4. Kapitel.
Als wir von Stockholm abfuhren, war es gleich um selbe Zeit, da die Kirschen und Weintrauben sich anfingen zu färben. Sapperment! was war da vor ein Gekribbele und Gewibbele auf dem Schiffe von soviel Leuten. Ich und meine Liebste Charmante wie auch der Herr Bruder Graf, weil der Schiffsmann sah, daß wir Standespersonen waren, hatten ein eigenes Zimmer auf dem Schiffe zu unserer Bequemlichkeit inne. Die andern Sechstausend aber mußten, der Tebel hol mer, alle nach der Reihe auf einer Streu schlafen. Wir schifften etliche Wochen sehr glücklich fort und waren alle brav lustig auf dem Schiffe, als wir aber an die Insel Bornholm kamen, wo es so viel Klippen gibt, und wenn ein Schiffsmann die Wege da nicht weiß, gar leichtlich umwerfen kann, ei Sapperment! was erhub sich im Augenblick vor ein großer Sturm und Ungestüm auf der See; der Wind schmiß, der Tebel hol mer, die Wellen die höchsten Türme hoch über das Schiff weg und fing an kohlpechrabenstockfinster zu werden. Zu dem allergrößten Unglücke noch hatte er zu Stockholm im Wirtshause den Kompaß auf dem Tische stehen lassen und vergessen, daß er also ganz nicht wußte, wo er war und wo er zufahren sollte. Das Wüten und Toben von dem grausamen Ungestüm währte vierzehn ganzer Tage und Nacht, den fünfzehnten Tag, als wir vermeinten, es würde ein wenig stille werden, so erhub sich wieder ein Wetter und schmiß der Wind unser Schiff an eine Klippe, daß es, der Tebel hol mer, in hunderttausend Stücke sprang. Sapperment! was war da vor ein Zustand auf der See! Es ging Schiff, Schiffsmann und alles, was nur zuvor auf dem Schiffe war, in einem Augenblick zugrunde, und wenn ich und mein Herr Bruder Graf nicht so geschwinde ein Brett ergriffen hätten, worauf wir uns flugs legten, daß wir zu schwimmen kamen, so wäre kein ander Mittel gewesen, wir hätten gleichfalls mit den sechstausend Seelen müssen vor die Hunde gehen. O sapperment! was war da von den Leuten ein Gelamentiere in dem Wasser! nichts mehr dauert mich noch die Stunde, als nur meine allerliebste Charmante, wenn ich an dasselbe Mensche gedenke, gehen mir, der Tebel hol mer, die jetzige Stunde die Augen noch über. Denn ich hörte sie wohl zehnmal noch im Wasser »Anmutiger Jüngling« rufen; allein was kunnte ich ihr helfen, ich hatte, der Tebel hol mer, selbsten zu tun, daß ich nicht von dem Brette herunterkippte, geschweige daß ich ihr hätte helfen sollen. Es war immer und ewig schade um dasselbe Mensche, daß es da so unverhofft ihr Leben mit in die Schanze schlagen mußte. Es kunnte sich auch, der Tebel hol mer, nicht eine einzige Seele retten als ich und der Herr Graf auf dem Brette.
