Saratoga, vom 11. bis 16. Oktober 1777.
In dem Lager nördlich des Fishkill machte Burgoyne Halt und nahm seinen Marsch von hier aus nicht wieder auf. Oberstleutnant Southerland war vorgeschickt worden, um eine Brücke über den Hudson bei Fort Edward zu bauen, wurde aber sofort wieder zurückberufen. Bei Tagesanbruch am 11. machte eine amerikanische Brigade einen Vorstoss über den Fishkill, nahm sämtliche Boote und viele Vorräte, machte einige Gefangene und zog sich vor einem heftigen Kartätschfeuer zurück. Den ganzen Tag lang wurde die englische Armee in Front und Rücken mit Kanonen beschossen.
Am Abend beschied General Burgoyne die Generäle Riedesel und Phillips zu sich, um sich mit ihnen über das Wohl und Wehe der Armee zu beratschlagen. Burgoyne selbst hielt es für unmöglich, den Feind anzugreifen oder die eigene Stellung zu halten, wenn er im Zentrum und auf dem rechten Flügel angegriffen werden würde. General Riedesel machte deshalb den Vorschlag, in der Nacht unter Zurücklassung der Bagage abzuziehen, den Hudson 4 Meilen unterhalb Fort Edward zu durchwaten und durch die Wälder nach Fort George zu gelangen zu suchen. Es wurde aber keine Entscheidung getroffen.
Ein anderer Kriegsrat wurde unter Hinzuziehung von zwei Brigade-Generälen am folgenden Nachmittag gehalten. General Riedesel bestand auf seinem Plan vom Tage vorher »sehr emphatisch und mit eindringlichen Worten«, und man stimmte dem Plan bei. Aber es war vergessen worden, Verpflegung an die Truppen auszugeben, und so wurde der Abmarsch auf abends spät verschoben. Um 10 Uhr liess Riedesel Burgoyne sagen, dass alles zum Abmarsch bereit sei, aber er erhielt zur Antwort, dass es bereits zu spät sei, um noch irgend etwas zu unternehmen. So wurde die letzte Chance preisgegeben, denn am andern Morgen war die Armee vollkommen umzingelt.
Am 13. Oktober wurde ein dritter Kriegsrat, dem auch die Regiments-Kommandeure beiwohnten, zusammenberufen. General Burgoyne setzte die Hoffnungslosigkeit der Situation auseinander. Nur noch für fünf Tage wären Vorräte vorhanden. Das ganze britische Lager könnte von den feindlichen Kartätschen und Flintenkugeln erreicht werden. Gates Armee hätte hinter einem morastigen Hohlweg Stellung genommen, und zwar so, dass, wenn Burgoyne angreifen wollte, er sich so weit vom Hudson entfernen müsste, dass die Amerikaner den Fluss überschreiten und ihn im Rücken angreifen würden. Selbst wenn man den Feind erfolgreich angegriffen und durchbrochen haben würde, so wären doch nicht Lebensmittel genug vorhanden, um nach Fort George zu gelangen. Die Stellung, welche die Armee nunmehr einnähme, wäre im Zentrum und auf dem rechten Flügel unhaltbar. (Dies war die Terrainstrecke, welche hauptsächlich von den Deutschen besetzt war.)
Burgoyne erklärte, dass niemand anders als er selbst für die Lage, in der sich die Armee gegenwärtig befände, verantwortlich gemacht werden könnte, da er niemand um Rat gefragt, sondern nur Befolgung seiner Befehle gefordert habe. Riedesel dankte Burgoyne für diese Erklärung, da hierdurch jedermann überführt würde, dass er keinen Anteil an der Leitung der von der Armee ausgeführten Bewegungen gehabt hätte, und bat daher alle englischen Offiziere, ihm dieses zu bezeugen, wenn er jemals zur Verantwortung gezogen werden sollte.
Hierauf legte Burgoyne dem Kriegsrat folgende Fragen vor:
1. Ob in der Kriegsgeschichte Beispiele wären, dass eine Armee in dieser Lage kapituliert hätte.
2. Ob in einer solchen Lage eine Kapitulation entehrend sei.
3. Ob die Armee wirklich in der Lage sei, kapitulieren zu müssen.
Auf die erste Frage antworteten alle, dass die Lage der sächsischen Armee bei Pirna, des Generals Fink bei Maxen und des Prinzen Moritz von Sachsen nicht so schlimm und hülflos gewesen wäre, als die, worin sich gegenwärtig die Armee befände; und dass niemand die Generäle hätte tadeln können, die, um ihre Armeen zu retten, in solcher Lage kapituliert hätten; ausser, dass der König von Preussen den General v. Fink, jedoch hauptsächlich aus persönlicher Ungnade, kassiert hätte.
