Plan zur Erziehung der Erzieher.

Man errichte vor allen Dingen eine Pflanzschule für Erzieher. Man berufe die berühmtesten Erzieher aus allen Weltgegenden zusammen, stelle sie als Lehrer der Erziehungskunst an und gebe jedem tausend bis fünfzehnhundert Thaler Gehalt, damit er gegen Sorgen gedeckt sei; man stelle einen Lehrer der Zergliederungskunst an und sorge dafür, daß es nicht an Leichnamen fehle, an denen er den jungen Erziehern den Bau des menschlichen Leibes zeigen kann; man berufe ferner einen Lehrer der Heilkunde, welcher Vorlesungen über die Kinderkrankheiten hält und die zweckmäßigsten Heilmittel kennen lehrt; man errichte eine Büchersammlung, in welche alle Schriften aufgenommen werden, die von Griechen, Römern, Franzosen, Engländern, Italienern, Deutschen, Dänen, Schweden über die Erziehung sind geschrieben worden, damit der künftige Erzieher eine recht vielseitige Ansicht von seinem Geschäfte bekomme. Man errichte ferner einen Lesesaal, in welchem alle Zeitschriften, die in Deutschland, wo möglich auch in anderen gebildeten Ländern Europas, herauskommen, zu finden sind, damit es die Pflanzschule sogleich erfahre, wenn irgend jemand etwas Neues in der Erziehungskunst erfunden hat. Könnte damit ein Schauspielhaus verbunden werden, in welchem die Erzieher monatlich ein paar Schauspiele aufführten, so wäre es desto besser, so lernten sie Ton, Miene und Anstand des Körpers bilden. Unumgänglich nötig wäre aber die Anlegung eines Gartens, in welchen, so viel als möglich, alle Pflanzen gesetzt würden, die unser Erdball hervorbringt.

Die Ausführung dieses Plans würde freilich große Summen kosten; ist die Erziehung aber nicht das Wichtigste für den Staat? Werden die Unterthanen nicht gern die schwersten Auflagen sich gefallen lassen, wenn sie von dem wohlthätigen Zwecke derselben belehrt werden? wenn Schriftsteller und Prediger sich vereinigen, ihnen die Wichtigkeit der Sache begreiflich zu machen? Wird der Fürst nicht gern seine Schätze öffnen, um solch eine Anstalt zu unterstützen, die für den Staat von so unabsehlich wichtigen Folgen sein kann und muß?

Solch einen Plan zu entwerfen, wäre ich vielleicht vor vierzig Jahren fähig gewesen, da das Blut noch flüchtig durch meine Adern strömte, in meinem Gehirne Entwürfe auf Entwürfe sich erzeugten, ohne daß mich die Bedenklichkeit beunruhigte, ob sie auch in der wirklichen Welt ausführbar wären. Jetzt aber, da das Blut etwas langsamer fließt, fallen nur doch gegen diesen Plan allerlei Bedenklichkeiten ein.

Erstlich glaube ich doch, daß es etwas schwer sein werde, die Summen, die zur Ausführung desselben nötig sind, aufzubringen; zweitens, wenn dies auch wäre, so würde darüber so viel Zeit verfließen, daß unsere jetzt lebende Jugend aufwüchse, ohne sich der wohlthätigen Wirkung desselben zu erfreuen. Dies wäre doch wirklich schade! Drittens gebe ich zwar zu, daß, wenn alles gelänge, der Staat eine Menge vielseitig gebildeter Erzieher erhalten würde, die von der Erziehungskunst recht viel sprechen und schreiben könnten; ob aber ein einziger imstande sein würde, ein Kind wirklich zweckmäßig zu erziehen, daran zweifle ich sehr.[33]

Ich will also diesen Plan, der sich gut lesen, aber schwer ausführen läßt, lieber ganz aufgeben und jedem, der sich der Erziehung widmet, einen etwas einfachern vorlegen, der in den drei Worten begriffen ist: Erziehe dich selbst!

Dieser hat den Vorzug, daß er einfach ist, wenig Geld kostet, gleich nach Lesung dieses Buches von allen, die dafür Sinn haben, ausgeführt werden kann und Erzieher bilden wird, die nicht bloß von der Erziehung sprechen und schreiben, sondern wirklich erziehen können.

Wer nun glaubt, von mir noch etwas lernen zu können, der merke auf die Winke, die ich ihm jetzt zur Selbsterziehung geben werde.

1. Sei gesund!

Ein kranker Mann ist ein armer Mann, alle Geschäfte werden ihm schwer, aber keins schwerer, als die Erziehung. Im krankhaften Zustande ist man sehr reizbar, jeder Mutwille, jede Unbesonnenheit der Jugend erregt Unwillen. Man muß sich also in einer Gesellschaft, welcher Mutwillen und Unbesonnenheit eigen sind, sehr übel befinden, weil man sich alle Augenblicke von derselben für beleidigt hält. Und wie will man sie in einem steten Zustande unangenehmer Empfindungen erziehen können? Alle Ermahnungen werden von Galle triefen oder mit einem zitternden Tone vorgebracht werden. Dieser wird nichts wirken, und jene wird schaden. Die vielen Klagen, die man über die Unfolgsamkeit der Jugend hören muß, rühren gewiß meistens von der Kränklichkeit der Erzieher her, und wie kann man sich zutrauen, gesunde Kinder erziehen zu können, wenn man selbst ungesund ist?

Dies ist ja aber, wird man sagen, eine sonderbare Forderung: Sei gesund! Gesund will freilich ein jeder sein; hängt denn die Gesundheit aber von seinem Willen ab?

Allerdings. Vorausgesetzt, daß keins der Eingeweide verletzt ist und du deinen Körper nicht durch Ausschweifungen sehr geschwächt hast, so kannst du gesund sein, wenn du nur ernstlich willst. Der ernstliche Wille hat auf den Körper einen mächtigen Einfluß. Härte ihn nur nach und nach ab, sei mäßig und enthaltsam, widme den Tag der Arbeit und die Nacht der Ruhe, und wenn du demungeachtet zu kränkeln anfängst, anstatt zur Apotheke deine Zuflucht zu nehmen, suche lieber den Grund deines Übelbefindens zu erfahren. Dies kannst du, wenn du über deine bisherige Lebensweise nachdenkst. Hast du den Grund deines Übelbefindens erst entdeckt, so wird es dir leicht sein, dir durch einfache Mittel zu helfen. Unpäßlichkeiten z. E., die von Überladung des Magens herrühren, werden oft durch Versagung einer Mahlzeit gehoben. Etwas Mehreres hierüber zu sagen, trage ich deswegen Bedenken, weil es das Ansehen gewinnen würde, als wenn ich den Arzt machen wollte, was mir aber noch nie in den Sinn gekommen ist. Es mache sich ein jeder mit seiner Natur bekannt, erforsche, woher seine Krankheit komme und lerne die einfachen Mittel kennen, dieselbe zu heben, so wird er sich eine dauerhafte Gesundheit erwerben können.

Das geht bei mir nicht! höre ich viele sagen. Lieber Freund, versuche es, ich hoffe, es wird gehen. Ich kenne mehrere Personen, die sonst viel mit körperlichen Leiden kämpfen mußten, aber durch Befolgung dieser einfachen Vorschriften zu einer festen Gesundheit gelangt sind. Geht es bei dir aber wirklich nicht, entweder weil dir der Sinn für echte Gesundheitspflege fehlt, oder weil dein Körper fehlerhaft gebaut ist, oder weil durch irgend eine Ursache etwas darin zerstört worden, so befolge meinen Rat, entsage der Erziehung und widme dich einem andern Geschäfte. Sie würde dir äußerst lästig werden, und du würdest, auch bei dem besten Willen, mehr Schaden als Nutzen stiften.

2. Sei immer heiter!

In einer heitern Stunde ist man unter seinen Zöglingen allmächtig. Sie hängen an uns mit ganzer Seele, sie fassen alle unsere Worte auf, sie befolgen alle unsere Winke. Könntest du immer heiter sein, so wäre kein leichter Geschäft als die Erziehung. Es giebt Personen, denen die Heiterkeit angeboren ist, denen alles von der lachenden Seite erscheint; diese bedürfen dieser Ermunterung nicht, vielmehr muß ich sie erinnern, daß zur Erziehung auch Ernst nötig sei, wenn man sein Ansehen behaupten und seinen Erinnerungen die nötige Wirksamkeit verschaffen will.

Allein die Zahl derer, die von der Natur mit Heiterkeit beschenkt wurden, ist sehr klein, die meisten sind mehr für Mißmut empfänglich und befinden sich daher gewöhnlich in einer unzufriedenen Stimmung des Gemüts. Daß bei dieser unangenehmen Stimmung die Erziehung sehr schwer wird und wenig nutzt, weiß jeder und fühlt daher die Verbindlichkeit, nach steter Heiterkeit zu streben. Sich dieselbe zu verschaffen, ist so schwer nicht, als manche vielleicht glauben werden.

Man suche nur erst den Ursprung des Mißmuts auf, so wird es etwas Leichtes sein, ihn wegzuschaffen. Warum, frage ich dich also, lieber Leser, bist du denn immer so mißmutig?

Meine Lage — antwortest du.

Du irrst dich, mein Freund! es ist wahr, daß immer eine Lage geeigneter ist, den Mißmut zu reizen, als die andere; allein der eigentliche Grund des Mißmuts liegt doch immer in dir selbst. Ein Mann voll Kraft und hellen Einsichten muß imstande sein, sich von seinen Umgebungen unabhängig zu machen und seiner Heiterkeit aus sich selbst Nahrung zu geben. Er ist ruhig, wenn es auch um ihn her stürmt und wetterleuchtet, und zufrieden, wenn um ihn herum Unzufriedenheit herrscht. Ein anderer, dem diese Kraft und Einsichten fehlen, ist finster und mißmutig, auch wenn ihn alles anlacht.

Der Grund des Mißmuts liegt oft in einem fehlerhaften Zustande des Körpers. Wer nun gelernt hat, sich gesund zu erhalten, wird auch gegen diese Art des Mißmuts sich schützen können.

Oft, und vielleicht meistenteils, entspringt er aber aus einem fehlerhaften Zustande der Seele, und zwar vorzüglich aus der üblen Gewohnheit, sich von seinen Umgebungen unangenehme Vorstellungen zu machen. Sehet, liebe Freunde! es giebt eine doppelte Welt. Die eine ist außer uns, die andere in uns. Jene Welt ist von unseren Vorstellungen unabhängig, diese besteht in den Vorstellungen, die wir uns von derselben machen. Auf erstere können wir nur wenig wirken, diese aber ist unser Werk, wir sind Schöpfer derselben. Ist also die Welt außer dir nicht so, wie sie deiner Meinung nach sein sollte, so schaffe dir selbst eine Welt, die dich anlacht, die dich zur Heiterkeit stimmt, lerne allen Dingen eine angenehme Ansicht abzugewinnen, dir von ihnen beruhigende, aufheiternde Vorstellungen zu machen, und — deine Heiterkeit ist fest, wenigstens so fest gegründet, als es in dem Larvenstande, in dem wir uns befinden, möglich ist.

Laß uns einmal mit dieser Schöpfung einen Versuch machen und sehen, ob von dem Kreise, in dem du wirkst, nicht eine angenehme, reizende Vorstellung möglich sei.

Du wandelst und wirkst in einem Kreise von Kindern. Wer sind sie?

Werdende Menschen.

Wer gab sie dir?

Gott, der alles giebt.

In welcher Absicht?

Um sie zu leiten, daß sie sich zu vernünftigen, freien, thätigen, glückseligen Wesen bilden, und dir dadurch Gelegenheit zu schaffen, dich selbst zu veredeln.

Aber ihre Untugenden?

Sind Reizungen zum Nachdenken über den Ursprung derselben und die besten Mittel, sie wegzuschaffen.

Und die Schwierigkeiten, die man dir in den Weg legt?

Sollen dich reizen, deine Kräfte anzustrengen, um sie zu überwinden.

Der Undank, mit dem du belohnt wirst?

Schafft dir Gelegenheit, dich zu üben, rein sittlich zu handeln.

Sind solche Ansichten nicht ungemein aufheiternd? Begreifst du nicht die Möglichkeit, wie ein Mann, der sich eine Fertigkeit erworben hat, seinen Umgebungen solche Ansichten abzugewinnen, sich die Heiterkeit eigen machen kann?

Aber solche Ansichten bekommen zu können, muß man freilich einen höhern Standpunkt zu erreichen suchen, auf dem man, über das Sichtbare wegsehend, seinen Blick auf das Unsichtbare richten kann. Hier verschwindet alle Unordnung, Verwirrung und alles Übel, und öffnet sich ein Feld, wo lauter Harmonie und erhabne Zwecke sichtbar sind.

Denen, die Neigung haben, diesen höhern Standpunkt zu erklimmen, habe ich dazu die Hand geboten in dem bekannten Buche — Der Himmel auf Erden.[34]

Ich zweifle nicht, daß junge Erzieher, welche die in diesem Buche gegebenen Vorstellungen sich eigen machen, sich bei ihrem Geschäfte zur Heiterkeit zu stimmen, erlernen werden.

3. Lerne mit Kindern sprechen und umgehen.

Jede Klasse von Menschen hat ihre eigene Sprache und Gewohnheiten, mit welchen man viele Bekanntschaft haben muß, wenn man sich bei ihr wohlbefinden und gefallen will. Daher ist der Stubengelehrte ängstlich und macht sich lächerlich, wenn er in den Kreis der höhern Stände eintritt, und weiß nicht, wie er sich benehmen soll, wenn er in eine Gesellschaft von Ackerleuten kommt.

Ein ähnliches Schicksal haben junge Männer, die nur mit Büchern und erwachsenen Personen umgingen, wenn Kinder ihnen anvertraut werden. Sie wissen nicht, wie sie sich benehmen sollen, sie sind immer in Verlegenheit und — gefallen den Kindern nicht, denen ihre Gesellschaft lästig ist. Woher kommt dies? Die Sprache und die Gewohnheiten der Kinder sind ihnen fremd.

