4. Die Stadt am La Plata.

Buenos Aires.

Draußen im Land blühen jetzt die Kakteen. Wenn man mit einer der zahllosen Elektrischen hinausfährt und wenn nach den eleganten Straßen auch die Zone der Vorstädte mit ihren niedriger und ärmer werdenden Häusern zurückbleibt, bis nur mehr der durch Steppe, Sumpf und Busch führende Damm der Bahn der einzige Bindestrang mit der zurückgelassenen Zivilisation ist, dann ranken Kakteen zu beiden Seiten des Weges, seltsame, fleischig-wulstige Pflanzen. Wie Tiere ihre Jungen auf dem Rücken tragen, so haben sie ihre Triebe angesetzt, und dazwischen treibt der staubgraue Leib eine Blüte von seltsam flammender Schönheit, die auf dem häßlichen Pflanzenkörper so fremd anmutet, als hätte sich ein leuchtender Schmetterling auf ihn gesetzt.

Ist dies das Bild der Stadt, in der ich jetzt lebe? Sicher ist es ein krasser, willkürlicher Vergleich, und doch drängte er sich mir auf, als ich zum ersten Male von dem Turm der Pasaje Guemes über die Stadt blickte. Wie trostlos öde ist der Boden, aus dem diese Stadt erwuchs! Jede, aber auch jede angeborene Schönheit hat ihr die Natur versagt. Der Fluß, dessen unerhörte Breite ein Meer vortäuscht, ist, von hier oben gesehen, nichts als ein braunes ödes Feld. So träge steht die Masse der lehmschweren Flut, daß der Unwissende von hier nicht unterscheiden könnte, ist es Morast oder Wüste oder Wasser. Und nicht anders ist das Land, in das sich die Stadt mählich verliert. Keine blauen Berge am Horizont, keine fernen Wälder, nichts, auf dem das Auge friedlich ruhen, kein Punkt, nach dem die Sehnsucht schweifen könnte.

Unten am Fuß des Gebäudes aber ziehen elegante Straßen, dehnen sich Plätze voll Palmen und blühenden Blumen. Die Plaza und Avenida de Mayo, Plaza San Martin, der Palermo-Park mit seinen Teichen, Rasen und Hainen: alles ist künstlich geschaffen, ist einer Wüste abgerungen. Und alle diese Plätze, Gärten, öffentlichen Gebäude und reichen privaten Villen und Residenzen sind gebaut aus dem Erlös der Produkte dieses so trostlos öde scheinenden Landes. Dieses Land hat die Palmen gepflanzt und die Autos der Männer wie den Schmuck der Frauen bezahlt. Es allein ermöglicht die Einfuhr aller dieser wahnsinnig teueren Luxusartikel aus allen Ländern der Erde, die die Lager und Läden der Stadt füllen. Wie reich und vollsaftig muß dieses Land sein, das eine solche Blüte treiben konnte, aus dem in phantastischer Üppigkeit eine Hauptstadt erwachsen konnte, in der ein Viertel der Bewohner des ganzen Landes lebt, deren überreicher Luxus Zweck und Ziel aller Arbeit auf den fernen Estancias und Chacras, auf den Ranchos und Quintas zu sein scheint!

Eine Kakteenblüte voll fremdartiger Schönheit? — Nein, der Vergleich stimmt doch in keiner Weise! Dazu ist diese Stadt zu nüchtern, zu europäisch, zu amerikanisch. Ja, amerikanisch, das ist der Grundton, und es bedürfte nicht der Ansätze zu Wolkenkratzern, um an New York zu erinnern. Aber da unten die Plaza de Mayo könnte ebensogut in irgendeiner mexikanischen oder brasilianischen Stadt liegen, und die Avenida erinnert durchaus an einen Pariser Boulevard, ihre Läden an Oxford Street in London und die umliegenden Straßen an die Berliner Friedrichsstadt. Selbst in der Vorstadt ähnelt an einer Stelle die Wellblecharchitektur dem Rande von Chicago, während an anderer Stelle die auf Pfählen im Sumpf errichteten Bretterbuden einer polnischen oder wolhynischen Landstadt gleichen. Jede Nation mag hier Anklänge an ihr Heimatland finden.

