2. Die Geselligkeit ausser dem Hause.
In keinem Punkte hat wohl das Leben der norddeutschen grösseren Städte in den letzten vierzig Jahren so auffallend seine Physiognomie verändert, als in der Verlegung eines grossen Theils der Geselligkeit an öffentliche Orte. In den vierziger Jahren bot zum Beispiel Berlin dem Erholung suchenden Publikum zwar im Sommer eine Anzahl primitiv eingerichteter öffentlicher Gärten, im Winter aber fast nur eigentliche Speisehäuser, Weinstuben, Conditoreien und Weissbierlokale, und für die niederen Stände „Tabagien“ und „Tanzböden.“ In den Speisehäusern entwickelte sich eine Geselligkeit fast nur gelegentlich durch eine Tischgemeinschaft, die sich ihrer Natur nach auf Junggesellen beschränkte; die Conditoreien, die als Kaffeehäuser benutzt wurden, dienten dabei zugleich als Lesekabinets und liessen deshalb geselligen Verkehr unter den Gästen nicht aufkommen; so blieben für die besseren Stände fast nur die Weinstuben und die wenigen anständigen Weissbierlokale übrig, welche von Frauen noch durchaus gemieden wurden. Der erste Umschwung in diesen Zuständen erfolgte durch die Einführung der bayerischen Bierlokale und Biergärten, der zweite durch diejenige der Wiener Kaffeehäuser; beide fanden den Boden dadurch vorbereitet, dass durch die Verdoppelung und Verdreifachung der städtischen Miethspreise die Menschen genöthigt worden waren, enger zusammengedrängt zu wohnen, also weniger Raum in der eigenen Häuslichkeit für gesellige Zwecke frei hatten und dafür Ersatz ausser dem Hause suchten. Als zweiter begünstigender Umstand aber kam hinzu, dass der Luxus in der Bewirtung von Gästen in diesem Zeitraum in einer Weise gestiegen war, welche es dem Mittelstand fast unmöglich machte, häufiger Gäste bei sich zu sehen; infolge dessen beschränkte man die häusliche Geselligkeit in diesen Kreisen, wenn man nicht gleich ganz auf dieselbe verzichtete, mehr und mehr auf wenige repräsentative „Abfütterungen“ und verlegte die eigentliche, der Erholung dienende Geselligkeit an öffentliche Orte, wo jeder für sich selbst zu bezahlen hat.
So erklärlich diese Umwandlung ist, und so sehr sie mit dem demokratisch nivellierenden und durcheinander schüttelnden Zuge unsrer Zeit harmonirt, so fragt sich doch, ob sie uns dem Ideal der Geselligkeit näher geführt oder ferner gerückt hat, und ob sie den angestrebten Zweck „Gewinnung eines möglichst grossen geselligen Behagens bei möglichst geringem Kostenaufwand“ auch wirklich erreicht hat. Beides muss leider verneint werden.
Zunächst liegt die Gefahr in der öffentlichen Geselligkeit, dass sie die Geschlechter voneinander sondert und die Stellung der Frauen noch ungünstiger macht, als sie ohnehin schon ist. Der Mann hat eine scharf gegeneinander abgegrenzte Arbeitszeit und Mussezeit; die Frau, welche dem Hauswesen vorsteht und die Kinder beaufsichtigt, nicht, wenigstens ist ihre ganz freie Mussezeit sehr viel knapper bemessen. Der Mann kann täglich die Abendstunden nach vollbrachter Tagesarbeit der geselligen Erholung widmen, gleichviel wo, die Frau nur, wenn sie im Hause ab- und zugehen und nach dem Rechten sehen kann. Der Mann hat nur die Wahl, entweder seine Erholung an öffentlichen Orten allein zu suchen und die Frau zu Hause zu lassen, oder ausser der Frau noch die Kinder mitzunehmen, oder den Ausgang auf eine viel knapper bemessene Zeit zu beschränken, als ihm seine Musse gestattet. Geht er allein, so versimpelt die Frau in der Vereinsamung des Hauses und in der täglichen Arbeits-Tretmühle der Wirthschaft, die Kinder lernen den Vater als nicht zur Familie gehörig betrachten, und dieser selbst entfremdet sich der Familie und dem Geschmack an den Familienfreuden. Geht er mit der Frau ohne die Kinder, so leiden diese darunter doppelt und zugleich leidet das Hauswesen dabei; geht er mit Frau und Kindern, so leidet das Hauswesen nicht weniger, so wird die ganze Familie dem Hause entrückt und entfremdet, und werden die Kinder durch die frühzeitige Einführung in die zerstreuende Unruhe des öffentlichen Lebens sittlich geschädigt.
