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Selber schließe ich mich denen an, die Germaniens Stämme, rein und vor jeglicher Mischung mit Fremden bewahrt, für ein eigenes, unverfälschtes, keinem anderen vergleichbares Volk nehmen. Daher auch, unerachtet der großen Menschenzahl, überall der gleiche Schlag: hellblaue trotzige Augen, rotblondes Haar, gewaltige Leiber, nur zu Tat und ungestümem Drängen taugend; mühsamer Arbeit sind sie nicht in gleichem Maße gewachsen. Durst und Hitze können sie gar nicht vertragen, Kälte aber und Hunger sind sie in ihren Breiten, auf ihrem Boden gewohnt.

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Das Land sieht wohl nicht überall gleich aus; doch allenthalben starrt schrecklicher Urwald, dehnen sich häßliche Sümpfe. Es ist feuchter gegen Gallien hin, windiger gegen Noricum und Pannonien: Saatgut trägt es, Fruchtbäume gedeihen nicht, Vieh ist häufig, aber meist unansehnlich. Selbst nicht die Rinder haben ihr stattliches Wesen und ihren Schmuck an der Stirn: nur die Zahl der Herde erfreut, [pg 6]nur sie bildet das einzige und ein sehr geschätztes Vermögen. Silber und Gold haben die Götter ihnen nicht vergönnt (ob wohl aus Gunst oder Zorn?), doch möchte ich nicht behaupten, daß Germanien keine Ader Silbers oder Goldes berge; wer hätte danach gesucht? Es zu besitzen und zu brauchen, macht ihnen jedesfalls nicht viel aus. Man kann bei ihnen silbernes Gerät sehen (wie es ihre Gesandten und Fürsten als Geschenk erhalten), das sie nicht höher achten als irdenes. Nur die Grenznachbarn wissen im Handelsverkehr Gold und Silber zu schätzen, erkennen gewisse Prägungen unseres Geldes als echt an und geben ihnen den Vorzug. Tiefer im Innern bleibt es beim einfachen alten Tauschhandel. Von dem Geld nehmen sie nur das alte, wohlbekannte gern, die Münzen mit gezahntem Rand und die mit dem Zweigespann. Auch halten sie sich mehr an das Silber als an Gold, nicht aus besonderer Vorliebe, sondern weil ihnen eine Anzahl von Silbermünzen besser dient, wenn sie allerhand wohlfeile Ware erhandeln.

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Selbst Eisen haben sie nicht allzuviel, wie ihre Waffen zum Angriff zeigen. Wenige führen Schwerter oder längere Spieße; meist brauchen sie Speere (wie sie sagen, Framen) mit schmaler, kurzer Eisenspitze, aber so scharf und so handlich, daß sie dieselbe Waffe, je nach Bedürfnis, im Nah- wie im Fernkampf verwenden können. Der Reiter begnügt sich mit Schild und Frame, das Fußvolk schleudert auch Geschosse, jeder gleich mehrere, und wirft, nackt oder nur im leichten Mantel, unglaublich weit. Ihre Rüstung prunkt nicht; nur die Schilde bemalen sie unterschiedlich mit den buntesten Farben. Panzer haben sie kaum, Helme aus Erz oder Leder nur einer und der andere. Die Pferde sind nicht durch Schön[pg 7]heit, nicht durch Geschwindigkeit ausgezeichnet, aber sie werden auch nicht wie bei uns zu vielerlei Wendungen abgerichtet: man treibt sie geradeaus oder schwenkt nur einmal nach rechts, in streng geschlossener Linie, so daß niemand zurückbleibt. Im ganzen ruht die größere Kraft im Fußvolk; darum streitet auch eine gemischte Schar, in der sich hurtiges Fußvolk, aus der gesamten Jungmannschaft erlesen, dem Reiterkampf schmiegsam anpaßt, vor der übrigen Hauptmacht. Auch ihre Zahl ist bestimmt: es sind ihrer hundert aus jedem Gau, und Hunderter heißen sie bei den Ihren. Was also zuerst Zahl war, ist nun Name und Ehrenname geworden.