Macht euch also mit denselben bekannt! Statt viel über die Erziehung zu lesen und pädagogische Vorlesungen zu hören, sucht lieber Kinder auf, in deren Gesellschaft ihr täglich ein paar Stunden verlebt. Kinder giebt es ja allenthalben, wo Menschen wohnen, ihr werdet sie gewiß auch antreffen auf dem Platze, wo ihr euch befindet. Vielleicht habt ihr einen Hauswirt, einen Nachbar, einen Freund oder Verwandten, der mit Kindern gesegnet ist, und dem es lieb sein wird, wenn ihr sie bisweilen unterhalten wollt.

Zum Stoffe der Unterhaltung schlage ich zuerst vor die Erzählung.

Die Erzählung hat für alle Kinder Reiz, und sobald eine Person, die gut erzählen kann, ihren Mund öffnet, so sammeln sich die Kinder um sie, wie die Küchlein, wenn die Mutter lockt. Und dieses Herzudrängen, diese sichtbare Begierde nach Erzählung macht denn auch dem Erzähler sein Geschäft leicht und angenehm.

In unseren Tagen, wo so viele Bücher für Kinder geschrieben sind, kann es an Stoff zur Erzählung nicht fehlen. Das beste, das ich kenne, ist der Campesche Robinson.[35]

Wenn du nun zu erzählen anfängst, so bemerke wohl, wie sich deine kleinen Zuhörer dabei benehmen. Sind ihre Augen und Ohren auf dich gerichtet, bitten sie dich, wenn du schließen willst, daß du weiter erzählen sollst, so ist es ein Zeichen, daß sie in deiner Erzählung Unterhaltung finden; werden sie aber schläfrig oder fangen an zu spielen und sich untereinander zu necken, so muß es irgendwo fehlen. Du wirst vielleicht meinen, es fehle am guten Willen der Kinder. Ich glaube aber, daß du dich irrst, da die Kinder, so weit ich sie kenne, alle an Erzählungen Vergnügen finden. Der Fehler liegt vielmehr sicherlich entweder an dem Inhalte der Geschichte, die du vorträgst — oder an dir selbst.

Vielleicht enthält deine Geschichte nichts für Kinder Anziehendes. Versuche es daher mit einer andern; fesselt diese ihre Aufmerksamkeit mehr, so hättest du vorher in der Auswahl der Erzählung gefehlt. Nur hüte dich, deine Kleinen mit Feen- und Zaubergeschichten zu unterhalten. Diese hören sie freilich so gern, als sie Pfefferkuchen essen, sie sind aber ihrem Geiste so nachteilig, als der Pfefferkuchen ihrem Magen.

Solltest du aber finden, daß die Kinder bei allen deinen Erzählungen zerstreut und teilnahmslos bleiben, so liegt der Fehler sicher in dem Tone deines Vortrags, und du hast dann umsomehr Ursache, daran zu bessern, da die Absicht deiner Erzählung doch vorzüglich ist, mit Kindern sprechen zu lernen.

Hier sind einige Winke, wie du deinen Erzählungston verbessern kannst.

Der Mann spricht wie ein Buch, pflegt man zu sagen, wenn man jemandem wegen seiner Unterhaltungsgabe einen Lobspruch beilegen will. Wenn du aber dich mit deinen Kindern unterhältst, so rate ich dir, sprich nicht wie ein Buch, sondern wie ein Mensch im Umgange mit Menschen zu sprechen pflegt, sprich die Sprache des gemeinen Lebens. Wenn man ein Buch schreibt, so wählt man jedes Wort und jede Redensart und vermeidet viele Ausdrücke des gemeinen Lebens als unedel. Vermeide du bei deinen Erzählungen keinen Ausdruck als unedel, dessen du dich im täglichen Umgange nicht zu schämen pflegst; dadurch bekommt deine Erzählung Leben und wird für Kinder anziehend.

Vermeide ferner, so viel du kannst, allgemeine Ausdrücke, weil diese Kindern weniger faßlich sind und nenne lieber die Sachen einzeln, die dadurch bezeichnet werden. Du kannst z. E. sagen: Die Mutter, als sie von ihrer Reise zurückkam, brachte ihren Kindern Früchte und Spielwerk mit; du kannst diesen Satz aber auch so ausdrücken: Da die Mutter von ihrer Reise zurückkam, brachte sie Fränzchen und Wilhelminchen allerlei artige Sachen mit, Äpfel, Birnen, Haselnüsse, eine Schachtel voll kleiner Teller, Leuchter, Schüsseln, Löffel, Bilder u. dgl.; die letzte Darstellung hat für die Kinder sicher mehr Reiz als die erste.

Sei ferner in deiner Erzählung etwas umständlich und vergiß nicht, in dieselbe allerlei Nebenumstände einzuweben, die die Handlung begleiteten. So kannst du der obigen Erzählung durch Einflechtung folgender Nebenumstände mehr Leben geben.

„Ach, wenn doch die Mutter nur einmal wiederkäme!“ sagte Fränzchen zu Wilhelminchen. Kaum hatte sie es gesagt, so rasselte etwas unter dem Fenster. Fränzchen sah hinaus, erblickte die Mutter in einem Reisewagen, sprang mit Wilhelminchen hinaus — da stieg die Mutter heraus, umarmte ihre Kinder, ließ den Koffer vom Wagen nehmen und in die Stube tragen. Die Kinder folgten ihr und waren begierig zu sehen, was in dem Koffer wäre. Jetzt wurde er geöffnet und ausgepackt. Auch eine Schachtel wurde ausgepackt und den Kindern hingesetzt. Neugierig öffneten sie dieselbe und fanden darin allerlei artige Sachen, die ihnen Freude machten: Äpfel, Birnen u. s. w.

Führe ferner die Personen immer redend ein und laß sie in dem Tone sprechen, wie sie wirklich würden gesprochen haben.

Z. E. Fränzchen erblickte ihre Mutter. — Wilhelmine! rief sie, die Mutter ist da. —

Die Mutter? sagte Wilhelmine — und beide sprangen die Treppe hinab — Mutter! gute liebe Mutter! sagten sie und fielen ihr um den Hals.

Gute Kinder! sprach diese, indem sie dieselben an ihre Brust drückte, wie sehr habe ich mich nach euch gesehnt. Ihr seid doch noch gesund?

W. Recht gesund! Hast du uns etwas mitgebracht?

M. Wollen sehen! Hans, trage diesen Koffer in meine Stube.

W. Was wird in dem Koffer sein? u. s. w.

Es versteht sich von selbst, daß du immer in dem Tone sprechen mußt, in welchem die Person, die du redend einführst, würde gesprochen haben, und dir daher Mühe geben, deine Stimme in deine Gewalt zu bekommen. Wilhelmine, die Mutter ist da! muß ganz anders ausgesprochen werden, als das: Gute Kinder! Wie sehr habe ich mich nach euch gesehnt!

Durch diese beständige Abwechselung des Tons bekommt nicht nur deine Erzählung Leben, sondern deine Stimme bekommt auch die gehörige Geschmeidigkeit, die dir unentbehrlich ist, wenn du mit Nachdruck und Herzlichkeit zu deinen Pflegebefohlenen sprechen willst.

Endlich suche auch in deine Erzählung Handlung zu bringen. Dies geschieht alsdann, wenn du durch deine Mienen und die Bewegung deiner Glieder die Handlungen, welche du erzählst, auszudrücken suchst.

Z. E. das: Wilhelmine, die Mutter ist da! muß mit einer Miene ausgesprochen werden, die den höchsten Grad der Freude ausdrückt. Dabei darfst du nicht in ruhiger Stellung bleiben, sondern mußt eine solche annehmen, in welche ein Kind durch die Freude über die unvermutete Zurückkunft der geliebten Mutter versetzt zu werden pflegt.

Zum Stoffe der Unterhaltung mit Kindern schlage ich ferner vor: Erklärung solcher Bilder, die für Kinder etwas Anziehendes haben.

Freilich haben alle Bilder für Kinder etwas Anziehendes, aber doch immer eins mehr als das andere. Abbildung der lebendigen mehr als Vorstellung der leblosen Natur, Tiere mehr als Menschen, handelnde Wesen mehr als solche, die sich in einer ruhigen Stellung befinden. Die Abbildung eines Hahnenkampfes hat für Kinder sicher mehr Anziehendes, als die Vorstellung aller hühnerartigen Vögel. Diese werden Kinder zwar auch einige Zeit mit Vergnügen betrachten, aber sich daran bald satt sehen. Bei Betrachtung des Hahnenkampfes werden sie hingegen länger verweilen und sie öfters mit Vergnügen wiederholen.

Bei Verfertigung der Kupfer zu Konrad Kiefers ABC- und Lesebüchlein, wie auch zum ersten Unterrichte in der Sittenlehre, ist auf diese Bemerkungen Rücksicht genommen worden.

Alles, was von der Erzählung ist gesagt worden, gilt auch von der Erklärung der Bilder; du mußt, wenn sie Kinder an dich ziehen sollen, bei derselben die nämlichen Winke befolgen, die ich dir in Ansehung jener gegeben habe.

Über beides könnte ich dir noch vieles sagen; wenn du aber Drang fühlst, durch Erzählung und Bildererklärung deine Kleinen an dich zu ziehen, so wirst du von selbst alles besser lernen, als ich es dir sagen kann.

4. Lerne mit Kindern dich beschäftigen.

Bei den jetzt beschriebenen Unterhaltungen bist du die handelnde Person, und die Kinder sind bloß Zuhörer und Zuschauer. Dieses Verhältnis, so angenehm es ihnen anfänglich ist, würde sie doch ermüden, wenn es zu lange dauern sollte, da ihr Trieb zur Selbstthätigkeit dabei keine Befriedigung findet. Du mußt daher auch Unterhaltungen suchen, an denen sie thätigen Anteil nehmen können. Zu diesen rechne ich zuerst das Spiel, nämlich ein solches, das einen nützlichen Zweck hat, entweder dem Leibe eine freie Bewegung und Behendigkeit zu verschaffen, oder die geistigen Kräfte zu üben.

Diese Spiele kannst du zum Teil von den Kindern selbst lernen, wenn du sie von deinen Pflegebefohlenen angeben läßt und bisweilen die Spielplätze anderer Kinder besuchst, teils kannst du Anleitung zu denselben finden in Guts-Muths Spielen für Kinder.[36]

Bei der Wahl derselben hast du auf zweierlei Rücksicht zu nehmen: daß sie einen wirklich nützlichen Zweck haben, und daß sie deinen Kleinen Vergnügen machen.

O ihr alle, die ihr euch der Erziehung weihet, lernet, ich bitte euch, lernet mit Kindern spielen! Ihr werdet durch diese Übung drei wichtige Zwecke erreichen: die Kinder an euch ziehen und ihre Liebe und ihr Zutrauen erwerben, die Gabe, mit ihnen zu sprechen und sie zu behandeln, euch mehr eigen machen — und Gelegenheit finden, in das Innerste eurer Kleinen zu sehen, da sie bei dem Spiele weit offner und freier handeln, als in andern Lagen, und sich mit allen ihren Fehlern, Schwachheiten, Einfällen, Anlagen, Neigungen zeigen, wie sie wirklich sind.

Wer mit Kindern nicht spielen kann, wer in dem Wahne steht, daß diese Art der Unterhaltung mit Kindern unter seiner Würde sei, sollte eigentlich nicht Erzieher werden.

Da wir doch aber nicht bloß zum Spielen bestimmt sind, und die Kinder desselben bald überdrüssig würden, wenn sie sonst gar keine Beschäftigung hätten, so wirst du bald das Bedürfnis anderer, etwas ernstlicherer Beschäftigungen fühlen. Worin diese bestehen sollen, ist vorhin gezeigt worden.

Jetzt fragt es sich nur, wie du dir die Geschicklichkeit dazu erwerben kannst. Daher rate ich dir:

5. Bemühe dich, dir deutliche Kenntnisse der Erzeugnisse der Natur zu erwerben.

Unter deutliche Kenntnis verstehe ich Kenntnis der Merkmale, wodurch man die verschiedenen Klassen und Gattungen der Naturerzeugnisse voneinander unterscheiden kann.

Dazu fehlt es mir, antwortest du vielleicht, an Gelegenheit. Wirklich? Du lebst ja in der Natur und bist mit Erzeugnissen derselben umgeben, die um dich her wachsen und leben.

Gewöhne dich nur, eines derselben nach dem andern genau zu betrachten und die Merkmale aufzusuchen, wodurch sie sich von andern, ihnen ähnlichen, unterscheiden. Dadurch wirst du deinem Unterscheidungsvermögen schon einige Fertigkeit erwerben. Aber die Worte werden dir fehlen, womit du jedes Naturerzeugnis und seine Merkmale benennen sollst.

Daher mußt du nun einen Freund aufsuchen, der mit der Natur sich bekannt gemacht hat, und der dir einige Anleitung giebt, die Merkmale der Naturerzeugnisse, z. E. in der Pflanzenkunde die verschiedenen Teile der Blumen, aufzusuchen, und dir die Kunstausdrücke, mit welchen sie pflegen benannt zu werden, bekannt macht. In unsern Tagen, wo die Naturkenntnis immer weiter sich verbreitet, sind solche Freunde so selten nicht, als vor zwanzig Jahren. Solltest du auch einige Stunden weit gehen müssen, um diesen Freund zu finden, so ist es doch der Mühe wert, bisweilen einen Weg zu ihm zu machen.

Ferner mußt du dir einige Bücher zu verschaffen suchen, die dir Anleitung geben, die Natur kennen zu lernen.

