§ 1. Definition.
Wollen wir aus dem Begriffskonglomerat, das sich hinter dem Schlagwort "Generalstreik" versteckt, einen wissenschaftlich brauchbaren Begriff herausschälen, so müssen wir von vornherein jene Streikformen ausschalten, die lediglich Spezialfälle des inner-gewerblichen Kampfes der Arbeiter darstellen,[1] also Streiks, die lediglich eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen für die beteiligten Berufsangehörigen bezwecken.
[1] Vgl. Umrath, "Zur Generalstreikdebatte", p. 15.
Zu diesen auszuschaltenden Streiks gehört z. B. der große österreichische Kohlengräberausstand, der, dank seinem ökonomischen Druck (Mangel an Brennmaterial, Gefährdung der Industrie) und der ihm in der öffentlichen Meinung zu teil gewordenen Unterstützung, das Gesetz über die Arbeitsdauer in Bergwerken, den gesetzlichen Neunstundentag herbeiführte.[2] Ferner gehört hierher der Bergarbeiterstreik im Ruhrgebiet 1905, der ebenfalls einzig gegen die Unternehmer gerichtet,[3] ebenfalls von der Öffentlichkeit unterstützt war[4] und ebenfalls die Zusicherung einer legislativen Regelung wirtschaftlicher Verhältnisse herbeiführte.[5] Hierher gehört weiter der ungarische Eisenbahnerstreik 1904, der mit einem Mißerfolg endigte,[6] in gewissem Sinne läßt sich endlich noch der erfolgreiche "Musterstreik" der Arbeiter und Beamten der Schweizerischen Nordostbahn im Jahre 1897 hierzu rechnen.[7] Alle diese Ausstände werden häufig als "Generalstreiks", günstigstenfalls als "Berufsgeneralstreiks" bezeichnet. Sie unterscheiden sich aber von einem gewöhnlichen Ausstand in nichts, als in ihrer Ausdehnung. Und allein um eben dieser Ausdehnung willen wurden sie zu "Generalstreiks" gestempelt.
[2] Soz. Prx. 17./1. 07, "Wahlreform und Sozialpolitik in Österreich"; Prot. Parteitg. Jena 05, p. 305; Prot. Parteitg. Wien 03, p. 45; vgl. auch Roland-Holst, "G-str. u. Sozd." p. 42, dort auch über den Massenstreik der pennsylvanischen und den der französischen Bergleute (p. 42).
[3] 200 000 Arbeiter streikten, trotz Abratens der Führer, trotz schlechter Konjunktur, so groß war die allgemeine Erregung über das Vorgehen der Unternehmer (betr. das "Wagennullen", Berechnung der Ein- und Ausfahrtszeit usw.); vgl. Hue über den Generalstreik im Ruhrgebiet.
[4] Die Streikenden fanden Unterstützung sowohl in den Kreisen der Arbeiterschaft, (auch bei den ausländischen Arbeitern; die belgischen Arbeiter traten in den Solidaritätsstreik, vgl. Roland-Holst a. a. O. p. 10, Note), als auch im Bürgertum: die Öffentlichkeit stellte sich auf ihre Seite; die Regierung unterstützte die Streikleitung; die Polizei besorgte Säle für die Ausständigen, schaltete die Anwendung einer Reihe von Bestimmungen des Vereinsgesetzes aus, hielt mit der Streikleitung vielfach telephonische Verbindung; es kam überhaupt nicht zu Ruhestörungen (Leimpeters, "Die sozialdemokratische Partei und die Gewerkschaften", p. 929); der Streik mußte aus Mangel an Mitteln abgebrochen werden.
[5] Die spärliche Berggesetznovelle, die den Arbeitern aber keineswegs genügte, vgl. z. B. Bebel, Prot. Parteitg. Jena 05, p. 305.
[6] Seit 1899 hatte das Eisenbahnpersonal sich mehrfach um wirtschaftliche Verbesserungen bemüht; mit dem endlich 1904 erscheinenden Gesetzentwurf betr. die Regelung der Bezüge der Staatsbahnangestellten waren diese nicht zufrieden. Ein geringfügiger Anlaß am 19./4. 04 genügte, um sofort den allgemeinen Streik herbeizuführen. Der Eisenbahnbetrieb im ganzen Land ruhte. Es streikten 30 000 (Chronique du Musée social, Mai 04, p. 193, 194; nach "Der Massenstreik der Eisenbahner in Ungarn", von einem Ungarn, streikten 42 000 Personen); die Streikenden strömten nach Pest; am 20. April wurde mit der Regierung unterhandelt, aber erfolglos. 10 000 Streikende wurden als Reservisten eingezogen (vgl. Umrath, "Zur Generalstreikdebatte", p. 15; auch Ungar, a. a. O.), das Eisenbahnregiment mobilisiert, die Arbeiterführer verhaftet, die Truppen konsigniert. Nach 5 Tagen nahmen die Arbeiter die Arbeit wieder auf, nachdem die oppositionellen Abgeordneten ihnen die Förderung ihrer Angelegenheit zugesichert hatten; die Eisenbahnerforderungen wurden erst 3/4 Jahre später erfüllt (vgl. Soz. Prx. XIV. 51. Sp. 1347, 1348).
[7] Vgl. ab-Yberg, "Die Strikes und ihre Rechtsfolgen", p. 15, 16; Prot. Parteitg. Jena 05, p. 307.
Ein großer Streik ist aber an sich noch kein "Generalstreik". Vielmehr wird der "Generalstreik" definiert bald als "einheitliche Verabredung verschiedener Berufskategorien zum Zwecke gewaltsamer Erzwingung von Zugeständnissen der Unternehmer oder gar der Staatsgewalt, ... die zu dem geltenden Recht in Widerspruch stehen",[8] bald als friedliche Arbeitsniederlegung in einem ganzen Staatswesen, sodaß alle Produktion und aller Verkehr gehemmt wird,[9] bald als gleichzeitige Arbeitseinstellung der "wichtigsten Gruppen, welche das ganze Reproduktionssystem repräsentieren".[10] Aber Ausdehnung über das ganze Land, oder Gleichzeitigkeit, oder Hemmung allen Verkehrs und aller Produktion, oder friedliche Form, oder rechtswidrige Forderungen lassen sich keineswegs bei sämtlichen der in Frage kommenden Erscheinungen konstatieren. Diese differieren vielmehr in Eigenschaften, Zielen und Wirkungsweise ganz außerordentlich von einander; nur ein äußerst weitmaschiges Begriffsnetz wird zugleich den schwedischen und den italienischen, die spanischen und die russischen sogenannten Generalstreiks, die Anschauungen von Pouget und Bernstein, Nieuwenhuis und Kautsky zu umspannen vermögen. Daher müssen wir uns begnügen, den sogenannten Generalstreik als demonstrativen Massenausstand zur Förderung proletarischer Klasseninteressen zu definieren.
[8] v. Reiswitz, "Generalstreik?", p. 82, 83.
[9] Eckstein, "Was bedeutet der Generalstreik?", p. 358.
[10] ab-Yberg, "Die Strikes und ihre Rechtsfolgen"; ebenso fordert Jaurès (Enquête, p. 97) "que les corporations les plus importantes, celles qui dominent tout le système de la production, arrêteront à la fois le travail".
Aber der lässige Sprachgebrauch etikettiert nicht nur Unternehmungen und Theorien allerverschiedensten Stils gleichmäßig mit der Marke "Generalstreik". Er ersetzt diese auch beliebig durch verwandte Ausdrücke, wie "Massenstreik", "politischer Massenstreik", "Solidaritätsstreik", "Sympathiestreik", "generalisierter Sympathiestreik (grève géneralisée)"; ja, er versteht unter "Generalstreik" ("general strike", "grève générale", "sciopero generale")[11] bald die Gesamtheit der in Frage stehenden Erscheinungen, bald nur einen Spezialfall derselben.[12]
[11] Der Ausdruck stammt aus der Chartistenbewegung, wo man neben "sacred week", resp. "sacred month" auch von "national holiday", "national strike", "general holiday" und "general strike" sprach.
[12] Als nämlich in den 1890er Jahren neue Klassenstreikarten auftauchten, drangen die Vertreter sowohl der alten, wie auch der neuen Lehre auf eine Differenzierung in der Benennung, um das eigne Dogma vor der diskreditierenden Verwechslung mit dem der feindlichen Schule zu bewahren (vgl. z. B. Ledebours Äußerungen gegen Friedeberg auf der Generalvers. des Wahlvereins für den 6. Wahlkreis am 29. IX. 1905 ["Vorwärts" Nr. 230, 1. X. 05]; Kautsky: "Der Bremer Parteitag", p. 7-9). In den interessierten Kreisen wird unter "Generalstreik" daher jetzt im allgemeinen das alte Steckenpferd der Anarchisten verstanden, während das bei den Sozialdemokraten akkreditierte Kampfmittel "politischer Massenstreik" heißt.
Zur Vermeidung der üblichen Verwechslungen ist daher die Einführung eines neuen Terminus für unsere Untersuchung unentbehrlich. So brauchen wir denn im folgenden für den Oberbegriff, also den demonstrativen Massenausstand zur Förderung proletarischer Klasseninteressen, die Bezeichnung "Klassenstreik", und wir reservieren den Ausdruck "Generalstreik" für den Unterbegriff, für eine ganz spezielle Form des Klassenstreiks.
§ 2. Eigenschaften des Klassenstreiks.
a) Größe.
Die Ausdehnung des Klassenstreiks wird nach oben begrifflich durch die Gesamtheit der Lohnarbeiter begrenzt. Ein totaler Streik, d. h. ein Streik aller Arbeiter, aller Gewerbe, allüberall, ein Stillstehen "aller Räder" im mathematischen Sinne, wie es den ersten anarchistischen Generalstreikpropagandisten vorschweben mochte, wird heute von keiner Seite mehr als Erfordernis irgend einer Klassenstreik-Spezies betrachtet,[13] sondern es wird nur von gewissen Gesichtspunkten aus eine relative Allgemeinheit verlangt. Die untere Grenze des Klassenstreiks liegt nämlich (räumlich) bei derjenigen Arbeitergruppe, deren Streik in einer gegebenen Zeit, und (zeitlich) bei demjenigen Zeitraum, während dessen der Streik einer gegebenen Arbeitergruppe genügt, um eine bedeutende gesellschaftliche Wirkung zu erzielen. Demzufolge weist die Ausdehnung des Klassenstreiks zahlreiche Variationen auf.
[13] Girardin forderte seinerzeit für seine grève universelle die Beteiligung "de toutes les professions manuelles dans tous les pays civilisés" (cit. bei Weill, "Histoire du Mouvement social en France", p. 34).
Die räumliche Ausdehnung kann in gewerblicher oder geographischer Richtung liegen.
1. Bei der gewerblichen Ausdehnung des Klassenstreiks handelt es sich vor allem um die Bedeutung der beteiligten Gewerbe; diese richtet sich einerseits rein quantitativ nach der Anzahl der zugehörigen Lohnarbeiter, andererseits qualitativ nach dem Grad ihrer sozialen Unentbehrlichkeit. Je weniger die Gesamtwirtschaft und das Gesamtleben auf die Funktion einer bestimmten Gewerbegruppe angewiesen ist, eine umso größere quantitative Ausdehnung ist zum Zustandekommen eines Klassenstreiks erforderlich; je größer aber die qualitative Bedeutung einer Gewerbegruppe, eine umso geringere Teilnehmerzahl genügt zur Herbeiführung des Klassenstreiks.[14] Die qualitative Ausdehnung läßt sich positiv umschreiben, z. B. Beteiligung derjenigen Gewerbe, die das ganze Produktionssystem und das ganze Verkehrsleben stützen,[15] die das ganze soziale Leben unterhalten: also Streik nicht nur im Transportgewerbe und den Kraftlieferungsbetrieben (Kohle, Gas, Elektrizität), sondern auch bei der Lebensmittellieferung (ausnahmsweise nur wird auch die Beteiligung der Landarbeiter gefordert)[16] und in den sogenannten öffentlichen Diensten. Sie läßt sich auch negativ bestimmen, z. B. werden unter Umständen "die wesentlichen Erfordernisse des öffentlichen Lebens, die Produktionszweige von unbedingter allgemeiner Notwendigkeit" vom Ausstand ausgenommen;[17] doch zeigt sich hierbei das Bestreben, "keine Masche im Gewebe der Solidarität unnötig" zu zerschneiden.[18] Die wenigsten gehen so weit, wie Turati, der Licht, Brot, Trinkwasser, Sanitätsdienst, Post und Telegraph, Tagespresse usw. respektiert wünscht (da "die Aufhebung dieser Institutionen ... den höheren Forderungen der Zivilisation" widerstreite, auch dem Ziel des Streiks durch Verstärkung der "reaktionären Strömungen" schade.[19] Die prinzipiellen Streikeinschränkungen richten sich im allgemeinen nach dem Zwecke des Streiks.[20] Natürlich werden regelmäßig Ausnahmen zu gunsten der Nahrungsmittelversorgung der Arbeiter selbst gemacht.
[14] Vgl. Roland-Holst, "G-str. und Sozd.", p. 6; Cohnstaedt, "Generalstreik, Massenstreik und Sozialdemokratie" p. 748.
[15] So z. B. Briand (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 28); Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 54; Jaurès, "Aus Theorie und Praxis", p. 98, 99; ders. in der "Petite République", 29. Aug. 01 (cit. bei Umrath, p. 18); so schon Lovett (vgl. Gammage, History of the Chartist Movement, p. 127); auch der "Weckruf" vom 28. Mai 04, Nr. 7, 2. Jahrg., im Leitart. "Der Generalstreik".
[16] So durch Herbert-Stettin (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 285); vgl. auch Marchioni, "Massenstreik und Landarbeiter".
[17] Turati, "Lehren und Folgen des Generalstreiks in Italien", p. 867.
[18] Olberg; Roland-Holst, a. a. O. p. 132.
[19] Das Weitererscheinen der Presse wünscht auch Branting, ("Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 420ff.); Olberg ("Der italienische Generalstreik", p. 23) aber erblickt hierin eine ungerechtfertigte Ausnahme von der allgemeinen Arbeitsruhe; übrigens tritt sie für Aufrechterhaltung der Krankenpflege und der Nahrungsmittelversorgung der Hospitäler ein.
[20] Vgl. Bernstein, "Ist der politische Streik in Deutschland möglich?", p. 32.
Außer nach der Bedeutung der beteiligten Gewerbe kann der Umfang des Klassenstreiks auch nach ihrer Betriebsform differieren; im allgemeinen handelt es sich um die Beteiligung der Groß- und Mittelbetriebe; die des Kleinbetriebes ist selten und wird auch kaum gefordert.
2. Die geographische Ausdehnung des Klassenstreiks hängt einerseits quantitativ von der Größe des Streikgebiets ab. Hiernach unterscheidet man lokale, regionale, nationale und internationale Klassenstreiks; je kleiner das Streikgebiet, umso größer im allgemeinen die gewerbliche Ausdehnung. Ausstand möglichst aller Lohnarbeiter an einem einzelnen Platze, das ist der typische Umfang des romanisch-anarchistischen Generalstreiks, des sogenannten Solidaritäts- und Sympathiestreiks, der übrigens stets die Tendenz nach Erweiterung bis zum Weltstreik zeigt, sich auch nicht selten zum regionalen Ausstand (sogenannte "grève généralisée") verallgemeinert. — Gewöhnlich wird Ausdehnung über ein von vornherein beträchtliches Wirtschaftsgebiet gewünscht, das umso größer sein muß, je mehr auf gewerbliche Vollzähligkeit verzichtet wird. — Andererseits hängt die geographische Ausdehnung qualitativ von der sozialen Bedeutung des Streikgebietes ab; denn der Ausstand kann an allen Plätzen des Streikgebietes ausbrechen, sich unterschiedslos über Stadt und Land erstrecken, oder aber sich auf industrielle Zentren, vor allem auf die großen Städte beschränken.[21]
[21] Vgl. hierüber Prot. Parteitg. Wien 1894, Schuhmeier, p. 67, Resel, p. 70 ff.; ferner Lafargue, Enquête p. 67.
Zwei Ausnahmefälle, übrigens ohne praktische Bedeutung, bildet die räumliche Umgrenzung eines Klassenstreiks einerseits nach dem Konsumtionskreis (nur die Arbeit für die "herrschenden Klassen",[22] oder für die mobilisierte Armee [so Nieuwenhuis] soll unterbrochen werden), oder andererseits nach der Zahl der einem Armeeverband (sei es im aktiven Dienst, sei es als Reservisten) angehörigen Proletarier.
[22] "Weckruf" vom Dez. 04, Nr. 14 (cit. vom Sekretariat des Schweiz. Gewerbevereins, "Begleiterscheinungen bei Streiks", p. 11 ff.).
Die zeitliche Ausdehnung muß über die Dauer der gewöhnlichen Demonstration hinausgehen. Gleichzeitigkeit und Kontinuität sind nicht unbedingt erforderlich; der Streik kann vielmehr "intermittieren", "in Unterbrechungen und Pausen arbeiten",[23] und zwar sowohl geographisch intermittieren (wie in Rußland), als auch gewerblich intermittieren (wie in Marseille).
[23] Vgl. Göhre, "Sturmzeichen"; ferner Roland-Holst, a. a. O. p. 104 ff. und dieselbe "Der politische Massenstreik in der russischen Revolution", p. 215.
b) Form.
Wie jeder Streik bedeutet der Klassenstreik nicht nur eine rein passive Arbeitsruhe, sondern auch eine ostentative Arbeitsverweigerung. Die Form des Klassenstreiks hängt also von der Ausgestaltung der Arbeitsverweigerung ab.
Bei friedlicher Form gelangt die Arbeitsverweigerung nur durch die sich auf der Straße zeigende Masse der Feiernden zum Ausdruck, die sich prinzipiell in den Schranken der Gesetzlichkeit, "in den Grenzen der Mäßigung, Gesittung und Vernunft" halten oder doch halten wollen.[24]
[24] Vgl. Turati, a. a. O.; Bernstein, a. a. O. p. 36; Eckstein, "Was bedeutet der Generalstreik", p. 358; systematische Anwendung des Streikrechts, nicht verhüllte Gewalt, fordert Jaurès, "Aus Theorie und Praxis", p. 99 ff., gewaltlose Demonstration Bernstein ("Pol. M-str. und pol. Lage", p. 40).
Bei gewaltsamer Form zeigt sich die Arbeitsverweigerung in absichtlicher Verletzung des Rechtszustandes, in absichtlicher Vollführung von Akten der physischen Gewalt. Die "bewaffnete Hand",[25] "Feuer und Schwert",[26] der "ökonomische Furor"[27] sind hierbei die normalen Attribute des Klassenstreiks.
[25] Vgl. "Der Generalstreik", Leitart. des "Weckruf" vom 28. Mai 04.
[26] "Und arbeiten wir überhaupt nie mehr für die Ausbeuter! Brennen wir sie von dem Lande weg, auf dem wir leben wollen" (Conrad Froehlich, "Der Weg zur Freiheit", p. 10).
[27] Beim Generalstreik in Triest: Demolieren von Gebäuden, Umstürzen von Gaslaternen, Einschlagen von Fensterscheiben, Ermordung eines Polizeikommissärs, vgl. "Weckruf" Nr. 7, April 1905; ähnlich auch "Weckruf" Nr. 14, Dez. 04 (beide cit. vom Sekretariat des Schweiz. Gewerbevereins, a. a. O. p. 11, 12).
Eine dritte Richtung schließt "rohe Gewalt" zwar aus,[28] doch soll sich im übrigen hierbei die Form der Arbeitsverweigerung nach den besonderen Umständen richten. Rechtsverletzungen werden weder gesucht noch gemieden, spielen überhaupt eine ganz sekundäre Rolle. Das Proletariat dürfe sich nämlich "nicht blenden lassen durch das Wörtchen Gesetzlichkeit",[29] brauche in der Notwehr "die Gesetze des Klassenstaats" nicht mehr zu respektieren,[30] sondern "wenn die herrschenden Klassen den Boden der Gesetzlichkeit zertrümmern", dann sei das Proletariat "im Recht, zu sagen: ich stelle mich auf den granitenen Boden meiner Macht".[31]
[28] Friedeberg, "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 31.
[29] Zetkin, Vortrag in einer öffentlichen Versammlung der Filiale Berlin des Zentralverbandes der Stukkateure am 21./8. 05 über den pol. M-str. (Bericht im Vorwärts, 23. Aug. 05).
[30] Friedeberg, a. a. O. p. 28, 29.
[31] Zetkin, Vortrag in einer öffentlichen Versammlung der Filiale Berlin des Zentralverbandes der Stukkateure am 21./8. 05 über den pol. M-str. (Bericht im Vorwärts, 23. Aug. 05).
§ 3. Ziele des Klassenstreiks.
Das Ziel eines Klassenstreiks kann die Erfüllung von Forderungen sein, die nur einen Teil der Streikenden unmittelbar interessieren, um deren Durchsetzung willen aber aus Solidaritätsgefühl auch nicht unmittelbar interessierte Arbeiterkategorien in den Ausstand treten; indem sie die Sonderforderung zu der ihren machen, bringen sie die Klassenzusammengehörigkeit des Proletariats zum Ausdruck, verwandeln sie das Sonderziel in ein mittelbares Klassenziel, wollen sie mittelbar die proletarischen Klasseninteressen fördern. (Hierher gehören vor allem die romanischen Sympathiestreiks.)
Das Ziel des Klassenstreiks kann aber auch die Erfüllung von Forderungen sein, an denen die Gesamtheit des Proletariats interessiert ist (oder interessiert sein könnte), ein unmittelbares Klassenziel; und zwar handelt es sich hierbei um jede Art von Gesamtforderungen, um Teilpostulate, wie um Endpostulate.
Die Teilforderung kann wirtschaftlicher Natur sein, sich z. B. auf die Einführung des Achtstundentages,[32] auf die Einführung von Versicherungseinrichtungen[33] usw. für eine Gesamtarbeiterschaft beziehen. Oder die Einzelforderung trägt, wie dies bei den bisherigen Klassenstreiks mit unmittelbarem Klassenziel die Regel war, politischen Charakter.
[32] Vgl. den auf dem intern. Kongr. in Zürich 1893 aufgetauchten Plan.
[33] Vgl. Girardins Vorschlag.
In erster Linie handelt es sich hierbei um prinzipielle politische Forderungen, um politische Rechte,[34] in allererster Reihe um das politische Wahlrecht.[35] In der Defensive: Schutz der Verfassung gegen den Staatsstreich;[36] Verteidigung des Wahlrechts gegen "reaktionäre Anschläge"; Bekämpfung eines als ungenügend und entwicklungshemmend empfundenen neuen Wahlprojekts (wie 1902 in Schweden); Effektuierung nur theoretisch vorhandener Rechte.[37] In der Offensive: Eroberung parlamentarischer Grundrechte (z. B. in Begleitung der bürgerlichen Revolution; Rußland); Ausbau der Demokratie, Erzwingung "drängender politischer Forderungen",[38] vor allem Eroberung des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrechts.[39]
[34] Umrath, "Zur Generalstreikdebatte", p. 15; Roland-Holst (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 25); Amsterdamer Resolution über den Generalstreik (Prot. p. 24 ff.); v. Elm (Prot. Gwft. Kongreß Köln 05); Destrée und Vandervelde, "Le Socialisme en Belgique", p. 22; Bernstein, "Ist der politische Streik in Deutschland möglich?", p. 36.
[35] Durch das zugleich das Koalitionsrecht bedingt wird, vgl. Kloth, "Generalstreik und Maifeier auf dem Gewerkschaftskongreß in Köln"; Liebknecht (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 195, 196); vgl. auch Prot. Parteitg. Jena 05; A. v. Elm, "Rückblick auf den 5. deutschen Gewerkschaftskongreß.
[36] Vgl. z. B. Girardins Plan von 1851 (unten p. 38); Parvus, "Staatsstreich und politischer Massenstreik".
[37] So wünscht Lensch ("Politischer Massenstreik und politische Krisis") den Klassenstreik, um die tatsächliche Bedeutung des dem Proletariat zugänglichen Parlaments zu erhöhen; "pour briser la force de la soldatesque", die sich in der Dreifuskrise über das Parlament hinwegzusetzen schien, also um dieses und die parlamentarische Regierung zu unterstützen, würde Kautsky ("Jaurès et Millerand", Mouvement socialiste 1899) seinerzeit den französischen Proletariern den Eintritt in einen Klassenstr. empfohlen haben, wenn Kautsky nicht selbst — und mit Recht — gezweifelt hätte, daß ein bürgerliches Ministerium sich dieses Hilfsmittels bedienen würde.
[38] Cohnstaedt, a. a. O. p. 743, 744; ähnl. Amsterdamer Resolution über den Generalstreik, a. a. O.; Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 193.
[39] Die Wahlrechtsforderung erschien schon in der Chartistenbewegung, und die verlockende "Idee, durch Einstellung der Arbeit die Gewährung politischer Forderungen zu erzwingen", taucht "in der Geschichte der modernen Demokratie" immer wieder auf (Bernstein, "Der Streik als politisches Kampfmittel", p. 689).
Außerdem kommen auch gelegentliche politische Teilforderungen vor, die sich auf einzelne unliebsame Maßnahmen der Regierung beziehen, deren Ausführung oder Wiederholung verhindert werden soll, z. B. auf kriegerische Unternehmungen,[40] oder auf die Beeinflussung der Wirtschaftskämpfe durch die öffentliche Gewalt.[41]
[40] Durch den Kriegsstreik (Prot. int. Kongr. Brüssel 1891, p. 24, 27, 31; Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 20 ff.; Prot. int. Kongr. London 1896, p. 24; Jaeckh, "Die Internationale", p. 76; Hervé (cit. in der "Hilfe", XI. Jahrg. Nr. 21); Enquête sur l'idée de patrie et la classe ouvrière [Mouvement socialiste 1. und 15. Nov. 05, p. 327)]; La "Patria" e l'Antimilitarismo, Inchiesta fra la classe operaia organizzata ["Il Divenire sociale", 16. XII. 04, p. 387, 388]) und zwar entweder spez. Militärstreik (Dienst- und Stellungsweigerung), oder Streik der auf den Krieg bezüglichen Gewerbe, oder überhaupt Klassenstreik im Moment des Kriegsausbruchs.
[41] Klassenstreik z. B. als Protest gegen Soldatenverwendung bei Streiks (Italien 1904); oder als Protest gegen die Hinderung des Streikpostenstehens ("die famose Idee des Genossen Wiesenthal", deren Mitteilung durch Bömelburg auf dem Kölner Gewerkschaftskongreß 05 große Heiterkeit erregte [vgl. Prot. p. 219]).
Bei den Endzielen, den proletarisch-revolutionären Zielen, handelt es sich einerseits um positive Forderungen: Eroberung der Staatsgewalt, "Ergreifung der politischen Macht",[42] "Diktatur des Proletariats",[43] sei es, daß der Klassenstreik nur als "letzte, ernsteste Drohung vor dem Sturm", als "Präludium" der Revolution auftritt,[44] sei es, daß er die direkte Einführung der proletarischen Aera beabsichtigt.
[42] Parvus, "Staatsstreich und politischer Massenstreik", p. 394.
[43] Leipziger Volkszeitung vom 8. 3. 04, Art. "Märzluft", zit. von David, "Rückblick auf Jena", p. 842, Note 1.
[44] Eckstein, "Was bedeutet der Generalstreik?" p. 363; — Zetkin, a.a.O.; Block, "Formen und Möglichkeiten des Massenstreiks"; Cohnstaedt, a. a. O.
Andererseits handelt es sich um negative Forderungen: Beseitigung der kapitalistischen Ausbeutung,[45] Beseitigung, "Zersprengung des Klassenstaats",[46] "um Raum zu machen für die Freiheit",[47] in deren Schutz sich alsdann die neue Gesellschaftsordnung entwickeln werde.[48] Mehrfach wird übrigens auch die "transformation sociale" selbst, die Aneignung des gesellschaftlichen Eigentums und die Einführung der neuen Ordnung, also nicht bloß das Niederreißen, zu den Obliegenheiten dieses sogenannten "Expropriationsstreiks" oder "absoluten Generalstreiks"[49] gerechnet.[50]
[45] Friedeberg, "Weltansch."; ähnlich Thesing, "Per la questione dello sciopero generale."
[46] "Der Generalstreik" ("Weckruf", 28. Mai 04); Sorel, "Lo sciopero generale"; Friedeberg, "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 4, 15, 26, 27, 31; derselbe, "Weltansch.", Nr. 40; Mazuel, vom P. S. R. ("Congrès général des organisations socialistes françaises Paris 1899", p. 254, 255).
[47] "Weckruf", a. a. O.
[48] So z. B. Friedeberg, "Weltansch."; "Antimilitarismus u. Generalstreik" (Beilage zur "Wahrheit", Nr. 11, p. 11).
[49] Roland-Holst, "G-str. u. Sozd.", p. 5; Louis, "L'Avenir du Socialisme", p. 297.
[50] So Bakunins Anhänger auf dem Kongreß in Brüssel (Umrath, "Zur Generalstreik-Debatte", p. 13, 14); so die in Brüssel erscheinende "Internationale" im März 1869, daß der G.-str. "in einem die Gesellschaft erneuernden Zusammenbruch endigen" werde; so der Kongreß in Genf 1873 (vgl. Weill, p. 163); so die Allemanisten (Richard, "Manuel socialiste", p. 78 ff.); — so die "Jungen" (vgl. Kampffmeyer, "Der Generalstreik und die Eroberung der ökonomischen Macht"); Briand, "La grève générale et la révolution". — López Montenegro wünscht (in der Broschüre "La huelga general") die Herbeiführung der sozialen Revolution durch den allgemeinen, womöglich internationalen Ausstand, der nicht eher beendigt werden solle, "bis die Häuser den Bewohnern gehörten, die Erde und ihr Ertrag den Bebauern ..." usw.; "Die Neugestaltung der Produktion werde sich schon von selber machen" (vgl. Eltzbacher, "Der Anarchismus und die soziale Revolution in Barcelona", p. 7).
§ 4. Wirkungsweise des Klassenstreiks.
Die Wirkung des Klassenstreiks kann sich einerseits in einem Druck auf die Gegner zur Herbeiführung des Zieles äußern; andererseits kann der Streik aber auch eine Beeinflussung der Arbeiter selbst zur Folge haben.
Der Druck auf die Gegner kann auf zweierlei Weise erfolgen: durch wirkliche Ausführung des Klassenstreiks, oder durch seine bloße Ankündigung.
Bei der wirklichen Ausführung kann dieser Druck vorwiegend ideeller Natur sein: Manifestations- oder Demonstrationsstreik. Durch die Arbeitsverweigerung soll der Gegner und sollen die Indifferenten nachdrücklichst auf das Begehren der Arbeiter aufmerksam gemacht, zu seiner Erfüllung aufgefordert werden;[51] der Demonstrationsstreik bedeutet also einen starken "Appell an die Gewissen ... eine Aufrüttelung der schlafenden Rechtsempfindung", einen "Gewissensschärfer", soll aber nicht bloß einen "Bittgang", sondern "immer auch ein eindrucksvolles Mene-Tekel",[52] eine Drohung darstellen; es soll "der Einheit des Willens der Massen in Bezug auf ein bestimmtes Ziel der stärkste, nachhaltigst wirkende Ausdruck gegeben",[53] "die in der Zahl liegende Wucht der Arbeiterklasse mit der nötigen Zähigkeit und Energie entfaltet" werden, damit sich "die herrschenden Klassen der Stärke der Gegner bewußt werden",[54] erkennen, "wie ernst es ihnen sei"[55] und aus diesem "Anschauungsunterricht"[56] lernen. Der auch vom Demonstrationsstreik unzertrennliche mehr oder minder starke materielle Druck soll zur Verschärfung des psychologischen Effekts dienen, zugleich, durch Erweckung von Furcht vor der Wiederholung oder Verstärkung der Arbeitseinstellung, wie eine Drohung wirken.
[51] Denn die Arbeitsniederlegung ziehe so weite Kreise in Mitleidenschaft, "daß sich die Öffentlichkeit wohl oder übel genötigt sieht, sich mit dem Streik und seinen Ursachen eingehend zu befassen" (Bernstein, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 39).
[52] Bernstein, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik".
[53] Bernstein, "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik", p. 417; Kampffmeyer, a. a. O. meint, auch der Kleinbetrieb könne sich Arbeitsruhe "im Interesse einer allgemeinen politischen Demonstration auferlegen".
[54] Olberg, "Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik".
[55] v. Elm (Prot. Gewft. Kongr. Köln 05, p. 226). — In einem Aufruf der tschecho-slawischen Sozialisten zur Demonstration am 10. Okt. 05 in Prag für das allg. gl. Wahlrecht heißt es: "Erhebet Euch in Massen, damit Euer Wille unabwendbar erscheine, wie das Schicksal!... Erheben wir uns zu einer Manifestation, damit sie die Kraft und Entschlossenheit von Hunderttausenden klarlege, wenn sie gezwungen wären, von der Abwehr zum Angriff überzugehn" (vgl. Dokumente des Sozialismus, Nov. 05, p. 521).
[56] Z. B. "Der Generalstreik" ("Weckruf", 28. Mai 04), und Kampffmeyer, a. a. O. p. 877.
Beim Pressionsstreik aber ist der beabsichtigte Druck vorwiegend materieller Natur. Durch die Wirkungen des Ausstandes soll die Gegenseite unentrinnbar zu einem Tun oder Unterlassen genötigt werden.[57]
[57] Vgl. Heine, "Politischer Massenstreik im gegenwärtigen Deutschland?"; vgl. auch Block, a. a. O.
Der Pressionsstreik ist in seiner zeitlichen Ausdehnung prinzipiell von der Kapitulation einer der beiden Parteien abhängig; seine Dauer läßt sich also gar nicht von vornherein bestimmen. Der Demonstrationsstreik, der nur Eindruck machen soll, ohne daß mit einer sofortigen Erzwingung von Konzessionen gerechnet würde, kann von Anfang an für eine bestimmte, meist kurze Dauer proklamiert werden.
Von der bloßen Ankündigung, der "proklamierten Bereitschaft",[58] der Androhung des Klassenstreiks wird erwartet, daß sie unter Umständen genüge, um die Gegner zur Nachgiebigkeit zu veranlassen.[59] Und zwar kommt die Drohung sowohl für Teilziele in Betracht, (besonders Schutz der Volksrechte, "Hinter dem allgemeinen Wahlrecht muß stehen der Wille zum Generalstreik"),[60] als auch zur Durchsetzung des Endziels; man glaubt, daß die Gegner, wenn sie die Arbeiter im Besitz einer solchen Waffe wüßten, eher einen friedlichen Ausgleich suchen würden.[61]
[58] Dr. Liebknecht, Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 281.
[59] Ähnlich wie mitunter bei Lohnkämpfen "die Besorgnis vor der Waffe, welche die Arbeiter gebrauchen können", die Unternehmer zu Konzessionen veranlasse (Stieda, Art. Arbeitseinstellungen im Hdwb. der Staatsw. 2. Aufl.); — aus diesem Grund will z. B, Adler den polit. M.str. nicht abschwören (vgl. Prot. Parteitg. Wien 03, p. 131).
[60] Dies der vielfach angefochtene Satz von Hilferding ("Zur Frage des Generalstreiks").
— Beispiele solcher Klassenstreikdrohung: in Belgien soll auf diese Weise Ende der 1890er
Jahre der Versuch einer Wahlrechtsverschlechterung verhindert worden sein; in Frankreich soll die Kl.-Str.-Drohung die Zurücknahme einer Antistreikvorlage bewirkt (Briand a. a. O. p. 12 ff.), die Angst vor dem Generalstreik seinerzeit den Eintritt Millerands ins Ministerium gefördert haben (?), (vgl. Dejeante, "Congrès générale des Organisation socialistes françaises Paris 1899," p. 257 ff.), während z. B. die Generalstreikdrohungen, die Ende Juli 1906 in Zürich laut wurden, das kantonale Verbot des Streikpostenstehens, das bis Ende 1906 dauerte, nicht zu beseitigen vermochten.
[61] So Kautsky, "Allerhand Revolutionäres", p. 739, 740.
Die Androhung wird verschieden wirken, je nachdem ein Klassenstreik schon vorangegangen ist oder nicht, je nachdem eine größere oder geringere Beeinträchtigung zu erwarten steht.[62] Wie die Ausführung, so kann auch die Androhung unter Umständen das Gegenteil des gewünschten Effekts herbeiführen, indem sie z. B. den Gegner zu umso energischerem Widerstand reizt; oder indem sie von Dritten in verhängnisvoller Weise in Rechnung gezogen wird.[63]
[62] Daß die Furcht vor dem Unbekannten, vor dem "adversaire mysterieux, dont la force doit être présumé d'autant plus grande, plus irrésistible, qu'on n'a pas eu encore l'occasion de la mesurer" (Briand, a. a. O. p. 12 ff.) hierbei eine Rolle spiele, ist bei den gegenwärtigen Verhältnissen des intern. Nachrichtendienstes, sowie bei dem Stande der an Hand der Statistik und der täglichen Erfahrung erlangten Voraussicht kaum anzunehmen.
[63] Bernstein, "Patriotismus, Militarismus und Sozialdemokratie", sagt: "Die Vorstellung, daß in dem in Frage kommenden Lande eine machtvolle Partei existiert, die nur auf den Krieg wartet, um der eigenen Regierung Schwierigkeiten zu bereiten, einen Militärstreik und dergleichen ins Werk zu setzen, kann zur größten Kriegsgefahr werden, für abenteuernde Politiker geradezu ein Anreiz sein, auf einen Krieg mit jenem Lande hinzuarbeiten."
Die Wirkung auf die Arbeiter selbst kommt einerseits bei der wirklichen Ausführung des Klassenstreiks zu Stande. Zunächst handelt es sich hierbei um eine Beeinflussung der aktiv am Streik beteiligten Arbeiter, die "im Kampf ihre Kraft erproben und sich für den späteren siegreichen Kampf schulen" sollen;[64] denn der Klassenstreik stärke das Klassenbewußtsein,[65] das revolutionäre Bewußtsein;[66] außerdem handelt es sich um die Wirkung auf die übrigen Proletarier, also um einen propagandistischen Zweck;[67] der Klassenstreik, der auch dem letzten Proletarier die gegenseitige soziale Abhängigkeit klar vor Augen führe, vermöge Gebiete und Gewerbe aufzurütteln, die für gewöhnlich der sozialistischen Agitation unzugänglich seien.[68] Außer der Propaganda für die proletarische Bewegung im allgemeinen soll aber auch die Propaganda für den Klassenstreik als solchen gefördert werden. Und in der Tat läßt sich eine derartige Wirkung, sogar über nationale Grenzen hinaus, auch mehrfach wahrnehmen.[69]
[64] Vanêk (Prot. Parteitg. Wien 03, p. 125); ähnl. Olberg, "Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik"; Block, a. a. O. p. 563.
[65] Umrath, a. a. O. p. 18, 19; Resolution der Guesdisten (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 30).