Die Hauptmacht wird in Keilform aufgestellt. Vom Platze weichen gilt, wenn man nur wieder vordringt, eher für klug und nicht als Feigheit. Ihre Verwundeten bringen sie auch in bedenklichen Kämpfen in Sicherheit. Den Schild im Stiche zu lassen, ist der ärgste Frevel. Ein derart Ehrloser darf nicht mit opfern noch mit raten. Und schon mancher, der im Kriege davonkam, hat seine Schmach mit einer Schlinge beendet.

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Könige wählt man nach ihrem Adel, Führer nach ihrer Tapferkeit. Doch auch der Könige Macht ist nicht ohne Schranken, nicht Willkür, und die Führer wirken weit mehr durch ihr Vorbild als durch ihr Amt: wenn sie überall zur Hand, wenn sie allen sichtbar, wenn sie immer vorne kämpfen und zur Bewunderung fortreißen. Auch ist es ihnen nicht erlaubt, über Leben und Tod zu richten, noch fesseln zu lassen; ja selbst zu Schlägen verurteilen dürfen nur Priester, gleichsam als geschähe es nicht zur Strafe noch [pg 8]auf Befehl des Führers, sondern gewissermaßen auf Geheiß der Gottheit, die nach germanischem Glauben über den Streitenden waltet. So nehmen sie auch Bilder und gewisse Götterzeichen aus den Hainen in die Schlacht mit, und ein besonders wirksamer Anreiz zur Tapferkeit ist es, daß nicht ein Ungefähr, nicht irgendeine Zusammenrottung Geschwader und Keile entstehen läßt, sondern daß Familien und Sippen zusammenhalten. Dann sind auch für jeden seine Lieben ganz nahe, und da hört er das schrille Geschrei der Frauen, das Wimmern der Kinder. Hier hat er die heiligsten Zeugen, hier das lauteste Lob: zur Mutter, zur Gemahlin kommt er mit seinen Wunden, und die schrecken nicht zurück, zählen und prüfen sie ihm und bringen den Kämpfern Speise und Zuspruch.

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Es ist uns überliefert, daß Frauen, mehr als einmal, schon wankende und weichende Reihen durch ihr unablässiges Flehen, die Brüste entblößend und auf die drohende Gefangenschaft deutend, wieder hergestellt haben. Denn ihre Frauen gefangen zu denken, ist ihnen ganz unerträglich, und das geht so weit, daß Völkerschaften, die unter ihren Geiseln auch adlige Mädchen stellen müssen, wirksamer gebunden sind. Ja, sie schreiben den Frauen etwas Heiliges, Seherisches zu und verschmähen nicht ihren Rat, überhören nicht ihren Bescheid. Wir haben gesehen, wie zu des erlauchten Vespasianus Zeit Veleda weit und breit als göttliches Wesen galt. Aber auch früher haben sie Albruna und manche andre Frau verehrt, doch nicht aus Schmeichelei, noch als machten sie Göttinnen aus ihnen.

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Unter den Göttern verehren sie am höchsten den Mercurius; sie glauben, ihm an bestimmten Festen auch Menschenopfer bringen zu dürfen. Mars und Herkules versöhnen sie nur mit erlaubten Tieren. Ein Teil der Sueben dient auch der Isis. Anlaß und Ursprung dieser fremden Anbetung kann ich nicht recht erklären; nur zeigt gerade das Sinnbild, einem Liburnerschiff gleichend, daß sie über die See eingedrungen ist. Übrigens widerstrebt es ihrer Anschauung von der Größe der Himmlischen, die Götter in Mauern zu sperren und mit menschlichen Zügen abzubilden. Sie weihen ihnen Wälder und Haine und rufen mit Götternamen jene geheime Macht an, die sie nur in entrückter Andacht schauen.