Auch hieran ist jetzt ein Überfluß. Unter der Menge derselben nenne ich nur in der Pflanzenkunde: Dietrichs Anleitung zur Kenntnis der Pflanzen; Deutschlands Flora von Hofmann und Röhling; in der Tierkunde: Leskens Naturgeschichte, und in beiden: Bechsteins gemeinnützige Naturgeschichte des In- und Auslandes.[37]

Findest du nun ein Naturerzeugnis, von dessen Natur und Namen du dir Kenntnis zu erwerben wünschest, z. B. eine Pflanze, so siehe zuerst auf die Merkmale der Klasse, dann der Gattung, ferner der Ordnung, wobei du dich vorzüglich an die Merkmale halten mußt, die am meisten in die Augen springen, dann schlage dein Buch nach und suche die Klasse und Gattung auf, zu welcher deine Pflanze gehört, so wird es dir nicht schwer sein, auch die Ordnung zu finden, zu welcher sie gerechnet, und den Namen, mit welchem sie benannt wird. Frage dann bisweilen deinen Freund, ob du dich nicht geirrt habest, du wirst dich dann freuen, wenn du wirklich gefunden hast, was du suchtest, und selbst dein erkannter Irrtum wird dir lehrreich sein und dich vor ähnlichen Verirrungen bewahren.

Ich gebe dir diesen Rat um desto zuversichtlicher, da ich aus Erfahrung weiß, daß verschiedene junge Männer während eines kurzen Aufenthalts in meiner Anstalt sich auf diesem Wege nicht gemeine Kenntnisse der Natur, vorzüglich der Pflanzen, erworben haben.

Da ich vorhin hinlänglich glaube bewiesen zu haben, daß die Betrachtung der Natur zur Unterhaltung der Kinder, zur Weckung und Übung ihrer Geisteskräfte höchst nötig sei, so ergiebt sich hieraus von selbst, daß du mit der Natur dich bekannt machen mußt, wenn du mit Vergnügen und mit Nutzen erziehen willst.

Diese Bekanntschaft wird dir große und mannigfaltige Vorteile gewähren. Für dich wird sie eine ergiebige Quelle des Vergnügens sein, weil du nun nicht mehr durch die Welt als ein Fremdling wandelst, dem alle seine Umgebungen unbekannt sind, sondern als ein Einheimischer, der auf den Bergen und in Thälern, im Wasser und in dem Innern der Erde, Bekannte antrifft, mit denen er sich unterhalten kann. Noch wichtiger wird sie dir im Umgange mit deinen Kleinen sein, da sie dir den mannigfaltigsten Stoff zur Unterhaltung und zum Unterrichte darbietet, dich deinen Kleinen wichtig und unentbehrlich macht und dir Gelegenheit giebt, besonders im Sommer, manche Stunde bei deinen Kleinen auf eine höchst nützliche und angenehme Art mit dem Sammeln und Trocknen der Pflanzen auszufüllen.

6. Lerne die Erzeugnisse des menschlichen Fleißes kennen.

Da diese einen sehr mannigfaltigen Stoff zur lehrreichen Unterhaltung mit Kindern geben, wie ich vorhin zeigte, so ist die Kenntnis derselben unentbehrlich. Bei der sonst gewöhnlichen Erziehung blieb uns dieselbe fast ganz fremd; von den meisten Dingen, die uns umgeben, hatten wir keine deutlichen Vorstellungen, und die Namen der verschiedenen Teile derselben waren uns unbekannt. Suchen wir uns diese Kenntnis nicht zu verschaffen, so können wir sie auch unsern Pflegesöhnen nicht mitteilen; sie werden sich daher gewöhnen, ihre Umgebungen nur oberflächlich ansehen, und sich mit einer dunkeln Erkenntnis derselben begnügen.

Also, Freund! der du dich der Erziehung widmest, bemühe dich, mit den mancherlei Erzeugnissen des menschlichen Fleißes bekannt zu werden, und lerne vorzüglich ihre Materie, ihre Teile, ihre Form, ihren Zweck kennen und richtig benennen. Die Gelegenheit dazu wirst du finden, wenn du sie suchest. Die Person, die die Sache verfertigt hat und die sie gebraucht, wird dir über alles, was du zu wissen verlangst, Aufschluß geben können.

Triffst du z. E. einen Ackersmann an, der deinen Gruß freundlich erwiedert, so laß dich mit ihm in ein Gespräch ein über sein Geschäft und über das Werkzeug, dessen er sich bedient, um Furchen zu ziehen und den Acker zur Hervorbringung des Getreides, das dich nährt, zuzubereiten. Laß dir von ihm die verschiedenen Teile des Pflugs benennen und die Absicht anzeigen, in welcher sie an demselben angebracht sind. Er wird mit Vergnügen deine Fragen beantworten, und du wirst da mancherlei kennen lernen, das dir zuvor unbekannt war, und dich freuen, es gelernt zu haben.

So besuche die Werkstatt des Schreiners, des Drechslers, des Schmieds u. s. w., unterhalte dich mit ihnen über die Materien, die sie bearbeiten, über die Form, die sie ihnen geben, die Werkzeuge, deren sie sich bedienen, um zu ihren Zwecken zu kommen; besuche ferner die Plätze, wo Maschinen aufgestellt sind, die durch den Druck einer mäßigen Kraft große Wirkungen hervorbringen, z. E. ein Mühlwerk, und laß dir die verschiedenen Teile, ihre Benennungen und Absichten, bekannt machen u. s. w.

Du wirst bei solchen Unterredungen mit der produzierenden Menschenklasse oft mehr an nützlichen Kenntnissen und Fertigkeiten erwerben, als in dem Hörsaale manches Philosophen. Du wirst mit dieser zahlreichen, so wichtigen, der menschlichen Gesellschaft unentbehrlichen Menschenklasse umgehen und sprechen lernen, eine Gabe, die nicht immer dem Stubengelehrten eigen ist; du wirst einen Schatz von Kenntnissen dir erwerben, die du in der Folge im Kreise deiner Pflegesöhne benutzen kannst; die gewöhnlichsten Dinge werden dir Stoff zur Unterhaltung mit ihnen darbieten; du wirst dich endlich gewöhnen, die Dinge nicht oberflächlich, sondern genau anzusehen, und diese Gewohnheit deinen Zöglingen mitteilen.

7. Lerne deine Hände brauchen.

Wer den Zucker in der Kaffeeschale mit dem Löffelchen herumrührt, gebraucht seine Hände zwar auch; aber daß man einen solchen Gebrauch nicht verstehe, wenn man den andern ermuntert, seine Hände brauchen zu lernen, ergiebt sich von selbst.

Seine Hände brauchen lernen heißt vielmehr, durch mancherlei Übungen alle Muskeln derselben in seine Gewalt zu bekommen suchen, um damit mancherlei verrichten und verfertigen zu können.

Und da hier von der Bildung zum Erzieher die Rede ist, so mußt du vorzüglich solche Geschäfte verrichten und solche Sachen verfertigen lernen, die dir bei der Erziehung nützlich sein können.

Personen, von denen du in dieser Hinsicht etwas lernen kannst, findest du allenthalben, und sie werden meistenteils geneigt sein, dir die Handgriffe, die sie bei ihren Arbeiten anwenden, bekannt zu machen.

Triffst du z. E. eine Person an, die die Geschicklichkeit besitzt, durch Biegung des Papiers mancherlei Figuren zu verfertigen, so halte dies nicht für zu gering, suche es zu erlernen. Es wird dir in der Folge bei den Kindern, die dir anvertraut werden, vorzüglich bei solchen, deren Hände noch zu schwach sind, um Werkzeuge gebrauchen zu können, mannigfaltige Vorteile gewähren.

So nimm auch Unterricht im Netzstricken, wenn du hierzu Gelegenheit findest, weil du auch hiermit deine Kleinen auf eine angenehme und nützliche Art wirst beschäftigen können.

Suche auch einen Gärtner auf, bei dem du bisweilen in die Lehre gehen kannst. Lerne den Spaten und Rechen gebrauchen, ein Gartenbeet anlegen und mache dir die Vorteile bekannt, die bei Aussäung, Pflanzung und Abwartung der gewöhnlichen Gartengewächse zu beobachten sind. Wenn dann bei deinen Pflegebefohlenen die Neigung zum Gartenbau erwacht, so wirst du derselben nicht entgegenarbeiten, du wirst sie zu nähren und zu befriedigen suchen, der Gehilfe und Ratgeber der kleinen Gärtner und so für sie eine sehr wichtige Person sein.

Vorzüglich suche Gelegenheit, wo du lernen kannst, Holz und Pappe zu bearbeiten. Diese Arbeiten empfehle ich dir vorzüglich, weil sie so reinlich sind und nicht so, wie viele andere, Veranlassung geben, die Hände, Kleidung und das Zimmer zu beschmutzen, und — weil du dabei mancherlei Werkzeuge, das Schnitzmesser, den Hobel, den Meißel, den Bohrer, den Hammer, den Schraubstock u. s. w. brauchen lernst.

Weißt du mit solchen Werkzeugen umzugehen, dann ist deine Kraft und Wirksamkeit um ein merkliches vergrößert, und du bist in den Stand gesetzt, sie auf deine Kleinen überzutragen, und sie zu der so wichtigen, nützlichen und angenehmen Selbstverfertigung anzuführen.

Woher will ich, fragst du, die Zeit hernehmen, um dies alles erlernen zu können?

Dadurch veranlassest du mich, dir den achten Wink zu gehen.

8. Gewöhne dich mit deiner Zeit sparsam umzugehen.

Zeit ist Geld, sagte, wenn ich nicht irre, Franklin, vermutlich um Leuten, in deren Augen nichts so großen Wert hat, als Geld, den gewissen Wert der Zeit begreiflich zu machen. Ich sage aber, Zeit ist mehr als Geld, da man durch gute Verwendung der Zeit viel Geld erwerben, aber durch keine Geldsummen sich Zeit erkaufen kann. Die Zahl der Familien ist nicht klein, welche über Geldmangel klagen. Sie besuchen die Schauspiele und Konzerte, bewirten oft ihre Bekannten an Tafeln, die mit den mannigfaltigsten und teuersten Speisen beseht sind, ahmen in Verzierung ihrer Zimmer den Personen vom ersten Range nach, richten sich in ihrer Bekleidung nach den Gesetzen der Mode und klagen dann, daß ihre Einnahme nicht zureichen wolle.

Wie diesen Familien könne geholfen, wie sie in eine Lage könnten versetzt werden, wodurch der Geldmangel mit einem Male aufgehoben würde, sieht ein jeder, nur sie selbst nicht.

Freund! der du fragst, wo soll ich Zeit hernehmen, dies alles zu erlernen? In dem Bilde solcher Familien bist du selbst gezeichnet. Die schönsten Stunden des Tages, die Morgenstunden, bringst du vielleicht im Bette zu. Dann setzest du dich an den Tisch und liesest die Zeitungen, Zeitschriften und andere Schriften, die dir von der Lesegesellschaft, deren Mitglied du bist, sind zugeschickt worden; nachmittags besuchst du Gesellschaften, abends sitzest du bei dem Spieltische. Wenn ich dir nun rate, die Natur kennen und die Hände brauchen zu lernen, so fragst du mich, woher soll ich die Zeit nehmen, dies alles zu erlernen?

Denke doch nur darüber nach, wie du deine Zeit am zweckmäßigsten anwenden willst, und thue das, was dir deine Vernunft dann raten wird, so wirst du Zeit genug haben, nicht nur dieses, wozu ich dir rate, sondern noch weit mehr zu erlernen.

Stehe früh auf, so hast du gleich ein paar Stunden gewonnen, in welchen du viel lernen kannst.

Da bei der Annäherung des Morgens die ganze Natur, die Nachtvögel ausgenommen, erwacht, so ist es unschicklich, daß der Mensch, der in gewissen Rücksichten Herr der Natur ist, dann im Schlafe liege. Die Abweichung von dieser Ordnung der Natur hat gewiß sehr mannigfaltige traurige Folgen, vorzüglich für den Erzieher. Deine Zöglinge müssen doch, wenn sie anders gesund bleiben und vor Entkräftung bewahrt werden sollen, früh aufstehen. Wirst du sie dazu gewöhnen können, wenn du dich selbst von der Sonne in deinem nächtlichen Lager bescheinen läßt?

Denken und beobachten muß immer dein Hauptgeschäft sein; dadurch wird deine Geisteskraft geübt, und du sammelst einen Schatz selbsterworbener Kenntnisse, von deren Wahrheit du überzeugt bist und die du bei deinen Arbeiten anwenden kannst. Lesen mußt du auch, um dir mehr Stoff zum Denken zu verschaffen. Geschieht dies mit Mäßigung, mit Auswahl vorzüglich in Hinsicht auf das Fach, dem du dich gewidmet hast, so verschaffst du deinem Geiste eine gesunde, stärkende Nahrung.

Liesest du aber, so wie es jetzt gewöhnlich ist, unmäßig, so kommst du mir vor wie ein Mensch, der den ganzen Tag ißt. Sein stets beladener Magen macht ihn zum Denken unfähig, und seine Säfte werden durch die heterogenen Nahrungsmittel, die in dieselben übergehen, verderbt. Das beständige Lesen füllt den größten Teil des Tages aus und raubt dir die Zeit, die du zum Denken und Handeln anwenden solltest. Du fassest eine Menge Begriffe, wahre, halbwahre und falsche durcheinander, auf, die dich verwirren und zu keiner Selbständigkeit kommen lassen. Heute urteilst du so, die nächste Woche behauptest du das Gegenteil, je nachdem das Buch urteilt, das du zuletzt durchgelesen hast.

So nachteilig würde dir das unmäßige Lesen sein, wenn du auch keine bestimmten Geschäfte hättest. Weit größerer Nachteil entspringt aber hieraus, wenn du gewisse bestimmte Geschäfte, wie z. E. die Erziehung, übernimmst.

