber in Wirklichkeit, um zu prüfen, wie weit ihre Freundschaft ging, wenn wir uns nicht mehr unmittelbar gegenüberstanden. Nach einigen Minuten kam ich wieder mit ein paar Biskuits, von denen ich eins selbst verzehrte und die andern den Indianern anbot. Da sie augenscheinlich hungrig waren, schlangen sie sie hinab, ohne erst wie üblich nach dem ersten Bissen zu warten, ob sich nicht schlimme Wirkungen einstellten.

Es gab noch ein langes Gespräch zwischen ihnen, aber schließlich deuteten sie mir an, unser Kanu zu besteigen. Das Abbrechen des Lagers dauerte eine halbe Stunde, während der ich mich mit sehr wenig Erfolg bemühte, unsere freundschaftlichen Beziehungen noch zu vertiefen. Gerade vor dem Aufbruch zog ich meinen Tabaksbeutel aus der Tasche, und als ich ihre gierigen Blicke bemerkte, verteilte ich genug von dem wertvollen Kraut, um mehrere Pfeifen zu stopfen, was größeren Eindruck zu machen schien als alle vorhergehenden Annäherungsversuche.

Wir paddelten über den seichten See und wandten uns dann nördlich gegen einige niedere, bewaldete Hügel. Schon erschienen die Hütten auf einem offenen Fleck von grauem, aschenartigem Sand zwischen dem niedern Dschungel. Sofort nach der Landung kam mir die Gefahr der Lage zum Bewußtsein. Die vier Jäger, die zu uns ins Lager gekommen waren, trugen Kleider und hatten offenbar schon früher mit der Zivilisation in Berührung gestanden; die Dorfinsassen aber waren völlig nackt und nahmen eine beinahe feindliche Haltung ein. Als wir landeten, war keiner der Indianer bewaffnet, aber schon nach einer Viertelstunde starrte alles von Speeren, Bogen und mörderisch aussehenden Kriegskeulen.

Die Geschichte der Kaschibos erzählt von beständigen, erbarmungslosen Kämpfen gegen den Weißen und die benachbarten Stämme der Schipibosindianer. Von 1651 bis 1714 sollen nicht weniger als siebenundzwanzig Priester von ihnen ermordet und aufgefressen worden sein, die von den Spaniern geschickt wurden, um sie zum Christentum zu bekehren. Etwa 40 Jahre später überfielen sie die Missionsstationen von Cerro de la Sal und zerstörten sie alle. Bis in neuere Zeit waren sie sehr selten von Forschern aufgesucht worden, und Leutnant Smyth, R. N. (1832), Leutnant Herndon (1852), Gabriel Sala (1899) und Juan Sotomayor (1900) sind die einzigen, soweit es zur allgemeinen Kenntnis gelangte, denen wir Berichte über diesen wilden Stamm verdanken.

Diese Geschichten fielen mir ein, während ich mich entschloß, sofort zu handeln. Ich wandte mich zu den Führern, verlangte vor den Huary, den Häuptling, gebracht zu werden und wurde nach einer der großen, aber kläglich gebauten Palmstrohhütten gewiesen, die als Gemeinschaftshäuser dienen und hier „Tambos“ heißen. Ein alter Kaschibo mit Bart, Kusma und geschorenem Kopf war gerade damit beschäftigt, ein offenes Geschwür an seinem Vorderarm sorgfältig auszusaugen. Als ich eintrat, hörte er mit dieser Arbeit auf, die ihn ganz in Anspruch zu nehmen schien, erhob sich und stolperte auf die Stelle zu, wo ich ihn erwartete.

Nachdem ich die üblichen Geschenke überreicht hatte, erklärte ich kurz den Zweck meines Besuchs, zu dem er anscheinend seinen Segen erteilte. Wenigstens erhielt ich ein seltsames Rohramulett mit merkwürdigen eingeritzten Zeichnungen. Offenbar war ich nun frei, zu lagern und das Dorf in Augenschein zu nehmen, aber die Speere und Keulen verschwanden nicht aus den gelben Händen ihrer Besitzer.

