6. Die Landfrage.
Mariano Saavedra.
Wir reiten über den Kamp. Endlose Weite. Wie weiße, braune und schwarze Tupfen steht das Rindvieh im Grün des Alfalfafeldes. Weiterhin Pferde in Rudeln, dann Schafe gleich Lämmerwölkchen über den grünen Horizont ziehend. Kein Baum, kein Strauch, kein Haus. Nur die Drahtzäune, die den Kamp in einzelne Potreros teilen, laufen unermüdlich neben uns her, und ab und zu passieren wir ein klapperndes Windrad, das Wasser in die Viehtränken pumpt.
Man könnte in menschenleerer Öde sich verlassen glauben, kündete nicht der dunkle Schatten am Horizont die Estancia mit ihren Hainen und Gärten, Landhäusern und Wirtschaftsbauten. Dort die Estancia mit ihrem Schloß, in dem der Besitzer in der Regel kaum ein paar Wochen im Jahr weilt, und hier am Weg ein paar zerfallene Lehmmauern, die Reste eines Pächterhauses: das ist das Landproblem Argentiniens.
Argentinien ist das Land des Großgrundbesitzes. Seit den Zeiten des Diktators Rosas (geb. 1793, gest. 1877) haben die Regierungen ihren Günstlingen, verdienten Parteigängern, Generälen und Staatsmännern gewaltige Landkomplexe überlassen, Ländereien von der Größe eines Fürstentums wurden verschenkt oder zu lächerlich niederen Preisen verkauft. Heute ist die ganze Republik mit Ausnahme der augenblicklich wertlosen oder geringwertigen Regierungsländereien im äußersten Norden und Süden und des wenig zahlreichen mittel- und kleinbäuerlichen Besitzes in den Händen einer geringen Zahl von Großestancieros und Landgesellschaften. Komplexe von 100 und 200 Hektar, also etwa von der Größe eines deutschen Ritterguts, sind hier ein winzig kleiner Besitz. Man zählt nach Quadratleguas, einem Flächenmaß gleich 25 Quadratkilometern, und Estancien von 50, 75 und 100 Quadratleguas sind keine Seltenheit.
Diese gewaltigen Ländereien dienen lediglich der Viehzucht, und zwar einer Viehzucht extensivster Art. Weder der einheimische Landbesitzer, der Estanciero, noch der eingeborene Landarbeiter, der Gaucho, hat irgend Sinn und Neigung für Ackerbau. Da sich der reiche Argentinier nur ungern von seinem Land trennt und er andrerseits die gewaltige Wertsteigerung nicht missen will, die in dem Umreißen des rohen Kamps und seiner zeitweisen Bestellung liegen, verfiel man in diesem Land auf das eigenartige Pachtsystem des Medianero. Der Besitzer stellt Land, Vieh, Gerät und Samen einem Medianero, einem Pächter, zur Verfügung, der dafür so viel Land bestellt, wie er mit seiner Familie bewirtschaften kann. In den Ertrag teilen sich Pächter und Besitzer zu gleichen Teilen. Derartige Pachtverträge werden jedoch nur auf kurze Zeit, auf drei bis fünf Jahre, oft auch nur für ein Jahr abgeschlossen. Ist die Zeit abgelaufen, so muß der Pächter im wahren Sinne des Wortes sein Dach abreißen und dahin ziehen, wo er wieder Pacht findet. Dem Estanciero liegt ja nichts daran, dauernd Korn zu bauen. Er will lediglich den Boden seines Kampf verbessern und bessere Weide für sein Vieh bekommen. Darum legt er in der Regel dem Pächter die Verpflichtung auf, im letzten Jahr des Pachtvertrages Alfalfa zu bauen, eine Luzernekleeart, die das vornehmste Futter für Großvieh hierzulande ist.
Der Pächter hat also seinerseits gar kein Interesse daran, es sich irgendwie gemütlich zu machen. Inmitten der Öde des Kamps steht sein Rancho, eine Lehmhütte mit Wellblechdach, das der Kolonist mit sich führt. Er pflanzt keinen Baum, kaum Gemüse, und ist zu einem elenden Nomadenleben verdammt, falls es ihm nicht gelingt, sich so viel zu ersparen, daß er zum Arendatario, zum Pächter mit eigenem Vieh und Gerät, und schließlich zum Besitzer auf eigener Scholle aufzusteigen vermag.
Es ist ein brutales System, das seinen Zweck, den Wert des Landes zu steigern, zwar erfüllt — ein mit Alfalfa bestandener Kamp kostet 100 Prozent mehr als ein roher —, das aber in keiner Weise für deutsche Einwanderer in Frage kommt. Was der ins Land kommende Deutsche erhofft, ist Seßhaftigkeit auf eigener Scholle, die er mit der Zeit durch seiner Hände Arbeit erwerben kann.