Auf die zweite Frage antworteten alle, dass aus den eben angeführten Gründen die Kapitulation nicht entehrend sein könne. Und auf die dritte Frage stimmten alle darin überein, dass, wenn der General Burgoyne die Möglichkeit sähe, den Feind anzugreifen, sie bereit wären, ihr Blut und Leben aufzuopfern; wenn dies aber nicht thunlich sei, so hielten sie es für besser, durch eine ehrenvolle Kapitulation dem Könige die Truppen zu retten, als durch ein noch längeres »Anstehen« Gefahr zu laufen, wenn alle Lebensmittel aufgezehrt wären, sich auf Diskretion ergeben zu müssen; oder aber, bei einem Angriff in dieser fehlerhaften Position gesprengt und dann einzeln aufgerieben zu werden.
Nach dieser Erklärung setzte General Burgoyne den Entwurf zu einer Kapitulation auf, welcher vorteilhaft schien und daher einmütig gebilligt wurde. Hierauf wurde ein Tambour ins feindliche Lager geschickt um anzuzeigen, dass man am andern Tag einen Stabsoffizier hinüberschicken wolle, um mit General Gates Sachen von Wichtigkeit zu verhandeln, und während dieser Zeit um Waffenstillstand zu bitten. Dies wurde von General Gates bewilligt.
Am 14. vormittags 10 Uhr wurde der Major Kingston in das amerikanische Lager hinübergeschickt, um die Vorschläge Burgoynes zu überbringen, welche in der Hauptsache darin bestanden, dass seine Armee sich zu Kriegsgefangenen, jedoch nur unter der Bedingung ergeben wolle, dass sie nach Boston geführt und von da nach England eingeschifft werden sollte, nachdem sie sich verpflichtet haben würde, in diesem Kriege, oder bis zu ihrer Auswechselung, nicht gegen die Amerikaner zu dienen.
General Gates nahm aber diese Vorschläge nicht an, sondern setzte einen andern Kapitulations-Entwurf in 6 Artikeln auf, welcher besagte, dass, »da General Burgoynes Armee durch wiederholte Niederlagen, Desertion, Krankheit etc. zusammengeschmolzen sei, die Vorräte erschöpft, die Dienstpferde, Bagage, Zelte genommen oder zerstört seien, ihre Rückzugslinien verlegt und ihr Lager umgezingelt sei, sie sich kriegsgefangen ergeben sollte.«
Der sechste Artikel besagte, dass »sobald dieser Vertrag gebilligt und unterzeichnet sei, die Truppen unter dem Befehl Seiner Exzellenz des Generals von Burgoyne in den Retranchements, in denen sie jetzt stünden, das Gewehr strecken und sodann nach dem Orte ihrer weiteren Bestimmung marschieren sollten.«
General Burgoyne liess den Kriegsrat zusammenrufen und las diese Propositionen des General Gates vor. Die Offiziere erklärten alle einmütig, dass sie lieber Hungers sterben, als solche entehrenden Artikel eingehen wollten. Major Kingston wurde wieder zu General Gates zurückgeschickt, um ihm sagen zu lassen, dass, wenn er nicht von dem 6. Artikel ablassen würde, die Verhandlungen sofort abgebrochen würden; die Armee würde eher wie ein Mann einen Verzweiflungs-Coup ausführen, als sich diesem Artikel unterwerfen. Der Waffenstillstand wurde hierauf aufgehoben.
Zu aller Erstaunen langten am folgenden Morgen (15. Oktober 1777) neue Vorschläge von General Gates an, worin er alle von Burgoyne vorgeschlagenen Artikel der Hauptsache nach billigte; es wurde nur noch ausgemacht, dass die Armee schon an demselben Tage nachmittags um 2 Uhr aus ihrer Position abmarschieren sollte.
Diese plötzliche Veränderung erregte bei den englischen und deutschen Offizieren Misstrauen. Der Kriegsrat beschloss, Gates Vorschläge anzunehmen, wollte aber versuchen Zeit zu gewinnen. Eine Kommission, bestehend aus zwei Stabsoffizieren von jeder Seite, wurde ernannt, und diese verhandelte über verschiedene Kleinigkeiten, die den Artikeln noch hinzuzufügen waren, bis 11 Uhr nachts. Die Amerikaner bewilligten alles, was man von ihnen verlangte. Die Engländer ihrerseits versprachen, dass am andern Morgen die Kapitulation von General Burgoyne unterzeichnet und General Gates übersandt werden würde. Der Waffenstillstand sollte fortdauern.
