die Fabel vom Frosch und von der Haselmaus:

„Vor vielen, vielen Jahren lebte eine Haselmaus mit sehr weichen Füßchen und hellen Aeuglein in einer kleinen Höhle nahe an dem Fuß eines Felsens. Die kleinen Kinder, welche von einigen benachbarten Hütten herbeikamen, um auf einem Moosplatz unter diesem Felsen zu spielen, konnten die Höhle nicht sehen, weil ein Zweig von Epheu darüber hergewachsen war; und da der Epheu das ganze Jahr grün blieb, so gewährte er der Haselmaus ein beständiges Obdach. Nicht weit von der Höhle der Haselmaus, in einem sumpfigen Platz unter dem Felsen lebte eine Familie von Fröschen, welche sich in den dunkeln Stunden der Nacht durch ihr Gequake der Nachbarschaft kund gaben, so daß Jeder, der vorbeigieng, sie leicht ausfindig machen konnte, wenn er sich die Mühe nehmen wollte. Nun geschah es in einer hellen Mondnacht, daß eine Anzahl roher Knaben, welche vom Felde in ihre Hütten zurückgiengen, zufällig das Quaken dieser Frösche hörte, worauf sie dem Schalle nachgiengen bis zu ihrem Aufenthaltsort, und anfiengen, sie mit Steinen zu werfen. Dadurch wurden die kleinen Thiere bewogen, sich zu flüchten, so gut sie konnten, und einer von ihnen nahm seine Zuflucht zu der Wohnung der Haselmaus, wo er sich hinter die grüne Thüre von Epheu setzte, und um Erlaubniß bat, unter diesem Obdach zu bleiben, bis die Gefahr vorüber wäre. Die Haselmaus, als sie von den Umständen unterrichtet war, hieß den Frosch sehr freundlich willkommen, und sagte zu ihm, obgleich ihre Höhle sehr klein sei, so stehe ihm doch die Hälfte derselben zu Dienst. Der Frosch war sehr dankbar für dieses gütige Anerbieten, schob sich in die Höhle hinein, kauerte sich auf eine Seite so eng zusammen, als er konnte, und wartete ganz ruhig, bis der Lärm der Knaben aufhören würde. Es wurde sonst kein Laut in den Wäldern gehört, als das Zirpen einiger Grillen, die sich in der Nähe aufhielten, und das Plätschern einer kühlen Quelle, welche über den Felsen herabrann.

Als seine Furcht nachgelassen hatte, fieng der Frosch an, nach seiner Gewohnheit sich zu blähen und aufzublasen, und ließ seiner üblen Laune freien Lauf. „In der That, Nachbarin Haselmaus“ — sagte er — „du hast da eine sehr bequeme Wohnung, ob sie gleich für unser zwei kaum geräumig genug ist, und dennoch könnte ich sehr froh sein, den Rest meines Lebens hier zuzubringen.“

„Ja“ — erwiederte die Haselmaus — „die Wohnung ist allerdings sehr bequem, und ist schon lange ein Eigenthum unserer Familie.“

„Wirklich“ — fuhr der Frosch fort — „ich wünschte nur, daß sie ein bischen größer wäre: denn ich fürchte, du wirst schon finden, daß du in deinem Winkel kaum Platz genug hast.“ — Damit fieng er an, seine faltige Haut so aufzublasen, daß die kleine Haselmaus ganz an die Wand gedrückt wurde, und da sie merkte, daß es vergeblich sein würde, sich mit einem so gehässigen Thiere in einen Streit einzulassen, flüchtete sie sich aus der Höhle, lief einen großen Theil der Nacht hindurch, und kam vor der Morgendämmerung wohlbehalten am andern Ende des Waldes bei einer bequemen Wohnung an, welche ihrem Bruder gehörte. Unterdessen blieb der Frosch in der Höhle, und da er in einem Winkel derselben einen Vorrath von Lebensmitteln fand, welche die Haselmaus für den Winter aufgespeichert hatte, ließ er sich diese Leckerbissen so gut schmecken, bis er so breit und dick wurde, daß er nicht mehr durch die Oeffnung der Höhle hindurch konnte. Nach und nach verschlossen Erdstückchen und Steinchen, die vom Felsen herabfielen, den Eingang vollends, und da das Wasser, welches über die Felsen rieselte, eine versteinernde Eigenschaft hatte, so wurde der Frosch in seiner Höhle eingeschlossen, wie in einem Grab, und ohne Luft schöpfen zu können, mußte er darin bleiben bis vor ungefähr dreißig Jahren. Da wurde von einigen Steinbrechern der Fels, der aus Kalkstein bestand, gebrochen; sein Grab ward geöffnet; er athmete noch ein paar Mal, und starb.“

Damals verstand ich den Sinn dieser Fabel nicht, und ergötzte mich nur an der Erzählung selber; später aber fiel sie mir oft ein, wenn ich sah, wie übel es einem Menschen gehen kann, der einen Andern gewaltthätig aus seinem Eigenthume vertreibt, und sich zum Besitzer davon macht, besonders aber, wenn ich darauf Acht hatte, welch’ trauriges Ende der Undank nimmt. O du armer Mann! dachte ich da, du hast auch nichts vom Unglück des Frosches gehört!