Jetzt trittst du unter deine Kleinen, aber nur mit dem Körper, dein Geist ist abwesend und wandelt noch in dem Ideenkreise, in welchen ihn die Zeitschrift versetzte, die du eben jetzt aus der Hand gelegt hast. Daher hörst du nicht recht und siehst verkehrt, und deinen Reden fehlt der nötige Nachdruck. Du übernimmst die Aufsicht über sie mit der Zeitschrift in der Hand, verlangst nun von ihnen eine ihnen unnatürliche Stille, damit du im Lesen nicht gestört werdest; bei jedem Geräusche, bei jeder Frage, die an dich geschieht, wirst du unwillig und läßt dich wohl zu einem auffahrenden Tone verleiten. Ihre Handlungen zu beobachten, bist du unfähig, und deine Gegenwart wirkt nicht viel mehr als eine Vogelscheuche, die in den Weizen gestellt ist, um die Sperlinge abzuhalten. Eine Zeitlang fürchten sie dieselbe, nach und nach gewöhnen sie sich daran und setzen sich am Ende gar darauf.

Willst du also, Freund! ein wirklich guter Erzieher werden, so befolge meinen Rat und mäßige dich im Lesen. Bedenke, daß das Lesen immer nur Mittel zur Erreichung höherer Zwecke sein muß, und daß du eine Thorheit begehst, wenn du das Mittel zum Zwecke machst. Du wirst dann viel Zeit ersparen, die du nun zur Erwerbung solcher Kenntnisse und Fertigkeiten anwenden kannst, die dir bei dem Erziehungsgeschäfte unumgänglich nötig sind. Denke an Pestalozzi! Würde er wohl der mächtigwirkende Mann geworden sein, der er ist, wenn er die Zeit, die er auf das Denken und Beobachten verwendete, mit Lesen zugebracht hätte?[38]

Du wirst ferner eine große Zeitersparnis machen, wenn du dich nicht zu sehr an die Gesellschaftlichkeit gewöhnst.

Daß die Gesellschaftlichkeit ihre großen Vorteile habe, und der mäßige Genuß derselben Bedürfnis sei, wer wird dies leugnen?

Aber mehrere halbe Tage die Woche hindurch in Gesellschaften zu verleben, ist Zeitverschwendung, ist wahrer Müßiggang, der, so wie jeder Müßiggang, viel Böses lehrt, und dem Erzieher die Zeit raubt, die er auf Vorbereitung und Abwartung seines Geschäfts verwenden sollte. Wirst du nur die Hälfte der Zeit, die du bisher verplaudertest, in der Natur oder in der Werkstatt zubringen, so wirst du bald ein anderer Mann werden.

Noch eins! Du bist doch wohl kein Spieler? Du hast doch wohl nicht die Gewohnheit angenommen, halbe Tage oder Abende hinter der Spielkarte zuzubringen? Wäre dieses, so mußt du von neuem geboren werden, es muß eine gänzliche Änderung mit dir vorgehen, wenn du zum Erzieher tüchtig sein willst. Hast du denn noch gar nicht über den Wert der Zeit nachgedacht; noch gar nicht überlegt, wie viel ein vernünftiger Mensch in einer Stunde denken, lernen und wirken kann? Wie kannst du denn mit deinen Lebensstunden so verschwenderisch umgehen? Wie willst du denn erziehen können, wenn die Spielsucht dich beherrscht? Wirst du, wenn die Spielstunde schlägt und dich zum Spieltische ruft, dich nicht von deinen Pflichten losmachen? Wirst du deinen Pflegebefohlenen wohl Selbstbeherrschung predigen können, wenn du selbst Sklave der Spielsucht bist? Wird dein Exempel nicht auf deine Kleinen Einfluß haben und ihnen Neigung zum Kartenspiele beibringen?

Also, Freund! der du mit dieser Sucht behaftet bist, wähle! Entsage dem Kartenspiele oder der Erziehung, weil beide sich so wenig miteinander vertragen, wie die Arbeiten in einem Hammerwerke mit dem Spielen auf der Harmonika.

So glaube ich dir denn die Frage: Wo soll ich denn die Zeit hernehmen, dies alles zu erlernen? hinlänglich beantwortet zu haben. Entsage nur allen den Gewohnheiten, die Zeit zu verschwenden, die du bisher angenommen hattest, so wirst du überflüssige Zeit haben, das alles zu erlernen, was das Erziehungsgeschäft erleichtern und begünstigen kann.

9. Suche mit einer Familie oder einer Erziehungsgesellschaft in Verbindung zu kommen, deren Kinder oder Pflegesöhne sich durch einen hohen Grad von Gesundheit auszeichnen.

Warum? Das wirst du leicht erraten. Wenn du Erzieher werden willst, so mußt du auch lernen, deine Pflegebefohlenen gesund zu erhalten. Dazu könntest du dir zwar auch die nötigen Kenntnisse in den Schulen der Ärzte und aus den Büchern, die sie schreiben, erwerben; ich glaube aber, du erwirbst sie dir leichter und sicherer im Umgange mit Personen, die es bewiesen haben, daß sie zur Erhaltung der Gesundheit der Kinder die nötige Einsicht und Geschicklichkeit besitzen. Siehe! der Baumgärtner hat mehrere tausend junge Bäume unter seiner Aufsicht, die bei seiner Pflege wachsen und gedeihen, ohne daß er eine genaue Kenntnis ihrer innern Teile besitzt, ohne Physiologie der Pflanzen studiert zu haben. Er lernte die Behandlungsart derselben von dem Exempel seines Vaters oder Lehrmeisters.

Auf ähnliche Art wirst du auch lernen können, die Gesundheit der Kinder zu erhalten. In dem Umgange mit den Personen, mit denen ich dir rate, in Verbindung zu kommen, wirst du sehen, wie sie die Kinder behandeln, um ihrem Körper Kraft und Festigkeit zu verschaffen, und was sie mit ihnen thun, wenn sie sich übel befinden.

Im letztern Falle mußt du dreierlei verstehen: zu erfahren, wo es den Kindern fehle, was ihr Übelbefinden veranlaßt habe, und das einfache Mittel, wodurch die Unordnung im Körper gehoben werden könne.

Alles dies wird weit sicherer durch den Umgang mit solchen Personen, unter deren Aufsicht die Kinder gedeihen, als durch ärztliche Vorlesungen und Bücher erlernt, weil man bei dem erstern die Sachen durch die Anschauung und bei diesen durch die Beschreibung wahrnimmt, bei deren Anwendung man sich so leicht irren kann.

10. Suche dir eine Fertigkeit zu erwerben, die Kinder zur innigen Überzeugung von ihren Pflichten zu bringen.

Wie nötig dies sei, habe ich vorhin gezeigt. Sobald die Überzeugung da ist, entsteht auch der Entschluß zur Pflichterfüllung. Das Kind thut nun seine Pflichten, nicht weil sie von anderen geboten, nicht wegen der Belohnungen und Strafen, die mit der Erfüllung und Vernachlässigung derselben verknüpft sind, sondern weil es überzeugt ist, daß es notwendig so sein muß.

Deswegen denke selbst oft über deine Pflichten nach und suche dich von der Verbindlichkeit, sie zu erfüllen, zu überzeugen. So lange dir diese Überzeugung fehlt, so lange du nur durch die Umstände dich zur Pflichterfüllung bestimmen läßt, so lange wird es dir auch schwer sein, sie mitzuteilen, und deine Ermahnungen werden so kalt und Unwirksam sein, als die Predigten eines Jakobiners von den Pflichten der Unterthanen gegen die Obrigkeit. Bist du aber dazu gelangt, so wirst du auch Drang empfinden, sie auf deine Kleinen zu übertragen, der dich beredt machen und deinem Vortrage die nötige Wärme und Wirksamkeit verschaffen wird. Was von Herzen kommt, geht wieder zu Herzen.

Ist z. E. die Überzeugung von der Pflicht der Selbstbeherrschung bei dir lebendig geworden, so wird sie dir auch stets gegenwärtig sein, und du wirst sie deinen Kleinen leicht anschaulich machen können.

Übe dich nun darin, durch anschauliche Darstellung der Pflichten die Kinder zur Überzeugung davon zu bringen. Jede Übung verschafft Fertigkeit, und je öfter sie wiederholt wird, desto mehr Vorteile, leicht zum Zweck zu kommen, zeigt sie uns.

Dieser Zweck ist bei der Erziehung in moralischer Hinsicht doppelt: erstlich den von ihren Pflichten überzeugten Kindern zur Erfüllung Neigung einzuflößen; zweitens sie zu bestimmen, gewisse Pflichten sogleich auszuüben. Beide Zwecke wirst du erreichen, wenn du eine Fertigkeit dir erwirbst, alles recht anschaulich darzustellen und die Pflicht gleichsam zu versinnlichen.

Da der Mangel an Geisteskraft die erste und vorzüglichste Ursache ist, warum die Kinder gegen die Pflicht Abneigung haben und auch dann, wenn die Neigung wirklich da ist, sie doch sehr oft vernachlässigen, so mußt du dich mit einem Vorrate von Bildern versehen, unter denen du die Notwendigkeit, nach seinen Einsichten zu handeln und die Sinnlichkeit zu beherrschen, damit unsere geistige Kraft immer die regierende, der Leib mit seinen Begierden die gehorchende sein müsse, vorstellest. Dieses kannst du versinnlichen durch das Bild eines Reiters, eines Hausvaters, eines Fürsten, kannst zeigen, daß nicht das Roß, nicht das Gesinde, nicht die Unterthanen, sondern der Reiter, der Hausvater und der Fürst regieren, und das Roß, das Gesinde, die Unterthanen gehorchen müssen, wenn alles gut gehen soll; daß das Schicksal eines Reiters sehr traurig sei, der sein Pferd nicht bändigen und regieren kann; daß der Hausvater und Fürst, die von ihren Untergebenen sich müssen vorschreiben lassen, sich eben so übel befinden, und dies der nämliche Fall mit einem Menschen sei, dessen Geisteskraft so schwach ist, daß er die Begierden nicht bändigen kann, und ihren Forderungen nachgeben muß.

Du mußt dir ferner eine Fertigkeit zu erwerben suchen, die Pflichten zu personifizieren oder Personen zum Muster aufzustellen, die sich durch Erfüllung gewisser Pflichten auszeichneten. Dazu findest du reichlichen Stoff in den Schriften für Kinder, welche erdichtete Erzählungen enthalten, deren Zweck Veredelung der Gesinnung ist. Noch weit mehr wirst du aber wirken, wenn du die Beispiele von wirklichen Personen aus der alten und neuen Geschichte sammelst, die du deinen Kleinen als Muster in Erfüllung gewisser Pflichten vorstellen kannst. Erzähle ihnen z. E. die edle Handlung des Herrn von Montesquieu, der in der Stille einen in barbarischer Sklaverei seufzenden Hausvater loskaufte, ihn kleiden ließ und seiner trauernden Familie wieder schenkte, ohne es merken zu lassen, wem sie diese Freude zu verdanken habe; oder die Gewissenhaftigkeit jenes Mennoniten, der, als er von einem feindlichen Offizier genötigt wurde, ihm ein Gerstenstück zum Abmähen für die Pferde zu zeigen, denselben vor den Äckern seiner Nachbarn vorbeiführte und ihm sein eignes Gerstenstück zeigte — und du wirst gewiß wahrnehmen, daß deine kleinen Zuhörer das Edle dieser Handlungen innig fühlen und von dem Entschlusse werden belebt werden, ebenso zu handeln.

Willst du aber deine Kleinen dahin bringen, daß sie gewisse Pflichten sogleich erfüllen, so mußt du dir eine Fertigkeit erwerben, ihnen die Notwendigkeit derselben recht anschaulich zu machen. Dies kann geschehen, wenn du sie das Unschickliche der Vernachlässigung recht innig fühlen läßt. Gesetzt, der kleine Hieronymus sollte dahin gebracht werden, zu gewissen Stunden bestimmte Arbeiten zu machen, und weigere sich dessen, so könntest du sagen: Wenn du glaubst recht zu haben, so wollen wir es zum Gesetz machen, daß jedes Glied unserer kleinen Gesellschaft in der Arbeitsstunde vornehmen kann, was es will, spielen, singen, umherlaufen, wie es will. Er wird das Ungereimte einer solchen Verordnung sogleich fühlen und sich zur Arbeit bequemen; oder du kannst auch nur kurzweg fragen: Willst du, daß alle Kinder so handeln sollen? und wenn er sich merken läßt, daß er das Unschickliche davon fühle, kannst du weiter fragen: Aus welchem Grunde willst du denn eine Ausnahme von der Regel machen?

Ein andermal, wenn er eine gewisse Pflicht vernachlässigt, kannst du auch fragen: Hältst du mich für einen rechtschaffnen Mann? wirklich? wie kannst du mir denn zumuten, daß ich der Vernachlässigung deiner Pflichten nachsehen soll? Thut das ein rechtschaffner Mann? Würdest du mich nicht selbst verachten müssen, wenn ich mein Aufseheramt gewissenlos verwaltete und zur Vernachlässigung deiner Pflichten schwiege?

Durch solche und ähnliche Behandlungen wirst du viel bewirken, deine Pflegebefohlenen zur Kenntnis und Überzeugung von ihren Pflichten bringen, in ihnen der Entschluß, sie zu erfüllen, erzeugen, sie gewöhnen, pflichtmäßig zu handeln, und nur selten in die Notwendigkeit versetzt werden, ihnen ihre Verirrungen durch Strafen fühlbar zu machen.

11. Handle immer so, wie du wünschest, daß deine Zöglinge handeln sollen!

Jedes Kind hat, wie ich schon bemerkt habe, einen Hang so zu handeln, wie es andere handeln sieht, und es ist geneigter, Handlungen nachzuahmen, als Ermahnungen und Vorschriften zu befolgen.

Dein stetes Bestreben muß also dahin gehen, deinen Zöglingen in jeder Hinsicht Muster zu sein, und die Belehrungen, die du ihnen giebst, durch dein Beispiel zu bestätigen. Kinder haben ein ungemein feines Gefühl und bemerken jeden Fehler ihres Erziehers. Sie vor ihnen zu verbergen, ist eine vergebliche Bemühung; sie zu verteidigen, heißt sie ihnen empfehlen. Das einzige Mittel, zu verhüten, daß deine Fehler keinen nachteiligen Einfluß auf sie haben, ist — daß du sie ablegst.

