1907
Alles Jüdische ist vorwiegend destruktiv. Jesus, der größte Jude, ist auch der größte Destruktor der 117‚Welt‘. Spinoza ist nichts andres und wird darum auch von dem jüngsten jüdischen Destruktor Mauthner in seiner Eigenschaft als Antiteleologe über alle andern Denker erhoben. Mit Mauthner selbst kommt vielleicht die tollste Zerstörung in Gang, die die Geschichte des Geistes bisher erlebt hat. Man halte wider diese dämonischen Revolutionäre den Moralkritiker Nietzsche und man hat den ganzen Gegensatz zweier wie Feuer und Wasser verschiedener Welten. In Nietzsche ist alles ein Schaffen, Bauen, Konstruieren, Befehlen, Bestimmen; der Zweck heiligt ihm alle Mittel, er lebt und stirbt für selbstgeschaffene, irdische, hiesige Ideale. Er will das Furchtbare der menschlichen Existenz durch den Willen adeln, formen, überwinden. Alles in ihm ist Zuchtgedanke. Die Juden sind die Opponenten der Schaffenden, ihre Korrektoren, ihre bösen Gewissen.
Es ist wundervoll, in dieses wahrhaft weltgeschichtliche Dissonieren hineinzuhorchen.
Eine interessante Mischung von beiden ist der Mystiker, ist für mich vor allem Meister Ekkehart. Spinoza war so nahe an der Mystik, wie nur ein jüdischer Denker sein kann, aber er betrat ihr Reich nicht. Er war zu klug dazu, oder, anders ausgedrückt: die Leidenschaft des Schaffenden war nicht so sehr in ihm, wie die Leidenschaft des Erkennenwollenden. Daher auch seine Heiterkeit. Willenspassion und Heiterkeit vertragen sich nur sehr zeitweilig, das wußte auch Schopenhauer. Spinoza sah wie Christus über die ‚Welt‘ hinweg. Den Germanen aber ist diese ‚Welt‘ doch zu sehr selbst Gegenstand, Kunstmaterial, Entwickelungsstoff, sie wollen nicht so sehr 118über die Welt hinaus, als in sie hinein. Goethe nahm sich von Spinoza die Freiheit, das gute Gewissen. Spinoza mußte ihm eine Bürgschaft mehr sein, daß dieser verhaßte Wahn von einem außerweltlichen Gott eben nur ein Wahn sei. Und nun mit dieser bestärkten Souveränität in sich ging er hin und wirkte sein Leben mit jedem Atemzuge in das Leben hinein, das er um sich vorfand, befruchtete sich aus ihm und es mit sich und wurde so ‚in der Beschränkung‘ der ‚Meister‘, als den wir ihn immer wieder erleben.
Alles öffentliche Leben ist wenig mehr als ein Schauspiel, das der Geist von vorgestern gibt, mit dem Anspruch, der Geist von heute zu sein.
For the happy fews — sollte das doch aller Weisheit Schlußwort zur Öffentlichkeit sein?
Für mich begehre ich nicht viel, wenn ich aber Talente sehe, die ein großes Volk in seiner Unwissenheit, Gleichgültigkeit und Kleinlichkeit verkümmern läßt, dann steigt mir der Zorn auf.
Ich kann an Polen nicht ohne ein tiefes Unbehagen, ja nicht ohne Grauen denken. Ich möchte lieber selbst ein Pole sein, um glühend an der inneren Wiedergeburt dieses Volkes mitzuarbeiten, als so von außen dem Schauspiel seiner Schmach und Schwäche beiwohnen zu müssen.
Am Vollblut spürst du sofort, was Adel ist, beim Menschen wirst du's nicht gelten lassen. 119Wohin käme ein stiller Beobachter, wenn er die gegenwärtigen deutschen Zustände an einigen großen Gedanken Paul de Lagardes messen, nein, nicht nur sie messen: wenn er sich unwillig von allem gegenwärtigen Leben zurückziehen wollte, weil es ihrem erhabenen Ernste so gar nicht entspricht? Dahin, wo er am wenigsten verharren möchte: ins Land der Verbitterung, der Lebensfeindlichkeit, der Verneinung. — Aber eine beständige Trauer, wenn er bedenkt, welche Wege die Entwickelung hätte einschlagen können und welche sie eingeschlagen hat, wird ihn nicht verlassen, und sie und ihre geheime Wirkung wird der Tribut sein, mit dem sich der Geist eines Gesetzgebers wird bescheiden müssen, den die Deutschen nicht verdient haben.
Organisation ist das große Wort, dem die Zukunft gehört.
