Baumwolle
(Tafel 23).
Die Baumwolle ist eine der wichtigsten tropischen Kulturpflanzen, da sie in der Weltindustrie in ungeheuren Mengen verbraucht wird; es ist deshalb für eine tropische Kolonie und für deren Mutterland von großer wirtschaftlicher Bedeutung, ob Baumwolle in ihr gedeiht oder nicht.
Die Baumwolle gehört zur Familie der Malvaceen. Ihre Heimat ist das tropische Asien, Afrika und Amerika. Die Pflanze bildet in der Regel eine Staude, seltener kommt sie baumartig vor. Der behaarte Stamm ist reich verästelt, die Blätter sind breit und gelappt, die Blüten gelb oder rötlich, manchmal auch weiß. Die Frucht bildet eine Kapsel, die bei der Reife aufspringt. Sie enthält schwarze, runde Samen und um diese und diesen anhängend einen Ballen weicher, meist weißer oder gelber Haare, die Baumwolle, die beim Platzen der Fruchtkapsel dick hervorquellen.
Am besten gedeiht die Baumwolle in Niederungen oder im Flachlande mit gleichmäßig warmem, nicht zu trockenem Klima. Der Boden darf nicht zu schwer, muß vielmehr durchlässig sein; Lehmboden sowie eine dicke Humusschicht sind ihr nachteilig, dagegen verlangt sie einen möglichst hohen Bodengehalt an Kieselsäure. — Die Fortpflanzung geschieht durch Samen, die man entweder in Saatbeete oder sogleich auf das Feld sät. Es gibt ein- und mehrjährige Sorten; letztere tragen 3-5 Jahre, bevor sie erneuert werden müssen. Durch den Einfluß des Klimas und der künstlichen Züchtung haben sich eine Menge von Spielarten der Baumwolle herausgebildet, und es ist für den Pflanzer von größter Wichtigkeit, die für sein Feld geeigneten Sorten herauszufinden. Neben dieser richtigen Artenauswahl spielt die sorgfältige Pflege — Düngung des Bodens, Freihaltung der Pflanzen von Unkraut und von Schädlingen — beim Gelingen der Pflanzung eine große Rolle. — Etwa 2-3 Monate nach dem Blühen reifen die Kapseln. Jetzt muß die Baumwolle sofort gepflückt werden. Die nächste Arbeit ist das Entkernen; in einfachster Weise geschieht dies durch Auszupfen mit der Hand; doch haben selbst die Neger Afrikas schon eine Vorrichtung erfunden, mittels der das Entfernen der Samen rascher von statten geht. In europäischen Betrieben geschieht das Entkernen mit der Entkörnungs- oder Ginmaschine, die an den Mittelpunkten der Baumwollerzeugung, den „Ginstationen” aufgestellt werden. Die gereinigte Baumwolle wird dann in Ballen gepreßt und ist damit für den Versand fertig. Die weitere Verwendung der Baumwolle zu Geweben der mannigfachsten Art ist allgemein bekannt. Ein Hauptort für den europäischen Baumwollgroßhandel ist Bremen. Hier und in der Umgegend gibt es auch große Baumwollspinnereien und -Webereien.
Die Baumwollernte der ganzen Welt beläuft sich auf 3300 Millionen kg im Werte von etwa 2700 Millionen Mk. Das weitaus bedeutendste Land für Baumwollerzeugung ist Nordamerika, besonders die südlichen der Vereinigten Staaten; sie liefern nicht weniger als 62,50/0 der Welternte; ihm folgen Ostindien mit 150/0, China mit fast 80/0 und Ägypten mit 7,30/0. Afrika außer Ägypten liefert 2,10/0. — Der Baumwollverbrauch Deutschlands stellte für 1906 einen Wert von 480 Millionen Mark dar.
Von den deutschen Kolonien bieten Ostafrika, Kamerun und Togo, vielleicht auch Teile der Südsee-Inseln und der Norden Südwestafrikas Aussichten für den Anbau der Baumwolle. In Ostafrika wird vorzugsweise in den Bezirken Kilwa, Bagamojo (Rufidji) und Sadani, ferner in Muansa Baumwolle gepflanzt. In Togo ist die südliche Küstengegend ungeeignet, die besten Erfolge haben bis jetzt die Bezirke Misahöhe, Atakpame und Kratschi erzielt, doch wird auch weiter im Norden die Baumwolle von den Eingebornen angebaut. Überhaupt ist sowohl in Ost- als in Westafrika die Kultur der Baumwolle seit alters bekannt. Die Neger pflanzen sie aber nicht nur für ihren eignen Bedarf, sondern fast die gesamte Ausfuhr aus den Kolonien stammt bis jetzt von den Pflanzungen der Eingebornen. Aus Togo und Ostafrika wird außerdem übereinstimmend berichtet, daß die Neger ihre Baumwollfelder beständig vergrößern und daß in manchen Gegenden, die sonst keinen Baumwollbau kannten, sich dieser neuerdings einführt. Es ist deshalb zu begrüßen, daß die Regierung und das Kolonialwirtschaftliche Komitee sich bemühen, durch Unterricht und Anleitung der Eingebornen deren Anbaumethoden zu verbessern, ihnen diejenigen Arten zugänglich zu machen, die in ihrem Lande reiche und sichere Erträge versprechen, und für lohnenden Absatz zu sorgen. In Togo hat man mit diesem Vorgehen schon gute Erfolge erzielt: Die Baumwollkultur der Eingebornen hat sich in den letzten Jahren zwar langsam, aber stetig gehoben. So wurden z. B. 1904/5 519 Ballen, 1905/6 857, 1906/7 1200 Ballen ausgeführt, das ist eine Steigerung von 60 1/20/0. (1902: 14000 kg, 1907: 301000 kg.)
Daneben bestehen in Togo und seit neuester Zeit in größerem Umfange in Ostafrika europäisch geleitete Baumwollpflanzungen, die aber bis jetzt keine bedeutenden Beträge abwerfen.
Tafel 23.
Unsere koloniale Ausfuhr betrug 1907:
| Deutsch-Ostafrika | 1800 | Ballen | |
| Togo | 1205 | „ | |
| Kamerun | 2 | „ | |
| 3007 | Ballen | à 250 kg. | |
Das ist ein Wert von etwa 700000 Mk., allerdings ein fast verschwindender Bruchteil der Gesamtsumme von 480 Millionen Mk., die Deutschland jährlich für Baumwolle ausgibt. Bedenkt man aber, daß 1902 unsere Kolonien erst 82 Ballen hervorbrachten, in diesen fünf Jahren also eine vierzigfache Steigerung erreicht wurde, so ist diese Leistung doch schon achtungswert. Deutschland wird allerdings wohl kaum jemals im Stande sein, seinen ganzen Baumwollbedarf aus eigenen Gebieten zu decken, aber doch wird es in energischer, auch durch schlechtere Erntejahre nicht entmutigter Fortführung dieser Kultur wenigstens eine gewisse Unabhängigkeit von den Willkürlichkeiten des amerikanischen Marktes erlangen können.
Nach der Berechnung des Kolonialwirtschaftlichen Komitees kann allerdings durch Einführung der Pflugkultur und überhaupt eines in jeder Hinsicht intensiven Landwirtschaftsbetriebes der Ertrag unserer kolonialen Baumwollkultur bis auf jährlich 2 1/2 Millionen Ballen gesteigert werden. Das wäre sogar noch 1 Millionen Ballen mehr, als wir überhaupt verbrauchen. Diese Berechnung ist zweifellos allzu optimistisch.