50. Abend in Santa Anna.
Santa Anna do Livramento.
Die Grenze führt mitten durch die Stadt. Es ist nur eine einzige, aber die eine Hälfte heißt Rivera, die andere Santa Anna do Livramento, und beide scheidet eine unsichtbare Mauer. Der Wagen, der in müdem Trott durch die sonnenheiße Stadt einen verzerrten Schatten nachschleift, hält. Im Türrahmen eines weißen Hauses lümmelt ein Neger mit Beamtenmütze. Grenzkontrolle.
Auch Brasilien hat angefangen, seine Grenzen zu sperren. Man braucht alle möglichen Visa und Zeugnisse. Der deutsche Konsulatsbeamte in Buenos Aires wollte mir unbedingt einen neuen Paß ausstellen. Ich wollte nicht; denn das kostet 56 Peso.
„Dann gebe ich Ihnen kein Visum.“ Er war sehr förmlich.
„Danke, brauche ich nicht.“
„Aber dann gibt Ihnen das brasilianische Konsulat auch keines.“ Er war sichtlich empört.
„Doch, wetten?“
Er wandte sich ab. Ich konnte froh sein, ohne Rüge fortzukommen.
Ich ging zum brasilianischen Konsulat und schickte dem Generalkonsul meine Karte hinein. Es war ein reichlich verfetteter, reichlich schwarzer Brasilianer. Hier unter den Argentiniern fällt einem der Rassenunterschied zwischen den beiden Völkern stärker auf.
Wir plauderten. Die Unterhaltung war sehr angeregt, über Brasilien, die beste Reiseroute, meine nächsten Pläne. Dann zeigte ich meinen Paß.
„Der genügt doch?“
„Selbstverständlich.“ Er sah gar nicht hinein. „Morgen können Sie das Visum holen.“
Mir liegt wenig daran, recht zu behalten. So schenkte ich mir einen zweiten Gang aufs Konsulat, um dem Beamten den trotzdem vidierten Paß zu zeigen. Vielleicht tue ich dem Mann auch unrecht, vielleicht haben die deutschen Konsulate Weisung, nach Möglichkeit Paß- und Visumgebühren einzunehmen. Schön, aber manchmal fällt es einem schwer, den Ausdruck „Wurzerei“ zurückzuhalten, besonders wenn sich dies Verfahren gegen frisch Herübergekommene wendet, die sich nicht zu helfen wissen und für die zehn oder zwanzig Peso ein Vermögen bedeuten. So traf ich später in Brasilien einen jungen Deutschen, der nach Argentinien ausgewandert war. Er fand keine rechte Arbeit und wollte nach Brasilien. Aber das deutsche Konsulat gab ihm kein Visum, da der Paß nicht auch für Brasilien ausgestellt war. Er mußte sich einen neuen Paß ausstellen lassen. Das kostete ihm seinen letzten Notpfennig.
Inzwischen war der Neger bei meinem Wagen angelangt und begann die Koffer abzuladen. Drinnen saß ein zweiter, nicht viel hellerer Brasilianer hinter einem Tisch. Er sah mich und dann meine Koffer an und nickte. Die Neger begannen das Gepäck wieder hinauszuschleppen. Ich wollte meinen Paß ziehen, aber er winkte nur zur Tür. Die Störung seiner Siesta hatte ihm augenscheinlich bereits lange genug gedauert.
Als das Pferd wieder anzog, war ich eigentlich etwas enttäuscht. Also auch das brasilianische Visum wäre überflüssig gewesen und das neue Impfzeugnis dazu, das ich mir in Buenos Aires besorgt hatte, nachdem ich mich zuletzt noch in dem chilenischen Hafen Arica hatte impfen lassen müssen.
Eigentlich ist es lächerlich. Kommt man zur See in Rio oder Santos an, so braucht man alle möglichen Führungszeugnisse und Atteste, auf dem Landwege aber wird nicht einmal nach einem Paß gefragt. Dabei ist Montevideo eine offene Einfallspforte, denn die Republik Uruguay kennt noch keinerlei Paßzwang.
„Wir sind sehr freiheitlich und sehr demokratisch“, hatte mir der uruguayische Konsul in Buenos Aires stolz gesagt.
Nach Passieren Dutzender von Grenzen bin ich über den Nutzen von Paßkontrollen ein wenig skeptisch geworden. Ich glaube nicht, daß durch sie unerwünschte Elemente tatsächlich wirksam ferngehalten werden; es kommt nur auf eine Belästigung der Harmlosen heraus. Aber die Einnahmequelle für den Staat dürfte nicht unerheblich sein, und so wird es einstweilen bei der Notwendigkeit von Pässen bleiben.