Dieselbe Nacht kam ein Überläufer und sagte aus, dass er durch dritte Hand erfahren habe, der englische General Clinton habe nicht allein die Verschanzung von den Highlands erobert, sondern sei auch schon vor 8 Tagen bis nach Esopus vorgerückt und müsse aller Wahrscheinlichkeit nach schon in Albany angekommen sein. Burgoyne sowohl, wie verschiedene andere Offiziere wurden durch diese Nachricht so begeistert, dass sie grosse Lust bekamen, die Kapitulation zu brechen. Es wurde noch einmal ein Kriegsrat zusammenberufen, welcher folgende Fragen beantworten sollte:
»1. Ob ein Traktat, der von bevollmächtigten Kommissarien finaliter arrangieret sei, noch nach dem Versprechen des Generals, solchen, sobald die Kommissarien alles applanieret, zu unterzeichnen, mit Ehren gebrochen werden könne?
2. Ob die eingegangenen Nachrichten so hinlänglich sicher wären, dass sie ein Bewegungsgrund sein könnten, einen in unserer Lage so vorteilhaften Akkord zu brechen?
3. Ob die Armee wohl noch munteren Geist genug hätte, ihre jetzige Stellung bis auf den letzten Mann zu verteidigen?«
Auf die erste Frage erklärten 14 Offiziere gegen 8, dass ein solcher Traktat ohne Verletzung der Ehre nicht gebrochen werden könne. Über die zweite waren die Stimmen geteilt. Die Verneinenden stützten sich darauf, dass der Überbringer der Nachricht alles nur vom Hörensagen hätte, und dass, selbst wenn General Clinton wirklich in Esopus wäre, die Entfernung von da doch noch so gross sein würde, dass er ihnen in ihrer gegenwärtigen Lage doch nicht mehr helfen könnte. Auf die dritte Frage war die Antwort aller Offiziere vom linken Flügel bejahend; die Offiziere vom Zentrum und rechten Flügel antworteten aber, dass zwar alle Soldaten den grössten Mut bezeigen würden, wenn es zum Angriff des Feindes gehen sollte, dass aber, da ihnen allen das Fehlerhafte ihrer Position zu gut bekannt wäre, zu befürchten stände, sie würden einen feindlichen Angriff nicht ebenso aushalten. Da die braunschweigischen Truppen hauptsächlich das Zentrum und den rechten Flügel einnahmen, so bezieht sich auf diese Erklärung ihrer Offiziere wahrscheinlich eine Bemerkung Burgoynes in einem Privatbrief »die Deutschen entmutigt und bereit, bei dem ersten Feuer die Waffen zu strecken.«
Um doch noch Zeit zu gewinnen, wurde ein letztes Mittel versucht. Burgoyne schrieb nämlich am 16. früh an General Gates einen Brief, worin er ihm erklärte, dass er in der vergangenen Nacht von Deserteuren die Nachricht erhalten habe, dass er, General Gates, einen ansehnlichen Teil seiner Armee nach Albany detachiert hätte und zwar im Laufe der Unterhandlungen; dies wäre ganz gegen Treue und Glauben und er, Burgoyne, würde die Kapitulation nicht eher unterzeichnen, bis sich nicht ein Offizier seines Stabes davon überzeugt haben würde, dass die amerikanische Armee drei bis viermal der englischen überlegen sei. Gates scheint schliesslich dieses Herumführen an der Nase müde geworden zu sein. Er liess als Antwort sagen, dass seine Armee noch dieselbe Stärke wie vorher und sogar noch Verstärkung bekommen hätte; dass er es ebenso wenig für politisch wie vielmehr seiner Ehre nachteilig halten würde, die Stärke seiner Armee einem von General Burgoynes Offizieren zu zeigen, und dass der General wohl bedenken möchte, was er thäte, wenn er sein Ehrenwort bräche; er würde für die Folgen verantwortlich sein. Gates fügte hinzu, dass, sobald die Kapitulation unterzeichnet sein würde, er bereit sei, dem General Burgoyne seine ganze Armee zu zeigen, und er stände mit seiner Ehre dafür, dass er sie viermal so stark als die Britische finden würde, ungerechnet die Truppen, die jenseits des Hudson postiert wären. Er könne aber jetzt nicht mehr länger als eine Stunde Zeit zur Antwort gestatten, und würde nach Verlauf derselben sich genötigt sehen, die strengsten Massregeln zu ergreifen.
