16. Zwischenspiel.
Choele Choel.
Stundenlange Autofahrt kreuz und quer über die Insel vom frühen Morgen bis zum späten Nachmittag, bald in Staubwolken gehüllt, bald in Schlamm steckenbleibend, eine reiche Fülle von Eindrücken, wüste Dürre, verschlammte Kanäle, überschwemmtes Land, roher buschbestandener Kamp und wieder samenschwere Alfalfafelder und Obstbäume, zusammenbrechend unter der Last der Früchte.
Kleine Pueblos über die Insel verstreut als Kultur- und Wirtschaftszentren, Zukunftsanlagen, Almacen und Fonda und einige Schuppen. Aber auch hier betont eine ein Denkmal darstellende Pyramide aus ungebrannten Ziegeln den Stadtcharakter.
In der Fonda Chacreros und Händler und lange, schmutzige, weinbefleckte Tische. An der Wand klebt ein Plakat, daß am Abend ein Varietésängerpaar große Festvorstellung geben wird. Gegenüber der Tür die Schenke, an der andern freien Wand ein großer Spiegel mit Frisiertoilette, Rasiermesser, Kämme, Bürsten; denn die Wirtschaft ist gleichzeitig Frisiersalon.
Der Wein, den der Wirt verschenkt, ist Inselprodukt. Die Salesianerpatres haben neben ihrer Arbeit im Weinberg des Herrn auch einen irdischen Weinberg aufgetan. Kirche und Schule liegt in ihrer Hand, und nebenbei haben sie die beste Bodega, wie man hier einen Winzerbetrieb nennt.
Dem Salesianerkloster ist auch äußerlich nichts anzumerken. Ein einstöckiger, schmutziger Ziegelrohbau. Aber durch Zimmer und winklige Korridore kommt man mit einem Male in einen hochgewölbten Kreuzgang, ein erstaunlicher Anblick in einem Lande, das nur Wellblech- oder Lehmbauten kennt. Die Erklärung ist einfach. Einer der beiden Patres war früher Architekt. Welch seltsames Schicksal mag ihn zum Salesianermönch gemacht haben! Nun mauert er Jahr für Jahr Gewölbe an Gewölbe, Kreuzgang, Schlafsaal, Kelterei und Weinkeller. Daneben wird Jahr für Jahr ein weiteres Stück roher Kamp gerodet und als Weinberg bestellt. Daneben der Schulunterricht und die geistliche Tätigkeit.
Wir müssen alles ansehen, Weinberg und Kelter, die zementenen Gärbottiche und das hohe Steingewölbe mit den großen Lagerfässern, in ihrer Art einzig im Rio-Negro-Tal. Und schließlich geht’s die enge Treppe hinunter in den Keller unter dem Kreuzgang.
Während wir eine Sorte nach der andern probieren müssen, erzählt der andere Pater ununterbrochen. Über der speckigen, mehr grünlichen als schwarzen Sutane sitzt ein kugelrunder Kopf, in seiner blühenden Farbe wie aus Rosenquarz gedrechselt, und alles darunter ist rundlich.
Ein ferner Klang wie von Geigenspiel streicht durch das Kellergewölbe. Wir stehen lauschend. „Unser Rennreiter“, meint Pater Rosenquarz.
Und er erzählt: „Eines Tages kam ein junger Mann und bat um Herberge. In diesem gastfreien Land ist es allgemein Sitte, jedem, der da kommt, Herberge und Essen zu gewähren. Es sind Arbeitsuchende oder Abenteurer oder auch nur Wanderlustige, die in monatelangen oder jahrelangen Märschen halb Südamerika durchwandern. Ich habe manchen von ihnen kennengelernt. Einer war dabei, der ganz Brasilien und halb Argentinien durchwandert hatte. Da er dem Mayordomo, bei dem er um Herberge gebeten, gefiel, fragte ihn dieser, ob er nicht bleiben und Arbeit nehmen wolle. Aber ein entrüsteter Ausruf war die Antwort: ‚Was, arbeiten! Ich bin zwei Jahre durch Brasilien gewandert, ohne zu arbeiten, und ich denke es hier in Argentinien auch nicht anders zu tun!‘ Trotz dieses vielfachen Mißbrauches der Gastfreundschaft wird doch der Estanciero jedem, der morgens kommt, Frühstück und Mittagbrot und jedem, der nachmittags eintrifft, Abendessen und Nachtlager geben.“
Solch einer war es auch, der zu den Salesianern gekommen war. Monatelang war er durch die Republik gewandert und am nächsten Tage wollte er weiter. Aber im Gespräch stellte es sich heraus, daß er Rennreiter und als berühmter Jockei durch die ganze Welt gekommen war. Bei seinem letzten Rennen in Buenos Aires hatte er sich den Kopf so bös zerschlagen, daß es nichts mehr war mit der Reiterei. Eine gute Stelle auf einer Estancia, die man ihm verschafft, gab er mir nichts dir nichts auf und begann ein Wanderleben.
Aber außer den Pferden hatte er immer noch seine Geige gehabt, und die hatte er mitgenommen und spielte den Patres darauf vor. Und als sie sein Spiel hörten, da meinten sie, das wäre eine treffliche Gelegenheit, um ihren Schülern Musikunterricht zu geben, und auf ihren Vorschlag blieb der ehemalige Rennreiter als Musiklehrer und Laienbruder bei den Salesianern.
Auf unsere Bitten riefen sie den Musikanten zu uns und zum Wein, einen hohen, schlanken Menschen in billigem Leinenanzug, aber mit Akzent und Allüren eines Wiener Aristokraten.
Paris und London, Sidney und New York waren ihm in gleicher Weise geläufig, und zwischen den Erzählungen von Rennen und Siegen schwirrten nur so die phantastischsten Zahlen von Gehältern und Gewinnen. Aber jetzt scheint das alles weit hinter dem noch jungen Mann zu liegen, und er, ruhig und abgeklärt, als habe es nie etwas anderes gegeben, als habe er nie etwas anderes erstrebt und gewünscht, als auf einem weltvergessenen öden Fleckchen einer Insel im Rio Negro mit zwei ein wenig fetten und schmutzigen, aber vergnügten und tüchtigen Patres zu sitzen und braunen, wilden Söhnen von Italienern, Spaniern und Indios Musikunterricht zu geben.
Wir merkten ihm den Wunsch an, uns vorspielen zu dürfen, und baten ihn darum. Mit todernstem Gesicht lehnte er sich an den Tisch, und wie er den Bogen ansetzte, schwand der kranke Ausdruck der Augen — von dem Sturz war das Hirn wohl noch immer ein wenig durcheinandergerüttelt —, und wie er nun spielte, saßen alle lauschend, wir und die Patres und der Indianerjunge, der den Wein einschenkte.
Immer leidloser und immer befreiender wurden die Lieder, und man sah die Mücken nicht mehr, die massenhaft um den brandroten Wein schwirrten. Und er spielte doch nur Wiener Walzer, Operetten, „Dorfkinder“ und „Zigeunerprimas“, aber aus dem Spiel schluchzte himmelhoch und sehnsüchtig der ganze Gegensatz heraus von hier und dort, von einst und jetzt.