Ehe du dich also entschließest, Erzieher zu werden, prüfe dich wohl, ob dir deine moralische Besserung ein Ernst sei, und du dir hinlängliche Kraft zutrauest, deinen Kleinen in jeder Hinsicht Muster zu sein. Ist dies bei dir der Fall nicht, so entsage lieber diesem Geschäfte, bei welchem du doch nicht viel Gutes stiften wirst, und wähle ein anderes, bei welchem dein Beispiel für deine Mitmenschen weniger ansteckend ist.

Fühlst du aber bei dir Entschlossenheit und Kraft, deinen Kleinen in jeder Rücksicht Muster zu werden, so widme dich diesem wichtigen Geschäfte mit Freudigkeit und rechne auf einen gesegneten Erfolg desselben. Je eifriger du es treibst, desto vollkommner wirst du selbst werden.

Deine Pflegebefohlnen werden deine Erzieher sein, manchen deiner Fehler, der deiner Aufmerksamkeit entging, dir bemerklich machen und dich reizen, ihn abzulegen. Dein Beispiel wird auf sie wirken, jeder deiner Ermahnungen den nötigen Nachdruck geben, und so wie sie durch den steten Umgang mit dir deine Mundart, so werden sie auch deine Tugenden annehmen.[I]

Schlußermahnung.

Das bekannte Sprichwort: Non ex quovis ligno fit Mercurius[40] kann auch auf den Erzieher angewendet werden. So wie es nicht jedem Menschen gegeben ist, ein Maler oder Dichter, auch bei dem besten Willen und der besten Anweisung, zu werden, so ist es auch nicht jedes Menschen Sache, das Geschäft der Erziehung mit gutem Erfolg zu treiben. Es gehört dazu eine eigene natürliche Anlage. Man kann in hohem Grade rechtschaffen und weise sein, viele Wissenschaft und mannigfaltige Geschicklichkeit besitzen und doch, wenn jene Gabe fehlt, unvermögend sein, auf Kinder zu wirken und sie zu lenken.

Prüfe dich also wohl! Hast du die Winke, die dir in dieser Schrift gegeben wurden, befolgt, so beobachte, was dies für Wirkung auf deine Kleinen thue, ob sie gern in deiner Gesellschaft sind, ob deine Vorstellungen auf sie Eindruck machten und deine Erinnerungen von ihnen befolgt werden. Sollte dies der Fall nicht sein, so entrüste dich nicht gegen sie, sondern untersuche, wo du gefehlt habest. Könntest du bei einer fortgesetzten Untersuchung nichts an dir bemerken, was abzuändern wäre, und daß du, auch bei dem redlichsten Bestreben, wenig bei ihnen ausrichten, ihre Liebe und ihr Zutrauen nicht erwerben könntest, so wäre dies wohl ein bedeutender Wink der Vorsehung, daß sie dich nicht zur Erziehung, sondern zu irgend einem andern Geschäfte bestimmt habe, und du thust wohl, wenn du diesen Wink befolgest. Du wirst bei fortgesetzter Selbstprüfung gewiß eine vorzügliche Neigung und Anlage zu irgend einem andern Geschäfte finden. Der Vater der Menschen hat jedes seiner Kinder gut ausgestattet, jedem sein Pfund gegeben, mit dem es wuchern, das es durch gute Anwendung vergrößern und zur Beförderung seines und des Wohls seiner Brüder benutzen kann. Folge also dem Winke der Vorsehung und widme dich dem Geschäfte, zu dem du dich berufen fühlst. Du wirst es mit Vergnügen treiben, es gut ausrichten und damit viel Gutes wirken.

Wolltest du hingegen ferner der Erziehung, bei aller Unfähigkeit zu derselben, dich weihen, so würdest du dir und deinen Pflegesöhnen das Leben verleiden und bei dem besten Willen ihrem Charakter eine schiefe Richtung geben.

Findest du aber, daß der Umgang mit Kindern dir Freude macht, daß sie an dir mit ganzem Herzen hängen, daß du sie mit Leichtigkeit lenken kannst, dann glaube, daß der Weltregierer dich zur Erziehung derselben berufen habe. Folge seinem Rufe mit Freudigkeit und sei versichert, daß der Lohn deiner Berufstreue sehr groß sein werde, daß du im Kreise deiner Pflegebefohlenen immer Aufheiterung finden, von deinen Arbeiten reiche Früchte sehen und durch dieselben einen sehr beträchtlichen Beitrag zur Beförderung des Wohls der Menschenfamilie geben wirst!

Anmerkungen.

[1] Die Gereokomie, d. i. die Methode, durch Einatmung der jugendlichen Ausdünstungen den alternden Körper zu verjüngern, beruht auf einem aus dem Altertume stammenden Irrtume. Siehe 1. Kön. 1. Auch Hufeland erzählt in seiner Makrobiotik (Univ.-Bibl. Nr. 481-484) von der Anwendung derselben. Die Ausdünstungen der Kinder in den Schulräumen sind wegen der Kohlensäure u. dergl., die sie enthalten, der Gesundheit nur schädlich, während der Sauerstoff, der so notwendig für die Atmung ist, bald verzehrt wird. Es ist deshalb in gesundheitlicher Hinsicht dringend notwendig, nach jeder Unterrichtsstunde in geschlossenen Räumen, frische Luft in diese einzuführen. Wohl hat dagegen Salzmann Recht, wenn er sagt, daß die beständige Munterkeit und Fröhlichkeit der Jugend erfrischend auf das Gemüt des Lehrers einwirken. Der herzliche Verkehr, der tägliche Umgang mit der frohen Jugend bewahrt das Herz des Erziehers vor düsterer Melancholie und finsterer Misanthropie. Dagegen ist die körperlich und geistig anstrengende Thätigkeit des Lehrers gewiß der Grund, daß nach statistischen Nachweisen der Lehrerstand in Bezug auf sein Durchschnittslebensalter nicht hoch steht.

[2] Über das „Krebsbüchlein“ siehe Einleitung. Das Titelbild dieser Schrift zeigte einen alten und drei junge Krebse in einem Teiche mit der Unterschrift: „Faciam, mi papule, si te idem facientem prius videro“ (Ich werde's thun, mein Väterchen, wenn ich zuvor sehen werde, daß du's thust).

[3] Nach unserer heutigen Kenntnis stimmt der von Salzmann geschilderte Vorgang bei den Ameisen nicht mit der Wirklichkeit. Man unterscheidet bei den Ameisen: a) geflügelte Männchen, b) geflügelte Weibchen, c) verkümmerte, ungeflügelte Weibchen oder geschlechtslose Arbeiter. An schönen Augustabenden erheben sich die geflügelten Männchen und Weibchen in die Luft, wobei die Begattung im Fluge vor sich geht. Das Aufschwingen in die Luft geschieht also nicht nach geschehener Begattung, wie Salzmann irrtümlich meint, sondern vor derselben. Nach der Begattung kommen die männlichen Ameisen um, wogegen die Weibchen sich selbst die Flügel abstreifen und neue Kolonien gründen. Die Erziehung wird durch die dritte Art besorgt.

[4] In den Jahren 1785-91 gab Joh. Heinr. Campe unter Mitwirkung von Gedike, Resewitz, Trapp, Salzmann, Lieberkühn, Funk u. a. in 16 Bänden „Allgemeine Revision des gesamten Schul- und Erziehungswesen von einer Gesellschaft praktischer Erzieher“ heraus. In diesem Werke werden die wichtigsten Fragen der Erziehung im Sinne der von Rousseau und den Philanthropen angebahnten Reform behandelt. Die Arbeiten dieses Sammelwerkes enthalten namentlich in Bezug auf leibliche Erziehung und Elementarunterricht manches Brauchbare; teilweise waren sie aber auch nur Übersetzungen von Lockes Gedanken über Erziehung und von Rousseaus Emil (Univ.-Bibl. Nr. 901-908), mit zahlreichen Glossen der Herausgeber versehen. Getadelt wird an „diesem bedeutendstem Denkmal des philanthropischen Zeitalters“ die bisweilen zu sehr hervortretende einseitige Richtung auf das materiell Nützliche, insonderheit in den Originalarbeiten, die von Campe selbst herrühren, von dem es heißt, daß er das Verdienst dessen, der bei uns den Kartoffelbau einheimisch gemacht, oder das Spinnrad erfunden hatte, höher anschlug als das Verdienst des Dichters einer Ilias und Odyssee.

[5] Der große Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) hielt in Königsberg auch Vorlesungen über Pädagogik, hat aber kein eigentliches System der Pädagogik hinterlassen (s. Kant: Über Pädagogik, herausgegeben von Th. Vogt, Verlag von Beyer & Söhne, Langensalza). Salzmann denkt an das von Kant aufgestellte Prinzip der Moralität: „Thue die Pflicht um der Pflicht willen!“ Dieses ist Kant das höchste sittliche Ziel, und zu dieser sittlichen Freiheit soll der Mensch erzogen werden.

[6] Dieser Satz klingt etwas paradox, ist aber, wie Salzmann nachweist, für den Erzieher ernst und wichtig. Da Salzmann in Bezug auf sein anthropologisches Prinzip auf dem Boden des Naturalismus stand, so suchte er auch nie den Urgrund aller Fehler und Untugenden in der angeborenen Verderbtheit der menschlichen Natur, im Menschen selbst, sondern stets außerhalb desselben. Auch in Salzmanns anderen Schriften kehrt dieser Gedanke wieder. In der Vorrede zum „Krebsbüchlein“ heißt es: „Der Grund von allen Fehlern, Untugenden und Lastern der Kinder ist mehrenteils bei dem Vater oder der Mutter, oder bei beiden zugleich zu suchen. Es klingt dies hart, und ist doch wahr.“ Und am Schlusse der Vorrede: „Eltern und Erzieher! Wenn eure Kinder Untugenden und Fehler an sich haben: so sucht den Grund davon nicht in ihnen, sondern — in euch.“ Im 19. Kapitel von „Konrad Kiefer“ sagt Salzmann: „So lernen diejenigen Eltern auch immer besser ihre Kinder erziehen, die fein bescheiden gute Lehren annehmen und den Grund von den Fehlern, die die Kinder angenommen haben, erst in sich suchen.“ Schon Rousseau stellte in seinem „Emil“ den ähnlich klingenden Satz auf: „An allen Lügen der Kinder ist der Erzieher schuld.“ So versucht man auch jetzt vielfach die Schule für die angebliche Zunahme der Verrohung und Verwilderung der Bevölkerung, für die Zunahme der Verbrechen, verantwortlich zu machen. Trifft der Schule hierin ein Vorwurf, so kann das Maß desselben nur gering sein. Außer ihr kommen noch viele andere Erziehungsfaktoren in Betracht, auf die die Schule wenig oder gar keinen Einfluß hat.

[7] Daß die Pflege des früh im Kinde wach werdenden Thätigkeitstriebes nicht erst der Schule anheimfallen muß, sondern daß sie schon im Elternhause bezw. durch den Kindergarten stattzufinden hat, habe ich in meiner Schrift: „Einfluß des Fröbelschen Kindergartens auf den nachfolgenden Schulunterricht“ näher dargelegt. Daß die Schule die Selbstthätigkeit der Kinder ebenfalls fördern soll, ist selbstredend. Niemals soll der Lehrer dem Schüler jene Arbeit abnehmen, die dieser selbst zu leisten vermag. Was dessen Geisteskräften nur erreichbar ist, das gebe man ihm nicht fertig, nein, darnach gestatte man ihm nur seinen Geist auszurecken. Kehr sagt: „Selbstsuchen, selbstsehen, selbstfinden, selbstthätig sein, hält den Schüler geistig wach.“ Auch Salzmann legt großen Wert auf möglichst selbständiges Arbeiten der Kinder. In seiner Schrift: „Noch etwas über die Erziehung“ heißt es: „Es ist noch sehr wenig Anleitung zum eigenen Beobachten, eigener Erforschung, eigener Erwerbung der Kenntnisse, sondern der Lehrer arbeitet den Kindern vor, unterrichtet sie von dem, was er durch seine mühsamen Arbeiten herausgebracht hat, und das Kind verhält sich mehrenteils leidend.“

[8] kindische = kindliche. Im vorigen Jahrhundert hatte die Endung „isch“ noch nicht den Begriff des Lächerlichen; diesen hat sie erst in diesem Jahrhundert erhalten.

