Vorwort.
Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag.
Goethe, Faust.
Der Wunsch, Pionierdienste zu leisten, Neuland zu finden, mitzuhelfen, Brot und Lebensmöglichkeiten für die Tausende zu erschließen, denen Krieg und Revolution sie genommen, war die Triebfeder zu dieser Reise. Vielleicht auch ein wenig Müdigkeit und Enttäuschung, daß nach furchtbarer seelischer und körperlicher Aufregung und Anstrengung während vier Kriegsjahren auch die Revolution fast alle Blütenträume welken ließ, die reiner Enthusiasmus nach ihrem Aufflammen von ihr erhofft hatte.
Neue Ufer! Zweimaliger Besuch in den Vereinigten Staaten und in Mexiko in der Vorkriegszeit hatte gelehrt, daß die Neue Welt längst im gleichen Pulsschlag mit der Alten Welt lebte und daß die unbegrenzten Möglichkeiten einer Begrenzung entgegengingen, die auch ohne Teilnahme am Weltkrieg schwere soziale Erschütterungen im Gefolge haben mußte. Aber Südamerika, Brasilien, Argentinien, Chile: mußte nicht hier Neuland in unbegrenzter Ausdehnung sein? Lockte nicht an diesen Ufern ein neuer Tag?
Der erste Eindruck überwältigte. Fülle, Reichtum, Gedeihen, unbegrenzte Möglichkeiten und scheinbare Unberührtheit von all den Problemen, die die Alte Welt zerfleischen. Es war ein Irrtum. Je länger man in diesem Kontinent reist, desto mehr wird man durchdrungen von der Einheit der Menschheit von heute. Gewiß, man kann sich auf eine weltferne Estancia setzen, man kann sich in ein unbekanntes Kordillerennest flüchten, aber das Bibelwort bleibt bestehn: „Und flöhe ich an die äußersten Meere....“
Gewiß, es gibt hier noch unbestellten wertvollen Ackerboden, königreichgroß. Es gibt noch unabgeholzte Wälder von unermeßlichem Wert. Es gibt Mineralschätze in unbegrenzter Menge. Es gibt Möglichkeiten, industrieller, kaufmännischer, selbst künstlerischer und literarischer Art, wie sie die Alte Welt nicht bietet. Sicher kann der Gewandte, der Energische, der Skrupellose raschen Reichtum erwerben. Aber neue Ufer, ein neuer Tag?
Fast scheinen sich die Verhältnisse zu verschieben, wie sich im Süden die Sternbilder am Himmel umkehren, und die Alte Welt erscheint als die neue, die Neue die alte. Wer an den politischen und wirtschaftlichen und sozialen Formen hängt, die Krieg und Revolution gewandelt, wird in der Neuen Welt noch alles finden, dem er nachtrauert. In Südamerika gibt es noch herrschende, bevorzugte Klassen, dort gibt es noch den Herrn-im-Hause-Standpunkt und gibt es rücksichtslose Ausbeutung wirtschaftlich Schwacher.
Aber genau wie die politischen Ideen der großen Französischen Revolution einst den Atlantik übersprangen und in Südamerika zum Freiheitskampf und zur Abschüttelung der spanischen Herrschaft führten, genau so dringen jetzt die sozialen Ideen des Abendlands bis in die fernste Pampa und bis in das verborgenste Indianerdorf, trotz aller Absperrungsversuche, trotz aller „leyes de residencia“, trotz aller Bemühungen, „bolschewistische Elemente“ fernzuhalten.
Eine große Gefahr bedroht diesen Kontinent, der so überreich ist an Schätzen, daß jeder einzelne seiner Bewohner ein sorgenloses Leben führen könnte. Wie damals die Abschüttelung des spanischen Jochs unter dem Einfluß der Ideen der Französischen Revolution jahre- und jahrzehntelange Unruhen, Chaos und Anarchie in jenen Ländern zur Folge hatte, die für „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ noch in keiner Weise reif waren, genau so liegt heute die Gefahr vor, daß sich die soziale Entwicklung überschlägt. Es handelt sich zu einem großen Teil um Volkselemente, die weder lesen noch schreiben können, um Indianer und Halbindianer, um wirtschaftlich und sozial unterdrückte Klassen, die bisher in einer Art patriarchalischer Abhängigkeit, ja in halber Leibeigenschaft gehalten wurden. Rationale Momente und Rassengefühle wirken mit.
Eine täglich wachsende, in Ländern natürlichen Überflusses doppelt verbitternd wirkende Teuerung kann den Anstoß geben zu einem plötzlichen Ausbruch sozialer Erschütterungen, die sonst unwahrscheinlich erscheinen mögen. Überall dasselbe: Streik in Argentinien, Streik in Chile, Streik in Bolivien. Auch dieses letztere Land, in dem bisher eine kleine, weiße Herrenschicht fast unumschränkt über die indianische Urbevölkerung herrschte, hat sich vor wenigen Monaten genötigt gesehen, Paßzwang einzuführen, und wenige Tage nach meiner Ankunft in seiner Hauptstadt La Paz brach der Streik der staatlichen Telegraphenbeamten aus.
Wetterleuchten! Vielleicht ist das Unwetter, das Europa durchtobt, hier noch fern, jahrzehntefern. Vielleicht helfen hier der natürliche Reichtum, die geringe Bevölkerungsdichte soziale Probleme überwinden, unter denen das Abendland konvulsivisch zuckt. Vielleicht auch bricht hier der Sturm doppelt furchtbar los. Es gibt Beispiele in Südamerika. Der Boden ist blutgetränkt.
Es ist schwer zu prophezeien, schwer zu raten. Schätze liegen brach. Aber wer sie heben will, darf nicht vergessen, daß er in Länder des Hochkapitalismus kommt. Eigenes Kapital ist das A und das O. Soziale Gesetzgebung, soziale Fürsorge gibt es nicht, oder sie stecken in den Kinderschuhen. Jeder steht allein da und ist nur auf sich selbst angewiesen. Aber auf das Heute kann ein ganz anderes Morgen folgen.
Unweit von La Paz liegt in Tiahuanacu eine uralte Stätte menschlicher Kultur, eine Weltstadt, die nach der Sage vor mehr als zehn Jahrtausenden blühte. Kulturen blühen und vergehen. Aus alten Kontinenten wandeln sich neue, und neue werden alt. Vielen mögen die neuen Ufer die neue Heimat werden, den neuen Tag aber wird nur erleben, wer ihn in seinem Herzen bereitet.
Berlin, März 1922.
Colin Roß.