Frühjahr 1891.
I.
Es war Mitte März: Wir erwarteten sonniges Frühlingswetter, und doch regnete es an der Riviera. Unaufhörlich schlugen die Regentropfen gegen die Scheiben, heftig oder gelinde, doch ohne Ende, so daß auch die Tage endlos erschienen.
Mißmuthig hatte man das Buch aus der Hand gelegt, die Unterhaltungen stockten. Bittere Klagen wurden über das Wetter laut. So Mancher war über die Alpen geeilt in der sicheren Erwartung, jenseits derselben den viel gepriesenen ewig blauen Himmel zu schauen; er hatte gehofft, den nahenden Vollmond in den Fluthen des Mittelmeeres sich spiegeln zu sehen, und nun wurde all' sein Sehnen und Trachten zu Wasser. – Ich selbst, der ich oft schon den Frühling in Italien zugebracht hatte, faßte die Sachlage weit ruhiger auf. Wußte ich doch, daß auch in Italien die Regenzeit auf das Frühjahr fällt. Würden die Felder und Gärten Italiens nicht im Spätherbst und Frühling mit Regen getränkt, wie sollten sie Früchte tragen? Herrscht doch in den übrigen Jahreszeiten meist die größte Dürre. Was mich veranlaßt, trotz dieser scheinbar wenig günstigen Aussichten, doch immer wieder gerade im Frühjahr über die Alpen zu ziehen, das ist die Sehnsucht nach grünen Fluren und belaubten Bäumen, nach etwas Sonne und Wärme; die Zuversicht, am Mittelmeer doch mildere Witterung als im Norden zu finden, die Hoffnung, dort auch manchen sonnigen Tag, ja bei einigem Glück eine [pg 002] ganze Reihe solcher Tage zu erleben. Nach dem langen, kahlen, kalten nordischen Winter wirkt der Contrast am stärksten; man freut sich über das kärglichste Grün, nimmt dankbar jeden Sonnenstrahl entgegen, während schon Mancher zur Herbstzeit in der sonnverbrannten lombardischen Ebene sich nach den saftreichen Matten und dem üppigen Baumwuchs der Alpen zurücksehnte. Der Herbst pflegt auch in unseren Breiten schön zu sein, während unser März- und Aprilwetter mit Recht berüchtigt ist. So kam es auch in diesem Frühjahr; denn während Briefe und Zeitungen uns Kunde von Schnee und Kälte von jenseits der Alpen brachten, hatten wir uns am Mittelmeer alsbald des herrlichsten Sonnenscheins zu erfreuen. Ganz besonders schön wurde es um die Osterzeit. Himmel und Erde zogen ihr Festkleid an, um sich in unsterbliche Pracht zu hüllen. Der Ostersonntag fand mich in Bordighera. Vor Tagesanfang brach ich auf, um den Monte Nero zu besteigen. Doch blieb ich bald gefesselt am Cap d'Ampeglio stehen und wartete dort den Sonnenaufgang ab. Geisterhaft verklärt tauchte Corsica in weiter Ferne auf; vorn aber folgte das entzückte Auge der reichgegliederten Küste, die im weiten Bogen das Meer umfaßt, als wolle sie es liebevoll an sich schließen. Der Osten war stark geröthet, und dieser purpurne Schein färbte in glühenden Tönen die Kämme der stahlblauen Wellen. Kein Wölkchen trübte das Himmelsgewölbe, das aus tiefstem Blau durch zartes Grün sich gegen die Meeresfläche senkte. Plötzlich tauchte der rothe Sonnenball am Horizont empor und sandte seine feurigen Strahlen über das weite Meer, als wenn er es entzünden sollte. Und tausend Lichter drangen in die tiefen Buchten des Strandes, in die dunklen Thäler der Küste ein, um aus denselben die Schatten der Nacht zu verscheuchen. Hell blitzten in weiter Ferne, wie von Feuersbrunst erfaßt, die Häuser von Monaco auf, und selbst das entfernte Antibes warf lange, goldige Strahlen der Sonne als Morgengruß zurück. Ueberall war es wie ein Aufflammen, ein Erwachen, und gleich einem Jubelruf tönte es durch die [pg 003] ganze Natur. So feierten an jenem Morgen Himmel und Erde am blauen Mittelmeer das Fest der Auferstehung! Ich war in dieses Schauspiel wie verloren und merkte nichts von dem Schwinden der Zeit. So kam es, daß die Sonne schon hoch am Himmel stand, als ich die Weiterwanderung antrat. Die ganze Meeresfläche glitzerte jetzt von unzähligen Lichtern, als wäre sie mit Diamanten übersäet; das ferne Corsica löste sich allmälig in einem Nebelstreifen auf, als wäre es nur ein Traumbild gewesen. Vor mir, am Cap d'Ampeglio, lag Alt-Bordighera, schon ganz in Sonnengluth getaucht.
Zwei Stunden sind nöthig, um den Monte Nero zu besteigen. Diese Angabe wurde mir freilich nur nach Hörensagen gemacht, denn die Wenigsten sind dort oben jemals gewesen. Ohne zwingenden Grund besteigt der Eingeborene hier selten einen hohen Berg; nur eine Leidenschaft, die der Jagd, vermag ihn in so hohe Regionen zu treiben, ungeachtet er auch dort oben nur winzige Vögel findet, um seine Waidmannslust zu stillen.
Auf einen wirklich ortskundigen Mann war ich bei allen Nachforschungen über den Monte Nero nicht gestoßen, und so geschah es, daß ich eigene Erfahrungen erst sammeln mußte. Es zeigte sich, daß der ganze Gipfel des Berges dicht bewaldet ist und weder die gepriesene Fernsicht noch irgend welchen freien Ausblick gewährt. Reichliche Entschädigung fand ich aber für die Mühe an dem nördlichen, vom Meere abgekehrten Abhang des Berges. Als ich dort abzusteigen begann, gelangte ich alsbald auf einen Sattel, der den Monte Nero von dem höheren Monte Caggio trennt. Hier konnte, von einzelnen waldfreien Stellen aus, der Blick sich ungestört in die tiefeingeschnittenen Thäler versenken, über sanfte Hügelketten schweifen, den lang gedehnten Strand erreichen und sich in dem weiten Meer verlieren. Jenseits des Grates, der das lange Dorf Colla di Rodi trägt, tauchte im Osten ein Theil von San Remo hervor. Im Nordwesten wurde das Auge durch die schneebedeckten Häupter [pg 004] mächtiger Riesen der Seealpen gefesselt. In wunderbarer Klarheit setzten die blendend weißen Schneemassen von dem dunklen Blau des Himmels ab, während nach abwärts das dunkle Grün der Föhren, das dem Monte Nero seinen Namen gibt, sich durch helleres Grün der Oliven bis zum Blau des Meeres abtönte. Nur wenige Landschaften, auch in Italien, gibt es, welche diese an Schönheit übertreffen. Vereinigt doch dieses Bild Alles, was berufen scheint, unser Auge zu entzücken, unseren Verstand zu fesseln, unsere Einbildungskraft anzuregen. Der Anblick der Schneefelder oben in den Alpen hatte dem Flug meiner Gedanken die Richtung nach Norden gegeben. Jenseits dieser Berge mochte noch grimmige Kälte herrschen; hier, südlich von den Alpen, war der Sieg des Frühlings über den Winter lange schon errungen, so daß der Klang der Osterglocken, der aus den Thälern zum Monte Nero emporstieg, nur der Freude zu gelten schien.
Der schöne Garten vor dem Hôtel Angst stand in voller Blüthe; die Beete glichen großen Blumenkörben. Ueppige Sträucher des capischen Pelargoniums hatten überall ihre zinnoberrothen Blüthen entfaltet. Der peruanische Heliotrop kletterte am Hause empor und erfüllte die Luft mit vanilleartigem Wohlgeruch. Es gesellten sich zu diesem die Düfte von Nelken, Reseda und von gelben Theerosen. Die Blätter immergrüner Bäume leuchteten im Garten von Licht überfluthet; sie warfen auf die Wege dunkelblaue Schatten. Unter den Palmen saß ein junges Ehepaar, das ich bei der Heimkehr begrüßte. Ihm ward das Glück zu Theil, seine Flitterwochen am Mittelmeer zu feiern. Jener sonndurchglühte, blumenreiche Ostersonntag, an welchem die Natur alle ihre Schätze so verschwenderisch über die Riviera ausgeschüttet hatte, wird diesem Paar wohl einer der höchsten Feiertage des ganzen Lebens bleiben.
Nicht weniger als vier Thäler münden in die schmale Ebene, die sich längs des Meeres vom Cap von Ampeglio bis nach [pg 005] Ventimiglia hinzieht. Daher lassen sich von Bordighera zahlreiche Ausflüge unternehmen, täglich fast mit neuer Abwechselung. Da man im Hôtel Angst zugleich vorzüglich aufgehoben ist, wird man seinen Aufenthalt in Bordighera gerne verlängern. Ob Bordighera auch eine geeignete Station für Brustkranke ist, vermag ich nicht zu beurtheilen. Seiner ins Meer weit vorgeschobenen Lage wegen ist der Ort den Winden stark ausgesetzt, doch streifen diese Winde ganz vorwiegend über das Meer, sind daher weniger kalt und trocken als an vielen anderen Plätzen der Riviera. Es herrscht somit in Bordighera die Seeluft vor, welche auf Reisende, die nur Erholung suchen – und deren Zahl wird an der Riviera alljährlich größer – sehr anregend und belebend wirkt.
Keinesfalls dürfte man, selbst bei kurzem Aufenthalt, in Bordighera es versäumen, einen Ausflug nach Sasso zu unternehmen. Sasso ist ein kleines Dorf, auf dem Bergrücken gelegen, der die Thäler von Sasso und von Borghetto trennt. Der Ort liegt nur vier Kilometer von Bordighera entfernt, und man erreicht ihn sowohl durch das Thal von Sasso, das östlich von Bordighera mündet, als auch dem Bergrücken folgend, auf dem Alt-Bordighera steht. In dem Ort selbst ist nichts zu bewundern: schön erscheint er nur aus der Entfernung. Seine hohen, zu einer Masse verschmolzenen, nach außen nur von wenigen Fenstern durchbrochenen Häuser rufen den Eindruck einer einzigen gewaltigen Festung hervor. Besonders malerisch ist der Blick auf Sasso von dem Wege aus, der zwischen alten Olivenbäumen oben dem Bergrücken entlang läuft. Er überrascht uns ganz plötzlich an einer Straßenwendung, nachdem der steile Pfad die Höhe erklommen hat. Von zahlreichen Stellen des Weges überschaut der Wanderer alsdann die beiden Thäler von Sasso und von Borghetto; er kann mit dem Blick auch weiter dringen bis in das Thal von Vallecrosia, während ihm gleichzeitig über den nahen Hügelreihen die schneebedeckten Häupter der Seealpen entgegenleuchten. – Wie oft habe ich [pg 006] mich stundenlang an diesem Wege aufgehalten, von Zeit zu Zeit den Platz verändernd, um das Bild in anderer Umrahmung zu bewundern. Hier war es nur ein einziger phantastischer Schneepalast, der in lichtes Grün der Oliven gefaßt, mir entgegenstarrte; dort tauchte mein Blick tief in ein Thal hinab, um auf den dichtgedrängten Häusern einer buntscheckigen Ortschaft zu ruhen, oder es folgte auch mein Auge dem Lauf eines Baches, der, zwischen Oleanderbüschen versteckt, in zahlreichen Windungen dem Meer zueilte; oder es war wieder Sasso, welches über Baumwipfeln, wie in einem grünen Meer, zu schweben schien, oder endlich die tiefeingeschnittene Küste und das weite Meer, auf welchem der ermattete Blick Rast machen konnte. Welche Fülle von Motiven für den Landschaftsmaler! Ich mußte mich begnügen, die Bilder in mein Inneres aufzunehmen, wo sie freilich auch jetzt noch farbig-sonnigen Widerschein finden.
II.
Die Olivenhaine, durch welche man am Bergrücken entlang nach Sasso wandert, sind von seltener Schönheit: alte, knorrige Stämme, oft auf mehreren Füßen, wie auf Stelzen, in die Lüfte ragend. Man bleibt gern stehen, um einzelne dieser Bäume zu bewundern, erfreut sich dann auch des Gegensatzes, den die dunkel beschatteten Stämme gegen das leuchtende Blau des Himmels und des Meeres bilden. Zauberhaft schön ist es aber in einem solchen Olivenhain des Abends zu wandeln, wenn der Vollmond über dem Meere steht. Da glänzen so eigenartig die mattgrauen Blätter der Bäume, und es blitzt bei jedem Windhauch wie Silber aus den Zweigen. Auch der lange Mondstreifen im Meere scheint sich zu beleben, er wiegt sich auf den Wellen, folgt bebend ihrem Lauf und zerschellt mit ihnen am Strande zu leuchtendem Schaum.
Die Blüthezeit des Oelbaumes fällt in den Mai oder Juni. Dann ist er dicht bedeckt von kleinen, gelblichweißen Blüthen, die einen lieblichen Geruch verbreiten. Diese Blüthen erinnern [pg 007] an diejenigen unserer Rainweide, des Ligustrum vulgare, eines Strauches, der in Wirklichkeit auch dem Oelbaum nahe verwandt ist. Die Früchte des Oelbaums sind Steinfrüchte von länglich runder Gestalt. Die unreifen Früchte haben grüne Färbung, verschwinden daher im Laub; doch beim Reifen werden sie schwarzblau und treten dann scharf hervor. Ein alter Brauch verlangt, daß die Ernte der Oliven am 21. November beginne; sie dauert im Dezember fort. Ungünstige Witterungsverhältnisse können die Ernte an der Riviera freilich sehr verzögern. So kam es, daß im Frühjahr 1891 die meisten Bäume um Bordighera noch voll Oliven hingen. Manche Bäume waren mit Früchten so stark beladen, daß man das Laub kaum sehen konnte. Die Olivenernte war Anfang April in vollem Gange. Arbeiter und Arbeiterinnen zogen mit Säcken und Körben bepackt in den Olivenhain. Dort sah man die Männer auf die Bäume steigen und mit Stangen gegen die Aeste schlagen. Frauen und Kinder hockten am Boden, um die Früchte aufzulesen. Von allen Seiten schallte dem Wanderer der trockne Ton der Schläge aus den Bäumen entgegen, und überall unter den Bäumen ging die mühevolle Arbeit des Sammelns von statten. Stundenlang verharren die Sammler in gebückter Stellung, um die Oliven einzeln aufzuheben, und doch wäre es so einfach, sich einen großen Theil der Arbeit zu sparen. Westlich von Nizza legen die Olivenbauer große Tücher unter die Bäume und fangen die Oliven mit diesen auf. Freilich wird auch dort noch mit Stangen gegen die Zweige geschlagen, ungeachtet schon Plinius im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt vor diesem rohen Verfahren warnt, da es die Bäume schädigt. Gegen althergebrachte Sitte ist eben schwer anzukämpfen, sie setzt zähen Widerstand jeder Neuerung entgegen. In Bordighera warten die Olivenbauer meist, bis ihre Oliven ganz reif sind. Ein großer Theil der Früchte ist dann schon von selbst vom Baum gefallen. Alles das wird zusammen von dem Boden aufgelesen und liefert ein entsprechend schlechtes [pg 008] Öl. Denn feine Tafelöle preßt man aus solchen Früchten, die erst zu reifen beginnen. Diese müssen auch mit der Hand vom Baume gepflückt werden, um weder Quetschung noch Verwundung zu erleiden. Aus solchen Früchten gewinnt man jene Öle, die wir als Provencer Öle bezeichnen. Der Provence entstammen sie freilich nur zum kleineren Theil, zum größeren Theil Italien. Dort ist es vornehmlich Apulien und zwar die Gegend südlich von Bari, welche diese feinen Sorten erzeugt. Sie liefert jetzt sehr gute Öle, während in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts das apulische Öl noch ebenso schlecht und ranzig schmeckte, wie andere süditalienische Sorten. Auch in Apulien betrieb man die Ernte der Oliven damals ganz lässig und verfügte nur über sehr schlechte Ölpressen. Charakteristisch genug, als das antike Modell einer Ölpresse in Pompeji aufgefunden wurde, begrüßte man es in Apulien als einen Fortschritt und führte es an verschiedenen Orten ein. – Von Bordighera bis zum Esterel wird vorwiegend nur geringwerthiges Öl gewonnen, das als Maschinenöl Verwendung findet oder der Seifenfabrikation dient; Nizza bezieht die feinen Öle, die es vertreibt, vorwiegend aus der Ferne.
Die Früchte, die man zum Zwecke feinster Ölgewinnung sorgsam pflückte, breitet man zunächst in dünnen Lagen auf Horden aus. Dort trocknen sie an der Luft oder bei künstlicher Wärme, bis sie runzlich werden. Haben sie einen Theil ihres Wassers in solcher Weise eingebüßt, so kommen sie in die Ölmühlen. Es sind das meist steinerne Behälter, in welchen die Oliven durch Mühlsteine zermalmt werden. Schon bei diesem Verfahren fließt etwas Öl ab, das als das feinste Tafelöl gilt, kaum aber in den Handel kommt. Der in der Mühle hergestellte Brei wird in Bast- oder Jutesäcke gefüllt und in einer Kelter gepreßt. Bei schwachem Druck fließt jetzt zunächst das beste, dann etwas weniger gutes Speiseöl ab. Dieses Oel wird als Jungfernöl »huile vierge« bezeichnet. Dann gelangen die Trester in hydraulische Pressen und liefern ein Öl, das der Seifenfabrikation [pg 009] oder auch gewerblichen Zwecken dient. Dann werden die Trester mit warmem Wasser angerührt und nochmals gepreßt, wandern schließlich oft noch in Fabriken, wo man ihnen den Rest ihres Öles durch chemische Mittel entzieht.
Das Speiseöl, das aus der Kelter fließt, muß sorglich geklärt werden, bevor es zum Verkauf gelangt. Man bringt es in dunkle kühle Räume, wo über einander die nöthigen Bottiche zur Aufnahme des Öls sich befinden. Das unklare Öl gelangt in das oberste Gefäß, fließt aus dem Spundloch desselben durch einen durchlöcherten Zinkkasten, der mit Watte ausgekleidet ist, in einen zweiten Bottich und aus diesem nochmals durch Watte in einen dritten. Die Watte muß am nämlichen Tage oft mehrfach erneuert werden. Aus dem dritten Bottich gelangt das Öl in Cisternen, die man in Nizza mit Porzellanplatten auszukleiden pflegt. Hier steht das Öl wohl an die drei Monate, bevor es in Flaschen gefüllt und versandt wird.
So überreife, abgeschlagene und am Boden faulende Oliven, wie wir sie in Bordighera hatten ernten sehen, können nur ranzige Öle ergeben. Die kleinen Besitzer, welchen die Ölhaine hier gehören, liefern ihre Früchte an fremde Mühlen ab und pflegen für die Pressung in Oliven oder in Öl zu zahlen. Aus den Ölpressen der Mühlen floß zur Zeit unseres Besuches eine Flüssigkeit ab, welche alle Bäche von Bordighera in braunen Tönen färbte. Bei ruhigem Wetter zeichnete sich die Mündungsstelle jedes Flüßchens als brauner Streifen ziemlich weit im Meere ab.
Im Alterthum hieß es allgemein, daß der Ölbaum nur in der Nähe des Meeres gedeihe. Man rechnete aus, daß er sich von demselben nicht über dreihundert Stadien, somit nicht über 7-1/2 geographische Meilen entferne. Es ist nicht zu leugnen, daß der Ölbaum den Seestrand bevorzugt, doch hängt das nicht mit dem unmittelbaren Einfluß der großen Wasserfläche, vielmehr mit dem gleichmäßigen Klima zusammen, welches durch dieselbe gefördert wird. Denn der Ölbaum kann anhaltenden [pg 010] Frost nur sehr schlecht vertragen. Auch bevorzugt der Ölbaum den Kalkboden, den er hier an der Riviera reichlich vorfindet. Ein besonders günstiges Zusammenwirken von Klima und Boden, verbunden mit sorglichster Behandlung der Früchte, ist aber erforderlich, damit der Ölbaum ein so feines Öl, wie etwa in Apulien, erzeuge.
Die Mühlen, in welchen das Öl gepreßt wird, sind fast immer alte malerische Bauten. Sie suchen oft steile Stellen in den Schluchten auf, um die Kraft des Baches, der dort abwärts braust, zu nutzen. Wie Schwalbennester kleben sie an den Felsen.
Wer zur Frühjahrszeit durch die Olivenwälder um Bordighera streift, muß darauf bedacht sein, nicht in die Schußlinie der »Cacciatori« zu gerathen. Denn um diese Zeit bewegen sich jene durch alle Haine, Gärten und Fluren, um als einziges Wild die kleinen Vögel zu erlegen. Für die italienische Riviera, wie für Italien überhaupt, hat dieser Sport ganz bedenkliche Folgen, da die Vernichtung der Vögel eine entsprechende Vermehrung der Insekten nach sich zieht. Nicht nur verschwinden aus Italien die heiteren Sänger, welche die Wälder und Gärten in anderen Ländern in so lieblicher Weise beleben, sondern es nimmt auch die Zahl schädlicher Insekten in bedenklicher Weise dort zu. Dem Ölbaum besonders nachtheilig ist Decus oleae, der sich von dem Fruchtfleisch der Oliven nährt. Er wird von den Franzosen la Mouche, von den Italienern Macha del Olivo genannt. Die Fliege legt ihre Eier in ganz junge Fruchtanlagen, und die Maden, welche diesen Eiern entschlüpfen, leben dann auf Kosten der sich entwickelnden Frucht. Sie verpuppen sich schließlich in derselben und verlassen sie als fliegende Brut. Gelangen sie mit den Oliven in die Mühle, so leidet der Geschmack des Öls von denselben.
Von einer Wanderung durch die Olivenhaine kehrt man wohl stets, mit einem Blüthenstrauß geschmückt, nach Hause. Denn sie sind zu verlockend, diese Frühlingsgaben der Flora, [pg 011] zu lieblich, als daß man an ihnen so flüchtig vorbeieilen sollte. Ueberall stehen unter den Bäumen die dunkelblauen Traubenhyacinthen, die bisamartigen Duft verbreiten; besonders schön ist die eine Art (Muscari comosum), die einen amethystfarbigen Schopf über dem sonst unscheinbaren Blüthenstande trägt. Hier und dort schaut aus dem Rasen eine blühende Orchidee hervor. Meist ist es eine Art der Gattung Ophrys, jener merkwürdigen Orchideen-Gattung, deren Blüthen ganz den Insekten gleichen. Bei Ophrys aranifera erinnern sie an Spinnen: man meint die vorgestreckten Beine und den aufgedunsenen braunen Leib eines solchen Thieres zu sehen. Auch Ophrys Arachnites ist spinnenähnlich und zeigt einen purpurbraunen, grün verzierten Leib. Die schönste dieser Ophryden scheint mir aber die Ophrys Bertolonii, mit dunkelrothen Blüthen, zu sein. Doch Ophrys-Arten hat der Nordländer vielleicht schon in seiner Heimath gesehen und fesselt ihn daher mehr eine andere Orchidee von ungewohnter Gestalt: die Serapias Lingua, vielleicht gar Serapias longipetala, deren rothbraune Blüthen, von rothen Deckblättern fast verhüllt, nur ihre Lippen nach außen vorstrecken. Mit Freuden begrüßt er eine wilde Tulpe (Tulipa Celsiana), deren hellgelbe Blüthen sich auf langen Stielen wiegen. Die Siegwurz (Gladiolus segetum) mit rosenrothen, einseitig aufgereihten Blüthen tritt ihm auch an zahlreichen Stellen entgegen. In seinem Strauß nimmt er dann noch gern das weißblüthige Allium neapolitanum auf, denn gehört jene Pflanze auch zu den Laucharten, so duften doch ihre weißen Blüthenstände in angenehmer Weise. Hauptsächlich sind es aber die gelben Tazetten, welche dem Strauß Wohlgeruch verleihen, während seine Farbenpracht gehoben wird durch eine reiche Auswahl bunter Anemonen (Anemone coronaria und hortensis).
Ebenso alt als Kulturpflanze wie der Ölbaum ist der Weinstock, die beide daher von Alters her zusammen genannt werden. – »Zwei Flüssigkeiten thun dem menschlichen Körper besonders wohl,« heißt es in der Naturgeschichte des Plinius, [pg 012] »innerlich der Wein, äußerlich das Öl; beide stammen aus dem Pflanzenreiche und sind vorzüglich, doch das Öl ist das nothwendigere.« Das trifft für das Öl heut nicht mehr zu. Im Alterthum rieb man sich mit demselben nach dem Bade den Körper ein; jetzt wird es äußerlich allenfalls nur noch als Marseiller Ölseife angewandt. – Wie in dem Werke des Plinius tritt uns auch an der Riviera der Weinstock vielfach neben dem Ölbaum entgegen. Doch an der Küste selbst herrscht der Ölbaum vor. Denn im Gegensatz zum Ölbaum meidet der Weinstock die nächste Nähe des Meeres. Andererseits verträgt er viel stärkere Gegensätze der Temperatur, so daß seine Cultur selbst weit im Norden versucht werden konnte. Im vierzehnten Jahrhundert drang der Weinbau bis in das preußische Ordensland, selbst bis nach Tilsit vor, und wenn er sich heute, um so viel weiter, nach Westen und Süden zurückgezogen hat, so geschah dies nur, weil er in nördlicheren Gegenden ertragsfähigeren Producten weichen mußte.
Der Ölbaum ist sicher am Mittelmeer einheimisch, andererseits muß angenommen werden, daß seine Cultur im Orient begann, daß Culturformen des Baumes sich von da aus verbreitet haben, und schon in vorhomerischer Zeit nach Griechenland gelangten. Den Weinstock (Vitis vinifera) fanden die Culturvölker ebenfalls als wilde Pflanze auf europäischem Boden vor. Ja heut noch meint man südlich und nördlich von den Alpen stellenweise die Pflanze im ursprünglichen Zustande anzutreffen, doch ist es meist schwer zu entscheiden, daß sie nicht verwildert sei. Am üppigsten gedeiht die wilde Weinrebe heute um das schwarze Meer, und man hat an den südlichen Abhängen der Krim Stämme bis zu anderthalb Meter Umfang gemessen. Die Cultur des Weinstocks ging allem Anschein nach vom westlichen Kleinasien aus und ist einem indogermanischen Volke zu verdanken.
Von den Weinen der westlichen Riviera waren im Alterthum schon die von Massilia, also des heutigen Marseille, bekannt, zeichneten sich aber nicht durch ihre Haltbarkeit aus, so [pg 013] daß man sie räuchern mußte. Es geschah das in Rauchkammern nach orientalischer und griechischer Sitte. Im Wesentlichen war das ein ähnliches Verfahren wie das heutige Pasteurisiren. Ganz wie man heut den Wein bis auf mindestens 60° C. erwärmt, um die schädlichen Keime in demselben zu tödten und so seine Haltbarkeit zu erhöhen, wurde im Alterthum der Wein in wohl verschlossenen Gefäßen durch heißen Rauch erhitzt. Das Feuer befand sich in einem unteren Raume, und Rauch und Hitze stiegen, durch ein Rohr geleitet, in das obere Geschoß, in dem der Wein sich befand. Der Rauch gelangte dort durch angebrachte Öffnungen ins Freie. Dieses Verfahren konnte den Geschmack des Weines nicht wesentlich beeinflussen, wohl aber mußte das geschehen bei Zusatz von Seewasser zum Most, wie er in Kleinasien und Griechenland häufig geübt wurde. Auch mit Gips, Kalk, Marmor, Thon, Pech oder Harz hat man die Weine versetzt, um sie haltbarer zu machen und ihnen zugleich einen bestimmten Geschmack zu verleihen. Es bemerkt aber bereits Plinius, daß der bekömmlichste Wein immer derjenige sei, dessen Most ohne fremdartigen Zusatz bleibe; denn welcher noch so Gesunde, meint er, sollte nicht Scheu haben vor Weinen, die Marmor, Gips oder Kalk enthalten? Überhaupt klagt Plinius sehr über die Verfälschung der Weine; es sei damit so weit gekommen, daß nur der Name des Weinlagers den Preis der Weine bestimme und daß man den Most schon in der Kelter verfälsche. Daher seien, so wunderlich dies auch klinge, die am wenigsten gekannten Weine oft die unschädlichsten. Das Anmachen des Weines mit Seewasser wird von Plinius als für den Magen vorzüglich gepriesen. An eine bekannte neuere Heilmethode erinnert seine Mahnung, daß wer hager werden will, während der Mahlzeit dursten oder doch nur wenig trinken soll. – Durch Einkochen und durch Hinzufügen von Kräutern suchte man im Alterthum vielfach die Haltbarkeit der Weine zu erhöhen, in ähnlicher Weise wie dies heute durch Zusatz von Alkohol geschieht. Daß die Römer Weinschmecker ersten Ranges [pg 014] waren, geht genugsam aus den Angaben der alten Schriftsteller hervor. Die Menge der zum Verkauf angebotenen Weinsorten verglich Virgil bereits mit derjenigen des lybischen Sandes und der Meereswellen. Man trank in Rom meist schon ungemischte Weine, das heißt ohne den einst üblichen Zusatz von Wasser; man kühlte sie mit Eis, versetzte sie öfters mit Gewürzen und fing an, nach alten Jahrgängen zu trachten. Guter Wein mußte acht bis zehn Jahre alt sein, um geschätzt zu werden, und selbst von zweihundertjährigen Weinen sind uns Berichte erhalten. So mundete dem Kaiser Caligula (37–41 n. Chr.) Wein vom Jahre 121 v. Chr., dem besten Weinjahre, dessen sich Italien zu erinnern wußte. Es war Italien selbst, das zu Plinius' Zeiten die geschätztesten Weinsorten producirte, so daß Plinius wohl behaupten durfte, Italien nehme mit seinen Weinen die erste Stelle unter allen Ländern ein und sei nur in der Erzeugung von Wohlgerüchen von einigen derselben übertroffen: es gebe übrigens, fügt er hinzu, keinen Wohlgeruch, der denjenigen des blühenden Weinstocks übertreffe. – Auch in der römischen Zeit wurde der Weinstock bereits in kunstgerechter Weise zugeschnitten, doch ließ man ihn je nach der Gegend in verschiedener Weise wachsen. In Campanien schlang er sich empor an der Pappel, umfing sie wie seine Gattin, streckte seine üppigen Arme auf gewundenen Bahnen zwischen ihre Aeste, bis er ihren Gipfel erreichte. Da pflegte der Winzer, zur Arbeit gemiethet, sich außer dem Lohne vom Gutsherrn einen Scheiterhaufen und ein Grabmal auszubedingen, falls ihn bei der Weinernte ein Unfall treffen sollte. Anderswo waren ganze Landhäuser von den schmiegsamen Aesten eines einzigen Weinstocks umflochten, und in Rom lustwandelte man in den Säulenhallen der Livia im Schatten eines Weinstocks, der zwölf Amphoren Wein lieferte. In manchen Theilen Italiens zog man den Weinstock an Pfählen, in noch anderen ließ man ihn auf dem Boden kriechen, in all' jener Mannigfaltigkeit der Behandlung, die auch heut noch dem Wanderer in Italien auffällt. [pg 015] Hier, meint Plinius, schimmerten purpurne Trauben aus dem grünen Laub hervor, dort leuchteten sie in rosenrothem Glanz, dort endlich in saftigem Grün. An dem einen Orte sah man runde, an dem anderen längliche, hier kleine, dort große, hier harte und dickschalige, dort saftige und dünnschalige Beeren. Manche Trauben hing man im Zimmer an einem Faden auf, um sie länger zu erhalten, andere versenkte man in süßen Wein und ließ sie sich so im eigenen Safte berauschen. Auch gab es Trauben, die man räucherte, ähnlich wie es mit manchen Weinen geschah. Plinius erzählt, daß Kaiser Tiberius geräucherte afrikanische Trauben ganz besonders liebte.
