1. Deutsche Auswanderer im Atlantik

An Bord S. S. Frisia in Höhe von St. Pauls Rock.

Ohne die Flügel zu rühren, einem Kampfeindecker gleich, zog der erste landkündende Albatros seine Kreise über dem Schiff. Dann stachen schwarze Zacken aus dem horizontweiten Blau: St. Pauls Rock. Seit Tagen, seit wir die Kapverdischen Inseln passiert, das erste Land. Land? Ein Fels, eine Felsnadel! Mitten im Ozean steigt sie senkrecht aus kilometertiefer See.

Schnurgerade hält der Dampfer auf die Nadel zu, als wolle er sie rammen. Im letzten Augenblick biegt er fast im rechten Winkel ab. Eine Rakete steigt zischend hoch, gleichzeitig heult die Dampfsirene. Schwärme von Wasservögeln schwirren auf.

An der Reling drängen sich die Fahrgäste. Einer erzählt: „Dutzende von Schiffen stranden jedes Jahr an dem Fels.“ Ein anderer: „Bei den Möwen haust ein alter Mann mit seiner Tochter.“

Wer bereits mehr als vierzehn Tage auf menschenüberladenem Schiff fahren mußte, dem erscheint solch Los fast beneidenswert. Drangvolle Enge in allen Klassen, das letzte Plätzchen besetzt. Gute Konjunktur für den Holländischen Lloyd. Unten im Zwischendeck aber stauen sich Männer, Frauen und Kinder, fast Leib an Leib. Wie in einen Ameisenhaufen sieht man vom Kajütsdeck hinunter. Blonde Köpfe, deutsche Gesichter, deutsche Laute. Das rückwärtige Zwischendeck ist fast ganz von Deutschen besetzt. Mancher ist darunter, der vor dem Krieg erster Klasse fuhr. Heute fahren in der ersten Klasse neben den Ausländern fast nur solche Deutsche, die ein Auslandsguthaben von dem Jammer der deutschen Valuta unabhängig macht. Ja, wir sind arm geworden.

„Ich kann den Blick nicht von euch wenden — — —.“

Immer wieder kommen mir die alten Verse in den Sinn. Das Rad der Weltgeschichte ist zurückgedreht. Wir exportieren wieder Menschen. Man könnte meinen, in die vierziger und fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zurückversetzt zu sein, in denen der breite Strom deutscher Auswanderer über den Ozean zog, um mit seinem Blut und Schweiß fremde Kulturen zu düngen.

Die Möwen bleiben zurück. Langsam verdämmert der einsame Fels. Entschlossene, sehnsüchtige, zukunftsbange Blicke hängen daran. Manch einer wird in der Woge fremden Volkstums, dessen Art und Sprache er nicht kennt, einsam sein, wie der imaginäre Alte auf dem Riff. All die ehemaligen Offiziere und Seeleute, all die wurzellos gewordene Intelligenz, sie sollen jetzt mit ihren körperliche Arbeit ungewohnten Händen die Konkurrenz mit den auf primitiver Kulturstufe stehenden italienischen und spanischen Auswanderern und Saisonarbeitern aufnehmen.

Siedlung in Patagonien.

Lehmrancho.

Patagonische Landschaft.

Ansiedlerfrau.

Die alten, erfahrenen Argentinier und Brasilianer, die jetzt in ihre überseeische Heimat zurückkehren, schütteln den Kopf: „Wer durchhält, mag vorankommen, aber neunzig Prozent von dem, was jetzt hinüberfährt, geht zugrunde.“

Die auf das fremde Land, als auf die letzte Karte, alles gesetzt haben, lassen sich nicht irremachen. „So schlecht wird es nicht sein; zum mindesten: wir werden unter den restlichen zehn Prozent sein.“

Sie lassen sich nicht unterkriegen. Heute schon gar nicht. Heute geht’s über den Äquator. Taufe gibt es nicht mehr. Sie paßt auch nicht mehr in unsere Zeiten. Und dann, die zahllosen fremden Nationen, die auf dem Schiff fahren! Die Gelegenheit zu Reibungen wäre zu groß. Aber seine eigene Feier läßt sich das Zwischendeck nicht nehmen.

Die scharfe Linie, die Meer und Himmel schied, ist verschwunden. Das Auge sieht in eine einzige, fast greifbare Finsternis. Nur die weißen Schaumkronen, die der Bug des Schiffes aufreißt, leuchten in gespenstiger Blässe über den schwarzen Wellen.

Aus dem Zwischendeck tönen Geigen und Mandolinen. Unter dem Sonnensegel brütet noch die Hitze des Tages. Um die kleine, improvisierte Bühne ist eine Reihe Liegestühle aufgestellt: die vornehmen Parkettplätze. Dahinter sieht man in dem ungewissen Licht der wenigen elektrischen Lampen nur eine ununterscheidbare Menge von Köpfen. Ein groteskes Bild.

