Achter Auftritt.

Die Vorigen und Wralmann.

Wralmann. O! o! o! o! Jetzt seh’ ich’s! Ins Grab bringen will man das Kind! Mutter, erbarme dich der Frucht deines Leibes, die du neun Monate in deinem Schoß herumgeschleppt hast, sozusagen ein achtes Wunder der Welt! Gibst du ihnen noch länger Freiheit, den verfluchten Bösewichtern – wie bald ist aus einem solchen Kopf ein Klotz gemacht! Das Kind ist schon disponiert dazu, hat alle Anlagen!

Frau Prostakowa. Wahrheit sprichst du, Adam Adamytsch ... Liebes Kind, wenn das Lernen deinem teuren Kopfe so schädlich ist, so bin ich der Ansicht, daß du aufhörst zu lernen.

Mitrofan. Dieser Ansicht bin ich schon lange.

Kutejkin (das Buch schließend). Fertig, und Ehre sei Gott in der Höh’.

Wralmann. Verehrteste, Teuerste, Beste – was willst du? Wie dein Sohn auch sein mag – aber er ist gesund; was hilft’s dir, wenn du einen weisen Sohn hast, sozusagen einen Arestotilis, und er steht mit einem Fuß im Grabe?

Frau Prostakowa. Das ist ja entsetzlich, Adam Adamytsch! Und er hat noch gestern so unakkurat zu Abend gegessen.

Wralmann. Bedenke nur, Werteste: schon ein überladener Magen ist ein Unglück. Wie nun, wenn sein Kopf, der doch viel schwächer ist als sein Magen – Gott schütze vor Unglück – überladen wird, was dann?

Frau Prostakowa. Wahrheit sprichst du, Adam Adamytsch! Aber was thun? Wenn der Knabe, ohne etwas gelernt zu haben, nach Petersburg kommt, so wird man ihn einen Dummkopf nennen! Heutzutage gibt’s zu viele Kluge, und diese gerade fürchte ich.

Wralmann. Warum sie fürchten, Verehrteste? Ein vernünftiger Mensch wird nie mit ihm anbinden, wird nie mit ihm in Meinungsstreit kommen; er aber soll auch mit klugen Menschen keine Gemeinschaft suchen, und der Segen des Himmels wird auf ihm ruhn.

Frau Prostakowa. So mußt du auf der Welt leben, Mitrofan.

Mitrofan. Ich selbst, Mutter, bin kein Freund von klugen Menschen; nur gleich und gleich gesellt sich gern.

Wralmann. Natürlich lebt sich’s am besten unter seinesgleichen, sozusagen in eigener Gesellschaft.

Frau Prostakowa. Aber, Adam Adamytsch – aus wem willst du denn diese Gesellschaft bilden?

Wralmann. Besorge nicht, Verehrteste, besorge nicht: Solcher, wie dein teurer Sohn, gibt’s auf Erden Millionen! Wie sollte er sich da keine Gesellschaft finden?

Frau Prostakowa. Er ist zwar mein Sohn, aber dennoch ein findiger, gewandter Junge.

Wralmann. Jammerschade nur, daß er sich halbtot hat lernen müssen! Russische Grammatik! Arithmetik! Ach, du lieber Gott! Wie dabei noch die Seele im Leibe bleibt?! Als ob ein russischer Edelmann ohne die russische Grammatik in der Welt nicht avancieren könnte!

Kutejkin (beiseite). Daß dir der Pips an der Zunge wüchse!

Wralmann. Als ob früher die Menschen ohne die Arithmetik lauter Dummköpfe gewesen wären!

Zyfirkin (beiseite). Ich will dir schon deine Rippen zählen, wart du nur! Dich krieg’ ich schon!

Wralmann. Wissen muß man, wie man auf der Welt leben soll. Und ich kenne die Welt auswendig, ich bin ein geriebener Vogel!

Frau Prostakowa. Wie solltest du die Welt nicht kennen, Adam Adamytsch! Wieviel du allein in Petersburg gesehn haben magst!

Wralmann. Genug, Verehrteste, genug! Ich hab’s immer geliebt, mir das Publikum anzusehn. Sobald die Herrschaften in ihren Wagen am Feiertag nach Katharinenhof kamen, hatte ich vollauf zu sehen. Manchmal stieg ich stundenlang nicht vom Bock.

Frau Prostakowa. Von welchem Bock?

Wralmann (für sich). O, o, o – was hab’ ich da gesagt! (Laut.) Du weißt, Verehrteste, daß man am besten sieht, wenn man recht hoch sitzt. So kletterte ich denn manchmal auf den Wagen eines Bekannten und sah mir vom Bock aus die große Welt an.

Frau Prostakowa. Freilich sieht man auf solche Weise besser. Ein kluger Mensch weiß, wohin er steigt.

Wralmann. Auch dein teurer Sohn wird noch in der Welt steigen: die Menschen zu sehn und sich selber zu zeigen ... Prachtjunge! (Mitrofan dreht sich herum, auf demselben Platz stehen bleibend.) Prachtjunge! Kann nicht stille stehn, gleich einem wilden Roß ohne Zaum ... Nun, fort! (Mitrofan läuft fort.)

Frau Prostakowa (freudig lächelnd). Ist doch noch ein wahres Kind, obgleich schon Bräutigam! Muß doch nachsehn, daß er in seinem Mutwillen den teuren Gast nicht belästige.

Wralmann. Geh, Verehrteste, geh. Um diesen losen Vogel zu überwachen, muß man seine Augen überall haben.

Frau Prostakowa. So lebe denn wohl, Adam Adamytsch. (Ab.)