1905

Wenn man den Sternenhimmel mit Ernst betrachtet, 219wird man gestehen müssen, daß Gott, der Schöpfer, der größte Gedanke war, der je in ein Menschengehirn kommen konnte, wie zugleich Gott, der Sittenrichter einer der beschränktesten. Aber so gewiß der letzte unzählige Male bis zu Ende gedacht worden ist, so ungewiß ist es, ob der erste je in seiner ganzen unerhörten Mächtigkeit Herz und Hirn eines Sterblichen ergriffen und zerstört hat.


Ein Mensch, dessen ganzes Leben darauf gerichtet ist, das Rätsel Christi zu lösen.


Die Entwickelung der Fahrzeuge verfolgt langsam denselben Weg wie die religiöse Entwickelung. Der Vorspann verschwindet, die bewegende Kraft wird ins Innere selbst verlegt.


Leben ist die Suche des Nichts nach dem Etwas.


Der Mensch hat kein Vorrecht auf Rücksicht. Groß und unbeirrt geht die Natur ihren Gang, und Legionen denkender Wesen fallen als Opfer, weil ihr Denken noch nicht Macht genug über ihr Leben gewonnen hat.


Wie könnten wir die große Selbstkorrektur des Lebens anders als ahnungsvoll verfolgen?


Jeder Mensch ist ein neuer Versuch der Natur, über sich ins Reine zu kommen.

2201906

Wie die Sprache für uns denkt und dichtet, so auch das Leben. Es ist interessant, zu beobachten, wie ins Rollen gekommene Verhältnisse sich oft genug ohne unser weiteres Zutun vollenden wollen (z.B. ein Liebesverhältnis, für dessen Entwickelung sich das Leben gewissermaßen viel mehr interessiert als die Beteiligten selbst). (Kette der ‚Zufälle‘.)


Alles Lebendige ist umflossen vom Äther der Sinnlichkeit. Oder: Die Luft der lebendigen Welt ist ein leicht entzündliches und jeden Augenblick an hunderttausend Punkten aufflammendes Gas: Sinnlichkeit.


Gibt es eine schönere Form, an einen Menschen zu denken, als ihn ‚Tag um Tag in sein Gebet mit einzuschließen‘? Und doch haben wir diese Form fallen lassen müssen …


Es gibt wenig gewaltigere Dinge, als den Schluß des Johannes-Evangeliums. Zuerst die dreimalige Frage an Simon Johanna: ‚Hast du mich lieb?‘ Es ist, als ahnte und fürchtete Christus das ganze Papsttum voraus, die ganze offizielle Kirche, die ihn unzählige Male vergessen und verraten sollte. ‚Weide meine Schafe!‘ Eine welthistorische Szene. Und Christus verkündet ihm seinen Tod. ‚Und da er das gesagt, spricht er zu ihm: Folge mir nach!‘ ‚Petrus aber wandte sich um und sah den Jünger folgen, welchen Jesus lieb hatte …‘ ‚Da Petrus diesen sah, spricht er zu Jesu: Herr, was soll aber dieser?‘ ‚Jesus spricht zu ihm: So ich will, daß er bleibe, bis ich komme, 221was geht es dich an? Folge du mir nach!‘ ‚Da ging ein Reden aus unter den Brüdern: Dieser Jünger stirbt nicht. Und Jesus sprach nicht zu ihm: Er stirbt nicht, sondern: So ich will, daß er bleibe, bis ich komme, was geht es dich an?‘ Keine Szene mehr, ein Mysterium: Dieses Vorbei Christi an dem andern, dieses allerletzte Wort — nach dem letzten — an den Vertrauten seiner Seele. — ‚Was geht es dich an?!‘ — ‚Bis ich komme. —‘

222Weltbild: Episode, Tagebuch eines Mystikers