Nach dem Sturze Roms zerfiel auch der Weinbau in Italien. Nachlässig wurden die Trauben geerntet, sorglos gekeltert, und der Most lange auf den Trestern gelassen, damit der Wein jene dunkle Farbe erlange, wie sie im Lande beliebt war. Solche Weine konnten sich nicht lange halten, wurden von fremden Ländern daher auch nicht begehrt. Doch in neuester Zeit beginnt sich das zu ändern; Weinbau und Weinbereitung in Italien sind in erfolgreichem Aufschwung begriffen.
Die alte Sitte, den Wein in Schläuchen zu befördern und dann in Amphoren aufzubewahren, hat sich jetzt auch im Süden verloren. Hölzerne Tonnen, die zur Römerzeit bei den cisalpinischen Galliern und den Alpenvölkern in Gebrauch waren, fanden ihren Weg damals schon nach Italien.
III.
Das Bild von Bordighera schwebt der Erinnerung stets umrahmt in Palmen vor, so wie man sich einst die alte syrische Stadt Palmyra nicht anders als im Palmenschmuck vorstellen konnte. In der That gedeihen nirgends an der Riviera die Dattelpalmen besser als in Bordighera. An der Ostseite des Cap d'Ampeglio sind wahre Palmenwäldchen zu sehen. Diese östliche Bucht ist ganz besonders gegen die Nordwestwinde geschützt. Zwischen den Mauern palmenreicher Gärten, über [pg 016] welchen schlanke Stämme ihre Krone neigen, empfangen wir ganz afrikanische Eindrücke und können vergessen, daß uns die volle Breite des Mittelmeeres von dem Lande der Oasen trennt. Pietätvoll wandern deutsche Reisende zu jener malerischen Palmengruppe hin, die in einer halben Stunde Entfernung, östlich von Bordighera, zu Madonna della Ruota den Meeresstrand schmückt. Es sind das die Palmen, die Scheffel in seinem Liede »Dem Tode nah« besang, und unter welchen er ein Grab sich träumte. Sie stehen, einige zwanzig an der Zahl (nicht zwölf, wie es in dem Liede heißt), um eine alte Cisterne und erwecken an dem einsamen, wilden Orte, von Meereswellen umspült, in der That poetisches Empfinden. Daß dieses hier nicht allein ein deutsches Gemüth ergreift, geht aus der Schilderung hervor, welche Charles Garnier, der Erbauer der Pariser Großen Oper und des Casinos in Monte Carlo, von diesem Ort in seinen »motifs artistiques de Bordighera« entwirft. Der Stil der Schilderung ist freilich etwas überschwänglich und erinnert an jene Verzierungen, welche die Garnier'schen »Prachtbauten« überreich schmücken: »Das ist der Ort, wohin ihr ziehen müßt, ihr Künstler; das ist die Stätte, die ihr sehen müßt, ihr Poeten; das ist der Erdwinkel, der euch fesseln muß, ihr Alle, die ihr nach lebendigen und mächtigen Eindrücken strebt, und die ihr findet, daß unser Herz höher schlägt im Anblick der Natur! Werden Erinnerungen an den Orient in euch schon wachgerufen, wenn ihr das alte Bordighera und seine Umgebung durchwandert, so steht ihr hier nicht mehr vor dem Vergleich, nicht mehr vor Ähnlichkeiten, nein, ganz Judäa findet sich in diesem Eindruck verkörpert. Das ist der Brunnen der Samariterin, der Brunnen der Rebecca; das sind die Juden, die Apostel, das ist Jerusalem, Nazareth, Bethlehem, die sich euch offenbaren in jenem bescheidenen Flecken bordigherischen Vorgebirges.« – Die sturmgepeitschten Palmen um diese alte Cisterne, mit dem unvergeßlichen Hintergrund des Meeres, haben zahlreichen Malern schon das Motiv zu stimmungsvollen Bildern gegeben. Es verursachte daher in Künstlerkreisen einige [pg 017] Aufregung, daß der Ort, vom deutschen Kunstgärtner Ludwig Winter angekauft, in einen Garten verwandelt werden sollte. Die endliche Verwerthung des Grundstückes in so dicht bevölkerter Gegend war aber nicht zu vermeiden; es muß noch als ein besonders glücklicher Zufall angesehen werden, daß dieser schöne Flecken Erde in kunstsinnige Hände gelangte. Herr Winter hat dem äußersten Vorsprung des Vorgebirges, das die Scheffel-Palmen trägt, seinen ursprünglichen Charakter gelassen und den Garten harmonisch zu der Umgebung gestimmt. – Anemonen, Reseda, Nelken und üppig blühende Rosensträucher decken jetzt den Abhang; große Palmen, die man hierher verpflanzte, entspringen dem zuvor so kahlen Boden; um einen weiten Wasserbehälter, wie man sie an der Riviera oft sieht, ist eine Pergola errichtet, zu deren Säulen die Palme den architektonischen Gedanken gab.
Im alten Testament werden die Dattelpalmen mit stolzen Königstöchtern verglichen. Nicht allen Dattelpalmen in den bordigherischen Gärten kommt aber so edle Gestalt zu. Es hängt das mit der Behandlung zusammen, welche die meisten Dattelpalmen hier erfahren. Man nimmt ihnen alljährig einen Theil ihrer Wedel. Die Familie Bresca in San Remo erhielt schon im sechzehnten Jahrhundert vom Papst Sixtus V. das Privilegium, Palmenwedel für den Palmsonntag nach Rom zu liefern, angeblich eine Belohnung für den Schiffscapitän Bresca, der im Jahr 1586, während der Aufstellung des Obelisken auf dem Sanct Petersplatz, als die trockenen Taue zu versagen drohten, durch den rechtzeitigen Ruf: »Wasser auf die Taue!« dem Baumeister Fontana aus schwerer Verlegenheit half. Die Familie Bresca ließ ihre Palmen in Bordighera ziehen, in dessen sandig-lehmigen Boden die Dattelpalme besser als in dem schweren Lehmboden von San Remo gedeiht. So reicht die Palmenindustrie Bordigheras bis in das Mittelalter zurück, und auch heute noch ist es dieser Ort, der die meisten Palmenwedel zur Feier des Palmsonntags nach Rom entsendet. Den Palmenwedel [pg 018] hat die christliche Kirche, wie so viele andere Symbole, der Bildersprache des Orients, des Heidenthums und des Judenthums entnommen, und wie Palmenwedel bei den Festen des Osiris in Ägypten, bei dem feierlichen Einzuge der Könige und der Königshelden in Jerusalem und bei den olympischen Spielen prangten, so schmücken sie heute noch am Palmsonntag die Altäre katholischer Kirchen.
Statt frei in den Lüften ihre Wedel zu schaukeln, müssen die meisten Palmen zur Herbstzeit es erdulden, daß ihre Krone im Innern pferdeschweifartig zusammengebunden werde. Diese Behandlung bezweckt eine bestimmte Ausbildung der neu hervorwachsenden Wedel. Nicht alle Palmstämme sind für diese Behandlung gleich geeignet, und unter den geeigneten werden noch solche unterschieden, die mehr für den katholischen und solche, die mehr für den jüdischen Ritus sich schicken. Denn auch die Juden brauchen Palmenwedel bei dem Laubhüttenfest. Der Bordighese bezeichnet kurzweg die eine Dattelpalme als »Cattolica«, die andere als »Ebrea«. – Die Blätter der katholischen Palme sind schlanker, die der jüdischen kürzer und gedrungener. An der katholischen Palme bindet man die mittleren Wedel fest zusammen, damit die neuen Wedel bei thunlichstem Lichtabschluß sich entwickeln und so möglichst farblos bleiben. Denn bei der Feier des Palmsonntags sollen sie nicht allein ein Siegeszeichen, sie sollen auch ein Bild himmlischer Reinheit sein. Im Dunklen werden solche Wedel auch schlank und lang; sie laufen spitz an ihren Enden aus und bleiben biegsam und weich, so daß sie leicht in beliebige Formen geflochten werden können. An den jüdischen Palmen werden die älteren Blätter weniger stark verbunden, das Licht ist somit von den jüngeren Blättern nicht ganz ausgeschlossen, diese können daher auch ergrünen. Sie bleiben zugleich kürzer, schließen mit stumpfer Spitze ab und werden härter. Mit dem Palmenwedel verbinden die Juden beim Laubhüttenfest die Myrte und die Bachweide zum Feststrauß und halten, während dieser in der rechten Hand geschwungen [pg 019] wird, einen »Paradiesapfel« in der Linken. Das Laubhüttenfest ist ursprünglich das Erntefest der Juden. Es verlor aber in den fremden Ländern diese seine Bedeutung und behielt nur die andere historische, die ihm ebenfalls von Alters her zukam, eine Erinnerung an den göttlichen Schutz während der Wüstenwanderung zu sein. Die Wahl der vier »Arten« im Feststrauß hat die mannigfaltigsten symbolischen Deutungen erfahren; sie mochte vielleicht ursprünglich die Vegetation Palästina's versinnbildlicht haben. Durch religiöse Vorschriften wurden die vier »Arten« späterhin in starre Formen gefaßt, und wie der Palmenwedel, so müssen auch die Myrtenzweige und die Bachweide ganz bestimmte Gestalt besitzen. Die Myrten im Besonderen werden für die rechtgläubigen Juden in genau vorgeschriebenen Formen gezogen. Der Zweig muß eine Höhe haben, die drei Handbreiten gleichkommt und die Blätter in dreigliedrigen Wirteln tragen. Sind die Wirtel aufgelöst, d. h. die Blätter nicht zu dreien in gleicher Höhe befestigt, so ist der Zweig unbrauchbar. Eher geht es an, einen Zweig zu benutzen, der die Blätter nur zu zweien in gleicher Höhe trägt. Ein solcher Zweig ist im Nothfall zulässig, steht aber im Preise weit hinter der wahren »Hadassah« zurück.
Die katholische Kirche hat sich in Betreff der Palmen, welche der Palmsonntag verlangt, viel nachsichtiger gezeigt. In nordischen Ländern hat der Buchsbaum, ja selbst der kätzchentragende Weidenzweig, das Palmenblatt ersetzt. An der Mosel wird der Buchsbaum geradezu als »Palm« bezeichnet, und auch die aus Weiden gebundenen Festzweige heißen Palmen in slawischen Ländern.
Die Palmen hatten im Winter 1890/91 eine schwere Probe an der Riviera zu bestehen, als das Thermometer für mehrere Stunden auf 6° C. unter 0 gesunken war. Besonders bewährten sich bis jetzt im bordighesischen Klima, außer den Dattelpalmen (Phoenix dactylifera), die canarische Phoenix canariensis, die kalifornische Pritchardia filifera, die australische Livistona australis [pg 020] und die chinesische Chamaerops excelsa. Daß außerdem die Zwergpalme, Chamaerops humilis, gut in Bordighera gedeihe, ist nicht wunderbar, da sie der Mittelmeerflora thatsächlich angehört; sie ist unsere einzige europäische Palme, in Sicilien heimisch. In Algier deckt sie große Flächen. Man suchte sie dort auszurotten, um den Boden für neue Culturpflanzen zu gewinnen, jetzt sorgt man für ihre Verbreitung. Vom lästigen Unkraut, als welches sie betrachtet wurde, ist sie zu einer wichtigen Nutzpflanze avancirt. Entsprechend zubereitet, liefern nämlich die Blätter der Zwergpalme sehr elastische Fasern, die gleich Pferdehaaren zum Ausstopfen der Möbel und Matratzen dienen können. Den Pferdehaaren gegenüber zeichnen sie sich nicht nur durch ihre Billigkeit, sondern auch dadurch aus, daß sie nicht von Motten befallen werden. Im Gegensatz zu den Phoenix-Arten, die gefiederte Blätter besitzen, sind die Pritchardien, Coryphen, Chamaerops-Arten mit fächerförmigen Blättern versehen. Ihr Aussehen weicht somit nicht unwesentlich von demjenigen der Dattelpalmen ab, so daß ihre Acclimatisation an der Riviera auch in landschaftlicher Beziehung als ein Gewinn betrachtet werden kann. Zu bedeutender Höhe ist in zahlreichen Gärten die Chamaerops excelsa bereits emporgewachsen. Sie gehört zu den härtesten der eingeführten Arten, so daß sie ohne Bedeckung selbst das Klima der Insel Wight verträgt. Pritchardia filifera ist der zahlreichen weißen Fäden wegen, die den Blatträndern entspringen, sehr beliebt, verbreitet sich demgemäß auch rasch an der ganzen Riviera. Zu den häufigsten Palmen dürfte dort auch bald die Phoenix canariensis gehören, welche der Dattelpalme sehr ähnlich ist, sich aber vor ihr durch gedrängteren üppigeren Wuchs und kräftigere Blattentwickelung auszeichnet. – An geschützten Stellen der Riviera gedeihen auch verschiedene Arten der Palmengattung Cocos, so Cocos flexuosa, und Romanzoffiana mit äußerer eleganter Tracht, auch die blaugrüne Cocos australis. Die echte Cocospalme (Cocos nucifera), welche die Cocosnüsse liefert, kommt hier hingegen, sowie auch [pg 021] an den Südrändern des Mittelmeers, nicht fort. Ihre Cultur ist nur innerhalb der Wendekreise möglich. In der Form ihrer Blätter stimmen die Cocospalmen mit den Dattelpalmen überein. Ähnliche Blätter haben auch die Areca-Arten (Areca sapida, Baueri), welche an der Riviera gut aushalten. Es sind das nahe Verwandte der Betelnußpalme (Areca catechu), welcher die Betelnüsse entstammen, jene Nüsse, die mit Kalkpulver bestreut, und in Blätter des Betelpfefferstrauchs (Piper Betle) gewickelt, von Jung und Alt in Südasien gekaut werden. Zu den Palmen mit fächerförmigen Blättern, welche die Gärten der Riviera zieren, gehören auch zwei Livistona-Arten, die Livistona chinensis und australis, mit mächtigen Blättern, Palmen, die häufig in unseren Gewächshäusern anzutreffen sind. Schön macht sich unter den anderen Fächerpalmen der Riviera die blaugrüne Brahea Roezli, dann die stattlichen Sabal-Arten, deren zähe Fasern für Seilerwaaren, Hüte, Körbe und Säcke verwandt werden, auch die wichtige Carnaubapalme Brasiliens, die Copernicia cerifera. Mit den Blättern dieser Palme wird in der brasilianischen Provinz Ceara ein großer Theil der Hütten gedeckt, ihre Fasern ähnlich wie Stroh verwandt, der harte Stamm liefert Bau- und Tischlerholz, die Wurzeln ein Heilmittel, die bitteren Früchte dienen als Nahrung, aus dem Saft wird Sirup und Arrak bereitet, kurzum diese Palme zeigt uns so recht ein Bild von dem Nutzen, den eine einzige Art dieser segensreichen Pflanzenfamilie in den Tropen stiften kann. Ihren Artennamen cerifera, sowie ihren deutschen Namen dankt aber die Wachspalme ihrem wichtigsten Erzeugniß, dem vegetabilischen Wachs, das sie in Schuppenform aus ihren Blättern ausscheidet. Diese Schuppen werden von jungen, getrockneten Blättern abgeklopft und dann in Wasser gekocht, auf dessen Oberfläche das flüssige Wachs sich sammelt. Man versetzt es mit Talg und formt es zu Kerzen, welchen beim Brennen ein angenehmer Duft entströmt.
Bordighera begnügte sich nicht damit, seine Palmwedel für [pg 022] Cultuszwecke zu ziehen, es suchte sie auch im Kunsthandwerk zu verwerthen. So entstand die Palmenflechterei, die in letzter Zeit Dank dem Winter'schen Einfluß, eine ungeahnte Entwickelung nahm. In der Winter'schen Kunstgärtnerei wird jetzt die Palmenflechterei im Großen betrieben. Die Dattelpalme, die Chamaerops-Arten, Livistona australis und Pritchardia filifera geben im Besonderen das Material dazu her. Zur Verwendung kommen Blattspreiten, Blattstiele und Blattscheiden dieser Pflanzen, und wo Behälter nöthig, helfen auch wohl Flaschenkürbisse aus. Alle Theile der Palmen werden entsprechend gebogen und dann getrocknet, und hierauf zu Blumenvasen, Ampeln, Körbchen, Fruchtschalen, Lichtschirmen und anderen zierlichen Gegenständen stilgerecht vereint.
Auch die Nachtigallen an der Riviera suchen Nutzen aus der neuen Palmen-Cultur zu ziehen. Sie fanden heraus, daß die langen großen Fäden am Blattrand der Pritchardien für Nesterbau vortrefflich geeignet sind. Sie zwicken sie ab und tragen sie zusammen, um sich aus denselben ihr flüchtiges Heim zu flechten. –
IV.
Die zahlreichen Ausflüge, die sich landeinwärts von den Stationen der Riviera unternehmen lassen, haben in den Reisehandbüchern bis jetzt eine höchst unvollkommene Behandlung erfahren. Meist findet man in denselben nur eine Aufzählung der etwa zu besuchenden Orte, wobei die nächste, oft lohnendste Umgebung vernachlässigt ist, entferntere, beschwerliche, nicht immer lohnende Touren besonders empfohlen werden. Da die Wirksamkeit der Alpenvereine sich andererseits nicht bis zur Riviera erstreckt, die Wegweiser dort fehlen, die Einheimischen nur selten Auskunft über den Weg und niemals über die Schönheit desselben zu ertheilen vermögen, so wären grade für jene Gegenden gut orientirende Reisebücher sehr erwünscht. Unter den gegebenen Umständen kann aber nur ein wiederholter Besuch der Riviera [pg 023] denjenigen, der es gelegentlich nicht scheut, unnütz umherzuirren, in all' die Reize dieser zauberhaften Gegend einweihen.
So müßte jeder Reisende, der für Naturschönheit empfänglich ist und einige Mühe nicht scheut, von Mentone über Gorbio nach Roccabruna wandern. Meist begnügt sich aber selbst der unternehmendste Tourist mit einem Ausflug nach Castellar und kommt im Gorbiothal nicht über Gorbio hinaus, weil er nicht weiß, daß er seinen Weg dort fortsetzen sollte. Und doch entfaltet sich erst jenseits von Gorbio die volle Pracht der großartigen Landschaft. Der ganze Ausflug dürfte fünf Stunden in Anspruch nehmen; es empfiehlt sich, ihn am Nachmittag zu unternehmen. Bis nach Gorbio führt jetzt eine schöne Fahrstraße. Sie beginnt zu steigen am Alexandra-Hôtel und folgt in zahlreichen Windungen dem Thale. Dieses Thal ist überaus fruchtbar; ein ansehnlicher Bach durchströmt dasselbe. Erst ist es breit, verengt sich, indem es aufsteigt. Villengärten stoßen an die Straße, dann bescheidene Bauerngüter. Blühende Pflanzen neigen sich über die Mauern vor. Erst die vornehmen Pflanzen der Reichen; dann der Goldlack, die Levkoye, die Pelargonie und die Anemonen, die auch der Ärmere sich zieht. Einzelne Cypressen, oft umrankt von Rosen, ragen hier und dort aus den Gärten vor und mahnen nicht selten an orientalische Landschaft. Citronen- und Orangengärten folgen aufeinander, dann Feigenbäume. Höher hinauf beginnen sich vereinzelt auch unsere Obstbäume zu zeigen. Sie stehen im Blüthenschmuck. Eigentlich ist ihnen auch in dieser Höhe noch zu warm, sie gedeihen gut erst bei Sant' Agnese, jenseits der Felsen, die das Thal im Norden sperren. Im Thale von Gorbio lohnt es sich, Pflanzen zu sammeln. Ardoino, der Verfasser der Flora der Seealpen, gibt für die Thäler, die bei Mentone münden, mehr als tausend verschiedene, wild wachsende Arten an. Man müßte fast ganz Irland und Schweden durchstreifen, um ebenso viel verschiedene Pflanzen zu finden, als hier auf etwa fünfzehn Quadratmeilen beisammen wachsen. – Ungewöhnlich reich sind die Thäler von [pg 024] Mentone an Orchideen, und diese blühen ja fast sämmtlich im Frühjahr. Viele sonst seltene Farne sind hier auch zu finden. Der Botaniker sucht mit Vorliebe nach einem kleinen Nacktfarn, der zu derselben Gattung wie die Gold- und Silberfarne unserer Gewächshäuser gehört, der Gymnogramme leptophylla. Der Pflanzenliebhaber freut sich mehr noch über das Adiantum Capillus Veneris, das Venushaar, das mit seinen zarten Wedeln die feuchten Vertiefungen der Felsen ziert. – Ein alter gepflasterter Weg kürzt oben im Thale die neue Straße von Gorbio ab. Er steigt in Olivenhainen empor. An einer seiner Windungen taucht plötzlich Gorbio auf, ganz in der Nähe. Es krönt einen steilen Hügel, der von Oliven bedeckt ist. Ein Amphitheater mächtiger zackiger Felsen umrahmt dieses Bild von seltener malerischer Schönheit. – Wir steigen auf zu dem Orte, durchschreiten den Platz, dem eine alte Ulme ihren Schatten spendet, wenden uns dann links und schlagen den Fußweg ein, der, an einem offenen Brunnen vorbei, der Berglehne folgt. Nach kaum halbstündigem Aufstieg haben wir das weit sichtbare Kreuz erreicht, das hoch oben, am vorspringenden Bergesrande dem Wetter trotzt. Bei stark wehendem Mistral ist es kaum möglich, an jener Stelle zu weilen; das zersplitterte Kreuz, welches nur noch einen seiner Arme gegen den Himmel streckt, zeugt von der Gewalt der Stürme, die dort oben hausen. Bereits von diesem Kreuze aus ist der Blick überwältigend schön. Er umfaßt die sämmtlichen Thäler, die bei Mentone münden. Auf den Höhen sieht man jene wilden Ortschaften thronen, Burgen der Grimaldi und der Lascaris, die einst diese Thäler beherrschten; man umspannt mit dem Blicke den ganzen Halbkreis steil aufsteigender Berge, welche die Thäler mächtig umfassen und eine undurchdringbare Schranke für das Auge bilden, das hingegen nach Süden zu unbegrenzt über dem blauen, endlosen Meere schweift. Eine weitere Steigerung der Eindrücke hält man nicht für möglich, man kann sich schwer von dieser Stelle trennen, und doch gewinnt das Bild noch an [pg 025] erhabener Größe, betrachtet von dem Bergrücken, der jetzt in südlicher Richtung nach Roccabruna führt. Dann verschieben sich gegen einander, wie mächtige Decorationen, die Felsriesen, die den Hintergrund der Thäler schließen, und die Umrisse des Bildes werden immer reicher, immer bewegter. Bald tritt im Mittelpunkte der Landschaft, am Nordabhange des mächtigsten dieser Berge, Sant' Agnese hervor, ein ansehnliches Dorf, das in schwindelnder Höhe, wie ein Schwalbennest am Felsen, über dem Abgrund zu hängen scheint. Wer konnte das Dasein dieses Ortes ahnen; ist er doch gegen das Meer hin von dem Felsen ganz verdeckt, an den er sich klammert. Dieser Felsen sollte ihn auch schützen und verbergen vor den spähenden Blicken der Saracenen, welche einst das tyrrhenische Meer durchkreuzten. Und doch war es ein Saracenenhäuptling Harun, der im zehnten Jahrhundert, der Sage nach, die Burg erbaute, deren Ruinen den Bergesgipfel krönen. Doch nicht als Feind kam er hierher, sondern von der Liebe zu einer Christin überwältigt, die er, selbst zum Christenthum bekehrt, zu seiner Gattin machte.
Selbst wer den schönsten Theil Süditaliens kennt, wird sicher die volle Macht dieser herrlichen, so typisch italienischen Landschaft empfinden. Und wie wird der Eindruck noch gesteigert, wenn gegen Sonnenuntergang sich die Gipfel der Berge zu röthen anfangen, lange dunkle Schlagschatten in die Thäler fallen und Sant' Agnese in goldigem Licht auf dem grauen Fels zu glühen beginnt.
Doch die Zeit drängt, denn die Sonne im Westen ist lange schon hinter der Tête de chien verschwunden; die Nachtschatten senken sich hinab in die Schluchten, während ein langer steiniger Weg uns von Cabbe-Roquebrune, der Eisenbahnstation, noch trennt.
In Cabbe-Roquebrune auf dem Bahnhof erwartet uns ein botanischer Genuß. Über einer hohen Mauer am Abhang stehen mächtige Judasbäume (Cercis siliquastrum) und senken abwärts ihre blüthenbeladenen, noch laubfreien Zweige. Die [pg 026] schönen, dicht gedrängten Blüthen entspringen auch dem alten Holze, so daß die ganze Baumkrone wie ein einziges Blumengewinde erscheint, von rosenrother Farbe. Dieser Baum ist in Südeuropa zu Hause, sehr häufig sieht man ihn in Palästina die Gärten um Jerusalem schmücken, was wohl Veranlassung zu der Sage gab, Judas habe sich an demselben erhängt.
V.