Nichts ist aber schwerer als das. Die Schwierigkeiten liegen in den hohen Landpreisen, in der Wertlosigkeit der deutschen Valuta und in der Unsicherheit des Besitztitels.
Drei Wege führen zum Besitz von Grund und Boden: Kauf von privater Seite, Erwerb von Regierungsland oder von Ländereien einer Kolonisationsgesellschaft. Der erste Weg scheidet für die Besitzer von Markguthaben aus. Selbst für kleine Kampe sind bei dem derzeitigen Stand der deutschen Valuta Guthaben erforderlich, über die selbst der wohlhabende deutsche Einwanderer nicht verfügt.
Nun zum Regierungsland. Das ist die vielumstrittene Frage. Einmal, gibt es überhaupt noch Regierungsland, das für Kolonisation in Frage kommt, zum andern, wie steht es mit der Übertragung der Besitztitel?
Regierungsland gibt es sowohl in den nördlichen Territorien, in Misiones und im Chaco, als auch im Süden, in Rio Negro, Neuquen, Chubut und Santa Cruz. Die allgemeine Ansicht geht dahin, daß beide Gebiete für Kolonisation nicht in Frage kommen. Der Norden sei zu heiß, der Süden nur für Schafzucht geeignet. Nach den Temperaturen, die ich bisher in den Provinzen Buenos Aires und Santa Fé erlebte und die bis an 40 Grad reichen, möchte ich der ersten Ansicht beipflichten. Allein ich habe hier stets gefunden, daß man selbst sehen muß, und die Kenntnis der Porteños, der Bewohner von Buenos Aires, von den äußeren Gebieten des Landes geht in der Regel nicht sehr weit.
Was die Besitztitel betrifft, so wird immer wieder über die Schwierigkeit geklagt, solche zu erlangen. Die Regierung gibt wohl Land zu billigen Preisen ab, allein ohne Besitztitel. Mitunter sitzen Leute zehn, fünfzehn und mehr Jahre auf ihrem Kamp, dessen Wert sich inzwischen durch ihre Arbeit verfünffacht und verzehnfacht hat, und können keine ordentlichen Besitztitel erhalten.
Auf der Fahrt hierher erzählte mir ein Deutscher, der in eine Zuckerfabrik des Nordens auf Arbeit fuhr, seine Geschichte. Ihm war in Paraguay Regierungsland zu günstigen Bedingungen übertragen. Nachdem er sein ganzes Kapital hineingesteckt und ein paar Jahre darauf fleißig gearbeitet hatte, meldete sich eine argentinische Landgesellschaft als Besitzerin und wies rechtskräftige Titel vor. Alle Reklamationen der deutschen diplomatischen Vertretung blieben fruchtlos. Der Mann mußte sein Vieh verkaufen und Grund und Boden verlassen. Ich habe denselben Vorgang nicht einmal, sondern wohl ein dutzendmal gehört, nicht nur aus Paraguay, sondern auch aus Argentinien. Ich kann ihre Wahrheit nicht nachprüfen, allein die Häufigkeit, mit der man sie hört, macht stutzig. Der einzelne, ohne genügend Kapital, ohne Rückhalt und vor allem ohne Verbindungen und „amigos“ kann sich jedenfalls nicht genug vorsehen, ehe er sein Geld in Land anlegt.
Bleibt die Vermittlung der Kolonisationsgesellschaften. Die Mehrzahl arbeitet auf kapitalistischer Grundlage, andere auf genossenschaftlicher oder wie die des Baron Hirsch auf gemeinnütziger Basis. Nicht alle bestehenden Kolonisationsgesellschaften haben sich immer einwandfrei betätigt. Es sind Fälle vorgekommen, daß sie an Kolonisten Land gaben, das so mit Hypotheken überlastet war, daß die Käufer es nicht halten konnten. Von den Gesellschaften, die sich neu in Deutschland gebildet haben, sind ein Teil reine Schwindelunternehmungen, denen es lediglich auf Gimpelfang ankommt. Andere verfügen wohl über guten Willen, aber nicht über die erforderlichen Kenntnisse, Erfahrungen und Verbindungen. Daß in ihrem Vorstand Männer sitzen, die früher einmal in Argentinien waren, genügt nicht. Vor allem darf man nicht vergessen, daß zwischen Buenos Aires und dem Land ein himmelweiter Unterschied ist. Man kann jahrelang in der Hauptstadt sitzen, ohne vom Kamp etwas zu verstehen. Dabei mag von solch grotesken Fällen ganz abgesehen werden, daß sich hier bei amtlichen Stellen als Vertreter deutscher „Siedelungs- und Kolonisationsunternehmungen“ Herren meldeten, mit der Absicht, Land zu kaufen, die weder von Argentinien, noch von Landwirtschaft, noch von der spanischen Sprache eine Ahnung hatten.