[9] Charakter ist — wie Lindner sagt — die bleibende Art und Weise, zu handeln und zu wollen; sein Kennzeichen ist innere Übereinstimmung und Konsequenz. Fassen wir den Begriff Charakter noch schärfer, so ist er die vollständige Konsequenz des sämtlichen Wollens und Handelns durch Unterordnung desselben unter praktische Grundsätze und dieser wieder unter einen obersten praktischen Grundsatz. Das letzte Ziel aller Erziehung ist nach Herbart die Heranbildung des sittlichen Charakters oder, wie er es nennt, Charakterstärke der Sittlichkeit. Sittlichkeit und Charakter stehen im engen Verhältnis zum Wollen. Ohne Wollen keine Sittlichkeit, kein Charakter, da wir mit Charakter die Konsequenz des Denkens und Handelns, angeregt von bewußten Beweggründen und geleitet von bewußten festen Grundsätzen, bezeichnen. Von einem Charakter ist deshalb beim Kinde nicht gut zu sprechen; es läßt sich vielmehr durch die Eingebung des Augenblicks und der Umgebung, durch Beispiel und Überredung bestimmen. Es soll erst zum Charakter erzogen werden. Zur Entwickelung eines guten und großen Charakters ist a) eine günstige Naturanlage, b) die Vielseitigkeit und Einheitlichkeit des Unterrichts, welcher kenntnisreich macht und gleiche Gedanken mit möglichst vielen verschiedenen Vorstellungen verknüpft, sie aber alle einer Einheit, der Sittlichkeit, unterordnet, nötig; ferner ist c) namentlich die richtige Gewöhnung notwendig. Die letztere ist für die Entwickelung des sittlichen Charakters sehr wichtig, da sie die Individualität veredelt, die Geisteskräfte, besonders das verständige und vernünftige Denken stählt, das Gedächtnis des Willens bildet und so die Schnelligkeit und Konsequenz des Entschlusses und Handelns fördert, und viele Tugenden zur Gewohnheit macht. Was Salzmann hier unter Charakter meint, nennen wir jetzt nach heutigem psychologischen Sprachgebrauch Individualität, d. i. die Summe der allgemeinen und besonderen Merkmale oder die Eigentümlichkeiten eines Menschen. Die Individualität wird bestimmt: a) durch die körperliche Beschaffenheit nach Alter und Geschlecht, Gesundheit oder Kränklichkeit, Naturell u. s. w., b) durch das Temperament, c) durch die besondere Richtung der natürlichen Anlagen, d) durch die Erziehung. Comenius unterscheidet in seiner Didactica magna sechs Haupttypen von Schülerindividualitäten: a) die Scharfsinnigen, Lernbegierigen, Bildsamen, b) diejenigen, die zwar scharfsinnig sind, aber langsam und hierbei gefügig, c) die Scharfsinnigen und Lernbegierigen, aber dabei Trotzigen und Verstockten, d) die Willfährigen und zugleich Lernbegierigen, aber Langsamen und Schwerfälligen, e) jene, die schwachsinnig und überdies nachlässig und träge sind, f) die Schwachköpfe, die überdies noch von verkehrter und bösartiger Beschaffenheit sind. — Es ist eine Hauptaufgabe der Erziehung, die Individualität des Zöglings soviel als möglich unversehrt zu erhalten. Es ist deshalb Pflicht des Erziehers, die Individualitäten seiner Schüler zu erkennen und diese bei seiner Erziehung und seinem Unterrichte zu berücksichtigen. Doch darf er der Individualität nicht einen allzu freien Spielraum einräumen, da sonst leicht Sonderlinge, Hartköpfe und Egoisten erzogen werden. Deshalb ist in Hinsicht auf die Beachtung der Individualität der richtige allgemeine Grundsatz der: „Der Erzieher erforsche die Individualität seiner Zöglinge und bilde sie so, daß sie sich stets in Übereinstimmung mit der Mehrheit des gebildeten und edleren Teiles der menschlichen Gesellschaft befindet.“ (Petzold.)

[10]Erkenne dich selbst!“ war der Wahlspruch des Lakedämoniers Chilon, eines der sieben griechischen Weisen. Es war ferner die Inschrift des delphischen Apollotempels. Sokrates stellte dieses Wort jedem Einzelnen seiner Schüler als Lebensaufgabe, damit er gut handeln lerne.

[11] Aristoteles ward 385 v. Chr. zu Stagira in Thrazien geboren; in seinem 17. Jahre ward er Schüler Platos zu Athen, bei dem er 20 Jahre blieb. 343 ward er vom makedonischen Könige Philipp zur Erziehung seines dreizehnjährigen Sohnes Alexander berufen. Als Alexander später seinen Feldzug gegen Persien unternahm, gründete Aristoteles in Athen eine Philosophenschule. Er starb 323 v. Chr. zu Chalcis auf Euböa. Aristoteles ist nicht nur praktisch als Erzieher thätig gewesen, sondern er hat sich auch in seinen Schriften theoretisch vielfach mit der Erziehung beschäftigt, so in seiner „Nikomachischen Ethik“ und in der „Politik“. Eine besondere von ihm verfaßte Schrift über die Erziehung ist verloren gegangen. Aristoteles betrachtet die Erziehung als die schwierigste Aufgabe, die gestellt werden, und auch als die höchste, deren Lösung versucht werden kann. Das Ziel der gesamten menschlichen Thätigkeit ist nach ihm die Glückseligkeit (Eudämonie), die sich auf die Tugend gründet. Im Unterrichte betont er vor allem das Notwendige und zum Leben Nützliche (Utilitätsprinzip), wie später auch die Philanthropen.

[12] Die Aufgabe der Erziehung ist die Entwickelung und Übung aller Kräfte des Kindes, der leiblichen sowohl als auch der seelischen. Damit ist aber noch nicht das Ziel der Erziehung, wie auch das Wesen derselben festgesetzt. Dieses liegt vielmehr darin, daß das Ebenbild des Schöpfers in dem Zöglinge wieder hergestellt werde, oder in der Erreichung nicht nur der irdischen, sondern auch der himmlischen Glückseligkeit.

[13] Die Laufbänke und Laufzäume (Laufbänder) wurden früher und werden auch noch jetzt angewandt, um die Kleinen eher zum Laufen zu bringen. Durch die gutartig vor die Brust gelegten Bänder bei den Laufzäumen und durch die Leisten bei den Laufbänken wird die Brust zum Schaden der Gesundheit eingeengt bezw. gedrückt. Mit Recht eifert deshalb Salzmann in seinem „Ameisenbüchlein“, wie auch im „Konrad Kiefer“ und in „Noch etwas über Erziehung“ gegen solche unnatürliche Mittel. Schon Rousseau sagt im zweiten Buche seines „Emils“: „Man lehre den Kindern nichts, was sie von selbst lernen; so z. B. nicht das Gehen. Gängelbänder als Laufkorb, Fallhut und andere Hilfen taugen nichts.“ Auch Kant zieht gegen die Leitbänder und dergl. zu Felde.

[14] Sinnlichkeit = Sinne. Über die Übung der Sinne s. Anm. 21.

[15] Für die Erreichung des Unterrichts- und Erziehungszieles ist zwar die Gesundheit des Kindes ein wesentlicher Faktor; doch ist es von Salzmann zuviel behauptet, wenn er sagt, daß bei ungesunden Kindern alle Erziehung mißlinge. Wohl erschwert die Kränklichkeit oder die Schwäche eines Kindes die Arbeit des Erziehers, da er ja bei derselben die physische Natur des Zöglings berücksichtigen muß, und von einem schwächlichen Kinde nicht das fordern darf, was er von einem gesunden verlangt. Die physische Schwäche wirkt auch oft nachteilig auf Geist und Gemüt ein, aber von einem gänzlichen Mißlingen der Erziehung bei ungesunden Kindern darf doch nicht die Rede sein. Es erfordert aber die schwächliche Beschaffenheit der physischen Natur des Schülers eine besondere Berücksichtigung seitens des Lehrers und eine gediegene pädagogische Durchbildung desselben.

[16] Wenn Salzmann hier gegen die Ärzte eifert, so hat dieses seinen Grund in dem niederen Standpunkte, den die Arzneikunde im vorigen Jahrhundert einnahm. Seitdem sich aber die Medizin und ihre Hilfswissenschaften zu wirklichen Wissenschaften erhoben, und berühmte Gelehrte der Neuzeit als Virchow, Stromeyer, Koch, Schrötter, Bock, Klencke, Esmarch, Fürst, Freerichs u. a. zu ihren Vertretern zählt, ist es damit anders geworden. Dies schließt aber nicht aus, daß der Lehrer selbst verstehe, die Gesundheit seiner Zöglinge zu fördern, und sie auch in der Gesundheitspflege zu unterweisen. Als einschlägliche Schriften seien genannt: Kirchhoff: „Gesundheitspflege“; Bock: „Bau, Leben und Pflege des menschlichen Körpers“; Correus:„Der Mensch“; Katz: „Fürs Auge“; Reclam: „Gesundheitsschlüssel“, „Gesundheitslehre für Schulen“; Zwick: „Körperpflege und Jugenderziehung“; Reimann: „Die körperliche Erziehung und die Gesundheitspflege in der Schule“; Kohler: „Die Gesundheitslehre in der Volks- und Fortbildungsschule“; Gauster: „Die Gesundheitspflege im allgemeinen und hinsichtlich der Schule im besonderen“; Scholz: „Leitfaden der Gesundheitslehre“; Siegert: „Die Schulkrankheiten“. — Schon Comenius, Montaigne und Rousseau forderten die Schulhygieine; diesen tritt auch Salzmann bei. Jetzt wird sogar von mehreren Seiten gefordert, daß in jeder Schulkommission ein Arzt Sitz und Stimme haben solle. Wohl ist die Mitarbeit des Arztes in der Schule wünschenswert, da die Schule weder die körperliche Gesundheit noch die geistige Frische des Schülers schädigen darf. Den Ärzten aber jeder Zeit freien Zutritt in die Schule zu gestatten, würde viele Störungen des Unterrichts herbeiführen. Dagegen ist zu fordern, daß der Gesundheitslehre der ihr gebührende Platz im Unterrichte eingeräumt werde, und daß die Seminare die angehenden Lehrer in der Schulhygieine unterweisen, diese auch bei den Prüfungen der Lehrer Prüfungsgegenstand sei, damit die Lehrer zur Erhaltung der Gesundheit der Kinder in der Schule beitragen können. Denn „gerade während der Schulzeit ist die körperliche Kultur sehr wichtig: erstens, weil der jugendliche Körper des Schülers allen Schädlichkeiten der Umgebung mehr offen steht und unter den Folgen übler Angewöhnungen mehr leidet, als der abgehärtete Körper des Erwachsenen, und zweitens, weil der Unterricht durch den Zwang des Stillsitzens in dicht besetzten Schulstuben, sowie durch die andauernde geistige Anstrengung auf die Gesundheit des Kindes leicht ungünstig einwirken kann.“ (Lindner.) Daß die Forderung Salzmanns und der anderen Philanthropen: die Schule habe das leibliche Wohl der Schüler zu berücksichtigen und zu fördern, so wichtig ist, geht daraus hervor, daß der Körper die Wohnung und das Werkzeug der Seele ist. Deshalb spricht auch Rückert:

„Ein gutes Werkzeug braucht zur Arbeit der Arbeiter,
Und gute Waffen auch zum Waffenstreit ein Streiter.
Du Streiter Gottes und Arbeiter, merk's, o Geist,
Daß deines eignen Leibs du nicht unachtsam seist
Das ist dein Arbeitszeug, das ist dein Streitgewaffen,
Das halte wohl im Stand, zu streiten und zu schaffen!
O, wie du dich bethörst, wenn du den Leib zerstörst,
Der dir so angehört, wie du Gott angehörst.
Wie du Gott angehörst, so hört dein Leib dir an,
Und ohne deinen Leib bist du kein Gottesmann.“

[17] Hier tritt Salzmann in Gegensatz zu Pestalozzi, der in seiner Schrift: „Wie Gertrud ihre Kinder lehrt“ (Univ.-Bibl. Nr. 991. 992) die Behauptung aufstellt: „Der Mensch ist selbst der erste Vorwurf der Anschauung“ und diesem Satze gemäß den Körper des Kindes und seine Glieder zuerst als Betrachtungsobjekt behandelt wissen will, wozu er im „Buch der Mütter“ Anleitung gab. Die neuere Pädagogik stellt sich dagegen auf den Standpunkt Salzmanns und stimmt den Worten von Türks, der 1808 in Ifferten bei Pestalozzi weilte, bei. Türk sagt: „Ich hatte schon früher die Idee des Buches der Mütter als gut anerkannt, aber die Wahl des Gegenstandes der dort aufgestellten Übungen: des menschlichen Körpers gemißbilligt; ich erachte die Umgebungen des Kindes im Hause und in der Natur für weit mehr dazu geeignet.“

[18] [Mit] Recht tadelt Salzmann das Verfahren, Naturgeschichte zu lehren, ohne die Kinder selbst in die Natur einzuführen. Schon Rousseau sagte: „Eure Philosophen lernen die Naturgeschichte in den Naturalienkabinetten, sie besitzen Flitterkram, wissen Namen und haben durchaus keine Idee von der Natur.“ Auch in seiner Schrift: „Noch etwas über die Erziehung“ zieht Salzmann gegen den naturgeschichtlichen Unterricht, der sich nicht auf Anschauung der Natur selbst stützt, zu Felde. Gewiß ist es jetzt bedeutend besser damit geworden; doch wird der naturgeschichtliche Unterricht noch vielfach in zu wissenschaftlicher Weise erteilt, indem man sich zu sehr an das System hält, während doch die Einführung der Kinder in die Natur selbst die Hauptsache sein sollte. Verbesserungsbestrebungen machen sich in neuester Zeit geltend. Es sei in dieser Hinsicht hingewiesen auf die Schriften von Junge: „Der Dorfteich“; Baade: „Zur Reform des naturgeschichtlichen Unterrichts“; Twiehausen: „Der naturgeschichtliche Unterricht in ausgeführten Lektionen“; Vögler: „Präparationen für den Naturgeschichtsunterricht“; Kießling und Pfalz: „Methodisches Handbuch für den Unterricht in der Naturgeschichte“. Was Salzmann weiter vom naturgeschichtlichen Unterricht sagt, gilt auch namentlich vom ersten Schulunterricht. Seine Lehrbeispiele, die er im Nachfolgenden giebt, beziehen sich besonders auf diesen Unterricht. Hier ist gerade die Anschauung an ihrem Platze. Namentlich findet die Anschauung ihre Pflege in dem sog. Anschauungsunterrichte, dessen Ziel sein soll, das Kind mit der heimatlichen Umgebung, ihrer Natur und Lebewesen bekannt zu machen, weshalb er vielfach auch als „Heimatskunde“ bezeichnet wird. Der angehende Lehrer, dem bekanntlich gerade dieser so wichtige Unterricht obliegt, sei auf folgende Schriften hingewiesen: Wernecke: „Praxis der Elementarklasse“; Strübing: „Sprachstoffe“; Harder: „Anschauungsunterricht“; Jütting-Weber: „Anschauungsunterricht und Heimatskunde“; Wiedemann: „Präparationen“; Wagner: „Entdeckungsreisen in Haus und Hof, in Wald und Feld &c.“; Breiden: „Der Anschauungsunterricht“; Fuhr und Ortmann: „Anschauungsunterricht“; Niedergesäß: „Anschauungsunterricht“; Stieber: „Anschauungsunterricht im Anschlusse an die Pfeifferschen und Winkelmannschen Bilder“; Heinemann: „Handbuch für den Anschauungsunterricht und die Heimatskunde“; Seidel: „Materialien für den Anschauungs- und Sprachunterricht im ersten Schuljahre“; Fischer: „Sprachstoffe zu Leutemanns fünfzehn Tierbildern“; Richter: „Der Anschauungsunterricht“.