Hierauf wurde der Kriegsrat noch einmal zusammenberufen, und Niemand fand sich mehr, der dem General zum Brechen seines Wortes geraten hätte. Burgoyne zog die Generale Phillips und Riedesel allein auf die Seite und bat um ihren freundschaftlichen Rat. Beide schwiegen anfänglich stille, bis endlich der General Riedesel erklärte, dass wenn der General Burgoyne in England zur Verantwortung gezogen werden sollte, er nur für die Bewegungen, die die Armee in eine solche Lage gebracht hätten, verantwortlich sein könnte, und vielleicht wegen der ersten Eröffnung einer Kapitulation und deswegen, weil er nicht frühzeitig genug den Rückzug so weit gemacht, dass man Herr der Kommunikation mit dem Fort George geblieben wäre. Nun aber nach allen gethanen Schritten hielt es Riedesel noch viel gefährlicher, den Tractat auf eine ungewisse und unzuverlässige Nachricht hin zu brechen.
Gleicher Meinung war der Brigadier Hamilton, der hinzu kam und auch darüber befragt wurde. General Phillips sagte nur, dass die Lage der Dinge eine derartige sei, dass er weder Rat noch Hilfe ausfindig machen könne. Nach vielem Überlegen hin und her entschloss sich Burgoyne schliesslich zu unterzeichnen, und hierauf wurde die unterzeichnete Kapitulation an General Gates gesandt.
Es übergaben sich im Ganzen 5791 Mann. Riedesel hat festgestellt, dass nicht mehr als 4000 von diesen dienstfähig waren. Die Zahl der Deutschen, die sich ergaben ist von Eelking auf 2431 festgestellt worden, von denen die getötet, verwundet und vermisst wurden vom 6. Oktober an auf 1122. Der Gesamt-Verlust der Briten und ihrer Hilfstruppen an Toten, Verwundeten, Gefangenen und Deserteuren während dieser Kampagne, einschliesslich der Verluste von St. Legers Expedition, betrug annähernd 9000 Köpfe.
Die Tage, welche der Uebergabe vorausgegangen waren, waren Tage der Verwirrung gewesen. Baronin Riedesel sagt, dass sie am Abend des 9. Oktober in Saratoga, nachdem sie während des ganzen Tages nur eine halbe Stunde zurückgelegt hatten, den General Phillips gefragt habe, warum sie denn den Rückzug nicht fortsetzten, da es doch noch Zeit wäre. Der General bewunderte ihre Entschlossenheit und wünschte, sie hätte den Befehl über die Armee. Dieselbe Dame erwähnt, dass Burgoyne die Hälfte jener verhängnisvollen Nacht singend und trinkend zugebracht und sich mit seiner Maitresse amüsiert habe.
Die Armee war dem Elend und der Unordnung anheim gefallen. Am 10. verpflegte die Baronin mehr als 30 Offiziere aus ihren Privat-Vorräten, »denn wir hatten einen Koch, der, ob er gleich ein Erzschelm war, doch zu allem Rat wusste, und oft des Nachts kleine Flüsse passierte, um den Landleuten Hämmel, Hühner und Schweine zu stehlen, die er sich nachher gut bezahlen liess von uns, wie wir erst in der Folge erfahren haben.« Diese Vorräte waren nun erschöpft, und die Dame in ihrer Verzweiflung rief den General-Adjutanten, der ihr gerade in den Wurf kam, zu sich heran, er möchte Burgoyne über den grossen Mangel, an dem die in Dienst verwundeten Offiziere litten, in Kenntnis setzen. Der kommandierende General nahm dies gut auf, kam selbst zu ihr und dankte ihr, dass sie ihn an seine Pflicht erinnert hätte, und gab Befehl, dass Lebensmittel verteilt werden sollten. Die Baronin glaubte, dass Burgoyne ihr nie diese Einmischung verziehen habe. Es scheint mir, nach den Aufzeichnungen Beider, dass eher sie und ihr Gemahl als Burgoyne einen heimlichen Groll hegten. Die Denkschrift, welche General Riedesel verfasste und von seinen Offizieren gleich nach der Übergabe unterzeichnet wurde, ist eine lange Anklage gegen Burgoyne und legt die üblen Folgen dar, dass man den Schreiber nicht um Rat gefragt oder seine Pläne nicht pünktlich zur Ausführung gebracht