[66] Dieses habe im Generalstreik "sein neues kommunistisches Manifest" geschrieben; die Generalstreikidee bedeute "nichts anderes, als die Ersetzung der großen unpersönlichen stimmzettelfrohen Masse durch die Vereinigung der zielklaren und zielwollenden Persönlichkeiten" (E. Th. "Der Parteitag von Jena und der Generalstreik" ["Einigkeit", 9. Dez. 05]); Friedeberg, "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 3, 31, 32), während der Parlamentarismus dem "Klassenkampf den Todesstoß" gegeben habe, da er das Proletariat an der Legalität des "Klassenstaats" interessiere, das revolutionäre Bewußtsein einschläfere; nur durch die Erfahrung des Generalstreiks könne das Proletariat den endlichen Zerfall der bürgerlichen Gesellschaft kennen lernen (Louis, p. 301 ff.).
[67] Luxemburg ("Und zum dritten Mal das belgische Experiment") nennt den Klassenstreik ein "wirksamstes Mittel der sozialistischen Agitation"; der "Weckruf" (Art. vom 9. Jan. 04, "Wo wollen wir hin? Der Generalstreik") nennt ihn "wirksamstes Propagandamittel"; die "Wahrheit" (Beilage zu Nr. 11, "Antimilitarismus und Generalstreik", p. 12) sagt: "Kein anderes Propagandamittel hat ... so bedeutende Erfolge erzielt"; vgl. auch Block, p. 563; Weill, p. 410.
[68] So sei ein Teil der Hausindustrie beim belgischen Wahlrechtsstreik aufgerüttelt worden; der "Weckruf" (28. Mai) rühmt diesen Effekt den Solidaritätsstreiks nach, behauptet auch einen großen propagandistischen Erfolg (?) des Genfer Generalstreiks ("Weckruf" vom 9. Jan. 04).
[69] Einfluß des belgischen Kl-streiks auf den schwedischen von 1902 (vgl. Enquête, p. 377; Allg. Ztg. 21. 4. 02); Eindruck des finnischen Nationalstreiks auf die schwedischen Arbeiter (Branting [Soz. Mh. Aug. 06, p. 664]); Einfluß der beiden belgischen Kl.-streiks auf die österreichische Wahlrechtsbewegung (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 4-6, 31, 34, 58; Prot. Parteitg. Wien 1903, p. 131); Einfluß des schwedischen Streiks (Bracke, Enquête, p. 86), ital. Streiks (Bömelburg, Prot. Gwkft. Kongr. Köln 05, p. 215), der belgischen und österreichischen Bewegung (Bernstein, Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 193), der russischen Revolutionsstreiks (Bernstein, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"; Prot. Parteitg. Jena, Bebel [p. 307], David [p. 328]; Prot. Parteitg. Mannheim, Luxemburg [p. 261], David [p. 259]) auf die deutsche Klassenstreikdiskussion.
Nicht nur mit der Ausführung, auch mit der bloßen Verbreitung der Idee werden gewisse Wirkungen auf das Proletariat bezweckt. Einerseits soll die Überzeugung von der Anwendungsmöglichkeit dieses Mittels das "erhebende und stählende Gefühl der eigenen Kraft und Siegeszuversicht" entfachen und hierdurch dem Proletariat den Verzicht auf schwächende Zwergkämpfe (durch die es den Zusammenbruch hinauszuschieben trachte) ermöglichen.[70] Andererseits soll die Vorstellung einer scheinbar so gut fundamentierten, scheinbar so leicht zu erreichenden Eingangspforte zu den Herrlichkeiten des Zukunftsstaates, soll die "anziehende", "verführerische", "fascinierende" Idee, durch bloßes Nicht-Arbeiten die Erlösung von aller Mühsal zu erlangen,[71] im Proletariat den Glauben an eine bessere Zukunft befestigen. Der Klassenstreik erscheint in dieser Auffassung als "weithin leuchtende Fackel",[72] "Leitstern", "Richtschnur", "Symbol",[73] "Ideal",[74] "das große Endziel",[75] kurz, als Ersatz für die schon abgegriffene Vorstellung vom Zukunftsstaat. Wie diese wird auch die Klassenstreikidee als Propaganda-, Organisations-, Erziehungsmittel betrachtet,[76] und zwar soll sie nicht nur das Klassenbewußtsein fördern, indem sie die "Ideale des Klassenkampfes" in den Vordergrund rücke,[77] sondern durch Kräftigung des revolutionären Willens auch eine Beschleunigung der Entwicklung herbeiführen können; so daß sich infolge der Klassenstreik-Propaganda die Umwandlung der kapitalistischen in die sozialistische Gesellschaft weit früher vollziehen könne, als dies der bloß mechanische Ablauf der ökonomischen Verhältnisse gestatten würde.
[70] Kautsky, "Allerhand Revolutionäres", p. 740.
[71] Diese Vorstellung sei nur zu sehr geeignet, den vielen "utopisch angelegten Naturen" in den Arbeiterkreisen aller Länder Nahrung zu geben (Vliegen, "Der Generalstreik als politisches Kampfmittel", p. 195).
[72] Friedeberg, "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 31.
[73] Der Sozialismus befasse sich mit dem Mysteriösen, der Transformation der Produktion; von dieser schweren Lehre gebe der Generalstreik ein leicht faßliches Bild (Sorel, "Lo sciopero generale").
[74] Vgl. z. B. auch Weill, p. 409 ff.
[75] Friedeberg, "Weltansch.".
[76] Vgl. Thesing, "Per la questione dello sciopero generale"; Polledro, "Per la terminologia dello sciopero generale"; die Erfüllung des proletarischen Seelenlebens mit der Generalstreikidee werde die Organisationen so stärken, daß gewaltsame Kämpfe vielleicht vermieden werden können (Friedeberg, a. a. O., und "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 27 ff.); "En indiquant aux travailleurs un but d'organisation, en leurs offrant un moyen d'emancipation, à l'efficacité duquel ils croient fermément, elle (die G-streiksidee) a puissament contribué à donner à l'action syndicale plus de confiance et de methode" (Briand, p. 15).
[77] Friedeberg, "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 3, 4, 26, 27; derselbe: Prot. Parteitg. Dresden 03; ähnl. Allemane (Prot. int. Kongr. Amsterdam, p. 26); sowie die programmatische Erklärung des 7. Kongresses der "freien Vereinigung" im April 1906 (cit. bei v. Elm, "Die Gewerkschaftsdebatte auf dem Mannheimer Parteitag").
§ 5. Die Arten des Klassenstreiks.
Da der Begriff Klassenstreik so verschiedenerlei Eigenschaften, Ziele und Wirkungsweisen eines Ausstandes in sich schließt, so kann der Klassenstreik auch in einer großen Zahl von Variationen auftreten, unter denen man zwei Hauptarten zu unterscheiden pflegt: Generalstreik und politischer Massenstreik.
Der Generalstreik strebt im allgemeinen mehr nach quantitativem, der politische Massenstreik mehr nach qualitativem Umfang; ersterer begnügt sich unter Umständen mit lokaler, strebt aber meist nach internationaler Ausdehnung, letzterer tendiert in der Regel zu nationaler Ausdehnung.
Der Generalstreik neigt meist, doch nicht ausnahmslos (Friedeberg; Briand), zu gewaltsamen Formen; es soll ihm jeder gesetzliche Inhalt fehlen; er soll, insbesondere nach Ansicht der revolutionären Syndikalisten, "nicht mehr als Ausführung eines gesetzlich verbrieften Rechts, sondern ... als der Typus der revolutionären Tat" gelten (Lagardelle). Der politische Massenstreik hingegen fordert meist, aber ebenfalls nicht ausnahmslos (man denke an einige deutsche "Ultra-Radikale"!), nur eine friedliche Arbeitsverweigerung.
Der Generalstreik vertritt vorwiegend wirtschaftliche, antiparlamentarische, anarchistisch-revolutionäre mittelbare und unmittelbare Klassenziele, ohne doch politisch-parlamentarische Forderungen unter allen Umständen auszuschließen;[78] der politische Massenstreik kennt nur politisch-parlamentarische, also nur unmittelbare Klassenziele.
[78] Vgl. z. B. Briand, a. a. O. p. 6; Resolution der Kommissionsminderheit (Prot. int. Kongr. Paris 1900, p. 32); ebenda p. 7; Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 28-30; ähnlich die Allemanisten (vgl. Richard, Mouvement socialiste, 1899, I. p. 619 ff.); Congrès corporatif de Marseille 1892; Conféd. générale du travail (vgl. "Antimilitarismus und Generalstreik", Beilage zu Nr. 11 der "Wahrheit"); "Weckruf" (28. Mai 04, "Der Generalstreik").
Der Zweck des Generalstreiks besteht zum großen Teil in der Wirkung auf die Arbeiter selbst, der des politischen Massenstreiks fast ausschließlich in der Wirkung auf ihre Gegner.
Doch selbst diese hauptsächlichsten Unterscheidungspunkte ergeben keine feste Grenzlinie. Denn die Tatsachen der als Generalstreiks und der als politische Massenstreiks rubrizierten Unternehmungen und Projekte stehen sich oft außerordentlich nahe. Der einzige wirklich durchgreifende Unterschied zwischen Generalstreik und politischem Massenstreik besteht überhaupt nicht in objektiven Merkmalen, sondern in der subjektiv umschriebenen Stellung und Funktion des Klassenstreiks, in dem subjektiv ihm zugewiesenen Rang innerhalb der proletarischen Bewegung.
Ein Klassenstreik heißt nämlich Generalstreik, sobald er als "seule lutte qui soit digne de la classe ouvrière",[79] als das prinzipiell-proletarische, weil vom Parlamentarismus unabhängige[80] Hauptmittel aller und jeder proletarischen Betätigung auftritt (so bei den Anarchisten, revolutionären Syndikalisten).[81] Dabei beschränken sich die Ergänzungswaffen des Klassenkampfs teils nur auf die übrigen Mittel der "direkten Aktion", (also Boykott, Sabot, bewaffneter Widerstand),[82] unter ausdrücklichem Ausschluß des Streiks zu politischen Zwecken;[83] teils umfassen sie aber neben allem anderen auch die parlamentarische Tätigkeit und den Streik zu politischen Zwecken,[84] und sei es eventl. auch nur, damit bei der Anwendung des letzteren den Arbeitern die Bedeutung der Massenaktion und des eigentlichen Generalstreiks klar werde.[85]
[79] Léon Quatrehomme, ouvrier typographe (Enquête sur l'idée de patrie et la classe ouvrière, p. 337).
[80] Vgl. z. B. E. Th., "Der Parteitag von Jena"; Friedeberg, "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 26, 27; Thesing, a. a. O.; Kautsky, "Maifeier und Generalstreik"; Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 26, 28, 30, 71; Roland-Holst, "G-str. u. Sozd.", p. 157; Umrath, a. a. O. p. 19, 20. Nicht nur die Idee des Generalstreiks sei "concetto genuinamento operaio, che la classe lavoratrice ha ricavato dall' esperienza della vita" (Labriola, "Riforme e Rivoluzione sociale", p. 211; ähnl. Briand, p. 4, 5; Kautsky, a. a. O.; derselbe, "Die soziale Revolution" I. p. 51), sei das Produkt "de la mentalité ouvrière elle même", entspreche einer "profonde intuition populaire" (Louis, p. 293 ff.), sondern auch die Anwendung stehe "en dehors de toute direction politique" (Richard, "Manuel socialiste", p. 78, 79).
[81] Als stärkste, wirksamste, entscheidenste Waffe erscheint der Klassenstreik z. B. in der Resolution der Allemanisten (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 29, 30), in der Resol. der Kommissionsminderheit (Prot. int. Kongr. Paris 1900, p. 32), in der Auffassung der "Lokalisten" (vgl. Bericht im Vorwärts vom 18. Juli 06 über die Generalversammlung der "Freien Vereinigung der Bauarbeiter Berlins und Umgebung" am 15. Juli 1906) usw. — Nach dem Bericht der Étudiants socialistes révolutionnaires internationalistes de Paris an den internationalen revolutionären Arbeiterkongreß, der 1900 in Paris stattfinden sollte (aber verboten wurde), ist der (gewaltsame) allgemeine Ausstand "unter den gegenwärtigen Verhältnissen das beste und sicherste Mittel zur Herbeiführung der sozialen Revolution" (vgl. Eltzbacher, p. 5, 6).
[82] Der letzte Anarchistenkongreß (3. Aug. 1907 in Amsterdam) betrachtete übrigens, gemäß der Resolution Malatesta, die Gewerkschaften und den Generalstreik zwar "als mächtige revolutionäre Mittel, aber nicht als Surrogat der Revolution"; über diesen beiden dürfe man nicht "die direkteren Mittel im Kampf gegen die militärische Macht vergessen" (vgl. Frankf. Ztg. Sept. 07).
[83] Sobald der Generalstreik "zum Hilfsmittel politischer Aktionen herabsinkt" ("Weckruf", 28. Mai 04, vgl. auch z. B. Friedeberg, "Weltansch." Nr. 37, 40; derselbe: "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 3; Sorel, a. a. O. p. 23, 24; usw.) bedeutet er für die Anarchisten höchstens eine "kindliche Naivetät" ("Weckruf", 9. Jan. 04, "Wo wollen wir hin? Der Generalstreik"), die dazu führe, "den kraftvollen Gedanken des proletarischen Kampfes ... zu verwässern" (Friedeberg, "Weltansch."; ähnl. Franz Winter, "Brief aus Österreich" ["Weckruf", 9. Jan. 1904]; "Der Generalstreik" ["Weckruf", 28. Mai 04]).
[84] Der Generalstreik "non sostituice, nè elimina l'uso degli altri mezzi risolutivi che la storia suggerisce, e che lo sciopero o condiziona o rafforza o potenzia"; denn der Generalstreik sei die "forma specifica della rivoluzione proletaria e delle successive conquiste che alla rivoluzione menano" (Labriola, a. a. O.).
[85] Winter, a. a. O.: "die Arbeiterschaft wird schon dahinter kommen, daß mit ihm (dem Kl-str.) nicht nur politische Rechte, sondern auch nützliche ökonomische Vorteile ... erobert werden können"; ähnl. das Anarchistenblatt "Neues Leben" (cit. in der Allg. Ztg. 19./4. 02); ferner "Weckruf" (9. Jan. 04, "Wo wollen wir hin? Der Generalstreik"); Berth (vgl. Notes Bibliograph. du Mouvement socialiste, I. et 15. XI. 05, p. 374 ff.).
Ein Klassenstreik heißt aber politischer Massenstreik, sobald er als bloßes Hilfsmittel im proletarischen Kampfe auftritt,[86] nur aus Zweckmäßigkeitsgründen angewandt,[87] dem Parlamentarismus höchstens koordiniert, fast regelmäßig subordiniert[88] wird. Dabei bedeutet er meist überhaupt nur ein ausnahmsweises Hilfsmittel, das, wie Turati sagt, "niemals zum normalen Kampfmittel des Proletariats erhoben werden darf", die "ultima ratio",[89] die letzte, äußerste Kraftanstrengung in extremen Fällen.[90]
[86] Prot. Parteitg. Jena 05, Zetkin, p. 324, Bebel, p. 338; Adler (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 105).
[87] Hilferding, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 141 ff.; Delory, P. O. F. (Congrès général des Organisations socialistes françaises Paris 1899, p. 246 ff.); Umrath, a. a. O.; Kommissionsresolution des int. Kongr. Zürich, 1893 (cit. Prot. Parteitg. Jena 05, p. 302).
[88] Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 24 ff.; Liebknecht, (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 327); Zetkin (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 196); Bebel (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 227-241); Resolution der ital. Integralisten (vgl. Olberg, "Der Parteitag von Rom"); Congrès général ... Paris 1899, p. VII, 236-60; Kautsky, "Die soziale Revolution", p. 50; ders. "Maifeier und Generalstreik"; Zetkin (vgl. Vorwärts 23. Aug. 05); Luxemburg, "Und zum dritten Mal das belgische Experiment"; Hilferding, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 141; Umrath, a. a. O.; Jaurès, "Aus Theorie und Praxis", p. 97-121.
[89] Z. B. v. Elm, (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 226); ähnl. Adler (Prot. Parteitg. Wien 05, p. 129); Bernstein, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik".
[90] Z. B. v. Elm, "Die Gewerkschaftsdebatte auf dem Mannheimer Parteitag"; Kautsky, "Maifeier und Generalstreik"; Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 105 (Resolution Adler); Prot. Parteitg. Wien 03, p. 126; Prot. Parteitg., Wien 05, p. 66 ff., 121; Prot. int. Kongr. Amsterdam, p. 8, 24 ff.
Als solch extremer Fall erscheint einerseits die soziale Revolution; und zwar wird dem politischen Massenstreik eine um so bedeutendere Rolle "in den revolutionären Kämpfen der Zukunft"[91] zugewiesen, je mehr das Vertrauen auf die ökonomisch-automatische Einführung des Sozialismus verschwindet, der Glaube an den gewaltsamen Charakter der sozialen Umwälzung bestehen bleibt,[92] zugleich aber auch die "Revolution im Heugabelsinn"[93] an Kredit verliert. Durch die Entdeckung des politischen Massenstreiks soll daher das bis anhin verschwommene Bild von der proletarischen Revolution Leben und Farbe gewonnen haben.[94] Daneben wird der politische Massenstreik übrigens unter Umständen auch noch zu gelegentlicher Unterstützung des Klassenkampfs in seinen vorrevolutionären Stadien vorgesehen.[95]
[91] Kautsky, "Allerhand Revolutionäres", p. 738; ders. "Die soziale Revolution" ("Formen und Waffen der sozialen Revolution"); Umrath, p. 19, 20; Enquête, p. 208; Roland-Holst, "G-str. u. Sozd.", p. 169; Parvus, "Staatsstreich und politischer Massenstreik", p. 394; Willert, Guesdist (Prot. int. Kongr. Amsterdam, 04, p. 27). — Über den Kl-str. als modernen Ersatz für die Erhebung: Bissolati, "Das Ergebnis der italienischen Wahlen", p. 958; vgl. auch Eckstein, p. 360.
[92] Vgl. Roland-Holst, a. a. O., p. XII ff.
[93] Liebknecht (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 327); vgl. auch Briand (Congrès général ... Paris 1899, p. 156); Parvus, a. a. O.; Kautsky, "Allerhand Revolutionäres", p. 694; Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 193; ">Der politische Massenstreik< und der Staatsanwalt", Bericht über die Verhandlung im Prozeß gegen Löbe (wegen Abdruck der Bernstein'schen Rede), im Vorwärts, 1. Beilage zu Nr. 196, 23. Aug. 05.
— Andere, wie z. B. Hue (vgl. "Partei und Gewerkschaft"), Vliegen (vgl. "Der zehnte
Parteitag der niederländischen Sozialdemokratie"), Bömelburg (vgl. Prot. Gwft. Kongr. Köln 05) glauben, daß es auch noch andere "schärfere" Mittel zur ev. Herbeiführung der Katastrophe gäbe, als den Klassenstreik, und daß der Augenblick diese schon mit sich bringen werde.
[94] Dies rühmt z. B. Roland-Holst, a. a. O. p. 182 ff.
[95] So spricht z. B. Roland-Holst (p. 95 ff.) vom pol. M-str. am Anfang (zur Erwerbung), im Verlauf des politischen Kampfes (zur Erhaltung von Rechten) und am Schluß desselben (als soziale Revolution, während z. B. nach der Leipziger Volkszeitung vom 8. März 04 (cit bei David, "Rückblick auf Jena") der Klassenstr. einzig für die soz. Revolution in Frage käme.
Andererseits erscheint die Bedrohung der sozialen Evolution als der extreme Fall, der die ausnahmsweise Anwendung des politischen Massenstreiks rechtfertigen könne. Und entsprechend dem Parlamentarismus, den er schützen soll, erscheint hierbei auch der politische Massenstreik entweder als wirksamster, wenn auch nicht einziger "Faktor eines stetigen, organischen Fortschritts auf dem Wege .. der proletarischen .. Emanzipation",[96] oder geradezu als Voraussetzung des Sozialismus überhaupt.[97]
[96] Bernstein, "Ist der politische Streik in Deutschland möglich?"; Kampffmeyer, "Der Generalstreik und die Eroberung der ökonomischen Macht"; Bernstein, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 8 ff., 34; ders. "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"; Bernstein als Zeuge im Prozeß gegen Löbe, a. a. O.; v. Elm (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 323; Jaurès, a. a. O.; — Olberg, "Der italienische Generalstreik", p. 22. — Hilferding, p. 142; Destrée und Vandervelde, p. 22; Bebel (Prot. Parteitg. Jena 05).
[97] "Hinter dem allgemeinen Wahlrecht muß stehen der Wille zum Generalstreik" (Hilferding, a. a. O. p. 139 ff.), der Generalstr. müsse die "regulative Idee" im Klassenkampf sein; z. B. von Vliegen ("Der Generalstreik als politisches Kampfmittel") als "Phrase" abgelehnt; (vgl. oben p. 14).
§ 6. Vergleich des Klassenstreiks mit verwandten Aktionsmitteln.
Dem Klassenstreik sind eine Reihe anderer Aktionsmittel des Proletariats verwandt, die ebenfalls auf massenhafter Verweigerung notwendiger Funktionen beruhen oder beruhen können.
Praktisch kommt fast ausschließlich der Entzug wirtschaftlicher Funktionen in Betracht, und zwar vor allem der Entzug wirtschaftlicher Funktionen innerhalb des Produktionskreises; hierbei handelt es sich in erster Linie um die Mittel mit obligatorischer Arbeitsverweigerung. Unter diesen begreift der Normalfall, die offene Arbeitsverweigerung, also der Streik, auch den Klassenstreik in sich. Und zwar gleicht letzterer in seinem gewerblichen Wirkungsvermögen völlig den übrigen großen Streiks, steht hierin also, wie diese, in genauem Gegensatz zum partiellen Streik.
Die gewerbliche Wirkung eines Streiks auf die Unternehmer beruht im allgemeinen auf dem Interesse derselben am Fortgang der Produktion. Dieses Interesse, das den Unternehmer unter Umständen zur Nachgiebigkeit gegenüber den Forderungen seiner Arbeiter bestimmt, ist ein doppeltes. Der Fortgang der Produktion sichert einerseits die Verzinsung des im Betrieb angelegten Kapitals, sowie den Unternehmergewinn (zugleich die Erhaltung der Betriebseinrichtungen in brauchbarem Zustand): positives Interesse, und erschwert andererseits die Verdrängung durch die Konkurrenz (Einführung neuer Verfahren, Abfangen der Kundschaft usw. während des Streiks): negatives Interesse.
Das positive Interesse wird zwar vom Massenstreik, also auch vom Klassenstreik, ähnlich berührt, wie vom partiellen Streik; etwas stärker noch insofern, als beim Massenstreik von einer Aushilfe durch die Streikversicherung viel weniger zu erwarten steht, als bei einem partiellen Ausstand; dafür vermindert sich aber beim Massenstreik (und erst recht beim Klassenstreik) die Rücksichtnahme seitens der Arbeiter auf die wirtschaftlichen Konjunkturverhältnisse,[98] so daß hierbei wohl ausnahmslos auch solche Unternehmungen getroffen werden, denen gerade eine momentane Betriebsstockung zum Vorteil gereicht; ja, auch die dem Unternehmer gewöhnlich aus dem Streik erwachsenden Schwierigkeiten gegenüber Dritten (Nichteinhaltung von Lieferfristen, Konventionalstrafen usw.) verringern sich, je größere Dimensionen der Streik annimmt, je mehr er als Kasus angesehen werden darf.[99]
[98] Es kann beim Kl.-str. um so weniger Rücksicht auf die wirtschaftliche Konjunktur genommen werden, je mehr Rücksicht auf den politisch günstigen Moment genommen werden muß (vgl. Hanich, Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 65); eine Berücksichtigung der wirtschaftlichen Konjunktur wird überdies um so schwerer, je größer der Streik ist, da sich bei starker gewerblicher und geographischer Differenzierung der Beteiligten kaum ein Zeitpunkt finden läßt, wo sich alle fraglichen Gewerbe und Plätze annähernd gleicher Prosperität erfreuen.
[99] Schon die gewöhnlichen Streiks, bes. Angriffsstreiks, pflegen als Casus angesehen zu werden (vgl. ab-Yberg, p. 95).
Erscheint hiernach schon das positive Interesse des Unternehmers normalerweise durch den Massenstreik eher weniger bedroht, als durch den partiellen Streik, so tritt eine völlige Umkehrung des Verhältnisses bezüglich des negativen Interesses ein. Die Unternehmerkonkurrenz spielt nämlich eine um so kleinere Rolle, je größere Dimensionen der Streik annimmt; denn je vollständiger die Einbeziehung aller miteinander konkurrierender Unternehmungen, um so geringer für jede einzelne die Gefahr der Konkurrenzstärkung während der Arbeitsunterbrechung.[100] Den kräftigeren Unternehmungen kann der Massenstreik durch die Beseitigung schwächerer Konkurrenten[101] sogar noch direkten Vorteil bringen. — Das Konkurrenzmoment als Faktor des Entgegenkommens, als Faktor des Streikerfolges, verliert also mit Ausdehnung des Streiks immer mehr an Bedeutung[102] und verschwindet überhaupt völlig, sobald die Gesamtheit der konkurrierenden Betriebe stillliegt.[103]
[100] Ähnlich liegen die Verhältnisse beim partiellen Streik gegen Monopolisten (vgl. Düwell, "Zur Frage des Generalstreiks").
[101] Da diese sich ev. schon an den positiven Beeinträchtigungen durch den Streik verbluten; um die großen Unternehmer empfindlicher zu treffen, schlug daher Ellenbogen (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 54) vor, den Kleinbetrieb von einem ev. Wahlrechtsstreik ausdrücklich auszunehmen.
[102] Eckstein, p. 258, 259; Grosch, "Der Generalstreik", p. 14, 15; vgl. auch Kautsky, "Allerhand Revolutionäres", p. 687 ff.
[103] Soweit dies nicht der Fall ist, können die Unternehmer übrigens durch internationale und nationale Vereinbarungen den Konkurrenzausschluß selbst herbeiführen (vgl. Düwell).
Der Massenstreik, und mit ihm der Klassenstreik, werden also in ihrer Wirkung auf das Unternehmertum stets hinter der Wirkung des partiellen Streiks zurückbleiben müssen, da das positive Interesse des Unternehmers an der Aufrechterhaltung des Betriebes keinesfalls stärker berührt, sein negatives Interesse aber ausgeschaltet wird. Der Massenstreik kann also keineswegs von vornherein als der Superlativ des partiellen Streiks angesehen werden; noch weniger ist die Berechtigung seiner Anwendung aus etwaiger Erfolglosigkeit partieller Ausstände zu folgern.[104]
[104] Dies tut z. B. Briand (Prot. int. Kongr. Paris 1900, p. 32, und "La grève générale et la révolution", p. 4, 5); vgl. auch Umrath, a. a. O.; Dejeante (Congrès général ... Paris 1899, p. 257 ff.). — Die tatsächliche Zunahme der Massenstreiks und die Wahrnehmung, daß dieselben immer häufiger den Charakter politischer Ereignisse tragen (bes. im Eisenbahnbetrieb und im Bergbau: Pennsylvanien, Kolorado, Frankreich, England, Belgien, Deutschland, Österreich usw.), förderte die Überzeugung, diese Waffe, die "die technische Entwicklung den Arbeitern in die Hand gegeben" habe (Prot. Parteitg. Wien 05, p. 132), sei auch im politischen Kampf anzuwenden (vgl. Kautsky, "Der Kongreß in Köln"; ders.: "Die soziale Revolution", p. 49, 50; Roland-Holst, "G-str. u. Sozd.", p. 32 ff., 54; Bernstein, "Trust und Streik"; ders.: "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik", p. 416; ders. am Parteitg. in Jena (Prot. p. 315); Stadthagen (ebenda, p. 330).
Was dem Massenstreik aber an gewerblicher Wirkung abgeht, das kann unter Umständen die außergewerbliche, die soziale Wirkung ersetzen, die den partiellen Streiks überhaupt fehlt, oder doch nur den exzeptionellen unproletarischen Streiks[105] zukommt.
[105] Streiks der Schüler, Advokaten, Ingenieure, Richter, Handelsgehilfen, Ärzte, Apotheker, Munizipalbeamten (Streik der Gemeinderäte bei der südfranzösischen Winzerbewegung 1907). Die österreichische Hausbesitzerversammlung soll gar den abenteuerlichen Plan gefaßt haben (sofern keine Zeitungsente vorliegt), alle Wohnungen zu kündigen, falls die Regierung nicht unverzüglich an die Abänderung der Hauszins- und Gebäudesteuer ginge (gemäß "Fremdenblatt", cit. von der Arbeiterzeitung Wien, 24. Juni 1906).
Die soziale Wirkung des Massenstreiks kann von der Zahl der Streikenden abhängen; denn jede Arbeitsniederlegung sehr vieler Menschen veranlaßt eine allgemeine Beunruhigung, Erregung, Unsicherheit, eine allgemeine Störung von Handel und Wandel.[106]
[106] Resel (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 70 ff.) Die Minderung der Kaufkraft der Ausständigen wird sich auf dem das Proletariat versorgenden Markte fühlbar machen; das Stillliegen vieler Betriebe zwingt, infolge der arbeitsteiligen Entwickelung, auch zahlreiche Dritte zur Arbeitsunterbrechung; die Verlängerung der Umschlagsdauer des Kapitals wird ein Sinken der Industriewerte nach sich ziehen usw.
Doch es kommt nicht nur auf die Zahl der Ausständigen, sondern auch auf die soziale Bedeutung der stillgelegten Werke an, wonach sich die soziale Wirkung in qualitativer Richtung bestimmt. Unter den sozial wichtigen Unternehmungen aber wird die Arbeitsruhe derjenigen Gruppen den bedeutendsten Effekt herbeiführen, von deren fortwährenden Leistungen, also von deren ununterbrochener Inbetriebhaltung das gesellschaftliche Dasein in besonderem Maße abhängt (wie Kraft- und Lebensmittelversorgung, Transport, Sanitätsdienst usw.). Je allgemeiner in diesen Unternehmungen der Streik, um so empfindlicher seine Wirkung auf die Gesellschaft.[107]
[107] Zur Förderung des sozialen Druckes bemühen sich die Arbeiter daher auch um Fernhaltung der Konkurrenz beim Streik; so wurde z. B. beim Streik im Ruhrgebiet seitens der Arbeiterschaft versucht, die belgische und englische Kohle durch Verständigung mit den dortigen Genossen fernzuhalten.
Auch das staatliche Leben ist durch den Massenstreik mannigfachen Beunruhigungen, unter Umständen sogar geradezu einer Gefährdung ausgesetzt, — ganz abgesehen davon, daß der Staat durch jede gesellschaftliche Krise indirekt mitgetroffen wird.
Einerseits handelt es sich auch dem Staat gegenüber um quantitativ bestimmte Wirkungen, sofern dieser nämlich die streikenden Massen um ihrer Zahl willen nicht mehr in den Schranken von Recht und Ordnung zu halten vermag; andererseits um qualitativ bestimmte Wirkungen, wenn große Streiks "an Stellen, wo sie dem Staat und der öffentlichen Gewalt am empfindlichsten sind", ausbrechen (Verkehrs- und Nachrichtendienst, Militärverproviantierung usw.), infolge der Natur der streikenden Betriebe die eigensten Funktionen des Staates stören und eine "Desorganisation des Staatsmechanismus" einleiten würden.[108]
[108] Auf eine solche Wirkung rechnen Parvus, a. a. O.; Zetkin (vgl. Vorwärts, 23. Aug. 05); Roland-Holst, a. a. O. p. 100 ff.; Kautsky, "Allerhand Revolutionäres" p. 208.
Wenn qualitativ und quantitativ bestimmte gesellschaftliche Wirkungen sich vereinigen, wenn der Massenstreik "der ganzen bürgerlichen Gesellschaft Unbequemlichkeiten und Verluste" zufügt,[109] "die notwendigen Funktionen der Wirtschaft" stilllegt und Störungen im öffentlichen Betrieb bewirkt,[110] den "Lebensprozeß der kapitalistischen Gesellschaft" bedroht, wenn er als "maladie publique",[111] als "nationale Kalamität"[112] auftritt oder auftreten soll, dann wird es sich kaum um den innergewerblichen Massenstreik handeln, dann wird in der Regel ein Klassenstreik vorliegen, oder zum mindesten doch ein solcher gewerblicher Massenstreik, dem wir, eben um dieser Wirkungen willen, eine Grenzstellung anweisen, den wir als Pseudo-Klassenstreik bezeichnen müssen.
[109] Kautsky, a. a. O. p. 690.
[110] Adler (Prot. Parteitg. Wien 05, p. 126).
[111] M. Fazy, Zu den Motionen Scherrer und Sulzer (Amtl. Stenogr. Bulletin der Schweiz. Bundesversammlung, Jahrg. XVI, p. 912).
[112] Kautsky, "Die Soziale Revolution", p. 49 ff.; ähnl. Ulrich, "Die Arbeiterausstände und der Staat", p. 1, 2.
Die gewerblichen und die außergewerblichen Wirkungen des Klassenstreiks treten in verschiedenen Kombinationen auf, je nachdem es sich um Forderungen an die Unternehmer oder um solche an die Öffentlichkeit handelt. (Natürlich versuchen wir hier nur eine Schematisierung des Vorgangs, eine sozusagen geometrische Skizzierung der typischen Grundformen, die unter der vielfarbigen Übermalung durch die stets veränderliche Wirklichkeit noch hervorschimmern.)
Bei wirtschaftlichen Forderungen wird die Druckkraft des Streiks bloß auf die Unternehmer zwar nicht eben bedeutende Erfolge herbeiführen; hingegen vermag vielleicht der zugleich auftretende gesellschaftliche Druck die Öffentlichkeit dermaßen zu beunruhigen, daß sie einzuschreiten versucht, den empfangenen Druck weiterleitet, ihn auf die "widerspenstigen Unternehmer" überträgt. Je weniger die Allgemeinheit unter der Erfüllung der Streikforderung zu leiden hat, je mehr sie den Standpunkt der Arbeiter teilt und den der Unternehmer tadelt (wie dies manchmal großen Monopolisten gegenüber der Fall ist), um so energischer wird sie auch die Erfüllung der proletarischen Wünsche verlangen, so daß also auf den Unternehmern außer dem allerdings nur schwachen gewerblichen Druck ev. indirekt noch der bedeutendere gesellschaftliche Druck lastet. Von der politischen Stärkeverteilung hängt es ab, ob die Unternehmer ev. auch durch gesetzliche Regelung der fraglichen Verhältnisse zur Gewährung der Forderung gezwungen werden können.[113]
[113] Ein derartiger Vorgang lag beim österr. Kohlengräberstr. vor (vgl. Kautsky, "Allerhand Revolutionäres", p. 689 ff.), wäre aber auch beim reinen Kl-str. denkbar.
Bei politischen Forderungen kommt es zwar hauptsächlich auf die Stärke des direkten gesellschaftlichen Druckes an, doch läßt sich dieser indirekt noch durch den gewerblichen Druck, den der Streik auf die Unternehmer ausübt, steigern; denn zeigen letztere auch wenig Entgegenkommen bei ökonomischen Forderungen, die sie ev. aus der eigenen Tasche befriedigen müßten, so neigen sie hier naturgemäß eher ein wenig zu Konzessionen, wo sich der immerhin auch bei Massenstreiks erwünschte gewerbliche Frieden auf Kosten dritter, nämlich auf Kosten der Regierung erkaufen läßt. Je nachdem im Arbeitgeber der Staatsbürger oder der Unternehmer vorherrscht, wird er seinen Einfluß für oder gegen die Arbeiterforderung in die Wagschale werfen.[114]
[114] Je mehr der Unternehmer seinen Schaden "auf die politische Maschine" übertragen könne, "um so wirksamer wird der Streik sein" (Adler, Prot. Parteitg. Wien 05, p. 126 ff.; ähnl. Kautsky, a. a. O.).
Bricht der Klassenstreik in einem revolutionären Moment aus, wenn also eine Kluft zwischen der bürgerlichen Gesellschaft und dem Staat besteht, so kann auf letzterem außer dem direkten unter Umständen auch noch der von Gesellschaft und Unternehmertum auf die Regierung überwälzte, also ein indirekter Streikdruck lasten.
Eine Überwälzung eines indirekten Streikdrucks auf die Regierung ist natürlich in wirklich demokratischen Staatswesen völlig gegenstandslos,[115] da in solchen eine Kluft zwischen Regierung und Volksmajorität prinzipiell ausgeschlossen ist. Überhaupt ist in der durchgeführten politischen Demokratie jeder politische Streik so überflüssig,[116] wie es der gewöhnliche Streik bei durchgeführter gewerblicher Demokratie sein würde.[117] Nur wer, wie die französischen revolutionären Syndikalisten, an die ausschlaggebende Bedeutung sektiererischer Minoritäten glaubt, der wird auch in der Demokratie den Streik predigen.[118]
[115] Gegen den pol. M-str. in der Demokratie äußerte sich z. B. der Schweizer. Arbeitersekretär Greulich; vgl. auch z. B. Bourdeau, p. 442.
[116] Kautsky, a. a. O. p. 732, 733.
[117] Bernstein, z. B. "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik", p. 416 ff.
[118] "La démocratie ... opprime la minorité qui porte en elle l'avenir. La tactique de combat syndicaliste n'a aucun égard à la masse, qui ne veut pas vouloir, et met au premier rang ceux qui sont décidés à agir" (Pouget, cit. bei Bourdeau, p. 44; vgl. auch Lagardelle, "Die syndikalistische Bewegung in Frankreich", und Deville, "Revolutionärer und reformistischer Sozialismus in Frankreich", p. 26, 27). Jaurès (vgl. "Aus Theorie u. Praxis", p. 119 ff., und "Grève et Révolution" [Humanité, 5. Nov. 05]), der diesen Standpunkt ursprünglich bekämpfte, macht den Syndikalisten doch insoweit Konzessionen, als er zugibt, "la grève générale en France ... pourra communiquer à la masse lourde de la démocratie l'animation concentrée dans la classe ouvrière organisée. Elle pourra même abreger l'agonie du régime capitaliste".
Treten politische und wirtschaftliche Forderungen zusammen auf[119] so kann der Gesamtdruck hierdurch verringert oder verstärkt werden, je nach der Stellungnahme der Unternehmerschaft. Ist diese von vornherein zu unbedingter Ablehnung der wirtschaftlichen Forderungen entschlossen, so wird sie sich kaum für die Durchsetzung der politischen Wünsche bemühen, wenn deren Erfüllung den Streik doch noch nicht beendigen würde. Liegt den Unternehmern aber die politische Forderung selbst am Herzen, so kommen sie vielleicht ausnahmsweise den Arbeitern in ökonomischer Hinsicht entgegen, um deren Streikfähigkeit zu steigern.[120]
[119] Bei den meisten polit. M-streiks traten die Arbeiter auch mit spez. wirtschaftlichen Forderungen an die Unternehmer heran: schon beim Plug-Plot; in Belgien, usw.; auch 1894 von einem Teil der österr. Sozialdemokratie für den projektierten Wahlrechtsstreik geplant (vgl. Hueber, Prot. Parteitg. Wien 94, p. 58, Adler, Prot. Parteitg. Wien 05, p. 131).