Bei der Beschränkung der öffentlichen Geselligkeit auf die Männer pflegen die Frauen sich in einem ausschliesslich weiblichen Verkehr in Kaffeekränzchen u. s. w. eine gewisse Schadloshaltung zu suchen; aber die Männer leiden selbst auf die Dauer am meisten unter dieser Isolirung der Geschlechter, weil die Frauen, die vom geistigen Verkehr mit Männern wie im Orient und im Alterthum ausgeschlossen sind, auch unfähig werden müssen, dem Mann im Hause geistige Anregung und entgegenkommendes Verständniss zu bieten. Das andere Extrem, die Herabwürdigung des Hauses zur blossen Schlafstelle und das Herumtreiben in den Bierlokalen mit Kind und Kegel, ist freilich noch schlimmer, und die scheinbare Mittelstrasse ist thatsächlich nur der Uebergang von einem Extrem zum andern. Wie hauptsächlich in dem gegenseitigen Verkehr der Geschlechter die bildende, sittigende und veredelnde Macht der Geselligkeit liegt, so steckt in dem eigenen Heim, in dem sich Heimischfühlen im eignen Hause, die Wurzel alles Heimathgefühls und Familiensinns. Es mag bequemer sein, sich in der ausschliesslichen Geselligkeit mit dem eignen Geschlecht ungenirt gehen zu lassen, aber das intimere Behagen und die feinere Befriedigung des Geselligkeitsbedürfnisses ist doch erst da zu finden, wo mit Ueberwindung dieses Trägheitsmoments die geschlechtliche Polarität der geistigen und gemütlichen Eigenschaften zur Spannung und Entladung gelangt. Erst diese Form der Geselligkeit fördert den ganzen Menschen und entfaltet alle in ihm schlummernden geselligen Anlagen zur höchsten und verfeinertsten Genussfähigkeit.
Wie steht es nun mit dem Behagen an einem öffentlichen Ort im Vergleich zu demjenigen in einem Privatraum, wenn wir gleiche Zusammensetzung der Gesellschaft annehmen? Welche Anstrengung kostet es einem zarter besaiteten Sinn, bei dem Gemisch von Speiseduft, Bierneigengeruch, Tabaksqualm und Stickluft, wie es in den meisten Lokalen herrscht, ein Behagen an der augenblicklichen Lage auch nur aufkommen zu lassen! Und noch mehr als die Nase und die Athmungsorgane ist in der Regel das Ohr beleidigt, welches die Unterhaltung der Tischgenossen trotz allen Summens vom Gespräch der Nachbartische, trotz Kellnergetrappel und Tellergeklapper auffangen soll. Welche Luft herrscht in den unterirdischen Lokalen einer Grossstadt, welcher Lärm in den modernen Prachtsälen für zahllose Gäste! Sondert man sich mit seinen Freunden in ein eigenes Zimmer ab, so sitzt man in der Regel noch enger eingepfercht, als in der eignen Wohnung und dabei doch auch ungemüthlicher; benutzt man dagegen mit vielen andern Gesellschaften einen gemeinsamen Raum, so zerstört das ohrenbeleidigende Geräusch jede mögliche Illusion traulicher Abgegrenztheit und Geschlossenheit der eignen Gruppe.
Aber auch die Verbilligung der Geselligkeit durch Verlegung derselben an öffentliche Orte ist eine Täuschung. Wenn der Mann allein ausgeht und die Frau jede Geselligkeit entbehren lässt, so mag er allenfalls etwas billiger fortkommen, als wenn er mit der Frau gemeinsam häusliche Geselligkeit pflegte, obwohl auch das noch zweifelhaft ist; die etwaige Ersparniss ist dann aber ganz allein durch die Entbehrungen der Frau erzielt. Wo Mann und Frau zusammen ausgehen, werden sie allemal bei der Jahresabrechnung herausfinden, dass sie erheblich mehr bezahlt haben, als wenn sie dieselben Speisen und Getränke zu Hause verzehrt oder mit andern Familien ausgetauscht hätten, und dass sie für die gehabte Mehrausgabe sich zu Hause eine erhöhte Ausgabe für Wohnungsmiethe und Bedienung hätten gestatten können.