habe. Es ist klar, dass Riedesel Burgoyne für das Unglück der Armee verantwortlich machte, das Unglück, welches ihm so zu Herzen ging, dass sein Körper und seine Gemütsstimmung längere Zeit ernstlich darunter litten. Burgoyne schrieb im Frühjahr 1778, bevor er Amerika verliess an den Herzog von Braunschweig und pries Riedesels grosse Fähigkeiten und die Art, wie er die Befehle seines vorgesetzten Offiziers ausgeführt hätte. — Hieraufhin schrieb Riedesel einen sehr freundlichen Brief an Burgoyne, in welchem er ihm in seinem und seiner Offiziere Namen für die ihnen bewiesene Güte dankte. »Wenn auch unsere Bemühungen nicht vom Glück gekrönt worden sind«, fährt er fort, »so wissen wir doch wohl, dass es nicht Ihr Fehler war, sondern dass die Armee ein Opfer der Wechselfälle des Krieges geworden ist.« Dieser einzige Ausdruck des Vertrauens ist mit dem, was Riedesel zu andern Zeiten und an anderer Stelle sagt, nicht in Einklang zu bringen. Die oben erwähnte militärische Denkschrift, die in dem Buch der Baronin veröffentlicht ist, ist ein genügender Beweis dafür. In demselben Sinne sind Riedesels Bemerkungen über Burgoynes Feldzugs-Bericht aufgefasst. Diese Bemerkungen, welche an den Herzog von Braunschweig und an seine Landsleute gerichtet waren, sind datiert Cambridge, 8. April 1778, etwas mehr als einen Monat später als der oben erwähnte Brief. Sie beklagen ausdrücklich, dass General Burgoyne, während er von Riedesel selbst mit Anerkennung spräche, über die Leistungen der Truppen leicht hinwegginge. Die Klagen des deutschen Generals in dieser Beziehung sind aber, Burgoynes Bericht nach, nur wenig gerechtfertigt.
Doch wir müssen zur Baronin zurückkehren. Am Nachmittag des 10. Oktober nahmen die Amerikaner das Feuer auf die Engländer wieder auf. »Mein Mann liess mir sagen, dass ich mich unverzüglich nach einem Hause begeben sollte, welches nicht weit von da war. Ich setzte mich in die Kalesche mit meinen Kindern, und kaum sind wir im Begriff bei dem Hause anzukommen, so sehe ich an dem jenseitigen Ufer des Hudson-Flusses sechs bis sieben Menschen mit Flinten, die auf uns zielen. Fast unwillkürlich werfe ich die Kinder in den Fond der Kalesche und mich über sie; in demselben Augenblick schiessen die Kerle und zerschmettern hinter mir einem armen englischen Soldaten, der schon blessiert war und sich auch nach dem Hause retten wollte, einen Arm. Gleich nach unserer Ankunft begann eine fürchterliche Kanonade, welche grösstenteils nach dem Hause, worin wir Schutz gesucht, gerichtet war, vermutlich weil die Feinde glaubten, da sie viel Leute dorthin strömen sahen, dass die Generalität sich dort befände. Ach, es waren nichts als Verwundete oder Frauen! Wir wurden endlich genötigt, in einem Keller unsere Zuflucht zu nehmen, wo ich mich in eine Ecke unweit der Thür lagerte. Meine Kinder lagen auf der Erde, mit ihren Köpfen auf meinem Schooss. So blieben wir die ganze Nacht. Ein entsetzlicher Geruch, das Geschrei der Kinder, und noch mehr als alles dieses, meine Angst, verhinderten mich ein Auge zuzuthun.
Den andern Morgen ging die Kanonade wieder an, aber von einer andern Seite. Ich riet, dass alle aus dem Keller ein wenig herausgehen möchten, während dessen ich ihn wollte reinigen lassen, weil wir sonst alle krank werden würden. Man folgte meinem Rat und liess von Vielen Hand anlegen, was bei der weitläufigen Arbeit höchst nötig war. Wie alles heraus war, besah ich mir unsern Zufluchtsort; es waren drei schöne Keller, die recht gut gewölbt waren. Ich that den Vorschlag, dass in den einen die am gefährlichsten blessierten Offiziere gebracht werden sollten; die Frauen sollten in dem andern sein, und alle Übrigen in dem dritten, der dem Ausgang am nächsten war.