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Auf Vorzeichen und Losdeutungen achten sie wie nur irgendein Volk. Das Verfahren beim Losen ist einfach. Sie schneiden den Zweig von einem wilden Fruchtbaum zu Stäbchen, ritzen auf jedes ein bestimmtes Zeichen und streuen sie aufs Geratewohl über ein weißes Tuch hin. Dann hebt, wenn in gemeiner Sache Rat gesucht wird, der Priester, wenn in Sachen einzelner, das Familienhaupt, mit einem Gebet zu den Göttern gegen Himmel aufblickend, nacheinander drei Stäbchen auf und deutet sie gemäß dem zuvor eingeschnittenen Mal. Sind sie nicht günstig, so wird in derselben Sache am gleichen Tage nicht mehr befragt, wenn aber günstig, noch die Bestätigung durch Vorzeichen gefordert. Und zwar ist auch hier geläufig, Vogelstimmen und Vogelflug zu erkunden: eigentümlich aber ist diesem Volke, auch auf die Ahnungen und Warnungen von Pferden zu achten. In den gleichen Hainen und Wäldern, [pg 10]deren ich schon gedachte, werden auf Kosten der Gemeinschaft weiße Rosse gehalten, von keiner irdischen Arbeit berührt. Nun spannt man sie vor den heiligen Wagen, und der Priester mit dem König oder Fürsten geht nebenher und merkt auf ihr Wiehern und Schnauben. Und kein anderes Vorzeichen findet größeren Glauben, nicht nur im niederen Volk, sondern auch bei den Vornehmen und Priestern. Diese halten sich wohl für die Mittler der Gottheit, die Rosse aber für ihre Vertrauten.

Dann gibt es noch eine Art Schicksalserforschung, durch die sie den Ausgang schwerer Kriege erfahren wollen. Aus dem Volk ihrer Gegner stellen sie einen Gefangenen, den sie irgendwie aufgegriffen haben, einem auserlesenen Kämpfer des eigenen Volkes gegenüber, jeden mit seinen heimischen Waffen: der Sieg des einen wie des anderen gilt als Vorbedeutung.

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Über geringere Sachen beraten die Fürsten, über wichtigere die Gesamtheit, jedoch so, daß auch, was das Volk entscheidet, im Rat der Fürsten vorbesprochen wird. Sie kommen, außer wenn ein unerwarteter Zufall eintritt, in bestimmten Fristen zusammen, zum Neumond oder zum Vollmond; denn diese Zeiten scheinen ihnen besonders günstig für den Beginn eines Unternehmens. Sie zählen auch nicht wie wir die Tage, sondern die Nächte. Darnach wird anberaumt und zugesagt: die Nacht führt gleichsam den Tag herauf. Ihre ungeregelte Freiheit hat das Mißliche, daß sie nicht gleichzeitig und nicht nach dem Geheiß beisammen sind, sondern daß oft ein zweiter, ein dritter Tag mit dem Warten auf Säumige hingeht. So wie es der Schar genehm ist, setzen [pg 11]sich alle, in Waffen. Die Priester, die hier auch das Recht zu ahnden haben, gebieten Schweigen. Darauf findet der König oder Fürst Gehör, jeder nach seinem Alter, Adel, Kriegsruhm und Redevermögen, mehr nach dem Gewicht seines Rates als nach der Macht zu befehlen. Mißfällt der Antrag, so wird er durch Murren verworfen; gefällt er, so schlagen sie mit den Framen aneinander. Das ehrenvollste Zeichen des Beifalls ist Lob mit den Waffen.

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Vor dieser Versammlung darf auch Klage angebracht und peinliches Gericht begehrt werden. Die Strafen scheiden sich nach dem Verbrechen. Verräter und Überläufer hängen sie an Bäumen auf, Feige, Weichlinge und am Körper Geschändete versenken sie in Schlamm und Morast und werfen Flechtwerk darüber. Die Verschiedenheit der Todesart deutet darauf, daß man Frevel durch die Strafe gleichsam kundtun, Schandtaten verbergen müsse. Aber auch für leichtere Vergehungen gibt es angemessene Strafe: die Überwiesenen werden um eine Anzahl von Pferden und Vieh gebüßt. Ein Teil der Buße wird dem König oder Gemeinwesen, der andere dem, der sein Recht erhält, oder seinen Verwandten geleistet.

In den gleichen Versammlungen werden auch die Fürsten bestimmt, die in Gauen und Dörfern Recht sprechen. Jedem solchen treten hundert Männer aus dem Volke als Rat und Beistand zur Seite.