[19] Die lateinischen Namen der Pflanzen sind für die Kinder der Volksschule nur toter Ballast. Auch hier gilt das Wort: „Res, non verba.“ Was nützen den Kindern die Namen der Naturdinge, zumal die lateinischen, wenn ihnen die Kenntnis der Naturkörper selbst abgeht? Hauptsache ist die Betrachtung der Natur selbst; dann mag der Name hinzutreten, aber nur der deutsche. Man hüte sich, den Naturgeschichtsunterricht in bloße Nomenklatur aufgehen zu lassen; die Gefahr liegt aber bei dem bloßen Angeben der Namen sehr nahe. Viel ist in dieser Hinsicht auf dem Gebiete des naturgeschichtlichen Unterrichts gesündigt worden, weshalb die Reformbestrebungen, von denen die Arbeiten von Junge, Kießling und Pfalz, Twiehausen, Baade und Vögler zeugen, freudig zu begrüßen sind.

[20] In Bezug auf dieses Erraten der Pflanzen, wie Salzmann es will, sei erinnert an das Versteckspiel, das Wolke mit den Zöglingen beim großen Examen am Dessauer Philanthropin aufführte, von wo es Salzmann entlehnt hat (s. Schummel: Fritzens Reise nach Dessau).

[21] [Unter] Empfindungsvermögen versteht Salzmann, was wir nach dem heutigen psychologischen Sprachgebrauche Sinnesvermögen nennen. Salzmann nennt dieses Empfindungsvermögen, weil die ersten einfachen Eindrücke, die uns durch die Sinne zugehen, Empfindungen genannt werden, aus denen dann die Wahrnehmungen, Anschauungen und Vorstellungen hervorgehen. Die Übung der Sinne des Kindes ist sehr wichtig. Deshalb fordert auch Rousseau: „Erst Übung der Sinne, dann Übung der Geisteskräfte! Sinnenvernunft vor intellektueller Vernunft! Denn die ersten Vermögen, die sich in uns bilden und entwickeln, sind die Sinne. Übt nicht bloß die Kräfte der Kinder, übt alle Sinne, welche die Kräfte regieren, benutzt möglichst jeden Sinn, prüft die Eindrücke des einen Sinnes durch die anderen. Meßt, zählt, wägt, vergleicht!“ Und Comenius sagt: „Anfangs übe man die Sinne, dann das Gedächtnis, hierauf den Verstand, zuletzt das Urteil. Denn die Wissenschaft beginnt mit der sinnlichen Wahrnehmung.“ Und Salzmann schreibt in seiner Schrift: „Über die Erziehungsanstalt zu Schnepfenthal“: „Da wir alle unsere Kenntnisse durch die Sinne bekommen, die den Stoff liefern, aus dem die Vernunft ihre Begriffe abzieht, so ist es wohl sehr nötig, daß zuerst die Sinne geübt werden,“ und in seinem „Himmel auf Erden“: „Das richtige Empfinden wird am besten in der ersten Jugend gelernt, wenn die mit der Welt noch unbekannte Seele auf die Dinge, die um sie sind, aufmerksam gemacht und angeleitet wird, sie selbst zu beobachten und darüber selbst zu urteilen.“ Wie vorteilhaft es für den Schulunterricht ist, wenn die Sinne der Kinder bereits im vorschulpflichtigen Alter durch den Kindergarten geübt und geschärft worden sind, habe ich in meiner Schrift: „Der Einfluß des Fröbelschen Kindergartens auf den nachfolgenden Schulunterricht“ nachgewiesen. (Verlag von Siegismund & Volkening, Leipzig.) Daß die Übung der Sinne auch auf den oberen Schulstufen zu pflegen ist, ist selbstredend.

[22] Mit Eifer tritt Salzmann gegen das bloße Wortlernen auf und betont, wie es nachher auch von Pestalozzi geschah, die Anschauung, besonders auf den unteren Stufen. Auch Basedow verlangt in seinem „Methodenbuche“: „keine Worte und Sätze zu lehren, mit denen die Kinder noch falsche Begriffe verbinden.“ Locke sagt: „Nicht durch Worte, sondern durch Dinge und Abbildungen der Dinge erhalten die Kinder die ersten Vorstellungen.“ Bei Comenius heißt es: „Alles muß der sinnlichen Anschauung unterstellt werden.“ Gegen Salzmanns Forderung, daß man bei dem Sprachunterrichte z. B. anfänglich lauter solche Bücher gebrauchen müsse, bei deren Lesung nur Vorstellungen in den jungen Seelen erzeugt werden, die sie entweder selbst durch die Anschauung bekommen haben, oder die doch mit denselben in Verwandtschaft stehen, verstoßen z. B. die meisten unserer Fibeln. So bringt z. B. eine viel gebrauchte Fibel in ihren Übungsgruppen Wörter, deren Inhalt den Kindern ganz fern liegt. Ich nenne nur: Domino, Delta, Indien, Tiber, Xerxes, Xantippe, None u. a.

[23] Auch der fremdsprachliche Unterricht muß, wie Salzmann mit Recht bemerkt, die Anschauung zur Grundlage haben. Wie viele Vokabeln, Sätze u. s. w. müssen die Kinder aber lernen, deren Inhalt ihnen ganz fremd ist. Auch die heterogensten Übungssätze werden ihnen vorgeführt. In der französischen Sprache hat man nun schon angefangen, dieselbe auf Grundlage der Anschauung zu lehren. So Lehmann in seinem „Lehr- und Lesebuche der französischen Sprache nach der Anschauungsmethode“, Ducotterd und Mardner: „Lehrgang der französischen Sprache auf Grund der Anschauung“. In seiner Schrift: „Noch etwas über die Erziehung“ giebt Salzmann seine Lehrweise der fremden Sprachen an: „Erst wird über die verschiedenen Produkte der Natur, die zusammengebracht werden, lateinisch (französisch) gesprochen, das Gespräch diktiert und niedergeschrieben, dann werden zweckmäßig gewählte Schriftsteller gelesen und dabei die grammatikalischen Regeln gegeben, endlich lateinische (französische) Aufsätze gemacht.“ Salzmann will also die sog. direkte Methode angewandt wissen.

[24] Schon Rousseau tritt in seinem „Emil“ gegen das zu frühe Bücherlesen der Kinder ein. Emil soll vor seinem 12. Jahre kein Buch in die Hand bekommen. Wenn Salzmann auch mit Recht nicht so weit geht, so sind seine Worte, mit denen er im „Ameisenbüchlein“ und im „Konrad Kiefer“ gegen den zu frühzeitigen Beginn des Lesenlernens eifert, wohl beherzenswert. Er sagt mehrmals: „Kinder müssen erst gewöhnt werden, aus der Natur sich zu unterrichten, bevor man ihnen Bücher in die Hände giebt.“ Das Kind muß erst den Übergang finden aus dem lustigen Spielleben der Kinderstube zu der ernsten Arbeit der Schule. Mit Recht fordern deshalb namhafte Pädagogen, als Türk, Denzel, Graßmann, Graser, Lüben, Dr. K. Schmidt, Kehr u. a., daß dem Lesenlernen ein Vorkursus vorangehen müsse; ja einige von ihnen wollen erst das Lesenlernen ins zweite Schuljahr verlegt wissen. Auch die „acht Schuljahre“ von Rein, Pickel und Scheller wissen von einem Leseunterrichte im ersten Schuljahre nichts. Was soll man aber sagen, wenn Kleinkinderschulen und Kindergärten den Kindern die Fibel in die Hand geben, und wenn Therese Focking die Lehrerwelt sogar mit einer „Fröbelfibel“ beehrt hat?! Vgl. meine Schrift: „Der Einfluß des Fröbelschen Kindergartens auf den nachfolgenden Schulunterricht.“

[25] Pestalozzi widmete dem Vorsagen und Nachsprechenlassen langer und verwinkelter Sätze, deren Inhalt den Kindern oft ganz unverständlich war, viel Zeit und Kraft (vgl. „Wie Gertrud ihre Kinder lehrt“, Univ.-Bibl. Nr. 991. 992). Er wollte die Kinder dadurch im Sprechen üben und ihre Sprachkraft stärken. Salzmann anerkennt auch den Wert des Nach- und des Chorsprechens, will aber nur einen beschränkteren Gebrauch davon zu machen wissen. Die heutige Pädagogik steht auf Salzmanns Seite. Auch sie betreibt das Chorsprechen, aber nur von dem, was den Kindern verständlich ist. Wiedemann führt in seinem „Lehrer der Kleinen“ als Gründe für das Chorsprechen an: 1) das Chorsprechen löst vor allen Dingen die Zunge; 2) es kultiviert die Aussprache; 3) es giebt auch den Schüchternen Mut; 4) es hält bei der Stange; 5) es schützt die Kinder vor langer Weile, belebt den Unterricht. Siehe auch: Haushalter: „Das Sprechen im Chor“.

[26] Zur Verbesserung des ersten Leseunterrichts schrieb Salzmann „Konrad Kiefers ABC- und Lesebüchlein“. Es erschien 1806.

[27] In seiner Schrift: „Über die Erziehungsanstalt in Schnepfenthal“ läßt sich Salzmann eingehend über die Ausbildung der Handfertigkeit aus. So sagt er: „Zur Erziehung des Menschen ist unumgänglich nötig: Übung seiner Hände und Gewöhnung, von den Werkzeugen, die der menschliche Verstand erfand, Gebrauch zu machen.“ In Schnepfenthal fand der Handfertigkeitsunterricht eingehende Pflege. Die Zöglinge wurden unterwiesen in Papparbeiten, Schreinerarbeit, Drechseln, Korbflechten. Besonders widmete sich der Lehrer Blasche diesem Unterrichte. Die Handfertigkeitsunterrichtsfrage ist zur Zeit eine brennende, noch unentschiedene. In zahlreichen Schriften wird für und gegen den Handfertigkeitsunterricht gestritten. Nach unserer Ansicht ist Salzmann in vollem Rechte, wenn er die Betreibung von Handarbeiten zur Kräftigung des Körpers fordert. Für eine Eingliederung derselben, zumal wenn der Handfertigkeitsunterricht nur praktisch-formalen Nutzen gewährt und mit der Schularbeit in gar keiner Verbindung steht, können wir uns nicht begeistern. Stellt er sich aber in den Dienst des theoretischen Unterrichts, wie es z. B. die Schrift vom Seminarlehrer Magnus: „Der praktische Lehrer“ für die Seminare thut, so ist die Sache eine andere. Wenn der Handfertigkeitsunterricht dagegen in selbständigen Kursen, wie in den Knabenhorten, erteilt wird, so haben wir nichts dagegen zu erinnern. Wer sich eingehender über diese heutige Tagesfrage unterrichten will, der sei verwiesen auf die Schriften: von Schenckendorff: „Der praktische Unterricht, eine Forderung der Zeit an die Schule, sein erziehlicher, volkswirtschaftlicher und sozialer Wert“; Eckardt: „Die Arbeit als Erziehungsmittel“; Hanschmann: „Die Handarbeit in der Knabenschule“; Salomon: „Arbeitsschule und Volksschule“; Gelbe: „Der Handfertigkeitsunterricht“; Rauscher: „Der Handfertigkeitsunterricht, seine Theorie und Praxis“; Barth und Niederley: „Des deutschen Knaben Handwerksbuch“; Elm: „Der Handfertigkeitsunterricht in Theorie und Praxis“; Michelsen: „Die Lehr- und Arbeitsschule zu Alfeld“; Karl Friedrich (Professor Biedermann): „Die Erziehung zur Arbeit, eine Forderung des Lebens an die Schule“; Rißmann: „Geschichte des Arbeitsunterrichtes in Deutschland“; Johs Meyer: „Die geschichtliche Entwickelung des Handfertigkeitsunterrichts“; von Schenckendorff: „Über Bedeutung und Ziel des Handfertigkeitsunterrichts“; Johs Meyer: „Der Handfertigkeitsunterricht und die Schule“; Seidel: „Der Arbeitsunterricht, eine pädagogische und soziale Notwendigkeit“; Bütow: „Die Volksschule und der Handfertigkeitsunterricht“; Kreyenberg: „Handfertigkeit und Schule“.

[28] In Bezug auf sein anthropologisches Prinzip stand Salzmann wie die anderen Philanthropen auf dem Boden des Rationalismus. Sie huldigten dem Grundsatze der Naturalisten: Der Mensch ist von Natur durchaus gut. (Pelagianismus.) So sagt Rousseau am Anfange des „Emil“: „Alles ist gut, wie es aus den Händen des Urhebers aller Dinge hervorgeht; alles entartet unter den Händen des Menschen.“ An einer anderen Stelle heißt in derselben Schrift: „Stellen wir als unantastbaren Grundsatz fest, daß die ersten Regungen der Natur immer gut sind; es giebt keine ursprüngliche Verderbtheit in dem menschlichen Herzen.“ Auch Salzmann läßt in seinem „Konrad Kiefer“ den Pfarrer sprechen: „Lieber Herr Kiefer, es giebt eine Erbsünde, eine Regung zum Bösen und eine Abneigung vom Guten, die die Kinder von ihren Eltern bekommen; sie wird ihnen aber nicht sowohl angeboren, als anerzogen.“ Dagegen behaupten die strengen Supranaturalisten, daß die menschliche Natur zum Guten aus eigener Kraft absolut unfähig ist. Die Wahrheit liegt wohl, wie so oft, so auch hier, in der Mitte. In der Natur des Menschen kann kein Absolut-Böses, wohl aber die Anlage zum Relativ-Bösen sein. Die gemäßigteren Supranaturalisten beschränken ihre Ansicht auch dahin, daß dem Menschen eine Neigung zum Bösen angeboren sei, die sich in der frühesten Jugend mit Übergewicht äußere.