Die Weiber scheinen, bis sie heiraten oder alt werden, ganz nackt zu gehen, die Männer aber tragen ein einfaches Lendentuch oder ein langes, braunes, ärmelloses Gewand. Als Beförderungsmittel ziehen die Kaschibos augenscheinlich das Floß dem Kanu vor, denn obwohl mehrere Fahrzeuge sich am Ufer, nahe dem Dorf, befanden, schien die Anzahl der Flöße der der Bewohner zu entsprechen.

So häßlich und schmutzig wie die Männer sind die Weiber und Kinder nicht. Ob das an dem Fehlen des ungewaschenen und stets übelriechenden Kusma liegt, ist schwer zu sagen. Aber ich hatte den Eindruck, daß einige dieser blaßfarbigen Weiber und Mädchen zu einem andern Stamm gehörten, der viel kleiner von Statur war als die Kaschibos. Wie dem auch sein mag, jedenfalls waren sie viel mitteilsamer und freundlicher als die Männer, eine Haltung, die ich aus naheliegenden Gründen nicht ermutigen durfte.

Am zweiten Tage unseres Aufenthalts fragte ich einen unsrer Führer, wohin er nach seinem Tod zu kommen erwartete. Die Antwort brachte mich ein wenig außer Fassung. Er deutete auf einen Vogel, der eben die Überreste meiner Mahlzeit aufpickte. Jeder Versuch, weitere Aufklärung zu erhalten, schien nutzlos, bis ich auf den Gedanken kam nachzuforschen, ob sie einen allgemeinen Begräbnisplatz hätten. Nachdem ich stundenlang erst einen, dann einen zweiten Indianer ausgefragt hatte, erfuhr ich, daß die toten Kaschibos nicht beerdigt würden. Die Alten bringt man um oder ißt sie auf, da es für besser gehalten wird, von einem Freund als von wilden Tieren oder Raubvögeln verzehrt zu werden. Ich ließ aber nicht locker und versuchte, zwischen der Seele und dem Körper einen Unterschied zu machen, wobei freilich nichts Endgültiges herauskam. Doch scheinen diese Eingeborenen zu glauben, daß sie durch den Genuß des Herzens, des Gehirns, der Augen, Ohren und Hände die Vorzüge, Kenntnisse und den Geist des Toten in sich aufnehmen. Soweit ich das herausbringen konnte, werden Gefangene von andern Stämmen nicht getötet, da sie ihre Nachbarn für in jeder Beziehung minderwertig und daher zur Aufnahme in sich selbst für unwürdig halten.

Das Wort „Christo“ kennen sie als den Namen des Gottes der Weißen, aber weder mit den Missionen noch den Handelsstationen scheinen sie viel in unmittelbare Berührung gekommen zu sein. Die Hügel- und Dschungelgegend, die sie bewohnen, bringt so gut wie keinen Kautschuk hervor, und folglich fühlt der Händler wenig Neigung, ein so übelberüchtigtes Gebiet zu betreten. Dies erklärt auch wahrscheinlich ihre Rückständigkeit verglichen mit den Verhältnissen bei andern das Pana sprechenden Stämmen, die an den Ufern der schiffbaren Flüsse wohnen.

Häuptling der Kampasindianer.

Zwergindianer der Pampas Sacramento.

Chunchosindianer am Perené.


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Einen ihrer widerwärtigsten Gebräuche bekam ich am dritten Tage zu Gesicht. Mehrere Indianer waren auf einem der zahlreichen Flöße beim Fischen mit Speeren draußen gewesen. Als sie mit einigen gespießten Riesenfischen, anscheinend „Paiche“, zurückkamen, leckten zwei Kinder das Blut auf, das aus den Speerwunden träufelte. Da mehrere Männer und Weiber um das Floß herumstanden, ohne dem Tun ihrer Sprößlinge irgendwelche Beachtung zu schenken, haben wir es hier offenbar mit einem Brauch zu tun. Möglich, daß sich ihr ganzer Kannibalismus darauf beschränkt und daß darin der Grund liegt, warum sie Vampire genannt werden. Tatsächlich neige ich zu der Ansicht, trotz all ihrer Redereien über das Auffressen von Verwandten und Freunden, daß es sich dabei lediglich um einen religiösen Brauch handelt, der das Trinken einer gewissen Menge Blutes, aber nicht das Verzehren menschlichen Fleisches erfordert.

