1913
So wie der winzige Same in die Erde fällt, um die Urpflanze zu wiederholen und nicht nur zu wiederholen, so ist der Mensch ein Samenkorn Gottes. Die Sonne aber, die ihn reift, ist Christus.
‚Und Sie glauben wirklich, daß dort oben im blauen Himmel Geister und Götter herumspuken?‘
284‚Sie spuken dort nicht herum, sondern sie wirken und schaffen von dort und überall her an uns und der Welt und sie spuken so wenig herum, wie es hier in dieser Tanne oder dort in jenem Berge ‚herumspukt‘. Weder Tanne noch Berg sind ohne geistige Erbauer, geistige Erhalter, geistige Weiterbildner denkbar, noch mehr, sie sind integrierende Bestandteile, Glieder, Leibesteile (wie Sie wollen) geistiger Wesenheiten.‘
Wenn man eine Geschichte der Weltliteratur aufschlägt, so scheint alles in schöner Einheitlichkeit vor einem zu liegen. Die älteste wie die neuste Dichtung sind ohne Weiteres auf die gleiche Quelle zurückbezogen, nämlich auf den Menschen, so wie man ihn heute versteht, einen Typus, den man nach dem Bilde der gegenwärtigen Menschheit geschaffen und als ungefähren Normaltypus für alle Zeiten und Länder festgesetzt hat.
Die Wirklichkeit jedoch kennt keinen solchen Generalnenner. Der Mensch verwandelt sich fortwährend und steht in den verschiedenen Zeitaltern in verschiedenem Zusammenhang mit der geistigen Welt. Er war seiner nicht immer so bar wie heut, aber er ist dies selbst heute nicht in dem Maße, wie angenommen zu werden pflegt. Ja noch mehr, er ist im Begriff, ihn langsam wieder zu gewinnen, und behält damit, da es im Licht seiner vollen Vernunft geschieht, der Welt ein noch nie erlebtes Schauspiel vor: das Bewußtwerden seiner, des Menschen, des menschlichen Geschlechtes, selbst, als, um es so auszudrücken, einer für sich besonderen kosmischen Hierarchie. 285Daß die Welt eine — richtig verstanden — Gedachtheit Gottes ist, erscheint uns nur darum so fremd, weil unsere Gedanken so blaß und schemenhaft sind. Wenn wir denken, so denken wir Schatten. Gott denkt Realität. In Ihm ist daher Denken und Welt eins.
Man muß Gott schon in Zwei teilen, wenn seine schönste Empfindung, die Liebe, nicht allerletzten Endes Selbst-Liebe sein soll.
Ist dies nicht alles Schöpfung, merkwürdige, wunderliche Schöpfung? Dieser Schrank, diese Bettstatt, dieses ganze Zimmer? Ist nicht dies alles aus Einem Grundgedanken heraus entstanden, aus Einem mathematischen Grundgedanken?
Stimmt darin nicht alles irgendwie zusammen?
Und von diesem Gedanken: daß dies alles Schöpfung aus dem Nichts ist! — ist es da noch weit zu dem Gedanken eines Schöpfers und ganzer Reiche und Stufenfolgen von Helfern desselben — noch weit zu dem Gedanken, daß hinter allem und jedem — Geist steckt und nicht bloß alleiner, unterschiedloser Geist, sondern differenzierter, tausendfältig gearteter, gestufter Geist? Ist vom Staunen über Mensch, Tier, Pflanze und Mineral mehr als ein Schritt zum Ahnen unsichtbarer Wesenheiten und davon mehr als ein Schritt zum Glauben, daß es Lehren und Lehrer geben könne, nein, zur Überzeugung, daß es Lehren und Lehrer geben — müsse, in jene Geisterwelt offenen Sinnes hineinzudringen …
287Nachwort
Die Vorarbeiten zu diesem Buch hat Christian Morgenstern noch selbst besorgt. Am weitesten gefördert von seiner Hand war der Abschnitt: ‚Tagebuch eines Mystikers‘, den er ursprünglich in einen vorwiegend autobiographisch gedachten Roman aufnehmen wollte. Mir blieb die Aufgabe, das vorhandene, zumeist noch über viele Taschenbücher verstreute Material nach seinem, öfter ausgesprochenen Plan zu sichten und dem bestehenden Rahmen einzufügen. Er sagt in einem Vorwortfragment für diese Sammlung: ‚Es liegt mir nicht daran, mit diesen durch Jahre gehenden Notizen ein neues Büchlein Aphorismen zu anderen zu geben. Es liegt mir nicht daran, mich irgendwie als Mystiker oder dergleichen herauszustellen. Zweck dieser Blätter ist allein der, aus einem Stück Entwickelung das zu lernen zu geben, was ein Stück Entwickelung nun eben zu lernen geben kann.‘
Diese Absicht wäre zweifellos noch eindringlicher verwirklicht worden, wenn der Verfasser selbst die Gestaltung des Buchs hätte vollenden können; ganz abgesehen davon, daß dann auch im Einzelnen mancher der Sätze überarbeitet worden wäre.
Für einen Zeitraum von fast sieben Jahren (1898 bis 1904) haben sich die Aufzeichnungen bisher noch nicht auffinden lassen. Der Charakter dieser mehr skeptischen Periode ist jedoch durch etliche Aphorismen des vorliegenden Bandes immerhin noch angedeutet.
Den Freunden meines Mannes, Friedrich Kayßler und Michael Bauer, die mir bei der Herausgabe behilflich waren, sei auch an dieser Stelle gedankt.
Breitbrunn am Ammersee, November 1917
Margareta Morgenstern.