41. Auf einer Zuckerrohrplantage.

Cañamina.

Im hochgelegenen Irupana war es kühl gewesen, wie an einem bewölkten Frühlingstag in Deutschland. Aber hat man den Paß hinter sich, ist stundenlang über den sanft sich senkenden Rücken geritten und hat den Abstieg in scharfen Serpentinen zum Bett des Rio de La Paz hinunter vollendet, eines bei La Paz entspringenden Quellflusses des Beni, so wird es wärmer und wärmer. Ab und zu sieht man zwischen Büschen, an deren Stelle mehr und mehr Palmen treten, den Fluß heraufschimmern, ausgegossen zwischen die steilen Felsmauern wie flüssiges Blei. Das erstemal erschrickt man, wenn man dieses zwei- bis dreihundert Meter breite, mattfarbene Band erblickt, — wie soll man da hinüberkommen? Aber bald sieht man, daß es das sandige, steinige Flußbett ist, das der Fluß nur in einzelnen schmalen Linien durchzieht.

Es wird schwül wie in einem Gewächshaus. Seltsame Pflanzen schießen zu beiden Seiten des Weges hoch. Haushohe Kakteen von einem weißlichen, verwitterten Graugrün, die aufeinandergetürmt sind wie Reste zerbrochener Säulen oder wie unheimliche, schlanke Monolithe. Von ihren Stacheln hängt ein seltsames fahlgrünes Moos herunter, das auch alle andern Bäume und Pflanzen zu überziehen beginnt, eine Wucherpflanze, zäh wie Draht, die auf alle Äste und Zweige klettert, das letzte Grün der Bäume erstickend, bis von den gebeugten, sterbenden Stämmen gleich Greisenbärten nur mehr das tückische Moos hängt, und sie, bis ins Mark zerfressen, zusammenbrechen.

Unten im steinigen Flußbett aber glüht und brennt die Sonne zwischen den hohen Felsmauern wie in einem Feuerofen.

Sorgfältig die Spuren zwischen den Steinen lesend, sucht und findet man die Furt. Bis über den Bauch geht dem Tier die schmutzig braune Flut.

Jenseits mündet ein Tal. Zwischen Urwaldrankwerk führt ein schmaler Pfad. Bald darauf ein Bananenhain und Bambusrohrhütten. Vor einer der Hütten hockt eine alte Negerin, vom Halse herunter hängt ein Kropf, nein, ein Dutzend Kröpfe, in der schlaffen Haut liegen sie wie Bälle in einem Netz. Ein junges Weib neben ihr platt auf dem Bauch, die straffen Brüste vor sich ausgebreitet und an jeder einen Bengel säugend.

Es sind Neger, die hier arbeiten, des Fiebers wegen, das den Indianer gleich dem Weißen angreift. Hier beginnt die königreichgroße Finca des Sindicato Industrial, die erste Finca des Syndikats „Miguillo“. Der Weg zur Hacienda führt durch eine Allee von Sisalagaven, ungeheuern Pflanzen, die ihre harten, scharfen, spitzen Blätter wie Schwerter über den Weg strecken, so daß es schwierig erscheint, unverletzt dazwischen durchzukommen.

Von hier an beginnt das lichte Grün des Zuckerrohrs, sich in der Ferne wie eine unendlich frische, saftige Wiese von der dunklen Tönung des Waldes abzuheben.

Kreuz und quer über den Fluß, bis das Tal sich weitet, die Hügel zurücktreten und mitten im lichtesten Grün zwischen Palmen und Orangenbäumen die blanken Wellblechdächer der Hacienda Cañamina, des Hauptsitzes des Syndikats, in der Sonne blinken.

Wo sengende Sonne und Wasser im Überfluß zusammenkommen, da wächst die Caña, das Zuckerrohr. So viel Wasser braucht die Pflanze, daß selbst der reichliche Regen hier in den Yungas nicht ausreicht und zwischen den Reihen der bambusartigen Stauden ständig die Fluten künstlicher Bewässerung rinnen müssen, welche die von den Bergen herunterstürzenden Gießbäche speisen.

Einundeinhalbes Jahr braucht das Zuckerrohr bis zur Reife, bis die Neger oder Indianer tagtäglich mit ihren meterlangen, schweren, breiten Messern in die Cañaverales, die Zuckerrohrfelder, hinausziehen, um das Rohr zu schneiden.

Harte Arbeit; denn glühend sticht die Sonne, und unermüdlich umschwirren die Arbeiter Schwärme bissiger Moskitos. Aber immer gibt es Ruhepausen, in denen das süße Rohr eifrig geschält und gelutscht wird. Da sieht man überall die schmatzenden, kauenden Gruppen die dicken Stengel zerbeißen, und aus den Mundwinkeln trieft der schwere süße Saft.

Bald geht man über schwankendes Gewirr hochgehäufter Rohre, bis die Mulas kommen, um sie zur Mühle zu schaffen.

Auch für die Mühle ist der hundert Meter hoch herabstürzende Gießbach belebende und treibende Kraft, der in enge Röhre eingezwängt zum Peltonrad hinunterschießt, um die Trapiche, das Walzwerk, zu treiben, zwischen dem die Caña bis auf den letzten Tropfen ausgepreßt wird.

Während sich das trocken ausgelaugte Rohr in hohen Haufen stapelt, um später als Feuerungsmaterial unter den Kesseln zu dienen, rinnt der Huarapu, der durch die Trapiche ausgepreßte Saft, in große Bottiche, in denen er sich zum Most wandelt, bis auf mancherlei Umwegen durch Destillation und Rektifikation als Endprodukt der Alkohol gewonnen ist.

Auch hier ist es nicht Zucker, der aus der Caña erzeugt wird; Alkohol bringt mehr Geld. Er bringt viel Geld. Die Lata zu 20 Liter wird zu 43 Peso verkauft, mitunter steigt der Preis bis auf 75 Peso. Ein Hektar mit Caña bestellt, produziert etwa 130 Latas Alkohol. Es muß ein glänzendes Geschäft sein.

Der Administrator ist auch sehr zufrieden und er denkt daran, den Betrieb zu vervielfachen. Der Alkoholbedarf im Land nimmt auch ständig zu. Der Administrator ist ein außerordentlich liebenswürdiger Wirt, und so unterlasse ich denn, daran zu erinnern, daß ein ganzes ehemals gesundes, kräftiges Volk langsam am Alkohol zugrunde geht.