Bezaubernd schön ist Mentone, wenn man es vom Pont St. Louis aus betrachtet. Das Bild gehört zu den eindrucksvollsten der ganzen Riviera. Doch muß man es am Morgen betrachten, wenn die Sonne das alte Mentone von Osten her bescheint. Man folgt von Mentone aus in östlicher Richtung der Landstraße und wählt ihren linken Arm, dort, wo sie sich gabelt. Man steigt dann sanft in die Höhe, zwischen Villen und Mauern. Gibt es nicht zu viel Staub auf der Straße, so ist diese Wanderung ein Genuß. Denn die angrenzenden Gärten strotzen von üppigen Gewächsen, und überall drängt sich der Überfluß derselben bis auf die Straße. Die Pflanzen finden keinen Platz mehr in der eingeengten Umfriedung und streben hinaus ins Freie. Rosenrothe und feuerfarbige Pelargonien neigen sich über das Gitter, dort hängt ein Rosenstrauch über dasselbe hinaus und trägt unzählige Blüthen. Weiter ist eine ganze Mauer bis unten hinab mit einem epheublätterigen Kranichschnabel, dem Pelargonium peltatum, bedeckt, welcher so üppig blüht, daß die Blätter unter den blaßrothen Blüthen verschwinden. Jener Strauch, der im graziösen Bogen über eine andere Mauer sich beugt und ährenförmige Rispen gelber Blüthen trägt, ist eine chinesische Buddleia (Buddleia Lindleyana). Die ganze Straße duftet jetzt nach Heliotrop, der an dem Geländer emporklettert; weiter ist es wieder eine Pergola safrangelber Rosen, welche der Straße folgt. Mit ihren fleischig dicken Stengeln und Blättern und ihren großen rothen oder gelben Blüthen schmückt dort die Mittagsblume (Mesembryanthemum [pg 027] acinaciforme) eine Mauer. Dann schließen Citronen- und Orangenbäume sich an, die mit Früchten reich behangen, auch schon ihre duftigen Blüthen entfalten. Wir kommen an dem kleinen französischen Zollhaus vorbei und erreichen alsbald unser Ziel. In kühnem Bogen schwebt die Brücke San Luigi über der Schlucht, welche Frankreich von Italien trennt. Der Blick von hier auf Mentone ist in der That von ergreifender Schönheit. Die alte Stadt deckt einen schmalen Grat, der sich bis zum Meere senkt. Dicht gedrängt steigen die Häuser an ihm auf, über- und nebeneinander. Alle sind sie im italienischen Style gebaut, mit Loggien, Balkonen und Terrassen, trotzdem alle verschieden an Gestalt und Größe, scheinbar gesetzlos zu einer einzigen Masse vereint. Jedes zeigt eine andere Färbung; im hellen Glanz der Sonne verschmelzen aber die Gegensätze und die ganze Stadt leuchtet fast weiß in die Ferne. Aus der Häusermasse ragt die Kirche mit ihrem schlanken Glockenthurm hervor. Und welch eine großartige Einfassung zeigt dieses Bild! In weiter Ferne, kaum noch sichtbar, profilirt sich im nebeligen Umriß das zackige Esterel. Dann weicht die Küste vor dem Meere zurück und erst die Tête de chien über Monaco bietet ihm wieder Trotz. Sie scheint an der Küste Wache zu halten. Dann folgen mächtige, majestätische Berge und rücken immer näher auf Mentone zu. Das Cap Martin streckt sich wie ein grünsammetnes Band vor in die blaue See, und hinter Mentone steigen die zackigen Felsenriesen auf und leuchten in der Sonne im bläulichen Grau. Dann folgen tiefer grüne Schluchten, wo helle Olivenhaine mit dunklen Citronengärten abwechseln und an den Abhängen weiße Dörfer verborgen im Laub. Kahle Bergrücken glänzen grell in der Nähe, von grünen Kiefernwäldern stellenweise wie von Oasen bedeckt. Der Vordergrund entzückt uns durch seine Farbenpracht, denn der untere Theil der Schlucht, über der wir schweben, ist in einen Garten verwandelt. In Stufen steigt er auf, und der Boden verschwindet ganz unter Blüthen. Hell- und dunkelrothe Geranien, dicht aneinander [pg 028] gedrängt, kugelige Chrysanthemum-Sträucher (Chrysanthemum frutescens) mit tausenden von Blüthen wie mit weißen Sternen übersäet. Dann ein Judasbaum, ganz in Blüthen gehüllt, der seine rosenrothen Aeste über die weißen Chrysanthemen neigt. Ein gelbblüthiger Rosenstrauch, der den rosenrothen Judasbaum erklimmt; schlanke Bambusen wie Federbüsche in die Lüfte ragend; daneben Fächerpalmen. Dunkelgrüne, schlanke Cypressen; ein Pfefferbaum mit hellgrünen, zartgefiederten Blättern an den hängenden Aesten; dunkelrothe Bougainvilleen an den aufsteigenden Wänden: ein wahres Kaleidoskop. Hohe Dattelpalmen ragen aus der Schlucht hervor und umrahmen das Bild von Mentone, phantastische Opuntien nächst der Brücke bilden den ersten Vordergrund. Und dieses ganze farbenreiche Bild taucht mit seinem Rande in die dunkelblaue Fluth. Eine frische Brise weht uns vom Meer entgegen, der Frühling blickt mit allen seinen Blumenaugen aus der Schlucht empor. Es stimmt so harmonisch und heiter dieses hehre Bild. Daher wir es auch vergessen möchten, daß dort über Mentone, wo weiße Steine und dunkle Cypressen zwischen grauen Mauern sich erheben, ein Ort der Trauer ist. Ein Schloß der Grimaldi stand einst auf dieser Höhe, zwischen seinen Trümmern und Umfassungsmauern ist dann der Friedhof entstanden. Er beherrscht diesen sonnigen Strand, wie einst die mächtige Burg ihn beherrschte: ein Wahrzeichen des heutigen Mentone. Ich suche die Gedanken von dieser Stelle abzuwenden, doch unablässig kehren sie zu derselben zurück. Denn trauriger hat mich ein Friedhof nie gestimmt wie dieser dort, mit seinen in Blumen ganz versteckten Gräbern. Kaum kann es einen mächtigeren Widerspruch geben zwischen der freudig sonnigen Natur und dem jähen Tode. Dieser Gegensatz preßt Einem das Herz zusammen. Und aus allen Theilen der Welt eilten jene zusammen, die auf diesem Friedhof ruhen. In der Blüthe der Jahre, fern von ihrer Heimath, legten sie sich unter Jasmin und Rosen zu ewigem Schlaf. Ob ihnen wohl die Erde leichter wird, weil die Blumen [pg 029] nie auf derselben verwelken? Die Rosen im besondern drängen sich dort überall vor: weiße, gelbe, blutigrothe, und sie verbreiten einen betäubenden Duft. Als ich einst diesen Friedhof besuchte, da strahlte die Welt in Frühlingsglanz und jauchzte es von Leben in den Lüften. Da war es besonders traurig zwischen diesen blumenreichen Gräbern. Auf einem frisch errichteten Denkmal saß ein junger Bildhauer, meißelte das Antlitz eines zarten Mädchens in den Stein und sang dazu ein fröhliches Lied. Ich blieb vor dem Grabe lange stehen: es war wie in einer Shakespeare'schen Tragödie.
Hoch ragen über der Brücke San Luigi die zackigen Felsen empor, welche die Schlucht umfassen. Sie selber steigt hier plötzlich auf, unvermittelt in romantischer Wildniß. Ein einzelner Felsenkegel erhebt sich aus ihrer Mitte und endet mit spitzem Gipfel. Zahlreiche Grotten versenken sich in den Stein. Rosmarin und Wolfsmilch, Wachholder und großblüthige Malven (Lavatera maritima) klammern sich an jeden Vorsprung der Felsen an und beleben ihre Eintönigkeit. Unten grünt Alles von üppigem Pflanzenwuchs. Ein kleiner Bach rauscht abwärts in den Felsenspalten und bildet dann zierliche Wasserfälle. Ein Theil des Wassers wird in einen kleinen Aquäduct gefaßt, der in malerischen Windungen abwärts läuft, dann mit gewölbtem Bogen den Bach überschreitet. Wie effectvoll Alles vereint in diesem engen Raume: es ist fast wie eine Theaterdecoration!
An jener so überaus warmen Stelle der Riviera bildet diese Felsenschlucht wohl noch den wärmsten Ort. Durch hohe Berge geschützt und umfaßt, steht sie den südlichen Winden nur offen. In dieser Schlucht beginnen schon im December die Veilchen zu blühen. Die Schwalben verlassen sie nie. Die Eidechsen sollen ihres Winterschlafs hier vergessen. An Nahrung ist stets Ueberfluß. Insekten durchschwirren die Luft, und die Spinne spannt ihr Netz auch im Winter, um sie zu fangen.
VI.
Niemand sollte es versäumen, von Bordighera oder von Mentone aus, einen Ausflug nach La Mortola, dem Garten des Herrn Thomas Hanbury, zu unternehmen. Der Eintritt wird Montag und Freitag Nachmittag gegen Zahlung von je einem Franc gestattet. Dieses Geld dient zur Unterstützung des Krankenhauses von Ventimiglia. Wer eingehende Studien im Garten machen will, erhält hierzu vom Besitzer jederzeit Erlaubniß. Früher Eigenthum der Familie Orengo in Ventimiglia, trägt auch heute noch die schöne Villa im Garten, welche Herr Thomas Hanbury bewohnt, den Namen des Palazzo Orengo. Als Herr Hanbury diese Besitzung im Jahre 1866 erwarb, war sie von einem mageren Olivenhain bedeckt. Ludwig Winter hat sie in den feenhaften Garten verwandelt, der jetzt den Besucher entzückt. Der Garten deckt eine Fläche von ungefähr vierzig Hektaren und fällt von der Kunststraße, welche das Dorf Mortola in hundert Meter Höhe durchzieht, bis zum Meere ab. Die in dem Numullitenkalk tief gerissene Schlucht, an welche die Besitzung anlehnt, gewährt ihr Schutz gegen die Winde und ermöglicht die Entwickelung einer so üppigen Vegetation, wie sie auch an der Riviera kaum ihres gleichen findet. Freilich mußte durch künstliche Bewässerung vorgesorgt werden, daß die lange Dürre des Sommers nicht verhängnißvoll für die Pflanzen werde. Denn man rechnet in La Mortola über zweihundert Tage im Jahr, an welchen der Himmel völlig wolkenlos bleibt, und auch innerhalb des winterlichen Halbjahres gibt es nur etwa vierzig Regentage.
Es wäre ein gewagtes Beginnen, wollte ich an dieser Stelle alle die zahlreichen Pflanzenformen schildern, welche der Garten von La Mortola birgt. Es kommt mir nur darauf an, die Reichhaltigkeit desselben hervorzuheben. Was aber diesen Garten insbesondere belehrend macht, ist der Umstand, daß alle Pflanzen Schilder tragen, auf welchen ihr Name, der abgekürzte Name des Autors, der sie benannte, ihre Heimath, sowie die Familie, [pg 031] der sie angehören, angegeben ist. So kann jeder Besucher des Gartens erfahren, wie die Pflanze heißt, die ihm durch ihre Schönheit oder ihren Wohlgeruch auffällt, eine Pflanze, nach deren Namen er vielleicht vergeblich schon in manchem anderen Garten der Riviera forschte. Herr Hanbury ist bemüht, seinem Garten auch wissenschaftlichen Werth zu verleihen und sucht unaufhörlich neue, interessante, technisch wichtige oder durch ihre Heilkraft ausgezeichnete Gewächse für denselben zu erwerben. Ein kenntnißreicher deutscher Gärtner, Gustav Cronemeyer, stellte vor einigen Jahren ein wissenschaftliches Verzeichniß aller Pflanzen des Gartens auf. Dieses Verzeichniß umfaßt über 3600 Arten. Es wurde an alle botanischen Anstalten der Welt versandt, mit der Aufforderung, aus den Schätzen des Gartens für wissenschaftliche Zwecke zu schöpfen. Auch die Samen und Früchte des Gartens erntet man alljährig, um sie wissenschaftlichen Anstalten dienstbar zu machen. Da Herr Hanbury gleichzeitig stattliche Schulgebäude in La Mortola errichtet, da er neuerdings auch ein schönes botanisches Institut in Genua erbauen ließ, um es der dortigen Universität zu schenken, so läßt sich wohl behaupten, daß er einen edlen, nachahmenswerthen Gebrauch von seinen Reichthümern macht. Leider ist der eifrige Leiter des Gartens, Gustav Cronemeyer, vor kurzem gestorben, und gewährt es nur einen Trost, daß sein Nachfolger, ebenfalls ein deutscher Gärtner, Herr Dinter, mit gleichem Eifer in seine Spuren tritt.
Gerade im Frühjahr ist es, wo der Garten von La Mortola in vollstem Blüthenschmucke prangt. Besonders tragen die Akazien dazu bei, ihn um jene Zeit so üppig zu verzieren. Ueber neunzig Arten der Gattung Acacia stehen da in Cultur, von den fein gefiederten, mimosenartigen an, deren Blättchen jeder Windhauch in Bewegung setzt, bis zu jenen starrend stachlichen Arten, welche schon durch ihren botanischen Namen als »bewaffnet« (armata), »struppig« und »schauerlich« (horrida) hinreichend gekennzeichnet werden. Manche Akazien sind von gelben Blüthen so überdeckt, daß das grüne Laub unter denselben fast verschwindet, [pg 032] und die meisten verbreiten zur Blüthezeit ein liebliches Aroma. Benennungen wie »lieblich«, »angenehm« (suaveolens) zeichnen noch besonders einzelne Arten aus. Der höchste Preis des Wohlgeruchs gebührt aber unstreitig der tropisch-amerikanischen Acacia Farnesiana, welche ihre veilchenduftenden Blüthenköpfchen den ganzen Winter über treibt. Diese Blüthenköpfchen dienen in Grasse und in Cannes unter dem Namen »fleurs de cassie« in ausgiebiger Weise den Zwecken der Parfümerie. Den Namen »Farnesiana« erhielt diese schon lange in Südeuropa bekannte Pflanze wohl daher, daß sie in den farnesianischen Gärten in Rom zuerst gezüchtet wurde. – Durch ihr zartes, zierliches, doppeltgefiedertes Laub von bläulich grüner Farbe, fällt hier, wie auch an den anderen Stellen der Riviera, die Acacia oder Albizzia Julibrissin auf, ein stattlicher Baum vom Aussehen einer Mimose, dessen hellviolette Blüthenköpfchen aber erst im Juli zur Entfaltung kommen. Sie stammt von der Südküste des kaspischen Meeres, ihr Arten-Name ist persisch und bedeutet Seidenblume. – Von der südafrikanischen steifen Acacia horrida stammt eine geringe Gummisorte, die als Capgummi bekannt ist. Das feinste Gummi arabicum tritt aus der Rinde der senegambisch-kordofanischen Acacia Senegal, ähnlich wie bei uns Kirschgummi aus der Rinde von Kirschbäumen, hervor.
Durch ein ganz besonders feines Aroma zeichnet sich in dem Garten von La Mortola außer der Acacia Farnesiana ein gelbblühender Strauch, die Pteronia incana vom Cap aus, welche zu derselben Abtheilung der Compositen wie unsere Astern gehört, deren Blüthenköpfchen aber einen, man könnte fast sagen, vergeistigten Aprikosenduft verbreiten. Sehr wohlriechend in allen seinen Theilen ist ein anderer Strauch vom Cap, die Rutacee Diosma fragrans. Nicht umsonst hat sie, so wie ihre nächsten Verwandten, die bei uns viel in Gewächshäusern cultivirt und als Bouquetgrün benutzt werden, den Namen Diosma, d. h. »Götterduft«, erhalten. Ein chilenischer Strauch mit kleinen gelben Blüthen, die Flacourtiacee Azara microphylla, [pg 033] wird wegen seines vanillenartigen Duftes in der Heimath »Aromo« genannt. Eine krautartige Salbeiart, die Salvia albocoerulea, riecht wie feines Tafelobst. Verschiedene Pelargonien, so namentlich das Pelargonium roseum und odoratissimum, verbreiten ein starkes rosenartiges Parfüm, wenn man ihre Blätter zerdrückt. Geradezu betäubt wird man an zahlreichen Stellen des Gartens von dem Duft, der den kleinen weißen Blüthen vom Pittosporum Tobira entströmt. Diese Blüthen decken in großer Zahl den baumartigen immergrünen Strauch, der im Aussehen an den lorbeerartigen Schneeball (Viburnum Tinus) unserer Gewächshäuser erinnert. Es gibt auch eine Art mit fast schwarzen Blüthen, die fremdartig genug auf den Zuschauer einwirkt. – Lieblich duftet, ähnlich wie unsere wohlriechende Platterbse, ein zierlicher Baum mit überhängenden Aesten, der aus der Ferne ganz weiß erscheint von reicher Blüthenfülle. Es ist eine west-mediterrane Ginsterart, Genista monosperma, die zu den anmuthigsten Pflanzenformen im Frühjahr an der Riviera gehört. Ist auch zu jener Zeit der Blüthenreichthum noch so groß, Jedem fällt, unter allen anderen, diese Pflanze auf, die den Namen Blüthenregen führen sollte. Erscheint es da nicht wunderbar, daß zu derselben Gattung, wie dieses so zart erscheinende Gewächs, auch die Genista acanthoclada gehört, ein Strauch der griechischen Berge, der so stachelig ist, daß er für die Pflanze des Tartarus gelten konnte: Aspalathus, nach der Insel Aspalathe an der Küste von Lycien genannt, lieferte er, der Sage nach, jene Ruthen, mit denen die Gottlosen in der Unterwelt gepeitscht wurden.
Eigenthümlich berühren den Besucher des Gartens die Casuarineen, die in großen Exemplaren gleich unterhalb der Eingangstreppe stehen. Die graugrünen feinen Zweige dieser Bäume hängen wie die Federn eines Casuarschweifes herab und verschafften dem Gewächs auch seinen Namen. Die Zweige sind blattlos; die Ernährung des Baumes, die sonst von den Blättern besorgt zu werden pflegt, fällt hier somit den Zweigen zu. [pg 034] Diese sind demgemäß auch grün gefärbt, d. h. sie führen jenen Farbstoff, das Chlorophyll, dessen Anwesenheit für die Bereitung von Nahrungsstoff durch die Pflanze nothwendig ist. Die Casuarineen bilden in Australien ausgedehnte Wälder von sehr eigenem Aussehen. Wie so viele andere australische Bäume vermögen sie dem Boden nur spärlichen Schatten zu spenden. Die Blüthen dieser Gewächse sind so klein und unansehnlich, daß nur das kundige Auge sie an den Zweigen zu erkennen vermag. Das Holz der Casuarineen zeichnet sich durch seine Härte und seine Schwere aus und hat daher den Eingeborenen zur Anfertigung von Streitkolben gedient.
Ein australischer Baum, der in den letzten Decennien ungemein rasche Verbreitung über die Riviera gefunden hat und den der Garten von La Mortola in nicht weniger als vierundzwanzig Arten besitzt, ist der Eucalyptus. Jeder, der Italien einmal besuchte, kennt die Eucalypten, wenn auch wohl nur die eine, überall vertretene Art derselben, den Eucalyptus globulus. Auch dieser australische Baum gibt im Verhältniß nur wenig Schatten; seine Blätter sind zwar von ansehnlicher Größe, sie hängen aber an langen Stielen von den Zweigen senkrecht herab und können daher selbst bei dichter Belaubung den Sonnenstrahlen nicht allen Durchgang verwehren. Da auch der leiseste Windhauch diese Blätter in Bewegung setzt, so herrscht unter den Eucalyptusbäumen ein eigenes zitterndes Zwielicht, das allerdings erst in Eucalyptus-Wäldern voll empfunden wird. Die Eucalypten gehören zu den Riesen der Pflanzenwelt, zu denjenigen Bäumen, welche überhaupt die bedeutendste Größe erreichen. In Australien sind Stämme von Eucalyptus amygdalina gemessen worden, deren Höhe 156 Meter betrug und somit genau derjenigen der Thürme des Kölner Doms entsprach, die Pyramide des Cheops aber um fünf Meter, die Peterskirche in Rom sogar um mehr als zwanzig Meter überstieg. Die Eucalypten wachsen auch an der Riviera äußerst rasch und ragen schon über ihre Umgebung weit empor, ungeachtet ihre Anpflanzung [pg 035] hauptsächlich erst Ende der sechziger Jahre erfolgte. Im Garten von La Mortola erreichte ein Eucalyptus globulus in sieben Jahren neunzehn Meter Höhe und fast anderthalb Meter im Umfang. Kein in Europa sonst bekannter Baum vermag Ähnliches zu leisten. Trotz so raschen Wachsthums zeichnet sich das Eucalyptusholz durch große Härte aus. An vielen Orten hat man Eucalypten angepflanzt, weil man der Ausdünstung derselben besondere heilsame Kräfte zuschrieb. Thatsächlich kommt aber den äußerst geringen Mengen von ätherischen Ölen, die sich um die Eucalypten verbreiten, kaum eine merklich desinficirende Wirkung zu. Dadurch hingegen, daß die Eucalypten rasch auf sumpfigem Boden wachsen und als immergrüne Pflanzen Sommer und Winter Wasser aus ihren Blättern verdunsten, tragen sie zu dessen Trockenlegung bei. Die Hoffnung, daß die Extracte aus Blättern und Rinde der Eucalypten das Chinin ersetzen würden, war gleichfalls übertrieben. Kommt auch diesen Extracten eine gewisse febrifuge Wirkung zu und sind dieselben auch seit undenklichen Zeiten von den Eingeborenen Australiens gegen Malaria verwandt worden, so stehen sie doch dem Chinin ganz bedeutend nach. Im April sieht man die älteren Eucalyptusstämme an der Riviera sich mit großen weißen Blüthen bedecken, welche durch ihre äußerst zahlreichen, feinen und langen Staubgefäße auffallen. Der Kundige erkennt an diesen Blüthen, daß der Baum zu den myrtenartigen Gewächsen gehört. Eine Eigenthümlichkeit der Eucalypten ist es, daß deren Blüthenknospen sich mit einem runden Deckel öffnen, der als grüne, weißbereifte Mütze abgeworfen wird. Diese Deckel sieht man im Frühjahr in großen Mengen unter den Eucalyptusbäumen liegen; sie verbreiten, wenn man sie zertritt, einen sehr durchdringenden Geruch. Neuerdings hat sich die Industrie auch dieser Gebilde bemächtigt, und in Bordighera sah ich Kreuze und Rosenkränze, die aus trockenen, aufgefädelten Eucalyptusblüthen-Deckeln hergestellt waren.
Ganz junge Eucalyptusbäume, wie man sie auch bei uns, [pg 036] innerhalb der Gewächshäuser, sehen kann, zeigen zunächst ein von den älteren Bäumen durchaus verschiedenes Aussehen. Kaum glaubt man dieselben Pflanzen vor Augen zu haben. Die Blätter sind breit, stumpf, stengelumfassend, wagerecht gestellt, und erst an älteren Zweigen treten an deren Stelle die schmalen, zugespitzten, langgestielten Blätter auf, die senkrecht abwärts hängen. Damit verändert sich auch ihr innerer Bau. Zuvor zeigten sie verschiedene Structur auf ihren beiden Seiten, jetzt sind beide Seiten gleich. Beide Blattflächen werden ja an den hängenden Blättern in gleicher Weise von Lichtstrahlen getroffen. Sie brauchen aber gleichen Bau, um gleiche Arbeit zu verrichten. Aehnliche Einrichtungen treten uns bei vielen anderen Gewächsen Neuhollands entgegen und bestimmen geradezu den Charakter der dortigen Vegetation.
Der in Italien hauptsächlich cultivirte Eucalyptus globulus ist nicht der widerstandfähigste Vertreter seiner Gattung, wie er denn auch im strengen Winter 1890–91 an exponirten Stellen der Riviera gelitten hatte. Manche Arten trotzen besser der Kälte, und der Eucalyptus Gunnii gedeiht selbst in Whittingham bei Edinburgh.
Der hohen Schutzmauer der Seealpen, welche die kalten Nordwinde abhält, verdankt die Riviera di Ponente ihr mildes Klima. Diese Schutzmauer bedingt es auch, daß dort die Cultur der Agrumi erfolgreich betrieben werden kann. An zahlreichen Stellen der Küste, zwischen Nizza und Savona, gedeihen die Agrumi ebenso gut wie bei Neapel, während der Reisende das Innere von Ober- und Mittelitalien durchwandern kann, ohne sie zu erblicken. Unter der Bezeichnung »Agrumi« werden die Vertreter der Gattung Citrus zusammengefaßt. Das Verzeichniß von La Mortola weist über zwanzig Arten oder Formen dieser Gattung auf. Man findet dort fast alle in Italien cultivirten Agrumi in engem Raum beisammen. Diese Pflanzen scheinen so fest mit dem italienischen Boden verwachsen zu sein, daß italienische Bilder stets der Phantasie des Nordländers vom Blüthenduft [pg 037] der Citrone durchweht und vom Glanze der Goldorange durchleuchtet erscheinen. Am meisten hat diese Vorstellung wohl das Mignonlied verbreitet, jenes Lied, das der Sehnsucht des Nordländers nach südlicheren Gestaden so unendlichen Ausdruck verlieh. So sehr die Agrumi aber auch in die italienische Landschaft zu gehören scheinen, so sind sie doch erst verhältnißmäßig spät in dieselbe gelangt und nur auf ganz bestimmte Theile von Italien beschränkt geblieben. Ihre Heimath liegt im fernen Asien, in Ostindien und Südchina; über den Orient schlugen sie aber zunächst ihren Weg nach Europa ein. Wie aus dem alten »Traité du Citrus« von Gallesio, dem Werke Victor Hehn's über »Culturpflanzen und Hausthiere«, Alphonse de Candolle's »Ursprung der Culturpflanzen«, endlich Flückiger's »Pharmacognosie« – von älteren Quellenwerken abgesehen – zu erfahren ist, war dasjenige, was im Alterthum zunächst »Citrum« hieß, das Holz von Callitris quadrivalvis. Auch diese nordafrikanische Conifere ist in dem Hanbury'schen Garten in vortrefflicher Entwickelung zu sehen. Ihr Holz liefert das Sandarac, ein Harz, das in erstarrten, weißen Thränen die Stammrinde deckt und aus der Wunde heraustropft, wenn ein Zweig abgeschnitten wird. Das schön gemaserte, wohlriechende Holz dieses Baumes stand bei den Römern in hohem Ansehen und diente im Besonderen zur Anfertigung von Kisten, welche wollene Kleider vor Motten schützen sollten. Als dann die Citrone den Römern bekannt wurde, und es sich zeigte, daß sie in ähnlich wirksamer Weise die Motten abhält, wurde der Name Citrum auf dieselbe übertragen. Von dem Gewächse, welches diese »mala citria« erzeugt, drang die erste Kunde nach Griechenland während der Kriegszüge Alexanders des Großen. Letztere waren es, welche den Orient und die Tropen der griechischen Cultur erschlossen. Sie brachten den classischen Ländern eine solche Fülle neuer Naturanschauungen, wie dies zum zweiten Mal in gleichem Maße nur durch die Entdeckung des tropischen Amerika wieder geschah. Ueber den Citronenbaum wurde berichtet, daß er ein wunderbares [pg 038] Gewächs der persischen und medischen Lande sei, und voll goldener Früchte hänge. Diese sollten nicht nur gegen Motten schützen, sondern auch als Gegengifte äußerst wirksam sein. Ja, es bildete sich, wie man in einem Werke des Athenaeos, eines Gelehrten, der zu Naukratis in Ägypten geboren wurde und um 228 n. Chr. starb, lesen kann, der Aberglaube, daß, wer von diesen Früchten gekostet habe, den Biß giftiger Schlangen nicht zu fürchten brauche. Jenes durch seine Citate sehr werthvolle und merkwürdige Werk des Athenaeos schildert ein fingirtes Gastmahl, welches von einem römischen Schlemmer und Schöngeist, Künstlern, Dichtern und Gelehrten geboten wird, und bei welchem an die dargereichten Speisen und Getränke sich entsprechende Unterhaltungen knüpfen. Da erzählt ein gewisser Demokritos, sein Freund, der Statthalter von Ägypten, habe ihm mitgetheilt, daß zwei Verbrecher, die zum Tode durch giftige Schlangen verurtheilt waren, dem Biß derselben nicht erlagen, weil sie von einer Citrone zuvor aßen. Der Statthalter habe den Versuch absichtlich mit denselben Verbrechern zum zweiten Male wiederholt, aber nur dem einen von beiden eine Citrone dargereicht. Die Folge sei gewesen, daß dieser eine nur den Bissen der giftigen Nattern zu widerstehen vermochte, während der andere bald nach der Verwundung starb. Als bestes Schutzmittel gegen Gift empfiehlt der Erzähler eine in Honig zerkochte Citrone. Man müsse von diesem Gegengift früh am Morgen eine kleine Menge zu sich nehmen und sei dann den ganzen Tag über vor Vergiftung sicher. Dem Aberglauben, der solche Vorstellungen nährte, liegt wie auch sonst in ähnlichen Fällen, ein Fünkchen Wahrheit zu Grunde. Thatsächlich ist die Citrone durch sehr starke fäulnißwidrige Eigenschaften ausgezeichnet, Eigenschaften, die sie auch heute noch als Antisepticum sehr schätzbar machen. Schon im Alterthum hatte man richtig erkannt, daß der Saft der Citrone den Athem verbessere. Ein Vergnügen konnte es damals nicht sein, Citronen zu genießen, denn es waren thatsächlich nicht unsere jetzigen »Citronen«, vielmehr Cedraten [pg 039] oder Citronat-Citronen, die uns nur eingemacht schmecken. Diese Cedraten heißen auch heute noch »Cedro« bei den Italienern. Saftiges Fruchtfleisch ist ihnen nicht eigen; sie bestehen fast ausschließlich nur aus Schale, und diese ist es, die, in Zucker eingekocht, die Citronate liefert. Die Cedraten erreichen meist bedeutendere Größe als die Citronen, sind letzteren im Übrigen ähnlich. Ihre Form variirt aber bedeutend, und da viele Abänderungen durch Veredelung fixirt worden sind, so bekommt man neben stark in die Länge gezogenen auch fast runde Cedraten zu sehen. Das gab sogar Veranlassung zur Aufstellung verschiedener Arten innerhalb dieses Formenkreises, wie es denn überhaupt schwer fällt, zu unterscheiden, was Art und was nur Abart in der Gattung Citrus ist. Eine rundliche durch stark höckerige Schale und feinen Wohlgeruch ausgezeichnete Frucht, die auch zu den Cedraten gehört, wird als Adamsapfel oder Paradiesapfel unterschieden. Sie galt als die Frucht vom Baume der Erkenntniß und findet als solche beim Laubhüttenfest der Juden heute noch Verwendung. Die gesuchtesten Früchte zu diesem Fest werden aus Corsica, Corfu, Marocco und Palästina eingeführt und können bei vorgeschriebener Form sehr hohen Geldwerth erreichen.
Der Cedratenbaum kam bei den Römern sehr in Mode, und man sah ihn, in Kübeln gepflanzt, die Säulenhallen der Villen und die Gärten schmücken. Vom dritten Jahrhundert an wird er auch, als im freien Lande gedeihend, beschrieben. Heut noch wird er in Italien viel gezogen und zeichnet sich vor allen anderen Agrumi dadurch aus, daß er das ganze Jahr hindurch Blüthen und Früchte trägt.
Der Baum, der die Frucht zeitigt, welche wir als Citrone bezeichnen, die aber richtiger auch bei uns Limone heißen müßte, kam durch Vermittlung der Araber erst im zehnten Jahrhundert nach Süd-Europa, zunächst nach Spanien, dann wohl auch nach Sicilien. Er fehlte hingegen noch an der ligurischen Küste, wohin ihn erst gegen Ende des elften Jahrhunderts die Kreuzfahrer [pg 040] aus Syrien und aus Palästina brachten. Mit den Limonenbäumen zugleich gelangten die Pampelmusen und die bitterfrüchtigen Pomeranzenbäume an die Riviera, und Ligurien blieb überhaupt lange Zeit das Land, in welchem die Cultur der Agrumi am meisten betrieben wurde. Einen bedeutenderen Aufschwung gewann die Cultur freilich auch dort erst im vierzehnten Jahrhundert, als die Ansprüche an die Genüsse des Lebens sich zu steigern begannen. Sie verbreitete sich in Italien zugleich mit der Limonade, deren Zubereitung man von den Orientalen lernte. Unter dem Cardinal Mazarin war es, daß auch in Paris die ersten »Limonadiers« auftraten, um bald eine ähnliche Rolle wie heut die »Cafetiers« zu spielen. Die Limone, durch die nämlichen, fäulnißwidrigen Eigenschaften wie die Cedrate ausgezeichnet, lieferte in der That nicht nur ein erfrischendes, sondern zugleich auch ein antiseptisches Getränk. In den der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts angehörenden Kräuterbüchern des Tabernaemontanus, »der Arzney Doctoris und Chur-Fürstlicher Pfaltz Medici zu Neuwhausen«, heißt es, daß der Citronensaft »nicht allein wider die innerliche Fäulung und das Gifft sehr gut und kräftig« sei, sondern auch »gegen alle Traurigkeit und Schwermüthigkeit des Hertzens und die Melancholey«. Die Rinde widerstehe dem Gift: »Dann zur Zeit der Pest soll man sie im Mund halten, auch ein Rauch damit machen.« – Der Citronensaft gilt auch heute noch als eines der wirksamsten Mittel gegen den Scorbut, die bekannte Mund- oder Zahnfleischfäule, der die Seefahrer besonders unterworfen sind. Daher jetzt die englische Marine, und nach ihrem Beispiel auch andere, Citronensaft in wohlverschlossenen Flaschen auf ihren Schiffen führen.