Darf einem die Organisation der römischen Kirche keine Bewunderung einflößen — als eine der wenigen großen Machtgebilde auf Erden, die dauern?
In der Gesellschaft läuft alles darauf hinaus, daß einer vor dem andern den Hut abnimmt. ‚Ich nehme den Hut vor dir ab, damit du den Hut vor mir abnimmst.‘ Ein stillschweigendes Übereinkommen, das den, der klug und ‚liebenswürdig‘ in seinem Sinne handelt, in der ‚allgemeinen Achtung‘ außerordentliche Grade erreichen läßt.
Du erklärst, du fühlst nicht sozial, du verachtest deine Mitmenschen fast mehr als daß du sie liebst. Gut. Ich 120verlange weder soziales Gefühl von dir, noch Verehrung des ‚Nächsten‘. Aber wenn du neben dir einen Hund verhungern siehst, so wirst du ihm von deinem Essen mitteilen, das versteht sich von selbst. Nun, ich verlange nur, daß du mit einem Mitmenschen fühlst wie mit einem Hunde, nämlich: Im Fall der äußersten Not: solidarisch.
In New York haben sich die Kellner ein Klubhaus gebaut. Man sollte sie auch bei uns dazu ermuntern und ihnen von jetzt ab kein Trinkgeld mehr (welch überlebte Bezeichnung), sondern nur noch Klubgeld geben.
Ein durch und durch kultivierter Kellner ist ein Kunstwerk, das nicht nur in Wien seine Lobredner haben sollte. Er hat etwas von einem Philosophen, von einem Arzt, einem Soldaten. Ganz anders, wie der Friseur etwa, der den Komödianten nie ganz los wird, oder die Kellnerin, die doch eben immer ein Weib bleibt, das heißt ein Geschöpf, von dem vollkommene Sachlichkeit weder verlangt werden darf noch will. In der großen Universität der täglichen Angelegenheiten, an der ich mir, als an einem Parallelinstitut der ehrwürdigen Alma Mater, das halbe moderne Leben neu erzogen denke, sollte der Lehrstuhl für die Wissenschaft von den Pflichten und Rechten des Kellners besonders sorgfältig besetzt werden. Wann übrigens wird diese Universität, nach der unser ganzes Leben von heute ruft, und zu der bereits unzählige Ansätze vorhanden sind, ins Leben treten?
121Es ist ganz gewiß, daß die Menschen erst anfangen werden, im Geist zu leben. Hat erst die demokratische Bewegung das Ihre getan und neue Intelligenzen und Energien heraufgebracht, so wird es nicht bei der Langweiligkeit und Mittelmäßigkeit der heutigen Geschäfte bleiben. Die Phantasie wird ihr großes Zeitalter antreten, Organisationen werden entstehen, an die heut nur die Reichsten auch nur zu denken wagen, und werden sich halten: weil die Lust des Gehorchens um wichtiger Ziele willen dann stärker geworden sein wird, als die Lust, die heute regiert, die Lust zur größtmöglichen Behaglichkeit, im sozialistischen, wie im bourgeoisen Sinne. Weil man dann wieder jene höhere Art des Genießens, des Lebensgenusses verstehen wird, die unter Napoleon zuletzt halb Europa erfüllte, und in deren Bann unzähliges Volk allen Schlages und Ranges wieder einmal bewies, daß es noch ein ganz anderes Glück bedeuten kann, mit einem ‚vive l'empereur‘ auf den Lippen zu sterben, als mit einem ‚ni Dieu ni Maitre‘ zu leben.
Manche Leute müssen über ihre Dummheit durchaus öffentlich quittieren.
Einen Krieg beginnen, heißt nichts weiter, als einen Knoten zerhauen, statt ihn auflösen.
Man kann ein halbes Leben lang den Krieg verwerfen — bis man eines Tages erkennt: nein, der Krieg gehört vielleicht noch immer unter die tragischen Selbstzuchtmittel der Menschheit. Und furchtbarer als der Krieg bleibt, daß selbst dieses schreckliche 122Mittel dem Menschen nicht mehr nützt, als es geschieht; daß es ihn wohl tüchtig erhalten mag, im gegebenen Augenblick in den Tod zu gehen, aber daß es ihn nicht tüchtiger dazu macht, in sich zu gehen und damit in den Tod seines bisherigen Lebens.
Lehrer-Komödie: Die Armut der Lehrer, während die Staaten Unsummen für die Wehrmacht hinauswerfen. Da sie nur Lehrer für 600 Mark sich leisten können, bleiben die Völker so dumm, daß sie sich Kriege für 60 Milliarden leisten müssen.