[120] Dies soll in Rußland vorgekommen sein (vgl. z. B. Roland-Holst, "Der politische Massenstreik in der russischen Revolution", p. 216).
Ähnlich wie "zu den verschiedenen Arten des Streiks, der offenen Arbeitsunterbrechung, verhält sich der Klassenstreik zu denen der versteckten, der trotz formeller Weiterarbeit tatsächlichen Arbeitsunterbrechung, zu den Arten des verschleierten Streiks.
Seine legale Form bildet die sogenannte passive Resistenz oder Dienstobstruktion. Durch verabredete, peinlichste Befolgung eines den Betriebserfordernissen nicht, resp. nicht mehr angepaßten Dienstreglements wird der Arbeitseffekt so herabgesetzt, daß tiefgreifende Betriebsstörungen oder Betriebslähmungen eintreten, die den Wirkungen einer direkten Arbeitsverweigerung völlig gleichen. In großem Maßstab wurde diese Methode bisher nur im Eisenbahnbetrieb angewandt (in Italien und Österreich, wo sie völlig den Effekt eines Massenstreiks ausübte.[121] Die Dienstobstruktion ist wirklich eine "verteufelt schlaue Idee ..., wenn sie auch in der Praxis, weil zu fein zugespitzt, bald schartig werden kann";[122] "steht und fällt" sie doch mit dem Reglement, nach dessen zweckmäßiger Revision sie entweder erlöschen, oder den ihr eigentümlichen Boden formeller Legalität verlassen und in den Sabot[123] übergehen muß. Der Sabot bedeutet "systematisch langsam arbeiten oder Pfuscharbeit liefern",[124] "Unsichermachung des Betriebs, Zerstörung von Produktionsmitteln",[125] ist also völlig verwerflich.
[121] Vgl. Rdsch. Soz. Mh. Juni 05, p. 557-558; Olberg, "Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik", p. 380, 381; Rudolf Graf Czernin, "Die Bekämpfung der passiven Resistenz", p. 7 ff.
[122] Soz. Prx. 1905, Nr. 22.
[123] Sabot = Hemmschuh, Radschuh, Bremse. — Lagardelle ("Die syndikalistische Bewegung in Frankreich", p. 119) nennt das englische Ca'canny als Ursprung der Sabotage; letztere müsse man übrigens "als ein Kampfmittel der Verzweiflung betrachten, welches in das System der an sich nötigen Werkstättearbeiten, das der Syndikalismus aufstellt, nicht gehört".
[124] Aus der Taktik der Confédération générale du Travail (vgl. "Antimilitarismus und Generalstreik", Beilage zu Nr. 11 der "Wahrheit").
[125] "Weckruf" 05, cit. in der N. Z. Z. vom 12./10. 05, Nr. 283.
Auch Demonstration und Insurrektion sind häufig mit Arbeitsniederlegung verknüpft und kommen dann, da sie zudem meist Ziele verfolgen, wie sie auch bei gewissen Klassenstreiks begegnen, diesen äußerst nahe.
Wenn z. B. die Versammlungs- oder Straßendemonstration durch Arbeitsruhe verstärkt wird,[126] so verwandelt sie sich bei genügender Ausdehnung und genügender Dauer in den demonstrativen Klassenstreik. Insbesondere kann dies bei der Maifeier der Fall sein. Die Maifeier war ursprünglich wohl als ein kurzer demonstrativer Weltstreik geplant.[127] Entstammt sie doch der gleichen Quelle, wie der anarchistische Generalstreik selbst;[128] möglich auch, daß der internationale Arbeiterkongreß in Paris 1889 für die internationale Kundgebung zum 1. Mai 1890 die Arbeitsruhe im Sinne hatte; doch enthielt er sich jeder Vorschrift über die Form der Kundgebung;[129] auch auf den folgenden nationalen und internationalen Kongressen wurde die Arbeitsruhe nur als "würdigste" und "wirksamste", daher erstrebenswerteste Form der Maifeier, keineswegs als deren Bedingung hingestellt.[130] Da zudem, neben Tendenzen zur Abschaffung der Maifeier[131] auch Bestrebungen aufgetaucht sind, aus praktischen Gründen von der Arbeitsruhe überhaupt ganz abzusehen,[132] so läßt sich die Maifeier höchstens als "tentative de grève générale",[133] nur ganz ausnahmsweise als wirklicher Klassenstreik ansehen.
[126] Durch die Arbeitsruhe soll die Wirkung der Demonstration in Bezug auf Eindrücklichkeit und Propagandakraft vertieft werden (vgl. Eckstein, p. 361; "'Der politische Streik' und der Staatsanwalt", a. a. O.; Bericht der Delegation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands ... p. 51; A. Rudolph, "Zur Maifeier"; Bernstein, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 33, 34; ders. "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik", p. 415, 416; Block, p. 563; Cohnstaedt, a. a. O.; Bömelburg (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 233); Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 193; Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 62.
[127] Die Maifeier ist eine Demonstration "für die gesetzliche Einführung des achtstündigen Arbeitstags, für die Klassenforderungen des Proletariats und für den Weltfrieden" zwecks Aufrüttelung der "öffentlichen Gewalten" (vgl. die Protokolle der int. Kongr. von Amsterdam 04, p. 53 ff.; Paris 1889, p. 123; Brüssel 1891; Zürich 1893, p. 35; London 96, p. 29; Prot. Parteitg. Jena 05, p. 141).
[128] Im Dez. 1888 beschloß der Kongreß der Federation of Labour in St. Louis, am 1. Mai 1890 eine Kundgebung für die Arbeiterforderungen zu veranstalten (vgl. z. B. Flugschrift zum 1. Mai 1895 [Buchdruckerei des Schweizerischen Grütlivereins]).
[129] Prot. Int. Kongr. Paris 1889, p. 123.
[130] Kampffmeyer, "Zur Maifeierfrage"; Protokolle der int. Kongresse Brüssel 91; Zürich 93, p. 35; London 96, p. 29; Amsterdam 04, p. 53 ff.
[131] So z. B. auf der 9. Generalvers. des Zentralverbandes der Schiffszimmerer Deutschlands im Mai 05; doch wurde der diesbezügl. Antrag abgelehnt (vgl. Vorwärts, 25. 5. 05).
[132] Vgl. Prot. Gwft. Kongr. Köln 05; man wollte die Feier auf den Abend (Resolution Schmidt auf dem Gewerkschaftskongr. Köln), oder auf den ersten Sonntag im Mai verlegen (vgl. Prot. Gwft. Kongr. Köln; Rdsch. Soz. Mh., Juni 05, über den Kongr. der belg. Arbeiterpartei Ostern 05; Prot. int. Kongr. Brüssel 1891), wie dies tatsächlich in einigen Ländern geschehen ist (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 53 ff.).
[133] Briand, "La grève générale et la révolution", p. 14.
Hingegen wird die Insurrektion wohl stets mit Arbeitsruhe verknüpft sein. Bei früheren Revolutionen, zur Zeit der Vorherrschaft der handwerksmäßigen Technik, mag die Arbeitsruhe freilich nur eine geringe Rolle gespielt haben, denn die unterbrochene Handwerksarbeit läßt sich nicht allzuschwer wieder aufnehmen, und wo etwa doch eine ernstliche Störung eintrat, berührte diese, wegen der Enge des Marktgebiets, nur einen verhältnismäßig kleinen Kreis; bei der heutigen industriellen Entwicklung aber dürfte die Revolution fast notwendig mit dem Klassenstreik verbunden sein.[134]
[134] Ein Beispiel hierfür scheint die russ. Revolution zu bieten.
Neben der Verweigerung der Produktionskraft des Proletariats tritt die allgemeine Zurückziehung seiner Konsumkraft aus dem bürgerlichen Wirtschaftsleben sowohl wegen der geringen proletarischen Kaufkraft, als auch wegen der fast unüberwindlichen Schwierigkeiten selbständiger Verproviantierung an Bedeutung vollständig zurück.[135] — Praktisch ebenso erfolglos ist die Zurückhaltung von Leistungen gegenüber dem Staat, sei es auf dem legalen Weg der parlamentarischen Steuerverweigerung oder des Boykotts steuerbelasteter Waren,[136] sei es in rechtswidriger Weise durch die militärische Dienstverweigerung oder eigenmächtige Steuerverweigerung.
[135] Schon in der Chartistenbewegung wurde "exclusive dealing" und "run on the banks for gold" (Gammage, p. 109), während der österr. M-streikdebatten Bezugsbeschränkung auf Konsumvereine und Kleinhändler vorgeschlagen (Prot. Parteitg. Wien 1903, p. 122ff.); es tauchte in Österreich auch der Plan auf, einen ev. pol. M-str. durch Verweigerung des Wohnungszinses zu unterstützen (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 105). Das Umgekehrte liegt bei den "Hungerstreiks" vor, wo nur das eigene Leben einer Gefahr ausgesetzt wird, um hierdurch zu demonstrieren, um "durch Imponderabilien, durch Furcht vor Skandalen, durch Erweckung menschlicher Empfindungen doch einen Eindruck zu erzielen" (vgl. Liebknecht, Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 195).
[136] "Abstinence from all excisable articles" (Gammage) schon bei den Chartisten geplant, ähnl. in der österr. Wahlrechtsbewegung vorgeschlagen (Prot. Parteitg. Wien 03, p. 122ff.).
[Zweiter Teil:] Geschichte des Klassenstreiks und der Klassenstreikidee.
[Erstes Kapitel:] Vorläufer.
§ 7. Klassenstreikähnliche Bewegungen im Altertum und in neuerer Zeit.
Der Klassenstreik ist keineswegs so neu, wie es ihm manche seiner heutigen Entdecker nachrühmen.[137] Denn er trat schon in den sozialistischen "Flegeljahren" auf,[138] er erschien bereits an der Wiege der modernen Arbeiterbewegung. Und eigentlich ist er noch viel älter; eigentlich stammt er aus dem Altertum. Die antike Geschichte kennt zwar keinen wirklichen Klassenstreik in unserem modernen Sinn, aber doch immerhin klassenstreikähnliche Bewegungen: nämlich den "sagenhaften Massenstreik der Juden in Ägypten, der nach der Bibel ausbrach, weil die Beamten des Pharao den jüdischen Ziegelarbeitern nicht das nötige Stroh zum Ziegelbrennen lieferten, und am Ende der Dinge die Folge hatte, daß Pharao mit seinen Truppen im roten Meer ertrank".[139] Und eine klassenstreikähnliche Bewegung war auch der Auszug der Plebejer auf den heiligen Berg im Jahre 494 v. Chr.[140] Wollten die gedrückten Bauern die Patrizier durch diesen Entzug militärischer und ökonomischer Kräfte in Verlegenheit setzen und dadurch zur Nachgiebigkeit bewegen? Wollten sie nur den unerträglichen Lasten entfliehen? Jedenfalls war den Römern die Wirkung der Sezession empfindlich genug, um ihre Beendigung durch ein kostbares politisches Recht, das Volkstribunat, zu erkaufen.[141]
[137] Von der "neuen Strategie" spricht z. B. E. Th. in dem Artikel "Der Parteitag von Jena und der Generalstreik" ("Einigkeit" 9. 12. 05).
[138] Vliegen (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 28).
[139] Bernstein, "Der politische Massenstreik und die politische Lage der Sozialdemokratie in Deutschland", p. 18; auf den jüdischen Volksstreik verweist auch Penzig, "Massenstr. und Ethik", p. 3; ferner Nationalrat Scherrer, der Moses als Streikführer bezeichnet (vgl. das amtl. stenogr. Bulletin der schweizerischen Bundesversammlung, Bern 1906, Jahrg. XVI, p. 864); vgl. Exodus, Kap. 5 ff.
[140] Freilich handelte es sich auch hierbei nicht gerade um freie Lohnarbeiter. — Das aus dem Krieg heimkehrende römische Heer erfährt, daß die Reformen zu Gunsten der Bauern vom Senat abgelehnt worden sind; es verläßt darauf den Feldherrn und zieht in militärischer Ordnung auf den heiligen Berg, wo es Miene macht, eine neue Plebejerstadt zu gründen. "Dieser Abmarsch tat selbst den hartnäckigsten Pressern auf eine handgreifliche Art dar, daß ein solcher Bürgerkrieg auch mit ihrem ökonomischen Ruin enden müsse: der Senat gab nach." (Mommsen, "Römische Geschichte", 3. Aufl. 1861, 1. Band, 2. Buch, Kap. II, p. 263, 264).
[141] Auf den Auszug der Plebejer als auf einen der ältesten Klassenstreiks verweisen Bernstein ("pol. M. Str. u. pol. Lage", p. 19; ders., "Der Streik", p. 9); Penzig a. a. O. p. 3ff.; Bourdeau, "Les grèves politiques", p. 425.
Auch das ausgehende Mittelalter weist, mit dem Beginn der kapitalistischen Produktionsweise, Erscheinungen auf, die dem modernen Klassenstreik nicht unähnlich sind. So in Flandern, wo sich im 14. Jahrhundert die soziale Gärung, deren Träger hauptsächlich die Arbeiter der Wollindustrie waren, in Volksbewegungen geltend machte, "bei denen sich leicht alle für einen Arbeiterstreik charakteristischen Erscheinungen wahrnehmen lassen".[142] Auch der sogenannte Ciompi-Aufstand in Florenz 1378, der von den niedersten Elementen der Wollenzunft ausging, scheint streikartigen Charakter getragen zu haben.[143] Als Vorläufer in neuerer Zeit wäre z. B. aus den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts die Lohnbewegung der Hamburger Schlosser zu nennen, der sich aus Solidarität zunächst andere Gesellen, dann auch die Fabrikarbeiter anschlossen, so daß eine Zeit lang allgemeine Arbeitsruhe herrschte; die Bewegung wurde jedoch, da die Demonstrationen bald einen aufrührerischen Charakter annahmen, mit Waffengewalt beendigt.[144]
[142] Vgl. Pirenne, Geschichte Belgiens, p. 419, 420.
[143] Vgl. Doren, "Die Florentiner Wollentuchindustrie", p. 240 ff., 410. —
[144] Vgl. A. Heinrich, "Ein Generalstreik in Hamburg vor 100 Jahren", p. 507.
Wenige Jahre, ehe sich in Hamburg aus einem partiellen Streik zufällig eine klassenstreikartige Erscheinung entwickelte, hatte bereits Mirabeau geäußert, das Volk könne "se croiser les bras pour obtenir justice",[145] und als "erster Verkünder des Generalstreiks" den privilegierten Ständen in der Nationalversammlung zugerufen: "Prenez garde! ... n'irritez pas ce peuple qui produit tout,[146] et qui pour être formidable n'aurait qu'à être immobile".[147]
[145] Vgl. Destrée und Vandervelde, "Le socialisme en Belgique", p. 258.
[146] Unter "peuple" ist natürlich der Tiers-Etat, also Bürgertum inkl. Lohnarbeiter, zu verstehen.
[147] Cit. bei Jaurès, (Enquête, p. 111) und Umrath, a. a. O. p. 13.
Nach den angeführten Beispielen kann zugegeben werden, daß "das große Wort >Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will!<, dieses Wort mit allen Phantasien, mit allen Konsequenzen, besonders mit aller Begeisterung, die sich daran knüpft .... dem Proletariat selbstverständlich in Fleisch und Blut" liegt, so daß der Gedanke des Klassenstreiks "ganz selbstverständlich ... in verschiedenen Ländern, zu verschiedenen Zeiten, in verschiedenen Formen und mit verschiedener Bestimmtheit" auftritt.[148] Dennoch darf der proletarische Masseninstinkt nicht als einzige Quelle der Klassenstreikidee angesehen werden; diese wurde vielmehr zu gleicher Zeit "von Theoretikern ausgeheckt ... philosophisch begründet ... von einzelnen Denkern des Proletariats ersonnen".[149] Der theoretische und der praktische Faktor haben gemeinsam an der Ausgestaltung dieses Gedankens gearbeitet.
[148] Dr. V. Adler (Prot. Parteitg. Wien, 05, p. 125).
[149] Dies bestreitet Adler a. a. O.
§ 8. Die Klassenstreikidee im englischen Chartismus.
In den 1830er Jahren tauchte in England mehrfach der Plan eines "Universalstreiks" auf.[150] Doch der Gedanke, die allgemeine Arbeitseinstellung auch in den Dienst politischer Forderungen zu stellen, ist nicht in den englischen Arbeitermassen, sondern in den Köpfen bürgerlicher Chartistenführer entstanden. Es soll ihnen dabei der Auszug auf den heiligen Berg vorgeschwebt und sie zur Bezeichnung ihres projektierten Streiks als "heilige" Woche veranlaßt haben;[151] sonach wäre also auch unser moderner Klassenstreik durch ein geistiges Band mit der Antike verknüpft.
[150] So forderte Fielden, angeregt durch die energische Propaganda der "Gesellschaft für nationale Wiedergeburt" (von Owen im Dez. 1833 gegründet), die Textilarbeiter von Lancashire zu einem "Universalstreik" zur Erlangung des 8-St.-Tages auf. Ein derartiger Versuch, unter Führung der Baumwollspinner, scheiterte (vgl. S. & B. Webb, "Geschichte des britischen Trade-Unionismus", p. 102, 103, 124, 125). — 1834 trat die "grand national consolidated trades union" ins Leben, und "es war die eingestandene Politik der Föderation, einen Generalstreik aller Lohnarbeiter des ganzen Landes ins Werk zu setzen" (S. & B. Webb, a. a. O. p. 104-106).
[151] Vgl. Bernstein, "Der Streik als politisches Kampfmittel", p. 960.
Die Klassenstreikidee, die im Frühling 1838 im Chartismus erschien, ging von der Birminghamer "political union" aus und wurde ganz besonders von Atwood propagiert.[152] Würde das Parlament "wahnsinnig genug" sein, um die Petition[153] zu verachten, so wolle er das Volk "zu einem feierlichen, heiligen, allgemeinen Ausstand aufrufen, nicht des Arbeiters gegen den Herrn, sondern einem Ausstand aller gegen den gemeinsamen Feind!", "then the working men with such of the middle class as might be disposed to favour their views,[154] should proclaim a solemn and sacred strike from every kind of labour. Not a hand was to be raised to work, but every heart, every head, and every arm was to be directed to the furtherance of the people's cause, until victory smiled upon their efforts".[155] Denn durch "a national strike for one week, during which time not a hammer was to be wielded, nor an anvil sounded, nor a shuttle moved, throughout the country", könne das Volk auf das Unterhaus "exercise ... a little gentle compulsion".[156] — Atwood war Gegner von Gewalttätigkeiten, bekämpfte also auch die Gruppe der "physischen Gewalt" im Chartismus. Wenn er trotzdem ein Mittel empfahl, das unweigerlich zur Revolution führen mußte, so war er sich entweder dieser Konsequenz nicht bewußt,[157] oder — und dies erscheint als das Wahrscheinlichere — er durfte diese Konsequenz außer Acht lassen, weil er gar nicht die Absicht hatte, die holy week wirklich zu inszenieren. Denn Atwood kannte sehr genau die Voraussetzungen ihrer siegreichen Durchführung und wußte, daß, wenn diese Voraussetzungen einmal erfüllt wären, die Chartisten auch ohne Streik siegen konnten. Aber die Vorbereitung eines solchen Ausstandes konnte nach seiner Ansicht die moralische Kraft des Volkes stärken und hierdurch gerade "die wilden und verbrecherischen Verirrungen physischer Kraft" erdrücken;[158] vielleicht glaubte er auch, daß das Parlament vor der Streikdrohung kapitulieren und die Charte gewähren würde, wodurch sich die Frage der heiligen Woche ja ohne weiteres erledigt hätte.
[152] Vgl. Gonner, "The Early History of Chartism", p. 636. — Atwood sprach für den Kl-Str. anläßlich der von der Birminghamer "political union" am 21. u. 28. Mai 1838 veranstalteten Meetings, an denen sich 150 000, resp. 200 000 Demonstranten beteiligten und ihm zujubelten (Birminghamer Journal, 26./5. 1838, cit. bei Tildsley, "Die Entstehung und die Grundsätze der Chartistenbewegung", p. 36, 37); am 16. Aug. 1838 setzte er in der Demonstrationsversammlung im Midland "die heilige Frist von einer Woche fest, wenn das Unterhaus die Petition nicht annähme" (Tildsley, a. a. O. p. 38); ähnlich sprach er auch auf dem großen Birminghamer Meeting 1838.
[153] Mit den 5 chartistischen Forderungen.
[154] Es sollte also nicht eine reine Lohnarbeiterbewegung werden.
[155] Gammage, "History of the Chartist Movement".
[156] Diese Worte machten großen Eindruck auf die Zuhörer (vgl. Gammage, a. a. O. p. 43).
[157] Gammage a. a. O.
[158] Tildsley, a. a. O. p. 48, 49.
Dieser friedfertige Charakter des "national holiday" verschwand aber, als im Winter 1838/39 die Führung der Chartistensache mehr und mehr auf den extremen Flügel überging. Aus der demonstrativen "heiligen Woche" wurde ein "heiliger Monat" mit Pressionscharakter;[159] die linksstehenden Konventsmitglieder, die ihr eigenes revolutionäres Empfinden in die Massen projizierten, rechneten sogar stark mit seiner baldigen Verwirklichung. Immerhin befragte der Konvent das Volk in einem Manifest noch direkt nach seiner Kampfbereitschaft, ob es bei ev. Ablehnung der Charte "ulterior means", z. B. "an universal cessation of labour" anzuwenden geneigt sein würde.[160] Die sogenannten Simultaneous Meetings (Monstre-Versammlungen im ganzen Lande vom Mai-Juli 1839), bereiteten unter dem Einfluß der extremen Chartistenführer dem Manifest eine begeisterte Aufnahme.[161] Schließlich glaubte der ganze Konvent, "a holiday, or sacred month would be found to be the only effectual remedy for the sufferings of the people",[162] "that, until they had a sacred holiday they would never have universal suffrage".[163] Die Bedächtigeren freilich verlangten doch noch zuerst einen Versuch mit den übrigen Mitteln, oder mindestens eine Vorbereitung des heiligen Monats (z. B. Einsetzung einer Kommission zur Ausarbeitung des besten Aktionsplans, "to select a few trades whose cessation from labour would cause all other trades to leave off work"; Errichtung eines Streikfonds, dessen Größe zugleich einen Gradmesser für die Streikbereitschaft der großen Massen abgeben könne), und hintertrieben die sofortige Fixierung eines Termins für seinen Anfang; doch vermochten auch sie den "voreiligen und törichten Beschluß", daß der Konvent, bei Ablehnung der Charte, am 13. Juli zusammenkommen müsse, um den definitiven Tag des Streikbeginns festzusetzen,[164] nicht zu verhindern.
— Am 12. Juli wurde die Charte wirklich vom Unterhaus
abgelehnt, und am folgenden Tage proklamierte der nur schwach besuchte Nationalkonvent, aller Warnungen unerachtet, den 12. August als Eröffnungstag des heiligen Monats.[165] Nun endlich aber kehrte dem Konvent die Einsicht in die realen Machtverhältnisse zurück, endlich kam er zur Erkenntnis, warum das Unterhaus sich durch die Streikdrohung nicht hatte einschüchtern lassen: war es doch ganz unmöglich, den heiligen Monat in irgendwie erheblichem Umfang zu verwirklichen; gerade unter der Majorität der wichtigsten Distrikte fehlte, bei aller Begeisterung für die Charte, doch jede Stimmung für den Ausstand;[166] nur die schlechtest gestellten Arbeiter traten für ihn ein, während die Gewerkvereine ihn durchweg ablehnten.[167] Daher erklärte sich der Konvent schon am 16. Juli für inkompetent, Zeit und Umstände eines nationalen Generalstreiks festzusetzen, und überließ dem Volke selbst die Entscheidung.[168] Die Kommission, der die Befragung desselben aufgetragen worden war, riet dringend, den Streikplan aufzugeben, und die ausschlaggebenden Konventsmitglieder pflichteten ihr bei.[169] Am 6. Aug. vervollständigte der Konvent seinen Rückzug durch die ausdrückliche Warnung vor dem heiligen Monat; alles, was von dem stolzen Plane übrig blieb, war die Empfehlung einer "grand national moral demonstration" (2-3tägige Arbeitsruhe vom 12. Aug. an,[170] die auch zu Stande kam); die Bewegung für den national holiday war vorläufig beendet.
[159] Von einer Beteiligung der Mittelklassen war nicht mehr die Rede.
[160] Gammage, p. 109; auch Tildsley, p. 46.
[161] Wenigstens sagen dies die Berichte der Konventsmitglieder beim Wiederzusammentritt des Konvents am 1. Juli 1839 in Birmingham; vgl. Gonner, a. a. O. p. 640.
[162] Gammage, a. a. O. p. 127.
[163] So O'Connor; vgl. Gammage, a. a. O.
[164] Dieser sog. Motion Dr. Taylor stimmten auch solche Konventsmitglieder zu, die von der Undurchführbarkeit eines heiligen Monats zwar überzeugt waren, aber fürchteten, bei Ablehnung als Feiglinge zu gelten; andere stimmten dafür, weil die Unternehmer mit einer einmonatlichen Aussperrung drohten (Gammage a. a. O. p. 126-130).
[165] Man meinte, "the best time for commencing the sacred month was when the corn was ripe and the potatoes were on the ground" (cit. bei Gammage, a. a. O. p. 145).
[166] Zwar berichtete Dr. Taylor noch nach Ablehnung der Charte, in den Industriebezirken sei die Organisation für den heiligen Monat "going on like a house on fire"; zwar verpflichtete sich auch noch nach Ablehnung der Charte ein Meeting in Newcastle einstimmig für den heiligen Monat; aber diese, wie die früheren Streikbeschlüsse, entstanden in der Aufwallung leidenschaftlicher Volksversammlungen und entbehrten jeder reellen Grundlage (vgl. Gammage a. a. O. p. 129-145).
[167] Vgl. Brentano, "Die englische Chartistenbewegung".
[168] Weil der Konvent durch "desertion, absence and arbitrary arrests" sehr reduziert sei; weil sich im Konvent und in der Arbeiterschaft Meinungsdifferenzen über die momentane Durchführbarkeit eines heiligen Monats gezeigt hätten; weil man die Allgemeinheit des Streiks bezweifeln müsse, ein bloß partieller Streik aber als großes Unglück anzusehen sei, deshalb solle das Volk selbst entscheiden (vgl. Gammage, a. a. O. p. 146).
[169] O'Connor verstieg sich jetzt sogar zu der ebenso kühnen wie unzutreffenden Behauptung, er und alle hervorragenden Führer seien von jeher gegen das Projekt überhaupt gewesen (Gonner, a. a. O. p. 641, 642; Gammage, a. a. O. p. 147, 148; Tildsley, a. a. O. p. 47, 48; Bernstein, "Der Streik als polit. Kampfmittel", p. 691).
[170] Für diese wurde die Unterstützung der "united trades" angerufen (Gammage, p. 154ff.).
Die gescheiterte Klassenstreikpropaganda war natürlich nicht dazu angetan, das ohnehin gesunkene Ansehen des Chartismus zu retten; doch die Bewegung begann von Neuem, als im Jahre 1840 zahlreiche Führer aus der Gefangenschaft zurückkehrten.[171] O'Connor's Parteidiktatur hinderte eine ersprießliche Reformarbeit, sowie den Anschluß an die Antikorngesetzliga und die Wahlgesetzreformbewegung der Mittelklassen. Als daher am 2. Mai 1842 auch die zweite Petition vom Parlament verworfen worden war, rückte die Gruppe der "physischen Gewalt" wieder in den Vordergrund des Chartismus, und "amidst the general dejection a few men clung to the idea, which had animated them in 1839".[172] Die Gelegenheit zum Streik bot sich bald. Denn durch unvermittelte Lohnreduktionen, sowie durch Entlassungen chartistischer, liga-feindlicher Arbeiter[173] stieg das Elend in den Industriegegenden, zugleich die Empörung und die Streiklust. Es erscheint gar nicht ausgeschlossen, daß die Antikornzoll-Liga den Streik absichtlich anzettelte,[174] um die daraus entstehende Aufregung für ihre Zwecke auszunützen. Sicherlich aber lag es weder in den Plänen der Liga, noch in denen der anerkannten Chartistenführer[175], die nun ausbrechende Lohnbewegung zu einem heiligen Monat zu erweitern und die wirtschaftlichen Ziele mit chartistischen Forderungen zu verquicken. Und doch war letzteres unvermeidlich; denn, auch abgesehen von der Agitation der "few men", die immer noch an die Wunderkraft eines national holiday glaubten,[176] ist es durchaus begreiflich, daß die "durch die Chartistenagitation aufgewühlten" Arbeiter, "durch die Not zum Äußersten gebracht, von selbst auf die Idee des heiligen Monats zurückfielen".[177]
[171] Vgl. für das Folgende insbes. Brentano, a. a. O.
[172] Spencer Walpole, "A History of England from the conclusion of the great war in 1815" p. 136, 137.
[173] Gammage, a. a. O. p. 217.
[174] Bernstein behauptet dies (vgl. "Der Streik als pol. Kampfmittel"; "Pol. M. Str. u. pol. Lage" p. 20); auch Tildsley, a. a. O. p. 48.
[175] Vgl. Brentano a. a. O.; nach Gammage (a. a. O. p. 214 ff.) lag es nicht in den Plänen der einsichtsvolleren Chartistenminorität.
[176] Spencer Walpole, a. a. O. p. 136, 137.
[177] Brentano, a. a. O.
Der Ausstand, gew. als Lancashire-Streik bezeichnet, begann am 5. August 1842[178] in Ashton und verbreitete sich rasch über Lancashire, Staffordshire, Cheshire, Warwickshire, Yorkshire, Schottland und Wales.[179] Zu den ursprünglich rein wirtschaftlichen Forderungen[180] gesellte sich in kürzester Frist das politisch-chartistische Postulat.[181] Mit dem Rufe "suspension of labour, until such time as they obtained a fair day's wage for a fair day's work, and the Charter became the law of the land",[182] zogen die Ausständigen von Fabrik zu Fabrik, rissen die plugs (Pfropfen) von den Kesseln der Dampfmaschinen, (woher der Name "plug-plot" für die ganze Bewegung),[183] zwangen die Arbeitswilligen zum Streik[184] und die Kaufleute zu Kontributionen an Lebensmitteln und Geld. Dabei kam es zu Ausschreitungen; und mochte deren Umfang, verglichen mit der Größe der Bewegung, auch gering erscheinen,[185] mochten die Führer, soweit solche vorhanden waren, auch immer wieder raten, "to stand out for the Charter and to keep the peace",[186] so folgten nun doch Verhaftungen über Verhaftungen;[187] und da zudem der erhoffte Anschluß des ganzen Landes ausblieb,[188] so brach der Streik zusammen; Ende August war die Arbeit wieder aufgenommen.[189]
[178] Bourdeau, "Les grèves politiques", nennt irrtümlich den 12. Mai als Beginn (p. 427).
[179] Der Streik der Kohlengräber zog die Arbeitsruhe in der Töpferei nach sich. — In Cheshire und Lancashire allein standen 150 Werke (mills) still (vgl. Spencer Walpole, p. 136, 137) und 50 000 Menschen waren arbeitslos (vgl. Gammage, p. 249 ff.). In Manchester und 50 Meilen im Umkreis ruhte alle Arbeit, bis auf die in den Kornmühlen (vgl. Brentano, a. a. O.)
[180] Im Juli 1842 begannen die Versammlungen in Ashton, Staleybridge, Heyde, "auf denen die Redner eine Arbeitseinstellung empfahlen, bis die Arbeitgeber ihren Arbeitern Gerechtigkeit widerfahren ließen" (Brentano, a. a. O.).
[181] Am 7. August beschloß man schon in Ashton und bei einem Meeting auf Mottram Moor (vgl. Gammage, a. a. O. p. 217), am 8. Aug. in Staleybridge, (vgl. Brentano, a, a. O.), die Arbeit nicht eher wieder aufzunehmen, bis die Charte Gesetz sei. — Ein "meeting of the delegates of the factory districts" in Manchester erklärte am 12. August mit 320 von 358 Stimmen ebenfalls, der Streik solle für die Charte fortgeführt werden, und forderte in einer Adresse vom 16. August das Volk zum Ausharren bis zur Gewährung der Charte auf (Gammage a. a. O. p. 217 ff.) — Auch das Exekutiv-Komitee der "National Charter Association" erließ schließlich einen derartigen Aufruf, in welchem überdies die baldige Beteiligung von Schottland, Irland und Wales, sowie die Zustimmung der Gewerkschaften zur Charte verkündet wurde; "and when an universal holiday prevails, ... then of what use will bayonets be against public opinion?" (vgl. Gammage, a. a. O. p. 219.)
[182] Gammage, a. a. O. p. 217 ff.
[183] Brentano, a. a. O.
[184] Mit Erlaubnis der "comittees of public safety" durfte übrigens hie und da weiter gearbeitet werden, z. B. in den Kornmühlen und wo es sich um leicht verderbliche Produkte handelte (vgl. Brentano, a. a. O. und Spencer Walpole, p. 136 ff.).
[185] Spencer Walpole; Brentano, a. a. O.
[186] Gammage, a. a. O. p. 219, 226.
[187] Zahlreiche Chartisten wurden angeklagt, weil sie mit der Arbeitseinstellung den Zweck verfolgt hätten, Aufregung in den Gemütern der friedlichen Untertanen zu verursachen (so in der Anklageakte gegen 59 Chartisten im März 1843 vor den Lancaster-Assisen; vgl. Gammage, a. a. O. p. 231).
[188] Selbst im Streikdistrikt nahm nur etwa ein Siebentel der Gesamtbevölkerung teil, davon viele unfreiwillig (Gammage, a. a. O. p. 249). Vor allem waren die Trade-Unions dem Streik fast durchgehend abgeneigt (S. & B. Webb, a. a. O. p. 138). — Am 22. Aug. z. B. mußte man sich noch darum bemühen, durch Volksversammlungen die noch immer fehlenden Londoner Chartisten zum Anschluß zu bewegen.
[189] Brentano, a. a. O., sowie Spencer Walpole, a. a. O. p. 136, 137.
Der Lancashire-Streik war in jeder Beziehung erfolglos verlaufen; die Chartisten aber, trotz ihrer ursprünglichen Zurückhaltung, "got the blame off all the follies enacted during the strike".[190] Er versetzte dem nun langsam versandenden Chartismus den Todesstoß.
[190] Gammage, a. a. O. p. 249.
Seither haben sich die maßgebenden Kreise der englischen Arbeiterwelt nie wieder mit dem Klassenstreik-Problem abgegeben.[191]
[191] Nur noch bei den englischen Anarchisten, die aber keine Rolle spielen, werde vom Klassenstreik gesprochen (vgl. Henri Quelch ["Enquête" p. 186]).
§ 9. Die Klassenstreik-Idee unter dem zweiten Kaiserreich.
Nach dem Fiasko des heiligen Monats blieb es zunächst still in der Klassenstreik-Frage.[192] Sie wurde zwar in Frankreich theoretisch angetönt, aber ohne Erfolg. So erklärte am 3. Dezember 1851 der geistvolle Journalist Girardin, man müsse den Staatsstreich Louis Napoleons, statt mit vergeblicher Waffengewalt, mit der "grève universelle" beantworten:[193] "Que le marchand cesse de vendre, que le consomateur cesse d'acheter, que l'ouvrier cesse de travailler, que le boucher cesse de tuer, que le boulanger cesse de cuire, que tout chôme, jusqu'à l'Imprimerie nationale, que Louis Bonaparte ne trouve pas un compositeur pour composer le Moniteur, pas un pressier pour le tirer, pas un colleur pour l'afficher! L'isolement, la solitude, le vide autour de cet homme!.. Rien qu'en croisant les bras autour de lui, on le fera tomber .. Organisons la grève universelle!"[194]
[192] In der internationalen Sozialdemokratie diente der Ausgang des Plug-plot noch viel später häufig als Argument gegen den Klassenstreik überhaupt (Bernstein, "Pol. M.-Str. u. pol. Lage", p. 20); so bei Liebknecht (vgl. Prot. int. Kongr. Paris 1889, p. 126), da der Mißerfolg trotz der damals schon vorzüglichen engl. Gewerkschaftsorganisation eingetreten sei; wobei Liebknecht freilich übersieht, daß die Trade-Unions sich ja fast vollständig zurückhielten. — Und Greulich meint (in "Wo wollen wir hin?"), wäre der Kl.-Str. "wirklich ein probates Mittel gewesen,... so hätte England lange nicht genug Soldaten gehabt, um über ihn Meister zu werden", übersieht aber ebenfalls, daß der Streik von 1842 ein ganz unvollständiger Kl.-Str. war, der pol. Streik, wie er nicht sein soll, sagt Bernstein ("Der Streik als pol. Kampfmittel"); daher kann sein Mißlingen auch in der Tat noch nichts gegen den Kl.-Str. als solchen beweisen.
[193] Vgl. hierüber Albert Thomas, "Le second Empire" p. 396 ff.
[194] Nach den Berichten von Victor Hugo und Ténot (in seinem "Paris en Décembre 1851"), welch letzterer hierbei den Ausdruck "grève générale" gebraucht (vgl. Thomas a. a. O.).
Aber entsprach diese Idee vielleicht auch dem "état d'hostilité et de découragement tout à la fois, où se trouvait le peuple", so war doch die Situation für eine erfolgreiche Durchführung völlig ungeeignet. Daher schenkten selbst Girardins republikanische Gesinnungsgenossen dem merkwürdigen Projekt keine weitere Beachtung.[195] Vielleicht aber hat man in dem kurze Zeit später publizierten Satze Auguste Comte's, das Proletariat besitze in der Möglichkeit der Arbeitsniederlegung ein äußerstes Mittel "contre les violations graves et prolongées de l'ordre 'sociocratique'",[196] einen Reflex des Girardinschen Gedankens vor sich. Girardin kam übrigens später noch einmal auf die grève universelle zurück, mit deren Hilfe er den Regierungen ein "grand système d'assurances au profit des ouvriers contre la misère et les accidents" abzunötigen gedachte,[197] fand aber auch hiermit keinen Anklang.
[195] Vgl. hierüber Thomas a. a. O.
[196] Auguste Comte, "Système de politique positive" (1852-54), cit. bei Georges Weill, "Histoire du Mouvement social en France (1852-1902)", p. 23.
[197] Vgl. Girardin, "Pouvoir et impuissance, Questions de l'année 1865", 1867 erschienen (cit. bei Weill, p. 34.).