Ich hatte gut auskehren und mit Essig räuchern lassen, und man fing bereits an, jeder seinen Platz einzunehmen, als neue entsetzliche Kanonenschüsse alles wieder in Alarm brachten. Mehrere, die kein Recht hatten hineinzugehen, stürzten nach der Thüre. Meine Kinder waren schon die Kellertreppe hinunter, und wir hätten Alle können erdrückt werden, wenn Gott mir nicht Kräfte geschenkt hätte, mich vor die Thür zu stellen und mit ausgebreiten Armen allen den Eingang zu verwehren; sonst wäre gewiss jemand von uns zu Schaden gekommen. Elf Kanonenkugeln gingen durchs Haus und wir konnten sie deutlich über unsere Köpfe hinwegrollen hören. Einem armen Soldaten, dem man ein Bein abnehmen wollte und dieserhalb auf den Tisch gelegt hatte, nahm eine Kanonenkugel mittlerweile das andere Bein fort. Seine Kameraden waren alle davon gelaufen, und wie sie wieder zu ihm kamen, fanden sie ihn in einer Ecke der Stube, wo er sich vor Angst hingerollt hatte, und kaum noch athmend. Ich war mehr tot als lebendig, doch nicht so viel über unsere eigene Gefahr, als über die, in welcher mein Mann schwebte, der jedoch oft fragen liess, wie es uns ginge, und mir sagen liess, dass er wohl wäre.
Der Major Harnich und seine Frau, eine Madame Rennels, die schon ihren Mann verloren hatte, die Frau des guten Lieutenants, der den Tag vorher seine Bouillon so gutherzig mit mir geteilt hatte, die Frau des Kommissars und ich, wir waren die einzigen Damen, die bei der Armee waren. Wir sassen eben zusammen und beklagten unser Schicksal, als jemand hereinkam und man sich in die Ohren flüsterte und sich einander traurig ansah. Ich bemerkte dieses und dass auf mich Blicke geworfen wurden, ohne dass mir weiter etwas gesagt ward. Dieses erweckte in mir den schrecklichen Gedanken, dass mein Mann geblieben sei. Ich schrie laut auf; man versicherte mich aber, dass dieses nicht sei, sondern winkte mir zu, dass den Mann der armen Lieutenantin dieses Unglück betroffen habe. Diese wurde auch einen Augenblick nachher herausgerufen. Der Mann war noch nicht tot, aber eine Kanonenkugel hatte ihm den Arm oben an der Schulter weggenommen. Wir hörten die ganze Nacht sein Winseln, welches doppelt und desto grausender in diesen Kellergewölben wiederhallte; und der Arme starb erst gegen Morgen. Wir brachten übrigens diese Nacht wie die vorige zu. Indessen kam mein Mann, mich zu besuchen, welches meinen Kummer linderte und mir wieder Mut gab.
Den Morgen darauf fingen wir an, uns ein wenig besser einzurichten. Der Major Harnich und seine Frau und Madame Rennels machten sich in einer Ecke eine kleine Stube und Gardinen davor. Man wollte mir eine andere Ecke ebenso zurecht machen, ich zog aber vor, nahe an der Thür zu bleiben, da ich auf den Fall von Feuersgefahr daselbst eher herauskonnte. Ich liess eine Streu machen und legte meine Betten darauf, wo ich mit meinen Kindern schlief, nicht weit von uns schliefen meine Frauen. Gegenüber waren drei englische Offiziere einquartiert, die, zwar blessiert, jedoch entschlossen waren, im Fall des Rückzuges nicht zurückzubleiben. Einer derselben war ein Kapitain Green, Adjutant des Generals Phillips, ein sehr schätzbarer und artiger Mann. Alle drei versicherten mich mit einem Eide, dass sie im Fall eines schleunigen Rückzuges mich nicht verlassen und ein jeder von ihnen eines meiner Kinder mit auf sein Pferd nehmen wollte. Für mich stand eines von meines Mannes Pferden immer gesattelt bereit. Öfters war mein Mann Willens, mich, um mich der Gefahr zu entziehen, zu den Amerikanern zu schicken; ich stellte ihm aber vor, dass es noch ärger als alles, was ich jetzt ausstehen müsste, sein würde, mit Leuten zu sein, denen ich mit Schonung würde begegnen müssen, während dass mein Mann sich mit ihnen herumschlüge; er versprach mir also, dass ich ferner der Armee folgen sollte. Manchmal bekam ich jedoch in der Nacht die Angst, dass er fortmarschiert wäre, und kroch aus meinem Keller, um zuzusehen; wenn ich dann die Truppen in den schon kalten Nächten um die Feuer herumliegen sah, so konnte ich wieder ruhiger schlafen.