Ich bemühte mich festzustellen, woher der jetzt noch ziemlich verbreitete, früher fast allgemeine Brauch stammt, daß die Leichenträger bei Begräbnissen eine Citrone in der Hand halten. Ursprünglich ist er durch die fäulnißwidrigen Eigenschaften und den starken Geruch der Citrone veranlaßt worden, dann hat er [pg 041] symbolische Bedeutung gewonnen. Die Symbolik hat sich in mannigfaltiger Weise der Citrone bemächtigt. So heißt es in J. B. Friedrich's Werke: »Die Symbolik der Mythologie der Natur«: »Das Aromatische, Erquickende und Belebende der Citrone hat sie zum Symbole des Lebens und des Schutzes gegen das Lebensfeindliche gemacht. Daher schützt nach altem Glauben die Citrone gegen Bezauberung, daher trägt das indische Weib, welches sich nach dem Tode seines Gatten verbrennen läßt, auf seinem Gange zum Scheiterhaufen eine Citrone in der Hand als Sinnbild ihres zukünftigen Zusammenlebens mit dem Gatten; daher die noch übliche Sitte, daß bei einem Leichenbegängnisse die Leidtragenden die das neue Leben des Abgeschiedenen symbolisirende Citrone in der Hand tragen; daher endlich die Sitte des zum ersten Mal zur Communion gehenden Kindes, eine Citrone zu tragen, weil es durch die Communion ein neues Leben durch seinen erneuerten Bund mit Gott eingeht.«
Der Pampelmusbaum (Citrus decumana) fällt durch die Größe auf, die seine Früchte erreichen. Dieselben haben süß-säuerlichen Geschmack und werden mit Wein und Zucker gegessen. Einzelne Früchte können unter Umständen bis sechs Kilo Gewicht erlangen.
Der bittere Pomeranzenbaum ist durch besonders aromatische Blätter und Blüthen ausgezeichnet. Die Früchte zeichnen sich durch ihre goldige Färbung aus. Sie werden frisch nicht genossen, wohl aber gelten die in Zucker eingemachten Schalen derselben als besonders wohlschmeckend. Auch dienen die Blätter, Blüthen und die unreifen Früchte zur Gewinnung ätherischer Öle und spielen letztere außerdem eine wichtige Rolle bei der Liqueurfabrikation. Da der Stamm der bitterfrüchtigen Pomeranze sich als besonders widerstandsfähig erwiesen hat, so verwendet man ihn auch häufig als Unterlage, auf welcher andere Citrus-Arten veredelt werden.
Der süßfrüchtige Pomeranzenbaum gelangte wesentlich später [pg 042] nach Europa als die bisher genannten Agrumi. Man nahm ziemlich allgemein bis vor Kurzem an, die Portugiesen hätten ihn erst gegen Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, und zwar angeblich im Jahre 1548, aus dem südlichen China mitgebracht; ja man zeigte im Garten des Grafen von St. Lorenzo zu Lissabon einen Orangenbaum, der der eingeführte Urbaum sein sollte. Aus den Schriften von Galesio, Targioni und Goeze scheint aber hervorzugehen, daß die süße Pomeranze schon wesentlich früher die Gärten Spaniens und Italiens schmückte; sie muß bereits im Laufe des vierzehnten Jahrhunderts nach Europa gelangt sein. Galesio sucht es wahrscheinlich zu machen, daß die Cultur der süßen Orange auch an der Riviera bis ins fünfzehnte Jahrhundert zurückreicht, doch ist seine Beweisführung nicht überzeugend. So berichtet Galesio über ein aus den Acten der Stadt Savona vom Jahre 1471 sich ergebendes Geschenk von eingemachten Citronen und Limonen und frischen Citruli, welches die Stadt Savona ihrem Gesandten in Mailand machte. Da nun die als »Citruli« bezeichneten Früchte frisch gesandt wurden, hält sie Galesio für süße Orangen, da der Gesandte in Mailand wohl keine bitteren hätte essen mögen. In dem Archiv eines Notars in Savona ist andererseits ein Verkaufsact vom Jahre 1472 über eine Schiffsladung von 15 000 Citranguli oder Cetroni aufgefunden worden, und Galesio frägt sich, was man wohl mit 15 000 bitteren Pomeranzen angefangen hätte. Auf diese Frage kann man ihm die Antwort schuldig bleiben, ohne daß dadurch der Nachweis, daß es sich wirklich um süße Orangen gehandelt habe, beigebracht sei. Ja eine solche Annahme müßte um so gewagter erscheinen, als thatsächlich schon Matthaeus Silvaticus in Salerno, der Verfasser des 1317 beendigten Opus pandectarum medicinae die bittere Pomeranze als Citrangulum bezeichnet und diese Bezeichnung auch von den Übersetzern arabischer Werke von ihm benutzt wurde, um den arabischen Namen narindj wiederzugeben. Andererseits zeigt die heute noch in Italien übliche Anpreisung [pg 043] der süßen Pomeranze als »Portogallo« deutlich den Ursprung der jetzt dort cultivirten Früchte an. Mögen es somit auch nicht die Portugiesen gewesen sein, welche die süße Pomeranze in Europa einführten, so haben wir denselben doch die bessere, jetzt beliebte Sorte dieser Frucht zu danken. Die chinesische Heimath der süßen Pomeranze dagegen kommt in dem deutschen Namen »Apfelsine«, ursprünglich »Sinaapfel« oder »chinesischer Apfel«, zur Geltung. Der deutsche Name wurde von den Russen, den Grenznachbarn der Chinesen adoptirt; bezeichnend genug, meint Victor Hehn, für die Umwälzung im Weltverkehr, der seit Vasco de Gama nicht mehr quer durch das Gebiet von Asien, von Ost nach West, vielmehr aus dem Ocean in umgekehrter Richtung sich vollzog.
Der Name »Orange« stammt aus dem Sanskrit und ist auf nagarunga oder nagrunga zurückzuführen. Die Araber hatten daraus Narunj gebildet, die Italiener Naranzi, Aranci, die Franzosen schließlich Orange. Die mittelalterliche Bezeichnung »poma aurantia« Goldäpfel, ist somit nur dem Klange nach dem Worte »Orange« ähnlich. Aus »poma aurantia« ging dann aber das deutsche »Pomeranze« und das polnische »Pomarańcza« hervor.
Daß unter den goldenen Äpfeln der Hesperiden, die Herakles, der Sage nach, aus dem fernen Westen holte, nicht Orangen gemeint sein konnten, geht aus der Geschichte jener Früchte genugsam hervor. Die goldenen Äpfel der Hesperiden waren vielmehr idealisirte Quitten. Der Aphrodite geweiht, dienten sie dauernd in Hellas als Preise bei Liebesspielen und prangten unter den bräutlichen Gaben.
Wie schön ein Apfelsinenbaum bei voller Kraftentfaltung werden kann, wenn ihn Tausende von goldenen Früchten schmücken, das läßt sich freilich kaum an der Riviera, ja nicht einmal in Sorrent ermessen. Völlig ausgewachsene, üppig entfaltete Orangenbäume von der Größe unserer Apfelbäume, sah ich erst am Fuße des Ätna. Theobald Fischer gibt in seinen »Beiträgen zur [pg 044] physischen Geographie der Mittelmeerländer« an, daß ein ausgewachsener, gut gehaltener Apfelsinenbaum in Sicilien sechs- bis siebenhundert, ein Limonenbaum sogar tausend bis elfhundert Früchte liefert. Im Durchschnitt könne man auf den Hektar Agrumen bei Palermo 3000 Lire Rohgewinn rechnen, und was das sagen will, geht daraus hervor, daß die einträglichsten Gärten bei Paris es nur zu einem Rohgewinn von 2500 bis 2700 Francs auf den Hektar bringen.
Es gibt eine Unzahl von Apfelsinensorten, von denen zu uns aber nur einige wenige gelangen, darunter die jetzt immer beliebter werdende blutfarbige, die »Orange von Jericho«.
Auch die als besondere Art der Gattung Citrus geltenden Mandarinen (Citrus nobilis) sind Gegenstand bedeutenden Exportes aus Italien geworden. Der Mandarinenbaum gedeiht an der Riviera sogar besser, als der Apfelsinenbaum. Er ist in allen Theilen kleiner, und an seinem buschig-runden Wuchs unschwer zu erkennen. In China und Cochinchina steht er seit undenklichen Zeiten schon in Cultur, in Europa hingegen tauchte er erst im Jahre 1828 auf.
In dem Garten von La Mortola ist auch die Citrus bergamia zu finden, aus deren Fruchtschalen das äußerst wohlriechende Bergamottöl gewonnen wird; desgleichen steht dort die Citrus myrtifolia, deren sehr kleine Früchte, in Zucker eingesotten, die beliebten »Chinois« liefern. Es fehlt auch nicht die süße Limone oder Limette, die nur eine Abart der sauren Limone ist und wie die süße Orange gegessen wird.
Eigenartig sieht die Citrus trifoliata aus, ein aus Japan stammender Strauch, der dreitheilige Blätter trägt und mit großen scharfen Dornen bewaffnet ist. An seinen Blüthen und Früchten kann man ihn als Citrus-Art erkennen, sonst macht er wirklich nicht diesen Eindruck. Er verträgt die Kälte so gut, daß man ihn selbst in Paris im Freien sieht.
Besonders fällt in dem La Mortola-Garten eine monströse Orangenform auf, die der Katalog als »Citrus Aurantium var. Buddhafingered« [pg 045] bezeichnet. Die Mißbildung beruht darauf, daß die einzelnen Fruchtfächer, aus welchen die Orange aufgebaut ist, statt zu einer runden Frucht vereinigt zu bleiben, an ihren Enden frei hervorwachsen. Dadurch bekommt diese Frucht eine Anzahl von Fortsätzen und erinnert entfernt an eine Hand mit vorgestreckten Fingern. Diese Ähnlichkeit hat in Indien den Vergleich mit »Buddha's Hand« veranlaßt und abergläubische Vorstellungen erweckt. Ganz ähnliche Mißbildungen kommen auch, in mannigfacher Verschiedenheit, bei den Citronen und Limonen vor und werden durch Veredlung festgehalten.
Weitaus der merkwürdigste Baum in der Reihe der Agrumi ist die Bizzarria, welche der La Mortola-Garten ebenfalls besitzt. Schöner entwickelt sah ich diese Pflanze im botanischen Garten zu Neapel. Die Bizzarria trägt zugleich Orangen, Citronen und Limonen. Sie weist auch Früchte auf, welche die Mitte zwischen jenen Fruchtformen halten, endlich auch Früchte, an welchen einzelne Fächer das Aussehen von Orangen, andere dasjenige von Limonen oder Citronen besitzen. Es sind Bizzarrien beschrieben worden, deren Früchte die Bestandtheile von fünf verschiedenen Fruchtformen der Agrumi in sich vereinigten. Die Entstehung der Bizzarrien ist bis jetzt nicht endgültig aufgeklärt worden. Die Einen halten sie für Bastarde, während Andere meinen, sie seien bei der Veredelung durch zufällige Vermischung der Eigenschaften der Unterlage und des Edelreises entstanden. Letzteres wäre sehr merkwürdig, da die Erfahrung, die wir täglich bei der Veredelung unserer Obstbäume, der Rosen und anderer Gewächse machen, sonst lehrt, daß die Unterlage ohne allen Einfluß auf das Edelreis bleibt, daß beide ihre Eigenschaften unvermischt behalten. – Die Bizzarrien sind seit der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts bekannt. Sie mußten ja von Alters her durch ihr merkwürdiges Verhalten die Aufmerksamkeit auf sich richten. Zum ersten Mal wird über die Bizzarria im Jahre 1644 berichtet und angegeben, daß sie im Garten Panciatichi in Florenz wachse. Im Jahre 1711 beschäftigte sich [pg 046] die französische Academie der Wissenschaften mit derselben und kam zu dem eigenthümlichen Schluß, sie sei eine ursprüngliche Pflanzenart eben so gut wie die Orange oder die Citrone.
In unserem nordischen Garten wird übrigens auch ein kleiner Baum cultivirt, der sich ähnlich wie die Bizzarria verhält. Es ist ein Goldregen, der dem Gärtner zu Ehren, der ihn in den Handel einführte, Cytisus Adami genannt wird. Sein Ursprung ist ebenso wenig wie derjenige der Bizzarrien aufgeklärt. Dieser äußerst zierliche und interessante Baum, der sich leicht cultiviren läßt und bei keinem Gartenliebhaber fehlen sollte, trägt zur Blüthezeit der Hauptsache nach Blüthentrauben, die ganz so wie diejenigen des gewöhnlichen Goldregens (Cytisus Laburnum) gebaut, aber nicht gelb, sondern mattroth sind. An einzelnen Zweigen sind aber auch reingelbe Blüthentrauben, die sich dann von denjenigen des gewöhnlichen Goldregens gar nicht mehr unterscheiden, zu sehen. Außerdem trägt der Baum an besonders gestalteten kleinblätterigen Zweigen purpurne Einzelblüthen, welche, so wie die Zweige selbst, einer anderen Cytisus-Art, dem Cytisus purpureus gleichen. Endlich kommen gemischte Blüthentrauben mit gelben und rothen Blüthen und mit Blüthen, die zum Theil gelb, zum Theil roth sind, vor. Nur die gelben Blüthen, die denjenigen des Cytisus Laburnum, und die purpurnen Blüthen, die denjenigen des Cytisus purpureus gleichen, setzen Früchte an, die anderen verhalten sich wie häufig sonst die Blüthen der Bastardpflanzen, sie sind unfruchtbar. Es ist möglich, daß es sich bei Cytisus Adami um einen eigenartigen Bastard zwischen Cytisus Laburnum und Cytisus purpureus handelt; der Gärtner Adam zu Vitry bei Paris gab seinerseits an, ihn durch Veredelung von Cytisus purpureus auf Cytisus Laburnum erhalten zu haben.
In den Gärten von der Mortola wird Jeder gern auch den Namen und die Heimath von zwei Pflanzen erfahren wollen, die ihm in den Gärten der Riviera sicher zuvor schon aufgefallen sind: nämlich der Wigandia Caracasana und des Echium frutescens [pg 047] Die erstere ist eine stattliche, aus Venezuela stammende Blattpflanze, die bis zwei Meter Höhe erreicht. Ihre sehr großen Blätter sind elliptisch, am Rande doppelt gezähnt, beiderseits behaart, an der Oberseite etwas rostfarbig. Die großen violetten, mit gelben Staubfäden versehenen Blüthen bilden ährenförmige Blüthenstände. Wie bei anderen Vertretern derselben Familie, der Hydrophyllaceen und der nah verwandten Familie der Boragineen oder der Boretsch-Gewächse, sind die Blüthenstände von Wigandia in ihrem oberen Theile schneckenförmig eingerollt. Der eingerollte Theil ist noch unfertig und rollt sich in dem Maße auf als seine Blüthenknospen reifen. Solche Einrichtungen gewähren den Vortheil einer sehr langen Blüthezeit. Da kann die blühende Pflanze schlechte Witterung, oder sonst wie ungünstige Zeiten überdauern, ohne daß ihre Samenbildung ganz verhindert werde. Wie diese verhältnißmäßig große Wigandia, so gehörte zu derselben Familie der Hydrophyllaceen das in unseren Gärten häufig cultivirte bescheidene Hainschönchen, die Nemophila insignis; zu den nah verwandten Boragineen rechnen wir von unseren Gartengewächsen unter anderen das als Küchengewächs wohlbekannte Gurkenkraut (Borago), von wildwachsenden Pflanzen unserer Flora den nicht minder verbreiteten Natterkopf (Echium vulgare). Das in den Gärten der Riviera so auffällige, oft bis zwei Meter hohe, mexikanische Echium frutescens, ist eigentlich nur eine Riesenausgabe dieses letzteren. Wer unseren Natterkopf kennt, wird auch jenes Riesen-Echium erkennen und unter den anderen Gewächsen des Gartens sicher herausfinden. Es trägt dieselbe blaue, kolbenförmige Blüthenähre wie unser Echium, nur fällt dieselbe eben durch ihre Größe auf.
Doch wir wenden uns nun einem Baume zu, dessen Zweige einst wie jetzt den Sieger schmückten, dessen Blättern freilich auch die bescheidene Aufgabe zufällt, unsere Speisen zu würzen. Der edle Lorbeer, der mit italischen Bildern ebenso wie die Agrumi verwebt erscheint, ist in Südeuropa sicher heimisch gewesen, sein Cultus pflanzte sich hingegen allem Anschein nach von Kleinasien [pg 048] über das Mittelmeer fort. Er wurde dem Apoll geweiht und in dem Maße, wie die Zahl apollinischer Heiligthümer in Griechenland zunahm, breiteten sich auch die aromatisch duftenden, immergrünen Lorbeerhaine immer mehr über dieses Land aus. Mit den griechischen Gottheiten gelangte der Lorbeerbaum auf italischen Boden, und es begleitete ihn dort zugleich als Cultus-Gewächs die der Aphrodite geweihte Myrte.
Allgemein war im Alterthum der Aberglaube, daß der Lorbeer gegen Dämonen, gegen Zauber und auch gegen Ansteckung schütze. So suchte, wie berichtet wird, der furchtsame Commodus im Lorbeerhaine Rettung, wenn die Pest im Anzug war. Kronen von Lorbeer legte man Wahnsinnigen um Schläfe und Hals, um sie zu heilen. Lorbeerfrüchte oder -Blätter genossen die Priester des Apollo, wenn sie weissagen sollten; Lorbeer trugen Propheten, wenn sie eine Stadt betraten. Der Lorbeer sühnte das vergossene Blut. Daher die römischen Legionen sich, ihre Feldzeichen und Waffen mit Lorbeer reinigten, gleich nach dem Siege. Das hatte den Lorbeer folgerecht auch zur Trophäe des Sieges und zum Zeichen der glücklich vollbrachten Waffenthat gemacht. Als eine Freude und als ein Glück verheißendes Augurium wurde verkündet, es sei am Tage, an welchem Augustus das Licht der Welt erblickte, ein Lorbeer vor dem Palatin entsprossen. Die reinigende Kraft des Lorbeers veranlaßte dessen Verwendung zu Aspergillen. Der Strenggläubige besprengte sich beim Eintritt wie beim Ausgang aus dem Tempel mit dem Lorbeerzweig, den er in das Weihwasser tauchte, und gern auch nahm er beim Herausgehen ein Lorbeerblatt vom Sprengwedel in den Mund. Die römisch-katholische Kirche hielt sich nicht an den Lorbeer als Sprengwedel, übernahm vielmehr den Ysop (Origanum Smyrnaeum) zu gleichem Zwecke von den Juden.
Der Lorbeer brennt, nach Plinius, nur unwillig und zeigt dies durch sein Knistern an. Der feuerabwehrenden Kraft des Lorbeers wurde es zugeschrieben, daß bei dem großen Brande [pg 049] Roms unter den Consuln Spurius Postumius und Piso, als die Regia in Flammen stand, das Sacrarium unversehrt blieb, da ein Lorbeer vor demselben stand. Andererseits war es gerade das Lorbeerholz, das im Alterthum zur Erzeugung des Feuers diente; doch fing es nicht selbst Feuer, es bildete vielmehr, wie uns Theophrast und Plinius berichten, das Reibholz, während die Unterlage, die durch Reibung entzündet wurde, meist aus Wegedorn (Rhamnus) oder aus Epheuholz bestand. Ein reines Feuer zu den Sacra durfte nur der Reibung zweier glückbringender Hölzer entstammen, oder den Sonnenstrahlen, die man mit Hülfe von Brenngläsern oder von metallischen Hohlspiegeln sammelte. Der Lorbeer sollte auch die Blitze abwehren. Daher auch der abergläubische Tiberius, wie Suetonius berichtet, sich mit Lorbeer bekränzte, wenn ein Gewitter nahte. Gewisse Erfahrungen mögen die Vorstellung erweckt haben, daß dem Lorbeer bei Gewittern besondere Kräfte innewohnen. Denn es werden nicht alle Bäume gleich häufig vom Blitze getroffen. Auch bei uns schlägt der Blitz fast niemals in Wallnußbäume ein, am häufigsten aber in Eichen. Es hängt das mit der elektrischen Leitungsfähigkeit des Holzkörpers zusammen, die bei den einzelnen Baumarten eine verschiedene ist. Aus den angestellten Versuchen und dem statistischen Material scheint sich zu ergeben, daß Bäume, die zur Jahreszeit der Gewitter verhältnißmäßig viel fettes Oel in ihrem Holzkörper führen, dem Blitzschlag am wenigsten ausgesetzt sind. Abgestorbene Aeste an einem Baume erhöhen für denselben die Blitzgefahr. Daß die Eichen am häufigsten vom Blitze getroffen werden, mußte von jeher auffallen, daher die Eiche auch dem Donnergott geheiligt war. Von dem Lorbeer ist die gegentheilige Erfahrung weniger sicher, zum Mindesten ist sie in Zweifel gezogen worden.
Zu den Lorbeerarten gehört auch der Campherbaum (Laurus Camphora), der im westlichen China und in Japan zu Hause ist und im La Mortola-Garten sehr gut gedeiht. Völlig ausgewachsen, kann er bis fünfzig Meter hoch und sechs Meter dick [pg 050] werden. Seine Blätter verbreiten beim Zerreiben einen merklichen Camphergeruch. Der Campher wird aber im Großen nicht aus den Blättern, sondern aus dem Holzkörper dieses Baumes durch Sublimation gewonnen.
Die zu den Laurineen gehörenden Zimmetbäume sind in La Mortola ebenfalls zu sehen, freilich nicht die wichtigste Art derselben, das in Ceylon heimische Cinnamomum ceylanicum, sondern zwei chinesische und japanische Arten. Der Zimmet des Handels besteht aus der Rinde junger Schößlinge, welche nach starken Regengüssen geschnitten und geschält werden.
Im schroffen Gegensatze zu diesen duftenden Pflanzen steht eine andere Laurinee, ein hier prächtig gedeihender, immergrüner Baum, dessen Name: Orcodaphne californica, zugleich die Heimath angibt. Häufig wird er in den Gärten als Laurus regalis bezeichnet. Er gleicht in der That in seinem Aussehen einem Lorbeer, zerreibt man aber eines seiner Blätter zwischen den Fingern, so strömt ein ätherisches Öl aus, dessen geringste Mengen schon in hohem Grade die Schleimhaut der Geruchsorgane angreifen. In Californien verweilt man nicht gern in der Nähe eines solchen Baumes, wenn der Wind von dessen Seite weht, denn die flüchtigen Öle, mit denen er sich beladen. hat, reizen zum fortdauernden Niesen.
Man wird sich in La Mortola auch mit einer anderen Laurinee, der Persea gratissima, bekannt machen können, welche in den Gärten der Tropen viel cultivirt wird und die Aguacatebirnen liefert. Die Krone dieses schönen Baumes breitet sich domartig aus, seine Blätter gleichen denjenigen des Lorbeers. Die birnförmigen, doch oft auch sehr unregelmäßig gestalteten Früchte sind große Steinfrüchte, mit einem Kern im Innern. Ihr Fleisch schmilzt wie Butter auf der Zunge und erinnert im Duft an die feinsten Moschusmelonen. Die Mexikaner essen die Aguacaten vornehmlich als Salat und suchen sich in der schmackhaften Zubereitung derselben zu überbieten.
Auch noch einige andere tropische Früchte reifen gut im [pg 051] La Mortola-Garten, so die Guavas oder Guayaben, welche man von zwei Psidiumarten dort erntet. Die Gattung Psidium gehört zu den Myrten-Gewächsen und wird in allen Tropenländern cultivirt. Die Guavas vertreten dort in gewissem Sinne unsere Stachelbeeren, denn sie sind eben so fruchtbar, beginnen rasch Früchte zu tragen und lassen sich leicht vermehren. Sie wachsen zu Sträuchern oder kleinen Bäumen mit immergrünen Blättern empor und tragen Früchte, die in ihrer Größe zwischen der Wallnuß und dem Hühnerei schwanken. Diese Früchte werden ohne Zuthat oder mit Wein und Zucker gegessen. Manche erinnern an Erdbeeren, andere besitzen einen süßsäuerlichen Geschmack, andere noch einen so durchdringenden Duft, daß sie nicht Allen munden. Sehr geschätzt werden auch die Guavas-Gelées in den Tropen, und man beginnt dieselben auch nach Europa einzuführen.
Eine andere in La Mortola cultivirte Myrtacee, die Jambosa vulgaris, liefert »Rosenäpfel«, welche den Geschmack reifer Aprikosen haben und nach Rosenwasser duften. Der Baum selbst ist reich verzweigt und trägt immergrüne Blätter, die in ihrer Gestalt den Pfirsichblättern gleichen.
Wichtig sind, mehr noch ihres Holzes als ihrer Früchte wegen, die zu den Ebenholzbäumen gehörenden Diospyros-Arten. Der japanisch-chinesische Diospyros Kaki, den man in La Mortola zieht, liefert die Kakis. Ein kleiner Baum mit eirunden Blättern, gelblichweißen Blüthen und runden, etwa pfirsichgroßen, röthlichgelben Früchten. Diese Früchte müssen überreif werden, um feinen Geschmack zu gewinnen, dann halten sie die Mitte zwischen Pflaumen und Aprikosen. An der Riviera reifen die Kakis im October. In Japan benutzt man auch das Holz dieser Bäume, das dem Holz unserer Wallnußbäume ähnelt. Doch weit übertroffen wird das Kakiholz von dem Holz der südindischen und ceylonischen Diospyros Ebenum und anderen ihm nahe verwandten Arten, welche das Ebenholz liefern. Das schwarze Kernholz dieser Bäume war schon im [pg 052] Alterthum bekannt. Es galt als das geschätzteste Holz jener Zeiten. Nicht nur Theophrast, sondern auch das alte Testament sind seines Lobes voll. Seine Dichte und seine dunkle Färbung verleihen ihm so hohen Werth; durch seine Schwere ist es leicht von anderen schwarz gebeizten Hölzern zu unterscheiden.
Die zu den Anacardiaceen gehörige ostindische Mangifera indica, den Mango-Baum, der die köstlichste Frucht der Tropen liefert, gelang es bis jetzt nicht in La Mortola zu erhalten. Wohl aber wird man zahlreiche andere Anacardiaceen sehen. Zu diesen gehört auch der mit hellgrünen gefiederten Blättern und mit rothen Fruchttrauben versehene Baum, dem man so oft in den Gärten und an den Straßen der Riviera begegnet und der Schinus Molle heißt. Dieser Baum wird als Pfefferbaum bezeichnet. Mit dem echten Pfeffer haben seine pfefferkorngroßen Beeren aber nichts gemein. Der echte Pfeffer stammt vielmehr von schlanken ostindischen Lianen (Piper nigrum), die nach Art des Epheus klettern und mit Luftwurzeln an der Unterlage haften. Die Fruchttrauben von Schinus Molle sind aber denjenigen des Pfeffers wirklich ähnlich und nähern sich dem Pfeffer auch im Geschmack. Ein Getränk, das in Peru und Brasilien aus diesen Beeren dargestellt wird, soll an Wein erinnern. Es liegt für uns nahe, auch die in La Mortola cultivirten Vertreter der Gattung Zizyphus zu beachten. Befindet sich doch unter denselben der in Südeuropa und an der nordafrikanischen Küste einheimische Zizyphus lotus. Im Alterthum wurden mehrere Pflanzen Lotus genannt, doch ist Zizyphus lotus allem Anschein nach jener Strauch, den Theophrast als Lotus bezeichnet. Von den Früchten dieses Strauches wäre somit schon bei Homer die Rede. Sie bildeten ein wichtiges Nahrungsmittel der Armen, und die Bewohner von Tunis und Tripolis hießen, weil sie sich vornehmlich von diesen Früchten ernährten, Lotophagen. Die Pflanzengattung Zizyphus gehört zu den Kreuzdorn-Gewächsen (Rhamneen). Die Früchte von Zizyphus lotus sind so groß wie Schlehen; ihr mehliges Gewebe, [pg 053] das den inneren Kern umgibt, kann zu Brod verbacken werden und auch ein gährendes Getränk liefern. Aus den Früchten anderer Arten, so vor Allem des Zizyphus vulgaris, eines in Syrien heimischen Bäumchens, und von Zizyphus jujuba, einem Bäumchen, das in Ostindien wächst, werden die früher sehr beliebten Jujubapasten dargestellt. Von Zizyphus spina Christi, einem im Thale des Jordan und am Todten Meere verbreiteten dornigen Strauche, dem Nebeg oder Sfidr, geht die Sage, aus ihm sei die Dornenkrone Christi geflochten worden. Man hat auch die in unseren nordischen Gärten cultivirten dornigen Gleditschien als Christus-Akazien bezeichnet und mit ihnen die Vorstellung von Christi Dornenkrone verknüpft, doch dies unter allen Umständen mit Unrecht, da die Gleditschien erst im achtzehnten Jahrhundert aus Nordamerika eingeführt wurden. Die Zizyphus-Arten werfen des Winters ihre Blätter ab, treiben aber zeitig im Frühjahr und bedecken sich mit sehr dunklem Laub. Da sie sehr dünne Zweige haben, hängen diese abwärts und gewähren mit den sich röthenden Früchten beladen, später ein sehr zierliches Bild.
Unter den Anacardiaceen von La Mortola, die ein besonderes Interesse bieten, befindet sich auch der echte Pistazienbaum (Pistacia vera), dann die Rhus succedanea, welche das japanische Baumwachs liefert, sowie die Rhus vernicifera, aus deren Milchsaft die Japaner den berühmten japanischen Lack bereiten. Das Ausfließen dieses sehr giftigen Milchsaftes wird durch Einschnitte in die Rinde veranlaßt. Um den Lack aus ihm zu machen, versetzt man ihn mit dem Öle von Bignonia tomentosa, oder von Perilla ocymoides und fügt auch wohl Zinnober hinzu. Die Rhus vernicifera hält im Freien selbst in den wärmeren Theilen von Deutschland aus.
