Zweiter Auftritt.

Sophie und Starodum.

Starodum. Ach, du bist schon hier, mein Herz?

Sophie. Ich habe Sie erwartet, Onkelchen, und derweil ein Buch gelesen.

Starodum. Welches?

Sophie. Ein französisches: Fénelons „Mädchenerziehung“.

Starodum. Fénelons, des Verfassers des „Telemach“? Das muß ein gutes Buch sein. Ich kenn’ es zwar nicht, jedoch lies es nur. Wer den „Telemach“ geschrieben, dessen Feder kann keine Sittenverderberin sein. Die modernen Schöngeister machen mich für die jungen Mädchen fürchten. Ich habe sie alle gelesen, soweit sie ins Russische übersetzt sind. Es ist wahr: sie rotten die Vorurteile aus, rütteln jedoch bedenklich an den Wurzeln der Moral. Setzen wir uns. (Sie setzen sich.) Mein innigster Wunsch ist, dich so glücklich zu wissen, wie man auf Erden nur immer glücklich sein kann.

Sophie. Ihre Lehren, Onkelchen, werden mein ganzes Glück begründen. Geben Sie mir Lehren, denen ich folgen soll. Leiten Sie mein Herz, es gehorcht Ihnen gern.

Starodum. Deine Herzensneigung ist mir teuer. Mit Freuden will ich dir meine Ratschläge erteilen. Höre mir mit einer Aufmerksamkeit zu, die der Aufrichtigkeit meiner Rede gleichkommt. Rücke näher. (Sophie nähert ihm ihren Stuhl.)

Sophie. Onkelchen, jedes Ihrer Worte wird sich tief meinem Herzen einprägen.

Starodum. Du stehst jetzt in dem Alter, wo die Seele ihres ganzen Seins genießen, die Vernunft lernen, das Herz empfinden will. Du trittst jetzt in die Welt, wo der erste Schritt oft für das ganze Leben entscheidend ist, wo oft eine in ihren Begriffen demoralisierte Vernunft, ein in seinen Gefühlen demoralisiertes Herz die erste Begegnung bildet. O mein Freund, lerne unterscheiden, lerne zu denen halten, deren Freundschaft dir das Wohl deiner Vernunft und deines Herzens verbürgt.

Sophie. Mein ganzes Streben wird darnach gerichtet sein, die Achtung würdiger Menschen zu erwerben. Wie jedoch mach’ ich’s, daß diejenigen, die ich meide, mir dafür nicht zürnen? Gibt es nicht ein Mittel, daß mir kein Mensch auf Erden gram sei?

Starodum. Die Abneigung Unwürdiger muß nicht kränkend sein. Wisse, daß man nie demjenigen Böses wünscht, den man verachtet; im Gegenteil: man wünscht Böses dem, der selber das Recht hat, zu verachten. Die Menschen beneiden einander nicht allein um Reichtum und Rang: auch die Tugend hat ihre Neider. Diese geben sich alle Mühe, ein unschuldiges Herz zu verderben, um es bis zu sich herab zu erniedrigen; und die Vernunft wird verderbt, damit sie im Unwürdigen ihr Glück ersehe.

Sophie. Ist es denn möglich, lieber Onkel, daß es auf der Welt solche bedauernswerte Menschen gibt, in deren Herzen eine lasterhafte Empfindung dadurch entsteht, daß ein andrer nicht lasterhaft empfindet? Ein tugendhafter Mensch muß solche Unglückliche bedauern.

Starodum. Es ist wahr, sie sind bedauernswert: doch darum setzt ein tugendhafter Mensch seinen Weg unbeirrt fort. Denke nur, welch ein Unglück es wäre, wenn die Sonne aufhören würde zu scheinen, bloß um schwache Augen nicht zu blenden!

Sophie. Aber sagen Sie mir, bitte, ob die Menschen selber die Schuld tragen an der Lasterhaftigkeit ihrer Seele? Kann denn ein jeder Mensch tugendhaft sein?