So lebte ich nun unter glücklichen Umständen in leichtem Kindersinne dahin bis in’s eilfte Jahr; da hatte ich die erste schmerzhafte Erfahrung zu machen. Mein Vater wurde gefährlich krank, und man sagte mir bald, daß an seine Genesung nicht mehr zu denken sei. Ich war untröstlich, denn ob er gleich ein strenger Mann gewesen, so hatte ich ihn doch herzlich lieb, und konnte mich nicht in die Trennung von ihm schicken. Ich kniete oft an seinem Krankenlager und weinte. Er war ganz ruhig und in sein Schicksal ergeben. „Jedem Menschen,“ sagte er, „ist seine Stunde bestimmt, und er kann ihr nicht entrinnen. Die meinige ist nun gekommen, und ich fürchte sie nicht. Ich hoffe, in das Paradies einzugehen. Allah akbar! (d. h. Gott ist groß!)“ Mein Vater verließ sich darauf, daß er in Mekka gewesen, und glaubte deßwegen, die Seligkeit könne ihm nicht fehlen. Als ich nachher zur Erkenntniß der christlichen Wahrheit kam, war ich oft wegen seines Schicksals in der Ewigkeit sehr bekümmert, bis mich Gott nach Seiner großen Barmherzigkeit auch darüber innerlich beruhigte. Am siebenten Tage nach dem Anfang seiner Krankheit starb mein Vater. Nach der Beerdigung übernahm mein Bruder das Handlungsgeschäft und die Haushaltung. Sonst blieb Alles beim Alten. Guly besuchte mich alle Tage, und wir brachten die meiste Zeit bei einander zu. Zwar gab’s ein Jahr darauf einen schweren Krieg. Eine türkische Armee zog bis nach Wien, und belagerte diese Stadt neun Wochen lang, wurde aber geschlagen, und mußte in Eilmärschen sich bis nach Belgrad zurückziehen. Da kamen auch viele Tausende gefangener Christensklaven durch die Stadt, welche durch ihr jammervolles Aussehen manches türkische Herz zum Mitleiden bewegten. Aber Alles das gieng vorüber, und war für Kinder meines Alters mehr ein unterhaltendes Schauspiel als ein Gegenstand ernsthafter Ueberlegung. Sonst gieng ein Tag dahin wie der andere, mit wenig Abwechslung in unserem kleinen häuslichen Kreise. Was ich wünschte, bekam ich im Ueberfluß; Plage hatte ich keine als manchmal Langeweile; zu fürchten hatte ich auch nichts als die Trennung von meiner Guly, welche ich wie eine Schwester liebte. Dieß ist Alles, was ich von meiner Jugendzeit bis in’s siebenzehnte Jahr meines Alters zu erzählen weiß. Als ich dasselbe angetreten hatte, gefiel es meinem Bruder, dem ich wie einem Vater gehorchen mußte, mich mit einem seiner Freunde, einem türkischen Kriegs-Commmissär und Zahlmeister bei den Janitscharen, zu verloben. Ich kannte ihn nicht, war auch nicht darum befragt worden, und das Widerstreben hätte nichts geholfen: ich mußte mich also darein ergeben. Was mir diese Veränderung am meisten erschwerte, war die Besorgniß, in Zukunft die Gesellschaft meiner lieben Guly entbehren zu müssen, an die ich mich so sehr gewöhnt hatte. Aber wie ganz anders gieng’s! Mein Bruder hatte beschlossen, ehe die Heirath wirklich vollzogen würde, noch eine große Geschäftsreise nach Tiflis und Ispahan zu machen, und trat diese Reise im Juni des Jahres 1688 wirklich an. Ich nahm Abschied von ihm, ohne daran zu denken, daß wir uns zum letzten Mal gesehen hätten. Aber bald hieß es, Belgrad solle belagert werden, und schon im Anfang des August rückten die Deutschen, unter der Anführung des tapfern Kurfürsten von Bayern, Maximilian Emanuel, gegen die Stadt an. Im Anfang hatten die Türken gar wenig Furcht, und hielten es fast für unmöglich, daß die Stadt eingenommen werden könnte; deßwegen wurde auch Niemanden gestattet, aus der Stadt zu flüchten. Aber am 10. August merkte man aus den Anstalten, welche die Deutschen trafen, daß es ihnen mit der Belagerung Ernst sei, und nun bekamen die Einwohner der Stadt Erlaubniß, auf ihre Rettung bedacht zu sein. Viele Personen brachten nun ihr bestes Eigenthum auf die Schiffe, und fuhren damit die Donau hinunter. Aus allen Straßen drängten sich Leute herzu, welche ihr Leben vor dem Christenschwert, und ihre Habe vor den räuberischen Christenhänden in Sicherheit bringen wollten. Aber noch war nicht die Hälfte der Fliehenden eingeschifft, als sich ein ungemein heftiger Sturmwind erhob, der die übrigen vom Strome hinweg in ihre Häuser trieb, um auf den morgenden Tag zu warten, denn während des Sturmes war es nicht möglich, die Schiffe zu laden und fortzubringen. Unter diesen Flüchtlingen, die wieder in die Stadt zurückkehren mußten, war auch ich. Mit zwei Sklavinnen und einem Bedienten hatte ich mein väterliches Haus verlassen, und nichts mit mir genommen, als eine kleine Kasse voll Goldstücke und mein Juwelenkästchen. Aber ich war zu spät an den Haven gekommen, um noch mit den ersten Schiffen abfahren zu können, und als ich schon mit einem andern Schiffer für mich und meine Leute akkordirt hatte, was mein Bedienter besorgte, da kam jener Sturm, und trieb uns in die Stadt zurück. Es war eine angstvolle Nacht, und kein Schlaf kam in meine Augen. Der Sturm wehte heftig fort, und wenn er morgen nicht aufhörte, so war zu befürchten, daß uns der einzig noch offene Weg zu entkommen, auch vollends verschlossen werde. Endlich nach Mitternacht wurde es ruhig, der Sturm hatte aufgehört, und ich faßte wieder neuen Muth und neue Hoffnung. Die Augenblicke wurden mir zu Stunden, bis der Tag anbrach, und ich das Haus verlassen konnte, um zum Haven in das rettende Schiff zu eilen. Zuerst gieng ich nach dem Hause meiner Freundin Guly, deren Familie sich, wie ich erst spät in der Nacht hörte, endlich auch noch entschlossen hatte, zu fliehen. Aber schon dort hörte ich, was den muthigsten Flüchtling in Angst und Schrecken setzen mußte, daß nämlich die Stadt umher von den Deutschen völlig berennt und eingeschlossen sei; kein Ausweg zur Flucht sei mehr offen, und ein Jedes müsse sich nun auf das Schicksal gefaßt machen, das auf die Einwohner einer belagerten und eroberten Stadt warte. Unglückselige Botschaft! Da stand ich, von allen meinen Hoffnungen herabgeworfen zu der traurigen Nothwendigkeit, in die Hände christlicher Sieger zu fallen, die an den Türken so viel erlittene Mißhandlung und Grausamkeit zu rächen hatten. Ich fiel meiner Freundin um den Hals und weinte, und sie weinte mit. O die armen kurzsichtigen Menschen, die sich so viele vergebliche Sorgen machen! O die noch ärmeren, die keinen lebendigen Gott kennen, auf den sie ihr Vertrauen setzen dürften, und daher in Verzweiflung gerathen, sobald es dunkel wird um sie her! So war ich damals. Die erbarmende Liebe Gottes, welche etwas Besseres für mich ausersehen hatte, machte mir das Entrinnen unmöglich, und ich war darüber höchst unzufrieden und schmerzlich betrübt. Er wollte mir zur wahren Freiheit helfen, und mir graute nur vor Ketten und Banden des Leibes. O Er hielt mich damals schon fest mit Seilen der Liebe. Lobe den Herrn, meine Seele!