Ein äußerst niedlicher Strauch ist Capparis spinosa, welcher die echten Kapern liefert. Im Blüthenschmuck sieht man ihn erst im Herbst, und wer einmal um jene Zeit, am Comer See entlang, von Cadenabbia nach Tremezzo wanderte, dem [pg 054] werden sicher vor dem Eingang in den letzten Ort die dunkelgrünen Kapernsträucher an der Mauer, wegen ihrer schönen Blüthen, aufgefallen sein. Lange violette Staubgefäße in großer Zahl strahlen aus der schneeweißen zarten Blüthenhülle hervor, freilich hier so hoch an der Mauer, daß man sie nur schwer erreichen kann. An vielen Orten der Riviera wird der Kapernstrauch im Großen gezogen, seine Blüthenknospen sind es und nicht die Früchte, die als Kapern dienen. Man pflückt sie im Sommer und legt sie in Weinessig ein; viel Tausende von Kilogrammen Kapern werden so in der Provençe bereitet.
Staunend bleibt man wohl im La Mortola-Garten vor einer Nachtschattenart, dem baumartigen Solanum Warszewiczii, stehen, an welchem Früchte von Größe und Gestalt der Hühnereier hängen. Dann bemerkt man auch das krautartige Solanum Melongena, dessen gurkenförmige violette Früchte gekocht werden, und oft als Gemüse den Braten an italienischer Tafel garniren.
Unter den krautartigen Gewächsen fallen uns auch wohl manche Doldenpflanzen (Umbelliferen) durch ihre Größe auf. Sie sind bei weitem mächtiger noch als die Meisterwurz, die Imperatoria, unserer Gärten entwickelt. Besonders imponirt Ferula communis, das Stecken- oder Ruthenkraut, das auch eine eigene Geschichte besitzt. Dieses Doldengewächs, das am Mittelmeer zu Hause ist, kann eine Höhe bis zu vier Meter erreichen. Den Stengel benutzte man im Alterthum zu Spazierstöcken und seiner Zähigkeit wegen auch zum Züchtigen von Sklaven und Kindern, wozu man ihn zuvor im Wasser einzuweichen pflegte. Davon kommt der Name Ferula, der von ferire (geißeln) abgeleitet ist. Das Mark des Stengels ist sehr locker und wird heute noch in Sicilien als Zunder benutzt. Das Feuer glimmt in diesem Mark fort, und daher geht die Sage, Prometheus habe in einem solchen Ferulastengel das Feuer zur Erde gebracht, das er dem Zeus entwandte. – Der Ferula communis steht sehr nah der Stink-Asand, die Ferula Scorodosma der persischen Steppen. Sie ist eine derjenigen Umbelliferen, [pg 055] welche die asa foetida liefern. Dieses Gummiharz entstammt vornehmlich der Wurzel dieser Pflanzen. Sein Duft hält die Mitte zwischen Knoblauch und Benzoë. Die Pflanze war allem Anschein nach schon den Alten bekannt und von ihnen als Silphium bezeichnet. Das Gummiharz hieß Laser. Mit dem Laser würzte man die Speisen und die Perser benutzen es heute noch als Gewürz. Auch gab es eine Zeit, wo asa foetida in Frankreich beliebt war, und man mit derselben die Suppenteller einrieb, um die Suppe »schmackhafter« zu machen.
Der graublätterige, immergrüne Baum, welcher »japanische Mispeln« trägt, die »Eriobotria« oder Photinia japonica ist in den Gärten der Riviera so verbreitet, daß man ihn in La Mortola schon als alten Bekannten begrüßt. Die lichtgelben, säuerlich-süßen, pflaumengroßen Früchte hat man oft schon bei Mahlzeiten genossen, sie allenfalls auch schmackhaft gefunden, wenn sie sehr reif und frisch waren. Der Baum stammt ursprünglich wohl aus China. Rein's Angaben zufolge ist er 1787 mit anderen Ziergewächsen und Nutzpflanzen durch Sir Joseph Banks nach England gebracht worden. Jetzt reicht er über ganz Italien und ist selbst am Genfer See zu finden.
Diesem Baume nahe verwandt ist ein anderer von gleich geringer Höhe, der in den Gärten der Riviera sehr viel cultivirt wird und jedem Pflanzenfreund daher auffallen muß: die in Japan und China heimische Photinia serrulata. Ihre großen Blätter sehen lorbeerartig aus, zwischen denselben leuchten die flachen weißen Blüthenrispen hervor. Aus der Ferne sehen sie fast so wie die Blüthenstände unseres Holunders aus. Die Photinien gehören zu den Rosifloren. Sie zeigen manche Übereinstimmung mit den Weißdornarten, der Gattung Crataegus, und werden mit denselben zum Theil vereinigt. Im La Mortola-Garten ist die in der Nähe des Einganges stehende Photinia serrulata daher auch mit ihrem Synonym als Crataegus glabra bezeichnet.
Mit einigem Interesse sieht man sich im Garten von La [pg 056] Mortola einen stattlichen, mit harten, kleinen Blättern bedeckten Baum, die Quillaja Saponaria an, der, wie die japanische Mispel, zu den rosenblüthigen Gewächsen gehört, merkwürdig aber durch seine saponinreiche Rinde ist. Diese Rinde, die als Panamaholz aus Chile importirt wird, schäumt in Wasser auf wie Seife, steht als solche in Chile allgemein im Gebrauch, dient auch bei uns zum Waschen von Wolle und Seide und zu kosmetischen Zwecken.
Als wohl bekannte Pflanzenform begrüßt man den Johannisbrodbaum oder Caroubier (Ceratonia siliqua). Man hat ihn schon in weit prächtigeren Exemplaren in der Umgebung von Mentone gesehen. Alte Stämme erinnern in der Form an unsere Eichen; an den paarig gefiederten lederartigen Blättern ist aber der Johannisbrodbaum als solcher sofort zu erkennen. Die Hülsen, Leckerbissen, die auf keinem Jahrmarkt fehlen, und an denen sich Kinder allgemein erfreuen, sind im Frühjahr noch so klein, daß man sie an den Zweigen suchen muß. Aus den reifen Hülsen wird ein süßer, honigähnlicher Saft gepreßt, der als Keratameli im Orient genossen wird. Mit diesen Hülsen soll, der Sage nach, Johannes der Täufer sich in der Wüste ernährt haben und der Baum nach dem Vorläufer des Messias seinen Namen führen. Die reifen Samen innerhalb der Hülsen zeichnen sich durch auffallend übereinstimmende Größe aus, woraus sich erklärt, daß sie einst als Gewichte dienten und der kleinen Einheit im Gold- und Diamantengewicht den Namen gaben. Denn Karat stammt von Kerateia, dem griechischen Wort für diese Hülse. Um gute Früchte zu tragen, muß der Baum veredelt werden, und es waren jedenfalls die Araber, welche die bessere Fruchtform dieses Baumes am Mittelmeer verbreiteten. Er ist in Süd-Arabien wohl zu Hause, doch an vielen Orten der Riviera jetzt verwildert.
Im La Mortola-Garten werden auch der Theestrauch und Kaffeebaum im Freien gezogen. Der Theestrauch, der baumförmig bis zu fünfzehn Meter Höhe emporwachsen kann, macht [pg 057] den Eindruck einer Camellie, und in der That gehört er auch wie diese zu der Familie der Ternströmiaceen, ja er wird jetzt sogar als Camellia Thea mit dem Camellienbaum in derselben Gattung vereinigt. Der Name Camellia, den diese Pflanzengattung führt, klingt so poetisch, vielleicht weil man an die »Camelien-Dame« bei demselben denkt; thatsächlich hat er aber einen viel prosaischeren Ursprung. Er entstand nämlich aus Kamel, dem Familiennamen eines Jesuitenpaters, der vor mehr als anderthalb Jahrhunderten die Camellie aus Manilla nach Spanien brachte. Diesem Georg Kamel zu Ehren benannte Linné die Pflanze, er fügte japonica hinzu, da die Camellie in Japan zu Hause ist, und von dort aus auch nach Manilla gelangt war. – Die Blüthen des Theestrauches erinnern sehr an die ungefüllten Camellien und haben zahlreiche Staubfäden wie diese. In La Mortola blüht der Theestrauch im September. Seine porzellanweißen, rosa angehauchten Blüthen, die sich aus den Blattachseln vordrängen, verbreiten einen nur schwachen Duft. Nach den Berichten des Rev. B. C. Henry ist die Camellia Thea wild in großen Mengen noch im Innern der südchinesischen Insel Hainon zu finden. Die zahlreichen Theesorten verdanken der verschiedenen Zeit des Einsammelns, dem verschiedenen Alter der eingesammelten Blätter und deren verschiedener Behandlung ihre besonderen Eigenschaften.
Der arabische Kaffeebaum, die Coffea arabica, ist ein kleiner pyramidaler Baum, der bis zu fünf oder sechs Meter Höhe emporwächst. Er trägt seine immergrünen dunklen Blätter in gekreuzten Paaren. Die weißen, nach Orangen duftenden Blüthen stehen gehäuft in den Achseln der obersten Blätter. Die Früchte, die aus diesen Blüthen hervorgehen, sind kirschgroße, dunkelrothe Beeren, die zwei Samen, die sogenannten Kaffeebohnen, enthalten. Der Kaffeebaum führt seinen Namen nach dem Bergland Kâfa im südlichen Abyssinien. Man hat überhaupt die südlichen Provinzen von Hoch-Abyssinien für den Ursprungsort des arabischen Kaffeebaumes gehalten, doch ist derselbe in neuerer Zeit wild [pg 058] am Victoria-Nyansa und in Westafrika gefunden worden, so daß Centralafrika wohl die eigentliche Heimath dieser Culturpflanze sein dürfte. Afrika hat uns neuerdings auch noch eine zweite Art des Kaffeebaumes geliefert, die Coffea liberica. Sie wird in den tiefer gelegenen Theilen der tropischen Küstendistricte gefunden, ist gegen Temperaturwechsel empfindlicher als die Coffea arabica, verträgt aber besser die Seewinde. Da sie durch Größe der Samen und feines Aroma derselben ausgezeichnet ist, so beginnt ihre Cultur sich über die tropischen Länder bereits auszubreiten.
In den Kaffeegärten Arabiens und Abyssiniens wird auch ein zu den Celastrineen gehörender Strauch cultivirt, mit gegliederten Ästchen, lederartigen, lanzettförmigen Blättern, den man in La Mortola sehen kann und der Catha edulis heißt. Es ist das die Khatpflanze, deren getrocknete Blätter von den Arabern theils wie Tabak gekaut, theils auch mit Wasser aufgebrüht und als Thee genossen werden. In Südamerika dienen andererseits ganz allgemein der Theebereitung die Blätter des Ilex paraguayenses einer dem Khatstrauch ziemlich nah verwandten Aquifoliacee, die in Paraguay und Brasilien zu Hause ist. Man bezeichnet diese Blätter dort als Yerba oder als Mate. Dieser Strauch wird zwar im La Mortola-Garten nicht cultivirt, doch sieht man dort andere immergrüne Ilex-Arten, die ihm sehr ähneln. – Die vorhandenen Arten der Sterculiaceen-Gattung Sterculia können andererseits auch das Bild der Sterculia acuminata oder Cola acuminata ersetzen, welche den afrikanischen Negern die »Kolanüsse« liefert. Diese Früchte sehen wie Kastanien aus und haben schwach bitteren Geschmack. Die Neger wissen sie nicht genug zu preisen, denn sie sollen den Körper stärken, schlechtes Wasser trinkbar machen, gegen allerlei Krankheiten helfen, den Hunger stillen und das Gemüth erheitern. Thatsächlich enthalten auch die Kolanüsse Theïn, ähnlich wie die Thee- und Kaffeepflanzen und außerdem Theobromin wie die Chocolade. Der Genuß dieser Früchte beginnt jetzt bis nach England vorzudringen.
Es fällt im La Mortola-Garten wie in den anderen Gärten der Riviera wohl auf, daß die Camellien, Rhododendren und Azaleen so stark gegen andere Pflanzen zurücktreten. Man erblickt sie nur vereinzelt und bei weitem weniger schön und kräftig wie etwa an den italienischen Seen entwickelt. Das hat in der Zusammensetzung des Bodens seinen Grund. Der so überaus kalkreiche Boden der Riviera sagt diesen Pflanzen nicht zu, die ausgeprägte Humusbewohner sind, außerdem reiche Bewässerung verlangen.
Einen wichtigen Handelsartikel im Alterthum und Mittelalter haben auch wohlriechende Balsame gebildet. Ein Bäumchen, das solchen Balsam lieferte, tritt uns in La Mortola in dem Styrax officinalis entgegen. Dieses Gewächs ist in der Belaubung einem Quittenbaum äußerst ähnlich; es entfaltet in La Mortola im Mai und Juni auch seine weißen, mit goldgelben Staubfäden versehenen, wohlriechenden Blüthen. Ein Haupterzeuger solcher Balsame, die als Parfüm, als Räucherwerk und zu Salben dienten, war der Storax-Baum (Liquidambar orientale). Die duftende Myrrhe, die zu gottesdienstlichen Zwecken auch den Griechen dient, stammt andererseits von Balsamodendron Myrrha, der Weihrauch, oder das Olibanum, von Boswellia-Arten, die im äußersten Osten von Afrika und auf dem arabischen Küstenstriche wachsen.
In dem Garten von La Mortola kann man auch die zu den Hülsengewächsen gehörende Indigofera tinctoria sehen, eine Pflanze, die zu den wichtigsten der Indigo liefernden Gewächse zählt. Sie stellt einen kleinen Strauch vor, der in Ostindien zu Hause ist, der aber jetzt in anderen Ländern zwischen den Wendekreisen, ja selbst an einzelnen Stellen um Neapel cultivirt wird. Sie trägt unpaarig gefiederte Blätter und entsendet aus den Achseln derselben ihre Blüthenstände, die mit kleinen weißen oder rosenrothen Blüthen besetzt sind. Ihre nächste Verwandte, die man auch in La Mortola sehen kann, die zierliche Indigofera Dosua aus dem Himalaya, wird auch in unseren Gärten gezogen. [pg 060] Wie in anderen Indigo liefernden Pflanzen, zu denen auch unser Waid (Isatis tinctoria) und der chinesische Färber-Knöterich (Polygonum tinctorum) gehören, ist in der Indigofera tinctoria der Indigo nicht schon als solcher vorhanden. Die zerkleinerten Pflanzen müssen vielmehr erst einen Gährungsproceß im Wasser durchmachen. Dieses wird abgegossen, wenn es sich stark grüngelb färbt und dann gerührt und geschlagen, um mit dem Sauerstoff der Luft in möglichst reiche Berührung zu kommen. Dabei scheidet sich der Indigo als unlösliches Pulver ab. Er bildet die »echteste« und geschätzteste Pflanzenfarbe, die auch schon den Alten bekannt war und bei ihnen als Indicum hoch im Werthe stand. Wie in der Jetztzeit London, so bildete einst Bagdad den Weltmarkt für diesen Artikel.
Aus den exotischen Pflanzenformen ragen allseitig Nadelhölzer hervor. Sie stechen eigenartig von denselben ab. Wir sind mit ihren Gestalten wohl vertraut und selbst die so regelmäßig geformten Araucarien sehen wie etwas gezierte Tannen aus. In den Gewächshäusern der Heimath sah auch jeder schon die Cycadeen, die hier in einer Anzahl von Arten unter freiem Himmel gedeihen. Dem Laien wird es schwer, sich vorzustellen, daß die Cycadeen Verwandte der Nadelhölzer sind. Scheinen sie doch mit ihrem unverzweigten Stamm und mit ihrer einfachen Krone aus langen gefiederten Blättern, weit mehr den Palmen zu gleichen. Mit diesen haben sie aber thatsächlich nur eine gewisse Ähnlichkeit gemein. Diese äußere Ähnlichkeit der Cycasblätter und der Palmenblätter hat es aber bewirkt, daß sie oft fälschlich als Palmenblätter bezeichnet werden und als solche bei Begräbnissen Verwendung finden. Thatsächlich ist das aber eine arge Verwechselung. Denn Palmblätter und nicht Cycaswedel sollen es, der Tradition nach, sein, die man den Todten auf den Sarg legt, sowie es Palmenblätter sind, die christliche Märtyrer in der Hand halten und die auf den Gräbern in den Katakomben dargestellt werden.
Den Palmen werfen wir in La Mortola nur flüchtige [pg 061] Blicke zu, da wir sie ja in Bordighera schon eingehend betrachtet haben. Hingegen fesseln unsere Aufmerksamkeit die zahlreichen Arten von Bambusen, die hier stellenweise schon zu mächtiger Entwickelung gelangten. Daß diese Pflanzen, trotz ihrer bedeutenden Höhe, die beim gemeinen Bambus (Bambusa arundinacea) oft dreißig Meter erreicht, zu den Gräsern gehören, kann nur Denjenigen in Erstaunen versetzen, der sich die Gräser ausschließlich als Wiesenkräuter vorstellt. Thatsächlich haben wir schon in unseren Schilfrohr-Arten Vertreter der Gramineen-Familie vor Augen, die zu ansehnlicher Höhe emporwachsen. Die Bambusen sind unserem Schilfrohr in mancher Beziehung ähnlich. Während letzteres aber bei uns nur eine beschränkte Verwendung findet, gibt es in den heißen Ländern kaum eine Pflanze, die mannigfaltigeren Nutzen als der gemeine Bambus stiftet. Die jungen Wurzelsprosse dienen als Gemüse, vornehmlich verwenden sie aber die Chinesen zur Bereitung eines beliebten Confectes, das dem Ingwer oft zugesetzt wird. Aus jüngeren Halmen stellt man in den heißen Ländern Wände, Zäune und anderes Flechtwerk her; aus den Blättern macht man Matten und Hüte, verpackt auch oft den Thee in dieselben. Junge Blätter dienen als Viehfutter. Aus den Fasern der Halme bereiten die Chinesen ihr berühmtes Papier, das durch seinen Seidenglanz, seine Weichheit und seine geringe Dicke ausgezeichnet ist. Die hohlen Stämme sind sehr leicht, besitzen trotzdem einen ganz außerordentlich hohen Grad von Festigkeit und werden zu Bauten verwendet, die allen äußeren Angriffen trotzen. Die ganze Oberfläche des Stammes ist verkieselt, und so kommt es, daß dieser nicht allein in der Luft, sondern auch im Boden sich sehr lange hält. Daher die Stämme auch als Wasserleitungsröhren und Wasserrinnen dienen, nachdem man zuvor die Scheidewände durchbohrte, welche das Innere des hohlen Stammes durchsetzen. Andererseits lassen sich die einzelnen Glieder des Stammes als Wassereimer und als Blumentöpfe verwenden, wenn man die Scheidewände unversehrt läßt. [pg 062] Aus Bambus werden Brücken und Flösse, aus Bambus Betten, Stühle und Tische gefertigt, mit Bambusfasern Matratzen gefüllt und Möbel gepolstert. Leitern aus Bambus sind sehr beliebt. Aus Bambus stellt man Eß- und Trinkgefäße, chirurgische Instrumente und selbst Haarkämme her, und als ob gezeigt werden solle, daß der Bambus einer jeglichen Verwendung fähig sei, verfertigen die Bewohner von Borneo und Sumatra aus demselben sogar Lampen, in welchen Dammaraharz gebrannt wird, und mit Dammaraharz gefüllte Kerzen, deren Hülle zugleich mit der Füllung in Flamme aufgeht. Bambusstöcke kennen auch wir: sie werden aus den zähen, knotigen Wurzelausläufern fabricirt, denen eine innere Höhlung abgeht. Ebenso muß zu Kriegszwecken der Bambus das Material hergeben: er liefert Lanzen und Wurfspieße von unübertrefflicher Leichtigkeit und Härte. Zu gleicher Zeit ist der chinesische Soldat ausgerüstet mit einem Sonnenschirm aus Bambus, dessen Überzug aus gefirnißtem Maulbeerpapier besteht. Desgleichen sollen die hohlen Stengeltheile des Bambus als Musikinstrumente zur Verschönerung des Lebens beitragen. Sie werden zu Flöten und Clarinetten verarbeitet, auch als Resonanzböden und selbst in Gestalt von Saiten verwendet. Ja C. Schröter berichtet, daß die Atchinesen es sogar verstanden haben, aus Bambus eine Art Telephon herzustellen, durch welche sie ihre Wachtposten in Verbindung setzen. – Die Höhlungen junger Stammtheile enthalten meist klares Wasser, mit welchem in Indien und in den Bergen von Java der Reisende seinen Durst stillen kann. – Die Bambusen blühen selten; stellt sich aber ein Blüthenjahr ein, so gibt es eine große Fruchternte. Die Früchte werden wie Reis gegessen oder in Brot verbacken, und wiederholt schon, so 1812, ist durch das Blühen der Bambusen eine Hungersnoth in Indien abgewendet worden. Mit Recht konnte somit Wallace, einer der besten Kenner der Tropen, aussprechen, daß der Bambus eines ihrer herrlichsten Producte sei. – Am vollkommensten haben Chinesen, Japaner und die [pg 063] Bewohner Indiens und des indischen Archipels ihn auszunutzen gewußt. In China gibt es ganze Dörfer, die nur aus Bambus aufgebaut sind. Einen merkwürdigen Eindruck soll es machen, wenn ein solches Dorf in Brand geräth. Die Luft erhitzt sich alsdann in den abgeschlossenen Gliedern der Bambusstämme und sprengt dieselben mit gewaltigem Knall. Man hört aus der Ferne wie Kanonendonner, in welchem die Eingeborenen der Molukken deutlich den Ruf »Bambu, Bambu« zu vernehmen glauben.
In einer Pflanze, die so viel Nutzen stiftet, lag es dem Naturmenschen nahe, auch nach verborgenen Heilkräften zu suchen. In China werden die Wurzelstöcke, die jungen Sprosse, der Saft, der Samen, bestimmte Auswüchse der Pflanze, als Medicamente verwendet. Zu besonderer Berühmtheit gelangte aber als Heilmittel ein eigenthümlicher Körper, der sich in den hohlen Gliedern der Stämme findet und Tabaschier genannt wird. Schon die Mediciner der römischen Kaiserzeit wandten denselben viel an, gestützt auf orientalische Traditionen. Einen Weltruf gewann der Tabaschier aber erst durch die arabischen Ärzte im zehnten und elften Jahrhundert, und er gilt immer noch als ganz hervorragendes Medicament in der ganzen orientalischen Welt. – Das frische, dem Bambusstengel entnommene Tabaschier bildet schmutzig weiße, braune bis schwarze Stücke. Beim Glühen werden diese weiß calcinirt und in einen Chalcedon-ähnlichen Körper verwandelt, der bald weiß und undurchsichtig, bald bläulich weiß, durchscheinend und farbenschillernd aussieht. Thatsächlich ist der Tabaschier nichts Anderes als gemeine Kieselerde, die, durch etwas vegetabilische Substanz verunreinigt, beim Glühen von derselben befreit wird. Statt kostspieligen Tabaschiers, den er in den Bazaren theuer bezahlen muß, könnte der Patient somit auch reinen Kieselsand zu sich nehmen. Den rechten Glauben vorausgesetzt, müßte die Wirkung dieselbe sein.
Sehr belehrend ist es im Frühjahr zu verfolgen, wie die [pg 064] jungen Knospen mächtiger Bambusen als überarmdicke, mit scheidenartigen Blättern dichtbedeckte Kegel die Erde durchbrechen. Sie pressen Wasser zwischen ihren Blattscheiden hervor, befeuchten und erweichen damit den umgebenden Boden und wachsen mit solcher Schnelligkeit, daß sich die unmöglich scheinende Vorstellung Gras wachsen zu sehen, bei ihnen fast in greifbare Wirklichkeit verwandelt. Dieses Wachsthum kann nämlich unter günstigen Verhältnissen einen Meter täglich betragen und ein zwanzig Meter hoher Sproß in wenigen Wochen somit diese Höhe erreicht haben. – Schöne Gruppen von Bambuspflanzen gehören zu den zierlichsten Erscheinungen des Pflanzenreiches; freilich kann man diese Pflanzen in voller Prachtentfaltung erst in den Tropen sehen und im La-Mortola-Garten nur eine annähernde Vorstellung davon gewinnen, welche Bedeutung ihnen in der tropischen Landschaft zukommt.
Aus den werthvollen Angaben des Geographen Ritter und den nicht minder werthvollen Untersuchungen des Botanikers Ferdinand Cohn geht wohl sicher hervor, daß diejenige Substanz, welche die Alten als Saccharum bezeichnet haben, nicht Rohrzucker, sondern Tabaschier gewesen sei. Nach Bopp bedeutet das Sanskrit-Stammwort »çarkara« nicht etwas Süßes, sondern etwas Zerbrechliches und Steinartiges. Im alten Indien wurde das Tabaschier als Sakkar Mambu oder Bambusstein bezeichnet, und erst die Araber haben dieses Wort auf den später dargestellten, dem Tabaschier ähnlichen, krystallinischen Rohrzucker übertragen. Edmund O. von Lippmann kommt ebenfalls in seiner überaus gründlichen und erschöpfenden »Geschichte des Zuckers« zu dem Ergebniß, daß der Sakcharon der antiken Welt nicht unser Zucker gewesen sei; er weist nach, daß der feste Zucker auch in Indien erst in der Zeit zwischen dem dritten und sechsten Jahrhundert n. Chr. bekannt wurde.
Das Zuckerrohr (Saccharum officinarum) ist unserem Schilfrohr sehr ähnlich und wie dieses eine Grasart. Man sieht es im La Mortola-Garten in voller Entfaltung. Das Zuckerrohr [pg 065] ist eine sehr alte Culturpflanze. Da es ausschließlich aus Stecklingen gezogen wurde, hat es die Fähigkeit, Samen zu erzeugen, fast eingebüßt. Man hat bis vor Kurzem überhaupt geglaubt, daß das Zuckerrohr nicht fructificire; doch ergaben sorgfältige Beobachtungen, vornehmlich aus Java, daß diese Unfruchtbarkeit nur eine relative sei. Die Heimath des Zuckerrohrs ist wahrscheinlich Bengalen, jene Provinz, die, ihrer unerschöpflichen Fruchtbarkeit wegen, seit jeher als der Garten Indiens gepriesen wurde. Wohl gegen das Ende des dritten Jahrhunderts ist das Zuckerrohr aus Indien nach China gelangt und zweihundert Jahre später westlich bis Gondisapur vorgedrungen. Diese Stadt lag am Flusse Karon, der unweit davon sich zum Theil in den Tigris, zum Theil nach dem Nordrand des Persischen Meerbusens ergoß. Dorthin hatten sich die Nestorianer geflüchtet, als das Concil zu Ephesus 431 n. Chr. ihre Lehre für ketzerisch erklärte. Sie führten dem Orient die Keime klassisch-litterarischer und wissenschaftlich-medicinischer Bildung zu, namentlich auch die Anfangsgründe chemischer Kenntnisse. Die Beziehungen Gondisapurs zu Indien bewirkten zugleich, daß sich der Einfluß der indischen Arzneilehre dort geltend machte und eine Akademie erblühte, die nicht nur die Traditionen der griechischen Medicin und Naturwissenschaften in sich aufnahm, sondern dieselben auch wesentlich förderte. Hier wurde allem Anschein nach die Kunst der Zuckerraffinerie erfunden, daher auch »Kand« der persische Name für den gereinigten Zucker ist.
Durch die Araber kam das Zuckerrohr im achten Jahrhundert nach Spanien, im neunten nach Sicilien. In Venedig lassen sich 1150 bereits Zuckerbäcker nachweisen. Die drei wichtigsten Productionsstellen des Zuckers im Mittelalter waren Syrien, Aegypten und Cypern. Ihre Bedeutung schwand, als Vasco de Gama 1498 den directen Weg nach Ostindien um das Cap der guten Hoffnung fand und der Handel mit indischem Zucker so in die Hände der Portugiesen fiel. Damit war der dominirende handelspolitische Einfluß Venedigs und seine [pg 066] Macht für immer gebrochen; an Stelle des Mittelmeers wurde der atlantische Ocean der Schauplatz des Weltverkehrs. Um 1580 begann Sicilien seine Zuckerproduction einzustellen, da diese gegen die überseeische Concurrenz nicht mehr ankämpfen konnte. Denn um jene Zeit hatte auch schon der amerikanische Zucker, besonders der brasilianische, die Bedeutung eines Weltproductes gewonnen und gelangte bis nach Palermo. Der Zuckerverbrauch stieg ganz enorm in Europa, und im Jahre 1600 hatte auch Deutschland, nach v. Lippmann, schon mehrere Zuckerraffinerien aufzuweisen. Freilich scheinen dieselben nach dem dreißigjährigen Kriege sich nur noch in Hamburg gehalten zu haben. Unter Friedrich dem Großen entstanden zahlreiche Zuckerraffinerien in Preußen und wurden durch Prohibitivzölle geschützt.
Die Süßigkeit des Rübensaftes hatte den Chemiker Markgraf veranlaßt, Zucker aus demselben darzustellen, was ihm um 1747 gelang. Doch fand das gewonnene Product keine Verwerthung, zum Theil schon deshalb nicht, weil es an genügend zuckerreichen Rüben damals noch fehlte. Diesem Mangel wußte erst Achard aus seinen Gütern bei Berlin um 1786 in größerem Maßstab abzuhelfen. Die erste wirkliche Rübenzuckerfabrik errichtete derselbe Achard, mit Unterstützung Friedrich Wilhelms III., zu Cunern in Schlesien. Es folgten alsbald andere Fabriken in Preußen und Frankreich, wo besonders Delessert das Darstellungsverfahren vervollkommnete. Nach Aufhebung der Continentalsperre gingen trotzdem die meisten Rübenzuckerfabriken sowohl in Deutschland als auch in Frankreich wieder ein, und erst von 1820 etwa an datirt der neue Aufschwung und der schließlich großartige Erfolg dieser Industrie.