Starodum. Glaube mir, daß jedermann genügend Kraft finden kann, um tugendhaft zu sein. Man muß nur recht wollen, und leicht wird es dann fallen, das zu unterlassen, wofür in der Folge das Gewissen Vorwürfe machen könnte.

Sophie. Wer denn wird einen Menschen warnen, wer ihn an einer That verhindern, die Gewissensbisse zur Folge haben könnte?

Starodum. Wer ihn warnen wird? Wiederum das Gewissen. Ja, das Gewissen warnt stets als Freund früher, bevor es als Richter bestraft.

Sophie. Dann muß ja jeder lasterhafte Mensch verachtungswert sein, wenn er wissentlich etwas Böses verübt. Dann muß seine Seele recht niedrig sein, wenn sie sich nicht über die böse That erheben kann.

Starodum. Und seine Vernunft muß keine Vernunft sein, wenn sie ihr Glück in etwas Unwürdigem ersieht.

Sophie. Mir scheint, lieber Onkel, daß alle Menschen einerlei Meinung sind, worin das Glück bestehe. Ehrenauszeichnungen, Reichtum –

Starodum. Ganz recht, mein Freund. Auch ich will einen Mann, der reich ist und ausgezeichnet wird, glücklich heißen. Doch wollen wir erst untersuchen, wer denn ausgezeichnet wird und reich ist. Ich habe hierüber mein eigenes Urteil. Den Ruhm bemesse ich nach den Thaten, die ein berühmter Mensch zum Besten seines Vaterlandes gethan, und nicht nach den Thaten, die in selbstsüchtigem Ehrgeiz ihre Quelle haben; ich bemesse den Ruhm nicht nach der Anzahl der Menschen, die in des Gefeierten Vorzimmer einander drängen und stoßen, sondern nach der Zahl jener Menschen, die mit seinem Betragen, mit seinen Handlungen zufrieden sind. Ein derart ausgezeichneter Mensch ist in der That glücklich. – Ferner ist meiner Ansicht nach, nicht derjenige reich, der sein Geld abzählt, um es in Kisten und Spinden zu verwahren, sondern derjenige gilt mir reich, der sein überflüssiges Geld abzählt, um den Bedürftigen zu helfen.

Sophie. Wie wahr ist das alles! ... Wie oft betrügt uns der äußere Schein! Ich selbst hatte mehrfach Gelegenheit zu sehen, wie man denjenigen beneidet, der etwas bei Hofe sucht und daselbst etwas bedeutet.

Starodum. Und die Neider wissen nicht, daß jede Kreatur bei Hofe etwas sucht und sogar etwas bedeutet; sie wissen es nicht, daß bei Hofe jedermann Höfling ist und Höflinge hat. Nein, hier ist nichts zu beneiden: ohne Ehrenhandlungen ist ein Ehrenstand ein Unding.

Sophie. Gewiß, Onkel. Und ein derart ausgezeichneter Mensch macht keinen, außer sich selber, glücklich.

Starodum. Wie? Ist denn derjenige glücklich, der allein, vereinsamt glücklich ist? Wisse, daß, so groß auch sein Ruhm sei, er doch niemals vollständige Glückseligkeit empfinden kann. Stelle dir einen Menschen vor, der seinen ganzen Ruhm nur dazu benutzen wollte, um es selber gut zu haben, der es auch erreichte, daß für ihn selber nichts mehr zu wünschen übrigbliebe; dann würde ja seine ganze Seele nur ein Gefühl mit sich herumtragen – die Furcht, früher oder später von der Höhe seines Glücks gestürzt zu werden. Sage nun, mein Freund, ob derjenige glücklich ist, der nichts mehr zu wünschen hat und nur fürchten kann?

Sophie. Ich sehe nun den Unterschied zwischen dem Glücklichscheinen und Glücklichsein. Aber es ist mir unbegreiflich, wie ein Mensch immer nur an sich denken kann! Bedenkt man denn nicht, daß man andern verpflichtet ist? Wo bleibt denn der Verstand, auf den man sich so viel zu gute thut?