Da man im Durchschnitt nicht annehmen kann, dass diese Thatsache sich der Kenntniss der Menschen entzieht, so wäre es räthselhaft, dass sie trotzdem aus dem Behagen des eignen Hauses in frostige Prachträume oder kahle Spelunken flüchten, wenn nicht die eigentliche Lösung des Rätsels in dem Umstand zu suchen wäre, dass ihre Eitelkeit sie hindert, ihren Gästen dasselbe vorzusetzen, womit jeder am öffentlichen Orte vorlieb nimmt. Wo jeder Gast für sich selbst Speisen und Getränke auswählt und bestellt, übernimmt er auch die Verantwortung dafür, sich mit der vorgefundenen Beschaffenheit und Güte derselben begnügen zu wollen; wo der Wirth den Gästen die Speisen auftischt, trägt er die Verantwortung, dass sie allen genügen werden. Die eitle Prahlerei, sich gegenseitig überbieten zu wollen, die Narrheit des Speiseluxus ist es also in letzter Instanz, was die häusliche Geselligkeit des Mittelstandes zu Gunsten einer öffentlichen aufopfert, und die Feigheit jedes einzelnen zur Umkehr, die mutlose Scheu, als erster auf den Weg der Vernunft zurückzukehren, sie sind es, welche diese unbehaglichen und bedenklichen Missstände aufrecht erhalten und immer wieder befestigen und steigern. Man wage doch nur, seinen Gästen dasselbe zu bieten, was sie am öffentlichen Ort vom Kellner fordern, und alle Gefahren der ungesunden öffentlichen Geselligkeit sind mit einem Schlage beseitigt. Es brauchen sich zur Anbahnung der Umkehr nur ein paar befreundete Familien über diesen Grundsatz zu einigen, und der Anfang ist gemacht; sie mögen aber auch ja nicht vergessen, namhafte Konventionalstrafen zu vereinbaren für jede Hausfrau, welche dem Kitzel des Ueberbietens in der Bewirthung nicht sollte widerstehen können, denn sonst ist mit Sicherheit darauf zu rechnen, dass binnen Jahr und Tag jede solche Vereinigung sich auflöst und ihre Mitglieder reuig in die verlassene Kneipe zurückkehren.
Die öffentliche Geselligkeit ist um so behaglicher, je geschlossener sie ist und je mehr sie sich der familiären Geselligkeit im eigenen Hause annähert. Am meisten ist dies im Club der Fall, der dem Junggesellen, wenigstens so lange er gesund und rüstig ist, in hohem Maasse Ersatz für die mangelnde Häuslichkeit und Familiengeselligkeit gewähren kann. Aber auch dem Club haftet doch trotz allem Comfort der sociale Nachtheil der Geschlechtertrennung an, und desshalb kann die Clubgeselligkeit, wenn sie sich in die Zeit der Verheirathung der Männer überträgt, oder wenn sie gar dieselben von der Verheirathung abhält, durchaus nicht als ein geselliges Ideal betrachtet werden. Für verheirathete Männer konnten die Clubs nur in einem Lande und unter einem Volksstamm zu höherer Blüthe gelangen, in welchem die Familien als solche, und namentlich deren weibliche Mitglieder, keinen rechten Sinn und kein ausgesprochenes Talent für unbefangene heitere Geselligkeit haben, und desshalb ganz zufrieden damit sind, sich in den Burgfrieden des behaglich eingerichteten eigenen Hauses zurückziehen zu dürfen.