Der Weg zum Bahnhof, am andern Ende der Stadt, dehnte sich. Die niederen Häuser standen in übermäßig breiten Straßen so weit auseinander, daß es nicht den mindesten Schatten gab. Dazu ging es hügelauf, hügelab. Aber wenn man aus dem völlig flachen Argentinien kommt, ist schon das Sensation, und auf den Hügeln, die die Stadt säumen, stand sogar ein wenig Wald.
Aber die weite Fahrt war vergeblich. Der Zug ging erst am andern Morgen. Nicht einmal mein Gepäck konnte ich nach São Paulo aufgeben. Ich hatte es vorausschicken wollen, um, von ihm nicht beschwert, nur mit ein wenig Handgepäck zu reisen. Im Staate Santa Catharina hatte es eine Überschwemmung gegeben. Der Regen hatte den Bahnkörper weggerissen. Wann er wieder hergestellt sein würde? Ein Achselzucken. Man kann mit Booten passieren, meinte ein dritter.
„Überhaupt, es gibt nur Karten bis zur Landesgrenze“, erklärte der Stationsvorstand. —
Brasilien ist Bundesstaat; man merkt erst, wenn man im Innern reist, wie sehr sich die einzelnen Staaten voneinander abschließen und wie stark die Rivalitäten zwischen ihnen sind.
Das Hotel war eine Bretterbude. Es gab ein besseres, aber ich wollte landesüblich reisen. Ich mochte wohl als der vornehmste Gast gelten; so erhielt ich das letzte Fremdenzimmer in der Reihe. Um dorthin zu gelangen, mußte man durch alle andern hindurch. In dem ersten lagen ein paar Gauchos gestiefelt und gespornt auf den Betten, im zweiten saß eine Familie mit kleinen Kindern zu Tisch, im dritten stand ein junges Weib mit aufgelösten Haaren mitten im Raum. Das Haar war ein wenig fett, aber lockig und von einem ins Blaue spielenden Schwarz. Es fiel in Ringeln um ein ebenmäßiges, olivbraunes Gesicht. Wie zwei lebendige, verwunderte Fragen standen dunkle Augen darin. Daneben lag hinter einer löcherigen Tapetenwand mein Zimmer. Ich stieß die Fensterläden auf, um die schwüle stickige Luft hinauszulassen. —
Nach dem Abendessen bummelte ich noch ein wenig durch die nachtdunkle Stadt; vor allem wollte ich eine Gelegenheit für ein alltägliches, unvermeidliches Bedürfnis suchen; in solch kleinen Orten haben nur die vornehmsten Häuser ein eigenes Lokal dafür. Eine stockdunkle Straße war gerade geeignet. Zur Seite schien, ein wenig tiefer, eine buschbestandene Wiese zu liegen. Ich wollte schon hinabspringen, als ich plötzlich anhielt und erst mit dem Stock sondierte. Er fand keinen Grund. Ich warf einen Stein und hörte erst nach einer Weile ein klatschendes Aufschlagen. Es war ein Sumpf. Die Straße fiel in steilem Sturz jäh dahin ab. Ich überlegte, wie ich wohl wieder herausgekommen wäre. —
Später traf ich den Spanier, den ich auf der Station kennengelernt. Wir bummelten über die Plaza. Aus dem Café drang Musik. Das Kino warf einen frechen Lichtkegel auf die Straße. Einen Augenblick glaubte ich das olivbraune Profil meiner Nachbarin zu sehen. Dann spazierten wir wieder unter den dunklen Bäumen.
„Ach, Sie sind Deutscher!“ rief er aus, „ich hielt Sie für einen Engländer.“ — Mit einemmal war er wie ausgewechselt. „Muy amigos los alemanes!“ Er schloß mich in die Arme.
„Die Deutschen sind unsere Freunde! Wen sollten wir sonst haben? Die Engländer? Die Franzosen? Die alle wollen nur etwas von uns, aber die Deutschen — Und schließlich werden die Deutschen doch noch siegen.“
Um uns flanierte eine müßige Menge.
„Sehen Sie nur die Leute hier; hier und überall. Aber die Deutschen arbeiten. Ein Volk, das arbeitet, kann nicht zugrunde gehen, nie!“
Die zerfetzten Töne des letzten Operettenschlagers aus Rio wehten vom Café her über die Plaza.