In Deutschland und Frankreich trat man angesichts der kriegerischen Aussichten dem Generalstreik etwas näher, und nicht nur überzeugte Sozialisten,[198] sondern auch weitere Kreise, die der internationalen Arbeiter-Assoziation fernstanden, sollen im "Generalstreik" (Militär-Streik) das einzige Mittel gegen den drohenden Konflikt erblickt haben, so der "sozialistoide Nationalist Henri Rochefort" (in der "Lanterne") und der deutsche Demokrat Dr. F. Goetz.[199]
[198] Z. B. Wilhelm Liebknecht, der die G-streiktendenzen des Brüsseler Kongresses auf dem 5. Vereinstag der deutschen Arbeitervereine zu Nürnberg im September 1868 vertrat (vgl. Michels, "Die deutsche Sozialdemokratie im internat. Verbande" p. 180 ff.); später änderte W. Liebknecht seine Ansichten bezüglich des G.-streiks übrigens total.
[199] Vgl. Michels, a. a. O. p. 180 ff.
Wenige Jahre zuvor war die Klassenstreikidee in der internationalen Arbeiter-Assoziation aufgetaucht, ob auf Grund der eben erwähnten Andeutungen, ob in Wiederaufnahme der chartistischen Idee vom heiligen Monat, ob infolge der Wahrnehmung gewisser Wachstumstendenzen bei den modernen Arbeitskämpfen, muß freilich dahingestellt bleiben.
Der Kongreß der internationalen Arbeiterassoziation in Brüssel 1868 lehnte zwar den Streik als vollkommenes Emanzipationsmittel der Arbeiterklasse noch ab;[200] doch empfahl er auf Anregung von Caesar de Paepe[201] den Generalstreik "dans le cas d'un conflit entre les grandes puissances européennes";[202] denn da der Gesellschaftskörper nicht existieren könne, wenn die Produktion eine bestimmte Zeit hindurch unterbunden wäre, so würden die Produzenten im Stande sein, durch Arbeitseinstellungen die Unternehmungen persönlicher und despotischer Regierungen unmöglich zu machen.[203] Übrigens wurde auf jenem Kongreß auch die Militärdienstverweigerung in diesem Zusammenhang erwähnt.[204] Den in Brüssel mehr nur gestreiften Gedanken spannen besonders die belgischen Internationalisten weiter aus, und sie kamen zu dem Ergebnis, daß bei dem wachsenden Umfang der Streiks schließlich ein Generalstreik eintreten werde, "der bei den die Arbeiterschaft erfüllenden Emanzipationsgedanken 'nur in einem die Gesellschaft neugestaltenden Zusammenbruch auslaufen könnte'".[205]
[200] Vgl. James Guillaume, "L'Internationale", p. 69.
[201] Vgl. Michels, "Die deutsche Sozialdemokratie im internationalen Verbande", p. 239.
[202] Die deutschen Sektionen hatten im Hinblick auf die drohende Kriegsgefahr gefragt, welche Stellung die Arbeiter im Kriegsfall einzunehmen hätten, vgl. Jaeckh, "Die Internationale", p. 76.
[203] Guillaume, p. 69; Umrath, a. a. O. p. 13.
[204] Nieuwenhuis (Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 21 ff.).
[205] Cit. bei Bernstein, "Die Generalstreikgewerkschaft". Die belgischen Internationalisten forderten auf ihrem Kongreß in Antwerpen 1873 auch geradezu zur Vorbereitung des Weltstreiks auf (vgl. Pouget, Enquête, p. 39).
Die französischen Internationalisten (bes. in Lyon und Marseille), dachten 1869 übrigens an eine wirkliche Inszenierung des Klassenstreiks zur Unterstützung der politisch-republikanischen Bewegung. Von Marseille aus fragte Bastelica am 6. Okt. 1869 bei Richard an: "Pourrait-on compter sur Lyon pour faire une grève générale, le 26 octobre seulement?";[206] der Termin war offenbar mit Rücksicht auf die für denselben Tag angesetzte republikanisch-parlamentarische Aktion gewählt; aber diese unterblieb, und ebenso der Generalstreik.
[206] Vgl. Albert Thomas, a. a. O. p. 358.
Unter den Mitgliedern der Internationalen Arbeiter-Assoziation waren es hauptsächlich die Anhänger Bakunins, revolutionäre und antipolitische Gewerkschafter, die den Generalstreik-Kultus betrieben. Allerdings mußte er während der inneren Kämpfe zwischen Marx und Bakunin etwas in den Hintergrund treten. Der Bakuninistische Flügel erklärte sogar auf seinem Kongreß in Genf 1873[207] offiziell, daß "bei dem gegenwärtigen Stande der Internationale" die Lösung des Problems vorläufig ausgeschlossen sei; diesem resignierten Scheinbeschluß widersprachen übrigens die in geheimer, also maßgebender Sitzung geäußerten Anschauungen, die auf Befürwortung des Generalstreiks teils als Mittel der Expropriation, teils als Mittel der Agitation und Reform gingen.[208]
[207] Vgl. Umrath, a. a. O. p. 13, 14.
[208] Vgl. Pouget (Enquête, p. 39).
Die Klassenstreikidee verschwand nun vorläufig wieder von der Tagesordnung der internationalen Arbeiterbewegung[209] und kam erst in den 1880er Jahren, im Anschluß an die anarchistischen Versuche in Amerika, wieder zur Sprache.
[209] Vgl. Umrath, a. a. O. p. 13, 14.
Zweites Kapitel: Die moderne Arbeiterbewegung. a) Geschichte des politischen Massenstreiks.
§. 10. Belgien.
Was den Chartisten Ende der 1830er Jahre vorgeschwebt hatte, das wurde von den belgischen Arbeitern gewissermaßen neu entdeckt und in Wirklichkeit umgesetzt: der Klassenstreik erschien zweimal als bedeutsame Episode in der belgischen Wahlrechtsbewegung.[210] Die ausgedehnten Streiks der Bergleute mochten den Gedanken nahe legen, den Ausstand auch einmal in den Dienst politischer Forderungen zu stellen.[211] Jedenfalls faßte seit dem Jahre 1890 die belgische Arbeiterpartei die Möglichkeit eines nationalen Ausstands zur Erringung der Verfassungsrevision ernstlich ins Auge. Schon 1891 traten, im Anschluß an die Maifeier, über 100 000 Bergleute in einen politischen Streik und errangen damit vorläufig wenigstens die Zusicherung der Revision.[212] Da der Wunsch nach einer solchen weiteste Kreise der Bevölkerung ergriffen hatte, willigte die Regierung im Februar 1893 schließlich auch darein,[213] lehnte aber das allgemeine, gleiche Wahlrecht von vornherein ab, obgleich ein Tags zuvor unter den 111 700 Stimmberechtigten von Brüssel und seinen Vorstädten veranstaltetes privates Referendum über die verschiedenen Wahlrechtsprojekte sich mit 46 000 von 60 279 abgegebenen Stimmen für den Antrag des Radikalen Janson, nämlich das allgemeine, gleiche Wahlrecht, ausgesprochen hatte.[214] Am lebhaftesten trat die Arbeiterpartei, die damals überhaupt noch keine parlamentarische Vertretung besaß, für die Ablösung des Zensussystems durch das demokratische Wahlsystem ein, und sie beschloß,[215] bei Ablehnung desselben, (oder bei Beeinträchtigung durch Pluralstimmen, die nicht auf allgemein menschlichen Kriterien, sondern auf Grund- oder Diplombesitz beruhen würden), sofort die "grève générale" zu proklamieren; sie forderte auch (am 8. April) die Arbeiterschaft auf, sich zum Äußersten bereit zu halten. Die maßgebenden politischen Kreise legten indeß dieser Drohung offenbar nur sehr geringe Bedeutung bei;[216] hatte doch auch kurz zuvor erst ein angesehener belgischer Arbeiterführer die Möglichkeit des Klassenstreiks, selbst bei so entwickeltem Industrialismus wie in Belgien, überhaupt in Abrede gestellt.[217] — Immerhin traf die Regierung für alle Fälle einige polizeiliche Vorkehrungen, die sich aber bald als ungenügend erwiesen. Denn nachdem der Verfassungsrat[218] den Antrag Janson mit 115 gegen 26 Stimmen abgelehnt und mit der Prüfung der übrigen Vorschläge begonnen hatte, dekretierte der Generalrat der belgischen Arbeiterpartei den allgemeinen Ausstand,[219] der alsbald ausbrach[220] und Brüssel,[221] die größeren Provinzstädte,[222] vor allem die Bergwerksdistrikte,[223] im ganzen ca. 250 000 Arbeiter[224] umfaßte und acht Tage lang währte. — Die von den Ausständigen veranstalteten Protestversammlungen, Umzüge und anderen Manifestationen führten mehrfach zu Zusammenstößen mit der bewaffneten Macht, besonders wenn diese Aktionen mit Ausschreitungen verbunden waren,[225] und sie forderten, vor allem auf Seiten der Arbeiter, zahlreiche Opfer.[226] — Diese Ruhestörungen verstimmten die Liberalen, so daß sie anfingen, ihr Zusammengehn mit den Arbeitern zu bedauern; andererseits währten auch ihnen die Kammerberatungen allzulang.[227] Sie forderten dringend eine Entscheidung,[228] verständigten sich am 16. April mit den Ultramontanen, und bereits am 18., während draußen der Streik noch auf seinem Höhepunkt stand, nahm die Kammer das Pluralwahlrecht nach überraschend kurzer Debatte, und ohne daß man sich über die Durchführbarkeit des komplizierten "Verlegenheitssystems" recht klar geworden wäre, mit 119 gegen 14 Stimmen (bei 11 Enthaltungen) an. — Diese Nachricht erweckte in den demokratischen und sozialistischen Kreisen große Begeisterung und hatte fast überall eine sofortige Beruhigung der Gemüter zur Folge; am gleichen Abend noch beschlossen Versammlungen in Brüssel und Gent die Wiederaufnahme der Arbeit. Der Generalrat der Arbeiterpartei Belgiens behielt sich zwar weiteren Kampf gegen das Pluralwahlrecht vor, forderte die Arbeiterschaft aber auf, sich vorläufig mit der prinzipiellen Einführung des allgemeinen Wahlrechts zufrieden zu geben. Am 20. April war der politische Streik bereits beendigt und die Ruhe allgemein wieder hergestellt.[229]
[210] Diese selbst geht auf das Jahr 1866 zurück, doch erst seit 1886 oder 1887 nahm auch das Proletariat daran teil, vgl. Anseele, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht in Belgien".
[211] In den Jahren 1880-1891 soll die Streikbewegung ca. 200 000 Arbeiter umfaßt haben (vgl. N. Z. Z. 18./4. 93 u. ff.); vgl. auch Bourdeau, a. a. O.; Roland-Holst, "G-str. und Sozialdemokratie" p. 57).
[212] Vgl. Destrée und Vandervelde, "Le Socialisme en Belgique", p. 116 ff. Im Interesse der Wahlrechtsbewegung fanden auch Massenmeetings statt, z. B. 1890 in Brüssel mit einer Teilnahme von 75-80 000 Personen (vgl. Anseele, a. a. O.; Destrée und Vandervelde, a. a. O.); eine eifrige Wahlrechtspropaganda erfüllte die folgenden Jahre.
[213] Am 28./2. 1893 begann die Kammerdebatte über die Notwendigkeit einer Revision, die auch der Ministerpräsident, Bernaert, in der Eröffnungsrede anerkannte.
[214] N. Z. Z., 27./2. 93.
[215] Auf dem Kongreß in Gent am 2. u. 3./4. 1893 (Allg. Ztg. 4./4. 93). Mit der Frage des Klassenstreiks hatten sich auch schon zahlreiche frühere Kongresse beschäftigt: die von Brüssel, 5./4. 1891, und 21./2. 1892; Bergarbeiterkongreß in Frameries, August 1892; Kongreß vom 25./12. 1902 (vgl. Destrée und Vandervelde, a. a. O.).
[216] Regierung und Kammermehrheit bezweifelten offenbar, daß die Arbeiterführer die Proklamierung eines Klassenstreiks riskieren würden und noch mehr, daß eine ev. Proklamation auch Erfolg hätte (Allg. Ztg. 12. 4. 93); denn die sozialist. Partei machte mit ihren 80 000 Mitgliedern keineswegs einen imponierenden Eindruck.
[217] Auf dem Kongreß des P. O. fr. in Marseille (vgl. Briand, "La grève générale et la révolution", p. 14).
[218] Am 11./4. begannen die Verhandlungen des Verfassungsrats.
[219] Die Radikalen hatten zwar im allgemeinen zum Aufschub geraten; doch sollen manche liberale Fabrikanten selbst ihre Arbeiter zum Streik aufgefordert haben. Die Freimaurer versprachen angeblich, Frauen und Kinder der Feiernden zu unterstützen (vgl. Bourdeau, p. 429; Destrée und Vandervelde, p. 143 ff.).
[220] Leider ist man hier, wie überhaupt bei allen Klassenstreiks, von der Tagespresse abgesehen, hauptsächlich auf sozialistische Darstellungen angewiesen, bei denen eine gewisse Gefahr einseitiger Beurteilung nahe liegt.
[221] Der Ausstand begann daselbst am 12. mit dem Streik der Metallarbeiter, Holzarbeiter, Drucker und Lithographen, wurde aber nicht vollständig (vgl. Bernstein, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 21).
[222] Lacroyere, Haine, Verviers (65 Etablissements), Löwen, Antwerpen, Gent (am 16./4. 25 000 Ausständige), Mons.
[223] Aus wirtschaftlichen Gründen hatte eine von 4-5 000 Mann besuchte Bergarbeiterversammlung in Quaregnon schon am 10./4. den allg. Ausstand im Borinage beschlossen, und 2 000 Bergleute legten in Flenu (bei Mons), obgleich die Führer rieten, erst die Stellungnahme des Verfassungsrates abzuwarten, schon am 11./4. die Arbeit nieder. Am 14. streikten im Borinage und in La Louvière je 16 000 Bergleute; zugleich begann der Ausstand in Lüttich und Charleroi; die Bergarbeiter traten (am 15.) dem Beschluß des Genter Sozialistenklubs (vom 12./4.) bei, am 17. den allg. Streik zu beginnen; 20 000 von den 30 000 Bergleuten dieses Kohlenbeckens führten diesen Beschluß aus.
[224] de Brouckère, (Enquête, p. 163); im ganzen Lande soll die Streikbeteiligung am 13./4. ca. 30 000, am 15. schon gegen 100 000 betragen haben.
[225] So z. B. die Attentate gegen den Bürgermeister von Brüssel, Buls, am 14./4.; gegen Woeste, den Führer der Klerikalen; bes. zahlreich sind die Ausschreitungen im Hennegau (Angriffe auf ein kathol. Kasino, auf eine Kirche; am 12. in Quaregnon auf Bergwerksgebäude; am 13. in Cuesmes usw.) und in Ostflandern (noch am 19./4. Angriffe auf die Schiffe im Antwerpener Hafen [N. Z. Z., 19./4.]); in Brüssel fanden, trotz einer Verfügung des Bürgermeisters vom 14./4., die Ansammlungen und Umzüge verbot, Demonstrationen vor dem Parlamentsgebäude statt; der kgl. Palast in Brüssel wurde militärisch bewacht, überallhin wurde Militär verlangt (in Mons wird am 13. die Garnison konsigniert; am 14. gehen Truppen nach Charleroi und La Louvière).
[226] So bei den Manifestationen in Brüssel am 12. u. 13. vor der Kammer; so bei den nächtlichen Massenumzügen, an denen sich Tausende beteiligten, revolutionäre Lieder singend, am 11. und 12., bes. aber am 13., 14., 16., wo es zu wüsten Straßenszenen kam; ähnlich geht es am 13. in Lüttich, Gent, Cuesmes, Quaregnon, Frameries zu, in Paturages und Quaregnon, am 14. in Vasmes, Wasmuel, Paturages (50 Verhaftete, 60 Verwundete), Jolimont; am 16. in Grammon, Mons, Antwerpen, Petit Wasmes; am 17. in Antwerpen, Renaix, Courtrai, Mons (7 Tote, 47 Verwundete [N. Z. Z., 18./4. 93]).
[227] Inzwischen hatte die Kammer am 12./4. die sämtlichen 16 Wahlreformvorschläge abgelehnt und sich vertagt, während der 21er-Ausschuß die neu eingegangenen Vorschläge prüfte.
[228] Allg. Ztg. 18./4. 93.
[229] Nur im Borinage wurde wegen Lohndifferenzen noch weiter gestreikt, und in Bernissart, Hennegau, kam es noch am 22./4. zu Ruhestörungen durch Ausständige.
Die Bewegung endete also mit einem bedeutenden Teilerfolg, und es scheint auf den ersten Blick, als ob dieses Resultat nur dem Ausstand zu danken sei;[230] doch hätte der Streik allein wohl kaum einen solchen Effekt gehabt, wenn nicht eine Reihe wichtiger Umstände ihn in hohem Maße unterstützt hätten:[231] er brach aus, nachdem eine vieljährige Agitation das Interesse am Wahlrecht außerordentlich gesteigert hatte; brach aus unter einer verhältnismäßig gut organisierten und an Massenaktionen gewöhnten Arbeiterschaft; brach aus für ein allgemein anerkanntes, leicht faßliches Ziel; nicht gerade spontan,[232] aber als etwas Neues, Unbekanntes, die Gesellschaft Überraschendes;[233] Einmütigkeit und Opferwilligkeit[234] eines solchen Arbeiterheeres machten Eindruck; man glaubte sich am Rand der Revolution,[235] und die Unzuverlässigkeit des belgischen Militärs steigerte das Unbehagen noch um ein Beträchtliches;[236] vor allem aber: er brach aus in einem Momente, wo die Wahlrechtsfrage wirklich "spruchreif"[237] war, wo nicht nur die Arbeiterschaft, sondern auch die liberalen Volksmassen energisch für eine Reform eintraten. Freilich gab das Parlament nur so weit nach, als diese liberalen Kreise wirklich an der Revision interessiert waren; da nun deren Ambitionen auch schon das Pluralsystem zu befriedigen vermochte, so mußten sich die Sozialisten mit diesem halben Sieg begnügen; denn trotz des durchgeführten Klassenstreiks konnte das sozialistische Fahrzeug eben doch nicht höher hinauf steigen, als die liberale Welle trug.
[230] Überraschender Weise findet man diese Ansicht sogar auch in bürgerlichen Blättern vertreten; so schreibt der Brüsseler Korrespondent der Allg. Ztg. (vgl. die Nummer vom 23./4. 93) am 20. April vom "Rückzug der Regierung und ihrer Mehrheit" "unter dem Eindruck der zunehmenden Arbeiterbewegung und der Straßenunruhen, aus Furcht vor dem steigenden Wellenschlag des Volksaufruhrs", von der "Durchpeitschung des Antrages Nyssens" (Pluralsystem), die einer Kapitulation sehr ähnlich gesehen habe. — Und ähnliches läßt sich z. B. die N. Z. Z. unterm 19. April aus Brüssel schreiben (vgl. Nr. vom 21./4.): "wären die Ausschreitungen unterblieben, so hätte tatsächlich kein Mensch gewagt, den grandiosen Charakter der Bewegung zu leugnen. Den herrschenden Klassen ist also die Macht der verkannten Arbeiterpartei zum unliebsamen Bewußtsein gekommen", und "der achttägige Ausstand hat genügt, um Regierung und Parlament zur Nachgiebigkeit in der Revisionsfrage zu zwingen".
[231] Es ist sogar die Meinung aufgetreten, daß der Kl-str. von 1893 eigentlich überflüssig war; die Wahlrechtsreform wäre auch ohne ihn, nur vielleicht etwas später, gekommen. Denn die Wahlrechtsforderung sei so populär gewesen, "daß die Regierung, weil sie die Mittelklasse ... und selbst die Bourgeoisie nicht geschlossen hinter sich fühlt, schwach ist und nachgibt" (vgl. Vliegen, "Der Generalstreik als pol. Kampfmittel", p. 196; Enquête, p. 135). Doch geht dies wohl zu weit: denn eine Konstituante, die angesichts der Kl-str.-Drohung ruhig 16 Wahlprojekte verwarf, hätte ohne energischen Anstoß von außen die Wahlreform sicher noch sehr lange weiter verschleppt.
[232] Anders Bernstein, a. a. O. p. 20.
[233] Ähnliches habe Europa seit den Tagen der Kommune nicht mehr gesehen, schreibt die Allg. Ztg. 21./4. 93.
[234] Die auswärtige Unterstützung kann übrigens nur minimal gewesen sein; die ausländischen Gewerkschaften hatten eine diesbezügl. Anfrage der belgischen Gewerkschaften schon im April und Mai 1892 abschlägig beschieden (vgl. N. Z. Z. 21./4. 1893); die seltsame Annahme, daß die Bewegung aus Gründen der hohen Politik mit französischem Geld unterstützt worden sei, — allgemeines Wahlrecht, belgische Republik, Annexion durch Frankreich — (vgl. Allg. Ztg. a. a. O.), dürfte kaum ernst zu nehmen sein.
[235] N. Z. Z. 21./4. 93.
[236] Die Militärbehörden gaben es später selbst zu, daß die Reservisten "scharenweise, z. T. sogar in Uniform", an den Manifestationen der Arbeiter teilgenommen hatten (vgl. Allg. Ztg. 3./5. 93); als am Vormittag des 18. April in der Brüsseler Vorstadt Molenbeek eine Volksversammlung abgehalten werden sollte, die die Regierung zu inhibieren wünschte, weigerten sich Bürgermeister und Bürgerwehr erfolgreich, einem diesbezüglichen Befehl nachzukommen (vgl. N. Z. Z. 19./4. 1893). Diese militärische Zweifelhaftigkeit ist übrigens nur zum Teil der von den Sozialisten eifrig betriebenen antimilitaristischen Propaganda zuzuschreiben. Begreiflicherweise kamen im belgischen Heer, das überhaupt "keine Armee im Sinne des Militarismus" (so Dr. Adler, Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 77) war, und kamen vor allem in der Bürgerwehr die allgemeinen Postulate des Landes ebenfalls zum Ausdruck.
[237] Bömelburg, (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 228).
Obgleich die belgische Arbeiterpartei unter dem Pluralwahlrecht 28 Parlamentssitze eroberte,[238] betrieb sie doch weiter eine eifrige antimilitaristische Agitation und eine lebhafte Propaganda für das S.U. (suffrage universelle), in deren Hintergrund wiederum der Klassenstreik schlummerte. Derartige Ausstandsdrohungen verhalfen ihr 1896 zu einer "Scheinkonzession" bezüglich des Kommunalwahlgesetzes[239] und bewirkten die Verwerfung einer konservativen Wahlrechtsnovelle,[240] sowie den Sturz des Ministeriums Vandenpeereboom.[241] Dieser "Erfolg" erhöhte den Optimismus der Anhänger des S.U., zu denen außer den Arbeitern auch die Progressisten (d. h. Demokraten) und viele Liberale zählten.[242] 1901 verstärkten die Sozialisten ihre Wahlrechtspropaganda, die sich nötigenfalls wieder bis zum Klassenstreik steigern sollte,[243] und forderten die Regierung immer dringender zur Gewährung der Verfassungsreform auf.[244] Schon Anfang April 1902 traten Tausende von Berg- und Hüttenarbeitern in den Streik, der sich rasch ausdehnte. Mit den Demonstrationen für das S.U. stieg auch die Zahl der Ausschreitungen[245] und Zusammenstöße,[246] die mit dem Beginn der Kammerverhandlungen (am 8. April) revolutionären Charakter annahmen.[247] Waren nun die sozialistischen Führer nicht mehr im Stande, die Ungeduld der Arbeiter zu zügeln),[248] oder verzweifelten sie daran, den Revisionsantrag der Linken angesichts des klerikalen Widerstands mit den gewöhnlichen Mitteln durchzusetzen, genug, sie proklamierten am 13. April, noch ehe ihr auf die Tagesordnung des 16. April gesetzter Antrag überhaupt zur Behandlung kommen konnte, mit der Parole: "un homme, un vote"[249] den Klassenstreik als "letzte Waffe zur Erlangung des allgemeinen Stimmrechts".[250]
[238] Zugleich nahmen die Liberalen ab; 1902 hatten die Sozialisten sogar 32 Vertreter.
[239] Vliegen, Enquête, p. 135, und "Der Generalstreik als pol. Kampfmittel", p. 196.
[240] Vgl. Anseele, a. a. O.
[241] Vgl. Bourdeau, p. 429. Damals (1899) hatten die Sozialisten parlamentarische Obstruktion gemacht; es kam zu Straßenunruhen in Brüssel, Lüttich, Gent usw.
[242] Rdsch. Soz. Mh., März 02, p. 226.
[243] Beschluß des Parteitags in Lüttich, 8./4. 01; übrigens ließen die Sozialisten auf Wunsch ihrer liberalen Bundesgenossen das Postulat des Frauenstimmrechts fallen, nahmen aber die Proportionalvertretung in ihr Programm auf (am Parteitg. in Brüssel, 30./3. 02; vgl. Destrée und Vandervelde, a. a. O. p. 250 ff.; Vandervelde, "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902"; Allg. Ztg. 4./4. 02).
[244] Vgl. Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.
[245] Die sollen aber vor und während des Streiks nicht auf Konto der organisierten Arbeiter zu setzen sein, sondern vom "Abschaum der Bevölkerung" ausgegangen sein, der sich nicht von politischen Gründen leiten lasse; vgl. N. Z. Z. 16./4. 02; ähnlich Rundschau Soz. Mh., Mai 02, p. 392: "Die revolutionäre Bewegung in Belgien".
[246] Die Regierung mußte nach allen Seiten hin Truppen senden.
[247] Besonders in Brüssel, wo die sog. "jungen sozialistischen Garden" die Agitation betrieben.
[248] Berliner Lokalanzeiger (cit. in der N. Z. Z. 12./4. 02); Vandervelde a. a. O. p. 45.
[249] Bourdeau, p. 429.
[250] Vgl. das Manifest an die Arbeiter (aus dem "Journal du Peuple" cit. in der Allg. Ztg. 16./4. 02).
Der Ausstand verbreitete sich "blitzschnell über das ganze Land"[251] und erreichte am 18. April mit 300-350 000 Teilnehmern[252] Belgiens höchste Ausstandsziffer. Alle Großindustrien und alle industriellen Gegenden waren beteiligt,[253] wenngleich natürlich noch lange nicht die Gesamtheit der Arbeiter streikte,[254] und vor allem die Staatsarbeiter, (insbesondere die Eisenbahner, die Post- und Telegraphenangestellten),[255] sich zurückhielten.[256] Auch war die Beteiligung am Ausstand keineswegs in allen Fällen eine freiwillige. Die Unruhen nahmen übrigens von der Proklamation des Streiks an bedeutend ab; die Führer, die in ihrer Wahlrechtspropaganda vorher gelegentlich Perspektiven auch auf einen zu inszenierenden Aufruhr eröffnet hatten,[257] traten nun mehr und mehr für Respektierung der Legalität ein;[258] hatte doch die Kammermajorität, im Bewußtsein ihrer tatsächlichen Überlegenheit, von Anfang an der Drohung mit dem Bürgerkrieg[259] gegenüber vollste Kaltblütigkeit bewahrt; sie ließ sich auch nicht durch die nationale Arbeitsruhe erschüttern.[260] Die vereinigte Opposition[261] vermochte nicht einmal die Auflösung der Kammer durchzusetzen,[262] und da auch die erhoffte Initiative des Königs ausblieb,[263] so mußte die Linke in den Schluß der Debatte einwilligen. Am 18. April lehnte die Kammer mit 82 gegen 64 Stimmen die sofortige Revision ab, stellte deren Inangriffnahme nur für eine fernere Zukunft in Aussicht und vertagte sich.[264] In der Aufregung über dieses Resultat kam es in mehreren Provinzstädten zu blutigen Auftritten;[265] doch der Weisung des Generalrats der Arbeiterpartei folgend, begann schon am 21. die Wiederaufnahme der Arbeit, und bereits am 22. April kehrte das Land zu normalen Verhältnissen zurück.[266]
[251] N. Z. Z.; vgl. auch Luxemburg, "Und zum dritten Mal das belgische Experiment". Am ersten Tag ist der Streik schon fast allgemein im Kohlenbergbau, am 15. begreift er nach amtlicher Feststellung über 150 000 Arbeiter in sich (Allg. Ztg. 18./4. 02); am 16. ruhen alle nennenswerten Betriebe; man spricht von 200 000 Ausständigen, von einer "nationalen Kalamität" (N. Z. Z. 17./4. 02); am 17. tritt im gewerblichen Leben nahezu Stillstand ein, es streiken 300 000 Arbeiter.
[252] Vgl. Anseele, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht in Belgien"; Enquête, p. 163; Luxemburg, a. a. O.; Vandervelde a. a. O.; N. Z. Z.; Allg. Ztg.; Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.; Bourdeau.
[253] Vandervelde, a. a. O. — Der Streik erfaßte in erster Linie die Kohlenbecken (von Mons, Borinage, Charleroi, Lüttich, Centre), ferner die Steinbrüche, die Metall-, Glas-, Textil-, Zigarrenindustrie, teilweise auch Klein- und Hausindustrie; Brüssel, Gent, Antwerpen usw. haben nahezu volle Arbeitsruhe.
[254] Die Diamantarbeiter von Antwerpen, sowie die durch einen unglücklichen Arbeitskampf desorganisierten dortigen Docker schlossen sich aus.
[255] Trotz ihrer sozialistischen Gesinnungen und trotz Destrées diesbezüglicher Bemühungen, blieben sie bei der Arbeit (vgl. Vandervelde a. a. O.).
[256] Allerdings streikten z. B. bereits am 15./4. 1902 15 000 Arbeiter der staatlichen Waffenfabrik in Herstal.
[257] Vgl. Allg. Ztg. 9./4. und 15./4. 02.
[258] Vgl. die Aufforderung zum Wahlrechtsstreik im "Journal du Peuple", cit. in der Allg. Ztg. 16./4. 1902.
[259] Bei Eröffnung der Revisionsdebatten am 16./4. 1902 seitens Vandervelde's.
[260] Rdsch. Soz. Mh., a. a. O. Übrigens wurde der tägliche Produktionsausfall auf 3-4 Millionen Fr. geschätzt (Allg. Ztg. 18./4. 1902), und am 17./4. 1902 hatte die belgische Handels- und Geschäftswelt schon einen Schaden von "mindestens 100 Millionen Fr. zu tragen" (N. Z. Z. 19./4. 02).
[261] Sozialisten, Radikale und, trotz vorübergehender Verstimmung, Liberale; die liberalen Abgeordneten waren verstimmt durch die Unruhen; schon Anfang April stellte die gemäßigt-liberale "Etoile belge" für weitere Unruhen eine Vergeltung bei den Wahlen in Aussicht (N. Z. Z. 6./4. 02); vgl. auch das Votum des Gemeinderats von Schaerbeck (N. Z. Z. 17./4. 02); die liberalen Abgeordneten traten teilweise überhaupt nur aus politischer Notwendigkeit für das allgemeine Wahlrecht ein, ohne mit dem Herzen dabei zu sein (Vgl. Allg. Ztg.; Anseele).
[262] Allg. Ztg. 14./4. 02.
[263] Allg. Ztg. 18./4. 02; N. Z. Z. 12./4. 02.
[264] Anseele, a. a. O.; Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.
[265] Besonders in Löwen, wo es mehrere Tote gab; Brüssel blieb, unter Einfluß der sozialistischen Führer, ruhig. — Der ganze Streik scheint übrigens im ganzen recht ruhig verlaufen zu sein. Vandervelde (cit. in der N. Z. Z. 6./5. 02) spricht sogar von "vollkommener", von "imposanter Ruhe"; doch gibt er an anderer Stelle selbst zu, daß, wenn auch selten, Belästigungen Arbeitswilliger vorgekommen seien (in "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902").
[266] Der Generalrat der Arbeiterpartei, der noch am Morgen des 18. die friedliche Verlängerung des Ausstands dekretiert hatte (vgl. Allg. Ztg. 18./4. 02; Vandervelde, "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902"), beschloß einstimmig, aber gegen die Wünsche der Bergleute von Borinage und Charleroi, den Abbruch des Streiks. Am 20. wurde der Beendigungsbeschluß durch ein Manifest verbreitet (vgl. Allg. Ztg.; Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.; Destrée und Vandervelde, p. 261).
So war der Wahlrechtsstreik denn gescheitert. Was sich die belgische Sozialdemokratie allenfalls als "Erfolg" desselben herauskonstruierte: die Verheißung einer dereinstigen Revision,[267] die Einigung der Linken, die Einigung der Arbeiterschaft,[268] die Neubelebung des antiklerikalen und sozialistischen Geistes,[269] das waren teils höchst zweifelhafte Größen, teils solche Werte, die auch ohne den Klassenstreik zu erreichen waren, und die die Verluste an Gut und Blut und politischem Einfluß[270] nicht entfernt ausglichen. Die belgische Arbeiterpartei gab denn auch selbst zu, daß sie eine "Schlappe" erlitten habe,[271] an welcher übrigens nicht, wie den belgischen Sozialisten vielfach zur Last gelegt, taktische Fehler die Schuld trugen;[272] vielmehr mußte der Streik scheitern, weil er zu klein war, um die Gegner in Schrecken zu setzen, über zu geringe eigene Mittel verfügte, um den Widerstand durch längere Dauer zu besiegen, und weil er in einem Moment ausbrach, wo ihm von anderen Gesellschaftsklassen kein Zuzug gewährt wurde. In Erinnerung an den verhältnismäßig leichten Sieg des Jahres 1893 hatten sich die belgischen Arbeiter wohl über die Schwierigkeiten getäuscht; insbesondere hatten sie die Interessengemeinschaft mit den Liberalen zu hoch bewertet, die Machtmittel der Regierung aber unterschätzt.
[267] Vgl. Anseele, a, a. O.; Luxemburg, a. a. O.; Vandervelde, cit. in der N. Z. Z. 6./5. 02.
[268] Anseele, a. a. O. p. 412.
[269] Vandervelde, "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902", p. 47.
[270] Die Gewerkschaften wurden zwar nicht geradezu erschüttert, doch sie und die Partei erholten sich nur langsam von der Niederlage (vgl. Vliegen, Enquête, p. 135, und "Der Generalstreik als politisches Kampfmittel", p. 196; Bourdeau, p. 430); — bei den Erneuerungswahlen am 25./5. 02 triumphierten die Klerikalen (vgl. Vandervelde, a. a. O.; Katz, "Der politische Massenstreik", Nr. 33, p. 3); die Sozialisten verloren 7 Sitze; selbst bei den parlamentarischen Wahlen am 29./5. 04 soll sich die Wirkung des Streiks noch für die Sozialisten nachteilig erwiesen haben (vgl. Anseele, "Die belgischen Wahlen"). — Im Innern der Partei hingegen scheint der Streik keine üblen Folgen gehabt zu haben; der Parteitag vom 4./5. 02 billigte den Rückzug und erteilte dem Vorstand Decharge (Anseele, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht in Belgien"; Vandervelde, a. a. O.).
[271] So Anseele, a. a. O.; ähnl. Vandervelde (gemäß N. Z. Z. 6./5., sowie Neue Zeit 20. II. p. 166); "Le Peuple", Brüssel, 5./5. 02, cit. bei Bourdeau, p. 430.
[272] Man machte den belgischen Sozialisten zum Vorwurf: mangelnde Organisation (so z. B. Zetkin [vgl. Vorwärts, 23./8. 05], welche übrigens, inkonsequenter-, aber richtigerweise, den geordneten Rückzug gerade der trefflichen Organisation zuschreibt), Überstürzung (vgl. Bernstein, "Pol. M-str. und pol. Lage"). Vorherankündigung (vgl. Kautsky, "Allerhand Revolutionäres", p. 735), Zusicherung möglichster Gewaltlosigkeit (vgl. Zetkin a. a. O.; Luxemburg, "Das belgische Experiment") und das Bündnis mit den Liberalen (vgl. Mehring, "Ein dunkler Maitag"; Kautsky, "Die Soziale Revolution" I; Luxemburg a. a. O.; Zetkin a. a. O.) — In der internationalen Sozialdemokratie entfachte insbesondere der Rückzugsbeschluß einen gelinden Federkrieg. Man beschuldigte die belgischen Arbeiterführer, sie hätten auf Anordnung der Liberalen gehandelt. Doch konnten letztere sie höchstens in der Überzeugung von der Beendigungsnotwendigkeit, die sich ihnen von selbst aufdrängen mußte, bestärken. Der Streik mußte vor allem aus pekuniären Rücksichten beendet werden. Bei der Riesenzahl der Streikenden reichten die Ausstandsfonds auch bei geringer Unterstützung nur für kurze Zeit; bis zum 20. April waren überhaupt nur 27 300 Fr. zusammengekommen, inkl. der 10 000 Mark-Spende der deutschen Sozialdemokratie (Allg. Ztg. 21./4. 02), die nach Beendigung des Streiks übrigens noch 5 000 Mk. schickte (Prot. Parteitg. München 02, p. 18.). — Die belgische Arbeiterschaft scheint sich bei der beginnenden wirtschaftlichen Streikunfähigkeit und der politischen Erfolglosigkeit doch auch nicht so durchaus zuversichtlich gezeigt zu haben, wie es Vandervelde ("Die belgischen Wahlrechtskämpfe", p. 47) behauptet (vgl. z. B. Allg. Ztg. 21./4. 02 und N. Z. Z. 22./4. 02). Eine Fortführung des Ausstands hätte zur wirtschaftlichen Erschöpfung und zum "Versanden" der Bewegung geführt und war um so weniger angezeigt, als ein Nachgeben der Regierung doch völlig ausgeschlossen schien; so wären weitere Opfer also durchaus überflüssig gewesen (vgl. Vandervelde, cit. in der N. Z. Z. 6./5. 02; Bernstein, "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik"; Vandervelde, "Nochmals das belgische Experiment"; Luxemburg, "Und zum dritten Mal das belgische Experiment"; David, "Die Eroberung der politischen Macht", p. 203; Bericht des internationalen sozialistischen Bureau, cit. bei Katz, "Der politische Massenstreik", Nr. 33, p. 3; Rdsch. Soz. Mh. Mai 02, p. 392.)
Das Kleinbürgertum, die liberalen Massen, befanden sich im allgemeinen beim Pluralrecht ganz wohl, traten also zwar aus Prinzip, nicht aber mit jener Wärme, die das persönliche Interesse verleiht, für das S. U. ein.[273] Daher fehlte dem Streik der "tiefe Resonanzboden im Volk", er "zündete nicht, er blieb Parteisache".[274] Je kühler die Bundesgenossen, um so energischer der klerikale Gegner, dem der Besitz überlegner Machtmittel,[275] die Kenntnis der Unzulänglichkeit der proletarischen Hilfsquellen und die auf Grund der Erfahrungen von 1893 getroffenen Vorbereitungen die Kraft des Beharrens verliehen.
[273] Nur ausnahmsweise, z. B. in Charleroi am 13./4., demonstrierten Sozialisten und Liberale gemeinsam (vgl. N. Z. Z. 14./4).