Zweites Kapitel.
Der Besuch in Wien.

So nahm denn am 11. August die eigentliche Belagerung der Stadt ihren Anfang, und weil ich in der Vorstadt an der Oberstadt wohnte, so mußte ich meine Wohnung gleich den Feinden überlassen, und mich auf die andere Seite in die Wasserstadt flüchten, wo ich in dem Hause meiner Freundin Guly freundliche Aufnahme fand. Das war eine Zeit großer Angst und Furcht, in welcher eine Schreckensbotschaft die andere ablöste, die Tage ohne Ruhe und die Nächte ohne Schlaf dahingiengen, und jeder Lebende nur Einen Nachbar hatte, nämlich den Tod. O hätte ich damals recht beten können, wie viel leichter wäre mir das Alles zu tragen gewesen! In den sechs und zwanzig Tagen der Belagerung wuchs die Noth und Beängstigung von Tag zu Tage mehr. Alle Nachrichten von den täglichen Fortschritten der Feinde überzeugten uns, daß nichts Anderes als die Einnahme der Stadt zu erwarten sei. Endlich am 6. September wurde, ungeachtet der verzweifelten Gegenwehr von türkischer Seite, durch die unglaubliche Tapferkeit der Christen die Stadt und Festung mit stürmender Hand erobert, und in der ersten Hitze Alles niedergemacht. Da die Wasserstadt, wo wir wohnten, am weitesten von dem Anlauf entfernt war, so mußten wir auch länger in der Todesangst schweben. Immer näher wälzte sich das brüllende Geschrei der Sieger und das jammernde Wehklagen der Mißhandelten und Sterbenden; ich hatte mich darauf gefaßt gemacht zu sterben, und es war noch mein einziger Wunsch, nur nicht den Barbaren als Sklavin in die Hände zu fallen. Aber was ich auf’s Aeußerste fürchtete, gerade das widerfuhr mir. Ein vornehmer Offizier nahm mich gefangen, ergriff mich bei der Hand, und riß mich in größter Eile mit sich fort. So gieng’s denn durch das Gedränge von Menschen und Pferden, über Todte und Verwundete hinüber, durch Bäche von Blut, unter herzzerreißendem Geschrei von allen Seiten, der Sklaverei zu, vor der mir’s tausendmal mehr schauderte, als vor dem Tode. Welche Bestürzung, welches Entsetzen mich damals ergriffen hatte, kann man sich denken. Etlichemal suchte ich, wenn wir in’s Gedränge kamen, mich loszureißen, und wollte lieber von den Pferden zertreten werden, als eine Gefangene der Christen sein. Aber ich wurde fest bei der Hand gehalten, und mußte folgen, wohin ich nicht wollte, bis ich, von fremdem Blut fast ganz überzogen, endlich mit großer Mühe in’s feindliche Lager gebracht war.