Insoweit die Zunahme der öffentlichen Geselligkeit aus der wachsenden Wohnungsnoth der Städte entspringt, ist sie natürlich nur in dem Maasse rückgängig zu machen, als die Wohnungsfrage gelöst oder doch in normalere Bahnen zurückgelenkt wird. Dies gilt namentlich für die niederen Stände, denen man unmöglich zumuthen kann, in ihrer Wohnung ihre gesellige Erholung zu suchen, so lange dieselbe nur aus Schlafstuben und Küche besteht; es gilt aber auch für alle Stände im Sommer, so lange die Stadtwohnungen keinen Garten haben, in welchem sich die Familie mit ihren Abend-Gästen behaglich der frischen Luft erfreuen kann. Sobald die Arbeiter-Wohnungsfrage in dem Sinne gelöst sein wird, dass der Arbeiterfamilie wieder eine Wohnstube zur Verfügung steht, wird auch die Aushäusigkeit in Arbeiterkreisen wieder abnehmen, und diese Lösung zu finden ist ein Haupterforderniss für unsere Zeit. Sobald die gartenlosen Stadtviertel nur dem geschäftlichen Treiben des Tages dienen, und jede Familie sich wieder der Gartenbenutzung als Zubehör ihrer Wohnung erfreut, wird auch das Bedürfniss der Geselligkeit in öffentlichen Biergärten wieder in Wegfall kommen. Für den Stand der Junggesellen werden natürlich immer öffentliche Lokale für abendliche Geselligkeit ein gewisses Bedürfniss bleiben, ebenso gut wie Speisehäuser für den Mittagstisch; aber auch dieses Bedürfniss wird sich verringern, je mehr die Junggesellen wieder zu einer naturgemässen früheren Verheirathung schreiten, und je mehr die jüngeren unter ihnen wieder Anschluss an die ihnen jetzt fast verloren gegangene Familiengeselligkeit suchen.
VI.
Die Wohnungsfrage.
Die alte Regel des Lord Chesterfield: „Kleide dich nach deinem Stande, speise unter deinem Stande, wohne über deinem Stande!“ hat auch heut noch ihren guten Sinn. Die Einfachheit und Bedürfnisslosigkeit wird in der Ernährung zu einem hygieinischen und volkswirthschaftlichen Gewinn, in der Wohnungsweise zu einer hygieinischen und socialethischen Gefahr. Kaum etwas andres unter den Aeusserlichkeiten der Lebensgewohnheiten eines Volkes oder Standes ist von so tiefgreifender Rückwirkung auf seine sittlichen Anschauungen und Gewöhnungen wie die Art seines Wohnens, die Dichtigkeit der Zusammendrängung, die Vertheilung der Wohn-, Schlaf- und Kochräume. Ein grosser Theil der Kulturgeschichte der Menschheit liesse sich am Leitfaden der Wohnungsweise und ihrer Veränderungen entwickeln. Der Einfluss der Wohnung wird um so wichtiger, je mehr die Menschen durch Klima, Verhältnisse und sonstige Lebensgewohnheiten auf das Innere der Wohnungen angewiesen sind; er ist also z. B. um so grösser, je weniger das Klima ein Leben im Freien gestattet und je weniger die Berufsarbeit im Freien auszuführen ist. Die Alten konnten in fensterlosen Alkoven schlafen, weil sie am Tage meist auf dem Hofe oder auf dem Markte lebten; der Landmann kann sich ohne Schaden für seine Gesundheit den Sonntagnachmittag in ein ewig ungelüftetes Zimmer setzen, weil er die ganze Woche ohnehin im Freien zu arbeiten hat.
Das ganze Gewicht der Wohnungsfrage tritt erst bei dem Städter des nördlichen Europas hervor, der durch seine Berufsarbeit, wenn nicht an die Wohnräume selbst, so doch an ihnen ähnliche Büreaus, Gerichtsstuben, Klassenzimmer, Komptore, Werkstätten oder Fabrikräume gefesselt ist, und der selbst seine politische Thätigkeit in verräucherten Bierlokalen ausübt. Hier hängt die Erhaltung der Gesundheit und körperlichen Tüchtigkeit wesentlich von der Gesundheitsgemässheit der Wohnung ab. Am wichtigsten sind die Schlafräume, weil man in ihnen die längste Zeit hintereinander verweilt; in zweiter Reihe kommen die Wohn- oder Wirthschaftsräume, erstere besonders für den Mann, letztere vornehmlich für die Frau, beide für die Kinder. Schon viel unwichtiger ist das Speisezimmer der Familie, falls ein besondrer Raum für diesen Zweck vorbehalten ist, weil man in ihm doch nur verhältnissmässig kurze Zeit verweilt; am gleichgültigsten sind die etwaigen Gesellschaftszimmer, Repräsentationsräume und Prunkgemächer, weil sie nur ausnahmsweise benutzt werden.