[274] Bernstein, "Pol. M.-str. und pol. Lage", p. 21, und "Ist der politische Massenstreik in Deutschland möglich?" p. 33.
[275] Es kamen nur wenige militärische Unzuverlässigkeiten vor.
Mußte ein Erfolg aber auch ausbleiben, so darf man deswegen doch noch nicht von einem "schmählichen" Scheitern[276] reden; denn der Streik verlief ruhig, planmäßig. Die Arbeiter hatten sich "wie ein Mann" erhoben, und so zogen sie sich auch wieder zurück.[277] Maßgebende auswärtige Sozialisten schätzen sogar den korrekten Rückzug aus dem Kampf, die "Geschlossenheit und Einheitlichkeit" der belgischen Wahlrechtsstreiter[278] nicht nur als eine ihnen außerordentlich wertvolle Erfahrung, die weite Perspektiven auf neue Anwendungsmöglichkeiten des Klassenstreiks gestatte, sondern, ähnlich wie die Schweiz ihre nationale Waffen- und Trophäenhalle mit dem Bilde des Rückzugs von Marignano schmückt, so schreiben sie den Rückzug der belgischen Arbeiter aus dem Wahlrechtsstreik von 1902 geradezu auf die Ruhmestafel des kämpfenden Proletariats.
[276] Vliegen, "Der Generalstreik als politisches Kampfmittel", p. 193.
[277] Vgl. Anseele, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht in Belgien".
[278] Vgl. Bernstein, "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik", p. 415; Vandervelde, cit. in der N. Z. Z. a. a. O.
Auch jetzt noch erachtet die belgische Sozialdemokratie die "grève générale" als "das vornehmste Mittel zur Erreichung des allgemeinen Wahlrechts", wendet aber ihr Hauptaugenmerk vorläufig doch lieber dem Ausbau des Gewerkschaftswesens zu.[279]
[279] Parteitg. 1903, vgl. Rdsch. Soz. Mh., Mai. 03, p. 379.
§ 11. Schweden.
Unmittelbar nach dem zweiten belgischen Wahlrechtsstreik, vielleicht psychologisch durch ihn beeinflußt[280] und, wie er, den Höhepunkt in einer Wahlrechtsbewegung markierend, im Mai 1902, fand auch in Schweden ein Klassenstreik statt. Außer den Arbeitern hatten weite Volkskreise auch dort eine Reform des veralteten Zensus-Wahlrechts[281] gefordert, sodaß die Regierung im März 1902 dem Reichstag einen diesbezüglichen Entwurf vorlegte.[282] Da dieser aber das allgemeine Stimmrecht durch "Garantien"[283] einschränkte, so rief er einen "Sturm der Entrüstung" hervor,[284] der natürlich am lautesten in der Arbeiterschaft tobte, resp. in der sozialdemokratischen Partei, die die Führung des Proletariats in dieser Angelegenheit übernommen hatte.[285] Sie entwarf alsbald einen sorgfältig durchdachten Demonstrationsplan.[286] Es sollte "bis zur Einführung einer zufriedenstellenden Erweiterung des Stimmrechts"[287] eine permanente Klassenstreik-Agitation veranstaltet werden; insbesondere sollte das Volk durch sonntägliche, später allabendliche Massendemonstrationen im ganzen Lande so aufgerüttelt werden, "daß die Niederlegung der Arbeit aus der immer gespannter werdenden Situation organisch herauswachsen", und daß der Volksprotest "durch möglichst allgemeine Arbeitsruhe während der Parlamentsberatung der Wahlrechtsfrage noch mehr verstärkt werden" könne.[288] Nach diesem Plan wurde auch verfahren,[289] und da am 15. Mai die auf 2-3 Tage berechnete Reichstagsdebatte beginnen sollte, so proklamierte die sozialdemokratische Partei für den gleichen Tag und die gleiche Dauer einen allgemeinen Ausstand im ganzen Lande,[290] einen "Demonstrationsstreik",[291] der zeigen sollte, "daß die Arbeiterschaft nicht gesonnen sei, sich politisch als quantité négligeable behandeln zu lassen";[292] er sollte seine Spitze "nicht im geringsten gegen die Unternehmer richten", sondern, "ausschließlich gegen die Regierung und das Zensus-Parlament",[293] um letzterem die Abweisung der Wahlrechtsvorlage nahe zu legen.
[280] Vgl. Allg. Ztg. 21./4.; Enquète, p. 377.
[281] Das schwedische Wahlsystem soll damals nur 6,7% der Bevölkerung das Wahlrecht gewährt haben, während z. B. in Norwegen 19,9%, in Deutschland 21,2% wahlberechtigt gewesen seien (vgl. N. Z. Z. 24./5.).
[282] Vgl. Branting, "Die schwedischen Reichstagswahlen", p. 54.
[283] Z. B. sollten Wähler über 40 Jahre 2 Stimmen haben.
[284] Vgl. Branting, a. a. O.
[285] Die Gewerkschaften wollten nicht in diese rein politische Angelegenheit gezogen werden, vgl. Branting, "Schweden vor einer neuen Stimmrechtskampagne", p. 624.
[286] Auf einem außerordentlichen Kongreß in Stockholm vom 10.-13. April.
[287] Vgl. N. Z. Z. 14./4.
[288] Branting, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 421 und "Die schwedischen Reichstagswahlen", p. 54.
[289] Am 20./4. fanden in ganz Schweden Kundgebungen zugunsten des allgem. Stimmrechts statt; in Malmö allein demonstrierten 15 000 Personen (vgl. Allg. Ztg. 21./4.); ebenso am 27./4. in den meisten schwedischen Städten; in Stockholm zählte man 30-40 000 Teilnehmer. Am 12./5. erschien der Bericht der Reichstagskommission, wonach das Stimmrecht erst von 25 Jahren an ausgeübt werden, ferner an Besitz usw. gebunden sein sollte (vgl. Allg. Ztg. 13./5.).
[290] Vgl. N. Z. Z., 15. und 24. Mai; Allg. Ztg. 15./5.
[291] Vgl. Branting, "Die schwedischen Reichstagswahlen", p. 54; man habe erkannt, "daß die Zeit für einen wirklichen, durch einen ökonomischen Druck auch politisch wirkenden Massenstreik noch nicht gekommen" sei.
[292] Allg. Ztg. 15./5. 02.
[293] Branting, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 421 ff.).
Die Massen, gut diszipliniert und vorbereitet, folgten in fast allen bedeutenderen Städten,[294] "in fast allen Teilen des Landes"[295] dem Streikgebot,[296] sodaß der Ausstand am 17. Mai mit 116 bis 120 000 Teilnehmern,[297] einen Umfang erreichte, "der die kühnsten Erwartungen weit übertraf".
[294] Leimpeters, "Zum Generalstreik", p. 431.
[295] Branting, a. a. O. p. 420.
[296] Am 15. streikten bereits in Stockholm 15 000 Fabrik-, Werkstätten-, Verkehrsarbeiter und Setzer (vgl. N. Z. Z. und Allg. Ztg. 16./5.), am 16. über 30 000 (vgl. N. Z. Z. 17./5.), am 17. war die Arbeitsruhe in Stockholm mit über 42 000 Ausständigen fast vollständig (vgl. Branting, a. a. O. und "Die schwedischen Reichstagswahlen", p. 54); in Malmö war der Streik mit 13 000 Teilnehmern "fast vollständig" (Branting, a. a. O.); dort standen schon am 15./5. die Fabriken und Druckereien still (Allg. Ztg. 16./5.); 12 000 streikten in Gotenburg (Branting, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 422); schon am 15./5. herrschte allg. Streik in Helsingborg (Allg. Ztg. 16. Mai). Es wird als auffallend gemeldet, daß das "schwedische Manchester", Norrköping, sich nicht dem Streik anschloß (N. Z. Z.), daß am 15. der Streik in mehreren Städten "noch nicht allgemein" war, daß in Gotenburg z. B. am 15. noch die Drucker, Straßenbahner, Gasarbeiter, Droschkenkutscher arbeiteten (vgl. N. Z. Z. und Allg. Ztg. 16./5.); diese negative Umschreibung des Streikumfangs gibt einen Fingerzeig für die Größe der Bewegung; die Gesamtzahl der Streikenden im ganzen Land betrug am 16. Mai schon 75-100 000 (N. N. Z. 17./5.).
[297] Branting, "Die schwedischen Reichstagswahlen"; Bourdeau, p. 431.
Die Wirkungen des Streiks machten sich sofort sehr unangenehm bemerklich,[298] am meisten in Stockholm, das infolge der Verkehrsstockung den Eindruck einer kleinen Provinzstadt erweckt haben soll.[299] Die Zeitungen fehlten, wie auch anderwärts,[300] die Beleuchtung litt.[301] Hingegen konnte die Wasser-, und anscheinend auch die Nahrungsmittel-Versorgung aufrecht erhalten werden,[302] wie ja seitens der Ausständigen von Anfang an "die für das Leben und die Gesundheit der Bewohner unbedingt erforderliche Arbeit" als zulässig erklärt worden war.[303] Der in solchen Maßnahmen zum Ausdruck gelangenden Friedfertigkeit entsprach auch die von Freund und Feind anerkannte "imponierende Ruhe" und "musterhafte Ordnung"[304] während des Streiks, die denn auch den Arbeitern viele Bundesgenossen aus den Reihen der Intelligenz zugeführt haben soll.[305] Mit "ruhiger Präzision" wurde die Arbeit nach Schluß der Reichstagsdebatte am 17. Mai auch wieder aufgenommen.[306]
[298] Bourdeau, a. a. O.; Branting, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 422.
[299] N. Z. Z. 17./5.; der ganze Lokalverkehr lag danieder: vom Morgen des 15. an stockte der Verkehr der Trams, Droschken, Arbeitswagen, Dampfer (vgl. Allg. Ztg. 16./5.); in Malmö verkündeten die Arbeiter der Staatsbahnwerkstätten ihren Streik für den 16., so daß man schon den Anschluß der Eisenbahner fürchtete (vgl. Allg. Ztg. 15./5. und N. Z. Z. 16./5.).
[300] Branting, "Die schwedischen Reichstagswahlen"; die Zeitungen fehlten in Stockholm und Malmö vom 16. an (vgl. Allg. Ztg. 15./5., N. Z. Z. 16./5.); nur das Regierungsorgan erschien (vgl. Allg. Ztg. 17./5.); die Zeitungen drohten vergeblich mit einer 14tägigen Aussperrung (N. Z. Z. 17./5.).
[301] Stockholm war schlecht beleuchtet, da Gas- und Elektrizitätsarbeiter streikten, sogar die Theatervorstellungen mußten wegen des Streiks des Hilfspersonals abgesagt werden (Allg. Ztg. 17./5.).
[302] Allerdings wollten z. B. in Upsala die Bäckereien, in Malmö Kaffees und Restaurants für drei Tage den Betrieb einstellen (vgl. Allg. Ztg. 15. und 17. Mai).
[303] Allg. Ztg. 15./5.
[304] Branting, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 420; Bourdeau, a. a. O.; "alle Welt auf den Straßen, aber nicht eine Fensterscheibe zerbrochen", "alles viel ruhiger als in gewöhnlichen Zeiten"(?), rühmt Branting ("Die schwedischen Reichstagswahlen"). Auch bei den voraufgehenden Demonstrationen scheinen keine ernstlichen Zwischenfälle vorgefallen zu sein; ein Krawall am 21. April in Stockholm, bei dem mehrere Personen durch Säbelhiebe verwundet wurden (Allg. Ztg. 20./4, N. Z. Z. 24./4.; Branting, "Die Generalstreikprobe in Schweden", soll insofern durch die Polizei veranlaßt worden sein (vgl. Branting, "Die schwedischen Reichstagswahlen"), als sie die Arbeiter am Demonstrieren habe hindern wollen (?). — Bei der Kürze der Bewegung und dem ruhigen Temperament der Schweden ist der friedliche Verlauf nicht überraschend; auch drangen die Arbeiterführer energisch auf Ordnung, und die Regierung duldete im allgemeinen überall die friedlichen Straßendemonstrationen (Branting, "Die Generalstreikprobe in Schweden"). Die Regierung hatte übrigens schon vor dem Ausstand Truppen aus den Provinzgarnisonen nach Stockholm gezogen; sie verfügte dort die Absperrung einiger innerer Stadtteile (Allg. Ztg. 15./5.).
[305] Branting, "Die schwedischen Reichstagswahlen".
[306] Branting, a. a. O. und "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 422; der sozialdemokratische Direktionsausschuß in Stockholm gab am 17./5. die telegraphische Parole aus, daß am gleichen Abend um 6 Uhr der Ausstand zu beendigen sei (vgl. Allg. Ztg. 18./5.; Branting, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 422).
Der Reichstag hatte wirklich die Regierungsvorschläge verworfen und auf das Jahr 1904 einen neuen Entwurf mit allgemeinem Stimmrecht verlangt.[307] Damit war durchaus erreicht, was erreicht werden sollte: ein Unerwünschtes war abgewehrt, ein Erwünschtes zudem in greifbare Nähe gerückt.[308] Immerhin kann bezweifelt werden, ob diese Fortschritte nicht vielleicht auch ohne den kostspieligen Apparat eines Klassenstreiks zu erringen gewesen wären.[309]
[307] N. N. Z. 15. und 24. Mai; Allg. Ztg. 17./5.
[308] Wenn man zunächst auch nur "eine vieldeutige, tastende, sehr wenig verpflichtende Reichstagsresolution" gewonnen habe, so sei nun doch die Stimmung im Reichstag dem allg. Wahlrecht günstiger, jede Partei sich der Dringlichkeit der Reform bewußt geworden (Branting, "Die schwed. Reichstagswahlen"; Bömelburg, Prot. Gwft. Kongr. Köln 1905, p. 220 ff.), wodurch die schwedische Stimmrechtsfrage "in eine neue Phase getreten" sei (Branting, "Schweden vor einer neuen Stimmrechtskampagne"); doch da es sich von Anfang an nur um eine Demonstration handelte, kann "von Gelingen oder Nicht-Gelingen hier keine Rede sein" (Vliegen, "Der Generalstreik als politisches Kampfmittel").
[309] Die N. Z. Z. 24./5., nimmt sogar an, der Streik habe überhaupt keinen Einfluß auf die Reichstagsbeschlüsse gehabt.
Die Arbeiter scheinen nur wenig unter den Nachwirkungen des Streiks gelitten zu haben. Die unmittelbar folgenden Maßregelungen waren nicht sehr erheblich,[310] und der angedrohte Streikrechtsentzug kam um so weniger zu Stande,[311] als die Arbeiterorganisationen den Klassenstreik inzwischen "begraben" hatten. Denn obgleich die Wahlreform sich über Erwarten verzögerte, obgleich der finnische Nationalstreik seinen Eindruck auf die schwedischen Arbeiter nicht verfehlte,[312] und obgleich eine kleine "anarchosozialistische" Partei-Opposition zum Generalstreik drängte,[313] ergab eine detaillierte Umfrage bei den Arbeitern, besonders bei den gewerkschaftlich organisierten,[314] die Ablehnung zwar nicht des Klassenstreiks an sich, wohl aber des Klassenstreiks im damals vorliegenden Falle.[315] Da die bloße Wiederholung des Demonstrationsstreiks überdies gar keine Wirkung versprochen, ein mehrwöchentlicher Ausstand aber die Arbeiterschaft den größten Gefahren ausgesetzt hätte,[316] so ließ die Partei den Gedanken des Klassenstreiks vorläufig fallen.
[310] Branting ("Die Generalstreikprobe in Schweden" p. 423) nimmt an, die schwedischen Arbeiter seien durch den Kampf gestärkt worden; dies ist doch wohl fraglich: ein vor dem Streik angesammelter Fonds von 80 000 Kr., um "Bürger, die ohne eigenes Verschulden vielleicht von den Behörden drangsaliert werden", zu unterstützen (Gerichtskosten und dergl.), soll "durch die Konflikte unter den Streikenden stark mitgenommen" worden sein (Branting, "Schweden vor einer neuen Stimmrechtskampagne", p. 623). Branting ("Die schwed. Reichstagswahlen") gibt auch einige Fälle zu, "wo fanatische Feinde der Arbeiterbewegung die Situation für Repressalien auszunützen sich bemühten". — Nach Roland-Holst ("G-str. u. Sozd.", p. 62) soll es nur in einer großen Fabrik zu einer kurzen Aussperrung gekommen sein; den Gewerkschaften habe der Streik "so gut wie keine Opfer" gekostet.
[311] Der infolge des Streiks entstandene Gesetzentwurf gegen gemeingefährliche Streiks wurde im Mai 1905 im Reichstag behandelt, von der 2. Kammer aber abgelehnt (vgl. Axel Hirsch, "Lagförslaget mot allmänfarliga sträjker").
[312] Es soll "das Beispiel Finnlands, das durch seinen Nationalstreik das Einkammersystem und allgemeines Stimmrecht für Männer und Frauen mit einem Schlage erreicht hat, ... auf die Arbeiter Schwedens tief gewirkt" haben (Branting, "Die liberale Episode im schwedischen Wahlrechtskampf").
[313] Die sog. "Jungsozialisten", unter Führung von Hinke Bergegren, "die nach anarchistischem Muster den Generalstreik als sozialrevolutionäre Tat feiern" und eine eifrige G-str.-Propaganda betrieben (vgl. Branting, "Schweden vor einer neuen Stimmrechtskampagne"; Rdsch. Soz. Mh. Jan. 07).
[314] Die Umfrage wurde von der Parteileitung veranstaltet, um dem Parteitag im Februar 1905 zuverlässiges Material über die Stimmung der Massen zu liefern; schon 1904 hatte die Partei, bei allem Interesse für die Wahlreform, vorläufig von einem G-str. abgesehen (Rdsch. Soz. Mh. Mai 04, p. 410).
[315] Rdsch. Soz. Mh. 05, p. 354, 355; Branting, a. a. O. p. 623, 624.
[316] Die gefestigte Unternehmerorganisation würde sich "nicht noch einmal überrumpeln" lassen (Branting; Roland-Holst, "G-str. u. Sozd.", p. 62); auch würden die Arbeiter bei einem zweiten Streik das Publikum gegen sich gehabt haben (Branting); der Streik würde zu Konflikten mit der bewaffneten Macht geführt haben.
§ 12. Österreich.
In der österreichischen Wahlrechtsbewegung spielte der Klassenstreik ebenfalls eine beträchtliche Rolle, wenngleich es hier bei der bloßen Androhung sein Bewenden haben sollte. Der belgische Wahlrechtsstreik von 1893 legte der österreichischen Sozialdemokratie damals schon den Gedanken nahe, das veraltete Wahlsystem nach belgischem Muster zu bekämpfen.[317] Da die erlangte mäßige Wahlreform nicht befriedigte,[318] so zog der Wiener Parteitag von 1894[319] als letztes Auskunftsmittel den Klassenstreik in Betracht, nahm aber von dessen momentaner Ausführung wegen zu geringer Entwicklung der Organisationen noch Abstand.[320] Mit der Steigerung der Wahlrechtsbewegung[321] entwickelte sich auch wieder eine eifrigere Diskussion des Klassenstreiks, dessen Ansehen seit der von den belgischen Arbeitern 1902 erwiesenen Rückzugsmöglichkeit beträchtlich zugenommen hatte.[322] Der besonders von den Bergarbeitern längere Zeit vertretene Standpunkt,[323] den Klassenstreik nicht nur für das Wahlrecht, sondern zugleich auch für den Achtstundentag zu inszenieren,[324] wurde gänzlich aufgegeben. Doch handelte es sich für die österreichische Sozialdemokratie auch jetzt noch mehr um akademische Erörterungen.[325] Akut wurde die Frage erst, nachdem in Ungarn das allgemeine Wahlrecht zugesichert worden war. Die Kampflust des Parteitags von 1905 wurde durch die Kunde von dem gleichzeitig erlassenen russischen Oktobermanifest noch um ein Beträchtliches gesteigert; so forderte er denn die Arbeiter zur Bereitschaft für den politischen Massenstreik auf und wies die Vertrauensmänner an, denselben im entscheidenden Moment zu proklamieren.[326] Dem Drängen nicht nur des Proletariats, sondern weitester Kreise des Bürgertums[327] nachgebend, erfolgte endlich die Zusicherung der Wahlreform;[328] die Sozialdemokratie hielt daher vorerst noch mit dem Äußersten zurück.[329] Sobald indeß die Reform im Parlament auf Schwierigkeiten stieß, wurde das Arbeiterheer mobilisiert.[330] Und zwar sah das sozialistische Aktionsprogramm bei weiterer "Wahlreformverschleppung" zunächst einen dreitägigen Demonstrationsstreik nur der Wiener Arbeiterschaft vor, um dem Gegner gleichsam einen Vorgeschmack des allgemeinen Ausstands zu geben; sollte auch diese letzte Drohung keinen Eindruck machen, so hätte der Massenstreik in ganz Österreich zu folgen.[331] Die Wiener Massenmeetings und zahlreiche andere Versammlungen pflichteten diesem Plan, sowie den von den Führern getroffenen Vorbereitungen durchaus bei.[332] Die Massenstreikbereitschaft veranlaßte natürlich Gegenmaßregeln: die Regierung verstärkte die Wiener Garnison;[333] die Vereinigung der Arbeitgeber Österreichs beschloß, trotz ihrer Sympathie für das allgemeine Wahlrecht, dem dreitägigen Ausstand event. mit einer entsprechenden Aussperrung zu begegnen;[334] im Parlament wurden Stimmen laut, man solle die Wahlreform nun erst recht verweigern, als Protest gegen den beabsichtigten Druck von außen.[335] Dennoch kam sie zu Stande, und glücklicherweise ohne daß der angekündigte politische Ausstand ausgeführt wurde. Aber die Wahlreform ist nicht eigentlich der Klassenstreikdrohung zu danken, oder doch nur zum kleinsten Teil.[336] Die Klassenstreikdrohung mag den Gang der Ereignisse etwas beschleunigt haben; diese selbst aber hatten ihre Ursache nicht in proletarischen Sonderwünschen, sondern im Gesamtempfinden des österreichischen Volkes.
[317] Vgl. Prot. Parteitg. Wien 1894, Bericht der Parteileitung, p. 4-6, Adler, p. 31, 34. Am 20. Aug. 1893 war gelegentlich einer Massendemonstration für das allg. Wahlrecht im Wiener Prater zum ersten Mal öffentlich vom "Generalstreik" die Rede.
[318] Nach dem Scheitern des Taaffe'schen Wahlprojekts (Bernstein, "Pol. M.-str. u. pol. Lage", p. 21).
[319] 25.-31. März 1904. Auf Anregung der Parteivertretung und gemäß dem Beschluß einer am 8. Okt. 1893 in Wien zusammengetretenen Reichskonferenz der österreichischen Sozialdemokratie wurde "das allgemeine Wahlrecht und der Generalstreik" als dritter Punkt der Tagesordnung behandelt und eine Adler'sche Resolution hierüber angenommen.
[320] Prot. Parteitage Wien 1894 (p. 105), 1905 (p. 127, 128).
[321] Diese nahm schon 1903 wieder recht energische Formen an und führte sogar zu blutigen Zusammenstößen mit dem Militär, z. B. in Brünn am 7./9. 03 (Prot. Parteitg. Wien 05, p. 127 ff.); in den folgenden Jahren fanden allenthalben große Wahlrechtsdemonstrationen statt, z. B. am 10. Okt 05 in Prag, (bei Eröffnung des Landtags), wobei ca. 40 000 Menschen teilnahmen, unter allgemeiner Arbeitsruhe (Alfred Weber, "Die Wahlrechtsfrage in Österreich").
[322] Vgl. Prot. Parteitg. Wien 1903, p. 122-133).
[323] Bes. am Budweiser Parteitag (vgl. Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 55, 71 ff., 97).
[324] Prot. Parteitag Wien 1905, p. 131.
[325] Prot. Parteitag Wien 1905, Adler, p. 125.
[326] Prot. Parteitag Wien 05, p. 66-69. — An den Parteitag schlossen sich große Demonstrationen in Wien an, die sich (gemäß Parteitagsbeschluß, vgl. Prot. p. 110) am 28. Nov., dem Tag der Parlamentseröffnung, nicht nur in Wien, sondern im ganzen Lande wiederholten, wodurch eine kurze allgemeine Arbeitsruhe entstand (vgl. "Die neue Gesellschaft", Nr. 37, 1905, Glossen); in Wien beteiligten sich ca. 1/4 Million, in Prag ca. 150 000 Personen (Rdsch. Soz. Mh. Jan. 1906, p. 85). — Ein analoger Vorgang fand übrigens beim Zusammentritt des ungarischen Reichstags am 10. Okt. 1907 statt: vor allem in Pest, doch auch im übrigen Reich, herrschte Arbeitsruhe, da die Arbeiter, unter dem Beifall der ganzen Bevölkerung, für das allg. Wahlrecht demonstrierten. (Vgl. z. B. "Züricher Post" vom 12. Okt. 07). — Der Parteitag der ungarischen Sozialdemokratie hatte Ostern 1905 für den Massenstreik zur ev. Erkämpfung des allg. Wahlrechts votiert (Vgl. Rdsch. Soz. Mh. Juni 05, p. 551).
[327] Selbst bei den Demonstrationen sollen Angehörige der Mittelklassen sich scharenweis beteiligt haben (Weber, a. a. O.; Soz. Mh. Rdsch. Jan. 06, p. 85).
[328] Arbeiter-Ztg., 12. Juni 06.
[329] Prot. Parteitg. Wien 05, p. 132 ff., sowie Versammlungsberichte usw. in der Arbeiter-Ztg. 19. Nov. ff.
[330] Vgl. Rdsch. Soz. Mh. Juni 06, p. 516. Vertreter der Partei, der Gewerkschaften und der Fraktion forderten im Manifest vom 9. (oder 10.) Juni die Arbeiterschaft zur Vorbereitung des Massenstreiks auf (Arbeiter-Ztg. 10. Juni 06).
[331] Arbeiter-Ztg. 12. Juni 06.
[332] Vgl. Vorwärts, 19. Juni 06. Am 14. Juni war die von der Gesamtparteivertretung berufene und von allen Landesorganisationen und sämtlichen gewerkschaftlichen Verbänden beschickte Konferenz in Wien zusammengetreten und hatte über die Vorbereitung eines ev. Massenstreiks beraten (vgl. Arbeiter-Ztg. 15. Juni), sich mit dem Manifest vom 9. Juni einverstanden erklärt, die Arbeiter aufgefordert, unverzüglich die letzten Vorbereitungen zu treffen, sowie einem aus Mitgliedern der Parteivertretung, der Gewerkschaftskommission und der Fraktion gebildeten Zentralkomitee in Wien die Aufgabe zugewiesen, sobald die Wahlreform im Parlament stockte, sofort die Parole zum 3tägigen Wiener Ausstand, resp. zum allg. österr. Massenstreik zu geben, zu dessen Ausführung in den einzelnen Ländern dem Zentralkomitee entsprechend zusammengesetzte Landeskomitees bestanden, die sich dann direkt mit den Lokalkomitees in Verbindung setzen sollten (Arbeiter-Ztg. 15. Juni 06).
[333] Vgl. Arbeiter-Ztg. 24. Juni 06.
[334] Arbeitgeber-Versammlung in Wien am 26. Juni 06 (vgl. Arbeiter-Ztg. 27. Juni und Frankfurter Ztg. 27. Juni 06).
[335] Arbeiter-Ztg. 24. Juni 06.
[336] Selbst der Vorwärts, 12. Juli 06, erklärt, die österr. Wahlreform sei "weniger die Frucht des proletarischen Kampfes, als der nationalistischen Verlegenheiten der Krone" gewesen.
Gegenüber dem Umfang dieser Wahlrechtsstreik-Propaganda treten die übrigen klassenstreikartigen Erlebnisse Österreichs beträchtlich zurück. Immerhin muß an den Generalstreik in Triest vom Jahre 1902 erinnert werden, der übrigens seinem ganzen Charakter nach den romanischen Klassenstreiks zuzuzählen wäre. Er soll wegen "der rücksichtslosen Habgier der Lloydinteressenten"[337] ausgebrochen sein und sich "gegen ein 150 Jahre altes Gesetz über den Seedienst und gegen den Mißbrauch der Marinesoldaten zu Streikbrecherdiensten"[338] gerichtet haben. Das ganze Triester Proletariat habe sich aus Solidarität am Ausstand der Seeleute beteiligt.[339] Es kam zu blutigen Zusammenstößen;[340] doch die Arbeiter sollen die Sympathien der Gesamtbevölkerung auf ihrer Seite gehabt haben,[341] und diesem Umstand, nicht aber dem "ökonomischen Furor",[342] dürften sie den freilich teuer erkauften Sieg[343] verdanken.
[337] Rdsch. Soz. Mh., April 02, p. 318.
[338] Bericht der italienischen Parteiexekutive in Triest an den Parteitag (vgl. Prot. Parteitg. Wien 1903, p. 32, 33).
[339] Mit diesem Ausstand dürfte wohl der G-str. in Fiume in Verbindung stehen, der am 1. April unter den Hafenarbeitern und Heizern der ungarischen Schiffahrtsgesellschaft "Adria" ausbrach, dem sich am 3. April zahlreiche Fabrikarbeiter anschlossen, der aber schon am folgenden Tage als beendigt angesehen wurde (vgl. N. Z. Z. 2.-4. April 02).
[340] Da Ruhestörungen vorfielen, wurde der Ausnahmezustand verhängt (vgl. Prot. Parteitg. Wien 03, p. 54) und Militär gegen die Streikenden aufgeboten (vgl. Rdsch. Soz. Mh., April 02, p. 318).
[341] Soz. Mh., April 02.
[342] Dessen wüste Szenen der "Weckruf", April 05, Nr. 7, ausmalt (cit. vom Sekretariat des Schweizerischen Gewerbevereins, "Begleiterscheinungen bei Streiks", p. 12).
[343] Die Arbeiter des Seeverkehrs sollen sich die Organisationsmöglichkeit erkämpft haben; der Streik habe 12 Menschenleben, unzählige Verwundungen und Jahre Kerkers gekostet; die Partei habe übrigens aus dem Streik nur Nutzen gezogen (Prot. Parteitg. Wien 1903, p. 32, 33, 38).
§ 13. Deutschland.
In Deutschland begegnete der Klassenstreik-Gedanke ursprünglich energischer Ablehnung.[344] "Das Wort des Genossen Auer: Generalstreik ist Generalunsinn, wurde so ziemlich allgemein (in der sozialdemokratischen Partei) als zutreffend akzeptiert".[345] Allerdings erklärten sich anfangs der 1890er Jahre die "Jungen" (auch Berliner Opposition genannt)[346] für den "gewaltrevolutionären Generalstreik zur Niederwerfung der politischen und ökonomischen Herrschaft der Bourgeoisie";[347] sie erlitten aber mit derartigen Anschauungen auf dem Erfurter Parteitag (1891) eine vollständige Niederlage.[348] Anderthalb Jahrzehnte später beherrschte die Klassenstreikidee das ganze Parteileben der deutschen Sozialdemokratie. Freilich erschien diese Idee nicht in ihrer alten, revolutionär-anarchistischen Form, sondern zumeist in der "durch materialistische Geschichtsauffassung vertieften" Spielart,[349] als politischer Massenstreik. Eine ganze Reihe zusammentreffender Umstände haben diese Wandlung veranlaßt. Es lassen sich fünf Hauptquellen der deutschen Massenstreikbewegung nachweisen.
[344] Vgl. z. B. Edm. Fischer, "Die neueste Revision unserer Theorie und Taktik", p. 292.
[345] Kolb, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 207.
[346] Die Bewegung der "Jungen" entwickelte sich nach den Wahlerfolgen von 1890; in ihrem Tatendrang verachteten die "Jungen" den Parlamentarismus; es schwebte ihnen eine revolutionär-sozialistische Gewerkschaftsbewegung vor.
[347] Vgl. Kampffmeyer, "Der Generalstreik und die Eroberung der ökonomischen Macht", und ders., "Eine Wiedergeburt der Unabhängig-sozialistischen Bewegung?".
[348] Prot. Parteitg. Erfurt 1891, p. 222. Aus den G-str.-Schwärmern unter den "Jungen" wurden später vielfach überzeugte Gegner, wie z. B. Kampffmeyer; vgl. auch Kloth, "Generalstreik und Maifeier auf dem Gewerkschaftskongreß in Köln".
[349] Frankf. Ztg., Leitart. über den M-str., 5./7. 06, Nr. 183.
1. In erster Linie waren es die inneren politischen Verhältnisse, die die Diskussion des politischen Massenstreiks heraufbeschworen. Der politische Einfluß des Proletariats entsprach keineswegs den Erwartungen, die im Jahre 1903 von der Partei an ihren 3 Millionen-Sieg geknüpft worden waren;[350] alles war beim alten geblieben,[351] ja, "die in verschiedenen Staaten versuchte oder durchgeführte" Wahlrechtsverschlechterung[352] schien sogar auf eine Verstärkung der Reaktion hinzuweisen. Je mehr die Partei sich der eigenen Machtlosigkeit bewußt wurde, um so größere Besorgnisse hegte sie hinsichtlich einer Verkürzung der politischen Rechte, insbesondere des Reichstagswahlrechts.[353] Beim sächsischen "Wahlrechtsraub" freilich hatte, nach Bebels eigenen Worten, "überhaupt noch kein Mensch an den politischen Streik ... gedacht";[354] später aber veranlaßten Enttäuschung und Besorgnis die deutschen Sozialisten, oder doch gewisse politisch führende Kreise derselben, zu einer Revision ihrer Taktik. Auf zwei Wegen konnten sie das verlorene Ansehen zurückzugewinnen versuchen: waren sie einsichtig genug, ihre Ohnmacht aus der doktrinären Intoleranz herzuleiten,[355] so mußten sie die in Dresden beschlossene Intransigenz aufgeben und, mit Benutzung der erreichbaren parlamentarischen Wege, eine praktische Sozialpolitik anstreben; sahen sie ihre Einflußlosigkeit aber gerade als Folge einseitiger Pflege oder Überschätzung[356] des Parlamentarismus an, so mußten sie auf weitere Isolierung halten und neben (oder statt) dem für ungenügend befundenen Parlamentarismus außerparlamentarische Aktionen, "eindringlichere Kampfmittel",[357] suchen. Diesen letzteren Weg schlug die deutsche Sozialdemokratie ein, und das Resultat war die "Aufzäumung des Generalstreikgauls".[358]
[350] Vgl. Giesberts, "Die Utopie des Generalstreiks", p. 35.
[351] Dr. Liebknecht (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 326).
[352] Vgl. "Hamburger Echo", Leitart. über "Anarcho-Sozialismus" (27. Aug. 05, Nr. 200). — Es handelte sich um "die Wahlrechtsräubereien in Sachsen, Lübeck und Hamburg, die Verschlechterung des Gemeindewahlrechts in zahlreichen Städten, die ... immer offener heraustretenden Absichten auf Einschränkung des Reichstagswahlrechts" (David, "Rückblick auf Jena", p. 841).
[353] Vgl. Bömelburg (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 215); vgl. auch Cohnstaedt, "Generalstreik, Massenstreik und Sozialdemokratie", p. 748. Eine Resolution des Breslauer sozialdemokratischen Vereins vom 29. Mai 05 (vgl. Vorwärts, 1./6. 05) forderte bereits, "in solchen Fällen, wo dem Volke wirkl. Rechte genommen werden sollen", den pol. Str. ev. ernsthaft in Betracht zu ziehen. Mit dem Reichstagswahlrecht sei zugleich auch das Koalitionsrecht bedroht (Kautsky, Vorwort zu Roland-Holst, "G-str. u. Sozd.").
[354] Prot. Parteitg. Jena 05, p. 337.
[355] Frankf. Ztg. a. a. O.; Eugen Katz, "Der politische Massenstreik" Nr. 33, p. 3.
[356] Vgl. Michels, "Le Socialisme allemand et le Congrès d'Jéna", p. 281-307.
[357] Vgl. z. B. Roland-Holst, "Zur Massenstreikdebatte", p. 685 und Dr. Liebknecht, a. a. O.
[358] v. Gerlach, "Maifeier und Massenstreik". Katz, a. a. O., wirft die Frage auf, ob man den Arbeitern nicht etwa deshalb "das Opium des Massenstreiks" eingegeben habe, "damit sie die Unfruchtbarkeit der marxistischen Politik so bald nicht erkennen?"
2. Es ist nicht überraschend, daß man auf der Suche nach dem außerordentlichen Rettungsmittel gerade auf den Klassenstreik verfiel. Praktische Versuche in andern Ländern standen schon reichlich als Vorbilder zu Gebote.[359] So soll der schwedische und der italienische, sollen die belgischen Klassenstreiks einen Einfluß auf die deutsche Arbeiterbewegung ausgeübt haben.[360] Der Ruhrstreik Anfang 1906 lenkte ebenfalls die Aufmerksamkeit auf Massenaktionen mit politischer Tragweite. Später mag auch die österreichische Wahlbewegung, vor allem aber die russische Revolution[361] die Klassenstreik-Neigungen gefördert haben.
[359] Übrigens wäre, wie Heine ("Politischer Massenstreik im gegenwärtigen Deutschland?" p. 754) hervorhebt, bloß um der ausländischen Versuche willen die Massenstreikdiskussion in Deutschland nicht notwendig gewesen.
[360] Bracke, Enquête, p. 86; Bömelburg (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 215); Bebel (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 307); Cohnstaedt, a. a. O.
[361] Bernstein, "Politischer Massenstr. und Revolutionsromantik"; vgl. auch Lensch, "Politischer Massenstreik und politische Krisis"; Liebknecht in Bremen: "die Frage des Massenstreiks ist die aktuellste Frage unserer gegenwärtigen und künftigen Politik" (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 196); Kautsky ("Zum Parteitag") rechnete schon "mit der Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit revolutionärer Situationen"; Edm. Fischer, a. a. O., wirft der Leipziger Volkszeitung vor, daß sie, nach ihrem Artikel "Märzluft" vom 8. (oder 18.?) März 04, den revolutionären Generalstreik schon nahe glaube; "zum Glück", meint Fischer, "denkt in unserer Partei kein Mensch daran, diese Phrasen ernst zu nehmen".
3. Einen ferneren Hinweis auf den politischen Ausstand gaben die internationalen Kongresse, voraus der Kongreß von Amsterdam.
4. Weit größere Bedeutung aber erlangten die akademischen Erörterungen des Problems.[362] Sie gingen übrigens von sehr verschiedenen Seiten aus: die größten Partei-Antipoden traten gleich warm für den Klassenstreik ein; freilich dachten sie sich oft ganz verschiedene Dinge darunter, was nicht wenig zu den späteren Verwirrungen beitrug.
[362] Heine, a. a. O.; bei der geringen politischen Bedeutung der deutschen Sozialdemokratie hätten diese akademischen Erörterungen übermäßige Bedeutung erlangt.