Als ich und mein Herr Bruder Graf diesem Trauerspiele auf unserm Brette in der Ferne nun so eine Weile zugeschaut, plätscherten wir mit unsern Händen auf demselben fort und mußten wohl über hundert Meilen schwimmen, ehe wir wieder an Land kamen. Nach Verfließung dreier Tage bekamen wir die Spitzen und Türme von Amsterdam zu sehen, worauf wir gleich zu marschierten und den vierten Tag früh um zehn Uhr hinter des Bürgermeisters Garten mit unserm Brette nach viel ausgestandener Gefährlichkeit allda anlandeten. Damit gingen wir durch des Bürgermeisters Garten durch und immer nach desselben Hause zu. Der Herr Bruder Graf, der mußte nun das Brett tragen und ich ging voran. Wie wir nun die Gartentüre aufklinkten, welche in des Bürgermeisters Hof ging, so stund der Bürgermeister gleich in der Haustüre und sah uns da angemarschiert kommen. Mit was vor Verwunderung uns auch der Mann ansah, will ich wohl keinem Menschen sagen, denn wir sahen wie die gebadeten Mäuse so naß aus; dem Herrn Grafen lief das Wasser immer noch von seinen samtnen Hosen herunter, als wenn einer mit Mulden gösse. Ich erzählte dem Herrn Bürgermeister aber flugs mit zwei, drei Worten ganz artig, wie daß wir Schiffbruch gelitten und auf dem Brette so weit schwimmen müssen, ehe wir an Land gekommen. Der Herr Bürgermeister, welcher, der Tebel hol mer, ein wackerer, braver Mann war, der hatte groß Mitleiden mit uns, er führte uns in seine Stube, hieß warm einheizen, damit mußten ich und mein Herr Bruder Graf in die Hölle hinterm Ofen treten und uns wieder trocknen. Sobald uns nun ein wenig der warme Ofen zu passe kommen war, fing der Herr Bürgermeister an und fragte, wer wir wären. Ich fing hierauf gleich an und erzählte demselben ganz artig meine Geburt und wie es mit der Ratte damals wäre zugegangen. O sapperment! was sperrte der Mann vor ein Paar Augen auf, als ich ihm von der Ratte solche Dinge erzählte, er nahm hernach allemal auch, wenn er mit mir redete, sein Mützchen unter den Arm und titulierte mich Ihre sehr Hochwohlgeborne Herrlichkeiten.
Alsobald ließ er den Tisch decken und traktierte mich und den Herrn Grafen, der Tebel hol mer, recht delikat. Sobald als wir nun gespeist hatten, kamen etliche von den vornehmsten Staaten in des Bürgermeisters Haus und gaben mir und meinem Herrn Bruder Grafen eine Visite. Sie baten uns auch zu sich zu Gaste und erwiesen uns große Ehre, daß ich also wohl sagen kann, daß Amsterdam, der Tebel hol mer, eine vortreffliche Stadt ist. Es wurde zu derselben Zeit bald eine vornehme Hochzeit, wozu man mich und meinen Herrn Bruder Grafen auch invitierte. Denn es heiratete ein Lord aus London in England eines vornehmen Staatens Tochter zu Amsterdam, und wie es nun da gebräuchlich ist, daß die vornehmen Standespersonen, welche zur Hochzeit gebeten werden, allemal Braut und Bräutigam zu Ehren ein Hochzeitskarmen drucken lassen und sie damit beehren, so wollte ich hierinnen mich auch sehen lassen, daß ich ein brav Kerl wäre. Es war gleich um selbe Zeit bald Gertraute[30], daß der Klapperstorch bald wiederkommen sollte, und weil die Braut Traute hieß, so wollte ich meine Invention[31] von dem Klapperstorche nehmen, und der Titel sollte heißen: Der fröhliche Klapperstorch. Ich war her und setzte mich drüber und saß wohl über vier Stunden: daß mir doch wäre eine Zeile beigefallen? Der Tebel hol mer, nicht ein Wort konnte ich zuwege bringen, das sich zu dem fröhlichen Klapperstorche geschickt hätte; ich bat meinen Herrn Bruder Grafen, er sollte es versuchen, ob er was könnte zur Not herbringen, weil mir nichts beifallen wollte. Der Herr Graf sagte nun, wie er vor diesem wäre in die Schule gegangen, so hätte er ein bischen reimen lernen, ob ers aber würde noch können, wüßte er nicht, doch müßte ers versuchen, obs angehn wollte. Hierauf setzte sich der Graf nun hin, nahm Feder und Tinte und fing da an zu dichten. Was er damals nun aufschmierte, waren folgende Zeilen:
Die Lerche hat sich schon in Lüften präsentieret,
Und Mutter Flora steigt allmählich aus dem Neste;
Schläft gleich die Maja noch in ihrem Zimmer feste;
Daß also jetzger Zeit viel Lust nicht wird gespüret.