Der Grundsatz, dass man die besten, gesündesten und luftigsten Zimmer zu Schlafstuben wählen müsse, wird immerfort gepredigt, aber es wird immerfort dagegen verstossen, und die moderne städtische Bauart, welche ansehnliche Wohnräume an die Strasse, aber vogelbauerartige Schlafstuben an die schornsteinengen Höfe verlegt, ist ebenso sehr ein Hohn auf diesen Grundsatz, wie die jetzige Mode, alle Gebrauchsmöbel in die ohnehin schon zu engen Schlafzimmer hineinzustopfen und die Wohnzimmer bloss mit Prunkmöbeln, Kunstwerken und kunstgewerblichen Schaustücken auszustatten. Man hat lange genug über die „gute Stube“ der früheren Generationen gespottet, und scheint darüber gar nicht bemerkt zu haben, dass die neueste Modenarrheit „stilvoller“ Einrichtungen uns dahin gebracht hat, statt einer „guten Stube“ lauter „gute Stuben“ ausser dem Schlafzimmer zu haben. Man vergisst dabei, dass das rechte Grundgesetz aller Schönheit die sinnlich einleuchtende Angemessenheit an den praktischen Gebrauchszweck ist, und dass keine ornamentale Zuthat einen Verstoss gegen dieses architektonische Grundgesetz des Kunstgewerbes wieder gut zu machen vermag.
Was wir jetzt „Stil“ in unsrer Wohnungsausstattung nennen, ist nur die künstlerische Verschrobenheit und Eitelkeits-Narrheit unsrer Sitten, der stilisirte Widerspruch zwischen dem, was wir vorstellen wollen, und dem, was wir sind. Ein wirklicher Stil kann sich erst dann entwickeln, wenn wir Hoffarth und Lüge aus unsrer Repräsentation verbannen und die Vernunft der Sache selbst zu Worte kommen lassen. Nur auf dem Grunde der Wahrheit und Zweckmässigkeit des Wesens kann die Schönheit der Erscheinung erblühen, andernfalls bleibt sie eine aufgetragene Schminke, welche für jedes feinere ästhetische Gefühl das übertünchte Unwesen nur um so widerlicher macht. So gewiss einem Gast die fünf Gänge eines Soupers im Halse stecken bleiben müssen, wenn er daran denkt, dass die Familie sich durch viele fleischlose Kartoffelmahlzeiten die Mittel zu dieser Gasterei abdarben muss, so gewiss müssen ihn die „stilvollen“ zwei oder drei Vorderstuben anekeln, wenn er daran denkt, dass alle wirklichen Gebrauchsmöbel in der Familie mit den unglücklichen Kindern in zwei oder drei Löcher von luft- und lichtlosen Schlafkammern zusammengepfercht sind, in denen nach Verabschiedung der Gäste auch die Eltern noch Unterschlupf suchen, während die Dienstboten in mehr oder minder unmöglichen Schlafgelegenheiten sich zur Arbeit des folgenden Tages stärken.
So lange die Fensteröffnungen der Wohn- und Schlafräume durch keine Glasscheiben verschlossen waren, oder so lange der einfache Glasfensterverschluss undicht genug war, um eine ausreichende unbeabsichtigte Ventilation zu gestatten, konnten auch enge und mehrfach besetzte Schlafzimmer den hygienischen Ansprüchen genügen. Gegenwärtig, wo auch die Schlafzimmer meistens mit gutschliessenden Doppelfenstern versehen werden, sollte durch baupolizeiliche Vorschrift dafür Sorge getragen werden, dass überall hohe Ventilationsspalten neben den Fenstern angebracht werden, welche mit Watte verstopft werden, um das Eindringen schädlicher Keime abzuhalten. Eine solche Vorkehrung scheint mir vor dem Schlafen bei offnen Fenstern den Vorzug zu verdienen, insbesondere in Malariagegenden und für Personen mit rheumatischen und katarrhalischen Dispositionen, ganz abgesehen davon, dass in Parterrewohnungen das Schlafen bei offnen Fenstern aus Sicherheitsgründen unthunlich und selbst eine Treppe hoch nicht unbedenklich ist. Die von ärztlicher Seite mehr und mehr empfohlene und im Publikum mehr und mehr in Aufnahme kommende Sitte des Schlafens bei offenem Fenster weist deutlich genug auf die Richtung hin, in welcher eine Abhilfe zu suchen ist; der Ventilationsspalt mit Watteverschluss leistet indessen dasselbe ohne die mit dem ersteren verbundenen Gefahren.