Unten in der Avenida rollen in sechsfacher Reihe die Autos, Wagen an Wagen; wie bei marschierender Truppe Leib an Leib gepreßt, zieht es sich wie ein stählernes endloses Band, wie ein grau und gelb und schwarz lackiertes Trottoir roulant hin, das alles, was Geld und Macht und Ansehen hat, hin- und herträgt zwischen den die Straße gleich mächtigen Querriegeln begrenzenden Gebäuden, dem Regierungspalast und dem Kongreß. In den beängstigend engen Straßen aber, die beiderseits der Avenida wie schmale Rillen in die viereckigen Häuserblöcke eingeschnitten sind, drängt sich der Strom der Autos, Wagen und Fußgänger so dicht, daß sie von hier oben kaum belebt erscheinen.

Ist es anders als in der Fifth Avenue oder in den Steinschluchten um Woolworth oder Bankers Trust Building in New York City? Wer dem Pulsschlag lauscht, dem Pochen des Herzens, das in jeder Stadt schlägt, wird den Unterschied finden.

Hier fehlt der eine harte Klang, der das ganze Leben der Union durchzittert, der Rhythmus Dollar, Dollar, Dollar, der in den Riesenturbinen von Niagarafalls nicht anders pulst als in dem Blut der Tausende von Girls in weißen Blusen, die nach Geschäftsschluß die Straßen füllen als springlebendiger, weicher, warmer Strom.

Hier fehlt die harte Geste, das Vorwärtsdrängen, Zurückstoßen. Schon an der Art, wie sich der Straßenverkehr abspielt, wird es erkennbar, an der graziösen Leichtigkeit, mit der der elegante schlanke Schutzmann in dunkelblauer Uniform und blauem Tuchhelm mit seinem schneeweißen Gummiknüppel in weißbehandschuhter Hand den Strom der Autos lenkt. An der Höflichkeit und Liebenswürdigkeit der Menge wird es deutlich, die sich ohne Lärm, ohne Zwischenfall, ohne Schelten in den lächerlich engen Straßen bewegt, auf deren Bürgersteigen nicht zwei Personen nebeneinander gehen können.

Sicher spielt in den geschäftlichen Kreisen von Buenos Aires Geld keine geringere Rolle als in andern Handelsmetropolen, sicher wird hier im Verhältnis nicht weniger umgesetzt und verdient als in New York oder London, aber die Brutalität des Geldmachens fehlt hier. Man lebt leichter, verdient leichter und gönnt auch dem Nächsten seinen Teil, so daß die Geste auch des Geschäftsmannes hier liebenswürdige Höflichkeit bleibt.

Und weiter erkennt man bei näherem Zusehen, daß diese scheinbar so amerikanische oder europäische Stadt im Grunde ganz etwas anderes ist: durch und durch argentinisch; mag dies auch in dem noch unorganischen Stadtbild nicht deutlich werden, wo ein moderner englischer Geschäftsbau neben einem altspanischen Hause mit blumenumranktem Innenhof steht.

Buenos Aires ist eine Stadt, die ins Maßlose, Unbegrenzte strebt. Im Zentrum, das für zwanzig- oder zweihunderttausend Menschen gedacht und gebaut wurde, muß sich heute der Verkehr einer Menschenmasse von zwei Millionen abspielen. Darum hat man alle neuen Straßen in zehnfacher Breite angelegt. Kilometerweit hinaus führen breite Avenidas, die heute nur ärmliche, ebenerdige Häuser oder Buden und Hütten säumen, die aber vielleicht schon in zehn Jahren elegantes Leben füllt.

Diese Stadt will wachsen. Auch die City will heraus aus ihrer Enge. Und darum hat man im Zentrum ganze Reihen von Häuserblöcken niedergerissen und daraus die Plaza und Avenida de Mayo geschaffen. Darum sollen auch weitere Straßenreihen fallen. Die Ansätze dazu sind schon da. Bis die ganze innere Stadt mit einem Netz breiter Diagonalen durchzogen ist, die Luft, Licht und Raum schenken.

Städte sind Lebewesen, die wachsen, blühen und sterben. Drüben jenseits des lehmigen Wassers des La Plata und des blauen des Atlantik liegen Städte, in deren verwahrlosten Straßen der Menschenstrom kreist wie schweres schwarzes Blut in kranken Adern, deren Häuserfassaden die Spuren durchlebter Fieberschauer tragen oder die Anzeichen kommender. Nirgends empfindet man so stark wie in dieser jungen, so namenlos jungen Stadt, wie krank Europa ist, wie krank und unheilschwanger!