22. Über die Kordillere.
Los Andes.
Von Neuquen führen zwei Wege über die Kordillere der Anden nach Chile, der eine über San Carlos Barriloche und den Nahuel-Huapi-See, der andere über San Martin de los Andes, der erstere im Auto, letzterer nur zu Pferd oder Maultier benutzbar. So groß auch die Lockung war, über die Schneeberge zu reiten, die ich täglich vor mir sah, so entschloß ich mich doch, nach Buenos Aires zurückzufahren, um den ersten und Hauptverkehrsweg zwischen Argentinien und Chile zu benützen und über den Uspallatapaß mit der transandinen Bahn zuerst nach der Hauptstadt der chilenischen Republik zu fahren.
Vierundzwanzigstündige Schnellzugsfahrt bringt nochmals durch die seit Monaten wohlbekannte argentinische Landschaft. Pampa, flache, endlos weite unbegrenzte Ebene. Aber je mehr sich mit Tagesgrauen der Zug der Wein- und Obstzone von Mendoza nähert, desto mehr ändert sich der Charakter der Landschaft. Die Eindrücke vom Rio Negro und Neuquen wiederholen sich. Erst spärlich aufmarschierende Pappelreihen, die ersten Anzeichen künstlicher Bewässerung, dann dichter und dichter werdend Wein, Obstgärten und Alfalfafelder.
Mendoza ist das Zentrum des ältesten Wein- und Fruchtgebietes des Landes, eine friedliche Stadt; gepflasterte Straßen, Baumreihen und Häuschen, umrankt von Trauben. Hier wechselt die Spurweite, und die schmalspurige Andenbahn beginnt.
Von der Landschaft des Rio Negro kommt man in die des Neuquen. Die Kulturen verlieren sich zwischen Sand und Stein, die Berge, die als großartiges Panorama den Horizont säumten, rücken heran. Die Schienen gleiten in Flußtal und Schlucht hinein. Unten rauscht der Mendoza. Hie und da ist noch ein Kanal für die eine oder andere kleine Estancia mit wenigen Alfalfafeldern abgezweigt. Dann hört auch das auf. Die letzten Büsche verschwinden; kein Halm, kein Strauch, keine noch so dürre, bedürfnislose Distel. Nichts als Stein, nackter Fels; nur wo dem kahlen Stein die heißen Quellen entspringen, bei Cacheuta, inmitten ödester Felseinsamkeit mondänstes Leben.
Bald saust der Zug um scharfe Kurven. Täler verengen und weiten sich. Graues, schieferartig übereinandergeschobenes Gestein wird heller und rötet sich zu Sandsteinfarbe. Das letzte Grün verhaucht zwischen den Schluchten. Neue Felsen, neue öde, grandios einsame Steinhalden. Die Sonne brennt in den Steinkessel, die Bläue des Himmels vertieft sich. Im Zug wird es stiller und stiller. Tiefleuchtende Augen sehen voll stummer Andacht in diese Welt, so unbelebt, so unberührt. Hier ist Gottes ureigenstes Gebiet.
Nur das heisere Schnaufen des Zuges und der gellende Sirenenschrei der Lokomotive durchbrechen die Stille. Weiter und weiter. Als ginge es in steinernen Urwald hinein, in ein vormenschliches Zeitalter, mit einem Häuflein Menschen in hochmodernen Wagen.
Noch stummer, noch unbeweglicher, noch mahnender stehen die Felsen. Ein Grauen packt uns vor dieser Einsamkeit. Wer ist stärker, sie oder wir? Stumm stehen die Felsen. Kein Laut löst die Enge. Drei, vier Felsen, wie in Verzweiflung gerungene Hände, dicht aneinander und übereinander wachsend, dann wieder ein einziger großer Stein, ein mächtiger Koloß, ruhend, stark wie ein Gott, der die paar Menschen an sich herankommen läßt. Als der Zug, bei steilerem Anstieg wieder einmal in die Zahnradkette eingeschnappt, langsam keuchte, war einer ausgestiegen, der dann, als die Lokomotive plötzlich wieder anzog, nicht rasch genug wieder aufspringen konnte. Es gab ein verzweifeltes Rennen, bis der Zugführer verständigt war und stoppte. Auf den Zügen des italienischen Auswanderers malte sich das Grauen, als er uns wieder erreichte.
Scharf geht die Bahnlinie den Fels an. Steil wird die Trasse und gefährlich. Bald, in wenigen Wochen, in Tagen vielleicht werden zwischen jenen Felsblöcken die ersten Schneelawinen hinunterrollen. Der Mensch hat Schutzdächer gebaut, um seine Bahn zu schützen. Wie in einen Schlund tauchen wir unter das erste. Oder haben sie den Zweck, die Augen vor der immer großartiger werdenden Schönheit zu schützen? Wenn ein Schutzdach aufhört, sieht man verwirrt in die flimmernden Lichter. Die Sonne hat ihren Zenit überschritten. Regenbogenlichter spielen auf dem Fels. Dahinter die weißen Kuppen der Schneeberge und der bläuliche Schimmer von Gletschern. Wo sie herunterkommen, verändern sie den Fels. Rillen werden gewaschen, Blöcke verschoben. Man ahnt, daß auch hier Kämpfe spielen, der ewig währende, uralte Kampf zwischen Wasser und Stein.
Puente del Inca ist der letzte Punkt, bis zu dem die Zivilisation hochgedrungen. Dann stört nichts mehr die grandiose Monotonie der Berge. Nur der Schienenstrang, den der Mensch als Fessel über den Berg gelegt, verbindet menschliches Leben diesseits und jenseits der Kordillere. Wir sind jetzt in über dreitausend Meter Höhe. Das Blut pocht in den Schläfen. Der Kopf wird schwer von Wirrnis.
Aber als der Zug aus dem langen Tunnel heraustritt, der unter der Paßhöhe der Cumbre durchgestoßen, verwehen alle Spuren der Bergkrankheit. Nichts als restloses Aufgehen in dieser hinreißenden Schönheit des Landes. Der Fels fängt an zu opalisieren. Phantastisch bunte, lichte Farben legen sich über die Hänge: blau, wie Kobalt, rosenrot, violett, vom zartesten Grün bis zum intensivsten Giftton, Indigo, Purpur. Wie Pastellmalerei, zart und fein, spinnt sich das Bild der Farben über den Stein.
Von der Plattform des letzten Wagens ist es ein einsames Schauen, als schwebe man in unendlicher Einsamkeit den Fels hinan. Tiefste Frömmigkeit, wie nur die unmittelbare Todesnot der Schlacht sie brachte, füllt das Herz. Wenn man hier auf diese Höhe Menschen brächte, ihnen Nahrung erschließen könnte aus dem toten Stein, welch Geschlecht müßte hier erwachsen! Ein Geschlecht, das, in unmittelbarer Nähe des Schöpfers aufgewachsen, in seinem Herzen die starke, reine Flamme läutern müßte, die Flamme, die, hinuntergetragen in das dunstige, schlammige Tal, den Frieden bringen müßte den Menschen und Völkern, die heute einander töten, vernichten, vergiften, die wie Reptilien in eklem Pfuhl ineinander verschlungen und verbissen liegen.
Vorbei — ein neues Schutzdach blendet die Augen. Aber durch die viereckigen Löcher in seiner Decke fällt in dicken Streifen die Sonne herein. Wie Lichtpfeiler geleiten sie den Zug, und es ist, als arbeite sich die Maschine an ihrer Lichtspur aufwärts.