1911
Man muß die Gegenwart von ihrer Wissenschaft reden hören, um zu wissen, was ein Parvenü ist.
Es gibt wenig Groteskeres als diese Ehe von: Ich weiß, daß ich nichts bin und Ich befinde über alles — in der Riesen-Zwerg-Brust des aufgeklärten, des ‚guten‘ Europäers. ‚Ein Irrtum‘ wird erwidert. ‚Wir befinden über keine letzten Dinge, wir lassen sie einfach auf sich beruhen, als etwas menschlicher Erkenntnis nicht Zugängliches. Was ich nicht weiß, macht mich 137nicht heiß! — sollte das nicht ein männlicher, ja ein heldischer Wahlspruch sein? Genug, er ist unser Wahlspruch, und er deckt sich mit dem des Peer Gynt: Jeg er mig selv nok‘. (Ich bin mir selbst genug.)
Es wäre außerordentlich merkwürdig, daß so viele selbst der Geistigsten weit unter dem Niveau leben, das der Geist auf Erden schon einmal erreicht und aufgestellt hat, — wenn nicht jede Zeit ihre eigene Aufgabe hätte und die heute verkörperten Seelen eben durch die Entwickelung dazu bestimmt wären, sich gewissen Erkenntnissen ebenso entschieden zu verschließen wie andern vorbehaltlos Tür und Tor offen zu halten.
Es gibt ein Wort aus der Stimmung des Jahrhundertanfangs: ‚Man darf jetzt schon wieder — nun z.B. von — Gott sprechen.‘
‚Man darf jetzt schon wieder‘ — das Siegel einer ‚großen‘, ‚freien‘ Zeit.
Für jeden Menschen, sagt Goethe, kommt der Zeitpunkt, von dem an er wieder ‚ruiniert‘ werden muß. So auch: für jede Kulturperiode. Die unsrige hat diesen Zeitpunkt bereits überschritten. Sie kann trotz allem, was dagegen einzuwenden ist, in einem gewissen sehr hohen Sinne nicht mehr ein ausschließliches Interesse beanspruchen. Das Hauptaugenmerk richtet sich über ihren mehr oder minder glänzenden Abklang hinweg auf den folgenden Abschnitt, dessen Aufbau, dessen Aufgaben. Ihr bleibt noch vieles zu tun; freilich aber auch dies: sich möglichst unmißverständlich und allseitig ad absurdum zu führen.