1909
Wie eigentümlich ähneln sich Schwyzerdütsch und Norwegisch!
Wie ist jede — aber auch jede — Sprache schön, wenn in ihr nicht nur geschwätzt, sondern gesagt wird.
Es gibt nichts Hemmenderes als Gemeinplätze und Redensarten. Jede Redensart ist die Fratze eigener Gedanken, ein ‚Mitesser‘ im Zellengewebe des Denkers.
107Was du denkst und sagst, ist vor allem Ausdruck. Der sogenannte eigentliche Sinn des Gesagten ist nicht sein einziger Sinn.
Die Sprache ist eine ungeheure fortwährende Aufforderung zur Höherentwickelung. Die Sprache ist unser Geisterantlitz, das wir wie ein Wanderer in die unabsehbare und unausdenkbare Landschaft Gott unablässig weiter hineintragen.
Mit jedem Worte wachsen wir.
Jedes einmal ins Licht getretene Wort ist ein Vorspann (der Menschheit) für immer.
Denn jedes fordert, sobald es nur sichtbar wird, zur Produktion heraus. Man kann kein Wort lesen oder hörend aufnehmen, ohne es zugleich aus seinen Schrift- oder Tonelementen wieder zu schaffen. Beseelen heißt schaffen; ein nicht wieder beseeltes Wort bliebe ein nicht wieder geschaffenes, das heißt für den Nichtbeseeler tot.
Man nehme ein paar beliebige Wörter: Fest. Ebene. Landschaft. Musik. Ganze Welten von Schöpfungen erheben sich, indem wir sie lesen.