Dennoch so will ...
Als er über diesen Zeilen nun so wohl eine halbe Stunde gesessen, so guckte ich von hinten auf seinen Zettel und sah, was er gemacht hatte. Wie ich nun das Zeug las, mußte ich, der Tebel hol mer, recht über den Herrn Bruder Grafen lachen, daß es solch albern Gemächte war. Denn anstatt daß er den Klapperstorch hätte setzen sollen, hatte er die Lerche hingeschmiert, und wo Traute stehen sollte, hatte er gar einen Flor genommen; denn der Flor schickt sich auch auf die Hochzeit, und dazu hätte sichs auch hintenaus reimen müssen. Denn präsentieret und Neste, das reimt sich auch, der Tebel hol mer, wie eine Faust aufs Auge. Er wollte sich zwar den Kopf weiter darüber zerbrechen, allein so hieß ichs ihn nur sein lassen und dafür schlafen. Ob ich nun wohl auch selben Tag ganz nichts zuwege bringen kunnte, so setzte ich mich folgenden Tag früh doch wieder drüber und wollte von Gertrauten und dem Klapperstorche der Braut ein Karmen machen. O sapperment! als ich die Feder ansetzte, was hatte ich dazumal vor Einfälle von dem Klapperstorche, daß ich auch, der Tebel hol mer, nicht länger als einen halben Tag darüber saß, so war es fertig und hieß, wie folgt, also:
Der fröhliche Klapperstorch. Gertrautens-Tag werden wir balde nun haben,
Da bringet der fröhliche Klapperstorch Gaben,
Derselbe wird fliehen über Wasser und Gras
Und unsrer Braut Trauten verehren auch was,
Das wird sie, der Tebel hol mer, wol sparen,
Und keinem nicht weisen in dreiviertel Jahren.
Worzu denn wünschet bei dieser Hochzeit
Gesunden und frischen Leib bis in Ewigkeit,
Auch langes Leben spat und früh,
Eine Standesperson von Schelmuffsky.
Sobald als nun die Hochzeitstage herbeirückten, wurde ich und der Herr Bruder Graf von der Braut Vater gebeten, daß wir doch seiner Tochter die große Ehre antun möchten und sie zur Trauung führen; ich antwortete dem Hochzeitsvater hierauf sehr artig, wie daß ich vor meine Person solches gerne tun wollte, aber ob mein Herr Bruder Graf dabei würde erscheinen können, zweifelte ich sehr, dieweil der arme Schelm das kalte Fieber bekommen hätte und ganz bettlägerig worden wäre. Dem Herrn Hochzeitsvater war solches sehr leid, und weil es nicht sein kunnte, mußte der Herr Bürgermeister seine Stelle vertreten. Als ich nun die Braut zur Trauung mitführte, O sapperment! was war vor ein Aufgesehe von dem Volke, sie drückten, der Tebel hol mer, bald einander ganz zunichte, nur weil ein jedweder mich so gerne sehen wollte. Denn ich ging sehr artig neben der Braut her in einem schwarzen langen seidenen Mantel mit einem roten breiten Samtkragen. In Amsterdam ist es nun so die Mode, da tragen die Standespersonen auf ihren schwarzen Mänteln lauter rote Samtkragen und hohe spitzige Hüte. Ich kanns, der Tebel hol mer, nicht sagen, wie ich das Mensche so nett zur Trauung führte und wie mir der spitzige Hut und lange Mantel mit dem roten Samtkragen so proper ließ[32]. Da nun die Trauung vorbei und die Hochzeit anging, mußte ich mich flugs zur Braut setzen, welches nächst dem Bräutigam die oberste Stelle war, hernach saßen erstlich die andern vornehmen Standespersonen, welche mich alle, zumal die mich noch nicht groß gesehen hatten, mit höchster Verwunderung ansahen und wohl bei sich dachten, daß ich einer mit von den vornehmsten und bravsten Kerlen müßte auf der Welt sein (wie es denn auch wahr war), daß man mir die Oberstelle eingeräumt hatte.