Starodum. Sich etwas auf den Verstand zu gute thun? Ein Verstand, der nur Verstand ist, will noch gar wenig bedeuten! Es gibt Menschen, die bei bedeutendem Verstande schlechte Ehemänner, schlechte Väter, schlechte Bürger sind. Wert verleiht dem Verstande nur die Tugend: ohne Tugend ist auch ein kluger Mensch ein Ungeheuer. Sie steht unendlich höher als ein hoher Verstand – das wird jeder leicht begreifen, der nur ein wenig nachdenkt. Es gibt viele Arten des Verstandes. Einem klugen Menschen kann man verzeihen, wenn ihm diese oder jene Eigenschaft des Verstandes abgeht; einem tugendhaften Menschen verzeiht man’s nicht, wenn ihm irgend eine Tugend des Herzens fehlt: er muß sie alle insgesamt besitzen, denn die Tugend des Herzens ist unteilbar. Ein tugendhafter Mensch muß vollkommen tugendhaft sein.

Sophie. Ihre Erklärung, lieber Onkel, entspricht ganz meinem innern Gefühl, das ich nicht verstehe in Worte zu fassen. Jetzt empfind’ ich lebhaft, worin der Wert eines tugendhaften Menschen, worin seine Pflicht besteht.

Starodum. Pflicht! Ach, mein Freund – dieses Wort ist auf aller Lippen und wird doch oft so falsch verstanden. Der beständige Gebrauch dieses Wortes hat uns dermaßen an dasselbe gewöhnt, daß ein Mensch, der es ausspricht, nichts dabei denkt und empfindet. Wenn die Menschen die Bedeutung dieses Wortes wüßten, würden sie es nicht ohne innere Ehrfurcht aussprechen. Was ist die Pflicht? Jenes heilige Gelübde, das uns an alle bindet, mit denen wir leben und von denen wir abhängen. Wenn jeder den Begriff der Pflicht so auffaßte, wie er ihn ausspricht, so würde jeder Stand nicht über den seiner Lage angemessenen Ehrgeiz streben, würde vollkommen glücklich sein. Der Edelmann z. B. würde es sich zur Unehre gereichen lassen, wenn er nicht ausschließlich seiner großen Pflicht obläge – den Untergebenen zu helfen, dem Vaterlande zu dienen. Dann würde es keine Edelleute geben, deren Adel sozusagen zugleich mit ihren Vorfahren begraben wird. Ein Edelmann, der nicht wert ist ein Edelmann zu sein, ist das erbärmlichste Geschöpf, das ich mir vorstellen kann.

Sophie. Kann man sich denn dermaßen erniedrigen?

Starodum. Mein Freund! Das, was ich vom Edelmann gesagt, kann auf alle Menschen angewendet werden. Jedermann hat seine Pflichten, doch wie werden sie erfüllt? Wie z. B. sind die Männer heutigentags – die Frauen auch nicht zu vergessen!? O mein Kind, höre mir nun mit vollster Aufmerksamkeit zu! Betrachten wir uns z. B. eine unglückliche Familie, wie es deren eine Unmenge gibt, wo die Frau keine herzliche Freundschaft für den Mann empfindet, noch er Vertrauen zu ihr; wo beide auf ihre Art den Weg der Tugend verlassen. Statt eines innigen und nachsichtigen Freundes erblickt die Frau in ihrem Manne einen groben und lasterhaften Tyrannen. Andrerseits sieht der Mann in der Seele seiner Frau statt Sanftmut und Treuherzigkeit – die Eigenschaften einer tugendhaften Frau – nur widerspenstige Frechheit, die Frechheit einer Frau aber ist das Aushängeschild eines lastervollen Charakters. Beide werden sich gegenseitig zur unerträglichen Last; beide mißachten einen guten Namen, weil sie ihn beide verloren haben. Gibt es wohl eine schrecklichere Lage? Das Hauswesen ist verwahrlost; die Dienerschaft vergißt die Pflicht des Gehorsams, weil sie in ihrem eigenen Herrn einen Sklaven niedriger Leidenschaft sieht; das Gut wird ruiniert: es gehört keinem, weil der Herr nicht sich selber gehört. Die Kinder, die unglücklichen Kinder, sind schon zu Lebzeiten der Eltern arme Waisen. Der Vater, der seine Frau mißachtet, wagt kaum die Kinder zu umarmen, wagt kaum, sich den zartesten Empfindungen eines Menschenherzens hinzugeben. Die unschuldigen Kleinen entbehren gleichfalls der mütterlichen Liebe. Sie, die nicht wert ist, Kinder zu haben, entzieht sich ihren Liebkosungen, indem sie darin entweder die Ursache ihrer Unruhe oder einen Vorwurf für ihre Lasterhaftigkeit erblickt. Und welche Erziehung kann eine lasterhafte Mutter ihren Kindern geben? Wie soll sie ihnen Lehren der Tugend einimpfen, da sie selber keine Tugend besitzt? Welche Hölle muß in der Seele der Eltern brennen, wenn ihr Gedanke sich einmal ernstlich mit ihrer gräßlichen Lage beschäftigt.