So mußte ich denn Sklavin sein unter einem Volke, das ich aufs Aeußerste verabscheute, nicht blos, weil mir von Kindheit an ein Haß gegen die christliche Religion eingepflanzt war, sondern auch, weil ich sehen, hören und erfahren mußte, wie diejenigen, die sich rühmten, Christen zu sein, eben so arg und noch ärger als die Türken lebten, und sich mit den gräulichsten Lastern befleckten. Das konnte dann freilich bei mir und andern Türken keinen andern Eindruck machen, als daß ihre Religion ganz falsch, und sie ferne sein müssen von der Furcht des wahren Gottes. Nachher erst lernte ich auch Christen von einer besseren Beschaffenheit kennen, die mich anders denken lehrten.

Indessen war bei mir keine Wahl; ich mußte folgen, wohin mich der, den mir Gott zum Herrn und Gebieter gegeben hatte, haben wollte. Als nun der Kurfürst von Baiern nach der Eroberung Belgrads so schnell zurückeilte, daß er schon den 4. Oktober in seiner Residenz zu München ankam, so mußten ihm auch seine christlichen Truppen schleunigst folgen, und so wurde auch ich noch denselben Herbst von meinem Gebieter, dem bairischen Obristlieutenant Burget, durch Ungarn und Oestreich nach Baiern geführt, und in die Stadt Landshut gebracht. Unterwegs machte mein Herr einen Besuch bei seinem Bruder in Wien, der östreichischen Hauptstadt, welche die Türken Beks nennen. Dieser war ein kaiserlicher Hofrath und wohnte in der Annagasse, nicht weit vom Kärnthner Thor. Mein Herr durfte nur drei Tage in Wien bleiben, was ihm sehr ärgerlich war, und mir wo möglich noch mehr. Denn hier lernte ich zum ersten Mal einen Christen kennen, der diesen Namen verdiente. Es war ein alter Legationsrath, der im Hause des Hofraths wohnte, und schon mehrfach als Gesandtschafts-Sekretär gedient hatte. Er kam jedesmal zum Essen, und ich verstand so viel Deutsch, um aus seinen Erzählungen zu merken, daß in ihm ein frommes Gemüth sei, das für alle Erfahrungen, die er in seinem Leben gemacht, Gott die Ehre gab, und Ihm für Seine Güte dankte. Das war mir etwas ganz Neues und Seltsames, und ich war sehr aufmerksam, um kein Wort zu verlieren, das dieser gute alte Mann sagte. Einmal bei Gelegenheit einer Nachricht, daß an mehreren Orten auf der türkischen Grenze die Pest ausgebrochen sei, theilte er seine eigenen Erfahrungen mit, die in uns Allen einen tiefen Eindruck von der schrecklichen Gewalt dieser Krankheit zurückließen. Ich will es mit seinen Worten wieder erzählen:

„Als ich,“ sagte er, „vor drei und zwanzig Jahren Gesandschafts-Sekretär in London war, brach dort die große Pest aus, die vielen tausend Menschen das Leben kostete. Diese Krankheit machte nicht viele Umstände: in der kürzesten Zeit raffte sie die vorher gesundesten Menschen hinweg. Manchmal fiel ein Mann oder eine Frau mitten auf dem Marktplatz todt darnieder: denn viele Leute, welche die Pest hatten, wußten nichts davon, bis ihre Lebensgeister angegriffen wurden und sie in wenig Augenblicken starben. Häufig fielen Leute auf diese Weise auf den Straßen ohne irgend ein Vorzeichen plötzlich um, und waren auf der Stelle todt. Andere hatten etwa noch Zeit, bis zur nächsten Bude oder Thorhalle zu gehen, und setzten sich nieder und starben. Diese Vorfälle waren auf den Straßen so häufig, daß man kaum Jemand wandeln sah, wohl aber hie und da einen Leichnam auf dem Boden liegen. Im Anfang standen die Vorübergehenden still, wenn sie so einen Todten antrafen, und riefen den Nachbarsleuten zu, sie sollten herbeikommen; aber nachher, als die Fälle so häufig wurden, und die Angst eines Jeden für sein eigenes Leben immer größer, nahm man gar keine Notiz mehr davon. Fand Jemand unterwegs einen Leichnam liegen, so gieng er quer über den Weg, um ihm auszuweichen; und war es in einer engen Gasse, so kehrte er um und machte einen andern Weg. Da blieben denn die Leichname so liegen, bis die Polizei Nachricht hatte und sie wegschaffen ließ, oder bis in die Nacht, wo sie der Todtenkarren, der durch die ganze Stadt fuhr, auflud.“

„Auf meinen Wanderungen mußte ich manchen traurigen Auftritt mit ansehen von Leuten, welche in den Straßen todt niederfielen, oder das furchtbare Angstgeschrei der Frauen anhören, welche im Todeskampf noch die Fenster öffneten, und auf eine erschreckliche Weise herausschrieen. Eines Tages, als ich durch Tokenhouse Yard gieng, wurde plötzlich gerade über mir ein Fensterflügel heftig aufgerissen, und eine Frau stieß drei furchtbare Schreie aus, und rief: O Tod! Tod! Tod! in einem schreckenerregenden Tone, der mir das Blut gerinnen machte. Es war Niemand auf der Straße zu sehen, öffnete auch Niemand ein Fenster: denn die Leute hatten alle Neugierde verloren. In Whitechapel kannte ich eine Familie von zehn Personen: sie waren alle anscheinend wohl am Montag; am Samstag Nachmittag waren alle todt, und das Haus stand leer.“

