8. Sigue Vaca!
Estancia „La Louisa“.
Seit Wochen regnet es nicht. Der Boden ist trocken wie Zunder. Auf den Pfosten der Potrerozäune sitzen in regelmäßigen Abständen graugepudert die Habichte. Von den Hufen des Pferdes weht der Staub gleich gewaltiger Rauchfahne nach rückwärts. Aber sie ist wie ein dürftiges Fähnchen gegenüber der riesigen Wolke, die über den Horizont zieht. Breit und massig steigt sie gen Himmel.
Es ist eine Herde frisch gekauften Viehs, die zur Verteilung in die Ensenada getrieben wird. Dort sollen die aus dem Norden kommenden Rinder nach ihrer Qualität in kleine Herden geteilt werden. Ist dies geschehen, so wartet ihrer noch Bad und Impfung. Dies und Kastrieren, Markieren und Schneiden der Hörner ist neben der täglichen Kontrolle des Viehs, der Zäune, Pumpen und Tanks die Arbeit der Capataze und Peone, der Viehhirten der Estancia.
Es ist Arbeit, die ihr Vorgänger, der Gaucho, nicht kannte; er hätte auch für die modernen Hilfsmittel der Ensenada nur ein verächtliches Lächeln gehabt. Er hatte nichts als sein Pferd und seinen Lasso. Wollte in früheren Zeiten ein Estanciero zwecks Zählung oder Verkaufs seine Herde zusammentreiben, so geschah es auf freiem Feld, höchstens daß ein Pfosten den Platz bezeichnete, an den sich das Vieh mit der Zeit gewöhnte, so daß es willig mitzog, wenn die Gauchos es in dieser Richtung trieben. Aber seine Trennung und Absonderung geschah nur durch lebendige Gassen von Pferden und Reitern, die es oft genug durchbrach. Zum Markieren oder Kastrieren aber mußte jedes einzelne Stück mit dem Lasso gefangen und geworfen werden.
Heute ist der Lasso, jedenfalls auf modernen Estancien in den zentralen Provinzen, mehr ein Dekorationsstück, das aus Tradition noch am Sattel hängt. Wenigstens erlebte ich es, als ich vom galoppierenden Pferd aus den Lasso versuchte und natürlich fehlwarf, daß auch der unterweisende Peon bei Pferd wie Kuh und Schaf keinen besseren Erfolg hatte.
Die Ensenada hat den Lasso überflüssig gemacht. Ein weiter Corral, ein festumzäunter Platz, in den das Vieh getrieben wird. Auf die erste Abteilung, den Vorhof gleichsam, folgt eine zweite, die sich trichterförmig verengt und schließlich in einen engen Schlauch ausläuft, in dem zwischen schrägen festen Wänden kaum ein Stück Vieh Platz hat. Durch Fallgatter und Türen kann man bequem, ohne Anstrengung und Gefahr, jedes einzelne Stück in verschiedene Unterabteilungen, die auf den Gang münden, leiten.
Mit dumpfem Brüllen hat sich inzwischen die wandelnde Staubwolke dem Eingangstor der Ensenada genähert. Der voranreitende Peon zieht an einem Strick eine klappernde Lata, eine große leere Blechbüchse, hinter sich her. Willig folgt ihm die Herde. Versuchen einige Ungebärdige rechts oder links auszubrechen, so treiben die begleitenden Peone mit lautem Geschrei und geschwungener Peitsche sie auf den Weg zurück.
Der Corral ist voll. Die Staubwolke steht und steigt gerade gen Himmel. Unruhig schiebt und drängt sich die Herde hin und her. Das dumpfe Brüllen ist allgemein geworden. Aufreizend durchzittert es die Luft, die so dick voll Staub ist, daß man alles nur in ungewissen, verschwommenen Formen sieht. Von den Peonen sind einige abgesessen und haben zu beiden Seiten des Schlauchs Posto gefaßt. Die andern reiten an.
Lust faßt mich, mitzutun. Mit geschwungener Peitsche und lautem Geschrei gibt es ein Preschen auf die Rinder. Unwillig setzt sich ein Teil in Bewegung und drängt in die Trichter. Andere wollen nicht, brechen aus, gehen die Reiter an. Es gibt ein wildes, heißes Reiten. Immer wieder im Galopp um die Herde herum und mit Gewalt in sie hineingeprescht.
„Sigue vaca!“ „Vamos!“ „Sigue, sigue!“ und dazwischen ein indianerartiges Aufheulen in hohen Fisteltönen. Donnerwetter, trotz der Ensenada ist es harte Arbeit. Die Kehle ist heiser vom Schreien, Gesicht und Arme sind schwarz von Staub. Die braune Haut der Peone sieht sich an wie altes, brüchiges Leder.
Endlich haben wir einen Schub im Trichter. Das Tor wird geschlossen. Drinnen bleiben zwei berittene Peone und treiben die Rinder, die immer wieder umzukehren versuchen, in den Schlauch.
Der nächste Schub und der übernächste! Je weniger Vieh im ersten Corral bleibt, desto ungebärdiger wird es. Es sind ja jene Widerspenstigen, die bisher immer wieder auszubrechen verstanden, die übrigblieben und die nun hineingetrieben werden müssen.
„Sigue, sigue vaca!“ Die Kehle gibt nur mehr ein heiseres Brüllen her. Mund und Lunge sitzen voll Staub. Es ist ein eigentümliches Gefühl, in diese Masse Rinderhäupter hineinzureiten. Langsam schiebt sie sich vor, bis eines ausbricht und die ganze Herde kehrtzumachen droht. Da heißt es, sofort den Widerspenstigen zurückzutreiben.