Der Palazzo Orengo wird von phantastischen Pflanzenformen: säulenförmigen Opuntien, candelaberförmigen Euphorbien, sowie von zahlreichen blühenden Aloe- und Agave-Arten umgeben. Auf der Mauer östlich vom Hause fällt eine kleine, mit langen weißen Dornen bewaffnete Opuntie (Opuntia tunicata) in die Augen. Ihre Dornen sind mit zarten Scheiden umhüllt und verdanken [pg 067] diesen ihre Färbung. Man kann die Scheiden von den Dornen abziehen; doch gilt es vorsichtig zu sein, denn die Dornen sind äußerst scharf und verwunden leicht die Hand: Sie schützen wirksam die Pflanze gegen den Angriff der Thiere. Dieser Schutz ist aber auch nöthig in den dürren Gegenden Mexikos, in welchen die Pflanze zu Hause ist, und wo es den Thieren oft an pflanzlicher Nahrung fehlt. In solchen Gegenden sind dornige Pflanzen sehr häufig, Pflanzen, deren Blätter sich zum besseren Schutz in Dornen verwandelt haben, während der Stengel sich grün färbte, so in die Functionen der Blätter trat, zugleich anschwoll und für die Zeit der Dürre mit Wasser versorgte. Durch Hunger getrieben, pflegen wohl Pferde mit den Hufen die Dornen von solchen Cactusgewächsen abzuschlagen, um zu dem saftigen Fleisch zu gelangen, während das Rindvieh sich an denselben schwer verwundet. Der Angriff auf diese weißdornige Opuntia tunicata dürfte den Thieren unter allen Umständen schwer fallen, sie ist so stark bewaffnet, daß sie außer dem Namen Opuntia tunicata auch denjenigen Opuntia furiosa erhielt.
Doch am Palazzo Orengo fesselt unseren Blick vor allem die wunderbare Aussicht, die sich dort entfaltet. Gewiß ein herrliches Stück Erde, fast zu schön, um dasselbe dauernd zu bewohnen! Denn wonach soll man sich dann noch sehnen, wo eine Steigerung des Eindrucks erhoffen? – Von üppigem Grün und buntem Blüthenschmuck sind die Bilder eingerahmt, die hier den Beschauer fesseln. Sein Auge folgt entzückt der zackigen Küste, oder es ruht träumend aus der tiefen Schlucht, in der sich der Garten aufwärts, ohne Ende, bis zu den Gipfeln der Berge fortzusetzen scheint. Eine hohe Palme neigt sich wie sinnend über diesem Bilde und gibt ihm ein märchenhaftes Gepräge. Nach Osten decken dunkle Baummassen die Aussicht, doch durch eine blumenreiche Pergola gelangt man bald bis auf den freien Bergrand. Der Tag geht zur Neige, und es beginnt Altbordighera im rosigen Abendlicht zu glühen. Welch' ein [pg 068] Anblick! Ich weiß ein krankes Mädchen, eine zu früh aufgeblühte Knospe, das Rettung vor dem Tode in Mentone suchte; dem schwebte jenes goldige Bild bis zuletzt in den Fieberträumen vor. Es war wie die Verheißung einer glücklicheren Welt! Sehnsuchtsvoll streckte die Sterbende ihre Arme in der nordischen Heimath aus, um es zu fassen, und ein seliges Lächeln verklärte dann ihr blasses Antlitz.
Die Pergola, die nach jenem Aussichtspunkt im Garten von La Mortola führt, ist von Banksia-Rosen und anderen Schlinggewächsen überwuchert, deren Blüthen in den Abendstunden süßen Duft verbreiten. Die Rosa Banksiae können wir hier in ihrer vollen Prachtentfaltung bewundern. Überall leuchten aus dem grünen, dornenfreien Laub die zierlichen Trugdolden ihrer halbgefüllten, hellgelben und weißen Blüthen hervor. Um diese schöne Rose ist die Riviera zu beneiden; bei uns im Freien will sie nicht gedeihen. Auch ist es in Gewächshäusern nicht möglich, sie zu üppiger Entwickelung zu bewegen, ebensowenig als dies für die Bougainvillea gelingt, jene prächtige Liane der Tropen, die mit ihren carmoisinrothen Hochblättern ganze Gebäude an der Riviera deckt.
Die Sonne war inzwischen untergegangen, und fahle Lichter streiften die Küste. Altbordighera erschien so todtenblaß, als wäre es inzwischen ausgestorben; der Rahmen aus weißen Rosen umschlang es fast wie ein Todtenkranz. Die bunten Blüthen im dunklen Laube begannen unsichtbar zu werden, und scharf stachen nur vom hellen Abendhimmel die uralten Cypressen ab, die, dicht aneinander gereiht, im unteren Theile des Gartens zum Meere absteigen. Hat dieser dunkelfarbige Baum, der in so feierlichem Ernst zum Himmel emporragt, wirklich ein trauriges Aussehen, oder weckt er in uns nur traurige Empfindungen, weil er von jeher ein Symbol der Todtentrauer war, und wir ihn so oft neben Gräbern sehen? Hier hätte er wohl allen Grund, düster in die Landschaft zu schauen, denn er schmückte, so heißt es, vor Zeiten einen Friedhof, nach welchem der Ort [pg 069] heute noch seinen Namen »La Mortola« führen soll. Blumenbeete haben seitdem die Gräber verdeckt, üppiger Pflanzenwuchs die Stätten verwischt, an welchen Menschen einst ihre Lieben beweinten, die Cypressen allein trauern noch über den Todten.
VII.
Die Strada nazionale, die am Garten vorbei nach Mentone führt, steigt zunächst in der Schlucht empor und beginnt erst jenseits der Croce della Mortola sich langsam zu senken. Es ist ein unendlich schöner Weg, der im weiten Bogen, am Abhang der Berge, langsam gegen Mentone absteigt. Bald ist man in einen Olivenhain gedrungen, in dem sich das Dorf Grimaldi verbirgt; jenseits des Ortes steigt über der Straße ein alter Thurm düster in die Lüfte empor, neben ihm drängt ein modernes Schloß in englisch gothischem Geschmack sich auf. Ein schöner Garten steigt bis zum Thurm empor. Es war das einst die Besitzung des englischen Arztes Bennet, dessen Name einen ruhmvollen Klang an der Riviera besitzt. Nach dessen Tode haben neue Besitzer das gothische Haus erbaut. Wir erreichen das italienische Zollhaus. Es dunkelt schon; in Mentone, das in geringer Ferne vor unseren Augen aufsteigt, beginnen auf den Straßen und in den Häusern die Lichter sich zu entzünden. Eine lange Reihe flammender Punkte folgt bald dem Strande, als hätte sich das Meer mit einer Schnur feuriger Perlen geschmückt. Mir zogen die Strophen des Mignonliedes durch den Sinn, und das Rauschen des Meeres schien sie in den Tönen der Beethoven'schen Musik zu begleiten. Wie bezeichnend für diesen Boden mehr als zweitausendjähriger Cultur, daß jene Gewächse in dem Liede, welche das Bild Italiens uns so lebendig vor die Seele zaubern, diesem Lande nicht ureigen sind. Sie kamen aus dem Orient, wie alle die großen Gedanken, auf welchen unsere Bildung ruht, entfalteten und veredelten sich aber auf diesem Boden. Die Citronen und Orangen erhielten die klassischen Lande von den Semiten, welche [pg 070] dieselben ihrerseits von den Indiern übernommen hatten. Der Öl- und Feigenbaum, der Weinstock und die Palme standen bei den Semiten in Pflege, lange bevor sie als Culturpflanzen siegreich nach dem Westen vordrangen. Der Cultus des Lorbeers und der Myrte gelangte von Osten her über das Mittelmeer. Die Cypresse hat nicht ihre Heimath in Italien, sondern auf den griechischen Inseln und auf dem Libanon; ja, selbst von der schirmförmig ausgebreiteten Pinie, der die Rauchwolke des Vesuvs wie zum Vorbild dient, hat man, doch dieses Mal mit Unrecht, bezweifelt, daß sie eine echt italienische Pflanze sei. Und als wenn andererseits auch der große Culturimpuls, welcher von der Entdeckung der neuen Welt ausging, auf italienischem Boden in typischen Pflanzenformen verkörpert werden sollte, brachte er diesem die Agave und die Opuntie. Die dornigen, blaugrünen Agaven, die stachligen, hellgrünen Opuntien, die so gut zu dem felsigen Strande Italiens passen, als wären sie für ihn von jeher bestimmt gewesen, sind thatsächlich erst im vierzehnten Jahrhundert von Amerika an denselben gelangt. Capri vermag man sich ohne die »Fichi d'India«, deren abgeflachte Glieder sich in wunderbaren Krümmungen über die Mauern drängen, kaum vorzustellen, und doch sind diese Opuntien hier eine moderne Erscheinung. Daher ist es ein Anachronismus, wenn die Agaven und Opuntien in den Preller'schen Odysseebildern den Vordergrund der Landschaft schmücken. Die Schönheit jener Bilder wird dadurch nicht beeinträchtigt, und doch kann man sich bei der Betrachtung derselben einer gewissen fremdartigen Empfindung nicht erwehren. Das historische Rechtsgefühl fühlt sich verletzt und muß erst durch das ästhetische Wohlgefallen beschwichtigt werden, welches diese so bedeutenden Kunstschöpfungen erwecken.
Wie mag die Riviera ausgesehen haben, bevor die Cultur des Ölbaumes begann, als noch Palmen und Cypressen fehlten und der Wohlgeruch der Agrumi die Luft nicht erfüllte? – Sie war bedeckt mit immergrünen Sträuchern, während dichter [pg 071] Nadelwald die Höhen krönte. Das Bild der Vegetation mußte ein ganz anderes sein; denn sein Aussehen war bestimmt durch Gesammteffecte, während der Charakter jener Landschaft, die wir jetzt für die typisch italienische halten, auf dem wirksamen Hervortreten einzelner ausgeprägter Pflanzenformen und deren plastischer Sonderung beruht.
Während noch in den Zeiten Alexander des Großen, also im vierten Jahrhundert vor Christus, die Griechen Italien als ein Land kannten, das im Vergleich zu ihrem eigenen Lande und dem Orient einen ganz ursprünglichen Charakter trug, konnte bereits Marcus Terentius Varro im ersten Jahrhundert vor Christus, Italien mit einem großen Garten vergleichen. Plinius klagt ein Jahrhundert später über den Luxus, der auch im Gartenbau eingerissen sei. Die Gemüse wurden so groß gezogen, daß sie der Tisch des Armen nicht mehr zu fassen vermochte. Er führt als Beispiel die Spargeln an, von denen in Ravenna oft nur drei auf das römische Pfund (ca. 300 Gramm) gingen.
Daß in jenem Garten, in welchen Italien verwandelt worden war und der orientalische Culturpflanzen vorwiegend barg, das römische Volk sich verweichlichen mußte, ist nur zu klar. Es war das die Schattenseite jener zu üppig entwickelten Cultur, die in dem Übermaße ihrer Entfaltung auch die Keime ihres Untergangs trug.
Als ich Mentone näher kam, begann der Mistral zu wehen und fegte mächtige Staubwolken über die Straße. In Garavan, im Schutze der Altstadt, wurde es trotzdem fast windstill, so daß ich dort am späten Abend im anmuthigen Garten des Hôtel d'Italie noch sitzen konnte. Garavan wird eben durch den Bergrücken, auf dem das alte Mentone steht, und durch die dichten Häusermassen dieser Stadt gegen den Westwind vollständig gedeckt und mit Recht daher von Brustkranken bevorzugt. Seit vorigem Winter erhielt Garavan einen eigenen Bahnhof, der fast eine zu große Erleichterung des Verkehrs für [pg 072] diejenigen Wintergäste schafft, die in Monte Carlo durch schädliche Aufregung beim Spiel, den Rest ihrer Gesundheit gefährden.
VIII.
Fast alle wichtigen Reiz- und Genußmittel des Pflanzenreichs dankt der Culturmensch den wilden Völkern. Da bei ihm selbst die Cultur das instinctive Empfinden ganz zurückdrängte, so kann er sich kaum noch vorstellen, welche Eindrücke den Wilden bei der Wahl seiner Nahrungsmittel geleitet haben. Er staunt, wenn ihn die Chemie belehrt, daß der Thee der Chinesen, der Mate der Brasilianer, der Kaffee und die Khatpflanze der Araber, die Chocolade der Azteken, die Kolanüsse der Neger im wesentlichen dieselben Stoffe enthalten. Im La Mortola-Garten, bei Betrachtung der Pflanzen, die jene Stoffe liefern, konnten wir die Verschiedenheit ihres Aussehens feststellen. Irgend welches äußere Abzeichen, das ihnen gemeinsam wäre, haben wir nicht entdeckt. Ein solches Abzeichen konnte somit die Wahl des Wilden nicht leiten, als er diese traf. Er verfuhr nicht anders wie das wilde Thier, das in Wald und Flur seiner Nahrung nachgeht. Er war sich der Ursache seiner Wahl ebenso wenig bewußt.
Meist vor langer Zeit schon den Wilden abgewonnen, haben unsere Reiz- und Genußmittel eine interessante Geschichte aufzuweisen.
In China ist der Theegenuß so alt, daß ein im zwölften Jahrhundert verfaßtes Buch »Rhya« von demselben als von etwas längst Bekanntem spricht.
In Europa begann sich der Theegenuß erst um 1630 zu verbreiten, unter dem Einfluß der holländisch-ostindischen Gesellschaft und der Lobpreisungen, welche einige holländischen Ärzte diesem Getränk zu Theil werden ließen. Der Thee sollte die Lebenskraft steigern, das Gedächtniß stärken, alle seelischen Fähigkeiten erhöhen, das Blut in willkommenster Weise verdünnen. [pg 073] Gegen Fieber wurde vorgeschrieben, nicht weniger als vierzig bis fünfzig Tassen hintereinander zu trinken. Zu dem interessanten Werke von Le Grand d'Aussy, welches 1782 zuerst erschien und die Geschichte des Privatlebens der Franzosen (Histoire de la vie privée des François) erzählt, ist zu lesen, daß der Thee in Paris 1636 bekannt wurde und bald zu Ansehen gelangte, weil ihn der Chancelier Séguier unter seine Protection nahm. Es scheint, daß sich in Paris einzelne Personen auch auf das Rauchen des Thees verlegten, so wie man Tabak raucht, und der Arzt Bligny rühmt sich, aus dem Thee eine Conserve, ein destillirtes Wasser und zwei Arten von Syrup dargestellt zu haben. In England war das Theetrinken um 1700 schon allgemein verbreitet und der Thee besteuert. Deutschland verdankt die Bekanntschaft mit dem Thee den holländischen Ärzten des Großen Kurfürsten. Im Jahre 1662 kostete, nach den von Flückiger veröffentlichten Documenten, eine Hand voll Thee in den Apotheken der Stadt Nordhausen noch fünfzehn Gulden, doch im Jahre 1689 in Leipzig nur noch vier Groschen. Nach Rußland gelangte der Thee nicht über das westliche Europa, sondern direct mit einer asiatischen Gesandtschaft, und schon in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts wurde der Thee dort zu einem allgemein verbreiteten Getränk. Der Thee heißt demgemäß dort Tschai, entsprechend der Benennung wie wir sie auch bei den Arabern im achten Jahrhundert schon finden, während in Polen aus herba Theae »Herbata« gebildet worden ist.
Der wichtigste Bestandtheil der Theeblätter ist das Coffeïn, derselbe Körper, den die Kaffeebohnen führen und der auch dem Theobromin der Cacaobohnen äußerst nahe steht. Ebenso ist der Paraguay-Thee oder Mate coffeinhaltig, und denselben Stoff führen auch die Kola-»Nüsse«.
Die Kultur des Kaffeebaumes haben die Araber zuerst in großem Maßstäbe betrieben, während Europa, die Türkei ausgenommen, vor Mitte des siebzehnten Jahrhunderts nur wenig [pg 074] von dem Bestehen dieses Genußmittels wußte. Nach Constantinopel hatte Selim I. 1517 aus Aegypten den ersten Kaffee gebracht, und zwanzig Jahre später gab es dort bereits viele Kaffeehäuser. Nach dem Westen Europas gelangte der Kaffee durch die Venetianer. Prosper Alpinus, der als Arzt des venetianischen Consuls in Ägypten lebte und von 1591 bis 1593 sein Werk über ägyptische Pflanzen veröffentlichte, gab die erste, wenn auch wenig vollkommene botanische Beschreibung des Kaffeebaumes. Von Venedig aus, wo im Jahre 1645 das erste Kaffeehaus eröffnet wurde, verbreitete sich die Sitte des Kaffeetrinkens rasch über ganz Italien. Wie Le Grand d'Aussy eingehend beschreibt, war es Marseille, das in Frankreich im Jahre 1644 mit der Errichtung von Kaffeehäusern den Anfang machte. In Paris kam das Kaffeetrinken erst unter Ludwig XIV. auf, und zwar vornehmlich durch Soliman Aga, den Gesandten Mohammeds III., der, wie Le Grand d'Aussy berichtet, sich die Gunst der Pariserinnen in solchem Maße zu erwerben wußte, daß es Mode ward, ihm Besuche abzustatten. Er ließ den Damen, nach orientalischer Sitte, den Kaffee serviren; es reichten ihn Sklaven in glänzenden Porzellantassen auf goldbefranzten Servietten. Die fremdartige Einrichtung der Zimmer, das Sitzen auf dem Boden, die Unterhaltung, die mit Hülfe eines Dolmetschers geführt wurde, alles das, meint Le Grand d'Aussy, mußte den Kopf der Französinnen verdrehen. Überall hörte man von dem Soliman'schen Kaffee sprechen, und Jeder wollte davon gekostet haben. Sich Kaffeebohnen zu verschaffen, war bei alledem damals noch schwer: das Pfund kostete bis zu vierzig Thalern. Im Jahre 1672 eröffnete ein Armenier, Namens Pascal, auf dem Quai de l'École das erste Pariser Kaffeehaus, das nach dem Getränk, welches in demselben geboten wurde, »Café« genannt ward. Es war eine »Boutique« nach Art der orientalischen und machte schlechte Geschäfte, da es für das feinere Publicum, welches allein den Kaffee damals trank, nicht geeignet war. Das erkannte richtig der Florentiner Procope, derselbe, der sich um Paris durch die Einführung [pg 075] des Gefrorenen verdient gemacht hat; er richtete gegenüber der alten Comédie Française ein Café ein, welches außer dem ursprünglichen Getränk, auch Thee, Chocolade, Eis und verschiedene Liqueure führte, und, geschmackvoll decorirt, sich alsbald des größten »Succès« erfreute. Die Zahl der Nachahmer war groß, und 1676 hatte Paris schon eine Unmasse Cafés aufzuweisen, deren Einfluß sich als ein sehr günstiger erwies, indem er der Trunksucht steuerte, und was Ludwig XIV., »ce Roi si décent«, wie sich Le Grand d'Aussy ausdrückt, durch harte Strafen nicht zu erreichen vermochte, hatte man dem Florentiner Procope zu verdanken. Als ganz ungefährlich galt jedoch der Kaffee nicht, und die Marquise de Sévigné räth darum ihrer Tochter in einem Brief aus dem Jahre 1680, dem Kaffee etwas Milch zuzusetzen, »pour en tempérer le danger«. In England wurde der Kaffee durch Baco von Verulam schon 1624 erwähnt. Das erste Kaffeehaus errichtete in London 1652 der Armenier Pasqua, Diener eines türkischen Arztes. Berlin folgte erst weit später nach, denn Volz gibt an, daß dort das erste Kaffeehaus im Jahre 1721 eröffnet wurde. Eine Anzahl deutscher Städte war in dieser Beziehung Berlin vorangeeilt; in Hamburg gab es schon 1679, in Nürnberg und Regensburg 1686, in Köln 1687 Kaffeehäuser. In Wien erhielt 1683 ein gewisser Kolschitzky die Erlaubniß zur Eröffnung des ersten Kaffeehauses und zwar als Belohnung für den Muth, durch welchen er sich in dem gleichen Jahre, bei der Befreiung der Stadt von den Türken, ausgezeichnet hatte. Um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts war der Kaffeegenuß über ganz Deutschland verbreitet, und der Kaffee bildete einen wichtigen Handelsartikel für Hamburg und Bremen. Friedrich der Große versuchte es vergeblich, den Verbrauch einzuschränken. In dem Bestreben, Preußen wirthschaftlich abzuschließen und »das Geld im Lande zu behalten«, hatte er besonders die theueren Colonialwaaren mit hohen Zöllen belegt; zum Theil verbot er sogar deren Einfuhr oder suchte sie zum Mindesten zu monopolisiren. Markgraf [pg 076] und andere Chemiker wurden beauftragt, Surrogate an Stelle des Kaffees zu schaffen, was zur Entstehung von Eichelkaffee, von Kaffee aus Gerste und Roggen, ja selbst aus Rüben und Roßkastanien führte. Der Cichorienkaffee jedoch wurde um jene Zeit noch nicht hergestellt, vielmehr, wie ich den Angaben E. v. Lippmanns entnehme, erst gegen 1790. Die gebotenen Kaffeesurrogate erfreuten sich nicht des Beifalls beim Publicum, daher 1781 ein Kaffeemonopol eingeführt ward, das die gewöhnlichen Consumenten zwang, den Kaffee schon gebrannt vom Staate, vierundzwanzig Loth zu einem Thaler, zu kaufen, während an Adlige, Geistliche und Beamten sogenannte »Brennscheine« abgegeben wurden.
An den Thee und den Kaffee schließt sich der Cacao fast gleichberechtigt an. Sein Anbau ist schwieriger als derjenige vieler anderer tropischer Pflanzen, da er eine sehr beständige, relativ hohe Temperatur neben einer großen und gleichmäßigen Feuchtigkeit verlangt. Seine Heimath dürfte in den Ländern um den mexikanischen Meerbusen liegen, jetzt wird er überall in den Tropen, soweit es die sonstigen Bedingungen gestatten, gebaut. Die Cacaopflanze gehört einer Unterabtheilung der Malvaceen an; fast aller Cacao des Handels stammt von der Theobroma Cacao ab. Es ist ein dunkelbelaubter Baum, mit knorrigem Stamm und breiter Krone, der für gewöhnlich acht bis zehn Meter Höhe erreicht. Das Charakteristische für die Pflanze ist, daß sie ihre Blüthenstände vorwiegend am alten Holze trägt, so daß der Stamm und die dicken Äste sich weiterhin mit Früchten behangen zeigen. Die Blüthen sind weißlich bis roth und liefern je nachdem gelbe oder dunkelrothe Früchte. Während die Blüthen nur klein sind, können die cylindrischen Früchte bis fünfundzwanzig Centimeter Länge erreichen. Der Baum blüht und fructificirt fast ohne Unterbrechung, liefert aber im Jahr meist nur zwei Haupternten. Die Samen sind in einem süßsäuerlichen Fruchtfleisch eingebettet und bilden in der reifen Frucht fünf Längsreihen. Ihr bitterer Geschmack wird durch das sogenannte [pg 077] »Rotten« gemildert, einen Gährungsproceß, dem die aus der Frucht befreiten Samen unterworfen werden. Der Cacao war in Mexiko schon den Azteken und selbst den von diesen verdrängten Tolteken bekannt, und als die Spanier 1519 das Land eroberten, fanden sie die Cultur des Baumes vor. Ähnlich wie der Pfeffer einst in Europa, dienten in Mexico, ja in ganz Mittelamerika die Cacaobohnen als Münze. Die Spanier sollen bei der Eroberung Mexico's im dortigen Staatsschatze nicht weniger als zweiundeinhalb Millionen Pfund solcher Bohnen vorgefunden haben. In Mexico wurden die gerösteten Cacaobohnen geschält und gestoßen, mit kaltem Wasser zu Brei angerührt und mit Maismehl oder bei Vornehmeren mit Gewürzen, Vanille, duftenden Blumen und Honig versetzt. Dieser Brei »bouillie assez dégoutante«, sagt Le Grand d'Aussy, hieß Chocolatl. Ob diese Bezeichnung von dem mexikanischen Namen der Pflanze Cacao oder Cacagnate, oder Choco (Schaum) und Atl (Wasser) abzuleiten sei, ist wohl unentschieden. Die Spanier, welche die Chocolade am Hofe des Montezuma kennen gelernt hatten, brachten sie bald nach Europa, und auch heute noch ist es Spanien, welches die größten Mengen Chocolade verzehrt. Nach Florenz brachte Carletti die Chocolade mit, als er 1606 von weiten Reisen, die sich bis nach Westindien erstreckten, heimkehrte. Das warme Getränk, das in Florenz aus Cacaomehl hergestellt wurde, verbreitete sich rasch über ganz Italien. Nach Frankreich kam die Chocolade 1615 mit Anna von Österreich, Gemahlin Ludwig's XIII. Zu einiger Geltung gelangte sie aber erst 1661, unter dem Einfluß von Maria Theresia von Spanien, Gemahlin Ludwig's XIV., die sich aber noch versteckte (wie die Duchesse de Montpensier in ihren Memoiren angibt), um ihre Chocolade zu trinken; der Genuß derselben mußte somit als etwas Ungewohntes oder gar Verpöntes angesehen werden. Indessen schon 1671 konnte Frau von Sévigné an ihre Tochter schreiben: »Vous ne vous portez pas bien, le chocolat vous remettra.« Freilich muß die Chocolade als Heilmittel ihre [pg 078] Wirkung versagt haben, denn in einem späteren Briefe wird sie als »source de vapeurs et de palpitations« angegeben. Andererseits vertheidigte ein Pariser Arzt, Namens Bachot, 1684 vor der Fakultät eine These, in welcher er gutgemachte Chocolade als eine der edelsten Erfindungen pries, weit mehr würdig, als Nectar und Ambrosia, die Speise der Götter zu sein. Derselben Ansicht muß auch Linné gewesen sein, der die Chocolade 1769 in den »Amoenitates academicae« behandelte und dem Cacaobaum den botanischen Namen »Theobroma«, d. h. »Götterspeise« gab. In England begann sich die Chocolade um 1625, annähernd gleichzeitig auch in Holland, einzubürgern. Nach Berlin brachte Bontekoe, der Leibarzt des Großen Kurfürsten, den Cacao mit. Friedrich der Große verbot die Einfuhr der Chocolade und beauftragte den Chemiker Markgraf, denselben, der Ähnliches für den Kaffee schon versucht, ein Surrogat aus Lindenblüthen an Stelle von Chocolade herzustellen, was aber nur schlecht gelang.
Als die Spanier im sechzehnten Jahrhundert nach Peru kamen, war dort ein anderes Reizmittel in Gebrauch, das der Instinct der Eingeborenen herausgefunden hatte, nämlich das Cocaïn. Dieser Körper gehört ebenso wie das Coffeïn und das Theobromin zu den pflanzlichen Alcaloiden. Die Bewohner des Inkareiches kauten die Cocablätter ganz so wie die Hindus die Betelnuß kauen und würzten diese Blätter auch mit Asche der Quinoapflanze (Chenopodium quinoa) oder mit gelöschtem Kalk, so wie es für die Betelnüsse in Indien geschieht. Bei mäßigem Genuß wirken die Cocablätter anregend auf das Nervensystem ein, in zu großen Mengen und fortdauernd gebraucht, werden sie verderblich. Es stellt sich dann ein Verfall aller körperlichen und geistigen Fähigkeiten bei dem »Coquero« ein, der zu einem Vergleich desselben mit unseren Alkoholikern geführt hat. Den Spaniern fielen zunächst nur die üblen Folgen des Cocakauens auf, sie suchten dasselbe durch Verordnungen und kirchliche Verbote in Peru einzuschränken. Daher wohl die Cocablätter nicht [pg 079] wie andere ähnliche Reizmittel ihren Einzug in die alte Welt hielten. Erst die 1884 von Koller in Wien gemachte Entdeckung, daß eine Auflösung von Cocaïn ohne üble Folgen die Hornhaut und Bindehaut der Augen eine Zeitlang unempfindlich macht, richtete die allgemeine Aufmerksamkeit auf dieses Alcaloid. Die Anwendung desselben bei Augenoperationen wurde allgemein; sie verbreitete sich auf andere Gebiete der Heilkunde als auch seine Fähigkeit, leicht zugängliche sensible Nerven unseres Körpers unempfindlich zu machen, erkannt wurde.
Die Cocablätter gehören einem Strauche an, der unserer Schlehe ähnlich ist, aber bedeutendere Größe erreicht. Diese Blätter sind lebhaft grün gefärbt und sehr dünn; sie haben eiförmige Gestalt und laufen spitz an ihrem Ende aus. Die gelblich weißen Blüthen fallen wenig in die Augen, da sie nur geringe Größe besitzen. Die rothen, unseren Cornelkirschen nicht unähnlichen Früchte, leuchten hingegen aus dem Laub hervor. Der botanische Name der Pflanze ist Erythroxylon coca, sie bildet eine eigene kleine Pflanzenfamilie, die im Wesentlichen auf die artenreiche Gattung Erythroxylon beschränkt ist. Die Blätter sind schwach aromatisch und besitzen einen angenehm bitterlichen Geschmack. Das Alcaloid, welches man aus denselben gewinnt, bildet farblose Krystalle, die sich nur wenig in Wasser, dagegen leicht in Alcohol und noch leichter in Äther lösen.