Wie wir nun so eine Weile gespeist hatten, kam der Hochzeitsbitter vor den Tisch getreten und fing an: wer unter den Herren Hochzeitsgästen von Standespersonen dem Herrn Bräutigam oder der Jungfrau Braut zu Ehren ein Karmen verfertigt hätte, der möchte so gut sein und solches präsentieren. Sapperment! wie griffen sie alle in die Schubsäcke und brachte ein jedweder einen gedruckten Zettel herausgeschleppt und waren willens, solches zu übergeben. Weil sie aber sahen, daß ich auch in meinen Hosen herummährte[33] und auch was suchte, dachten sie gleich, daß ich ebenfalls was würde haben drucken lassen, und wollte mir keiner vorgehen. Endlich so brachte ich mein Karmen[34], welches ich auf roten Atlas drucken lassen, aus dem Hosenfutter herausgezogen. O sapperment! was war vor Aufsehens da bei den Leuten! Dasselbe übergab ich nun zu allererst der Braut mit einem überaus artigen Komplimente. Als sie nun den Titel davon erblickte, Sapperment! was machte das Mensche vor ein Gesicht! da sie aber nun erstlich solches durchlas, so verkehrte sie, der Tebel hol mer, die Augen im Kopfe wie ein Kalb, und ich weiß, daß sie wohl dasselbe Mal dachte, wenn nur der Klapperstorch schon da wäre. Die andern mochten nun Lunte riechen, daß mein Hochzeitskarmen unter ihnen wohl das beste sein müßte, und steckten, der Tebel hol mer, fast ein jedweder seines wieder in die Ficke. Etliche übergaben zwar ihre, allein weder Braut noch Bräutigam sah keins mit einem Auge an, sondern legten es gleich unter den Teller, aber nach meinem war, der Tebel hol mer, ein solch Gedränge, weil sie alle es so gerne sehen und lesen wollten. Warum? Es war vor das erste von ungemeiner Invention[35] und vor das andere überaus artig und nettes Deutsch. Dahingegen die andern Standespersonen zu ihren Versen lauter halbgebrochene Worte und ungereimt Deutsch genommen hatten: Ei sapperment! was wurde bei den Leuten vor Aufsehens erweckt, als sie mein Karmen gelesen hatten, sie steckten in einem die Köpfe zusammen und sahen mich immer mit höchster Verwunderung an, daß ich so ein brav Kerl war, und redeten immer heimlich zueinander, daß was sehr Großes hinter mir stecken müßte. Hierauf währte es nicht lange, so stund der Bräutigam auf und fing an, meine Gesundheit zu trinken. Sapperment! was war da vor ein Aufgestehe flugs von den andern Standespersonen, und machten große Reverenzen gegen mich. Ich blieb aber immer sitzen und sah sie alle nach der Reihe mit so einer artigen Miene an; der Herr Bürgermeister, bei welchem ich mit meinem Bruder Grafen im Quartier lag, der lachte immer, daß ihm der Bauch schütterte, so eine herzliche Freude hatte er drüber, daß mich alle miteinander so venerierten[36]. Warum? Es war dem Manne selbst eine Ehre, daß so eine vornehme Person, als nämlich ich, sein Haus betreten hatte.