Sophie. Wie entsetzenerregend ist dieses Beispiel!

Starodum. Gewiß muß es ein tugendhaftes Herz erschüttern. Doch ich denke, daß ein Mensch nicht in dem Grade demoralisiert sein kann, um ruhigen Blutes solche Greuel anzusehen.

Sophie. Gott, wodurch entsteht nur ein so schreckliches Unglück?

Starodum. Dadurch, mein Freund, daß bei den heutigen Eheschließungen selten das Herz zu Rate gezogen wird. Man sieht nur darauf, ob der Bräutigam eine angesehene und reiche und die Braut eine schöne und reiche Person ist. Nach der Tugend wird nicht gefragt. Keinem kommt es in den Sinn, daß in den Augen denkender Menschen ein Ehrenmann ohne Rang einen hohen Rang einnimmt, daß die Tugend alles ersetzt und selber durch nichts ersetzt werden kann. Und ich muß gestehn, liebe Sophie, daß mein Herz nur dann ganz ruhig sein wird, wenn ich dich als die Frau eines Ehrenmannes sehen werde, wenn wechselseitige Liebe –

Sophie. Einen ehrenhaften Gatten kann man ja nicht anders als recht freundschaftlich lieben.

Starodum. Richtig. Nur sei deine Liebe zum Gatten nicht der Freundschaft gleich, sondern deine Freundschaft zu ihm sei der Liebe ähnlich – dann werdet ihr noch nach zwanzig Jahren ehelichen Zusammenlebens eine unverminderte Neigung zu einander empfinden. Ein vernünftiger, ehrenhafter Mann und eine vernünftige, tugendhafte Frau – was kann es Herrlicheres geben? Dein Mann muß der Stimme der Vernunft gehorchen, und du deinem Manne, und dann ist euer Glück ein vollkommenes.

Sophie. Jedes Ihrer Worte geht mir zu Herzen.

Starodum (mit zärtlichem Feuer). Und mein Herz entzückt sich an dem Gefühl deines Herzens! Von dir allein hängt dein Glück ab. Gott hat dir allen Reiz deines Geschlechts verliehen. Ich sehe, daß du ein tugendhaftes Herz im Busen trägst. Ja, mein geliebtes Kind, du vereinigst in dir die Vorzüge beider Geschlechter! Ich schmeichle mir, daß meine Liebe zu dir mich nicht täuscht, daß deine Tugenden –

Sophie. Du hast jedes meiner Gefühle tugendhaft gemacht! (Will seine Hand küssen.)

Starodum (ihre Hand küssend). Ich danke Gott, daß ich in dir selbst einen festen Grund für dein Glück sehe. Nicht von Würden und Reichtum wird es abhängen, denn beides kann noch dereinst dein werden. Doch du besitzest bereits ein noch größeres Glück – das Gefühl, daß du würdig bist des Glückes, das du empfindest!

Sophie. Teuerster, bester Onkel! mein ganzes Glück ist, daß ich dich habe. Ich kenne den Wert –