Sehr wünschenswerth und heilsam wäre es, wenn jede Wohnung Gelegenheit böte, bei jedem Wetter ohne Erkältungsgefahr täglich mehrere Stunden frische Luft geniessen zu können, auch ohne die Wohnung verlassen zu müssen. Dies ist erreichbar, wenn zu jeder Wohnung ein Ostbalkon und ein Westbalkon gehört, welche ringsherum geschlossene Brüstung, hölzernen Fussboden, gläserne Seitenwände und ein leinenes Zeltdach über sich tragen. Auch der für Erkältungen empfindlichste Mensch kann bei jeder Witterung auf dem jeweilig windgeschützten dieser Balkone mehrere Stunden hintereinander verweilen und seine gewohnten Beschäftigungen treiben, wofern er sich nur so kleidet, wie wenn die Lufttemperatur um 10 Grad niedriger wäre als sie ist, die Beine fest in Decken einwickelt und die Hände durch waschlederne Handschuhe schützt. Ein solcher Aufenthalt im Freien kann natürlich die Spaziergänge in frischer Luft nicht überflüssig machen, wohl aber mit denselben zusammen die Luftkurorte und Winterkurorte ersetzen, ohne dass er die Menschen aus ihrem gewohnten Kreise und ihrer Beschäftigung herausreisst.
Den prophylaktischen Werth einer theilweisen Verlegung unseres stubenhockerischen Lebens auf die Balkone halte ich für unberechenbar und glaube sicher, dass das nächste Jahrhundert in dieser Hinsicht einen grossen Umschwung in unsren Lebensgewohnheiten herbeiführen wird, welcher uns dem erfrischenden Leben im Freien, wie die Alten es führten, wieder um so viel näher bringen wird, wie unsre klimatischen Verhältnisse es gestatten.
Gegenwärtig sind wir noch auf dem Punkte, dass die Menschen sich bequemen, alles zu thun, um ihre zerstörte Gesundheit wieder herzustellen, aber gar nichts, um die bedrohte sich zu erhalten. In den Heilanstalten und Kurorten machen sie eine Art von Sport daraus, die journée médicale, d. h. die tägliche Aufenthaltsdauer in frischer Luft auf 9 bis 11 Stunden auszudehnen, aber zu Hause denken sie mit einem täglichen, einstündigen Spaziergange Wunder wieviel für ihre Gesundheit gethan zu haben.
Durch die Balkone wird der Garten als Zubehör der Wohnung keineswegs überflüssig; während der Werth der Balkone besonders im Winter und bei ungünstiger Witterung hervortritt, wird der Garten im Sommer und bei schönem Wetter zur doppelten Wohlthat. Der Balkon bietet frische Luft, aber der Garten soll ausserdem freie Natur bieten, oder wenigstens einen Ersatz für dieselbe, wie blauer Himmel, grüner Rasen mit blühenden Blumen und schattige Bäume ihn zu gewähren im Stande sind. Der Balkon ist wesentlich nur für Erwachsene geeignet, der Garten ist der Tummelplatz der Kinder und als solcher die nothwendige scenische Vervollständigung zum Kindheitsparadies. Erst der Besitz des Gartens macht die Familiengeselligkeit im eigenen Hause auch im heissen Sommer möglich, wenn die Gäste nach der Hitze und dem Staub des Tages Erquickung in der Abend- und Nachtluft suchen. Dazu gehört nun freilich, dass der Garten auch wirklich ein Garten ist, nicht ein stubengrosser Fleck mit verkümmerten Gewächsen, auf den niemals die Sonne scheint, und von dem aus man erst bei starkem Hintenüberlegen des Kopfes eines Stückchens Himmel ansichtig wird. Wie unglaublich die Genügsamkeit der Grossstädter in dieser Hinsicht ist, sieht man am besten, wenn man an einem heissen Sommerabend die Biergärten der inneren Stadttheile durchwandert; von frischer Luft kann in der Mehrzahl dieser zwischen Häuserkolossen schachtartig eingezwängten „Gärten“ keine Rede mehr sein, und es ist nur die Auffrischung der Abendtemperatur, der Kontrast mit der noch schlimmeren Luft der Wohn- und Arbeitsräume und die nächtliche Verschleierung der Umgebung, was diese „Erholungsorte“ erträglich erscheinen lässt. Da nun thatsächlich in allen grösseren Städten die Gärten mehr und mehr verschwinden oder bis zur Selbstironisirung einschrumpfen, so scheint es nicht leicht, die gestellte Forderung zu verwirklichen.