Kautsky hatte schon 1891 darauf hingewiesen, daß unter Umständen "ausgedehnte Arbeitseinstellungen große politische Wirkungen hervorrufen können".[363] — Angeregt durch den ersten belgischen Wahlrechtsstreik sprach Bernstein sich 1894 für den "Streik als politisches Kampfmittel" aus, speziell für den Streik als politisches Demonstrationsmittel.[364] 1896 untersuchte Parvus die Wahrscheinlichkeit eines Staatsstreichs und kam zu dem Ergebnis, daß nur der politische Massenstreik im Stande sei, unter Umständen eine bedrohte Verfassung zu schützen.[365] Aber alle diese Anregungen, selbst Parvus' "Kassandrarufe", verhallten, "ohne in der Arbeiterschaft besondere Beachtung zu finden".[366]
[363] Kautsky, "Die soziale Revolution" I, p. 50.
[364] Bernstein, "Der Streik als politisches Kampfmittel".
[365] Parvus, "Staatsstreich und politischer Massenstreik", p. 199ff. Auch 1901 noch fand Parvus mit seiner aus Handelskrise und Generalstreik kombinierten Zusammenbruchstheorie, die er am 24. Sept. 1901 in der Dortmunder Arbeiter-Zeitung auseinandersetzte, wenig Anklang (vgl. Fischer, "Die neueste Revision ... usw.", p. 295).
[366] Flüchtig, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 445.
Der zweite belgische Wahlrechtsstreik brachte die literarische Diskussion des Klassenstreiks von neuem in Fluß: Bernstein[367] verwies, bei vollster Ablehnung anarchistischer Gedankengänge, auf die Möglichkeit, ja Wünschbarkeit des friedlichen Demonstrationsstreiks zu politischen Zwecken, wie speziell zur Reform des preußischen Wahlsystems, und er bemühte sich vielfach in Wort und Schrift, diesem Gedanken Geltung zu verschaffen. Auch Kautsky griff den Gedanken des Klassenstreiks wieder auf, der für ihn hauptsächlich das Mittel der sozialen Revolution bedeutete. Deshalb erschien ihm auch der politische Massenausstand für Deutschland vorläufig noch unanwendbar, seine Diskussion also auch nicht dringlich, doch lehrreich und wünschenswert.[368] Diese Diskussion nahm aber erst seit 1904, "vor, während und nach dem Kongreß von Amsterdam"[369] einen lebhafteren Charakter in Presse[370] und Versammlungen an; sie erhielt im Sommer 1905 durch die Veröffentlichung von Roland-Holst's "Generalstreik und Sozialdemokratie" neue Nahrung.[371] Dieses Buch, auf Kautskys Veranlassung geschrieben und von ihm in einem Geleitwort der deutschen Arbeiterschaft an's Herz gelegt, erschien gerade im geeigneten Augenblick, um einen bedeutenden, aber nicht ungefährlichen Einfluß ausüben zu können, da es sich ebenso sehr durch Übersichtlichkeit und fesselnde Darstellung, als durch Verkennung der tatsächlichen Machtverhältnisse Deutschlands auszeichnete.[372]
[367] Bernstein, "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik".
[368] Zum besseren Verständnis des Auslands, zur klaren Erkenntnis der eigenen Widerstandskraft, zur Vorbereitung auf den Amsterdamer Kongreß wünschte Kautsky eine lebhafte Diskussion der noch wenig geklärten Frage (vgl. die Anmerkung der Redaktion in der "Neuen Zeit", 22, I, p. 134; vgl. Kautsky, a. a. O.; ders., "Zum Parteitag", "Der Bremer Parteitag", "Allerhand Revolutionäres"; ferner Vorwärts, 4. Juli 06).
[369] Bebel, "Der Bremer Parteitag", p. 742.
[370] Z. B. in der "Neuen Zeit" im Anschluß an den Artikel von Hilferding, "Zur Frage des Generalstreiks".
[371] Hingegen gab das Roland-Holst'sche Buch nicht, wie der Vorwärts (4. Juli 06) annimmt, überhaupt erst den Anstoß zur deutschen Massenstreikdebatte.
[372] Roland-Holst's Buch erschien sehr bald schon in 2. Auflage; sicher hat es einen beträchtlichen Einfluß auf den Jenaer Parteitag ausgeübt, obgleich es nicht an scharfer Kritik fehlte: Bernstein (in "Dokumente des Sozialismus", V. 9) wandte sich besonders gegen die von Roland-Holst vertretene Katastrophentheorie, griff auch ihre Darstellung der belgischen Wahlrechtsbewegung an; Heine verurteilt das "Gerede" über den Verlauf eines Massenstreiks in Deutschland als ein "Phantasieprodukt ohne Realität" (a. a. O.); vgl. auch die kritischen Bemerkungen bei Katz, a. a. O. Nr. 34.
5. Eine wesentlich andre Auffassung vom Klassenstreik, als die Parteischriftsteller verschiedener Richtung, vertraten, (vertreten noch), die "Anarchosozialisten", (auch Berliner Lokalisten genannt).[373] Der "Wahlrechtsraub in Sachsen", der "Bruch der Geschäftsordnung im Reichstag", die Neutralitätserklärung der Gewerkschaften hatten auch den Führer der Lokalisten, Dr. R. Friedeberg, zu einer Revision der Taktik veranlaßt, die ihn geradewegs zu "proletarischen Massenaktionen", mit deren Hilfe die "Ideale des Klassenkampfs" wieder in den Vordergrund gerückt werden sollten,[374] zum anarchistischen Generalstreik führte. Um seine Anschauungen auch dem Amsterdamer Kongreß nahe zu legen, sprach Friedeberg am 3. August 1904 in Berlin unter großem Beifall der Anwesenden über "Parlamentarismus und Generalstreik".[375] Ebenso versuchte er dem Jenaer Parteitag vorzudemonstrieren, daß die deutschen Proletarier einen "neuen Kurs" verlangten.[376] Zu diesem Zweck sprach er am 23. August 1905 in Berlin über "Weltanschauung und Taktik des deutschen Proletariats" und veranlaßte seine 3-4 000 Zuhörer,[377] eine anarchosozialistische Resolution, mit Generalstreik als pièce de resistence, anzunehmen (sogen. Feenpalast-Resolution, nach dem Namen des Versammlungslokals).[378] Freilich wies die sozialdemokratische Partei die Friedebergsche Generalstreikpropaganda zurück, wie überhaupt den ganzen "anarchosozialistischen Spuk";[379] dennoch fühlte die Partei sich eingestandenermaßen zum Teil gerade durch die großen Berliner Versammlungen der Lokalisten zur Erörterung des Klassenstreik-Problems genötigt.[380]
[373] Giesberts, a. a. O. p. 30, berechnet ihre Zahl auf 17 000; sie liegen in beständiger Fehde mit den Zentralverbänden; Kampffmeyer ("Der Generalstreik und die Eroberung der ökonomischen Macht") setzt die anarchosozialistische Bewegung in Parallele zur Bewegung der "Jungen" von 1891; die Anarchosozialisten hatten sich unter Führung von Dr. R. Friedeberg samt ihrem Blatt, "Die Einigkeit", immer mehr von den offiziellen Gedankengängen der Partei ab- und dem Anarchismus zugewandt.
[374] Friedeberg, Prot. Parteitg. Dresden 03.
[375] Seine Resolution, die den Parlamentarismus verurteilt, der Partei und den Gewerkschaften aber den Generalstreik als ethisches Befreiungsmittel empfiehlt, (vgl. Friedeberg, "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 31, 32), soll mit Tausenden gegen 6 Stimmen angenommen worden sein (vgl. Friedeberg, "Weltanschauung und Taktik des deutschen Proletariats", Nr. 41); Friedeberg erklärte in einer Berliner Versammlung am 29./8. 04 die Stellungnahme des Amsterdamer Kongresses für eine Konzession an seine Richtung (vgl. Allg. Ztg. 1./9. 04).
[376] Die gleiche Absicht verfolgte die "Einigkeit" (Nr. 35, Sept. 05, Beilage) mit ihrem Artikel "Jena".
[377] Vgl. "Einigkeit", 2./9. 05; Michels, a. a. O. p. 287 ff.
[378] Friedeberg, a. a. O.
[379] Der Anarchosozialismus sei der unvermeidliche Ausbruch "fortschrittshungriger Ungeduld", der "das Kind mit dem Bade" ausschütten wolle (Hue, "Partei und Gewerkschaft"). Vorwärts, Leitart. vom 4. Juli 06, Nr. 152, "Der politische Massenstreik"; Kautsky ("Der Bremer Parteitag", p. 7 ff.) meint, man müsse die Massenstreikdiskussion nicht wegen, sondern trotz Friedeberg betreiben; vgl. ders., Rezension über Friedebergs "Parlamentarismus und Generalstreik".
[380] Vgl. Bebel (Prot. Parteitag Bremen 04, p. 307); mehrfach in der sozialdemokratischen Presse ausgesprochene Vorwürfe, die Parteileitung lasse sich zu sehr durch die Lokalisten beeinflussen, weisen ebenfalls darauf hin, daß die anarchosozialistische Propaganda nicht ohne Einfluß auf die allgemeine Massenstreikbewegung in Deutschland war.
Das Zusammentreffen all dieser Faktoren macht es begreiflich, daß die deutsche Sozialdemokratie sich dem Klassenstreik zuwandte, dessen sie sich doch so lange Zeit hindurch erfolgreich erwehrt hatte, so auch noch auf dem Dresdener Parteitag 1903, wo Friedebergs Anstrengungen, den Klassenstreik auf die Tagesordnung des nächsten Parteitags zu setzen, nur bei Kautsky und einigen wenigen andern, "die zur sog. "radikalen" Richtung zählen",[381] Unterstützung fanden. Denn obgleich der Klassenstreik doch nur eine logische Konsequenz der neu beschworenen Katastrophentheorie[382] und der Annahme eines "in greifbare Nähe gerückten" Sieges der Sozialdemokratie dargestellt hätte, gelang es dem Einfluß Legiens und Ledebours, die offiziell radikale Dresdener Mehrheit zur Verwerfung des Friedebergschen Antrags zu bewegen.
[381] Vgl. Kolb, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 207, und Flüchtig, "Zur Frage des Generalstreiks"; vgl. auch Prot. Parteitg. Dresden 03, p. 134, 431 ff.
[382] Vgl. Bernstein, "Ist der pol. Streik in Deutschland möglich?"
Doch schon auf dem Bremer Parteitag 1904 trat ein Umschwung in der Beurteilung des Klassenstreiks zu Tage. Zwar fehlte es nicht an Stimmen, die die neuen Bestrebungen für "einfach lächerlich" erklärten.[383] Aber als Dr. Liebknecht, unter Hinweis auf den Wert des Massenstreiks für den Wahlrechtsschutz, auf die Bedeutung der ausländischen Diskussion und das Ansehen der inländischen Verteidiger des Klassenstreiks und unter ausdrücklicher Ablehnung des Generalstreiks Friedeberg'scher Observanz, die Behandlung des Problems auf dem folgenden Parteitag verlangte, und als unter anderen auch Bernstein und Zetkin eine Diskussion der Frage befürworteten, da wurde der Liebknechtsche Antrag mit großer Mehrheit dem Parteivorstand zur Erwägung überwiesen.[384]
[383] So die "Chemnitzer Volksstimme", cit. von Dr. Liebknecht, (Prot. Parteitg. Bremen, p. 190). Katzenstein meinte, die Anhänger des Generalstreiks hätten einen unfruchtbaren Boden zu beackern (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 190).
[384] Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 190-198; Bebel, der über den Amsterdamer Kongreß referierte, ohne sich aber persönlich zur Klassenstreik-Frage zu äußern, befürwortete deren gründliche literarische Diskussion, ehe die Partei sich offiziell mit ihr zu beschäftigen habe (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 307); Kautsky erklärte, "mehr als solche Studien sind zunächst in Deutschland nicht erforderlich" ("Der Bremer Parteitag", p. 9).
Während der Klassenstreik in der Partei Anhänger gewann, beharrten die freien Gewerkschaften auf seiner Ablehnung, "einerlei, für welche Zwecke er inszeniert werden soll"[385] und schienen "gegen den Generalstreik-Bazillus immun zu sein".[386] Um jedoch die immerhin gefährlichen Infektionsversuche zu verhindern, sowie um etwaigen, von der Partei zu gewärtigenden, unerwünschten Direktiven zuvorzukommen,[387] wurde der Klassenstreik im Mai 1905 vom Gewerkschaftskongreß in Köln behandelt.[388] Nur ganz wenige Gewerkschaftsführer (so z. B. von Elm) traten dort für den politischen Streik ein. Die Mehrzahl glaubte, in entscheidenden Augenblicken auch ohne vorherige Beschlußfassung die richtige Taktik finden, und selbst eine Zeit der Wahlrechtsverkürzung ohne Klassenstreik überstehen zu können;[389] sie sah in dessen Diskussion daher eine überflüssige Beunruhigung organischer Gewerkschaftsentwicklung und wies "alle Versuche, durch die Propagierung des politischen Massenstreiks eine bestimmte Taktik festlegen zu wollen", entschieden zurück.[390] Übrigens sollte durch den Kölner Beschluß dem politischen Massenstreik eine event. Funktion in einer event. sozialen Revolution nicht abgesprochen werden.[391] Fast die ganze Partei, voraus die in Köln nicht allzusehr gefeierten Literaten, verurteilten die Stellungnahme der Gewerkschaften.[392] Diese hatten gehofft, durch ihre Resolution die Massenstreikdebatte einzudämmen; aber das Gegenteil trat ein:[393] die Massenstreikdebatte beherrschte mehr und mehr das Parteileben. Sie erreichte ihren Höhepunkt im Herbst 1905 am Parteitag in Jena, wo der Klassenstreik überhaupt im Mittelpunkt des Interesses stand.[394] Von der Stellung der Partei zum Klassenstreik-Problem hing ja auch ihr Verhältnis zu den Gewerkschaften ab. Vergeblich mahnte eine kleine Minderheit zur Mäßigung. In einem "Taumel" von Begeisterung und Unbesonnenheit nahm der Parteitag, gemäß der Resolution Bebel, den politischen Massenstreik unter die "gegebenenfalls" in Betracht zu ziehenden Eroberungs- und Verteidigungsmittel der Sozialdemokratie auf.[395] Der schon hierdurch, gewollt oder ungewollt, entstandene Gegensatz zur Kölner Resolution[396] wurde übrigens durch den leidenschaftlichen Tatendurst, der einen Teil der Debatte beherrschte, noch bedeutend verschärft. — Der Gedanke, daß der Massenstreikbeschluß dem Parteirenommé wenig dienlich, daß die deutsche Sozialdemokratie hiermit vollständig in eine schon zu Dresden betretene Sackgasse hineingeraten[397] sei, war der Partei selbst vorläufig noch fremd; wurde doch die Jenaer Resolution von einem Teil der Parteipresse geradezu "als ein Weltereignis" gefeiert.[398] Sie befriedigte ja im allgemeinen die Klassenstreikpropheten aller Richtungen: Marxisten sahen den Klassenstreik mit Genugtuung dem Arsenal des deutschen Proletariats eingereiht; Revisionisten (bes. Bernstein) sprachen Bebels Referat in Jena als einen Sieg ihrer Bestrebungen an;[399] Antiparlamentarier und Anarchosozialisten konstatierten zuversichtlich einen "Ruck nach links",[400] ein erstes In-Betracht-ziehen der direkten Aktion.
[385] Vgl. Bebel, vgl. "Der Bremer Parteitag", p. 742.
[386] Legien, "In Köln am Rhein", p. 378.
[387] Vgl. Bömelburg, in einer öffentlichen Maurerversammlung in Leipzig am 14. Nov. 05 (Bericht hierüber im Vorwärts, 16. Nov. 05, 2. Beilage). — Bei den üblichen Meinungsverschiedenheiten zwischen der Partei und der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands fürchtete die letztere nicht mit Unrecht, der nächste Parteitag werde einseitig über den M-str. Beschlüsse fassen, die den Gewerkschaftstendenzen zuwiderlaufen könnten (vgl. Bömelburg, Prot. Gewft. Kongr. Köln 05, p. 215).
[388] Vgl. Prot. Gwft. Köln 05, p. 215-229.
[389] Man habe einst das Sozialistengesetz auch ohne Massenstreik überdauern können. (Vgl. Edm. Fischer, a. a. O. p. 299).
[390] Resolution Bömelburg; mit allen gegen 7 Stimmen angenommen (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 30).
[391] Wenigstens soll in der Resolution Bömelburg ein solcher Sinn ursprünglich nicht gelegen haben (vgl. Legien, Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 241 ff.).
[392] So z. B. die Leipziger Volkszeitung (cit. im Vorwärts, 31./5. 05.). Zu den wenigen Parteiblättern, die den Kölner Beschluß billigten, gehörte damals auch der Vorwärts (vgl. Kautsky, Vorwort zu Roland-Holst, p. VIII).
[393] Vgl. A. v. Elm, "Partei und Gewerkschaft", p. 734, 735.
[394] Vgl. Prot. Parteitg. Jena 05.
[395] Prot. Parteitg. Jena 05, p. 285 ff.; Annahme der Resolution Bebel mit 287 gegen 14 Stimmen (bei 2 Stimmenthaltungen); die Partei war aber durchaus nicht so einig, wie man nach diesem Ergebnis und nach dem Singer'schen Schlußwort (p. 364) annehmen könnte.
[396] Die Rdsch. Soz. Mh. meint, man habe sich in Jena "absichtlich in Gegensatz zu der Kölner Resolution der Gewerkschaften" gestellt.
[397] Vgl. v. Gerlach, "Maifeier und Massenstreik"; Katz, a. a. O. Nr. 33.
[398] Leimpeters, "Die sozialdemokratische Partei und die Gewerkschaften", p. 928.
[399] Bernstein (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 315); vgl. auch Fournière in der Revue socialiste (cit. Rdsch. Soz. Mh. Nov. 05 p. 984).
[400] Vgl. Michels, a. a. O.
Alsbald begann auch in Presse und Versammlungen eine muntere Massenstreik-Agitation, mehrfach sogar unter direkter Bezugnahme auf die russische Revolution.[401] Dies steigerte sich noch, als die Absichten der Parteileitung bezüglich der preußischen Wahlrechtsbewegung bekannt wurden; denn zahlreiche Phantasten glaubten nun zuversichtlich, daß die für Januar, März und Mai 1906 vorgesehenen Massendemonstrationen nur ein Vorspiel bedeuten würden, daß die Bewegung sich steigern und im Massenstreik gipfeln müsse.
[401] Vgl. z. B. Paul Göhre, "Sturmzeichen in Deutschland".
Doch schon nach kurzer Zeit erfolgte der Rückschlag. Verschiedene ursprüngliche Verfechter der Massenstreikidee begannen, deren unzeitgemäße Propaganda, die "Revolutionsromantik", die in Presse und Versammlungen aufblühte, energisch zu bekämpfen.[402] Besonders aber setzte die Umkehr des Parteivorstandes dem Massenstreiklärm einen wirksamen Dämpfer auf. Im Sommer 1906 wurde es nämlich bekannt,[403] daß zwischen dem Parteivorstand und der Generalkommission bereits am 16. Febr. 1906 ein "unverbindlicher" Meinungsaustausch betreffend die Opportunität eines momentanen politischen Streiks in Preußen und über die bei einem solchen ev. innezuhaltende Taktik stattgefunden habe, und daß hierbei sechs von Bebel formulierte Thesen zur Annahme gelangt waren, von denen es nun hieß, sie stellten eine Preisgabe der Jenaer Resolution dar.[404] Bebel und der Parteivorstand verwahrten sich aufs bestimmteste gegen eine solche Verdächtigung,[405] die sie auf Entstellung des ersten und wichtigsten der Bebel'schen Sätze zurückzuführen versuchten.[406] Zwischen beiden Fassungen besteht aber durchaus kein prinzipieller, sondern bloß ein formeller und allenfalls gradueller Unterschied; denn in beiden spiegelt sich gleichmäßig der deutliche Wunsch: wenn irgend möglich, nur jetzt keinen Massenstreik![407] Die Abmachungen der Februarkonferenz beschränkten sich nämlich auf die augenblickliche Situation[408] und sollten die Frage des Klassenstreiks an sich nicht weiter berühren. — Diese Angelegenheit bot der Parteipresse reichlichen Stoff zu nicht eben allzu freundlichen Erörterungen.[409] Es handelte sich aber hierbei nicht nur um die Formalitäten;[410] vielmehr tauchten auch materielle Fragen über den Inhalt der Vereinbarung auf, insbesondere, ob der Parteivorstand im Frühjahr 1906 mit Recht von einer Inszenierung des politischen Streiks abgesehen habe, und ob diese seine Handlungsweise im Einklang mit der Jenaer Resolution stehe. Beide Fragen wurden vom Parteitag 1906 in Mannheim bejaht.[411] Nach gründlicher Reproduktion aller diesbezüglicher Streitpunkte erklärte der Parteitag schließlich die Massenstreikbeschlüsse von Köln und Jena als "nicht im Widerspruch" miteinander,[412] als innerlich wesensgleich, so daß die Mannheimer Resolution, trotz zahlreicher "Schönheitsfehler",[413] den Frieden zwischen Partei und Gewerkschaft wieder herstellte. Diese Resolution entsprach im Grunde durchaus den Tendenzen der Februar-Konferenz, da sie auch den politischen Massenstreik zum ganz ausnahmsweisen, vornehmlich defensiven Kampfmittel stempelte und ihn in den hintersten Hintergrund der deutschen Arbeiterpolitik verwies.[414]
[402] Dies führte natürlich zu unerfreulichen Auseinandersetzungen, z. B. zwischen dem Vorwärts und Bernstein (vgl. "Eine Legendenbildung", Leitart. des Vorwärts vom 30. Dez, 05, Nr. 304; Bernstein, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"). Die "Einigkeit" (9./12. 05) verhöhnte in einem "Chamäleon" überschriebenen Artikel die sogenannten "Hirtenbriefe" von v. Elm, Frohme und Lesche im "Hamburger Echo" vom 23. Nov. 05, Erklärungen, in denen sich die Genannten gegen die revolutionäre Auslegung der Jenaer Resolution wandten (vgl. Prot. Parteitg. Mannheim 06 p. 288). — Bernstein klagte, daß die "Revolutionsverbrämung" die an sich legitime Form seines gewaltlosen Demonstrationsstreiks kompromittiere (a. a. O. und Vorwärts, 30. Jan. 06); vgl. auch Rob. Schmidt, "Irrgänge der Massenstreiktaktik".
[403] Infolge einer Indiskretion der "Einigkeit", die sich wohl besonders ärgerte, daß die preußische Wahlrechtsbewegung so kläglich im Sande verlaufen war.
[404] Die 6 Bebel'schen Sätze notierte sich, da kein Protokoll geführt wurde, ein Teilnehmer, Silberschmidt; in der Silberschmidt'schen Fassung legte die Generalkommission diese Thesen einer Konferenz der Vertreter der Zentralverbände der Gewerkschaften vor (die vom 19. bis 23. Febr. 06 stattfand), die sie ebenfalls akzeptierte.
[405] Vorwärts, 27. Juni, 1. Juli 06.
[406] Jener Satz sei am 16./2. 06 anders von Bebel formuliert worden, als er später im Protokoll der Gewerkschaftskonferenz erschienen sei, und ihn demzufolge auch die "plumpe" Enthüllung der Einigkeit wiedergebe. Die Generalkommission bestritt die Entstellung (Vorwärts, 1. Juli 06). — Nach Bebel soll dieser Satz gelautet haben: "der Parteivorstand hat nicht die Absicht, gegenwärtig den politischen Massenstreik zu propagieren; sollte derselbe aber propagiert werden müssen, so wird sich der Parteivorstand mit der Generalkommission zuvor ins Benehmen setzen". Nach dem Protokoll der Konferenz der Zentralvorstände lautete dieser Satz: "der Parteivorstand hat nicht die Absicht, den politischen Massenstreik zu propagieren, sondern wird, soweit es ihm möglich ist, einen solchen zu verhindern suchen" (Vorwärts, 1. Juli 06).
[407] Die übrigen Sätze enthielten Abmachungen, wie sich Partei und Gewerkschaften zu verhalten hätten, wenn dennoch ein Massenstreik ausbrechen würde.
[408] Bebel (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 228 ff.), Silberschmidt (ebenda, p. 301 ff.).
[409] Vgl. Vorwärts, insbes. 27. Juni, 4. bis 12. Juli 06; die Angelegenheit zog übrigens auch noch die Veröffentlichung eines Teils des bis zur "Einigkeits"-Enthüllung geheimen Protokolls der Gewerkschaftsvorstände gegen deren Willen nach sich ("Partei und Gewerkschaft", wörtlicher Abdruck des Punktes Partei und Gewerkschaft aus dem Protokoll der Gewerkschaftsvorstände vom 19. bis 23. Februar 06 [Beilage zum Vorwärts, Nr. 185, 11. August 06]).
[410] Man stritt, ob die von Bebel verteidigte Fassung der Thesen die ursprüngliche sei (dies nimmt z. B. die "Leipziger Volkszeitung" an [vgl. Vorwärts, 4. Juli]), oder die Silberschmidt'sche (dies behauptet z. B. die Karlsruher Volksstimme [vgl. Vorwärts, 6. Juli 06], übrigens auch die Frankf. Ztg. vom 27. Juni 06, Nr. 175); ob Silberschmidt die Bebel'schen Thesen "sinngemäß" niedergeschrieben habe, ob er sich eine Abschrift hätte nehmen sollen oder können; ob Molkenbuhr den Parteivorstand rechtzeitig vom Eingang der Konferenzprotokolle unterrichtete; ob der Parteivorstand korrekt gehandelt habe; ob er den an ihn zu stellenden Anforderungen überhaupt genüge; ob die Spannung zwischen Partei und Gewerkschaften, die an allen "Mißverständnissen" schuld sei, sich nicht beseitigen lasse.
[411] In Mannheim referierte wiederum Bebel über den pol. M.-str.; auf vielseitigen Wunsch übernahm Legien das Korreferat (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 155, 241-254).
[412] Prot. p. 138; 276 ff.: die Kölner Resolution verbiete den M-str. ja nicht, die Jenaer fordere ihn aber nur "gegebenenfalls".
[413] So die Rdsch. Soz. Mh. Okt. 06 p. 895, 896.
[414] Vgl. Prot p. 227-306; Annahme der Resolution Bebel mit Amendement Bebel und Legien und einem Teil des Amendements Kautsky durch 386 gegen 5 Stimmen.
Da der Mannheimer Parteitag sozusagen in einem Atem die Jenaer Resolution und die sechs Bebelschen Thesen billigte, so kann von einem Widerspruch zwischen beiden, wenigstens in formellem Sinn, nicht wohl die Rede sein. Trotzdem war eine Wandlung vor sich gegangen.[415] Es wurde zwar versucht, alle Zwistigkeiten aus der verschiedenartigen Betrachtungsweise des Klassenstreiks in der bisherigen Diskussion herzuleiten.[416] Aber diese Bemäntelungen verdecken nur unvollkommen den tatsächlichen Gesinnungswechsel, den materiellen Rückzug, der sich in der veränderten Auslegung der Jenaer Resolution kund gab.
[415] Das geht schon daraus hervor, daß die zielbewußten Gewerkschaftsführer die Jenaer Resolution in Jena ablehnten (Hoffmann, Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 271), sie aber in Mannheim billigten.
[416] In Jena sei der Massenstreik an sich, in Köln seine praktische Durchführbarkeit erörtert worden (so Rob. Schmidt, Prot. Mannheim, p. 262, 263), was übrigens nicht zutrifft.
Dem Wortlaut nach war die vielbesprochene Jenaer Resolution eine kleine historische Abhandlung über die für die Partei betrübenden Zustände in deutschen Landen und über die Notwendigkeit, sich gegen Bedrohungen und Vorenthaltungen unentbehrlicher Rechte zu wappnen. Die Resolution empfahl daher, neben andern Mitteln und unter Voraussetzung genügender Organisation und Aufklärung, "gegebenenfalls" die In-Betrachtziehung des politischen Massenstreiks.[417] Das bedeutete an sich wirklich nur "die Freigabe des Themas zur Diskussion"; das bisher partei-offiziell verpönte Mittel wurde "parteihoffähig",[418] "moyen "permis".[419] Eine Festlegung der Taktik fand nicht einmal in defensiver Hinsicht statt,[420] so daß es "praktisch ... bei der Gewerkschaftsdevise "kommt Zeit, kommt Rat" blieb.[421] — In dieser äußerlich so harmlosen Resolution wurde aber vielerorts eine "Fanfare", die Ankündigung großer Aktionen für die nächste Zukunft erblickt.[422] Begreiflich genug! Mußte doch jede Maßregel, die auf einem Parteitag zur Sprache kam, um so mehr den Anschein unmittelbarer Aktualität gewinnen, als die deutsche Sozialdemokratie bisher rein akademische Disputationen auf Parteitagen prinzipiell mißbilligt hatte.[423] Daher kann es nicht überraschen, daß aus der bloßen In-Betrachtziehung des Klassenstreiks auch auf seine baldige Inszenierung geschlossen wurde. Eine scheinbare Bestätigung fand diese Annahme in dem "revolutionären Taumel",[424] "der kühnen Sprache von Jena".[425] Dies war die Quelle, aus der einige Ultraradikale den Glauben an einen baldigen katastrophalen Massenstreik zur Herbeiführung der sozialen Revolution,[426] verschiedene Revisionisten[427] die Zuversicht sofortiger Einführung des allgemeinen Wahlrechts in Preußen mittels politischen Massenstreiks,[428] die Anarchosozialisten die Hoffnung auf weitere Konzessionen seitens der Partei[429] geschöpft hatten.
[417] Prot Parteitg. Jena 05, p. 142.
[418] E. Th. "Der Parteitag von Jena und der Generalstreik". ("Einigkeit", 9. Dez. 05.)
[419] Michels, a. a. O. p. 305.
[420] Vgl. Legien (Prot Parteitg. Mannheim 06, p. 241 ff.); David, Michels (a. a. O.) Labriola (cit. bei Michels) und andere sprachen der Jenaer Mstr.-Resolution einen rein defensiven Charakter zu.
[421] David, "Rückblick auf Jena".
[422] Vgl. z. B. die Sächsische Arbeiterzeitung, cit. im Vorwärts, 14. Juli 06.
[423] Vgl. Bebel, "Der Bremer Parteitag"; Liebknecht, Prot. Parteitag Köln a. Rh. 1893, p. 171; Heine, "Politischer Massenstreik im gegenwärtigen Deutschland?"
[424] Rdsch. Soz. Mh. Okt. 06, p. 895, 896; auch Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 297 ff.
[425] Sächsische Arbeiterzeitung, cit. im Vorwärts, 4. Juli 06. Diese "kühne Sprache" zeigte sich in dem äußerst temperamentvollen Bebel'schen Referat (vgl. auch Prot. Parteitg. Mannheim, p. 297 ff.), ferner in der Debatte, in der lebhaft auf den "Heldenkampf des russischen Proletariats" verwiesen wurde.
[426] Sie hofften, das russische Feuer werde auch nach Deutschland hinüber zünden.
[427] Z. B. Kurt Eisner in der "Neuen Gesellschaft", cit. im Vorwärts, 12. Juli 06; Stapfer, "Wahlrechtsbewegung und Massenstreik".
[428] Diese Annahme sei nach der Art der Einleitung der Wahlrechtsbewegung begreiflich (vgl. Frankf. Ztg. 5. Juli 06).
[429] Als eine solche faßten sie die Jenaer Resolution auf (vgl. die "Einigkeit", 2./9. 05); ähnlich auch z. B. Nieuwenhuis (cit. bei Michels a. a. O.) und Ed. Berth (Notes Bibliographiques, Mouvement socialiste, 1. u. 15. Nov. 05, p. 374).
Eine ganz andere Auffassung der Jenaer Resolution trat in der Februar-Konferenz und in der Verteidigung der Bebelschen Thesen[430] zu Tage. Man bemühte sich, "die irrtümliche Auffassung, die mancherorts durch die Jenaer Resolution verbreitet war, zu zerstreuen".[431] Von maßgebender Seite wurde dieser auf einmal nur noch defensiver, der Diskussion darüber nur akademischer Charakter zugebilligt.[432] Es wurde auch bestritten, daß im Frühling 1906 ein Massenstreik berechtigt gewesen wäre.[433] Diese Interpretationswandlung aber wurde von den tatendurstigen Genossen als ein unliebsames "Bremsen",[434] als eine "Preisgabe" der Jenaer Beschlüsse empfunden und beklagt.[435] Der Geist des Jenaer Parteitags war allerdings in der Februarkonferenz "verraten" worden, mußte verraten werden. Inzwischen war nämlich die dringend notwendige "Ernüchterung" eingetreten,[436] und es drängte sich den leitenden Persönlichkeiten nunmehr die Einsicht auf, "daß man sich zu weit vorgewagt habe".[437] Zu dieser peinlichen "Schamade"[438] wurde die Sozialdemokratie durch die Macht der Verhältnisse gezwungen. Diese aber bestanden
1. in der dauernden Ablehnung des Klassenstreikprojekts seitens der Gewerkschaften.[439] Man war sich darüber klar, daß ohne deren Mitwirkung, besonders ohne die Mitwirkung der mächtigen Zentralverbände eine Inszenierung des Klassenstreiks überhaupt nicht möglich sei.[440]
2. in dem gänzlichen Mangel einer irgendwie erheblichen Streikstimmung; denn die in Volksversammlungen angenommenen temperamentvollen Resolutionen zeugten viel mehr von der Unternehmungslust einiger Führer, als von "revolutionärer Energie" der Massen.[441]
3. in dem Mangel tatsächlicher Macht der deutschen Arbeiterbewegung gegenüber Staat und Gesellschaft. Dieser Mangel brachte selbst zahlreiche Anhänger des politischen Massenstreiks schließlich zu der Erkenntnis, daß dessen momentane Inszenierung nicht nur völlig aussichtslos,[442] sondern auch "im höchsten Maße gewissenlos" sein würde.[443]
[430] Verteidigung durch den Vorwärts, den Parteivorstand, Legien usw.
[431] v. Elm, "Die Gewerkschaftsdebatte auf dem Mannheimer Parteitag".
[432] Z. B. Vorwärts, 14. Juli 06.
[433] Da ja kein Attentat auf ein Grundrecht vorgelegen, so sei, gemäß der Jenaer Resolution, "der Fall nicht gegeben" gewesen (Vorwärts, 4. und 11. Juli).
[434] Vgl. z. B. Sächs. Arbeiterztg., cit. im Vorwärts, 4. Juli 06.
[435] Daher auch der Zorn der Lokalisten (vgl. "Einigkeit", 23. Juni 06, Nr. 25; ferner die Resolution der Generalversammlung der "freien Vereinigung der Bauarbeiter Berlins und Umgegend" vom 15. Juli, abgedruckt im Vorwärts vom 18. Juni 06). Die Lokalisten publizierten in ihrem Ärger die sechs "Thesen".
[436] Rdsch. Soz. Mh. Okt. 06, p. 895, 896.
[437] Frankf. Ztg. Leitart. 5. Juli 06, Nr. 183.
[438] So nennt z. B. David (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 259) diesen Rückzug. Übrigens hatte man in bürgerlichen Kreisen den "Jenaer Rodomontaden" überhaupt nicht allzuviel Gewicht beigelegt; Geheimer Kriegsrat Dr. jur. Romen ("Massenstreik und Revolution") erblickte in der Jenaer Resolution und der folgenden Agitation, "diesen wüstesten Verhetzungen der Arbeitermassen", "diesen offenen zügellosesten Aufreizungen zur Revolution" allerdings einen Anlaß zu ernster Besorgnis; doch z. B. die Norddeutsche Allgemeine Zeitung bezweifelte sehr, daß die Sozialdemokratie gewillt oder auch nur im Stande sei, ihre Massenstreikdrohung auszuführen; sie liebe es eben, mit dem Gedanken des revolutionären Massenstreiks zu spielen, um den eigenen Reihen Mut zu machen und ihnen eine papierene Anweisung auf eine bessere Zukunft zu geben, den Gegnern aber Furcht einzujagen; die "Nation" vom 30./9. 05 zitiert mit Befriedigung diese "verständige Beurteilung". Die Frankf. Ztg. (5./7. 06) sprach von "großen Worten", "Fiasko" und "leisem Rückzug".
[439] Die freien Gewerkschaften blieben bei der Ablehnung, so sehr auch in gewissen Parteikreisen über ihr Ruhebedürfnis, über Stagnation und Nur-Gewerkschaftelei geklagt und gespottet wurde; noch viel ausgesprochener war die Abneigung gegen den pol. Massenstreik bei den christlichen Gewerkschaften.
[440] Es wurde in Mannheim deutlich ausgesprochen, daß man ohne die einflußreichen Führer und die starken Verbände nichts ausrichten könne.
[441] Daß im Frühjahr 1906 die M-str.-Stimmung nicht vorhanden war, geben z. B. Leimpeters, "Die sozialdemokratische Partei und die Gewerkschaften" p. 928, Bebel und andere Redner am Mannheimer Parteitag (Prot. p. 236, 266, 273, 274, 286), ferner z. B. auch die Düsseldorfer Volksztg. (zit. im Vorwärts, 5./7. 06) und der Vorwärts (14./7. 06) zu.
[442] Die Anhänger des katastrophalen M-streiks fanden, daß eine revolutionäre Situation vorläufig in Deutschland nicht gegeben, die Möglichkeit hierzu durch das Anwachsen der Reaktion in Rußland wieder verschwunden sei (Roland-Holst, "Zur Massenstreikdebatte"; Kautsky; Vorwärts [Prot. Parteitag Mannheim 06, p. 263, 269, 276]). Auch v. Elm ("Massenstreik, Sozialdemokratie und Genossenschaftsbewegung", p. 734) und Bebel hielten den Moment nicht für geeignet. Es brach die Erkenntnis durch, daß die russischen Vorbilder doch nicht für Preußen paßten (vgl. Bernstein, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"; Bebel, Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 227 ff.; David, ebenda, p. 259), daß auch die österreichische Wahlrechtsbewegung unter wesentlich andern Umständen vor sich gehe, als die preußische (Legien, Prot. Parteitg. Mannheim, p. 241 ff.; Vorwärts, 12. Juli 06). Schließlich teilte der größte Teil der Partei und der Parteipresse, sowie natürlich auch die Gewerkschafter, diese Meinung (vgl. auch Leo Arons, "Ergebnisse und Aussichten der preußischen Wahlrechtsbewegung"); nur wenige beklagten die momentane Ablehnung des pol. M-streiks (z. B. das Bochumer "Volksblatt" und die Dortmunder "Arbeiterztg.", vgl. Vorwärts, 5. u. 6. Juli).