Ein ganz besonderes culturhistorisches Interesse ist an den Gewürznelkenbaum geknüpft, da er eine äußerst markirte Rolle in der Geschichte des Gewürzhandels gespielt hat. Der Gewürznelkenbaum (Eugenia caryophyllata) gehört zu den Myrtaceen wie die Myrten, Eucalypten, Guaiaven und Rosenäpfel, die wir in La Mortola sahen. Er ist ein immergrüner Baum mit wohlgeformter Krone, der über zehn Meter Höhe erreichen kann und lederartige, glänzende, durchscheinend punctirte Blätter besitzt. Die Blüthen stehen an den Enden der Zweige in doldenförmigen Blüthenständen. Der vierkantige Blüthenstiel breitet sich am oberen Rande in vier dicke, kurze Kelchlappen aus. An [pg 080] der Ursprungsstelle derselben sind die Blumenkronenblätter und die Staubfäden befestigt. Erstere werden ähnlich wie bei Eucalyptus als Kappe abgeworfen, wenn sich die Blüthe öffnet. Diesen Zeitpunkt wartet man aber nicht ab, sammelt vielmehr kurz zuvor schon die »Gewürznelken«, indem man sie mit den Händen vom Baume pflückt oder mit Bambusstäben abschlägt. Sie sind somit noch ungeöffnete Blüthen eines myrtenartigen Gewächses und haben mit den nur ähnlich duftenden Blüthen unserer Gärten, die wir als Nelken bezeichnen, den Dianthus-Arten, sonst nichts gemein. Beim Trocknen verändert sich die dunkelrothe Farbe in das bekannte Braun. – Die Gewürznelken waren den Chinesen schon vor unserer Zeitrechnung bekannt. Im vierten Jahrhundert vor Christus gelangten sie nach Europa. Man glaubte bis zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts, daß Java oder Ceylon ihre Heimath sei; thatsächlich aber waren diese Inseln nur Stationen auf dem Wege des Gewürznelkenhandels. Erst die Entdeckung der Molukken durch Varthema 1504 klärte Europa über den Ursprung der Gewürznelken auf. Mit den Molukken zugleich gelangte der Gewürzhandel jener Inseln in die Hände der Portugiesen, dann ein Jahrhundert später an die holländisch-ostindische Compagnie, welche die Production von Gewürznelken und Muskatnüssen auf jede Weise zu monopolisiren suchte, ja sogar dieselbe, um sie besser überwachen zu können, auf nur wenige Inseln einschränkte. Auf den übrigen Inseln ließ sie die Gewürzbäume ausrotten. Um die hohen Preise zu halten, brachte die Compagnie nur begrenzte Mengen des Gewürzes auf den Markt, und als in Folge guter Ernten der Vorrath einmal, im Jahre 1760, zu stark anwuchs, wurde ein Theil desselben bei der Admiralität in Amsterdam verbrannt. Trotz strengster Überwachung von Seiten der Holländer gelang es dem französischen Gouverneur von Mauritius und Bourbon 1769 in den Besitz von Gewürznelken- und Muskatbäumen zu gelangen und sie auf seiner Insel anzupflanzen. Zwischen 1795 und 1802, als die Engländer [pg 081] die Molukken besetzt hielten, sorgten sie auch dafür, daß die Cultur der Gewürzbäume sich über die Grenzen dieser Inseln hinaus verbreite. Jetzt hat sich ihre Cultur über die tropischen Länder weit ausgedehnt, auf den Molukken selbst ging der Anbau der Gewürznelkenbäume ganz zurück, und nur die Muskatbäume werden dort noch im großen Maßstab gepflegt.
Die Muskatbäume, die mit den Gewürznelkenbäumen stets zusammen genannt werden, gehören zu der Gattung Myristica, die den Lorbeergewächsen sehr nahe steht. Der wichtigste Muskatbaum ist Myristica fragrans, der in seinem Aussehen an unsere Birnbäume erinnert. Er besitzt eine rundliche Krone und dichte Belaubung. Seine Blüthen sind weiß oder gelblich und gleichen auffallend denjenigen unserer Maiblumen. Da sie klein sind, so fallen sie freilich nicht in die Augen. Das thun hingegen die hellgelben, aprikosenähnlichen Früchte, die der Baum gleichzeitig trägt. Diese Früchte springen bei voller Reife auf und dann leuchtet ein carmoisinrother Samenmantel aus ihrem Innern hervor. In Gestalt einer zerschlitzten Hülle umgibt er den schwarzbraunen, als Muskatnuß bekannten Samen. Er selbst wird fälschlich als Muskatblüthe bezeichnet.
Auch der Zimmet war einst ein Monopol der Portugiesen, hierauf der niederländisch-ostindischen Compagnie und ging auf die englisch-ostindische über, als England 1796 Besitz von Ceylon ergriff.
Wie Zimmet, Gewürznelken und Muskatnuß in der niederländischen Geschichte, so spielte der ostindische Pfeffer einst eine nicht unbedeutende Rolle in der Geschichte Venedigs. Namentlich aus Rücksicht auf diesen Pfeffer lag Venedig daran, das rothe Meer und Ägypten sich offen zu halten. Unmengen von Pfeffer wurden in Venedig, in dem Fondaco de' Tedeschi, an die Deutschen verhandelt. Im Mittelalter herrschte, wie Flückiger besonders hervorhebt, eine kaum mehr verständliche Gier nach Pfeffer, der schließlich fast die Bedeutung eines überall gangbaren Zahlmittels erlangte. Im dreizehnten und vierzehnten [pg 082] Jahrhundert nahm er entschieden den ersten Rang unter den Gewürzen ein; er stand so hoch im Preise, daß ärmere Klassen von dem regelmäßigen Gebrauch desselben absehen mußten und »cher comme poivre« sprichwörtlich wurde. Diese Sucht nach Gewürzen kam, wie Le Grand d'Aussy erzählt, von den vielen schwer verdaulichen Speisen, welche man damals zu genießen pflegte. Es gab raffinirte Gourmands, welche Gewürze bei sich führten, um nach eigenem Geschmack die Speisen bei Tische sich mundgerecht zu machen. Régnard bezeichnet solche Eßkünstler als »Docteurs en Soupers«.
Aus der Geschichte des Levantehandels im Mittelalter von Wilhelm Heyd geht hervor, daß zu den verbreitetesten Specereien damals auch der Ingwer gehörte, und daß er fast eben so stark begehrt war wie der Pfeffer. Diese Pflanze, deren Heimath in Ostindien liegt, kann man im Garten von La Mortola sehen. Ihre bis zu einem Meter hohen grünen Sprosse entspringen dem wohlriechenden Wurzelstock, der im Boden versteckt ist. Die Sprosse erinnern an die in unseren Gärten cultivirten Canna-Arten und tragen wie diese, in zwei Reihen angeordnete, doch wesentlich schmälere Blätter. Am Gipfel schließen sie, falls sie zur Blüthe kommen, mit dichtgedrängten Hochblättern ab, aus deren Achseln gelb- und violettgefärbte Blüthen entspringen. In La Mortola blüht freilich der Ingwer nicht, und auch in Asien kommen nur selten blühbare Stengel zur Entwickelung. Stücke des Wurzelstockes sind es, die, geschält oder ungeschält, als Ingwer in den Handel gelangen. Der aus China eingeführte in Zucker gekochte Ingwer stammt von zarten, sorgfältig geschälten Wurzelstöcken. Eingemachter Ingwer wurde schon im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung in irdenen Töpfen nach Italien eingeführt, doch war Marco Polo der erste Europäer, der auf seinen Reisen in China und Indien von 1280–1290 die Pflanzen zu sehen bekam. Dieser mit Recht hochberühmte Reisende des Mittelalters erwarb sich überhaupt sehr große Verdienste um die Erforschung von China, [pg 083] weshalb ihm der Besitzer von La Mortola, der selbst längere Zeit im »Reich der Mitte« lebte, in der Eingangshalle seiner Villa ein glänzendes, von Salviati in Venedig als Glasmosaik auf Goldgrund ausgeführtes Brustbild widmete. Da freilich von Marco Polo ein authentisches Bildniß nicht bekannt ist, blieb es der Phantasie des Künstlers überlassen, wie er sich ihn vorstellen wollte.
IX.
Wer den Weg von Mentone nach Nizza auf der vielgerühmten Route de la Corniche zurücklegen will, sollte dies nur bei völlig klarem Wetter thun. Denn unter den großen Eindrücken dieser Bergstraße darf die Aussicht landeinwärts in die schneebedeckten Seealpen nicht fehlen. Im Frühjahr sind die Berge meist von Wolken bedeckt und so dem spähenden Auge verborgen. Die Route de la Corniche ist an schönen Frühlingstagen von unvergleichlicher Wirkung. Sie fängt an bei Roccabruna zu steigen und folgt dann in unzähligen Windungen dem Abhang. Das eine Mal wendet sie sich landeinwärts, als wolle sie den Berg durchbohren, das andere Mal schlägt sie die Richtung nach dem Meere ein, als stürze sie sich in die Fluthen. Fort und fort wechseln die Bilder. Abwärts taucht der Blick in die grünen Thäler und trifft immer neue Einschnitte der Küste; aufwärts wird er begrenzt durch die mächtigen Kuppen der Berge. Wo diese auseinandertreten, da tauchen, wie mit einem Zauberschlag, die schneebedeckten Häupter der Seealpen in der Ferne auf. – Den höchsten Punkt hat die Corniche bei La Tourbie, der alten Trophea oder Turris in via, etwa 500 Meter über dem Meere erreicht. Die Corniche folgt der alten römischen Straße; Napoleon I. war es, der sie im Jahre 1805, so wie sie heute ist, ausbauen ließ. Jetzt ist die Tourbie sogar durch eine Zahnradbahn mit Monte Carlo verbunden. Einst lief hier die Grenze, welche Gallien von Italien schied. Der weit sichtbare, aus mächtigen Trümmern aufsteigende Thurm, [pg 084] der als Thurm des Augustus bekannt ist, trotzt noch immer der Zeit. Mit seinen zackigen Zinnen, erst im vierzehnten Jahrhundert erbaut, ging er aus den Quadern des gewaltigen Denkmals hervor, das hier der Senat und das römische Volk dem Octavian errichten ließen, als die Schlacht bei Actium ihn zum Herrn der Welt machte. Plinius hat uns die Inschrift bewahrt, welche das Denkmal auf seinen vier Seiten trug. Außer der Widmung an den Caesar Imperator standen da die Namen von vierundvierzig Alpenvölkern verzeichnet, welche unter römisches Joch gebeugt worden waren. Ein Standbild des Kaisers krönte das Denkmal, das, alter Schilderung nach zu urtheilen, großartig gewesen sein mußte. Trotzdem schonten es die späteren Zeiten nicht. Die Longobarden begannen seine Zerstörung. Die Saracenen gestalteten es zur Festung. Dann schöpften Jahrhunderte lang die Bewohner von La Tourbie aus den Trümmern, wie aus einem Steinbruch, die Steine zum Bau ihrer Kirche und ihrer Häuser. Im zwölften Jahrhundert holten die Genueser hier Marmor zum Schmucke ihrer Bauten, und was dann noch verblieb, wurde am Hochaltar in der alten Kathedrale von Nizza verwandt. – Von La Tourbie aus sieht Monte Carlo mit all seinem Glanz und Elend nur wie ein unschuldiges Kinderspielzeug aus. An den Ernst des Lebens wird man aber auch in dieser Höhe durch alle die Festungswerke gemahnt, welche Frankreich auf den Berggipfeln errichtet hat. Selbst der höchste Berg über Monte Carlo, der 1150 Meter hohe Mont-Agel, dessen Gipfel weithin das ganze Land beherrscht, hat jetzt einen Kranz von Redouten erhalten.
Als Glanzpunkt der Corniche erscheint mir die Stelle, an welcher Eza auf schroffem Fels, mitten in der Landschaft, emportaucht. Welche gewaltige Kraft war nöthig, um in so schwindelnder Höhe, so unvermittelt zwischen Himmel und Erde, aus mächtigen Quadern Burgen zu erbauen! Von Abgründen umgeben, vor jeder Überraschung sicher, haben nach einander nizzardische und piemontesische Geschlechter in dieser Burg geherrscht. [pg 085] Armselige Häuser suchten Schutz an den befestigten Mauern, und auch heut noch stehen sie da und drängen sich um die zerfallenen Ruinen. Die alte Pracht verschwand von dieser Stätte: das Elend ist geblieben. Von außen aber vergoldet es die strahlende Sonne des Südens und hebt den stolzen Felsen majestätisch ab gegen den blauen Hintergrund des Meeres.
Nizza wird immer größer, verliert den ursprünglichen, italienischen Charakter, nimmt ganz denjenigen einer eleganten, cosmopolitischen Stadt an und amüsirt sich ohne Unterbrechung. Endlos folgen im Winter Redouten, Blumenschlachten, Regatten, Pferderennen auf einander. Wie eigen dieser Trieb zum Vergnügen, der sich hier auch der einheimischen Bevölkerung bemächtigt hat! Denn kaum hat ein Ort gleich schwere Schicksale im Laufe der Zeiten erlebt. Unzählige Male wurde die Stadt geplündert und verwüstet durch Gothen, Longobarden, Saracenen und Provençalen. Frankreich eroberte sie wiederholt, um sie zu verlieren und wieder zu gewinnen. Sie wurde von der Pest heimgesucht, durch starke Kälte ihrer Oliven- und Orangenbäume mehrfach beraubt, von afrikanischen Heuschrecken häufig überfallen. Daher vielleicht der Leichtsinn, der sich seiner Bevölkerung bemächtigt hat und der den Grund dazu legte, daß Nizza zu einer Metropole der schalen Vergnügungen aufwuchs. Mein Ziel war Nizza nicht, vielmehr das Cap d'Antibes, ein Ort, den ich schon vor vielen Jahren liebgewonnen hatte. Ein Aufsatz von George Sand, in der »Revue des deux mondes« vom Jahre 1868, machte mich mit den Schönheiten dieses Vorgebirges zuerst bekannt. George Sand besuchte auf demselben den schönen Garten des hervorragenden französischen Botanikers Thuret und war von der Aussicht ganz hingerissen, die man von dort genoß. Daß das Cap trotzdem so unbeachtet blieb, hängt mit seiner exponirten Lage zusammen, die es zum Aufenthaltsorte für Lungenleidende wenig geeignet macht. Das Cap ist in das Meer weit vorgeschoben und daher den Winden ausgesetzt; auch sieht man von demselben die Schneealpen, und ist demgemäß [pg 086] auch nicht gegen den kalten Luftstrom geschützt, der von denselben kommt. Auch fehlte es am Cap bis vor Kurzem an einem guten Unterkommen, das den Reisenden zum längeren Bleiben hätte einladen können. – Ich halte das Cap d'Antibes für einen der Glanzpunkte der Riviera. Wer dessen Herrlichkeit in ganzer Fülle gleich genießen will, der besteige den Hügelrücken, der die Seelaterne und das bescheidene Kirchlein Notre-Dame de Bon-Port trägt. Der Anblick, den man dort bei klarem, sonnigem Wetter genießt, ist geradezu überwältigend. Das Cap d'Antibes setzt sich so weit fort in das offene Meer, daß man von ihm aus, wie von einem Schiffe, das Land überblickt. Es trennt den Golf Jouan von der Baie des Anges und beherrscht so gleichzeitig die beiden Buchten. Im Westen wird das Bild von dem Esterel-Gebirge abgeschlossen, das in reicher Gliederung ganz unvermittelt aus dem Meere aufsteigt. Das Esterel erinnert in seinen Umrissen an das Siebengebirge, den Stolz unseres Rheinlandes, was sich aus dem vulkanischen Ursprung beider Gebirgszüge erklärt. Das vom Cap d'Antibes eine Stunde weit entfernte Cannes wird durch die Landenge der Croisette verdeckt, frei liegt hingegen vor ihm im Meere die Lerinische Insel St. Marguerite. Deutlich erkennt man auf ihr das Fort, in welchem einst der mysteriöse »homme au masque de fer« und neuerdings Bazaine eingekerkert waren. Es folgt an der Küste ein Ort auf den andern. Zunächst das Städtchen Golfe Jouan, in dessen wohlgeschütztem Hafen das französische Mittelmeer-Geschwader liegt. Zahlreiche Villen und Gärten decken die grünen Hügel, die sanft gegen das Meer abfallen. Nach Südwesten hin streckt das Cap d'Antibes noch einen Seitenarm in die Fluthen, und dieser trägt ein kleines Fort und das Grand Hôtel. Gegen Süden verliert sich der Blick in dem weiten Meer; gegen Osten kann er der Küste bis jenseits Bordighera folgen, wo diese endlich in dem Blau der Ferne schwindet. Im Halbkreis reihen sich an der Bai des Anges die Häuser von Nizza aneinander und versuchen es auch, die angrenzenden [pg 087] Hügel zu erklimmen. Im Vordergrund zeichnet sich grell das alte Antipolis, noch im mittelalterlichen Gewande, von steilen Mauern und Laufgräben umgeben und von dem malerischen Fort Carré beherrscht, das es zu Vaubans Zeiten erhielt. Nach Norden thürmen sich Berge auf Berge, um endlich in den schneebedeckten Alpen ihren verklärten Abschluß zu finden. So zeigt dieses Bild all das Erhabenste wieder vereinigt, was die Natur uns zu bieten vermag. Und wie wirkungsvoll zugleich ist der Gegensatz zwischen der unbegrenzten Fläche des Meeres und den bewegten Umrissen der himmelstürmenden Bergriesen; wie zart vermittelt die azurne Farbe des Wassers und das matte Grün der Küste, wie schroff abgesetzt das glänzende Weiß der Schneefelder von dem dunkeln Blau des Himmels! Wie athmet man frei in dem weiten Raum, welchen der Blick hier umfaßt; wie fühlt man sich geläutert durch die hehren Bilder, die sich in der Seele spiegeln!
Das kleine Kirchlein Notre-Dame de Bon-Port ist mit manchem ex voto geschmückt. Ringe und Ketten von Schiffen, kleine aus Holz geschnitzte Kähne, die an den Wänden hängen, deuten den Dank Jener an, denen es gelang, sich aus stürmischer See zu erretten. Am 8. Juli eines jeden Jahres ziehen die Schiffer von Antibes barfuß den Hügel hinauf und holen das Standbild der Mutter Gottes herab, um es in gleichem Aufzuge am nächsten Sonntag von Antibes wieder hinauf zu tragen.
Über das Grand Hôtel du Cap d'Antibes bildete sich ein ganz eigener Mythos. Es hieß, de Villemessant, der einst so bekannte Redacteur des »Figaro«, hätte den Bau veranlaßt, um ein Heim für Schriftsteller und Künstler zu schaffen. Dieselben sollten dort vereint ihren Arbeiten obliegen und durch die herrliche Umgebung zu bedeutendem Schaffen angeregt werden. Dieser Mythos war aber nur eine »Blague«, durch entsprechende Zeitungsartikel veranlaßt und durch eine »Expedition« großgezogen, die die Redaction des »Figaro« in diese Gegend unternahm. Auch scheint das treibende Motiv nur das gewesen zu [pg 088] sein, eine neue Station an der Riviera zu entdecken, von gleicher Rentabilität wie das rasch aufblühende Cannes. Man wollte es Lord Brougham nachmachen, von welchem der Reisebericht des »Figaro« vom 25. April 1867 erzählt, daß er die Stadt Cannes entdeckt habe – entdeckt insofern, als er dort Grundstücke zu 5 Sous den Meter vorfand, die sich bald zu 60 Francs verkauften. Der »Figaro« ließ es aber bei den schönen Plänen bewenden, und die projectirte »Villa Soleil« kam nicht zu Stande; wohl aber ließ ein Russe, der das Cap d'Antibes schon bewohnte, sich bestimmen, das große Hôtel du Cap zu erbauen. Das Unternehmen mißglückte, ein Pächter folgte dem andern, bis endlich das Haus geschlossen wurde. Erst jetzt, wo die Zahl der Reiselustigen so bedeutend zugenommen hat, stellen sich günstigere Bedingungen für das Unternehmen ein. Das Hôtel kam in sorgsame und geschickte Hände und wird sich voraussichtlich weiter gut entwickeln. Seine Lage ist einzig schön. Aus den Fenstern der Vorderseite hat man den vollen Blick auf den Golfe Jouan und das Esterel-Gebirge, während die Fenster der Rückseite nach den schneebedeckten Alpen schauen. Ein großer Garten umgibt das Gebäude und reicht bis zum Meer hinab. Er verliert sich in dem duftigen mediterranen Gestrüpp, und wo dieses aufhört, setzen nackte, zerrissene Felsen die schmale Landzunge fort. Unaufhörlich wälzt das Meer seine Wogen gegen diese Felsen, und heftiger Sturm jagt den Schaum der Wellen über dieselben hinweg. In tausend Klippen sind die steilen Abhänge des Caps zerrissen, bilden phantastische Stufen, Grotten, Buchten und Verstecke, und zu jeder Tagesstunde läßt sich an dem jähen Absturz eine Stelle finden, an der man, vor der Sonne und meist auch vor dem Winde geschützt, mit einem Buche in der Hand, sich niederlassen kann. Gelesen wird freilich kaum, denn die blauen Wellen schlagen fort und fort gegen die Steine und stören durch ihr Plätschern. Einmal berühren sie den Fels nur sacht, so daß man sie kaum hört, dann wieder schwellen sie an und plaudern so laut, als wollten sie vernommen werden. Zuweilen [pg 089] rollt die schwellende Fluth dicht heran, dann flieht sie wieder, und unwillkürlich folgt das Auge ihr nach. So lassen sich Stunden auf Stunden verträumen an dem steinigen Strande von Antibes, und unbemerkt verfliegt ein Tag nach dem andern. Die Nerven ruhen aus und sammeln neue Spannkraft für die gesteigerten Anforderungen der Zeit. – Ebenso wonnig wie auf seeumspülten Felsen lagert es sich zwischen den duftenden Sträuchern des Strandes mit dem blauen Zeltdach des Himmels über dem Haupte und einem begrenzten Stücke azurnen Meeres zur Seite. Man hat eine Decke über Myrten oder Rosmarinsträucher ausgebreitet und ruht nun wie auf einem Polster. Gewiß gehört es mit zu den hohen Reizen dieses bevorzugten Ortes, daß man aus dem Garten unmittelbar in die volle, reine, unverfälschte Natur gelangen kann. Denn die wohlriechenden Sträucher, die hier den Strand bedecken, sind nicht von Menschenhand gepflanzt. Sie bilden einen Vegetationstypus, der für das Mittelmeergebiet bezeichnend ist und den Namen Maquis führt. Immer mehr weichen diese Maquis der Cultur, namentlich an dieser stark bevölkerten Küste. Ueber größere Flächen ausgedehnt, findet man sie hier noch im Esterelgebirge. In voller Prachtentfaltung treten sie dem Reisenden erst auf Corsica entgegen.
Der Charakter dieser Maquis wird durch immergrüne Sträucher bestimmt. Selbst eine Anzahl baumartiger Gewächse nimmt in den Maquis Strauchform an. Bei der großen Mehrzahl dieser Sträucher ist die Laubentwickelung eingeschränkt worden, ja zum Theil geschwunden. Das Alles befähigt diese Pflanzen, langanhaltende Dürre auszuhalten. Im Frühjahr, wenn die nöthige Bodenfeuchtigkeit zur Verfügung steht, kommen sie gleichzeitig zur Blüthe und zaubern dann, auf sonst dürrem Boden, üppige Gärten hervor. Es walten in den Maquis die aromatischen Gewächsarten vor. Aus jedem Strauch, den man streift, befreit man ganze Ströme von Wohlgerüchen. Dem Boden, den man tritt, entlockt man eine Fülle flüchtiger Essenzen: Rosmarin, Thymian, Lavendel, Cistusrose, Myrte und Pistacie [pg 090] mischen ihre Düfte und erfüllen mit ihnen die Luft. Die Färbung der Maquis ist eine bräunlich-grüne, und erst die Blüthen beleben den einförmigen Ton. Sie treten auf in massenhafter Fülle. Das zarte Blau der Rosmarinblüthe gesellt sich dann dem grellen Gelb der Ginster, die helle Farbe der Ciströschen dem dunkeln Violett der Lavendel. Auf Corsica scheinen die Abhänge ein einziger Blüthenstrauß um jene Zeit zu sein, und der Wanderer wird von dem Duft berauscht, der diesem Blüthenmeer entströmt. Nicht ohne Grund behaupten die Schiffer, daß man Corsica im offenen Meere schon aus weiter Ferne riechen könne, und nach jenem würzigen Duft seiner Heimathsinsel sehnte sich auch Napoleon zurück auf St. Helena, vor seinem Ende.
Was noch von den Maquis am Cap d'Antibes erhalten blieb, ist freilich wenig, und doch kann man selbst auf jener kleinen Landzunge vor dem Garten des Grand Hôtel fast alle die Arten zusammenlesen, welche den Typus der Maquis bestimmen. Unter den strauchartigen Formen fällt zunächst der Rosmarin durch seinen Duft, seine blauen Lippenblüthen und seine steif linealen, unterseits weiß-filzigen Blätter auf. Man begegnet ihm dort überall. Das wohlriechende Öl verflüchtigt sich, wenn man seine Blätter zerreibt. Diese Pflanze zieht man auch bei uns in den Gärten, besonders für die Bienen, deren Honig sie ein feines Aroma verleiht. Ihre Verbreitung nördlich von den Alpen wurde durch das Capitulare Karl's des Großen 812 gefördert, welcher die Anpflanzung des »ros marinus« in den kaiserlichen Gärten befahl. Im Alterthum hat man den Rosmarin viel zum Winden von Kränzen benutzt und schmückte mit diesen die Bildsäulen der Laren. Im Mittelalter bemächtigte sich die Symbolik dieses immergrünen, duftigen Gewächses, und es wurde zum Sinnbild der Liebe, der Treue und des Todes. Als Sinnbild der Treue gilt es auch bei Shakespeare, der die wahnsinnig gewordene Ophelia sagen läßt: »Da ist Vergißmeinnicht, das ist zum Andenken: ich bitte Euch, lieber Herr, gedenket meiner – und da ist Rosmarin, das ist für die Treue.«
Neben dem Rosmarin steht am Strande von Antibes überall der Thymian. Er hält sich am Boden, über und über bedeckt mit kleinen rosafarbigen Blüthen. Etwas höher steigt an reich verzweigten Stämmchen ein anderer Lippenblüthler auf, die Lavandula Stoechas, und streckt ihre violetten Blüthenähren zwischen den schmalen, weichfilzigen Blättern empor. – Zahlreich drängen sich aneinander die Ciststräucher. Sie erreichen hier kaum über einen halben Meter Höhe und tragen an reich verzweigten Ästen ihre bräunlich-grünen, klebrigen Blätter. Die Art mit kleineren weißen Blüthen ist Cistus monspeliensis; die andere mit weit größeren rosenrothen Blüthen, Cistus albidus. Die weißen wie die rosenrothen Ciströschen sind äußerst zart, in der Knospe zusammengeknittert, mit zahlreichen gelben Staubfäden in der Mitte verziert. Sie welken äußerst rasch, wenn man sie pflückt, doch entfalten sich an Zweigen, die man in Wasser stellt, alsobald neue Blüthen. Die Ciststräucher tragen nicht wenig dazu bei, den Maquis von Antibes einen charakteristischen Geruch zu verleihen. Das Gummiharz, welches einige südeuropäische Cistus-Arten ausschwitzen, war unter dem Namen Ladanum oder Labdanum früher ein berühmtes, von griechischen Aerzten viel benutztes Heilmittel. Heute wird es nur noch zum Räuchern verwendet. – Wer aufmerksam den Boden zwischen den Ciströschen durchsucht, kann ein eigenthümliches Gewächs dort finden, einen Parasiten, der aus den Wurzeln der Ciströschen seine Nahrung zieht. Er fällt durch seine brennend gelb-rothe Färbung auf und heißt Cytinus hypocistis. Grüne Blätter fehlen ihm; er hat sie eingebüßt, da er sich nicht mehr selbständig zu ernähren braucht. Die Rafflesiaceen, zu denen dieser Cytinus gehört, sind im Übrigen Tropenbewohner. Sie leben parasitisch und entwickeln dabei zum Theil riesig große Blüthen. Die größte Blüthe der Welt wird von einer solchen Rafflesiacee, der Rafflesia Arnoldi, erzeugt, welche auf Sumatra den Wurzeln gewisser Cistus-Arten aufsitzt. Diese Blüthen können einen Meter im Durchmesser erreichen. – Den Ciströschen nahe verwandt [pg 092] sind die Sonnenröschen, Helianthemum-Arten, die auch unserer Flora nicht fehlen und in den Maquis hier und dort mit ihren zarten schwefelgelben Blüthen am Boden hervorschauen. – Wesentlich höher als selbst die Ciströschen wird ein stark bewaffneter Strauch mit gelben Schmetterlingsblüthen, die Calycotome spinosa. Diese verdient es wohl, eine nahe Verwandte der Genista acantoclada, jener Tartarusgeißel zu sein, deren wir früher erwähnten. Sie ist mit dornartigen, scharfen Seitenästen so dicht besetzt, daß man sie sorgfältig in den Maquis meiden muß. Weniger unzugänglich ist die nah verwandte Besenpfrieme (Spartium junceum), ein fast blattloser Strauch mit rutenförmigen grünen Ästen und großen gelben Blüthen. Aus diesen Binsenpfriemen werden Körbe, Netze, ja selbst Schuhe geflochten, der Bast wird zum Binden benutzt, auch eine Art Leinwand aus ihm dargestellt.
Sehr häufig in den Maquis ist die Mastix-Pistazie (Pistacia Lentiscus). Hier tritt sie nur als Strauch auf, während sie unter anderen Bedingungen auch zum Baume emporwachsen kann. Einen solchen schönen Lentiskenbaum, mit dichter, schirmförmiger Krone, kann man unweit vom Hôtel, im Garten einer Villa von der Straße aus bewundern, die nach Golfe Jouan führt. Die dunkelgrünen, paarig gefiederten, lederartig zähen, oberseits glänzenden Blätter sind für Pistacia Lentiscus charakteristisch; es zeichnet sie außerdem ein besonderer harziger Geruch aus. Die an sich sehr kleinen Blüthen fallen schon aus der Ferne auf, weil sie in dunkelrothen Trauben bei einander stehen. Dieses Gewächs liefert den altberühmten Mastix, doch kann derselbe nicht aus dem Strauchwerk der Maquis, sondern nur aus sorgsam cultivirten Mastixbäumen gewonnen werden. Diese gedeihen am Besten auf der Insel Chios und haben dieser Insel sogar den Namen der Mastix-Insel verschafft. Das Harz, welches aus künstlich ausgeführten Einschnitten, doch auch von selbst aus den Zweigen hervortritt, findet seine hauptsächliche Verwendung im Orient, wo es gekaut wird, ähnlich wie die [pg 093] Blätter des Betelpfeffers in Indien. Es heißt, daß Mastix das Zahnfleisch festige und den Athem parfümiere. Vornehme türkische Frauen bringen den ganzen Tag mit Mastixkauen zu. Bei uns wird wohl auch Zahnpulver aus dem Mastix bereitet, vornehmlich aber dient er zum Räuchern und zur Firnißbereitung.