Auch die mir anvertrauten Sachen verursachten mir viel Unruhe. Ich hatte sie alle vorne in meinem Corset stecken, weil mir immer so sehr angst war, etwas davon zu verlieren, und ich nahm mir fest vor, in Zukunft mich nicht mehr mit dergleichen zu befassen. Den dritten Tag fand ich erst Gelegenheit und einen Augenblick, um die Wäsche zu wechseln, da man die Gefälligkeit hatte, mir einen kleinen Winkel hierzu einzuräumen; während der Zeit standen meine drei vorerwähnten Offiziere nicht weit davon Schildwache. Einer dieser Herrn konnte sehr natürlich das Brüllen einer Kuh und Blöken eines Kalbes nachahmen: und wenn meine kleine Tochter Fritzchen des Nachts weinte, so machte er es ihr vor, sie ward wieder stille und wir mussten lachen.
Unser Koch verschaffte uns Essen, aber es fehlte uns an Wasser; und ich war öfters genötigt, um nur den Durst zu löschen, Wein zu trinken und auch den Kindern welchen zu geben. Es war auch fast das einzige, was mein Mann zu sich nahm; welches endlich unsern treuen Jäger Rockel ängstigte, so dass er mir eines Tages sagte: »Ich befürchte, dass der General aus Besorgnis, in Gefangenschaft zu geraten, des Lebens überdrüssig ist, weil er so viel Wein trinkt.« Die beständige Gefahr, in welcher mein Mann schwebte, setzte mich in ewige Angst. Ich war die einzige unter allen den Frauen, deren Mann nicht geblieben war oder sonst ein Unglück gehabt hatte, und sagte mir daher oft: »Sollte ich die einzige Glückliche sein?« besonders, da mein Mann Tag und Nacht so sehr der Gefahr ausgesetzt war. Er kam keine Nacht in das Zelt und lag alle Nächte draussen beim Wachtfeuer. Das alles konnte schon sein Tod sein, da die Nächte so nasskalt waren.
Da so grosser Mangel an Wasser bei uns war, so fanden wir endlich eine Soldatenfrau, die den Mut hatte, Wasser vom Flusse zu holen, was keiner mehr unternehmen wollte, weil der Feind alle Männer, die nach dem Flusse gingen, auf den Kopf schoss. Dieser Frau thaten sie nichts aus Achtung vor ihrem Geschlecht, wie sie uns selbst hernachmals sagten.
Ich suchte mich dadurch zu zerstreuen, dass ich mich viel mit unsern Blessierten beschäftigte. Ich machte ihnen Thee und Kaffee und bekam dagegen tausend Segenswünsche. Oft teilte ich auch mein Mittagsessen mit ihnen. Eines Tages kam ein canadischer Offizier in unsern Keller, der sich kaum noch aufrecht erhalten konnte. Wir kriegten endlich von ihm heraus, dass er fast Hungers stürbe. Ich fand mich sehr glücklich, ihm mein Essen anbieten zu können, welches ihn wieder zu Kräften brachte und mir seine Freundschaft erwarb. Bei unserer nachmaligen Zurückkunft nach Canada lernte ich seine Familie kennen. Eine unserer grössten Beschwerden war der Geruch der Wunden, wenn sie anfingen zu eitern.
Einst unternahm ich die Kur eines Majors Plumfield, Adjutanten des Generals Phillips, dem eine kleine Flintenkugel durch die beiden Backen gegangen war und ihm die Zähne zerschmettert und die Zunge gestreift hatte. Er konnte gar nichts im Munde behalten; die Materie erstickte ihn fast, und er war nicht im Stande, andere Nahrung zu sich zu nehmen als ein wenig Bouillon oder sonst etwas Flüssiges. Wir hatten Rheinwein. Ich gab ihm eine Bouteille, in der Hoffnung, dass die Säure des Weines seine Wunde reinigen würde. Er nahm immer etwas davon in den Mund, und das allein that so glückliche Wirkung, dass er geheilt wurde, wodurch ich wieder einen Freund mehr bekam. Und so hatte ich mitten in meinen Leiden- und Kummerstunden Augenblicke freudigen Genusses, die mich sehr glücklich machten.