Die Begründung meiner Ansicht liegt hauptsächlich in der Tatsache, daß fast alle Indianerstämme im Amazonengebiet ihren Stammesnamen von dem Brauch erhalten, der sich am stärksten von den Sitten ihrer Nachbarn unterscheidet. Dies sieht man, wie bereits erwähnt, deutlich bei den Uaupés an den Nebenflüssen des obern Rio Negro. Und daß hier nicht etwa nur eine Ausnahme in Frage kommt, beweist fast jede Stammesbezeichnung in dem großen Waldgebiet. Ist diese Annahme richtig, so verdanken die Vampirindianer oder Kaschibos ihren Namen und schlimmen Ruf wahrscheinlich dem Brauch, menschliches und tierisches Blut zu trinken.

Ich blieb sechs Tage bei diesem interessanten Stamm; nachdem einmal das natürliche Mißtrauen des Wilden zerstreut war, schien er nicht wilder und unbändiger zu sein als viele andere Stämme, mit denen ich in Brasilien zusammengetroffen war. Die Kaschibos sind stolz und zurückhaltend und besitzen augenscheinlich keine scharf umschriebenen religiösen oder moralischen Vorstellungen. Offensichtlich scheinen sie gegen den Weißen eine Abneigung zu haben, wenn aber, was man sich erzählt, nur zu einem kleinen Bruchteil auf Wahrheit beruht, haben sie auch keinen Grund, ihn und sein Tun zu lieben oder ihm Vertrauen zu schenken. Von den vielbefahrenen Flüssen halten sie sich soweit als möglich zurück. Wie mir unsere Führer erzählten, schicken sie nur zwei oder drei aus dem Dorf nach den abgelegenen Handelsstationen, um ihre Sarsaparille zu verkaufen und die nötigsten Vorräte dafür einzutauschen. Ich erhielt von dem Stamm mehrere Muster von roher Sarsaparille und andern Medizinkräutern, von denen sie eine erstaunliche Kenntnis zu besitzen scheinen. Auf der Jagd und im Krieg tragen sie stets einen kleinen Sack mit Salz bei sich, um vergiftete Wunden damit zu behandeln. Ihrer Ansicht nach ist das Salz ein Hauptmittel gegen fast alle Krankheiten, und tatsächlich scheinen sie viel mehr Kenntnisse zu haben, wozu Salz zu verwenden ist, als die meisten zivilisierten Leute. Sie gewinnen es aus natürlichen Pfannen im Innern der Pampas Sacramento.

Gegen meine Erwartung wurde mir die Abreise eher erleichtert als erschwert. Nachdem ich die merkwürdige Moskitokolonie wieder durchquert hatte und dermaßen zerstochen worden war, daß ich kaum noch aus den verschwollenen Augen zu sehen vermochte, erreichten wir endlich wieder das offene Wasser. Die leichte Brise, die von den weit entfernten, schneebedeckten Anden her wehte und das kühlende Lüftchen auf dem Dampfer, den ich in Mashishea bestieg, waren eine unbeschreibliche Wohltat nach der Hitze und Insektenpest der Pampas Sacramento. Auf der Reise den Ucayali flußaufwärts nach dem Gebiet der Kampasstämme regnete, donnerte und blitzte es beinahe unaufhörlich. Als wir an der Bocca Pachitea ankamen, wo der Fluß seine hauptsächlichen Nebenflüsse aufnimmt, verzogen sich die Wolken gegen die ungeheueren äquatorialen Wälder im Osten zu. Die Sonne strahlte mit tropischer Glut, und der Fluß und die fernen Linien der niedern, dschungelbedeckten Vorberge der Anden waren zum Teil in Dunst und Nebel gehüllt.