„Ein sonderbarer Vorfall begegnete nur eines Abends, als ich über City Road gieng. Es war schon halb Abenddämmerung, und ein dichter Nebel, der kaum zehn Schritte weit sehen ließ. Ich hatte mich verspätet, und eilte, um noch bei Tage meine Wohnung zu erreichen, ohne Jemand zu berühren. Niemand begegnete mir. Niemand zeigte sich auf der Straße. Auf einmal sah ich vor mir eine Gestalt, die sich bewegte, und blieb stehen. Bei genauerer Betrachtung fand ich, daß es ein Mensch war, der sich bemühte, einen andern zu Boden gefallenen, und also wahrscheinlich todten Menschen aufzurichten. Ich rief ihm zu: „„Freund! bedenket Ihr auch, was Ihr thut? Ihr rühret einen Menschen an, der ohne Zweifel an der Pest gestorben ist, und müßt doch wissen, daß eine solche Berührung das Leben kostet!““ — Der Mann richtete sich langsam auf, und entgegnete mit einer hohlen Stimme: „„Kamerad! für mich darfst du keine Sorge haben; ich bin schon einmal an der Pest gestorben, mir thut sie nichts mehr; aber den da hat sie scharf gepackt.““ — Die Stimme klang so tief herauf, ihr Inhalt war so sonderbar, Alles umher so still, alle Umstände waren so aufregend, und die Gestalt stand im Nebel so feierlich da, daß es mir zu verzeihen gewesen wäre, wenn ich wirklich geglaubt hätte, einen Geist aus der andern Welt zu hören; aber indem ich überlegte, was ich aus der Sache machen sollte, fiel die lange Gestalt mit einem Schrei zu Boden, und war auch todt. Nachher hörte ich, daß es ein Wahnsinniger gewesen, der durch die Abwesenheit seines Wächters, welcher etwas holen wollte, Gelegenheit gefunden hatte, sich los zu machen und auf die Straße zu gehen. Da traf er denn seinen Wächter an, den die Pest unterwegs ergriffen und getödtet.“

„Zu dieser Zeit lebte auch Lord Craven in London. Sein Haus war in dem Theil der Stadt, der seitdem Craven Buildings heißt. Als die Pest allgemein wurde, entschloß sich der Lord, auf seinen Landsitz zu ziehen, um der Gefahr zu entgehen. Als er durch sein Schloß gieng, den Hut auf, seine Handschuhe anziehend, um eben in die Kutsche zu steigen, hörte er seinen Kutscher, der ein Neger war, zu einem andern Bedienten sagen: „„Ich denke, da mein Herr London verläßt, um der Pest zu entfliehen, so muß sein Gott auf dem Lande leben, und nicht in der Stadt.““ — Der arme Schwarze sagte dieß in der Einfalt seines Herzens, weil er wirklich glaubte, daß es verschiedene Götter gebe, die an verschiedenen Orten Macht haben. Dieses Gespräch machte aber auf Lord Craven einen solchen Eindruck, daß er in London blieb, wo er in dieser Zeit der Noth sehr thätig und nützlich war, und Gott war so gnädig, sein Leben zu erhalten.“

So erzählte der Legationsrath, und setzte hinzu: „Lasset uns Gott bitten, daß diese fürchterliche Plage nicht auch zu uns herüberdringe. Wir hätten’s wohl verdient mit unsern Sünden.“

Wie gerne hätte ich diesem Manne mein Herz geöffnet, wenn die Umstände es erlaubt hätten, und unser Aufenthalt in Wien von längerer Dauer gewesen wäre. Aber nach drei Tagen mußte ich auch diesen Ruhepunkt wieder verlassen, und meine betrübte Reise weiter fortsetzen. O wie schmerzlich war das! Vom Vaterlande immer weiter hinweg, ohne Hoffnung, wieder in dasselbe zurückzukommen, oder jemals Eines von den Meinigen wieder zu sehen; und hinein unter ein Volk, gegen welches ich die größte Abneigung hatte, und von dem ich nichts als Verachtung, Mangel und harten Dienst zu erwarten hatte. Als wir Wien verließen, hörten wir dort schon ein Volkslied auf die Eroberung von Belgrad singen, das also anfieng:

Sechszehnhundert acht und achtzig

Hobn’s Belgrad eing’nomme;

Die Türke, die seyn g’loffe,

Wie der Maxel is komme &c.

Das war auch wieder eine Erinnerung an mein Unglück, die mich schmerzlich verwundete; und so war auch meine Lage in Landshut nicht dazu geeignet, mich dasselbe vergessen zu lassen. Mein Herr war zwar ein gutmüthiger, rechtschaffener Mann; aber seine Frau, aus Böhmen gebürtig, war streng und unbarmherzig, führte einen ungeordneten Lebenswandel, war besonders dem Weintrinken ergeben, und plagte und mißhandelte mich oft über die Maßen. Wie oft seufzte ich nach Erlösung; aber es schien, als ob kein Ohr auf meine Bitten hörte. Nirgends fand ich eine Freundin oder Vertraute, vor welcher ich hätte mein Herz ausleeren können, und Guly — ach! ich habe ganz vergessen, von ihrem Schicksal etwas zu sagen. Wir hatten uns fest an einander geschlossen, um mit einander zu sterben; als aber der Obristlieutenant Burget in unser Haus eindrang und mich gefangen nahm, kam von der andern Seite ein anderer feindlicher Hauptmann, der Guly am Arme ergriff, und trotz ihrem Schreien und Sträuben von mir losriß. Ich habe sie nicht wieder gesehen. So gieng mir’s denn hart und schwer; endlich aber kam doch auch eine Zeit der Erquickung.