Wie meine Gesundheit nun über der Tafel herum war, so ließ ich mir den Hochzeitsbitter eine große Wasserkanne geben, in welche wohl vierundzwanzig Kannen nach hiesigem Maße gingen, die mußte mir ein Aufwärter voll Wein schenken und über die Tafel geben. Da dieses der Bräutigam wie auch die Braut und die andern Hochzeitsgäste sahen, sperrten sie, der Tebel hol mer, alle Maul und Nasen drüber auf und wußten nicht, was ich mit der Wasserkanne auf der Tafel da machen wollte. Ich war aber her und stund mit einer artigen Miene auf, nahm die Kanne mit dem Weine in die Hand und sagte: »Es lebe die Braut Traute!« Sapperment! wie bückten sich die andern Standespersonen alle gegen mich. Damit so setzte ich an und soff, der Tebel hol mer, die Wasserkanne mit den vierundzwanzig Maß Wein auf einen Zug reine aus und schmiß sie wider den Kachelofen, daß die Stücken herumflogen. O sapperment! wie sah mich das Volk an! Hatten sie sich nicht zuvor über mich verwundert, als sie meine Hochzeitsverse gelesen, so verwunderten sie sich allererst hernach, da sie sahen, wie ich die Wasserkanne voll Wein so artig aussaufen kunnte. Flugs hierauf ließ ich mir den Aufwärter noch eine solche Kanne voll Wein einschenken und über den Tisch geben, die soff ich nun eben wie die vorige auf des Bräutigams (Toffel hieß er) Gesundheit hinein. Ei sapperment! wie reckten die Staatenstöchter, welche über der andern Tafel saßen, alle die Hälse nach mir in die Höhe, die Menscher verwunderten sich, der Tebel hol mer, auch schrecklich über mich, als sie sahen, daß ich so artig trinken kunnte.
Kurz darauf kam mir so ein unverhoffter und geschwinder Schlaf an, daß ichs auch unmöglich lassen kunnte, ich mußte mich mit dem Kopf auf den Tisch legen und ein bißchen schlafen. Als solches die andern Standespersonen merken, daß ich voll bin, lassen sie mich ins Quartier schaffen, daß ich den Rausch ausschlafen möchte. Auf den morgenden Tag, wie ich wieder erwachte, wußte ich, der Tebel hol mer, nicht, was ich vorigen Abend getan hatte, so voll war ich gewesen. Wie es nun Zeit wieder zur Mittagsmahlzeit war, kam der Hochzeitsbitter und bat mich, daß ich doch fein bald ins Hochzeitshaus kommen möchte, denn sie warteten alle mit der Brautsuppe auf mich. Ich war her, machte mich gleich wieder zurechte und ließ durch den Hochzeitsbitter sagen, sie sollten nur noch ein halb Stündchen mit dem Essen verziehen, ich wollte gleich kommen. Es verzog sich aber nicht lange, so kam die Brautkutsche mit vier Pferden und holte mich aus des Bürgermeisters Hause ab. Sobald ich nun vor das Hochzeitshaus gefahren kam, stund Toffel der Bräutigam mit der Braut schon in der Türe, daß sie mich empfangen wollten. Sie machte die Kutsche auch auf, daß ich hinaussteigen sollte, welches ich auch tat, und sprung flugs mit gleichen Beinen heraus und über Toffeln, den Bräutigam, weg, daß es recht artig zu sehen war; damit führten sie mich hinein in die Stube. Sapperment! was machten die Standespersonen alle vor große Reverenzen vor mir! Ich mußte mich flugs wieder zur Braut hinsetzen, und neben mir zur Linken saß eine Staatenstochter, das war, der Tebel hol mer, auch ein artig Mädchen, denn sie hatten denselben Tag eine bunte Reihe gemacht. Da dachte ich, du mußt doch wieder Wunderdinge erzählen, daß sie Maul und Nasen brav aufsperren und dich wacker ansehen. War hierauf her und fing von meiner wunderlichen Geburt an und die Begebenheit von der Ratte zu erzählen. O sapperment! wie sahen mich die Leute über der Tafel alle an und absonderlich Toffel, der Bräutigam. Dieselbe Staatenstochter, welche neben mir saß, die kam mir, der Tebel hol mer, nicht ein Haar anders vor als meine ersoffene Charmante, sie lisperte mir wohl zehnmal über Tische ins Ohr und sagte, ich sollte doch das von der Ratte noch einmal erzählen, und wie es zugegangen, als sie das seidene Kleid zerfressen gehabt. Sie gab auch Heiratens bei mir vor und fragte, ob ich sie nehmen wollte: ihr Vater sollte ihr gleich zwanzigtausend Dukatens mitgeben ohne die Aussteuer, welche sie vor sich noch hätte und von ihrer Mutter geerbt. Ich antwortete ihr hierauf auch sehr artig und sagte, wie daß ich ein brav Kerl wäre, der sich schon was Rechts in der Welt versucht hätte und auch noch versuchen wollte. Könnte also mich nicht flugs resolvieren, sondern müßte mich ein wenig bedenken.