[443] Heine, "Politischer Massenstreik im gegenwärtigen Deutschland?"; Rob. Schmidt (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 332). — Wie ungünstig die deutschen Verhältnisse überhaupt für den polit. Streik liegen, zeigt der Massenstreikversuch in Hamburg vom 17./1. 06. Da an diesem Tag die entscheidende Abstimmung über die Wahlrechtseinschränkung in der "Bürgerschaft" vor sich gehen sollte, hatte die sozialdemokratische Partei eine Reihe von Protestversammlungen veranstaltet; infolge starken Besuchs derselben ergab sich eine kurze Arbeitsunterbrechung in "fast sämtlichen Fabriken", auch eine Verkehrshemmung auf der Alster; es folgten nächtliche Krawalle im Schoppenstehl, die übrigens nicht von organisierten Arbeitern, sondern von zweifelhaftem Großstadtpöbel veranlaßt wurden; hiermit erreichte die Bewegung ein peinliches Ende (vgl. Vorwärts, 14. Juli 06; Prot. Parteitg. Mannheim 06 p. 27, 44).
In Deutschland bildet die Massenstreik-Diskussion einen Gradmesser für das Verhältnis zwischen Partei und Gewerkschaft. Mehr und mehr muß die Partei sich letzterer unterordnen.[444] Auch die gewünschte Einigung in der Massenstreikfrage kam nicht auf Grund der Parteiauffassung, sondern tatsächlich auf der Basis der Kölner Gewerkschaftsresolution zu Stande.[445]
[444] Dies wurde beim Friedensschluß in Mannheim, im Anschluß an die Massenstreikdebatte, auch anerkannt.
[445] Kautsky ("Maifeier und Generalstreik", Leipziger Volksztg. 20. 5. 05) wünschte die Einigung schon 1905, freilich im Sinne der Parteiauffassung.
Aus der vorläufig abgeschlossenen Diskussion ist den Arbeitern zum Glück kein Schaden erwachsen, es sei denn, daß der üble Eindruck, den die ganze Angelegenheit machen mußte, auch noch ein wenig bei der sozialdemokratischen Wahlniederlage von 1907 mitgewirkt hat; Nutzen brachte sie ihnen auch nicht,[446] außer daß die Sozialdemokratie dadurch vielleicht zu der Einsicht gekommen ist, daß sie mit der Phrase mehr, als dies bisher der Fall gewesen, aufräumen müsse.
[446] Kolb ("Von Dresden bis Essen") charakterisiert die M-str.-Diskussion als "total überflüssig".
b) Geschichte des Generalstreiks.
§ 14. Frankreich.
Der amerikanische Gewerkschaftskongreß von 1885 hatte beschlossen, am 1. Mai 1886 zur Eroberung des Achtstundentags einen Generalstreik zu inszenieren. Für dieses Unternehmen engagierte sich hauptsächlich die junge Chicagoer Anarchistenpartei.[447] Die "Knights of Labour" freilich beteiligten sich nur ungern; die sozialistische Partei wirkte überhaupt nicht mit.[448] Die Bewegung umfaßte ca. 300 000 Arbeiter.[449] Sie verlief ohne wesentlichen Erfolg und führte zur Hinrichtung der anarchistischen Führer in Chicago.
[447] Anfang der 1880er Jahre hatte Most unter den deutschen und böhmischen Arbeitern in Amerika bes. in Chicago Anhänger gefunden (vgl. Georg Adler, Art. "Anarchismus" im Hdwb. d. Staatswften., 2. Aufl. 1, p. 313, 314.)
[448] Bourdeau, "Les grèves politiques" p. 428.
[449] Vgl. Umrath, a. a. O. p. 13, 14.
Diese amerikanischen Ereignisse übten einen gewissen Einfluß auf die Arbeiterbewegung auch in Europa aus. Hier arbeiteten sie einerseits der späteren Maifeierbewegung vor,[450] andererseits frischten sie die Generalstreikidee auf, die nun unter der Pflege der Anarchisten besonders in den romanischen Ländern festwurzelte.
[450] Es soll, nach den "Temps nouveaux", seit 1886 von einer internationalen Manifestation für den G-str. die Rede gewesen sein (cit. bei Weill, a. a. O. p. 275, Note).
In Frankreich wurde diese aus Amerika importierte Generalstreikpropaganda anfänglich (in den 1880er Jahren) kaum ernst genommen. Sie bemächtigte sich aber bezeichnenderweise alsbald des Gewerkschaftswesens oder doch wenigstens seiner tonangebenden Kreise und bildete ein ständiges Thema aller Arbeiterkongresse.[451] Die "Fédération nationale des Syndicats" votierte schon 1888, wiewohl damals noch stark unter dem Einfluß der streng marxistischen Guesdisten stehend, auf ihrem Kongreß in Bordeaux-le Bouscat, mit Enthusiasmus für den Generalstreik als Emanzipationsmittel. Briand, der sogenannte "Vater des Generalstreikgedankens", der "général gréviste",[452] entfaltete eine eifrige Propaganda für diese Idee, so daß sie rasch an Anhängern gewann und auch auf dem Syndikatskongreß in Marseille, 1892, zur peinlichen Überraschung der Guesdisten, den Sieg davontrug.[453] Ebenso erklärte sich der Pariser Kongreß von 1893, unter dem Eindruck der kurz zuvor durch das Ministerium Dupuy verfügten Schließung der Pariser Arbeitsbörse, mit Begeisterung für das Generalstreikprinzip; immerhin nahm der Kongreß Abstand von der durch 25 Delegierte geforderten sofortigen Proklamation des allgemeinen Ausstandes.[454] Gerade wegen des Generalstreiks spaltete sich schließlich die "Fédération nationale des Syndicats" (in Nantes, 1894). Die Minorität schwenkte gänzlich zu den Guesdisten ab,[455] die Majorität verwandelte sich in die "Confédération du Travail" (C. T.), die sich zum Generalstreik bekannte[456] und ein "Comité de la grève générale" einsetzte.[457]
[451] Weill, a. a. O. p. 275; vgl. für das Folgende auch p. 405 ff.; Léon de Seilhac, "Le monde social", p. 9, 27, 29, 36, 37, 85, 194-196, 211, 219, 293; Halévy, "Essais sur le Mouvement ouvrier en France", p. 79, 90, 124, 226, 285, 286; Léon Blum, "Les congrès ouvriers socialistes français", p. 111, 112, 125, 129, 134-139, 141, 144, 146, 147, 149-153, 156, 160, 161, 172, 180, 184, 190.
[452] Vgl. Briand, "La grève générale et la révolution" p. 3, 4.
[453] Als Mittel zur Erreichung wirtschaftlicher, politischer und revolutionärer Zwecke (vgl. Briand, a. a. O. p. 6; Blum, a. a. O. p. 134 ff.; Buisson, "La grève générale", p. 37).
[454] Weill, a. a. O. p. 282, 283.
[455] Blum, a. a. O. p. 145 ff.
[456] So z. B. in Tours 1896 (vgl. Blum, a. a. O. p. 159); schon in Nantes soll die Gründung einer Streikkasse beschlossen worden sein (vgl. Frh. von Reiswitz, "Generalstreik? Ein Rückblick auf den Hafenarbeiterstreik in Marseille", p. 12 ff.).
[457] Weill, a. a. O. p. 408, 409. Ursprünglich sollte sich dieses Komitee der Organisation des Generalstreiks widmen; später, als man die Unzweckmäßigkeit einer solchen Tätigkeit einsah, wurde ihm die Aufgabe, sich mit den in zahlreichen Städten bestehenden "Sous-Comités de la grève générale" in Verbindung zu setzen (vgl. Pouget, [Enquête, p. 50 ff.]), jede sich bietende Streikgelegenheit zu benutzen, um die Arbeiter möglichst an den G-str. zu gewöhnen (dies sei z. B. der Fall gewesen beim Matrosenstreik 1900 und beim Streik in Marseille 1901 [vgl. Weill, a. a. O.]), wie überhaupt für die G-str.propaganda in Wort und Schrift zu sorgen.
Neben der C. T. entwickelte sich in der 1892 gegründeten "Fédération des Bourses du Travail" eine weitere gewerkschaftliche Organisation, die ebenfalls auf den Generalstreik eingeschworen war.[458] — Die gemeinsame Vorliebe für den Generalstreik brachte beide Organisationen einander näher[459] und erleichterte 1902 ihre Vereinigung zur "Confédération générale du Travail" (C. G. T.), dem sogenannten Parti syndical. In diesem gelangten mehr und mehr antiparlamentarische Tendenzen zur Herrschaft. Wurden auf dem Kongreß in Paris (1900) neben dem Generalstreik auch noch andere Mittel der Revolution anerkannt,[460] so feierte am Kongreß in Bourges 1904 die von Pouget gepredigte "action directe", also auch deren Hauptstück, der Generalstreik, den höchsten Triumph.[461] Wie kläglich auch der Versuch ausging, am 1. Mai 1906 durch Arbeitseinstellung nach 8 Stunden den Achtstundentag "direkt" einzuführen, so erklärte doch der Kongreß in Amiens 1906 den Generalstreik wiederum zu seinem Aktionsmittel.[462]
[458] Unter Pelloutiers Einfluß, und seit dem Regionalkongreß in Tours, (vgl. Weill, a. a. O. p. 275).
[459] Weill, a. a. O. p. 405 ff.
[460] Blum, a. a. O. p. 189.
[461] Albert Thomas, "Achtung! vor der 'direkten Aktion'".
[462] Rappoport, "Der sozialistische Kongreß in Limoges", p. 229; vgl. auch Soziale Praxis, 3. V. 06, Sp. 805; ferner die "Chronique" im Journal des Économistes vom 15. Mai 06; sowie Frankf. Ztg., "Der Geist der französischen Gewerkschaften", (25. Okt. 06 Nr. 295, 4. Morgenblatt).
Diese besondere Anhänglichkeit der französischen Syndikalisten an den Generalstreik wurzelt keineswegs in besonders günstigen praktischen Erfahrungen. Die bisherigen französischen Generalstreikversuche sind im Gegenteil recht wenig aufmunternd,[463] da man häufig "einen schlecht vorbereiteten, zu ungeeigneter Zeit begonnenen Streik durch die Erklärung des Generalstreiks zu retten sucht".[464] Für die Bevorzugung der grève générale sind vielmehr psychologische und politische Gründe maßgebend.
[463] So sollte 1898 die Verlegenheit des Ministeriums (Dreifus-Handel) für den G-str. ausgenutzt werden; zu seiner Einleitung wurde einem Streik der terrassiers in Paris ein Eisenbahnerstreik angeschlossen, was, wenigstens nach Briand (a. a. O. p. 11), der bürgerlichen Gesellschaft großen Schrecken verursacht haben soll. Das Unternehmen scheiterte an der energischen Intervention der Regierung (Weill, a. a. O. p. 406, und Bourdeau, a. a. O. p. 442). — Etwas günstiger endete der große Bergarbeiterstreik, Oktober bis Dezember 1902, der auf seinem Höhepunkt 4/5 der französischen Bergarbeiter umfaßt haben soll; wegen Uneinheitlichkeit der Leitung und mangelhafter Disziplin seien die Erfolge aber nur sehr gering gewesen; nur einige wirtschaftliche Zugeständnisse der Bergwerksgesellschaften, sowie die Anhandnahme der Arbeitszeitregelung durch die Regierung seien erreicht worden (vgl. Roland-Holst, "Generalstreik und Sozialdemokratie", p. 14, 42, 43).
[464] Delory (Rdsch. Soz. Mh. Febr. 04, p. 167).
Vor allem stellen die Generalstreikbekenntnisse nur die Anschauungen eines Bruchteils der französischen Arbeiter dar. Die gewerkschaftliche Organisation Frankreichs steht trotz der syndikalistischen Selbstüberschätzung[465] auf ziemlich schwachen Füßen.[466] Die Generalkonföderation selbst umfaßt nur ca. ein Viertel der organisierten Arbeiterschaft und von diesem sind mehr als die Hälfte und gerade die großen und kräftigen Gewerkschaften[467] "reine Reformisten und wollen von der syndikalistischen Metaphysik nichts wissen". Zufolge eines merkwürdigen Abstimmungsmodus aber sollen diese Elemente durch eine anarchistische Minorität majorisiert werden, da letztere über eine größere Anzahl freilich oft recht ephemerer Syndikate verfügte.[468] Also nicht etwa das organisierte Proleariat schlechthin[469] hat in Frankreich für den Generalstreik "nettement marqué ses préférences", sondern nur ein kleiner Bruchteil desselben. Von diesen Generalstreiklern glaubt aber auch wieder nur ein kleiner Teil allen Ernstes an die Ausführbarkeit der grève générale.[470] Diese spielt vielmehr meist nur die Rolle eines Propagandamittels, mit dessen Hilfe die spezifisch-französischen Organisationsschwierigkeiten überwunden und die zu allem Putschartigen neigenden französischen Arbeiter gepackt werden sollen.
[465] Die Anarchisten reden von der "Machtentwickelung" der franz. Arbeitersyndikate (vgl. "Antimilitarismus und Generalstreik" [Beilage zu Nr. 11 der "Wahrheit">[, p. 9), deren gewerkschaftliche Leistungen häufig hoch über die der deutschen erhoben werden (vgl. "Ein französischer Gewerkschaftler über die Taktik der deutschen Zentralverbände" [Übersetzung eines Artikels von V. Griffuelhes aus der "Voix du Peuple" vom 29. Okt. 05, in der "Einigkeit" v. 11. Nov. 05]).
[466] Im Jahre 1905 zählte man im ganzen 4625 Organisationen mit 781 344 Mitgliedern, welch letztere aber in vielen Fällen bloß auf dem Papier stehen sollen (vgl. Soz. Mh. Dez. 05, p. 1067). Der Generalkonföderation sollen überhaupt nur höchstens 200 000 Arbeiter angehören, "die über ein jährliches Budget von etwa 10 000 Fr. verfügen!!" (Rappoport, p. 233).
[467] Z. B. die Buchdrucker (vgl. Hue, "Partei und Gewerkschaft") und Eisenbahner (vgl. Rappoport a. a. O.).
[468] Frankf. Ztg. a. a. O.; Rappoport, a. a. O.; Weill, a. a. O. p. 411; Deville, "Revolutionärer und reformistischer Sozialismus in Frankreich", p. 26, 27. — Vgl. auch Lagardelle ("Die syndikalistische Bewegung in Frankreich", p. 138), der das allgemeine Stimmrecht für die Kongresse der C. G. T. verwirft; denn "in der amorphen Masse der Trägen und Zurückgebliebenen würde der organische, klassenbewußte Kern, dieser glühende Herd, von dem der Kampf ausstrahlt, untergehen".
[469] Wie Briand, p. 16, behauptet.
[470] Weill, p. 410, 411.
Die Vorliebe der französischen Arbeiter für den Generalstreik wird durch die Ausdehnung des "gelben" Gewerkschaftswesens in Frankreich noch künstlich verstärkt. Da die sozialistischen Syndikate in der Anwendung des normalen Streiks sich immer wieder durch die "jaunes", die organisierten Arbeitswilligen, gehindert sehen, so verfallen sie auf allerlei bizarre Auswege und erwarten, weil der partielle Streik oft scheitert, alles Heil vom generalisierten Ausstand.[471]
[471] W. Z. in der sozialen Praxis (Nr. 36, Sp. 951, 6. Juni 07, Art. über den "Bund vaterländischer Arbeitervereine und die gelbe Gewerkschaftsidee"): die 5-600 000 "Jaunes" seien "ein Fluch der französischen Gewerkschaftsbewegung, die in ihrer legitimen Betätigung durch die Gelben gehemmt und gelähmt, zu der diabolischen Theorie der action directe, dem Generalstreik und der Sabotage gedrängt worden ist". — Auch die Bedrohung des Streikrechts im Jahre 1896 — (der Senat wollte den Arbeitern in den öffentlichen Anstalten das Streikrecht nehmen, was große Empörung in den Syndikaten hervorrief; das Projekt kam nie in die Kammer [vgl. Weill, p. 334]) — soll die G-streiktendenzen gefördert haben (vgl. Briand, p. 12ff.).
Hierzu gesellten sich nun noch politische Enttäuschungen. Die übertriebenen Hoffnungen, die sich vielfach an die sozialistische Mitregierung geknüpft hatten, waren sehr bald enttäuscht worden.[472] Das Interesse am Parlamentarismus überhaupt wurde durch den chronischen Zwist in den sozialistischen Parteigruppen untergraben. Kein Wunder daher, daß die Gewerkschaften sich allein auf sich selbst angewiesen sehen wollten und die "direkte Aktion" predigten, mit der sie die zerspaltene Arbeiterbewegung zu kitten und neu zu beleben hofften.[473]
[472] Thomas, "Achtung!.. usw.".
[473] Weill, p. 275, 405.
Bei der eigentümlichen Beschaffenheit der sozialistischen Parteien Frankreichs (Abhängigkeit im Wahlkampf von der Freundschaft der Gewerkschaften),[474] mußten diese sich natürlich auch mit dem Generalstreik befassen, und je tiefer die Idee der grève générale in die syndikalistischen Kreise eindrang, um so mehr mußte sie auch politischerseits geschont werden.[475] Im vergeblichen Kampf gegen den Generalstreik büßten die Guesdisten Anfang der 1890er Jahre ihren Einfluß in den Gewerkschaften ein,[476] und die Allemanisten traten ihr Erbe an. Sie waren hierzu durch eine energische Generalstreikpropaganda aufs Beste vorbereitet.[477]
[474] Vgl. meinen Aufsatz über "Die politische Arbeiterbewegung Frankreichs in den letzten Jahren" (Archiv f. Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, XXIII, 2).
[475] Weill, p. 408.
[476] Die Guesdisten verstanden sich 1890 in Lille höchstens zur Konzedierung eines intern. Bergarbeiterstreiks für den 8-St.-tg. (vgl. Blum, p. 124 ff.); später freilich machten auch sie einige Zugeständnisse: so auf dem Parteitag zu Ivry, 1900, wo sie ihre Unterstützung zusicherten, falls ein G-str. nötig werden sollte (vgl. Mouvement socialiste, IV. p. 553); ähnlich sprach sich auch ihr Parteitag zu Lille, 1904, aus (Enquête, p. 76 ff.).
[477] Die Allemanisten erkannten stets, z. B. auf ihren Kongressen 1891, 1892, 1894, den G-str. als bestes Kampfmittel und als Mittel der sozialen Revolution an (vgl. Weill, p. 405, 406; Blum, p. 128 ff.; Enquête, p. 2-24; Albert Richard, "Manuel socialiste", p. 78, 79.); sie gingen den extremen Syndikalisten aber noch lange nicht weit genug (vgl. z. B. Pouget, [Enquête, p. 63 ff.]).
Auch der sog. Einigungskongreß von 1899 trug der syndikalistischen Strömung Rechnung[478] und setzte den Generalstreik unter die "Mittel und Wege zur Eroberung der Macht".
[478] Briand hielt, nach Ansicht des "Comité de la grève générale", ein "plaidoyer irrésistible en faveur de la grève générale" (vgl. Vorwort zu Briand, p. 2); in der folgenden Diskussion wurde hauptsächlich die Exklusivität, der G-str. aus Prinzip, bekämpft (vgl. Delory [Enquête, p. 63 ff.] und "Congrès général des Organisation socialistes françaises Paris 1899, p. 395, 410.).
Jaurès nahm den Generalstreik in die Prinzipienerklärung des Kongresses von Tours auf,[479] vermutlich, um sich im Kampf gegen Guesde der Gewerkschaften zu versichern, machte aber für die Syndikalisten dabei noch viel zu viele Einschränkungen.[480]
[479] Weill, p. 408.
[480] Jaurès, "Aus Theorie und Praxis", p. 250; seine Einschränkungen zogen ihm den heftigsten Tadel der Syndikalisten zu (vgl. Weill, p. 408, und Enquête, p. 52 ff.).
Auch die geeinte Partei mußte dem Syndikalismus ihre Reverenz erweisen und billigte in Limoges (auf Jaurès' Antrag) ausdrücklich die syndikalistischen Generalstreiktendenzen.[481] Derartige Beschlüsse bleiben freilich regelmäßig auf dem Papier, geben aber immerhin einen guten Maßstab ab für die reale Machtverteilung zwischen Partei und Gewerkschaft.
[481] Rappoport, p. 231.
Um einen Einblick in die Art und Weise der französischen Generalstreiks zu gewinnen, genügt ein typisches Beispiel, der Generalstreik in Marseille vom Jahre 1904.
In Marseille bestanden seit Jahren zwischen den Hafenarbeitern und Seeleuten (inscrits maritimes) einerseits und den Schiffahrtsgesellschaften andererseits beständige Reibereien teils wegen wirtschaftlicher Forderungen, teils und hauptsächlich wegen der Regelung der Disziplin an Bord.[482] So verlangten die inscrits z. B. die Einführung eines Beschwerdebuchs auf den Schiffen,[483] nachdem sie schon die Entfernung einiger mißliebiger Schiffsoffiziere gefordert und schließlich auch erreicht hatten. Dadurch gekränkt und aus Solidaritätsgefühl mit den gemaßregelten Kollegen, traten nun die Schiffsoffiziere in den Ausstand, was eine Aussperrung der Hafenarbeiter und Matrosen zur Folge hatte.[484] Hierauf antwortete die Arbeiterschaft mit Proklamierung des Generalstreiks in Marseille und mit Aufforderungen an die Hafenarbeiter aller Häfen Frankreichs, ja aller Häfen des Mittelmeers zum Solidaritätsstreik.[485] Beide Ausstände nahmen bedeutende Dimensionen an. Der Hafenarbeiterstreik griff nicht nur auf andere französische, sondern auch auf die benachbarten spanischen und italienischen Häfen über.[486] Dem Generalausstand in Marseille selbst schloß sich eine Arbeiterkategorie um die andere an.[487]
[482] Vgl. André-E. Sayous, Sécrétaire général de la Fédération des Industriels et Commerçants français, "Les Grèves de Marseille en 1904"; Sayous, wie auch v. Reiswitz vertreten in ihren Darstellungen übrigens durchaus den Unternehmerstandpunkt.
[483] Allg. Ztg. 31. Aug. 04; Charles Rist (Krit. Blätter f. d. ges. Sozialwissenschaften, März 1900, p. 156) meint, die beiden großen Arbeiter-Föderationen der Dockarbeiter und der "inscrits" (gegründet 1903), hätten den Streik gewollt, um ihre junge Macht zu erproben.
[484] Musée social, Mai 04, "Chronique", p. 194, 195.
[485] Das Syndikat der Dockarbeiter hatte die Kameraden aller See-, Fluß- und Kanalhäfen Frankreichs, Korsikas und Algeriens am 1./9. 04 zum allgem. Hafenarbeiterstreik aufgefordert (vgl. Allg. Ztg. 3./9. 04).
[486] In Cette z. B. traten die Dockarbeiter schon am 1./9. in den Ausstand, an den sich am 6./9. ein Straßenbahnerstreik anschloß. Vom 5.-6. Sept streikten die Dockarbeiter in Brest, am 6. die Docker in La Rochelle und die Seeleute in Dünkirchen. Die Hafenarbeiter von Bordeaux beschlossen den Boykott der Schiffe der Cie. Transatlantique, die in den Augen der Marseiller Arbeiterschaft die Hauptschuldige war (vgl. Allg. Ztg. 2., 6., 7. Sept. 04). Selbst die Hafenarbeiterverbände der benachbarten span. und ital. Häfen versprachen, die Löschung der aus Marseille kommenden Schiffe zu verweigern (vgl. v. Reiswitz, p. 58); die Genueser Kohlenarbeiter beschlossen den Boykott aller Schiffe, die wegen des Ausstands an Stelle von Marseille Genua anlaufen würden. Die Vereinigung der Handwerker und Arbeiter von Barcelona erklärte am 4./9. ihren Anschluß für den Fall, daß der Marseiller Streik auf alle Mittelmeerhäfen übergreifen würde (Allg. Ztg. 6./9.). Die Forderungen der Arbeiter sollen an den südfranzösischen Hafenplätzen überall auf Achtstundentag und 6 Fr. Tagelohn gelautet haben (v. Reiswitz, p. 58; vgl. auch Allg. Ztg. 4., 11., 13. Sept 04).
[487] So am 3./9. die Mühlenarbeiter, Packer, Arbeiter der Ölfabriken, Fuhrleute, Angestellte der Straßenreinigung (Allg. Ztg. 5./9. 04).
Die Lage in Marseille wurde äußerst unerquicklich:[488] es kam zu Ruhestörungen;[489] die Preise der Lebens- und Genußmittel stiegen wegen mangelnder Zufuhren beträchtlich in die Höhe;[490] der Hafenbetrieb stockte;[491] Handel und Industrie wurden auf's Empfindlichste getroffen;[492] die ganze maritime Stellung Marseilles schien bedroht.[493] Auch das von Marseille aus versorgte Gebiet wurde durch den Streik geschädigt; vor allem litt Korsika unter der Unterbrechung des Seeverkehrs.[494] Natürlich lastete der allgemeine Notstand ganz besonders schwer auf den Arbeitern selbst. Sie versuchten den Druck aber dadurch zu paralysieren, daß sie abwechselnd streikten, um sich durch zeitweilige Arbeitsaufnahme während der sechs Streikwochen bei Kräften zu erhalten.[495] Speziell den Seeleuten soll auch das Verhalten des Marineministers Pelletan eine große Unterstützung gewährt haben;[496] der Minister habe nämlich einerseits den Matrosen ihr willkürliches Von-Bord-gehen nachgesehen, (obgleich dies, einer Verordnung gemäß, wie Desertion zu bestrafen gewesen wäre); andererseits habe er den mit dem Postdienst betrauten Gesellschaften wegen dessen Vernachlässigung mit Konventionalstrafen, Entziehung der Subvention und Entschädigungsansprüchen gedroht.[497] Auch die öffentliche Meinung scheint anfänglich auf Seiten der Arbeiter gestanden zu haben.[498] — Mehrere Einigungsversuche scheiterten,[499] sodaß der Streik erst am 14. Oktober mit der Niederlage der Arbeiter endete.[500]
[488] Allg. Ztg. 6./9. 04.
[489] Am 3. Sept. Zusammenstoß der Ausständigen mit den Gensdarmen, weil erstere den Wagenverkehr hindern wollten (Allg. Ztg. 5./9.); die Garnison mußte verstärkt werden (Sayous); auch in Cette und Dünkirchen ereigneten sich Ruhestörungen (Allg. Ztg. 7./9. 04).
[490] Allg. Ztg. 30./8. 04, 6./9. 04. Schon am 5./9. machte sich ein so starker Mehlmangel geltend, daß die Docker den ausständigen Fuhrleuten die Wiederaufnahme des Mehltransports gestatten wollten.
[491] Auf den Quais türmten sich die Warenmassen. Am 7./9. waren 176 Schiffe verschiedener Nationalitäten, die im Hafen lagen, außer Dienst gestellt, meist mit Warenladungen an Bord (Allg. Ztg. 8./9. 04).
[492] Sayous; P. Louis, "Die Streiks in Frankreich", p. 596. — v. Reiswitz (p. 67), berechnet den direkten Schaden von Handel und Industrie durch den G-str. auf 100 Mill. Franken, was wohl eher zu hoch, als zu niedrig angenommen sein dürfte.
[493] Die einheimischen Dampferlinien wurden reduziert, ausländische drohten, bei weiterer Unsicherheit statt Marseille Genua anzulaufen (so die Peninsular & Oriental Steamship-Navigation Cie.); von Mitte Aug. bis Mitte Sept. hatte die Marseiller Schiffahrt "einen Ausfall von 250 000 Tonnen für die Einfuhr und 150 000 Tonnen für die Ausfuhr zu verzeichnen; sie verlor über eine Million an Staatssubventionen. Der Zoll hat um 3 Mill. weniger ergeben, als im gleichen Zeitraum des Vorjahrs" (Allg. Ztg. 21./9. 04; vgl. auch 6. und 13./9.); die Bank von Frankreich ließ 1500 unbezahlte Wechsel zurückgehen (Allg. Ztg. 3./9.).
[494] In Korsika war Mitte Sept. das kg Brot bereits von 30 auf 50 Cts. gestiegen (Allg. Ztg. 13./9. 04).
[495] Am 10./9. beschlossen z. B. die Dock- und Hafenarbeiter die Wiederaufnahme der Arbeit bei denjenigen Firmen, die dem Arbeitgeberbund nicht angehörten, sowie die Unterstützung der ausständigen Kameraden durch ein Drittel des Lohns; am 26./9. arbeiteten, trotz offizieller Verwerfung des Schiedsspruchs, doch 1 000-1 200 Docker, am 27./9. sogar 2 500 Arbeiter im Hafen (vgl. Allg. Ztg. 11., 28., 29./9. 04).
[496] Vgl. Sayous; Allg. Ztg. 30./8., 13./9. 04.
[497] Allg. Ztg. 31./8. 04.
[498] Allg. Ztg. 30./8., 22./9. 04.
[499] Glaubte man den Konflikt endlich beigelegt, so wurden die Verhandlungen doch immer wieder abgebrochen. Am 19./9. beschloß der Ministerrat, neue Vermittlungsverhandlungen einzuleiten; am 22. unterwarfen sich die Docker sogar einem Schiedsgericht, dessen Urteil sie aber hernach doch nicht anerkannten, weil es den Unternehmern auch die Einstellung Unorganisierter gestattete usw. (vgl. Allg. Ztg. 14. und 28./9. 04).
[500] Vgl. v. Reiswitz, p. 58.
§ 15. Schweiz.
In der Schweiz wird der Generalstreik fast ausschließlich von den Anarchisten propagiert,[501] hat aber in den Gewerkschaften keinen Boden.[502] Ebensowenig Anklang fanden die vereinzelten Empfehlungen des politischen Massenstreiks.[503] Der einzige schweizerische Ausstand, der mit einigem Recht als Klassenstreik bezeichnet werden dürfte, war ein Sympathiestreik nach französischem Muster; er fand bezeichnenderweise in Genf statt.[504]
[501] Vgl. den "Weckruf" z. B. vom 28. Mai 04.
[502] So lehnte z. B. der schweiz. Gewerkschaftskongreß in Basel 1906 die "direkte Aktion" ab (vgl. Rdsch. Soz. Mh. Juni 06, p. 522).
[503] Arbeitersekretär Grimm verwies in seinem Vortrag "Der politische Massenstreik" auf die ev. Notwendigkeit eines pol. M-streiks, z. B. zur Erweiterung des polit. Wahlrechts auf Frauen und Fremde. Das Sekretariat des Schweizer. Gewerbevereins ("Begleiterscheinungen bei Streiks") teilt mit, daß auch der "Grütlianer" den politischen Massenstreik empfohlen habe; dies dürfte aber wohl auf Irrtum beruhen, da der "Grütlianer" im allgemeinen sehr energisch gegen Anarchismus und direkte Aktion zu Felde zieht (vgl. z. B. den Artikel "Im Prinzip", 15. Juni 07, Nr. 136, 57. Jahrg.).
[504] Vgl. über den G.-str. in Genf 1902 den XVI. Jahresbericht des leitenden Ausschusses des schweizerischen Arbeiterbundes ... für das Jahr 1902, p. 4-8. Danach erklärten am 8. Okt. 234 Abgeordnete der Genfer Gewerkschaften den G-str. zur Unterstützung der (ökonomischen) Forderungen der Trambahner. Es erfolgte ein Truppenaufgebot; am 10. wurde das Streikkomitee verhaftet; das neue Streikkomitee proklamierte am 12. Okt. den Schluß des G-streiks, weil dieser "kein wirklich allgemeiner wurde, und seine Fortsetzung den Tramangestellten nichts mehr nützen konnte".
§ 16. Italien.
Auch in Italien fand die anarchistische Generalstreikidee früh Eingang. Die sozialistische Partei scheint sie ursprünglich freilich abgelehnt zu haben. Der reformistische Flügel (Turati, Bissolati u. A.), wie auch die sozialistische Parlamentsfraktion beklagten lebhaft die "Torheiten" der sog. revolutionären Syndikalisten (Labriola usw.), die seit dem Parteitag von Bologna "das Wunder der entschlossenen Tat und die Wahnidee von dem befreienden Handstreich"[505] predigten und ihre praktische Tätigkeit auf die Steigerung der "revolutionären Temperatur des Proletariats", "auf die psychologische und materielle Vorbereitung des Generalstreiks" reduzierten.[506] Derartige Theorien nahmen in den angeblich durch "Cliquen von Intellektuellen" beherrschten italienischen Gewerkschaften einen breiten Raum ein;[507] vor allem dominierten sie in der Mailänder Arbeitskammer.[508] Die sozialistische Partei lehnt heute den Klassenstreik übrigens auch nicht mehr unbedingt ab,[509] "die Hauptforderungen des Proletariats" sollen "event. auch durch den Generalstreik" erkämpft werden.[510] Aber auf dem Kongreß in Rom 1906 verwarf sie ausdrücklich "den häufigen oder übertriebenen Gebrauch des Generalstreiks", sowie "die Verherrlichung der direkten Aktion, zur Diskreditierung, nicht zur Ergänzung der parlamentarischen Aktion".
[505] Vgl. Turati, "Lehren und Folgen des Generalstreiks in Italien".
[506] Bissolati, "Die Entscheidung in Rom".
[507] Bissolati, "Die Krise in der italienischen Sozialdemokratie".
[508] Auf Anregung der Mailänder Arbeitskammer erklärte sich auch der vom 6. bis 9. Jan. 05 in Genua abgehaltene Gewerkschaftskongreß bedingungsweise für den G.-str. (vgl. Rdsch. Soz. Mh. März 05, p. 282.).
[509] Die ital. soz.-demokratische Partei hat sich ausdrücklich zum G.-str. des Jahres 1904 bekannt (vgl. Olberg, "Die italienischen Wahlen", p. 278).
[510] Olberg, "Der Parteitag in Rom".
Trotz aller solcher Kongreßbeschlüsse lassen sich die italienischen Arbeiter aber nur allzu leicht hinreißen, eine partielle Arbeitsstreitigkeit durch Sympathieausstände zum Klassenstreik zu erweitern. Die umfangreichste derartige Unternehmung, ja, einer der größten Streiks der modernen Arbeiterbewegung überhaupt,[511] war der Generalstreik vom September 1904.[512] Die Veranlassung desselben bildete das mehrmalige Einschreiten der Regierung bei Ausständen.[513] Am 11. Sept. 1904 erklärte ein Mailänder Meeting, das italienische Proletariat solle innerhalb acht Tagen mit einem Generalstreik gegen derartiges Blutvergießen protestieren, und die Mailänder Camera del Lavoro solle diesen Beschluß den übrigen Organisationen übermitteln. Die Nachricht von einem neuen blutigen Zusammenstoß zwischen Arbeitern und Carabinieri[514] soll am 15. September "wie ein Donnerschlag" gewirkt haben.[515] Inmitten der allgemeinen Erregung übernahm das Exekutivkomitee der Mailänder Arbeitskammer die ihr am 11. September angebotene Führung und proklamierte noch am Abend des 15. September den sofortigen Ausstand sämtlicher Arbeiterkategorien Mailands, sowie einen dreitägigen Generalstreik in ganz Italien.[516] Ein gemeinsamer Aufruf des sozialistischen Parteivorstandes, der Parlamentsfraktion und des "Avanti" empfahl den Arbeitern die Beteiligung "als gesetzmäßigen und würdigen Ausdruck der Verurteilung jener Regierungsmethoden, die immer wieder den Brudermord erzeugen, und als feierlichen Akt der Klassenverteidigung des Proletariats und seines Rechtes auf das Dasein."[517] Sicherlich erwarteten die Syndikalisten vom Generalstreik einerseits die Bestätigung ihrer Theorie, andererseits die Wiederherstellung der Parteieinheit[518] oder den Sturz des Ministeriums. Es ist daher vielleicht nicht ganz unwahrscheinlich, daß der "Protest gegen das vergossene Proletarierblut" ihnen nur als "causa occasionale",[519] als Vorwand zum Streikbeginn diente. Hingegen in den breiten Volksmassen dürfte doch wohl das ursprüngliche Gefühl der Empörung und Solidarität den Ausschlag gegeben haben.
[511] Olberg, "Der italienische Generalstreik", p. 19; Bourdeau, p. 432.
[512] Vgl. Allg. Ztg. 16. Sept. 04 ff.; ferner, den konservativen Standpunkt vertretend, Marazio, "Il partito socialista italiano e il governo", p. 137-164, und, den sozialistischen Standpunkt vertretend, insbes. Olberg, a. a. O. p. 18-24.
[513] Seit 1901 hatte sich die Regierung bei Streiks gewöhnlich neutral verhalten. Um so größer war daher jedesmal die Erbitterung, wenn die bewaffnete Macht bei Ausständen eingriff und Arbeiterblut vergossen wurde (Allg. Ztg. 20./9. 04), wie es z. B. in Torre Annunziata, Berra, Candela, Giarratana geschah; am 5./9. 04 wurden bei einem solchen Zusammenstoß zwei Arbeiter getötet (in Buggerru auf Sardinien).
[514] Am 13./9. in Castelluzzo auf Sizilien.
[515] Olberg a. a. O.; vgl. auch Leimpeters, "Zum Generalstreik".
[516] So von den 2 000 Teilnehmern der von der Arbeitskammer, im Einverständnis mit dem Segretariato della resistenza, einberufenen Generalversammlung, nach Anhörung von Labriola und Mocchi, einstimmig beschlossen (vgl. auch Bourdeau, p. 433).
[517] Vgl. Olberg, a. a. O.
[518] "La grève générale en Italie" ("Chronique" des Musée social, Nov. 04).
[519] So faßt es Marazio auf (p. 135).
Die Arbeiter folgten dem Streikgebot rasch und in großer Zahl.[520] Es beteiligten sich Parteiangehörige und Mitglieder der Arbeitskammern, besonders zahlreich auch die Unorganisierten,[521] im ganzen eine Million Menschen,[522] deren Ausstand den "Eindruck eines Elementarereignisses" gemacht haben soll.[523] Nur die Eisenbahner fehlten fast vollständig,[524] "sebbene i socialisti li pregassero e li scongiurassero a fare causa comune con essi".[525] Der Grund für diese Zurückhaltung wird teils in der außerordentlichen Tragweite eines Eisenbahnerausstandes erblickt (die Beteiligung der Eisenbahner sei deshalb unterblieben, weil sich die Bedeutung der ganzen Bewegung nicht gleich von Anfang an habe übersehen lassen),[526] teils in der Schwierigkeit rascher Inszenierung (da die Eisenbahner zwei verschiedenen Organisationen angehörten), teils in der Drohung mit "Militarisation" seitens der Regierung,[527] teils in der Rücksichtnahme auf eine bereits begonnene Lohnbewegung, deren in Aussicht stehende Früchte durch die Beteiligung der Eisenbahner am Generalstreik aufs Spiel gesetzt worden wären.[528]
[520] Noch am gleichen Abend brach der allgem. Streik in Monza aus (ca. 7 000 Teilnehmer); in Mailand streikten vom 16.-21./9. 80-100 000 Arbeiter (dort hatten nämlich zwei Monstreversammlungen am 16./9. die Fortsetzung des Streiks beschlossen); vom 17.-19. streikten in Genua Hafen-, Gas-, Elektrizitäts-, Nahrungsmittelarbeiter; in Rom alle Arbeiter, exkl. Gasarbeiter (vgl. Olberg, a. a. O.; nach der Allg. Ztg. streikten hauptsächlich Trambahner und Kutscher); G-str. in Turin; am 17. wurde der G-str. in Forte, Terni, Ancona, Bologna, Forli erklärt; Forli, Florenz, Neapel (ca. 12 000 Teilnehmer) proklamierten nur eine eintägige Demonstration; in Como streikten ca. 10 000, in Bari ca. 4 000, in Ligurien ca. 120 000 Arbeiter, in der Prov. Mantua ca. 120 000 Feldarbeiter (vgl. Olberg a. a. O.).
