1905
So spricht die edle Rasse: Ich tue dies und das, weil ich es mir schuldig bin.
Das Bild vom Sündenfall bedeutet eigentlich nichts anderes als die — moralisch gesehene — Sichselbstbewußtwerdung des Tieres. Den Eintritt des ‚Geistes‘ in die Naturgeschichte.
140Was wir aus der Geschichte des Geistes lernen können, das ist, meine ich, vor allem eine immer tiefere Bescheidenheit, uns zu äußern.
Es gibt keine Einzelschuld, es gibt nur Gesamtschuld. Wir müssen uns durchaus gegenwärtig halten, daß die Bestrafung eines Verbrechers durch unsere Behörden nur den Schein der Gerechtigkeit für sich hat, nicht die Gerechtigkeit selbst; denn wie könnte die wahre Gerechtigkeit sich gegen einen einzelnen wenden, sie, die das ganze Gewebe des Lebens vor sich ausgebreitet sähe.
Alles muß allem dienen. Es gibt im letzten Sinne keine Ungerechtigkeit.
Wer tief ist, muß sich schämen, sich so zu zeigen.
Es gibt kein widerwärtigeres Schauspiel, als wenn aus einem Menschen ein Berufspfaffe wird.
Wer die Grausamkeit der Natur und der Menschen einmal erkannt hat, der bemüht sich selbst in kleinen Dingen, wie dem Niedertreten des Grases, schonungsvoll zu sein.
Es ist leicht möglich, daß die moralischen Vorstellungen allmählich eine nicht nur moralische, sondern direkt dynamische (magnetische) Atmosphäre über der Erdoberfläche geworden sind, eine Welt, die sich in gewissem Sinne selbst regelt, selbst ihre Ausgleiche schafft, ihre eigene Gerechtigkeit hat und übt. Daher 141dann jene oft beobachtete Justiz der Geschichte, jene vielen ‚gerechten Vergeltungen‘, jene moralischen Ausbrüche und Gegenströme.
Es gibt keine unleidlichere Gewohnheit, als das sogenannte Nötigen bei Tische. Dieses ewige Zureden in einer höchst untergeordneten Sache, die jeder mit sich selbst abzumachen hat, sollte unter Menschen, die auf sich halten, verpönt sein.
Auf Föhr:
Ich höre Anreden von Fremden an Eingeborene wie die folgenden: ‚Sie tragen noch die alte Tracht; bleiben Sie ja dabei; ich sehe das zu gern; lassen Sie auch Ihre Kinder in dieser Tracht gehn!‘ Oder: ‚Nein, was ist Ihre Tochter für ein schöngewachsenes Mädchen! Sehn Sie nur, meine Herren, dieses schmale Gesicht und dabei dieses kleidsame Mieder …‘ Als ob diese Halligbewohner, diese Nachkömmlinge der alten Friesen, Schaustücke eines Panoptikums wären; als ob sie nicht mit Fug herabsehen könnten auf diese zusammengewürfelte Gesellschaft halbkranker Groß- und Kleinstädter, die mit all ihrer ‚Bildung‘ nicht einmal wissen, wie ein Mensch einem Menschen gegenüberzutreten hat.
Meine Liebe sind allein die großen Unbedingten, die Glück oder Tod bringen, die sich vor allem bringen mit ihrem Geschmack, ihrer Wertsetzung und ihrem ethischen Pathos, die den unbeirrbaren Sinn für Größe besitzen, eine tiefe unauslöschliche Liebe zu dem, für welches sie geboren sind.
142Und mein Haß: Die Geschmackler, die Renaissanceier, die ‚Töpfegucker jeder Stimmung‘ — die qualligen Ästheten, die stupenden Magister .. all dieses unproduktive und anmaßende Volk, das die Mode von heute ist, wo unser innerstes Leben nach Stil dürstet, nach Kultur, nach Ernst, nach Kraft, nach Männern, nach Willen und noch einmal nach dem ethischen Pathos eines Nietzsche, eines Dostojewski, eines Lagarde, eines Tolstoi.
Niemand ist zu gut für diese Welt. Menschen, von denen dies gesagt wird, sind vielmehr in irgend einem Betrachte nicht gut genug.
Wehe und wohl dem Menschen, der an keine Ungerechtigkeit mehr glaubt.
Die Mutter der Tiefe heißt: Schuld.