Drittes Kapitel.
Der Vogt in Liebenzell.

Es war noch in demselbigen Winter, daß der Krieg am Oberrhein ausbrach, und der Kurfürst von Baiern war der Erste, der gegen Frankreich in’s Feld zog. Da mußte denn auch ich mit meinem Obristlieutenant und seiner Frau, die ich zu bedienen hatte, noch im Winter des Jahrs 1689 weiter nach Schwaben hinein, und namentlich in’s Herzogthum Württemberg, ziehen. So geschah es, daß ich zum ersten Mal das Land zu sehen bekam, in welchem so viel Segen meiner wartete. Unser Weg gieng über Würzburg und Heilbronn nach Pforzheim, und von da in das württembergische Städtchen Liebenzell. Da mußte ich, während meine Herrschaft weiter zog, bleiben, so lange der Feldzug währte, und wurde dem damaligen Vogt oder Amtmann daselbst, Namens Frisch, in die Kost gegeben. Nun war ich auf eine Zeit lang aus meinem Kerker los, und konnte wieder freier athmen. Das Städtchen liegt in einem tiefen, engen Thale des Schwarzwaldes an dem Nagoldflusse, und lehnt sich an einen Hügel, welchen die Trümmer einer alten Ritterburg krönen, malerisch an. Hier ist’s das ganze Jahr ruhig und geräuschlos; die Straße, welche von Calw und Hirschau durch’s Thal herunter führt, ist nicht sehr belebt; auf allen Seiten steigen hohe, steile Berge, die mit Weißtannen und Eichen bewachsen sind, himmelan, und das Städtchen selbst wird nur in den Sommermonaten lebendiger, wo die dort befindlichen warmen Bäder stark besucht werden. Was mir aber mehr werth war, als dieß, das war die Erfahrung, welche ich bald machen durfte, daß ich in eine wahrhaft christliche Familie gekommen sei. In Wien hatte ich die vorübergehende Erscheinung eines wahren Christen gesehen; hier konnte ich das ruhige, liebliche Bild eines ganzen christlichen Hauskreises täglich von allen Seiten beobachten. Da erst fieng ich an, eine bessere Meinung von den Christen und ihrer Religion zu bekommen. Die Predigten, welche ich von dem Stadtpfarrer Mack und dem Helfer Moseder hörte, und die Freundlichkeit und Liebe, welche ich von der lieben Familie des Herrn Vogts erfuhr, machten zum ersten Mal den Gedanken in mir rege, daß ein Christ doch besser sei als ein Türke, und daß ich mich wohl auch noch entschließen könnte, eine Christin zu werden. Vor allen Dingen aber wollte ich das Wort Gottes selbst kennen lernen: denn ich hatte einmal den Spruch in der Kirche gehört: „So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger, und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ Dieser Spruch hat mich sehr gefreut; denn wenn man einem Gefangenen sagt, wie er frei werden könne, so lacht ihm das Herz. An die Freiheit, welche Christus meint, dachte ich dabei nicht, denn von dieser verstand ich noch nichts. Aber ich hatte von da an eine mächtige Begierde in mir, das Neue Testament durchzulesen. Zwar hörte ich in der Kirche manchen Abschnitt daraus, auch wurde in unserm Hause bei der Morgen-Andacht jeden Tag ein Kapitel aus der Bibel vom Herrn Vogt selbst vorgelesen; aber das Alles genügte mir nicht, ich wäre gern selbst an der Quelle gewesen, um mit vollen Zügen daraus zu trinken. Allein vor dieser Quelle hieng ein Schloß. Ich konnte nicht lesen. Ich dachte aber, lernen sei keine Schande, und bat die zwölfjährige Tochter des Vogts, mich im Lesen zu unterrichten. Da ich mit großem Ernst und Eifer an dieses Geschäft gieng, so war ich auch in wenig Wochen damit im Reinen, und nun konnte ich meinen Durst befriedigen, und war unbeschreiblich froh, dieses verschlossene Heiligthum nun vor mir eröffnet zu sehen. Freilich kam ich da an Manches, was ich nicht so bald verstand; aber ich hatte Jemand, an den ich mich wenden durfte: das war die Schwester des Herrn Vogts, Frau Doktor Commerell aus Stuttgart, eine sehr liebreiche und äußerst verständige Frau, die während der Sommermonate das Bad in Liebenzell gebrauchte und in unserem Hause wohnte. Diese nahm sich meiner wahrhaft mütterlich an, und gewann durch ihre Freundlichkeit mein ganzes Vertrauen, so daß ich sie über Alles fragen konnte, was mir dunkel war, und nie von ihr abgewiesen wurde. Das war mir viel werth.