Von besonderer socialethischer und hygieinischer Wichtigkeit ist ferner der Unterschied, ob jede Familie ihr eignes Haus bewohnt, oder ob sie mit vielen anderen Familien das Haus theilt. Nur das eigne Haus lässt ein wahres und volles Heimathsgefühl, die echte Poesie des „Vaterhauses“ in dem aufwachsenden, jungen Geschlecht entstehen; die Miethwohnung mag vom Nützlichkeitsstandpunkte aus betrachtet praktischer sein, insofern ihr Wechsel sich den zu- und abnehmenden Bedürfnissen der Familie leichter anpasst, aber der sittigende und festigende Einfluss auf Gemüth und Charakter, den der eigne Besitz gewährt, fehlt ihr. Dies gilt schon dann, wenn die Miethwohnung selbst ein ganzes Haus umfasst; noch andere Schädlichkeiten treten hinzu, wenn sie nur eine unter den vielen Wohnungen einer Miethskaserne oder eines Miethspalastes ist. Ausser den Differenzen zwischen Miethern und Wirth entwickeln sich dann eine Menge Streitereien zwischen den verschiedenen Miethern theils infolge der Nöthigung, sich um die gemeinsame Benutzung der gemeinsamen Hauseinrichtungen zu vertragen, theils durch den Klatsch der Dienstboten; beide verderben den Charakter durch Gewöhnung an Streitsucht und Kleinlichkeit und vergiften das nachbarliche Verhältniss.
Man begreift, warum man im alten Tyrus neun- bis zehnstöckige Häuser baute; die enge Insel liess ein andres Wachsthum der Stadt, als in die Höhe eben nicht zu, und ähnliche Verhältnisse kehren in neuerer Zeit in Festungen wieder. Man begreift auch wohl, dass vor Entwickelung der Pferdebahnen und Hochbahnen grosse Städte die Neigung haben mussten, in die Höhe zu wachsen und das Hinterland der Strassenhäuser baulich auszunutzen, weil eben die Verkehrsmittel zur Ueberwindung grösserer Strecken fehlten. Aber gegenwärtig, wo diese Verkehrsmittel theils schon vorhanden sind, theils ihre Brauchbarkeit zur Genüge erprobt haben und der weiteren Verwirklichung entgegensehen, ist es unbegreiflich, dass die Städte nicht ausschliesslich in die Breite wachsen. Statistisch ist es erwiesen, dass nicht die Kellerwohnungen am ungesundesten sind, sondern die im vierten Stock gelegenen, trotzdem dass Licht und Luft zu ihnen besseren Zutritt hat; der Grund liegt theils in der Schädlichkeit des Treppensteigens für vielerlei Konstitutionen und Zustände, theils in der Lufterneuerung der Wohnräume von unten her, welche reichlich ein Drittel der Gesammtventilation beträgt und den Bewohnern der obersten Stockwerke gleichsam Stichproben von sämmtlichen Miasmen der vier bis fünf unter ihnen wohnenden Familien zuführt. Jede Erhöhung um ein neues Stockwerk macht eben auch rückwärts alle unteren Stockwerke ungesunder, indem sie eben so gut wie ein Verbauen der Höfe den Luft- und Lichtzutritt zu den Fenstern derselben beschränkt. Das Verbauen der Höfe in Verbindung mit der Engigkeit der Strassen macht es schon jetzt in den meisten Stadttheilen unmöglich, an jeder Wohnung einen, geschweige denn zwei Balkone anzubringen, und ebenso ist es der Grund für das Einschrumpfen und Aussterben der Gärten.