Indem als ich mit der Staatenstochter so von Heiraten redete, fing Herr Toffel, der Bräutigam, an und sagte: warum ich denn den Herrn Grafen nicht mitgebracht hätte? Weil ich aber sehr artig anfing und sagte, wie daß er das alltägige Fieber hätte und nicht aufbleiben könnte, müßten sie ihm verzeihen, daß er vor dieses Mal keinen Hochzeitsgast mit abgeben könnte. Hierauf ging die Mittagsmahlzeit nun zu Ende und das Tanzen an. Ei sapperment! wie tanzten die Mädchens in Holland auch galant, sie setzten, der Tebel hol mer, die Beine so artig, daß es ein Geschicke hatte. Da mußte ich nun auch mit tanzen, und zwar mit der Staatenstochter, welche mir über der Tafel zur linken Hand gesessen und bei mir Freiens vorgegeben. Erstlich tanzten sie nun lauter gemeine Tänze, als Sarabanden, Chiquen, Ballette und dergleichen. Solch Zeug tanzte ich nun alles mit weg. Sapperment! wie sahen sie mir alle auf die Beine, weil ich sie so artig setzen kunnte. Nachdem wir nun so eine gute Weile herumgesprungen, so baten sie alle, ich sollte mich doch im Tanzen alleine sehen lassen. Nun kunnte ich ihnen leicht den Gefallen erweisen und eins alleine tanzen. Ich war her und gab den Spielleuten zwei Dukatens und sagte: Allons, ihr Herren, streicht eins einmal den Leipziger Gassenhauer auf. Sapperment! wie fingen die Kerls das Ding an zu streichen. Damit so fing ich nun mit lauter Kreuzkapriolen an und tat, der Tebel hol mer, Sprünge etliche Klafftern hoch in die Höhe, daß die Leute nicht anders dachten, es müßte sonst was aus mir springen. Ei sapperment! was kamen vor Leute von der Gasse ins Hochzeitshaus gelaufen, die mir da mit großer Verwunderung zusahen.
Nachdem ich den Leipziger Gassenhauer nun auch weggetanzt hatte, mußte ich mit desselben Staatens Tochter, welche meine Liebste werden wollte, in der Stadt Amsterdam ein wenig spazieren herumgehen, daß ich mich nur ein wenig abkühlen könnte. Ich ließ mir solches auch gefallen und ging mit demselben Mensche ein wenig in der Stadt herum, weil ich selbige noch nicht groß besehen hatte. Da führte sie mich nun überall herum, wo es was zu sehen gab. Ich mußte mit ihr auch auf die Amsterdamsche Börse gehen, welche, der Tebel hol mer, proper gebaut ist. Sie wies mir auch auf derselben des gewesenen Schiffsadmirals Ruyter[37] seinen Leichenstein, welcher zum ewigen Gedächtnis da aufgehoben wird, weil derselbe Ruyter so ein vortrefflicher Held soll zu Wasser gewesen sein und noch alle Tage in Amsterdam sehr beklagt wird. Als die Staatenstochter mir nun dieses und jenes gezeigt, fing sie zu mir an und sagte, ich sollte sie doch immer nehmen, und wenn ich ja keine Lust, mit ihr in Amsterdam zu bleiben, hätte, so wollte sie ihr Lümpchen zusammenpacken und mit mir fortwandern, wo ich hin wollte, wenn gleich ihr Vater nichts davon wüßte. Worauf ich ihr zur Antwort gab, wie daß ich der bravste Kerl von der Welt wäre, und es könnte schon angehen, aber es ließe sichs so nicht flugs tun, ich wollte es zwar überlegen, wie es anzufangen wäre, und ihr ehster Tage Wind davon geben.
