3. Das unbekannte gelobte Land.
Buenos Aires.
Die Fahrt dahin führte an allen Herrlichkeiten der Erde vorbei. Nach der grotesken Schönheit der spanischen Häfen, nach Lissabon und den Kapverdischen Inseln, nach tropischen Nächten unter dem Äquator, in denen Mond und Wolken Bilder von verzehrender Schönheit auf See und Himmel malten, nach sonnendurchglühten Tagen, an denen der Ozean in fast schmerzlicher Bläue leuchtete, nach Nächten, in denen das Meer phosphoreszierend flammte, als fahre das Schiff durch einen See voll brennender Eisberge, und in denen das Kielwasser sich in einen Strom intensivsten grünen Lichtes wandelte, breitete viele Tage lang die brasilianische Küste ihre schwüle, lockende Pracht aus. Nach Bahias Früchteparadies baute Rio mit seinen Felsen, Bergen und Buchten eine Wunderlandschaft auf.
Aber als wir Santos’ liebliche Bucht verlassen hatten und die Brandung von São Vicente verrauscht war, die gegen brennend bunte Gärten spült, verblaßten des Himmels und des Meeres Bläue. Eisengrau rollten in schwerer Dünung die Wellen. Nach lastender Hitze wurde es frisch und abends bald empfindlich kühl, als runde sich die Reise zum Kreislauf und kehrten wir in die rauhe, kalte Nordsee zurück.
Und wie See und Himmel wandelte sich die Stimmung der Passagiere. Statt satter Behaglichkeit, statt wohligem Nichtstun und siegessicherem Optimismus breitet sich eine fiebernde Nervosität aus, die mehr und mehr das ganze Schiff erfüllt. Riefen in Santos übermütige Zwischendecker den am Kai wartenden Landsleuten zu: „Wie lange dauert’s, bis man hier Millionär wird?“, so mehren sich jetzt die sorgenden, ernsten Gesichter.
In der Kajüte nicht minder. Nur wenige kehren ja in sichere, wohlbekannte Verhältnisse zurück. Auch die drüben Stellung und Besitz haben, fragen sich: wie werden wir unser Geschäft vorfinden. — Wer kennt denn dieses Land, in dem Hunderttausende in der Heimat das Land der Verheißung sehen? Der Krieg soll es von Grund auf gewandelt, die Preise phantastisch in die Höhe geschnellt haben.
Immer häufiger bilden sich Gruppen, die sich über Preise unterhalten. Der englische Reiseführer von 1914 nennt zwei Pfund für den Tag als unterste Grenze. Der Bankbeamte erzählt, daß er vor dem Krieg mit 200 Peso, etwa 800 Mark, im Monat für Wohnung und Essen auskam. Aber jetzt? Wie wird es werden? Wie weit wird die mitgenommene Barschaft reichen? Und wie viele sind auf dem Schiff, die drüben alles verkauften! Nun sind’s fünfzig- oder hunderttausend Mark, die für Land- und Viehkauf reichen sollen. Oft aber noch viel, viel weniger. Und dabei fällt und fällt die Mark.
Aber dafür hat man ja Waren mitgenommen. Die lange Reise und manche Bowle in den Mondnächten hat die Zungen gelöst. Pläne wurden geschmiedet, Verbindungen geknüpft. Soll man schmuggeln oder nicht? In den Kabinen beginnt ein großes Packen. Geheimnisvolle Zinkkisten tauchen auf. Bijouterien und Goldwaren werden in Wäsche und Stiefeln versteckt, Brillanten in Kleidungsstücke eingenäht.
Wo ist die Zeit, da Lulu tanzte und man Nächte auf Deck verträumte? Lulu ist übrigens nicht mehr an Bord. In Rio flog sie in großer Ekstase ihrem sie sehnsüchtig erwartenden Amigo in die Arme. Aber die Frau im blauen Umschlagtuch, deren Tochter man vor Pernambuco ins Meer senkte, ist noch da und liegt auf ihrem Stuhl und starrt ins Meer. Ein Stockwerk höher, in der ersten Klasse, werden die Augen der alten Dame, die zu ihrem einzigen Sohne fährt, den sie zwölf Jahre lang nicht sah, immer fiebriger. Und in der zweiten Klasse geht der aus portugiesischer Kriegsgefangenschaft heimkehrende Ingenieur immer unruhiger auf Deck auf und ab. Ein Jahr war er in Portugiesisch-Ostafrika, und gerade wollte er seine Familie nachkommen lassen, als der Krieg ausbrach, der ihn in Gefangenschaft auf die Azoren führte. Die ganze Zeit war er ohne Nachricht von seiner Frau. Er kann es nicht mehr sehen, das Meer, auf das er all die Jahre hindurch von seiner Insel aus sehnsüchtig starrte. Und die hilflose Achtzigjährige, die zu ihren Kindern nach Argentinien zurückkehrt, von denen der Krieg sie trennte! Und das Geschwisterpaar, das 1913 auf ein Jahr nach Deutschland in Pension geschickt worden war und das jetzt im Zwischendeck zurückkehren muß. Und all die Frauen, die der Krieg von ihren Männern trennte. Welche Tragödien auch hier!