[29] Wohl enthalten die nachfolgende Worte Salzmanns über die sittliche Erziehung manches Beherzigenswerte, wollen aber mit Vorsicht aufgenommen sein. Wenn Salzmann Verbote und Gebote als „moralische Gängelbänder“ verwirft, so folgt dieses aus seinem anthropologischem Prinzipe, das auf den Naturalismus beruht. Das Kind muß den Anordnungen des Erziehers nicht folgen, weil es von deren Vernünftigkeit überzeugt ist, sondern aus Gehorsam, der in der Autorität und in der Liebe zum Lehrer beruht. Das erste Haupterfordernis der Zucht ist der Gehorsam. So fordert auch Jean Paul, daß alle Erziehung beim Gehorsam anfangen müsse. Erst auf die Stufe der Zucht folgt die Stufe der Freiheit des Willens. Doch ist die keimende Selbständigkeit des Kindes zu beachten.

[30] Die Schrift: „Erster Unterricht in der Sittenlehre für Kinder von 8-10 Jahren“ erschien 1803.

[31] Siehe Salzmanns Anmerkung S. 52. Locke und Rousseau hatten das Baden im Freien zur Abhärtung des Körpers sehr empfohlen. Ihnen folgten die Philanthropen, indem sie dasselbe praktisch ausführten. So hatte auch Salzmann das Baden in den zu seinem Besitztume gehörigen Teichen eingeführt. Man hielt diese Neuerung vielfach als für die Gesundheit nachteilig, namentlich gab man an, daß das Baden im „kalten“ Wasser die Nerven aufrege. Hierauf beziehen sich Salzmanns Worte. In neuester Zeit beginnt man Schulbäder in den Schulanstalten einzurichten wie z. B. in Göttingen, Hannover, Frankfurt am Main.

[32] Die Schrift: „Heinrich Gottschalk oder erster Religionsunterricht für Kinder von 10-12 Jahren“ erschien 1804; ihr folgte 1808 der „Unterricht in der christlichen Religion“.

[33] [Nach] diesen Worten scheint Salzmann wenig von einer Vorbildung zum Lehrerberufe auf einer Pflanzschule zu halten, nachdem er doch selbst kurz vorher den Umriß zu derselben entworfen hat. Als einfacheren Weg stellt er die Regel: „Erziehe dich selbst!“ auf. Der Grund liegt, wie Karl Richter bemerkt, wohl darin, daß er bei seinem Plane nicht sowohl Dorfschulen und ihre Lehrer, sondern junge Theologen als Lehrer in Familien und an Privatinstituten im Auge hatte. Schon zu Salzmanns Zeit bestanden an vielen Orten Seminare, wie das Berliner Seminar, von Hecker gegründet, und die von Friedrich d. G. in Schlesien eingerichteten Seminare. Die von Salzmann gegebenen Regeln sind von den Erziehern wohl zu beherzigen; sie genügen aber durchaus nicht zur Bildung derselben. Wer selbst den Lehrerberuf nicht theoretisch und praktisch erlernt hat, wozu sich am besten unsere heutigen Lehrerbildungsanstalten mit ihren Übungsschulen eignen, kann kein tüchtiger Erzieher sein. Deshalb wird auch bei den Prüfungen der Lehrer auf die pädagogische Ausbildung und auf die Lehrprobe das Hauptgewicht gelegt. Zu fordern ist auch, daß die Schulaufseher und Schulleiter sowohl theoretisch als praktisch pädagogisch geschult sind, was leider bis jetzt noch nicht stets der Fall ist.

[34]Der Himmel auf Erden“ erschien 1797. Salzmann zeigt in dieser Schrift, daß der Mensch die Glückseligkeit nicht erst im Jenseits erwarten solle, sondern daß er sich schon hier auf Erden das Leben zu einem Himmel gestalten könne und zwar durch sittliches Handeln und treue Pflichterfüllung, durch lebendige Erkenntnis Gottes und im Umgange mit ihm, durch fromme Betrachtung seiner Werke. Eine neue Ausgabe dieser Schrift ist 1885 von August Roth besorgt worden (Minden, J.C.C. Bruns' Verlag).

[35] Das Original des Robinson (Univ.-Bibl. Nr. 2194. 2195) hatte der Engländer Daniel Defoe (1661-1731) 1719 nach den Erlebnissen eines Matrosen, namens Alex. Selkirks frei bearbeitet. Campe gab dieses Buch mit vielfach eingestreuten Betrachtungen und langweiligen Belehrungen 1779 unter dem Titel: „Robinson der Jüngere“ heraus. Mit dieser Zeit hat dasselbe viele Auflagen erlebt und gehört noch jetzt zu den beliebtesten und vielgelesensten Jugendschriften. Neue treffliche Bearbeitungen lieferten G.A. Gräbner, Ferd. Schmidt, Mensch, Höcker. Schon Rousseau wies in seinem „Emil“ auf den Robinson hin. Er sagt: „Ein gutes Buch ist es, das mein Emil zuerst lesen soll; es wird lange Zeit ganz allein seinen Bücherschatz bilden und wird jederzeit den vornehmsten Rang in diesem einnehmen. Es soll der Text sein, von dem unsere Unterhaltung über die menschlichen Erfindungen und Wissenschaften ausgeht; es soll der Prüfstein sein, an dem ich die Fortschritte in der Urteilskraft meines Zöglings erproben will; und so lange sein Geschmack einfach und natürlich bleibt, weiß ich, wird die Lesung desselben ihm ein immer neues Vergnügen bereiten. Und was ist dies für ein wunderbares Buch? Ist es Aristoteles? Ist es Plinius? Ist es Buffon? Nein! Es ist Robinson Crusoe.“ Hettner sagt von dem Buch: „Es entrollt sich darin ein Bild vor uns, so groß und gewaltig, daß wir hier noch einmal die allmähliche Entwickelung des Menschengeschlechts überschauen.“ Und in der Vorrede der Ausgabe von Gräbner heißt es: „Der Held hat Fleisch und Blut, er tritt in voller Wahrheit vor uns hin; er zeigt sich in den Stunden der Schwäche wie in denen der Größe, wie er vom leichtsinnigen Knaben zum gottlosen Jünglinge wird, wie er zur Erkenntnis gelangt und wie oft er abermals strauchelt, ehe er das wird, was ihm die sittlich-religiöse Bedeutung für die Zwecke der Charakterbildung giebt.“ Die Herbart-Zillersche Schule legt den Robinson dem Gesinnungsunterrichte des zweiten Schuljahres (zweite kulturhistorische Stufe) unter. Siehe Rein: Zweites Schuljahr.

[36] [Das] Guts-Muthssche Spielbuch ist mehrfach, neu bearbeitet, herausgegeben worden. Zuletzt ist es 1884 in sechster Auflage vom Seminar-Oberlehrer O. Schettler unter dem Titel: „Guts-Muths' Spiele zur Übung und Erholung des Körpers und Geistes, gesammelt und bearbeitet für die Jugend, ihre Erzieher und die Freunde unschuldiger Jugendfreuden“(Hof, Grau & Co.) erschienen. Ihm sind seit dem Erlasse des preuß. Kultusministers 1882 über die Jugendspiele eine Menge neuer Sammlungen von Turnspielen gefolgt. Es seien genannt: Ambros: „Spielbuch 400 Spiele und Belustigungen für Schule und Haus“; Köhler: „Bewegungsspiele des Kindergartens“; Wagner: „Illustriertes Spielbuch für Knaben“; Stangenberger: „Spiele für die Volksschule“; Schettler: „Turnspiele für Knaben und Mädchen“; Jacobs: „Deutschlands spielende Jugend“; Bräunlich: „Kinderspiele und Liederreigen für Mädchen“; Leske: „Illustriertes Spielbuch für Mädchen“; Lier: „Turnspiele für Deutschlands Jugend“; Kohlrausch und Marten: „Turnspiele“; Bruns: „Illustriertes Kinderspielbuch“; Wießner: „Fest- und Freizeit-Spielbüchlein“; Kümpel: „Das Spiel der Jugend und seine Bedeutung für die Volksschule“; Lausch: „134 Spiele im Freien für die Jugend“; Matz: „Über die Spiele der Kinder“; Wolter: „Das Spiel im Freien“; Zander: „Über die Bedeutung der Jugendspiele für die Erziehung“.

[37] Die hier genannten Schriften sind jetzt veraltet, doch an ihre Stelle neue getreten. Es seien genannt: Leunis: „Synopsis der 3 Naturreiche“; Brehm: „Illustriertes Tierleben“, „Leben der Vögel“; Lenz: „Gemeinnützliche Naturgeschichte des Tierreichs“; Lüben: „Anweisung zu einem methodischen Unterrichte in der Pflanzenkunde“; Auerswald: „Botanische Unterhaltungen“; Teller: „Wegweiser durch die 3 Reiche der Natur“; Cürie: „Anweisung zur Bestimmung der Pflanzen“; Garcke: „Flora von Deutschland“; Thomé: „Lehrbuch der Botanik“, „der Zoologie“; Roßmäßler: „Die 4 Jahreszeiten“, „Flora im Winterkleide“, „der Wald“; Postel: „Führer durch die Pflanzenwelt“; Polack: „Illustrierte Naturgeschichte“; Dietlein: „Tierkunde“; Scholz: „Tierkunde“; Eiben: „Schulnaturgeschichte des Tierreichs“, „des Pflanzenreichs“; Vogel: „Erster Unterricht in der Naturgeschichte“; Twiehausen: „Der naturgeschichtliche Unterricht in ausgeführten Lektionen“; Schleiden: „Die Pflanze und ihr Leben“; Grube: „Biographien aus der Naturkunde“, „Naturbilder“; Wagner: „Pflanzenkunde“, „In die Natur“; Lüben: „Anweisung zu einem methodischen Unterrichte in der Tierkunde“; Masius: „Naturstudien“, „Die gesamten Naturwissenschaften“; Taschenberg: „Was da kriecht und fliegt“; Schubert: „Naturgeschichte“.

[38] Gewiß ist das unmäßige Lesen, namentlich, wenn es nur geschieht, um zu lesen, von großem Schaden. Der Lehrer lese alles nur in Beziehung auf seinen Beruf und seine Lehrfächer. Namentlich gewöhne er sich daran, mit der Feder in der Hand zu lesen. Er merkt sich dadurch nicht allein das Gelesene besser, sondern er verbessert auch seinen Stil. Er achte aber auch auf das Lesen seiner Zöglinge. Er bewahre sie vor dem verderblichen Viellesen; deshalb ist die Benutzung der Schülerbibliothek wohl zu kontrollieren, und man halte darauf, daß der Schüler über den Inhalt des aus derselben entnommenen Buches Bericht erstatte.

[39] Schon im Dessauer Philanthropin gab es Meritentafeln. Von hier aus führte Salzmann sie auch in seiner Anstalt ein. Die Meritentafeln bestanden bei Salzmann aus einer schwarzen, im Betsaal aufgehängten und mit den Namen sämtlicher Schüler versehenen Tafel. Für jede Leistung und Arbeit erhielten die Zöglinge je nach dem Werte derselben „Billette des Fleißes“. Hatte einer 50 von diesen, so ward hinter seinem Namen auf der Tafel ein gelber Nagel eingeschlagen = er hatte einen „goldenen Punkt“ erworben. Wer deren 50 hatte, erhielt den „Orden des Fleißes“, der bei feierlichen Gelegenheiten auf der Brust getragen ward. Er bestand aus einem goldenen Kreuze, das in der Mitte ein rundes Schildchen hatte, auf dem sich ein erhaben gearbeitetes Grabscheit mit den Buchstaben D. D. u. H. (= Denken, Dulden und Handeln) befand. Durch diese Auszeichnungen ward der Fleiß des Schülers wohl angespornt, aber auch ein falscher Ehrgeiz und die Selbstüberschätzung großgezogen. Das Lernen ward dadurch zum Mittel zum Zwecke herabgewürdigt, anstatt selbst Zweck zu sein. Nicht äußerliche Auszeichnung, sondern der Unterricht des Lehrers soll das unmittelbare Interesse des Lernenden, mit dem dieser sich ganz dem Wissensstoffe hingiebt, erwecken. Wenn Salzmann gegen die körperliche Züchtigung redet, so hat er diese Ansicht nicht immer gehabt. In „Noch etwas über die Erziehung“ und im „Konrad Kiefer“ empfiehlt er sie noch. Unserer Ansicht und Erfahrung nach muß der Lehrer die körperliche Züchtigung nur als letztes Strafmittel ansehen, zu dem er erst dann greifen darf, wenn alle anderen nichts gefruchtet haben. Auch Luther empfiehlt einen „eichenen Butterwecken“ als „geistige Salbe“. Der Pädagoge Ludw. Döderlein sagt: „Es kann eine Schule bestehen ohne körperliche Züchtigung, aber nicht ohne die Möglichkeit derselben, nicht ohne die Berechtigung zu derselben.“Gegen die körperliche Züchtigung schrieb Schuldirektor Dr. Th. Mertens in Hannover († 1887) in seiner Schrift: „Schläge in der Schule?“

[40]Non est quovis ligno fit Mercurius“ = „Nicht aus jedem Holze läßt sich ein Merkur schnitzeln.“ Dieses Wort soll von Pythagoras herrühren. Dem Comenius ward auf seine Forderung: jeder Mensch müsse unterrichtet werden, dies Wort entgegengehalten. Seine Antwort war: „Aber aus jedem Menschen ein Mensch.“

Ende.