Ein Wiener Vorstadtsänger macht den Conférencier. Ein U-Bootkommandant hält die Äquatorrede. Dann wechseln Vorträge, Kuplets und Mimik. Und unermüdlich fiedelt die ad hoc zusammengestellte Kapelle. Ohne Proben, ohne Noten spielt sie, was Conférencier und Vortragende verlangen. Ein ungarischer Zigeuner macht den Kapellmeister. Die brennende Zigarre kommt ihm nicht aus dem Munde, während er mit Verve den Bogen führt und mit dem ganzen Körper den Takt angibt. Neben ihm geigen brav und ernst die eben erst aus dem Kadettenkorps ausgetretenen Söhne der adligen Offizierswitwe, die in Deutschland Hab und Gut verkaufte, um in Paraguay für sich und ihre Jungen eine neue Existenz zu suchen. „Was soll ich anders tun,“ meint sie, „seit Jahrhunderten gab es in meiner und meines Mannes Familie nur Offiziere.“

Ein neuer Redner ist auf das Podium getreten. Das Lachen und Scherzen ist verstummt. In lautlose Stille fallen die Worte: „Wir wollen die Heimat im Herzen tragen, immer und immer.“ Dann fiedeln die Geigen: „Muß i denn, muß i denn...“ und „In der Heimat, in der Heimat...“ Eine Saite reißt und gibt wehen Klang.

Auf dem Achterdeck ist Ball der Kajütspassagiere. Vorn im Schatten des Windsegels stellen die fünf französischen Kokotten bei Sekt plastische Gruppen mit ein paar internationalen Schiebergestalten, die zwischen Argentinien und Deutschland hin- und herfahren wie unsere kleinen deutschen Schieber zwischen Köln und Berlin. Die andere Seite des Tanzplatzes säumen die Portugiesen und Spanier, dann kommen die Deutschen, und ganz hinten am Heck sitzen steif und aufrecht, gleich Vögeln auf einer Stange, vier belgische Schwestern; ihnen gegenüber lehnt unbeweglich an der Reling die schlanke Asketengestalt eines portugiesischen Priesters.

Dazwischen wird getanzt: Tango, Onestep, Foxtrott. „Lulu, Lulu!“ tönt es von den Sekttischen, und Lulu tanzt. Das seidendünne, meergrüne Fähnchen reicht knapp bis zum Knie. Weiß leuchten die nackten Arme und florbestrumpften Beine.

Ich pendle zwischen der höllischen und himmlischen Seite hin und her. Wie die hochzischende Rakete anzeigt, daß wir die Linie passieren, plaudere ich gerade mit den Schwestern. „Ein doppeltes Fest“, meint die Blasse, Sanfte.... „Wieso?“ — „Nun, Äquatorüberschreitung und Jahrestag des Waffenstillstandes.“ — „Den feiern wir nicht.“ Ein Abgrund tut sich auf zwischen mir und den sanften Schwestern. Brüsk wende ich mich ab.

Richtig, heut ist der elfte. Ein Jahr liegt das zurück. Nein, ein Jahrhundert, eine unmeßbare Zeit! Wie mag es in Deutschland aussehen? Wie ist dort der Neunte verlaufen? Keine Nachricht dringt zu uns. Die englischen Funksprüche wissen nur von Fußballwettspielen zu erzählen, von dem Besuch des spanischen Königs in England und des Prinzen von Wales in Kanada, von dem Flug des Basutohäuptlings über die City, aber nichts von Deutschland, höchstens daß der hohe Rat der Alliierten beschlossen, daß wir die bei Scapa Flow versenkten Schiffe ersetzen sollen.

Noch immer tanzt Lulu. Die Treppe herauf schiebt sich die Fettmasse des Levantiners, der sich immer im Zwischendeck herumtreibt und wie ein Mädchenhändler aussieht. Plötzlich bricht der Tanz ab. Die Paare drängen an die Reling. Lulu gleitet und fällt dem Levantiner in die Arme. Am Horizont loht eine Flamme auf. Ein Leuchtzeichen? Ein brennendes Schiff? Erst langsam erkennt man. Es ist der Mond. Wie Blut und Feuer hebt sich seine volle Scheibe über die schwarze See.

Der Tanz geht weiter. Die Stewards bringen neuen Sekt. Abgerissene Strophen wehen über Deck. Worte in allen Sprachen: „Dis donc, quand... Zweihundert Prozent... terenos... I bet you...“ Nur das Zwischendeck ist leer und still. Die Schiffsordnung hat alle unter Deck gejagt. In der schwülen, brütenden Hitze liegen hier schweißgebadet Hunderte von Männern und Frauen, enggeschichtet auf Stellagen neben- und übereinander. Fanatische Hoffnung auf bessere Zukunft läßt sie alles ertragen. Was wird sich erfüllen?

Das Firmament hat sich aufgeklärt. Ein neuer Sternenhimmel wölbt sich über uns, beängstigend in seiner strahlenden Fremdheit. Eine neue Welt, ein neues Leben für jeden, der jetzt die alte Heimat verläßt. Er steht allein. Wird ihn das machtlos gewordene Vaterland schützen können? Nur allein in seiner eigenen Brust ruhen seines Schicksals Wurzeln.

Ich suche in den Sternen zu lesen. Wie ihr Widerschein funkelt es im Kielwasser des Schiffes. Meeresleuchten! Von der Schraube hochgewirbelt steigen leuchtende Ballen an die Oberfläche, glühen auf und erlöschen wieder: Unsere Hoffnungen, unsere Wünsche, unser Leben!