Eine besondere Freude hatte ich mit den liebenswürdigen Kindern des Vogts, die alle einen sehr aufgeweckten und lebhaften Verstand zeigten. Wir ergötzten uns oft an ihren kindlichen Einfällen, deren mir immer noch einige erinnerlich sind.

Der fünfjährige Theodor war eines Morgens früh wach geworden, als eben der Vater sich rüstete, eine Reise nach Wildbad zu machen. Es war ein schöner Aprilmorgen; die Sonne war eben aufgegangen und schien hell in’s Zimmer herein. Theodor fragte: „Warum hat denn heute die Sonne so früh ausgeschlafen? Nicht wahr, Vater! sie ist so früh aufgestanden, um dir auf dem Wege nach Wildbad zu leuchten?“

Ein ander Mal auf einem Abendspaziergang, als der Mond abwechselnd hinter den Wolken war, und der Stern Jupiter in seiner Nähe, sagte Theodor: „Sieh’, Vater, der Mond will den Stern fangen.“

Als die Großmutter krank war, fragte er sie: „Warum bist du krank?“ Sie sagte: „Ja, das weiß nur der liebe Gott.“ Er fuhr fort: „Darf man Ihn denn fragen?“ — „Nein,“ antwortete die Großmutter, „man muß mit Allem zufrieden sein, was Gott thut.“ — Theodor fragte weiter: „Darf man denn den lieben Gott fragen, wenn man zu Ihm in den Himmel kommt, warum Er einen hier krank werden läßt?“ — „O!“ war die Antwort, „im Himmel bei Gott ist man dann so froh, daß man dann noch besser weiß, man solle nicht so fragen.“

Einmal fragte er: „Warum blühen die Birnbäume weiß, und die Apfelbäume roth? nicht wahr, weil jene weiße Birnen und diese Aepfel mit rothen Backen tragen?“

Ein ander Mal sagte er: „Man sollte die Männer Nauspersonen heißen, weil so viele auf der Straße vorbeigehen; die Frauen aber Stubenpersonen, weil sie mehr im Zimmer bleiben.“

Die sanft aussehende, aber manchmal etwas eigensinnige Lina fragte die Mutter: „Warum tadelst du mich denn so oft, und fremde Leute loben mich doch immer?“ — Man sieht daraus, wie vorsichtig man mit seinen Aeußerungen auch über kleine Kinder sein muß, wenn sie dabei sind.

Von den Fliegen sagte Lina, sie seien Müßiggänger und Schmarotzer. Ein ander Mal aber, als sie sah, daß die Kindsmagd das Tischtuch in’s Feuer ausschüttelte, sagte sie zu ihr: „Ei, Regina! weißt du nicht, daß Gott für die Sperlinge sorgt, und muß es Ihm nicht mißfallen, wenn du so manche Brosamen zu Grunde gehen lässest, welche ein Frühstück für die Sperlinge hätten geben können?“

Ihren Großvater, der ziemlich übel hörte, fragte sie: „nicht wahr, Großvater, du hörst nicht wohl, weil du so alt bist?“ — „Ja!“ — „Aber du bist doch nicht älter als der liebe Gott, und der hört doch Alles!“

Aehnliche Aeußerungen kamen fast täglich vor, und machten uns manche fröhliche Stunde.

Der Vogt hatte auch zwei Knaben von neun und zehn Jahren, die bei großer Munterkeit sehr viel Gutmüthigkeit zeigten, und wenn die Lebhaftigkeit zuweilen in Wildheit ausartete, doch das Gute hatten, daß sie dem elterlichen Befehl auf der Stelle gehorchten. Wir hatten an einem schönen Nachmittag im Mai einen Spaziergang in das nur eine Stunde entlegene Kloster Hirschau gemacht, um von dem frommen Abt Matthäus Aulber, der seinem Ende nahe war, Abschied zu nehmen. Er wurde weggerafft vor dem Unglück, das drei Jahre später dieses große und schöne Kloster traf, als die Franzosen es durch Brand zerstörten. Wir waren Alle voll von dem Eindruck, welchen das Bild dieses sterbenden, ehrwürdigen Dieners Christi in unsern Herzen zurückließ, und als bei unserem Weggehen die großen Fenster des hochgelegenen Prälaturgebäudes im letzten Strahl der Abendsonne glänzten, so ergriff uns der Gedanke, daß auch drinnen ein helles Licht der Kirche im Verlöschen sei, dessen letzte Strahlen wir aus den Fenstern seiner Augen hatten schimmern sehen. Ernst gestimmt wandelten wir das enge Thal hinunter, dem Fluß entlang. Ein paar böse Knaben begegneten uns, die einem armen alten Mann nachspotteten, weil sein alter brauner Tuchrock mit weißer Leinwand geflickt war. Die beiden Knaben des Vogts waren auch in Versuchung, in das Gelächter einzustimmen; aber ein scharfer Blick vom Vater verwies es ihnen sogleich, und etwas später fragte er sie: „Kinder! warum ist’s nicht recht, über jenen armen Mann zu lachen?“ — „Wir haben ja nicht über den Mann gelacht, sondern nur über seinen Rock,“ antwortete Ernst.

