49. Quer durch Uruguay.
Rivera.
Nach durchfahrener Nacht war der Schnellzug von Montevideo nach Rivera an der Nordgrenze der Republik Uruguay immer leerer geworden. Trotzdem seit einigen Jahren die ununterbrochene Bahnlinie von Montevideo wie von Buenos Aires nach Rio de Janeiro fertig ist, gibt es zwischen den Hauptstädten der drei Staaten doch keinen durchlaufenden internationalen Verkehr. Frachten und Passagiere nehmen den Seeweg, der unverhältnismäßig rascher und billiger ist, von der größeren Annehmlichkeit ganz zu schweigen.
So gab es, nachdem wir Rio Negro und Tacuarembo passiert haben, nur geringen Lokalverkehr: Estancieros, Gauchos und Händler, die ein paar Stationen weit fuhren. Da man mir trotz eines anderthalbjährigen Aufenthalts in Südamerika und trotz aller Anpassung an die Landessitten den Gringo, den Fremden, doch immer noch ansah und solche auf dieser Strecke selten sein mochten, suchte jeder der Neuankömmlinge Anknüpfung und Gespräch. Es war immer die gleiche Frage, ob ich nicht von einem Frigorifico käme, um Vieh zu kaufen. Auch in Uruguay haben magere Jahre den fetten zu folgen begonnen. Die Viehpreise, die während des Weltkriegs schwindelnde Höhen erklettert, sind auf die Hälfte gefallen; und die Frigorificos, die großen Fleischgefrieranstalten, haben seit einiger Zeit die Käufe ganz eingestellt. Mit einiger Ungeduld wartet man auf dem Lande auf die Käufer.
Von den Viehpreisen glitt dann mit großer Regelmäßigkeit das Gespräch über die allgemeine wirtschaftliche Lage zu den politischen Verhältnissen im Lande hinüber. Draußen zog die Unendlichkeit der Pampa an den staubigen Scheiben vorüber. Seit ein paar Stationen hatte die endlose Steppe angefangen sich leicht zu wellen. Man sah Buschwerk und hie und da Bäume, ein bisher wie auch in der ganzen argentinischen Pampa nie erlebter Anblick. Im übrigen sind ja Argentinien und Uruguay nach Landschaft und Bevölkerung eine Einheit, wie ursprünglich die kleine Republik am Uruguay auch politisch ein Bestandteil der größeren Schwester am La Plata war. Aber die Rivalität Brasiliens machte sie zu einem selbständigen Pufferstaat, der in der Sorge, seine Selbständigkeit wieder zu verlieren, vor dem stammverwandten Nachbar Anlehnung an die große Republik im Norden sucht. An einer Kleinigkeit fällt diese politische Einstellung auf: man reitet in Uruguay nicht den argentinischen Sattel, sondern den brasilianischen, einen silberbeschlagenen Bocksattel mit darüber gelegter Schabracke aus schwarzem Schaffell. Wer weiß, welche Rolle der Sattel im Leben der Einheimischen spielt, wird auf solche Kleinigkeiten achten.
Aber diesmal sprachen wir nicht von der Animosität gegenüber Argentinien. Die Wahlen und der im Zusammenhang mit ihnen drohende Generalstreik waren erst seit kurzem vorüber, und die innerpolitischen Probleme beherrschten noch restlos die Gemüter. Mein Gegenüber erleichterte sich das Herz durch Schmähungen gegen die „Colorados“, die sich an der Macht behauptet hatten.
„Nun haben wir die deutschen Schiffe“, meinte er, „und könnten eine eigene nationale Dampferlinie damit einrichten, aber die unfähige Regierung weiß nichts damit anzufangen. Zuerst haben wir keine Kohle und, wenn wir Kohle haben, ist niemand da, der die Schiffe fahren kann. Es ist ein Skandal!“
„Sie sind also ein Blanco?“ — so heißt die andere, bei den Wahlen unterlegene Partei —, warf ich ein.
„Ich bin weder ein Blanco noch ein Colorado“, war die Antwort, „die einen sind nicht besser als die andern.“
Der Schaffner war zu uns getreten und mischte sich in das Gespräch: „Es ist ganz einerlei, wen man wählt, die Mißwirtschaft ist unter allen Parteien die gleiche.“
Wie verloren stand das Vieh auf der Weide. In weiten Abständen voneinander spärliche menschliche Behausungen. Land und Bewegungsraum noch für Millionen. Hier bedarf es keines der Probleme, unter denen Europa sich zerfleischt. Wie reich ist dieses Land, niemand muß hier Not noch Sorge kennen.
Ich nahm das Gespräch wieder auf: „Aber wer wird denn aufräumen mit der Mißwirtschaft? Wer wird’s denn ändern?“
Der Schaffner stand vor mir, breit und massig, sehr adrett in peinlich sauberer Uniform, sehr honett und sehr bürgerlich.
„Wer es ändern wird, Herr“, er sprach sehr langsam, jedes Wort betonend, „wer es ändern wird? Die Bolschewiken werden es ändern!“
Das Wort stand einen Augenblick im Raum, ihn ganz erfüllend, unheimlich und unheilschwanger. Dann ging der Schaffner weiter, sehr ruhig, sehr honett und sehr bürgerlich. Mein Gegenüber sah aus dem Fenster. Auf der nächsten Station stieg er aus. Ein deutscher Farmer stieg an seine Stelle. Laut und lärmend begrüßte er in mir den Landsmann. Er hatte ein prachtvoll frisches, offenes Gesicht.
„Sollen nur recht viele rüberkommen aus Deutschland,“ meinte er, „zu kaufen ist ja allerdings schwer, aber zu pachten gibt es Land genug. Gutes Land, und billig.“ Er wies aus dem Fenster. „Hier die Chacra können Sie gleich pachten. Sollen nur recht viele kommen!“
Und er erzählte von dem Käse, den er nach Rivera brachte, und von dem Geschäft, das damit zu machen ist.
Wir liefen in Rivera ein. Die übliche Station, das übliche Bahnhofspublikum. Nur die angelsächsischen Gesichter der Angestellten des nordamerikanischen Frigorifico und ihrer Frauen brachten eine fremde Note hinein. Die Schatten standen kurz und schwarz auf grellweißem heißem Sand. Sonne, Wohlleben, Lebenlassen. Die Frigorificos kaufen wieder Vieh.