Es ist bedauerlich, daß durch solche Schwindelunternehmungen der Gedanke der Kolonisationsgesellschaft diskreditiert wird und unter Umständen auch gutfundierte und gutgeleitete Gesellschaften zu leiden haben; denn dieser Gedanke stellt den einzigen Weg dar, eine große deutsche Einwanderung gut unterzubringen. Vorbedingung ist jedoch, daß deutsches und argentinisches Kapital zusammenarbeitet, unter enger Fühlungnahme mit den beiden Regierungen und unter Ausschaltung von Spekulationsgewinnen.
Der gegebene Mittler wäre das deutsch-argentinische Kapital, das bei gutem Willen ohne Schwierigkeiten über die erforderlichen Mittel verfügen würde, um selbst sehr großzügige Siedelungsunternehmungen zu finanzieren. Seit Ende 1919 ist auch die Frage einer Siedelungsaktiengesellschaft erörtert worden. Kommissionen haben getagt. Es ist jedoch nichts dabei herausgekommen. Nach den Äußerungen des Direktors der Überseeischen Bank hätten alle Berechnungen ergeben, daß nicht einmal eine bescheidene Verzinsung der aufgewendeten Kapitalien zu erwarten sei. Ich kann diese Behauptung noch nicht nachprüfen. Wenn aber das betreffende Komitee weiter einstimmig zu der Ansicht kam, daß mit einem derartigen Unternehmen den Einwanderern selbst kaum ein Dienst erwiesen würde, so wird man stutzig.
Bei dem großen Mehrwert, den eine großzügige Kolonisation für alle Beteiligten bedeuten würde, kann man sich des Gedankens nicht erwehren, daß einigen, und gerade den kapitalkräftigsten, Mitgliedern der deutschen Kolonie die Einwanderung aus der Heimat unsympathisch ist. Man hört mitunter die Meinung, daß sie die sozialistische Gesinnung deutscher Kolonisten fürchten. Vielfach sollen sie auch schlechte Erfahrungen mit deutschen Arbeitern gemacht haben.
Deutsches Kapital, das wohl verfügbar wäre — denn nach menschlichem Ermessen gibt es für mitteleuropäische Gelder kaum eine sicherere Anlage als in argentinischem Grund und Boden —, kann sich nur in Form von Maschinen, Werkzeug und Waren beteiligen. Schon aus diesem Grunde bedarf es der Mitwirkung argentinischer Firmen. Sperrt sich das deutsch-argentinische Kapital noch länger, so wird rein argentinisches Kapital die Sache machen, ja, es wird sogar behauptet, daß Ententekapital darauf lauere, sich der deutschen Einwanderung als eines guten Spekulationsobjekts zu bemächtigen, was nicht so unwahrscheinlich ist.
Ein derartiges Siedelungsunternehmen müßte als Kolonisations- und Handelsunternehmung gegründet werden, um die aus Deutschland gelieferten Waren in eigener Regie veräußern zu können und andrerseits die auf der Kolonie erzeugten Produkte direkt nach Deutschland zu liefern. Es müßte weiterhin versuchen, Einfluß auf die Verschiffung der Einwanderer zu nehmen, wenn es nicht eigene Schiffe erwirbt. Im Anschluß daran ließe sich die Frage der Verpflanzung deutscher Industrien nach Argentinien lösen.
Es muß etwas geschehen, womöglich ehe eine deutsche Masseneinwanderung hier eintrifft. Darum ist es Zeit zu einem lauten, weithin vernehmlichen Caveant Consules! Was die deutschen Einwanderer brauchen, ist nicht Warnung und Rat und bestenfalls Arbeitsvermittlung, sondern die rasche Beschaffung von billigem Land.
Auch der argentinische Staat sollte daran interessiert sein. Eine planmäßig geförderte und systematisch geleitete deutsche Einwanderung würde nicht nur dem Lande eine Fülle wertvollster Kräfte zuführen, sondern eine gerechte und großzügige Lösung der Landfrage würde der argentinischen Republik das schaffen, was ihr noch fehlt: einen gesunden und kräftigen Bauern- und Mittelstand, und damit die beste Sicherung gegen die sozialen Gefahren, die die gegenwärtige Besitzverteilung des Landes und die Latifundienwirtschaft unheilschwanger in sich bergen.