An einem dieser Tage wünschte General Phillips mich zu besuchen und begleitete meinen Mann, der täglich ein- oder zweimal mit Gefahr seines Lebens zu mir kam. Er sah unsere Lage und hörte mich meinen Mann flehentlich bitten, mich im Fall eines schleunigen Rückzuges nicht zurückzulassen, er redete mir selbst das Wort dabei, wie er meinen grossen Widerwillen sah, in den Händen der Amerikaner zu sein. Beim Weggehen sagte er zu meinem Manne: »Nein, um zehntausend Guineen komme ich nicht wieder hierher, denn mein Herz ist ganz zerrissen.«
Indessen verdienten nicht alle, die bei uns waren, Mitleid. Es waren auch Feige darunter, die um nichts in dem Keller blieben und nachmals, als wir in die Gefangenschaft gerieten, sich recht gut in Reihe und Glied stellen und paradieren konnten. Wir blieben sechs Tage in dieser schrecklichen Lage. Endlich sprach man von Kapitulieren, da man zu lange gezaudert hatte und der Rückzug nun abgeschnitten war. Es wurde ein Waffenstillstand gemacht, und mein Mann, der ganz erschöpft war, konnte in dem Hause zum erstenmal seit geraumer Zeit sich wieder einmal zu Bett legen. Damit seine Ruhe gar nicht gestört wurde, hatte ich ihm in einer kleinen Stube ein gutes Bett machen lassen und legte mich mit meinen Kindern und meinen beiden Frauen in einem Saal daneben schlafen. Aber ungefähr um 1 Uhr in der Nacht kam jemand und verlangte ihn zu sprechen. Mit dem grössten Widerwillen sah ich mich genötigt, ihn aufzuwecken. Ich bemerkte, dass ihm die Botschaft nicht angenehm war, dass er den Mann sogleich nach dem Hauptquartier abfertigte und sich dann verdriesslich wieder niederlegte. Bald darauf liess der General Burgoyne alle andern Generale und Stabsoffiziere zu einem Kriegsrate, der gleich am frühen Morgen abgehalten werden sollte, zusammenberufen, in welchem er auf einen erhaltenen falschen Bericht vorschlug, die Kapitulation zu brechen, die bereits mit dem Feinde gemacht worden. Es wurde aber endlich entschieden, dass dieses weder thunlich noch ratsam sei; und dieses war ein Glück für uns, denn die Amerikaner sagten uns nachher, dass, wenn wir die Kapitulation gebrochen, wir alle massakriert worden wären, welches sie desto leichter thun konnten, da wir nicht über 4 bis 5000 Mann stark waren und wir ihnen Zeit gelassen hatten, über 20 000 zusammen zu bringen.
Am 16. Oktober des Morgens musste mein Mann wieder auf seinen Posten und ich nochmals in meinen Keller.
An diesem Tage wurde unter die Offiziere, welche bis dahin nur gesalzen Fleisch bekommen, das die Wunden der Blessierten sehr verschlimmerte, viel frisches Fleisch verteilet. Die gute Frau, welche uns immer Wasser geholt, machte eine treffliche Suppe davon. Ich hatte allen Appetit verloren und die ganze Zeit nichts zu mir genommen als eine in Wein getunkte Brotrinde. Die blessierten Offiziere, meine Unglücksgefährten, schnitten das beste Stück Rindfleisch ab und präsentierten es mir mit einem Teller Suppe. Ich sagte ihnen, ich wäre nicht vermögend etwas zu essen; da sie aber sahen, wie nötig es für mich war, etwas Nahrung zu mir zu nehmen, so erklärten sie, dass sie selbst nicht einen Bissen anrühren würden, bis ich ihnen das Vergnügen gemacht hätte, davon zu nehmen. Ich konnte ihren freundschaftlichen Bitten nicht länger widerstehen, worauf sie mir versicherten, dass es sie sehr glücklich mache, mir das erste Gute, was sie gehabt, anbieten zu können.
Den 17. Oktober wurde die Kapitulation vollzogen, Die Generale verfügten sich zum amerikanischen General en chef Gates, und die Truppen streckten das Gewehr und ergaben sich zu Kriegsgefangenen. Nun bekam die gute Frau, welche uns mit Gefahr ihres Lebens Wasser geholt, den Lohn ihrer Dienste. Jeder warf ihr ganze Hände voll Geld in ihre Schürze, und sie bekam zusammen über 20 Guineen. In solchen Augenblicken scheint das Herz für Gefühle der Dankbarkeit empfänglich zu sein.«