Die ärgsten Sünden in dieser Hinsicht sind in Berlin erst in den letzten beiden Jahrzehnten begangen worden, und zwar lediglich desshalb, weil die massgebenden Behörden nicht mit einer zweckmässigen und doch nicht unbilligen Bauordnung zu Stande kommen konnten; sie konnten aber bloss darum nicht mit ihr zu Stande kommen, weil sie sich nicht entschliessen konnten, die Einförmigkeit der Vorschriften aufzugeben und der völligen Verschiedenheit der Situation bei Umbauten in der Innenstadt, bei Neubauten an der Peripherie und bei Neubauten in der weiteren Umgebung Rechnung zu tragen. Auch die neue Berliner Bauordnung von 1887 trägt der Verschiedenheit der inneren und äusseren, der fertigen und der erst anzulegenden Stadttheile in ganz unzulänglicher Weise Rechnung, und fordert auf der einen Seite zu viel, auf der anderen zu wenig. Was bis jetzt gebaut ist, das ist nun einmal verpfuscht; man kann es durch Zwangsverfügungen nicht ungeschehen machen, ohne schreiende Unbilligkeit gegen die Besitzer auch nicht im Falle von Umbauten; aber man kann die Zukunft davor retten, in den jetzt noch unbebauten Stadttheilen in denselben Fehler zu verfallen. Man braucht nur auf dem Bebauungsplan eine Eintheilung in verschiedene Zonen vorzunehmen, in deren ersten höchstens dreistöckig, in deren zweiten höchstens zweistöckig, und in deren dritten nur im Villenstil gebaut werden darf. Um dies einheitlich durchzuführen, dazu wäre allerdings die Zusammenlegung Berlins mit seinen Vororten zu einer „Provinz Berlin“ unter einheitlicher Baupolizei-Verwaltung erforderlich, von der schon wiederholentlich die Rede gewesen ist, und welche sich auf die Dauer doch als eine unausweichliche Nothwendigkeit aufdrängen wird.
Sobald eine solche Abänderung der bestehenden Bauordnung erlassen wäre, würde das Publikum mehr als jetzt das Wohnen in entfernteren Villenkolonien bevorzugen, welche allein die Verwirklichung aller oben gestellten Forderungen zu bieten im Stande sind.
Nur in den Vororten hat der Boden noch einen so mässigen Preis, dass Häuser für eine Familie mit Balkonen und Gärten und mit einer ausreichenden Zahl durchweg luftiger und heller Zimmer möglich sind. Man kann ohne Furcht vor Uebertreibung sagen, dass in den Zimmern eines Vororts gesündere Luft geatmet wird, als auf den meisten Höfen einer Grossstadt, über welcher stets, auch bei ganz klarem Himmel, eine von weither sichtbar schwere Dunst- und Rauchmasse lagert. Am auffallendsten ist der Unterschied der Luft im Hochsommer, wo jeder, der es kann, die Grossstadt verlässt, während der Vorortbewohner diese Reisekosten spart.
Die jetzige Kasernenstadt würde dann mehr und mehr zur blossen Geschäftsstadt, in welcher die Berufsarbeiten des Tages sich vollziehen, während man Nachmittags oder Abends in die gesunde Aussenwohnung zurückkehrt. Allerdings gehört, um dem Publikum das Draussenwohnen mundrecht zu machen, auch das noch dazu, dass das Pferdebahnen-, Hochbahnen-, und Aussenbahnen-Netz bedeutend vergrössert und vervollständigt wird, dass die Abonnementspreise noch viel billiger werden, und dass nicht, wie jetzt, seltene grössere Züge, sondern fortwährend kleine abgelassen werden.
Dann aber ist allerdings zu hoffen, dass sich im Verlaufe einer Generation alle Grossstädter an das Draussenwohnen und seine Vorteile für Leib und Seele der Familien so sehr gewöhnen werden, dass die Nachfrage nach eigentlichen Wohnungen in der Stadt und mit ihr der unnatürlich in die Höhe geschraubte Bodenwerth beträchtlich sinkt, so dass es bei den Umbauten der Zukunft wieder ganz von selbst praktischer werden dürfte, den Raum weniger sparsam auszunutzen.
Sollten indess diese Massregeln sich als nicht ausreichend erweisen, dann, aber auch dann erst dürfte und müsste man dem Gedanken einer Expropriation des ganzen städtischen Grundbesitzes durch die Kommune näher treten, um das Grundübel der Wohnungsfrage, die stetige Steigerung des freihändig verkauften Bodenwerths, an der Wurzel zu fassen und wenigstens für spätere Generationen nach erfolgter Amortisation der Kaufsummen erträglichere Verhältnisse anzubahnen.