Ein mächtiger Stier trottet vor mir zwischen den Kühen her. Zornig und tückisch schielt er, als empfinde er das Unwürdige seiner Situation. Plötzlich dreht er und will zurück. Eine Wendung mit dem Pferd, und die Last des angaloppierenden Pferdes prallt dem Stier in die Flanken, während gleichzeitig die schwere Peitsche ihm über den Rücken saust.
Die Brust des Pferdes ist Waffe und Werkzeug. Mit ihr reitet man das Vieh an, wie das Pferd auch gewöhnt ist, mit der Brust die Tore der Umzäunung zu öffnen. Bewundernswert ist die Ruhe der Tiere. Für den Neuling ist es ein unheimliches Gefühl, so mitten zwischen den Hörnerspitzen einer unruhig drängenden Rinderherde zu reiten, aber willig sprengt das Pferd immer wieder von neuem gegen jedes widerspenstige Rind. Es ist ein heißes, hartes, aber auch schönes, ritterliches Arbeiten. In der Luft liegt etwas von der Aufregung, Lust und Gefahr eines siegreichen stürmischen Schlachttages.
Ein anderes Bild: Eine Herde frisch eingetroffener Pferde jagt über den Kamp. Im Galopp geht es zur nächsten Ensenada. Sie müssen gezeichnet werden.
Es ist Sitte und Gesetz von jenen Zeiten her, als das Land noch keine Drahtzäune kannte, daß jedes Stück Vieh die Marke seines Besitzers, die gesetzlich eingetragen ist, führen muß. Diese Marke ist etwas Ähnliches wie bei uns ein Wappen und wird auch auf dem Briefbogen geführt. Wird ein Stück Vieh verkauft, so wird die Marke umgekehrt über die erste Markierung eingebrannt, zum Zeichen, daß der Besitzer das Pferd rechtmäßig verkaufte, und daneben wird das Zeichen des neuen Besitzers aufgeprägt.
Die Pferde stehen jetzt hintereinander im Schlauch, das vorderste zwischen zwei Gattern vorne und hinten eingepreßt. Von einer Plattform aus kann man ihm bequem mittels der Schlaufe der Peitsche eine bändigende Fessel über die Nüstern legen. Inzwischen glüht an dem kleinen Knochenfeuer, das mit Fett zu hellerer Flamme angefacht wird, das Brandeisen.
Das Tal des Rio Cayunco.
Inkasee.
Ruhig steht das gefesselte Pferd. Der Peon setzt ihm das Eisen auf den Schenkel. Jetzt spürt das Tier die Hitze. Wild schlägt es mit den Hufen gegen die Bretterwände und versucht, sich mit gewaltigem Ruck zur Seite zu werfen. Umsonst, schon hat sich der glühende Stahl unerbittlich in sein Fleisch gebissen. Das Gatter öffnet sich. Verzweifelt sich schüttelnd, stürmt es ins Freie. Das nächste!
Für besonders ungebärdige Tiere, vor allem für Stiere, dient eine Art Holzklammer, welche die Tiere so zusammenpreßt, daß sie ganz widerstandslos werden. Eine ähnliche Vorrichtung benutzt man zum Festklemmen des Kopfes, um die Hörnerspitzen kappen zu können.
Eine besondere Einrichtung erfordert das Baden, dem alle aus dem Norden kommenden Tiere unterworfen werden müssen, da sie durchweg mit Zecken behaftet sind. Die Anlage ähnelt der Ensenada. Nur endet der Schlauch in einem engen Kanal, der mit desinfizierender Lösung gefüllt ist. Langsam trotten die Rinder den engen Gang vor. „Vamos! Sigue vaca, sigue!“ Mit den Peitschenstielen treiben die Peone die Unheil witternden Rinder an. Jetzt steht das erste vor dem Kanal und stutzt. Aber schon hat es den Fuß auf die schräge Zementbahn gesetzt. Und damit ist sein Schicksal besiegelt. Es saust die steile Bahn hinunter und schlägt auf dem hochspritzenden Wasser auf. Ängstliches Brüllen, verzweifelt starrende Augen, aber ein mit langer eiserner Gabel bewaffneter Peon faßt die Hörner und taucht unerbittlich den Kopf in die dunkle Flut.
Rind auf Rind passiert. Will eines absolut nicht vor, so genügt ein rascher Griff, der ihm den Schwanz bricht, um es vorzutreiben.
Dazwischen traben die Kälber. Sie sind die Widerspenstigsten. Oft gelingt es ihnen, sich umzudrehen. Dann müssen sie rückwärts schreitend ins Bad getrieben werden. Oder zwei purzeln übereinander, geraten gleichzeitig mit einem ausgewachsenen Rind ins Bad und kommen unter dessen Füße; dann gibt es aufreibende Arbeit, sie vor dem Ertrinken zu bewahren.
Am Ende des Bades führt eine Rampe in zwei zementierte Einzäunungen, aus denen die kostbare Flüssigkeit wieder ins Bad zurückfließen kann. Hier steht zitternd und tropfend das verängstigte Vieh, während von der andern Seite das aufreizende „Sigue vaca!“ klingt und die Peone einen neuen Schub Rinder in den Trichter treiben.
Es ist spät geworden, als ich mich verabschiede. Schon ist der die Luft füllende Staub golden von der sinkenden Sonne.
„Buenas noches, caballeros!“ Mit vollendeter Ritterlichkeit ziehen die braunen Gestalten, von denen mehr als einer aussieht wie ein Strolch, die Hüte und schütteln mir kavaliermäßig die Hand. Es ist wohl nicht nur das alte stolze Indianerblut in jedem von ihnen, sondern auch ihre ritterliche, reiterliche Tätigkeit, die ihnen nur das Leben im Sattel, die Arbeit mit Peitsche, Lasso und Messer als die einzig manneswürdige erscheinen läßt.