Fremdartig muthet den Nordländer das Wolfsmilchbäumchen, Euphorbia dendroides, an, da wir doch unsere Wolfsmilcharten nur zu sehr bescheidener Höhe emporwachsen sehen. Diese Euphorbia-Bäumchen können an der Riviera zwei Meter Höhe erreichen und Stämme bilden, die man mit beiden Händen kaum zu umfassen vermag. Die Pflanze gabelt sich fort und fort während ihres Wachsthums und bildet eine gewölbte Scheindolde, die durch ihre gelbe Färbung von Weitem schon in die Augen fällt. Sie ist eine der eigenartigsten Pflanzenformen der Riviera. Man findet sie in den Maquis und auch sonst durch das Land zerstreut. Schon Dioskorides und Plinius war sie aufgefallen. Zur Zeit der Sommerdürre wirft sie ihre Blätter ab und steht kahl da, wie unsere Gewächse im Winter. Das Volk an der Riviera streut diese Wolfsmilchart ins Wasser, um die Fische zu betäuben, und über einen ähnlichen Brauch wird auch aus Griechenland berichtet. – Bedeutend steht diesem Wolfsmilchbäumchen an Größe eine andere Wolfsmilchart nach, die in den Maquis sich als niedriger Busch am Boden hält, die Euphorbia spinosa. Sie ist gelb gefärbt, wie die große Art und führt den Namen nach den abgestorbenen Zweigen, die in harte Spitzen auslaufen. – An ihren fleischigen, kleinen, dicht gedrängten Blättern, ihren weißbehaarten, überhängenden Zweigen, den kleinen, gelben, unscheinbaren Blüthen ist eine sonst seltene Thymelaeacee, die Passerina hirsuta, kenntlich. Auch die baumartige Heide, Erica arborea, fehlt nicht in den Maquis am Cap. Sie schmückt im Frühjahr ihre Zweige so dicht mit den kleinen glockenförmigen Blüthen, daß sie aus der Ferne ganz weiß erscheint. Der Erdbeerbaum (Arbutus Unedo) ist hier auch, doch nicht zahlreich, vertreten; seine erdbeerartigen [pg 094] Früchte werden auf den Märkten der Riviera feil geboten. Im Aussehen gleicht er der Heide kaum, entstammt aber doch derselben Familie. Die Übereinstimmung liegt nicht im Laub, wohl aber in den glockenförmigen Blüthen, die im Übrigen größer sind und in röthlich weißen Rispen abwärts hängen. Die immergrünen Blätter sind eiförmig, am Rande stark gezähnt; sie sehen wie Lorbeerblätter aus. Die Früchte reifen sehr langsam; man findet sie oft, mit neuen Blüthen zusammen, noch am Baume. Sie schmecken süßsäuerlich, doch fade, daher auch Plinius ihren Namen »Unedo« von »unum tantum edo« (nur eine esse ich) ableitete. Dem römischen Volke dienten Arbutuszweige als Zaubermittel. Mit ihnen wurden dreimal die Pfosten und Schwellen der Thüren berührt, um vampyrähnlichen Geschöpfen den Eingang zu wehren, die des Nachts den Kindern in der Wiege das Herzblut aussaugen sollten. Ein Zweig des glückverheißenden Weißdorns im Fenster des Schlafgemachs hielt auch die Unholde ab.
Überall drängt sich in die Maquis die immergrüne Steineiche, Quercus Ilex, ein. Sie bleibt dort strauchartig. Ihre eiförmigen, vorn zugespitzten Blätter sind an der Unterseite grau und an diesem Merkmal von den benachbarten Sträuchern zu unterscheiden. Die scharfe Zähnelung des Blattrandes kann auch fehlen. Außerhalb der Maquis ist die immergrüne Steineiche ein mächtiger Baum. Aus ihrem Laube wurde im alten Rom die Bürgerkrone geflochten, von der Plinius sagt, sie überstrahle alle anderen Kränze, selbst die kostbarsten, an Würde. An einzelnen Sträuchern der Maquis klettert eine zarte Spargelart (Asparagus acutifolius). Der holzige, biegsame Stengel, der an abstehenden blattlosen Seitenästchen kleine nadelförmige Zweige trägt, welche die Stelle der Blätter vertreten, wird viel zu Guirlanden benutzt, und öfters findet man an der Riviera Spiegel und Kronleuchter der Wohnräume von solchem Spargelkraut umwunden. Die jungen Triebe dieser Asparagus-Art genießt man wie unseren Spargel. In Sicilien werden in ähnlicher [pg 095] Weise als »Spargel« die jungen, wohlschmeckenden, schon im Alterthum geschätzten Triebe des stechenden Mäusedorns (Ruscus aculeatus) verzehrt.
Zu den Charakterpflanzen der Maquis gehört ferner der Phillyreastrauch (Phillyrea angustiflora), daher ich ihn nicht übergehen darf. Er erreicht ein bis zwei Meter Höhe und ist durch seine auswärts gerichteten, lineal-lanzettlichen, lederartigen Blätter und die kleinen, weißlichen, in sehr kurzen Trauben zusammengedrängten Blüthen ausgezeichnet. Dieser Strauch gehört zu derselben Familie wie der Ölbaum, dem er auch ein wenig ähnelt. – Botanisch sehr interessant als Vertreter der Cneoraceen, ist ein Strauch mit glänzenden grünen, lanzettförmigen Blättern und kleinen, gelben Blüthen, die zu zwei bis drei an den Enden der Zweige stehen: Cneorum tricoccum. Seiner eleganten Tracht wegen wird er auch in den Gärten der Riviera vielfach cultivirt; man sieht ihn sogar in den so raffinirt gehaltenen Casinogärten von Monte Carlo einen, wenn auch bescheidenen, Platz einnehmen.
Die mit großen, rothfarbigen Scheinbeeren beladene Wachholderart der Maquis ist Juniperus oxycedrus. Ihre Scheinbeeren werden im Orient und in Griechenland ganz wie die Scheinbeeren unseres Wachholders verwandt. Das Holz widersteht sehr gut der Luft und den Würmern und diente im Alterthum vielfach zur Darstellung von Götterbildern. – An offenen Stellen strebt vom Boden empor Globularia Alypum und trägt an den Enden der Zweige schöne blaue Blüthenköpfchen. – Wird der Boden so unfruchtbar, daß er andere Gewächse nicht zu ernähren vermag, so deckt ihn in dichtem Rasen die Caldonia alciornis, eine graue Flechte, die auch sonst über Europa, über Nordafrika, Nordamerika und einen Theil von Asien verbreitet ist.
Überall in den Maquis von Antibes begegnen wir der Myrte und der Strauchform des Ölbaums. Der Ölbaum paßte sich wie die Steineiche den Maquis an und wurde zum [pg 096] Strauch. Er veränderte sich so stark, daß ihn schon die Alten in dieser Form als Oleaster unterschieden. Der Oleaster wie die Myrte wagen sich ganz besonders weit an dem Strande vor. Sie trotzen dem heftigsten Seewind und werden von ihm so abgerundet, als hätte sie Menschenhand geformt. Ein Theil ihrer Zweige ist an der Seeseite kahl, zuweilen wirklich abgestorben. Die Zweige des Ölbaums, ein Sinnbild des Friedens, nehmen am Oleaster, in so exponirter Lage, dornartige Gestalten an. Sie spitzen sich zu, ragen so als scharfe Waffen an der Seeseite vor und machen den Strand dort unzugänglich. An der Landseite bewahrt die Pflanze gleichzeitig ihren friedlichen Charakter. Dieser unmittelbare Einfluß der Medien kommt auch in der Ausbildung der Blätter zum Ausdruck, die an der Seeseite sehr klein bleiben, an der Landseite weit bedeutendere Größe erreichen. – Bis zuletzt begleitet die Sträucher der Maquis am Strande die »italienische Stechwinde« (Smilax aspera) und findet Schutz zwischen ihren Zweigen. Blätter und Stengel dieser Schlingpflanze sind mit Stacheln besetzt, die ihr das Klettern erleichtern. Im Frühjahr ist die Stechwinde mit rothen Fruchttrauben geschmückt. Nach Blüthen muß man im Herbst suchen. Diese duften sehr lieblich; daher wurde blühende Stechwinde im Alterthum, mit Epheu in Kränze gewunden, oft bei Bacchusfesten verwendet.
Diese Aufzählung mag genügen, um Denjenigen, der Freude hat an den Erscheinungen der Pflanzenwelt, in das Leben der Maquis einzuführen. Er wird bald die einzelnen Pflanzenformen unterscheiden lernen, sie beim Wiedersehen als alte Bekannte begrüßen und innerhalb dieser duftigen Umgebung sich um so heimischer fühlen.
Auf dem schmalen Vorsprung, der, den Stürmen preisgegeben, hier noch einige hundert Meter weit das Cap fortsetzt, sieht man schließlich alles Pflanzenleben schwinden. Immer härter wird der Kampf, den die Gewächse in so exponirter Lage zu bestehen haben, und sein Einfluß macht sich in ihrem [pg 097] Aussehen kenntlich. Da alle über die Bodenfläche sich erhebenden Theile der Pflanze der Zerstörung ausgesetzt sind, sucht diese aus jeder Vertiefung des Bodens Vortheil zu ziehen. Sie breitet sich flach an der Erde aus, erhält knorrige, kriechende Stengel, eine ganz abenteuerliche Gestalt. Auffallend ähnlich wird das Aussehen solcher Gewächse demjenigen der Alpenpflanzen. Wir könnten, dem Vegetationsbilde nach, uns einige tausend Meter hoch über dem Meeresspiegel denken, reichten die blauen Wellen nicht fast bis an unsere Füße. Die verkrüppelten Gewächse der Maquis weichen allmälig den Strandpflanzen. Auch diese finden alsbald nur noch Schutz in Spalten oder hinter den Steinen. Dem nackten Felsen haftet aber noch an vielen Stellen, in Gestalt runder Flecke, eine gelbe Flechte, die Lecidea, an. Zuletzt dringt das Meer von allen Seiten zwischen die zerrissenen Felsen ein, und wir stehen ganz anderen Vertretern des Pflanzenreichs gegenüber, den form- und farbenreichen Seealgen, den Bewohnern des Meeres.
In vollem Contrast tritt uns dann bei der Rückkehr die Fülle südlicher Pflanzenformen in dem Garten des Hôtels entgegen. Vor dem Hause stehen Chrysanthemen (Chrysanthemum frutescens) von ganz seltener Schönheit. Sie bilden kugelige Sträucher von fast zwei Meter Höhe und sind mit Tausenden strahliger Blüthenköpfchen, wie mit weißen Sternen besetzt. Über die Mauern herab hängt mit ihren dicken, fleischigen Stengeln und Blättern die südafrikanische Mittagsblume (Mesembryanthemum acinaciforme), die ihre großen rothen Blüthen nur bei Sonnenschein entfaltet. In unmittelbarer Nähe des Hauses ist der so überaus große Garten wohl gepflegt, weiterhin aber sich selbst überlassen. Da entwickelt sich denn ein merkwürdiger Kampf um Raum, um Licht und Nahrung zwischen den Gewächsen aller Zonen, welche der Zufall hier zusammenführte. Die australischen Casuarineen werden von dem amerikanischen Pfefferbaum bedrängt, das japanische Pittosporum wehrt sich gegen die mediterrane Tamariske. Siegreich dringen [pg 098] aber gegen sie alle die beiden Kieferarten vor, denen wir überall an der Riviera begegnen, die zartnadelige Aleppokiefer (Pinus halepensis) und die derbnadelige Strandkiefer (Pinus Pinaster) und vermitteln den Übergang zu den Maquis.
Zwischen den Kiefern am Cap begegnet man, wie auch sonst an der Riviera, nur zu häufig einer Processionsraupe, der Raupe des Pinien-Processionsspinners, Cnethocampa Pityocampa. Diese schwarzen, braun gestreiften Raupen ziehen im Gänsemarsch zu Hunderten über die Wege. Die eine berührt die andere, und sie bilden so zusammen eine lange Schnur, eine lebendige Kette, die sich als Ganzes vorwärts bewegt. Unterbricht man die Kette, so bleibt der vordere Abschnitt derselben stehen, der hintere Abschnitt rückt nach. Hin und her tastend sucht die erste Raupe dieses hinteren Abschnittes wieder nach dem Anschluß. Gelang es ihr, die hintere Raupe des vorderen Abschnittes zu erreichen, so setzt sich die ganze Kette wieder in Bewegung. Diese Raupen richten großen Schaden an Kiefern und auch Pinien an, sie berauben sie oft vollständig ihrer Nadeln. Des Tags halten sie sich in jenen großen grauen Gespinnsbeuteln auf, die an Kiefern und Pinien so in die Augen fallen, und in der Sonne seidig glänzen. Des Nachts verlassen sie das Nest, um auf Futter auszugehen. Jene Raupen, denen man am Boden begegnet, suchen nach einer passenden Stelle, um sich in der Erde zu verpuppen. Man darf weder die Raupen noch ihre Nester berühren, da die in die Haut eindringenden Haare derselben gefährliche Entzündungen veranlassen. Daher auch Leute, welche die Nester von den Bäumen entfernen, um sie zu verbrennen, sich gegen den Wind stellen und auch sonst sehr vorsichtig zu Werke gehen. Als bestes Verfahren gilt, Petroleum in die Nester zu gießen, ohne sie zu entfernen. – Die hängenden Nester dieser Raupen und ihre langen Züge sind so auffällig, daß sie wohl jeder Reisende an der Riviera bemerkte. Nur wenige werden hingegen Gelegenheit haben, die Spinner kennen zu lernen, die sich aus den verpuppten Raupen entwickeln. [pg 099] Sie sind auch weder auffällig noch schön, grau, mit einigen dunkleren Flecken und Streifen. Sie fliegen im Hochsommer, legen ihre Eier an die Unterseite der Kiefernadeln und bedecken sie mit dünnen silbergrauen Schuppen.
X.
Ein Stück unverfälschte Maquis bietet uns auch das weite Grundstück, östlich neben dem Hôtel. An Sonntagen steht das Thor den ganzen Tag offen, um den Zugang zu der englischen Kapelle zu ermöglichen, die sich innerhalb dieses Grundstücks befindet. Auch sonst gestattet die Besitzerin gern den Besuch. Der schöne Garten, der das Wohnhaus umgibt, ist nur wenig ausgedehnt, der meiste Boden noch in seinem früheren Zustand. So gelangt man nach Eintritt in die Besitzung durch immergrüne Sträucher, üppige Erica-Büsche und mächtige Euphorbien, bis zum Meeresstrande. Dieser ist hier besonders schön gestaltet und hat schon manchem Maler als Vorwurf gedient: Steil aufsteigende und zerrissene Felsen, vom Meere umspült, vielfach an die Faraglioni von Capri erinnernd. Der Besitzer James Close liebte dieses Stück Erde so sehr, daß er sich hier begraben ließ. Der Ausblick zwischen den Felsen nach dem Esterel und ins weite Meer ist großartig und entzückend. Auch lauscht man gern dem Rauschen des Wassers, das sich in den tiefen Felsenspalten hebt und senkt und forscht dem bunten Leben nach, das hier im Schatten der Steine aus den Tiefen des Meeres zum Lichte emporsteigt.
XI.
Wer am Cap d'Antibes einen Seesturm erlebte, wird den Eindruck nie vergessen. Für das schlechte Wetter, welches er zuvor erleiden mußte, wird er bald durch den Anblick des entfesselten Elements entschädigt. Ein starker Wind bläst zunächst vom Meere aus; das ist Scirocco. Die Luft wird unendlich klar, und alle Gegenstände rücken in die Nähe. Die Umrisse [pg 100] der Berge sind wie mit Bleistift am Himmel gezogen. Sucht man sich vor dem Wind zu decken, so empfindet man beklemmende Schwüle. Dann beginnt der Horizont sich in rothgrauen Dunst zu hüllen. Die Macht des Windes läßt nach, und es trübt sich der ganze Himmel. Bald hört man große Regentropfen gegen die Scheiben schlagen. Das hält wohl einige Tage an. Die Temperatur ist stark gesunken, die Luft bleibt trotzdem drückend. In den Zimmern sehnt man sich nach dem warmen Ofen seiner Häuslichkeit zurück. Doch schon am nächsten Morgen wacht man auf, geblendet von dem leuchtenden Blau des Himmels. Man eilt hinaus und athmet mit voller Brust die erquickende Luft ein. Noch glänzen alle Pflanzen von dem frischen Regen, und wie Diamanten fließen funkelnde Tropfen von den Blättern ab. Die Brandung aber stürmt mit Gewalt gegen die Felsen der Küste, als wenn sie dieselben zerschmettern wollte. Weithin vernimmt man das donnerartige Getöse des Angriffs. Die Spitze des Caps ist nicht zu erreichen, denn die Wellen fegen darüber hinweg. Fern am Horizont steigt die Welle auf wie eine geschlossene Mauer; auf ihrem Wege schwellend und wachsend, wälzt sie sich gegen das Land, um zerschmettert und von weißem Schaum ganz bedeckt wieder zurückzurollen. Sie trifft auf eine andere Welle, die ebenso drohend nahte, und beide sieht man verschwinden. Da wird es plötzlich still. Ein Wellenberg ist auf ein Wellenthal gestoßen, beide glichen sich aus. Doch wenn Wellenberge zusammentreffen, dann schwillt die stürmende Woge so mächtig an, daß sie ächzend sich überschlägt und mit gewölbtem Rücken auf die Felsen wirft. Ungeheuere Wassermengen werden dann in die Luft geschleudert, und See und Himmel scheinen in demselben Chaos zu verschmelzen. Mit dumpfem Knall, wie von schwerem Geschütz, fangen sich die Wellen in den Grotten, die sie selbst in den Stein sich gruben; wie ein Jammern und Stöhnen klingt es durch das Cap von den vielen Wasserfäden, die sich in den Gängen zwischen den Felsen verirrten und, in hastigem Lauf über die Steine stürzend, ihren [pg 101] Weg nach dem Meere suchen. Von dem anstürmenden Element allseitig umgeben, glaubt man sich fast ins offene Meer versetzt und ist ganz von dem Schauder des Sturmes ergriffen. Wie wohlthuend wirkt da zugleich der feste Boden unter den Füßen!
Tage vergehen, bevor die Erregung des Meeres sich legt und die weite Wasserfläche wieder Ruhe und Frieden athmet. Und täglich ist es ein anderes, wenn auch immer das gleiche, und täglich fesselt es uns von Neuem und entzückt unser Auge, dieses göttliche Meer.
XII.
Wer am Cap d'Antibes im Bergsteigen sich üben möchte, bleibt auf den nur hundert Meter hohen Bergrücken angewiesen, der die Seelaterne und die Notre-Dame de Bon-Port trägt. Doch sind die Spaziergänge längs der Buchten, an den Abhängen der Hügel und zwischen den Gärten so mannigfaltig, daß man sie täglich ändern kann. Stets wird man durch eine neue Aussicht auf die Küste, das Gebirge, die Schneegipfel der Alpen, durch malerische Felsgruppen am Strande oder durch besonders schöne Vegetationsbilder überrascht. Selbst die sonst so eintönige Wanderung auf einer Landstraße wird hier zum Genuß. So wenigstens auf der Landstraße, die das Cap durchschneidet. Denn diese führt an endlosen Pflanzungen von Anemonen, Ranunkeln, Goldlack, Levkojen, Tazzetten und Reseda vorbei. Besonders fesselt das Auge die Pracht der Ranunkeln und Anemonen, die man schöner und farbenreicher nirgends sehen kann, während der Geruchssinn zugleich umfangen wird von dem Dufte, der dem übrigen Blüthenmeer entströmt. Zu jenen Blüthen im Felde gesellen sich hier in großer Zahl auch die Blüthen der Lüfte, die Schmetterlinge. Rothgefleckte Aurorafalter fliegen rasch vorüber; langsam wiegt sich hin und her der schwarz gestreifte, gelbe Segelfalter; am meisten fällt aber durch ihre Schönheit die Cleopatra auf, ein südeuropäischer, [pg 102] schwefelgelber Citronenfalter mit orangeroth abgetönten Vorderflügeln.
Das Cap von Antibes versorgt jetzt mit seinen Blumen die nächsten Märkte der Riviera und versendet sie auch in großen Mengen täglich nach dem Norden. Wie groß der Verbrauch an Blumen an der Riviera selbst geworden ist, wird Jeder beurtheilen können, der die Blumenmärkte der Städte dort besuchte und einigen Blumenfesten beigewohnt hat. Die Blumenausfuhr nach dem Norden hat andererseits riesige Ausdehnung angenommen. Thatsächlich reicht diese Art Blumencultur an der Riviera nicht über 1850 zurück, früher wurden die Blüthen nur zum Zwecke der Parfümerie gezogen. In der nächsten Nähe von Toulon beginnen die Pflanzungen und reichen bis nach Genua; die französische Seite der Riviera ist in einen einzigen Blumengarten schon verwandelt. In Ollioules bei Toulon werden Unmengen römischer Hyacinthen gezogen und wandern abgeschnitten nach den nordischen Städten, bevor die holländische Hyacinthe dort erscheint. In Ollioules gibt es auch Narcissen, Jonquillen, Tazzetten, weiße und rothe Nelken. In der Gegend von Cannes und Grasse herrschen die Anemonen und Ranunkeln vor. Sie zeigen ungeahnte Größe und seltene Farbenpracht. Nicht minder staunt man über den Umfang, den Nelken, wie der Dianthus Caryophyllus flore pleno, var. Marguerite, hier erreichen können: manche Blüthe sieht aus, als wenn sie ein kleiner Blumenstrauß wäre. Zu diesen Pflanzen gesellen sich die Theerosen. Unter ihnen herrscht die sattgelbe Safrano vor, die auch rauhe Witterung gut verträgt und selbst im December ihre Blüthenknospen treibt. Gleich genügsam sind manche Monatsrosen, die weiße Bengal-Ducher und die rothe Bengal-Sanglant, die demgemäß auch bevorzugt werden; doch an stark besonnten Mauern und unter Glasdächern, die in Cannes und Antibes große Bodenflächen decken, gedeihen die empfindlicheren Rosen, so auch Maréchal Niel, Marie van Houtte, Gloire de Dijon, Souvenir de la Malmaison, Paul Nabonnand, La France und [pg 103] wie sie sonst heißen, jene Rosen, die auch unsere Blumengärten im Sommer zieren. Hunderttausende solcher Blüthen entfalten sich im Frühjahr an einem und demselben Tage in Cannes und Antibes, oft ohne daß noch eine Möglichkeit vorhanden wäre, sie alle zu verwerthen. – In Cannes steht jetzt auch die Acacia dealbata in schwungvoller Cultur und wandert nach dem Norden. Ihre runden Blüthenknäuel, in Traubenform vereint, und die zart gefiederten Blätter haben ihr im Handel den Namen Mimose verschafft. Der Baum wächst erstaunlich rasch, so daß er in fünf bis sechs Jahren wohl zehn Meter Höhe erreicht. Er ist dann schon im Januar mit gelben Blüthen über und über bedeckt. Nach Deutschland gelangt viel Acacia retinoides, die runde Blüthenknäuel wie die andere Art besitzt, doch einfache lederartige lancettförmige Blätter trägt. Eigentlich sind jene Blattgebilde nicht ganze Blätter, vielmehr hat der wissenschaftliche Vergleich gelehrt, daß die Blattfläche bei diesen Acazien schwand und der Blattstiel sich spreitenartig erweiterte. Wir nennen solche Gebilde Phyllodien. Auch Acacia longifolia, die man viel in nordischen Blumenläden sieht, ist mit solchen Phyllodien versehen. Man erkennt sie leicht daran, daß ihre Blüthen nicht zu runden Knäueln, sondern zu raupenförmigen Kätzchen vereinigt sind. Alle diese Acazien blühen gelb, sie folgen in der Jahreszeit auf einander, zuletzt kommt Acacia cultriformis, die erst im März an der Riviera im Blüthenschmuck prangt. Ihre Blüthenstände sind wiederum rund, die Phyllodien aber kurz und breit, zugleich rautenförmig. – Allen Blumensendungen nach dem Norden pflegt man die überall beliebte Reseda beizulegen. Veilchen vertragen schlecht eine weite Reise, werden aber an der Riviera selbst in Unmengen verbraucht, dort auch mit Syrup getränkt und zu Dragée's verarbeitet. Dann versendet man auch blaue Kornblumen, Tuberosen, Goldlack und Levkojen, Gladiolen und weißblühendes Allium, Ixien und die duftenden Freesien. An der Riviera selbst fällt dem Fremden in den Schaufenstern der Blumenläden eine große graue Iris auf, die ganz fein purpurn [pg 104] gesprenkelt ist, eine wahre Trauerblume, die Iris Susiana. Von den großen weißen oder gelben Chrysanthemen (Chrysanthemum frutescens) werden die Blüthen auch viel verwandt, besonders die gelben, die als Étoile d'Or bekannt sind. Sie wandern vornehmlich nach England. Die Expedition dieser Blume reicht bis in den Juni hinein, so lange, als in London die Saison dauert. Man hat berechnet, daß von allen diesen Blumen Cannes und Antibes zusammen in einem Winter für mehr als eine Million Francs nach dem Norden versenden; viel mehr noch wird an der Riviera selbst verkauft.
Die überaus starke Concurrenz veranlaßt strebsame Geister, nach immer neuen »Schöpfungen« für den Blumenmarkt zu sinnen. So erschienen plötzlich in den Centralhallen von Paris als »Neuheit« grüne Nelken. Solche hatte man in der That bisher nicht gesehen, es sei denn auf den Bildern der Impressionnisten. Es ergab sich, daß auch diese grünen Nelken nicht ganz unverfälschte Naturproducte waren. Man erhält sie, indem man abgeschnittene weiße Nelken einen ganzen Tag lang, ja selbst länger, in eine grüne Farbstofflösung stellt. Soll der Versuch gut gelingen, so muß der Stengel innerhalb der Lösung frisch durchschnitten werden. Man kann in gleicher Weise die eine oder die andere Färbung erlangen, nur gilt es, Farbstoffe zu wählen, welche gut in der Pflanze aufsteigen. Am leichtesten gelingen Rothfärbungen weißer Blüthen mit Eosin.
Am Freitag Nachmittag beleben sich plötzlich die Straßen am Cap. Da kommen von allen Seiten Equipagen und bringen Besucher nach Elen Rock, dessen Garten an jenem Tage geöffnet ist. Dieser Garten nimmt einen Vorsprung ein östlich vom Cap. Er liegt zum Theil auf schroffen Felsen, die senkrecht gegen das Meer abfallen. Stufen und Gänge innerhalb dieser Felsen führen hinunter bis zur Meeresfläche. Der Garten bietet herrliche Aussichtspunkte und ist auch reich an schönen Pflanzen, doch macht er einen etwas gekünstelten Eindruck innerhalb der so großartigen Umgebung.
Am Dienstag ist vom frühen Morgen an der Thuret'sche Garten geöffnet, derselbe, der einst George Sand so sehr entzückte. Er dient jetzt der französischen Regierung als Acclimatisationsgarten und enthält sehr viele werthvolle Pflanzen. Manche Arten, die wir in La Mortola schon bewundert haben, finden wir hier in noch größeren Exemplaren wieder. Die berühmte, von George Sand gefeierte Aussicht ist leider geschwunden, verdeckt von den heranwachsenden Bäumen.
Von dem Thuret'schen Garten läßt sich gleich abwärts, in westlicher Richtung, der Weg nach dem Golfe Jouan einschlagen, und so kann man in den Pinienwald gelangen, der sich längs der Küste dort hinzieht. Dieser Pinienwald war einst der Stolz des Caps, jetzt ist er nur noch in Überresten vorhanden. Eine Actiengesellschaft hat die ganze Landstrecke angekauft, eine breite Straße, die Cannes mit dem Cap d'Antibes verbindet, durch den Pinienwald gelegt, diesen selbst parcellirt und mit Eisendraht umzogen. Doch steht manche mächtige Pinie noch da, und in ihrem Schatten gelingt es wohl, sich in die alte Herrlichkeit zurückzuträumen.
XIII.
Die zweite Aprilhälfte war inzwischen angebrochen, und die Pflicht rief mich wieder heim. Ein klarer, wundervoller Frühlingstag ging zur Neige, und ich beschloß, vor Sonnenuntergang noch einmal den Leuchtthurm aufzusuchen. Die Sonne schickte sich an, hinter dem Esterelgebirge zu verschwinden und tauchte dessen dunkelblaue Gipfel in Gold und Purpur. Bald deuteten nur noch lange Lichtstreifen den Weg an, den sie genommen. Trotz seines hehren Glanzes konnte mich dieses Bild nur wehmüthig stimmen: es steigerte die Empfindung des Abschiedes. Ich wandte meine Blicke den Bergriesen zu, die mit phantastischem Umriß sich von dem östlichen Himmel abhoben. Sie begannen im Abendroth zu glühen. Es war ein Anblick, so erhaben, daß man sich in demselben ganz verlieren konnte, von jener weltumfassenden [pg 106] Sehnsucht ergriffen, die uns mit dem All verbindet. Jedes persönliche Empfinden war gewichen vor dem mächtigen Gefühl, sich Eins mit dieser göttlichen Natur zu fühlen. – Immer weiter und weiter dehnten sich die Schatten aus über das Land: sie begannen emporzusteigen an den Hügeln, an den Bergen, sie drangen ein in die Tiefe der Thäler und löschten die glühenden Lichter aus an den Hütten und Palästen. Die ganze Natur schien sich in tiefen Schlaf zu versenken. Bald waren es nur noch einzelne Segel im weiten Meere und die schneebedeckten Gipfel der Alpen, die im rosigen Schimmer glühten. Dann legte sich ein schwarzer Schatten auch über das Meer, und nur den Riesen da oben war es vergönnt, die Königin des Lichtes noch zu schauen. Wie von innerem Feuer entbrannt, schwebten sie jetzt in überirdischer Glorie.
Dieses Bild wollte ich in meinem Innern festhalten als letzten Eindruck von der Riviera, und mit geschlossenen Augen trat ich den Rückweg an. Als ich mich endlich umsah, hatten die Schatten der Nacht sich bereits über die Hügel gelagert und die Umrisse der Dinge in geisterhaften Schemen verwischt. – Hoch oben aber ragte der Leuchtthurm in die Lüfte. Vom Wächter entzündet, strahlte er jetzt wie ein großer Stern weit über Land und Meer, ein Ziel der Sehnsucht für Alle, die jenes herrliche Stück Erde einmal gesehen.