„Ei! was soll das heißen?“ fuhr der Vater fort. „Ist der Rock lächerlich, so ist auch der Mann lächerlich, daß er den lächerlichen Rock anzieht!“

„Aber,“ sagte Gottfried, „der Mann kann ja nichts dafür, daß sein Rock so geflickt ist; er wird eben kein anderes Tuch gehabt haben.“

Der Vater stand still. „Seht ihr wohl, daß keiner von beiden das Auslachen verdient, weder der Mann noch sein Rock! Der arme Mann kann nichts dafür, daß sein Rock so geflickt ist, weil er kein anderes Tuch hatte, und der Rock ist ohnehin unschuldig. Aber wißt ihr denn auch, was hier besser am Ort gewesen wäre, als auslachen?“

Beschämt sagten Beide mit einander: „Mitleiden mit dem armen Manne, daß er keinen bessern Rock hat.“

„Nun,“ erwiederte der Vater, „merkt euch dieß für ein anderes Mal, und nennet mir eine Geschichte aus dem Alten Testament, an die man in solchen Fällen denken muß.“

Gottfried. O ich weiß schon, du meinst die Geschichte von den bösen Knaben aus Bethel, die im zweiten Buch der Könige steht.

Vater. Recht, die meine ich, und wenn wir nach Hause kommen, will ich sie euch vorlesen.

Ernst. O, aber aus dem Bilderbuch!

Vater. Gut.

Als wir nach Hause gekommen waren, wurde gleich das Bilderbuch geholt, und die Geschichte aufgeschlagen. Der Vater las:

Elias war im Feuerwagen,

Empor in’s Reich des Lichts getragen,

Und staunend blickt Elisa nach.

D’rauf greift er nach Eliä Mantel,

Zertheilt des Jordans tiefen Bach,

Und schickt sich zum Propheten-Wandel.

Mit Salz beginnet er sein Amt,

Die bösen Wasser rein zu machen, —

Und sehet, wie sein Eifer flammt,

Als böse Buben ihn verlachen!

Von Bethel sie gekommen waren,

Woher der Kälberdienst gestammt,

Und wild, als wie die rothen Kamt-

schadalen, rufen ihre Schaaren:

„Komm her, du Kahlkopf! Komm herauf,

Kahlkopf!“ — und machen ihn zum Spott.

Und er die wilde Brut verdammt

Im Namen des Herrn Zebaoth,

Und setzt dann weiter seinen Lauf.

Und eh’ ihr euch umgesehen habt,

Und Elisa auf den Carmel kommt,

Da ist der Fluch schon eingetroffen:

Im nahen Eichwald dumpf es brummt,

Und es kommen zwei Bären einhergetrabt,

Den schrecklichen Rachen grimmig offen.

Nun hört man ein Jammern und Zettergeschrei,

Der Eine flieht da, der Andere dort,

Aber das Fliehen ist bald vorbei:

Die Meisten ergreift der blutige Mord,

Und zweiundvierzig Knaben zerrissen,

Die Strafe der Bosheit leiden müssen.

Doch haben die Bären keinen verzehrt;

Nicht Hunger sie trieb, sondern Gottes Schwert.

Sie gehen nun langsam wieder heim,

Und suchen sich Bäume mit Honigseim.

Zuweilen machte der Vogt einen Besuch bei seinem Freunde, dem Pfarrer Roth in Möttlingen, einem kleinen Dorfe östlich von Liebenzell. Er war damals schon neunzehn Jahre Pfarrer auf diesem Dorfe, und blieb nachher noch neunundzwanzig Jahre daselbst. Da der Vogt gewohnt war, bei solchen Besuchen immer seine ganze Familie mitzunehmen, zu welcher ich auch gezählt wurde, so durfte ich jedesmal auch mitgehen, was mir eine besondere Freude machte, da ich den Pfarrer Roth, einen sehr unterhaltenden Mann, so gern erzählen hörte. Ich hatte ein rechtes Herz zu ihm, und konnte ihm meine Gedanken und Empfindungen ganz offen mittheilen. Er verstand mich gleich, und wußte mir immer etwas Passendes zu antworten. Einmal z. B. sagte er mir: „Weißt du denn auch, wie die Bauernweiber bei uns es machen, ehe sie zu Bette gehen?“ — „Nein,“ sagte ich. — „Nun sieh, damit sie nicht am Morgen die Mühe haben, erst Feuer anzumachen, kehren sie am Abend die Glut auf dem Heerd zusammen und bedecken sie mit Asche, dann haben sie am andern Morgen gleich wieder Feuer. Nun mach’ du’s auch so. Wenn du Abends zu Bette gehst, so bitte den Heiland, daß Er die guten Gedanken in deiner Seele zusammenkehre, damit du sie am Morgen gleich wieder findest, und dein erster Gedanke beim Erwachen Jesus sei.“ Diesen Rath habe ich denn auch befolgt, und großen Nutzen davon gehabt.

Ein anderes Mal äußerte ich gegen ihn, wie bang es mir sei, wenn ich nun bald wieder in den Dienst meiner Herrschaft zurücktreten müsse, wo ich nichts als Spott und Verachtung zu erfahren haben würde, wenn ich meinen Glauben an Jesum bekennen wollte, und wo es mir schmerzlich ahnd thun werde nach dem christlichen Umgang und Unterricht, den ich in meiner jetzigen Lage in so reichem Maße genieße. Bei dieser Gelegenheit erzählte er mir, zur Ermunterung meiner Standhaftigkeit, die Geschichte von dem jungen christlichen Märtyrer