Das erste Land, das sich nach Brasiliens Palmenbergen am Horizont zeigt, ist flach, öde, wüstengelb. Oasenhaft heben sich von Zeit zu Zeit Baumgruppen über die Sanddünen.
Auf einmal eilt das Schiff. Um neun Uhr abends sollten wir in Montevideo sein, am nächsten Mittag in Buenos Aires. Pünktlich laufen wir die Hauptstadt Uruguays an. Wie auf Schnüren gezogene leuchtende Perlen sind die Lichterreihen der linealgeraden Straßen über den Nachthimmel gespannt. Die Blinkfeuer der Hafeneinfahrt zwinkern rot und grün. Der viele Stock hohe Lokaldampfer nach Buenos Aires liegt am Kai wie ein festlich flimmerndes Haus. Das Knattern der unzähligen eleganten Automobile hört sich an wie Gewehrfeuer.
Argentinische Zeitungen kommen an Bord. Alles stürzt sich darüber her und studiert die Preise. Gott sei Dank, was man hörte, war maßlos übertrieben. Aber anderes ist teuer genug. Der Flieger geht strahlend auf und ab.
„An meinen Bijouterien verdiene ich glatt 10000 Peso.“
„Und der Zoll?“
„Oh, die sind so gut versteckt, da müßte der Beamte schon sehr genau suchen — —.“
Die Offizierswitwe mit den beiden Söhnen hat bereits ein erstaunlich billiges Angebot für Haus und Land in Paraguay. Die Stimmung geht hoch.
Am nächsten Morgen sind wir mitten im La Plata. La Plata, Silberstrom! Der Name klingt wie Hohn; denn in schmutzigem Lehmgelb wälzen sich seine trägen Wogen. Gelbe, einförmige Wüste, soweit das Auge reicht. Fast wirkt der Anblick bereits wieder schön in seiner grandiosen Eintönigkeit. Am Horizont stehen Schiffe, flach auf die Wüstenplatte gestellt. Merkwürdig unwirklich sehen sie aus.
Das Land, das jetzt zur Linken auftaucht, paßt zum Fluß, es ist flach, öde, reizlos. Aber noch öder, noch reizloser könnte es erscheinen, es würde doch mit den gleichen sehnsüchtig erwartungsvollen Blicken verschlungen. Es ist ja das Land der Verheißung, die Erlösung aus all dem Leid, aus all dem Jammer in der Heimat.
Buenos Aires sticht mit Kaminen, Türmen und Kuppeln über den Horizont. Am Bug ballt sich die Masse der Auswanderer. Rasch wächst die Stadt. Eine flüchtige Ähnlichkeit mit New York, ein schüchterner Versuch zu Wolkenkratzern. Der Jachthafen mit Dutzenden der elegantesten Jachten. Dann im Hafen Schiff an Schiff, endlose Kais lang.
Ärztliche Untersuchung und Paßrevision. Dann darf man von Bord. Jetzt noch die zollamtliche Untersuchung. Der Flieger verhandelt aufgeregt mit einem Gepäckträger. Koffer auf Koffer rollt an. Immer wieder greifen die geübten Hände der Zollbeamten tief in Kisten und Koffer. Der ehemalige Fliegeroffizier hat einen Teil seiner Sachen schon durch, aber nun zieht der Beamte ein Bündel Uhrketten aus einem Paar Damenhandschuhe.
„Was ist das?“ — und nun kommt Stück für Stück ans Tageslicht. Er bekommt einen puterroten Kopf. Tapfer hält sich die junge Frau.
Auf Schmuggel steht Beschlagnahme der Ware und hohe Geldstrafe, bei großen Beträgen Gefängnis. Weiß Gott, da wird der Herr vom Tisch vis-à-vis abgeführt. Er hatte Brillanten in der Weste eingenäht. Eine Dame soll ihn angezeigt haben.
Sicher erhoffte Telegramme sind ausgeblieben. Über Paraguay hört man bereits im Zollamt nur Ungünstiges. Luftschlösser stürzen ein. Und die Traumstadt der Verheißung ist, wenn man sie betritt, auch nicht anders wie jede Weltstadt: eine gewaltige Mühle, die die Masse der Menschen zerreibt, um den wenigen Zähen, Auserwählten den Aufstieg zu unerhörter Macht freizugeben.