25. Chiles deutscher Süden.
Temuco.
Sollte es möglich sein, Menschen wochenlang in tiefen Schlaf zu versenken und sie in diesem Zustand über den Ozean zu bringen, sie würden, in einer der Städte Südchiles erweckt, darauf schwören, Deutschland nie verlassen zu haben. Die viereckige grüne Plaza ist wohl etwas fremdartig, aber die Häuser ringsherum sind rein deutsch; alles ist peinlich sauber, frisch gestrichen, mit blühenden Blumen, in Läden wie in Gasthäusern deutsche Laute, deutsche Kirche, und über der Schule sogar die Inschrift: „Vergiß nicht, daß du ein Deutscher bist.“
Die heute blühendsten Provinzen des Landes, Valdivia, Llanquihue und der Süden von Cautin, sind das Werk deutscher Kolonisation. Vor zwei Menschenaltern begann südlich des Biobioflusses die Frontera, die Grenze, jenseits der das Gebiet der nur nominell unterworfenen Araukaner lag. Im Jahre 1850 kamen hierher, wo heute die blühende, reiche, fast rein deutsche Stadt Valdivia liegt, die ersten dreihundert Deutschen; weitere folgten, die an den Llanquihuesee und nach Puerto Montt zogen.
Die Nachkommen jener ersten Siedler sind heute zum großen Teil Millionäre — in Peso, nicht in Mark —, aber das Leben ihrer Großväter und teilweise noch ihrer Väter muß nach allen Erzählungen, die man hört, unsäglich hart und entbehrungsreich gewesen sein, wie es überhaupt das Schicksal aller Kolonisten zu sein scheint, daß die Früchte erst Kinder und Enkel erben.
Noch heute ist ein großer Teil der Provinzen Valdivia und Llanquihue Urwald, und eine neue deutsche Kolonie in diesem abgelegenen Gebiet würde mit ähnlichen, wenn auch nicht so großen Schwierigkeiten zu rechnen haben, wie jene ersten deutschen Kolonisten vor siebzig Jahren. Das Land, das in Kultur genommen werden soll, ist undurchdringlicher Urwald. Darum ist die erste Arbeit des Siedlers nach der Vermessung die Herstellung eines Pfades, auf dem er in mühseligem, meist stundenweitem Marsch im Winter auf unergründlichen, schlammigen Wegen — denn dann regnet es wolkenbruchartig Tag für Tag — sich seine Arbeitsgeräte und die Nahrung für sich und seine Familie heranschaffen muß.
Dann geht es an die Arbeit des Holzfällens, die der Ungeübte, Fremde, ohne Hilfe einheimischer Peone, meist Chiloten von der Insel Chiloé, kaum bewerkstelligen kann. Aus den Erinnerungen der ersten Ansiedler ist einiges erhalten. Eine jener alten Ansiedlerfrauen, die als Kind in den Urwald kam, berichtet, wie sie im Sommer ankamen und wie Vater, Mutter und ältere Geschwister vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung sich mit dem Fällen der Baumriesen mühten. Und als dann der Frühling seinen Abschied nahm, da war das Stücken Lichtung, an dem so unendliche Arbeit hing, noch jämmerlich klein.
Ist diese erste Lichtung geschaffen, so wird das übermannshohe Gewirr von Stämmen, Ästen und Blättern angezündet, sobald die Sonne des Sommers das Laub gedörrt hat. Allein so eisenhart und fest sind die Stämme, daß nur Blätter und Zweige verbrennen und selbst die dürren Äste kaum ankohlen. So müssen Stämme und Äste mit der Axt durchhauen, aufgeschichtet und neuerdings angezündet werden. Die größten Stämme bleiben liegen, oder man läßt sie überhaupt stehen. Noch heute sieht man im Süden überall, selbst an der Bahnstrecke, Felder, zwischen denen hohe, abgestorbene oder angekohlte Baumstämme in die Luft ragen.
Teilweise sind es ganze lichte Wälder solcher kahler Stämme, zwischen denen das Korn wächst, und im ersten Augenblick wähnt man, man führe durch jene Gegenden Frankreichs, in denen der Regen des beiderseitigen Trommelfeuers die Wälder getötet.
Zwischen den Stöcken und Stämmen wird der erste Weizen in den mit der Hacke aufgeritzten Urwaldboden gestreut. So wird Jahr für Jahr ein immer größeres Stück unter Kultur genommen, bis langsam nicht nur der eigene Bedarf für den Lebensunterhalt, sondern auch ein verkaufsfähiger Überschuß erzeugt wird.
Einfacher ist die Haltung des Viehs; dieses wird in den Wald getrieben, wo es sich die Nahrung selbst sucht. Auch die Wohn- und Arbeitsverhältnisse sind denkbar einfach. Als Wohnung dient ein Bretterhaus, als Fortbewegungsmittel die Carreta, ein primitiver zweirädriger Karren, dessen Räder häufig einfach zwei Scheiben Baumstamm sind. Das Zugtier ist überall der Ochse, der die Carreta mittels eines Joches primitivster Art zieht, von dem Treiber mit dem gestachelten Stab des klassischen Altertums gelenkt.