Nach diesem ging ich wieder auf den Tanzplatz und wollte sehen, wo meine zukünftige Liebste wäre, welche von mir auf der Gasse so geschwinde weglief. Ich sah mir bald die Augen aus dem Kopfe nach ihr um, ich kunnte sie aber nicht zu sehen bekommen. Endlich fing eine alte Frau an und sagte zu mir: »Ihr Gnaden, nach wem sehen Sie sich so um«? Wie ich nun der Frau zur Antwort gab, ob sie nicht das Mensche gesehen hätte, welche über Tische neben mir zur linken Hand gesessen. »Ja, Ihr Gnaden«, fing die alte Frau wieder an, »ich habe sie gesehen, allein ihr Herr Vater hat sie heißen nach Hause gehen und erschrecklich ausgefenstert, daß sie sich einer so großen Kühnheit unterfangen und hätte sich von einem so vornehmen Herrn lassen da in der Stadt herumschleppen, daß die Leute nun davon was würden zu reden wissen, und Ihr Gnaden würden sie doch nicht nehmen«. Als solches die alte Mutter mir zur Nachricht gesagt hatte, fragte ich weiter, ob sie denn nicht bald wiederkommen würde. Sie gab mir hierauf wieder zur Antwort, daß sie an ihrer Anherokunft sehr zweifelte, denn ihr Herr Vater (wie sie vernommen) hätte zu ihr gesagt: »Trotz! daß du dich vor dem vornehmen Herrn nicht wieder sehen läßt!« Sapperment! wie verdroß mich solch Ding, daß ich das Mensche nicht sollte zu sehen bekommen, und als sie auch nicht wiederkam, überreichte ich Herrn Toffeln, dem Bräutigam, wie auch der Braut Trauten mein Hochzeitsgeschenke und nahm von ihr wie auch von den andern Standespersonen und Damens überaus artig Abschied und ging immer nach des Bürgermeisters Hause zu.
Ich war auch gleich willens, mich selben Tag gleich wieder zu Schiffe zu setzen, wenn mein Herr Bruder Graf mich nicht so sehr gebeten hätte, daß ich ihn doch bei seiner Unpäßlichkeit nicht verlassen möchte, sondern so lange verziehen, bis daß er sein Fieber wieder los wäre, hernach wollte er mit mir hinreisen, wohin ich wollte. Blieb also meinem Herrn Bruder Grafen zu Gefallen in Amsterdam noch zwei ganzer Jahre und brachte meine Zeit meistenteils zu in den Spielhäusern, allwo alle Tage vortreffliche Kompagnie immer war von vornehmen Damens und Kavalieren. Nachdem nun das elementische Fieber meinen Herrn Bruder Grafen völlig verlassen, ging ich mit ihm in die Bank, ließen uns frische Wechsel zahlen, setzten uns auf ein Schiff und waren willens, Indien, in welchem Lande der Große Mogol residiert, zu besehen.
[30] Tag im Kalender.
[31] Dichterische Erfindung.
[32] so wohl anstand.
[33] wühlte.
[34] Gedicht.
[35] Erfindung.
[36] ehrten.
[37] de Ruyter, holländischer Seeheld, † 1676.