[521] Vgl. Bebel (Prot. Parteitg. Jena, 05, p. 306).
[522] Vgl. Bourdeau, p. 433.
[523] Olberg, a. a. O.
[524] Die Eisenbahner streikten nur in Neapel und in Siena (vgl. Olberg a. a. O., und Musée sociale, "Chronique", IX, Nr. 11, p. 465).
[525] Vgl. Marazio, p. 176.
[526] Olberg, a. a. O., und "Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik", p. 380.
[527] Musée sociale, a. a. O.
[528] Vgl. Marazio, p. 176, 113-136; Olberg, a. a. O.
Die unmittelbare Wirkung des Streiks war eine "schwere Erschütterung des öffentlichen Lebens".[529] Der Lokalverkehr in den Städten war unterbunden,[530] die Zeitungen fehlten,[531] die Lebensmittelversorgung versagte,[532] die Beleuchtung litt.[533] Es kam auch wiederholt zu Ruhestörungen, die vor allem in Mailand und Genua recht ernste Formen annahmen.[534] Bei der Verübung von allerlei Unfug[535] sollen übrigens weniger die Arbeiter, als allerhand zweifelhafte Existenzen beteiligt gewesen sein.[536] Auch scheint sich die Bewegung, berücksichtigt man ihre außerordentliche Ausdehnung, im allgemeinen in den Grenzen des Zulässigen gehalten zu haben.[537] Dieser relativ friedliche Verlauf mag teils der Reserve zu danken sein, die sich die Regierung auferlegte,[538] teils den Bemühungen der Arbeiterführer um die Aufrechterhaltung der Ordnung.[539] Dies alles vermochte aber nicht die steigende Mißstimmung über die aus dem Streik erwachsenden Unannehmlichkeiten zu dämpfen. Die Bürgerschaft begann, den Verhaftungen Beifall zu spenden.[540] Vor allem fühlte man sich, und zwar auch in sozialistischen Kreisen,[541] durch das Benehmen der Syndikalisten verletzt, die in Mailand eine Art "Diktatur des Proletariats" inszenierten: die dortige Arbeitskammer soll sich der öffentlichen Gewalt bemächtigt haben;[542] sie habe "die groteske Parodie einer provisorischen Regierung, die Ukase ausgab", errichtet, und sie habe der streikenden Masse eingeredet, daß sie "die absolute Herrin der Nation" geworden sei,[543] sodaß "ganz Mailand fünf Tage lang nach der Pfeife der Arbeiter tanzte und tanzen mußte".[544]
[529] Allg. Ztg. 26./9. 04. An 900 Orten stockte das Wirtschaftsleben (vgl. Bourdeau, p. 433, bes. auch Marazio, p. 142-150).
[530] Weder Tram noch Wagen zirkulierten (in Mailand vom 16.-21./9.; in Rom usw.); selbst Leichenzüge und Krankenwagen sollen behindert gewesen sein (Bourdeau, p. 433).
[531] In Mailand erschien fünf Tage lang nur das Bolletino dello sciopero, so daß der "Corriere della Sera" bei seinem Wiedererscheinen "den unter nichtigen Vorwänden erlassenen Ausstandsbefehl ein unwürdiges Attentat auf die Preßfreiheit" nannte (vgl. Allg. Ztg. 23./9.).
[532] In Rom, Genua usw. trat Fleisch- und Brotknappheit ein, die sich in raschem Hinaufschnellen der Preise zeigte; in Sampierdarena stieg das Kilogramm Brot auf 0,80, in Genua sogar auf 1,60 Lire, so daß Schiffszwieback als Surrogat gegessen wurde. Übrigens durften z. B. in Ravenna, laut Dekret der dortigen Arbeitskammer, die Lebensmittelverkäufer bis 10 Uhr vormittag ihre Läden offen halten, sofern kein Ladenpersonal Verwendung fand; die Arbeitskammer von Sampierdarena empfahl den Milchhändlern die Weiterlieferung an Kinder und Kranke; der Mailänder Streikbeschluß nahm die Genossenschaftsbäckereien für die Versorgung der Arbeiter von der allg. Arbeitsruhe aus (vgl. Olberg, "Der ital. G-str." p. 19, 20; 24; Allg. Ztg. 17./9. 04; Leimpeters, "Zum Generalstreik", p. 883.).
[533] Die Beleuchtung fehlte in Genua drei Tage lang (Olberg, a. a. O.); in Mailand ging am 18. der Gasvorrat zu Ende, sodaß ein Teil der Stadt abends im Dunkel lag. Ähnlich stand es in Venedig (vgl. den Brief des Sindaco di Venezia an den Ministerpräsidenten, worin die Zustände während des Streiks geschildert werden, cit. bei Marazio, p. 143).
[534] Olberg, "Die ital. Wahlen", p. 278. In Mailand schlossen sich am 17. an eine Demonstration vor der Kathedrale Tumulte an; am 19., wo sich die Stadt "vollständig in den Händen des Mob" befunden haben soll, schritt die Polizei ein (Allg. Ztg. 21./9.); in Sestri Ponente war es schon am 15./9., vor Ausbruch des Streiks, anläßlich einer Protestversammlung wegen der Ereignisse in Buggerru, zu blutigen Zusammenstößen zwischen Manifestanten und Polizei gekommen; in der Nacht vom 16.-17./9. ereigneten sich ähnliche Zwischenfälle in Genua, die sich in der folgenden und, etwas schwächer, auch noch in der übernächsten Nacht wiederholten.
[535] Zertrümmern von Fensterscheiben, Löschen und Umstürzen der Straßenlaternen, Versuche, den Eisenbahn- und Telephonbetrieb zu stören, Erzwingung der Schließung von Läden, sogar von Apotheken, Zusammenstöße mit den Geschäftsleuten, Belästigung Arbeitswilliger, Hinderung des Tramverkehrs.
[536] Besonders dort, wo der Streik erst nachträglich proklamiert wurde, sollen ihn Anarchisten und Verbrecher zur Förderung ihrer Sonderinteressen benutzt haben; es begingen in Neapel am 19./9. "der Pöbel und Strafentlassene Personen" Ausschreitungen und richteten einige unerhebliche Schäden an", worauf die Polizei eingriff (Allg. Ztg. 21./9. 04; vgl. auch Marazio, p. 162).
[537] Freilich soll nach dem Journal des Débats vom 12. Oktober 04 (cit. bei Bourdeau, p. 433) in Venedig die für Kinder und Kranke bestimmte Milch in den Kanal gegossen worden sein; dies dürfte aber ein Ausnahmefall sein; im allgemeinen wurde friedlich demonstriert, bei guter Disziplin, was nicht nur von sozialistischer Seite bezeugt wird (vgl. Olberg, "Der ital. G-str."; Turati, "Lehren u. Folgen des G.-streiks in Italien"; Bernstein, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 22 ff.), sondern mir, bezgl. Florenz, auch von einem uninteressierten Augenzeugen bestätigt wurde; ähnl. auch Allg. Ztg. 21./9. 04.
[538] Dies zeigte sich z. B. in der vorsichtigen Haltung des Mailänder Präfekten. Polizei und Militär handhabten die Waffen "mit großer Mäßigung", wie von sozialistischer Seite ausdrücklich anerkannt wurde (Olberg, p. 24; Bernstein, a. a. O.; vgl. ferner Allg. Ztg. 20./9. 04).
[539] In Volksversammlungen wurde zur Ruhe gemahnt (z. B. am 16. in Mailand durch Rigola, Taroni, Turati), ebenso in den Aufrufen (z. B. forderte die Arbeitskammer von Genua auf, "mit den Urhebern von Gewalttaten nicht gemeinsame Sache zu machen"); auch organisierte die Mailänder Arbeitskammer am 17. einen Sicherheitsdienst durch Veloziped-Patrouillen zur Aufrechterhaltung der Ordnung während der Nacht (vgl. Allg. Ztg. 20./9. 1904).
[540] Vgl. Turati, cit. bei Bourdeau, p. 434; Musée sociale, "Chronique", IX. année, Nr. 11, p. 485.
[541] Bissolati, "Die Entscheidung in Rom"; Turati, "Lehren und Folgen des G-streiks in Italien".
[542] Bourdeau, p. 433; Musée sociale, a. a. O. p. 484, 485; Bissolati, a. a. O.
[543] Sobald die Verhältnisse übrigens die Beendigung des Streiks erforderten, wurde "die absolute Herrin der Nation" mit der Bemerkung heimgeschickt, es habe sich nur um einen ersten proletarischen Mobilisierungsversuch gehandelt (vgl. Turati, a. a. O.).
[544] "Corriere della Sera" (cit. in der Allg. Ztg. 23./9. 04).
Die Massen waren aus allgemeiner Empörung in einen Proteststreik getreten. Der Ausstand hatte von Anfang an kein weiteres Ziel, als eben diesen Protest zum Ausdruck zu bringen, und dies war auch gelungen. Aber es fehlte ein äußerer Zielpunkt, eine klar formulierte, greifbare Forderung. Allerdings war hier und da der Versuch aufgetaucht, der Bewegung ein solches Ziel zu geben: etwa die Demission des Ministeriums, oder ein Gesetz gegen die Verwendung von Militär bei Streiks. Aber all dies faßte nicht recht Wurzel, und es trat immer mehr zu Tage, "daß ein Ziel sowohl in der Sache selbst, als auch im Bewußtsein der Menge fehlte".[545] Immerhin war das Bedürfnis nach einer Art Quittung über die aufgewandte Anstrengung vorhanden, weil man doch nicht mit ganz leeren Taschen vom Kampfplatz abziehen wollte. Deshalb wandten sich die Bürgermeister von Mailand (Barinetti) und Turin (Frola) an den Ministerpräsidenten Giolitti und erhielten von ihm die Zusicherung, daß die Regierung die Streikfreiheit nach wie vor anerkenne und sich bei friedlichen Konflikten zwischen Kapital und Arbeit Neutralität zur Pflicht mache; in diesem Sinne werde sie weiter regieren; auch bedaure sie die schmerzlichen Vorfälle im Süden.[546] Es gehört wirklich eine ziemliche Dosis von Unzufriedenheit mit der Regierungspolitik dazu, um von dieser "nichtssagenden Erklärung",[547] diesem "ausgepusteten Ei",[548] diesem "Ministerversprechen ohne Garantie, daß es auch eingelöst wird", das sich allerdings in die zuvorkommendste Form kleidete, zu behaupten, "un atto simile di sottomissione (d. h. seitens der Regierung) alla piazza non s'era mai veduto".[549] Als Barinetti das Resultat seiner Bemühungen nach Mailand telegraphierte und zugleich die Beendigung des Streiks empfahl, widersetzte sich die Volksversammlung vom 17. September denn auch energisch diesem Rate und forderte Giolittis Demission.[550] Nachdem aber 25 Deputierte der äußersten Linken bei einer Zusammenkunft am 19. September in Mailand beschlossen hatten, auf den 21. September die ganze äußerste Linke nach Rom zu entbieten, um die sofortige Einberufung des Parlaments, die Demission des Ministerpräsidenten und die Verwirklichung eines radikalen Reformprogramms zu fordern, da gab sich die Mailänder Arbeitskammer zufrieden,[551] so gern auch die revolutionäre Gruppe die Bewegung durch möglichste Verlängerung zum Selbstzweck habe machen wollen.[552]
[545] Bissolati, "Das Ergebnis der ital. Wahlen", p. 958.
[546] Allg. Ztg. 20. und 26./9. 04; Musée soc., a. a. O. p. 483, 484; Bourdeau, p. 434.
[547] Bömelburg, (Prot. Gewft. Kongr. Köln 05, p. 220).
[548] Leimpeters, "Zum G-str.", p. 883.
[549] Marazio, p. 158.
[550] Allg. Ztg. 20./9. 04.
[551] Da sie sich wohl der Nutzlosigkeit eines Fortsetzungsversuches bewußt war, so empfahl sie die Wiederaufnahme der Arbeit für den 19., welcher Beschluß am 18. den übrigen Arbeitskammern Italiens mitgeteilt wurde. Nur in Mailand selbst verschob ein Volksversammlungsbeschluß die Wiederaufnahme der Arbeit noch bis auf den 21., und auch in Neapel dauerte der Streik (der Lokomotivführer und Heizer) noch einige Zeit.
[552] Bissolati, a. a. O.
Der Streik endete im allgemeinen so rasch, wie er begonnen hatte. Die Arbeit wurde ohne belangreiche Schwierigkeiten wieder aufgenommen.[553] Trotzdem legte der Streik dem Proletariat "Riesenopfer", "ungeheure materielle Opfer" auf.[554] Der sogenannte Erfolg des Proletariats war also reichlich teuer erkauft.
[553] Roland-Holst, "G-str. und Sozd.", p. 71; Olberg, p. 19, 24; Bourdeau, p. 433.
[554] Leimpeters, p. 883; Olberg, "Die ital. Wahlen", p. 278. 6 Personen wurden infolge des Streiks durch die bewaffnete Macht getötet (4 in Genua, je 1 in Turin und Neapel); dazu zahlreiche Verwundungen, Verhaftungen, einige Hunderte von Verurteilungen.
Und auch die Nachwirkungen des Ausstands ergeben keine günstigere Bilanz. Die nur schwach besuchte Versammlung der äußersten Linken war wenig erfolgreich,[555] da der Streik die linksliberalen Parteien verstimmt, weite Kreise aber geradezu empört hatte.[556] Auf deren Drängen löste die Regierung die Kammer auf und setzte die Neuwahlen schon für den 6. November an.[557] Diese, noch unter dem frischen Eindruck des Streiks vorgenommen, hatten natürlich eine Stärkung der Rechten zur Folge.[558] Kammer und Senat mißbilligten auf's Entschiedenste die Zurückhaltung der Regierung während des Streiks.[559] Giolitti, der bereits im Wahlaufruf der Regierung den Generalstreik einen "abuso di libertà" genannt hatte, versprach, die Angestellten der Eisenbahnen und der unentbehrlichsten "pubblici servizi" im Streikrecht zu beschränken.[560] Dementsprechend verfuhr er in seinem Entwurf für den Eisenbahnrückkauf. Die Eisenbahner wehrten sich durch die originelle Erfindung der "Dienstobstruktion", die am 26. Februar 1905 begann und erst am 5. März, nach Giolittis Rücktritt, beendet wurde.[561] Aber die Verstaatlichungsvorlage seines Nachfolgers (Fortis) entzog den Eisenbahnern durch Verleihung der Beamtenqualität[562] ebenfalls das Streikrecht. Die Vorlage wurde von der Kammer angenommen, obgleich die Eisenbahner ihren Protest durch einen allgemeinen Ausstand zum Ausdruck brachten.[563] Dieser Entwicklung der Dinge entsprach es auch, daß trotz Giolittis Zusage wieder Militär bei Streiks zur Verwendung kam.[564] Den Folgen auf parlamentarischem Gebiet entsprachen die auf kommunalem. Alle Städte, in denen die Sozialisten auch nur 24 Stunden regiert hatten, sollen sich von ihnen abgewandt haben; besonders verloren sie auch ihre Herrschaft im Mailänder Gemeinderat,[565] und viele Kommunalverwaltungen entzogen alsbald den Arbeitskammern die bisher gewährte Unterstützung.[566]
[555] Allg. Ztg. 26./9. 04.
[556] Bissolati, "Die Entscheidung in Rom", und "Das Ergebnis der ital. Wahlen", p. 958; Marazio, p. 168, sagt: "lo sciopero generale colmò la misura, e destò un così vivo e profondo sdegno nella pubblica opinione, da indurla a mandare un grido d'orrore contro il governo, che aveva lasciato passare la furia devastatrice senza farle argine".
[557] Vgl. Olberg, "Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik", p. 380; Bissolati, "Das Ergebnis der ital. Wahlen", p. 958; Turati, a. a. O.
[558] Turati, a. a. O.; Bissolati, a. a. O.; Bömelburg, a. a. O. Es hatte sich infolge des G-streiks das in der Bildung begriffene Kartell der Volksparteien gelöst; Radikale und Sozialisten schritten also getrennt zur Wahl; übrigens behaupteten die Sozialisten die Zahl ihrer Mandate (soweit dieselben selbständig erworbene waren, vgl. Marazio, p. 162), verdoppelten auch die Zahl ihrer Stimmen von 164 946 (1900) auf 316 000 (vgl. Rdsch. Soz. Mh. 05, p. 88); von einem Vergleich mit den Ergebnissen der dazwischenliegenden Erneuerungswahlen, deren Zahlen auf Grund von Wahlkompromissen unverhältnismäßig angewachsen sein sollen, sei abzusehen (vgl. Olberg, "Die ital. Wahlen").
[559] Marazio, p. 160, 173, 174.
[560] vgl. Marazio, p. 170; Turati, a. a. O.
[561] Rdsch. Soz. Mh. April 05, p. 345; Lerda, "Ostruzionismo ferroviario e politica proletaria", p. 376.
[562] Marazio, p. 177 ff.; Olberg, "Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik", p. 380.
[563] Der Ausstand begann am 17. April und brach nach Annahme des Entwurfs in der Kammer sofort zusammen; offiziell wurde er übrigens erst am 21. April für beendet erklärt, nachdem die Versuche, die andern Gewerkschaften, besonders Tram- und Gasarbeiter zum Eintritt in einen allgem. Streik zu bewegen, völlig gescheitert waren (vgl. Rdsch. Soz. Mh. 05, p. 557-558; Soz. Praxis 1905; Marazio, a. a. O.).
[564] 1905 z. B. soll abermals eine solche "Metzelei" (vgl. Bebel, Prot. Parteitg. Jena 05, p. 306) stattgefunden haben. Auch bei dem eintägigen G-str., der am 10. Mai 06 aus Sympathie für streikende Turiner Baumwollarbeiter in einer größeren Zahl der bedeutendsten Städte Italiens ausbrach, kam es zu Zusammenstößen mit dem Militär (Soz. Prx. 17./5. 1906, Sp. 863). Auch der kurze Generalstreik vom Oktober 1907 (hauptsächlich in Mailand und Bologna) führte zu Zusammenstößen.
[565] Bourdeau, p. 434.
[566] Turati, a. a. O.
In materieller Hinsicht stellt der italienische Generalstreik also zweifelsohne eine "total verkrachte Aktion"[567] dar. Steht diesem Nachteil aber wirklich wenigstens ein "rein ideeller Vorteil"[568] gegenüber? Ein positiver Gewinn, wenn auch nur an Imponderabilien, wird in der Tatsache gefunden, daß der Generalstreik dazu beigetragen haben soll, "die Methode der Reformisten klar zu legen und dadurch zu stärken".[569] Zwar gelang es ihm nicht, das Proletariat vor einem weitern Fehlgriff, dem Eisenbahnerstreik 1905, zu bewahren. Immerhin schädigte er, als abschreckendes Beispiel, das Renommee der Syndikalisten und trug vielleicht auch einiges zum "Sieg" der Reformisten auf dem Parteitag in Rom bei. Man hat ferner auch darin einen Gewinn finden wollen, daß der Generalstreik, als schärfste Veranschaulichung des Klassenkampfs, die Partei von allen Gefühlssozialisten und kleinbürgerlichen Mitläufern gereinigt habe, so daß sie nun nur noch aus erprobten und zuverlässigen Klassenkämpfern bestehe; oder daß der Generalstreik das Solidaritätsgefühl, indem er es "vor eine Feuerprobe stellte", "unermeßlich" gesteigert habe;[570] der Generalstreik sei die "feierliche Mündigkeitserklärung" des italienischen Proletariats[571] und er bedeute, weil er sich wiederholen könne und wiederholen müsse,[572] eine nützliche "Drohung für die herrschenden Klassen".[573] Doch können solche Konstruktionen über den tatsächlichen Mißerfolg nicht hinwegtäuschen. Wenn man auch dem italienischen Generalstreik, dieser "grandiosa dimostrazione della forza proletaria",[574] die ihre Wurzel im moralischen Empfinden, im Solidaritätsgefühl von Hunderttausenden hatte, eine gewisse Bewunderung nicht versagen kann, so muß man sie doch, vom objektiven Standpunkt aus als eine vergebliche und schädliche Unternehmung aufs Tiefste bedauern. — Der Generalstreik-Agitation im Herbst 1907 gegenüber hat das italienische Proletariat übrigens viel Zurückhaltung gezeigt. Es darf hieraus wohl geschlossen werden, daß die harte Lehre des Jahres 1904 nicht spurlos an ihm vorübergegangen ist.[575]
[567] Leimpeters, a. a. O.; ähnl. Allg. Ztg. 20./9. 04.
[568] Olberg, "Die ital. Wahlen", p. 278.
[569] Turati, a. a. O.
[570] Olberg, "Der ital. G-str.", p. 21 ff.
[571] "Vorwärts", cit. bei v. Reiswitz, p. 78.
[572] Olberg, "Die ital. Wahlen", p. 278.
[573] Olberg, "Der ital. G-str.", p. 21 ff.
[574] Aus der Erklärung einer Versammlung von 1500 Unteroffizieren im Okt. 1905 über den G-str. von 1904 (cit. bei Marazio, p. 97).
[575] Große Zurückhaltung gegenüber den Generalstreik-Tendenzen bewies z. B. auch der Kongreß der lavoratori della terra vom März 1908 ("mentre non esclude la possibilità dello sciopero generale in determinate circostanze, lo esclude però nel caso presente"; vgl. "Il lavoro", Genua, 10. März 1908).
§ 17. Spanien.
So oft in Spanien ein Streik ausbricht, suchen sich die Anarchisten seiner zu bemächtigen[576] und ihn zum Generalstreik zu erweitern, wobei es wegen ihrer "violence sauvage"[577] in der Regel zu blutigen Tumulten kommt. Die spanischen Sozialisten halten sich daher auch von allen derartigen Unternehmungen möglichst fern.[578]
[576] Vgl. Bourdeau, p.431. Es sollen viele "ganze Städte und Provinzen umfassende Generalstreiks unter ungeheuren Opfern" stattfinden (vgl. Umrath, "Zur Generalstreikdebatte", p. 15).
[577] P. Louis, "L'Avenir du Socialisme", p. 296.
[578] Vgl. Iglesias (Enquête). Die spanische Literatur war mir leider unzugänglich. Die Sozialdemokratie Spaniens beteiligte sich nur ausnahmsweise beim G-str. der Minenarbeiter in Bilbao, 1903 (Roland-Holst, a. a. O. p. 18); von anarchistischer Seite wird behauptet, daß derselbe "nach 4tägiger Dauer mit dem vollständigen Sieg der Arbeiter endigte" (vgl. "Antimilitarismus und G-str.", Beilage zu Nr. 11 der "Wahrheit"), was aber doch wohl zweifelhaft erscheint.
Der bedeutendste der spanischen Generalstreiks dürfte wohl der Generalstreik in Barcelona vom Februar 1902 gewesen sein. Etwa 100 000 Metallarbeiter streikten für den Neunstundentag.[579] Als der Streik nach mehrwöchentlicher Dauer zu scheitern drohte, riefen die Gewerkschaftsführer, trotz Abratens seitens der Sozialdemokratie,[580] das gesamte Proletariat von Barcelona zum Ausstand auf. Diesem Rufe wurde in weitestem Maße Folge geleistet. Unter Führung der Autonomisten und Anarchisten[581] griffen die Streikenden die Gas- und Wasserwerke an, "raubten die Bäckereien, Keller, Getreidehandlungen, Lebensmittelläden aus, verhinderten die Verproviantierung mit Brot und Fleisch. Sie waren während eines Tages die Herren der ganzen Stadt und begingen alle möglichen Ausschreitungen und Gewaltsamkeiten." Natürlich schritt die bewaffnete Macht ein, und die Folge des Ausstands war eine Gefährdung des Koalitionsrechts.[582]
[579] Rdsch. Soz. Mh. April 02, p. 315.
[580] Vgl. Bourdeau, p.431. Es sollen viele "ganze Städte und Provinzen umfassende Generalstreiks unter ungeheuren Opfern" stattfinden (vgl. Umrath, "Zur Generalstreikdebatte", p. 15).
[581] Bebel, a. a. O. p. 305; Bourdeau, p. 431.
[582] Vgl. Bourdeau, p.431. Es sollen viele "ganze Städte und Provinzen umfassende Generalstreiks unter ungeheuren Opfern" stattfinden (vgl. Umrath, "Zur Generalstreikdebatte", p. 15).
Einen eigentümlichen und von der üblichen spanischen Manier ganz abweichenden, eintägigen Klassenstreik soll die sozialdemokratische Partei zusammen mit dem "Allgemeinen Arbeiterbund" am 20. Juli 1905 (?) veranstaltet haben, um den bis dahin erfolglosen Forderungen nach Herabsetzung der hohen Lebensmittelpreise Nachdruck zu verleihen. Es heißt, daß 100 000 Arbeiter die Arbeit verlassen hätten, um zu protestieren, und daß Tausende von Arbeitslosen sich den öffentlichen Kundgebungen anschlossen.[583]
[583] Juan A. Melia, "Der Sozialismus in Spanien".
§ 18. Holland.
Auch in Holland hängt die Generalstreik-Propaganda mit der bezeichnenderweise großenteils anarchistischen Gewerkschaftsbewegung zusammen. Domela Nieuwenhuis übte mit seinen abenteuerlichen Generalstreikplänen eine ziemlich große Anziehungskraft auf das holländische Proletariat aus.[584] Gerade der Generalstreikidee dankte die holländische anarchistische Bewegung, die "seit 1896 und 1897 fast vollständig daniederlag", Neuerweckung und neue Lebenskraft.[585] Erst das Fiasko des Generalstreiks im April 1903 gab "dem Glauben an die Wirksamkeit dieses Kampfmittels einen starken Sto?.[586]
[584] Das ungenügende Wahlrecht sei Schuld an dem geringen politischen Verständnis und also auch an der anarchistischen Disposition des holländischen Proletariats (vgl. Roland-Holst, "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in Holland", und "Zur Lage in Holland").
[585] Vliegen, "Der Generalstreik als politisches Kampfmittel", p. 194.
[586] Dr. Gust. Mayer, "Der internationale Sozialistenkongreß", p. 446. Die Anarchisten hätten gesucht, aus dem glücklichen Eisenbahnerstreik im Jan. 1903 "für sich Kapital zu schlagen" (vgl. Gorter, "Der Massenstreik der Eisenbahner in Holland", p. 656); sie trügen auch die Hauptschuld an dem verhängnisvollen Aprilstreik.
Die holländischen Eisenbahner hatten im Januar 1903 zur Unterstützung streikender Amsterdamer Hafenarbeiter einen umfangreichen und bedeutenden Ausstand durchgeführt.[587] Der Hafenarbeiterstreik war ausgebrochen, weil die Docker den Ausschluß der Nichtorganisierten, der ihnen von den Unternehmern zuvor versprochen worden war, vergeblich verlangt hatten. Aus Solidarität mit den Hafenarbeitern boykottierten nun die Eisenbahner die von Arbeitswilligen beladenen Wagen, worauf einige Eisenbahner entlassen wurden. Da traten die Eisenbahner am 29. Januar in einen Sympathiestreik, stellten aber zugleich auch eigene ökonomische Forderungen, und zwar vereinigten sich die antiparlamentarische "Föderation" und die sozialdemokratische Gewerkschaft, die sich bis anhin bekämpft hatten, zu gemeinsamem Vorgehen. Viele Unorganisierte schlossen sich der Bewegung an. In und um Amsterdam, also auch auf den internationalen Linien, ruhte der Verkehr vollständig. Die Eisenbahner des ganzen Landes hielten sich überdies zum Anschluß an den Streik bereit. Diese plötzliche und beängstigende Verkehrserschütterung bewog die Eisenbahngesellschaften alsbald zu Konzessionen.[588] Der Sieg der Eisenbahner und der sich anschließende Erfolg des Hafenarbeiterstreiks bewirkte ein lebhaftes Wachstum der Organisationen. Unter Einfluß der anarchistischen Agitation entwickelte sich bei den Arbeitern aber auch zugleich eine starke Überschätzung ihrer tatsächlichen Macht, was ihnen in den folgenden Kämpfen noch verderblich werden sollte. Die Empörung der übrigen Gesellschaftskreise über die Wirkungen des Januarstreiks und die Besorgnis vor der Wiederholung einer solchen gefährlichen Verkehrsstockung kristallisierten sich nämlich alsbald in einer Ausstandsvorlage, die nicht nur die Schaffung einer Eisenbahnbrigade vorsah, sondern auch den Streik der Angestellten der öffentlichen Verkehrsanstalten, speziell den Streik der Eisenbahner, zur strafbaren Handlung stempelte.[589] Noch kurz vor Erscheinen der Vorlage, am 20. Februar 1903, bildete sich ein proletarisches Schutzkomitee,[590] das eine energische Agitation über das ganze Land hin entfaltete.[591] Doch weder die zahlreichen Demonstrationen, noch die sozialdemokratische Interpellation in der Kammer erreichten mehr, als eine gewisse Milderung der Vorlage,[592] deren Sieg so gut wie gewiß war. Verständnislos für die Bedeutung des parlamentarischen Kampfes, im Vertrauen auf die "revolutionäre Energie der Massen" und die im Januarstreik erfahrene Nachgiebigkeit der Gegner, beschloß nun die Versammlung der Verbands- und Vereinsvorstände, trotz der sozialdemokratischen Warnungen, für den 5. April den allgemeinen Ausstand sämtlicher bei der Beförderung von Waren und Personen beschäftigter Arbeiter. Man wollte hierdurch die Eisenbahngesellschaften zu wirtschaftlichen Konzessionen, vor allem aber die Regierung zur Zurücknahme der Streikvorlage nötigen. Der Ausstand begann auch sogleich, aber von einer Allgemeinheit der Arbeitsniederlegung war gar keine Rede.[593] Noch weniger kam es zu einer allgemeinen Verkehrsstockung, da zahlreiche Ausständige, aus Furcht vor der in Aussicht gestellten sofortigen Entlassung, schon am 7. April zur Arbeit zurückkehrten. Den Eisenbahngesellschaften standen überdies in den "Ordnungsbünden", den christlichen Gewerkschaften und im Militär genügend Arbeitswillige zur Verfügung.[594] Der Eisenbahnbetrieb wurde immer regelmäßiger,[595] der Streik immer schwächer. Daher konnte die Arbeitervertretung, als sie am 9. April mit den Eisenbahngesellschaften über die Beendigung des Streiks zu unterhandeln suchte, auch absolut keine Bedingungen stellen. Ebensowenig waren die übrigen Transportarbeiterstreiks[596] und etliche andere Hilfs-Streiks[597] dazu angetan, das öffentliche Leben und die Abgeordneten zu erschüttern. Schon begannen die Spezialdebatten über die gefürchtete Vorlage; die Zeit drängte. In dieser Not proklamierte das Schutzkomitee zur Unterstützung des bereits verlöschenden Eisenbahnerausstands den Generalstreik für alle Betriebe des ganzen Landes. Aber nur zirka 60 000 Mann folgten dem Gebot.[598] Die Hälfte hiervon stellte Amsterdam, wo sich die Wirkungen des Ausstands daher auch am meisten fühlbar machten.[599] In den übrigen Orten, wo es nur zu vereinzelten Streiks kam,[600] ergab sich überhaupt keine wesentliche Beeinträchtigung des sozialen Daseins. Ob der Generalstreik bei längerer Dauer noch an Ausdehnung gewonnen hätte,[601] ist äußerst fraglich. Zwar protestierte eine Amsterdamer Massenversammlung mit vielem Lärm gegen den Beendigungsbeschluß, den das Schutzkomitee am 10. April mit Rücksicht auf die Annahme der Vorlage (in der zweiten Kammer, mit 81 gegen 14 Stimmen) und auf das sofortige Inkrafttreten des neuen Gesetzes faßte. Doch schon am folgenden Tag meldeten sich die noch Ausständigen wieder zur Arbeit. Die Bewegung war gescheitert.
[587] Vgl. über die holländische G-streikbewegung: Gorter a. a. O.; Roland-Holst, a. a. O., und "G-str. und Sozd.", p. 121 ff.; van der Goes, "Die beiden Tendenzen in Holland und der Parteitag zu Utrecht"; Vliegen, a. a. O.; Allg. Ztg. 1903.
[588] Insbesondere versprachen sie Anerkennung der Arbeiterorganisationen; vorläufige Suspendierung der Arbeit in dem boykottierten Hafen, bei weiterer Entlohnung der dort angestellten Arbeiter und Unterhandlungen mit der Regierung zwecks Streichung der bedingungslosen Güterbeförderungspflicht aus dem Eisenbahnreglement.
[589] Diese Vorlage habe das Streikrecht von 20 000 Arbeitern bedroht (vgl. Roland-Holst, "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in Holland").
[590] Das Komitee enthielt je 2 Vertreter der Hafenarbeiter und der Eisenbahner, je 1 Vertreter des "nationalen Arbeitssekretariats", der "freien Sozialisten" und der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, vorwiegend Anarchisten und Antipolitiker.
[591] Diese erreichte am 3. März ihren Höhepunkt: im ganzen Lande fanden gleichzeitige Protestversammlungen gegen die Ausstandsvorlage mit ca. 50 000 Teilnehmern statt.
[592] Das Strafmaß wurde herabgesetzt, so daß der Eisenbahnerstreik nur noch als politisches Delikt galt; zugleich wurde die Schaffung eines Schiedsgerichts vorgesehen. Die abgeänderte Vorlage ging schon Ende März der Kammer zu; dort bekämpfte sie Troelstra (S.D.) als einen Angriff auf die Arbeiterorganisationen; alle übrigen Parteien hielten zur Regierung.
[593] Trotz der schon im Februar von den Eisenbahn- und Transportarbeitern erklärten, von der Sektion Haag des Allg. Verbandes der Eisenbahn- und Straßenbahnangestellten wiederholten Streikbereitschaft, trotz des fast einmütigen Streikbeschlusses der Amsterdamer Eisenbahnerversammlung vom 2. April war die Beteiligung schwach. Die Versammlung der Ausständigen am Abend des 6. April war schlecht besucht.
[594] Die Eisenbahngesellschaften waren durch die Drohungen der Arbeiter seit Wochen gewarnt und hatten sich vorbereitet. Der Postdienst wurde durch Automobile besorgt, der Postverkehr mit dem Ausland durch militärisch bedeckte Züge; in beschränktem Maß wurde auch der Personenverkehr aufrecht erhalten; die Verkehrsreduktion überstieg überhaupt nicht 25%.
[595] Am 8. April fehlten nur noch Rangierer und Weichensteller; für den 9. zeigten die holländ. Eisenbahngesellschaften den ausländischen Bahnen auch die Wiederaufnahme des Güterdurchgangsverkehrs an.
[596] Nur einen Tag lang streikte das Personal der Schiffahrtsgesellschaft London-Hull, ohne sonderliche Beeinträchtigung des Verkehrs. Der am 6. April von 3 000 Dockarbeitern in Rotterdam beschlossene Hafenarbeiterstreik veranlaßte am 8. April die vereinigten Arbeitgeber des Schiffahrts- und Transportgewerbes zur Verhängung der Sperre, die 2 000 Arbeitswillige mitbetroffen haben soll. Am 8. erfolgte auch die Aussperrung in der Großfabrik für Maschinen- und Eisenbahnmaterial.
[597] Ein Steinschneider-, sowie ein unzulänglicher Bäckerstreik.
[598] Die Metallarbeiter waren schon am 7. April in einen allg. Ausstand getreten, teilweise streikten auch bereits die Bauarbeiter, Auslader und städtischen Arbeiter in Amsterdam; ebendaselbst schlossen sich dem G-streik 8 000 Diamantarbeiter, die Mehrzahl der Bauarbeiter, ein Teil der Kommunalarbeiter (Beleuchtung, Reinigung), ein Teil der Metzger und Bäcker (letztere zum Schaden der Arbeiterschaft hauptsächlich in den Arbeiter- und Konsumbäckereien, vgl. Roland-Holst a. a. O.), und die Typographen an.
[599] Die Läden in den reichen Vierteln wurden geschlossen, die Wohlhabenden verproviantierten sich in den Arbeitervierteln, wobei die Lebensmittelpreise rasch stiegen (vgl. Bourdeau, p. 432; Vliegen, a. a. O. p. 197). Der Gaskonsum mußte eingeschränkt werden (vgl. Allg. Ztg.); nur ein Teil der Straßenlaternen wurde, unter militärischer Bedeckung übrigens, angezündet. Das Elektrizitätswerk wurde mit Hilfe des Bureaupersonals in Betrieb erhalten. Der Betrieb auf den Quais, der Güterverkehr, stockte vollständig.
[600] Es streikten Bauarbeiter, Metallarbeiter, Typographen. Im katholischen Süden wurde aber überhaupt nicht gestreikt.
[601] Dies nimmt Roland-Holst an.
Es folgten nun noch stürmische Auftritte in der Versammlung der Arbeitervorstände. Die Anarchisten suchten nämlich den Mißerfolg auf sozialdemokratischen "Verrat" zurückzuführen, statt die Ursachen dafür in der mangelhaften Vorbereitung, Organisation und Führung,[602] in der Überschätzung der proletarischen und Unterschätzung der staatlichen Macht, kurz, in der Unrichtigkeit des Streikbeschlusses überhaupt zu erkennen.
[602] Vgl. Roland-Holst, "Zur Lage in Holland", "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in Holland" und "G-str. und Sozd.", p. 121.
Die Opfer des Streiks waren außerordentlich groß. Es kam zwar nur zu wenigen Zusammenstößen mit der bewaffneten Macht, da die Ausständigen im großen und ganzen gute Disziplin hielten.[603] Hingegen litten die Arbeiter auf's Empfindlichste unter den wirtschaftlichen Folgen des Streiks.[604] Die Unterstützung seitens der Organisationen[605] konnte die Gemaßregelten und deren Familien nicht vor Not und Elend bewahren.[606] Auch die Gewerkschaften erlitten einen schweren Stoß[607] und sollen sich erst neuerdings von der "ökonomischen Katastrophe" erholt haben.[608]
[603] Es kamen allerdings auch Versuche vor, den Eisenbahnbetrieb durch Unbrauchbarmachung der Maschinenwasserbehälter und Wegschaffung von Lokomotivteilen zu gefährden (vgl. Allg. Ztg. 7./4. 03); andererseits verlangte z. B. eine Dockarbeiterversammlung in Rotterdam am 6./4. Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung, insbesondere Vermeidung von Tätlichkeiten gegenüber Arbeitswilligen, um der Regierung keinen Anlaß zu scharfen Maßregeln zu geben (vgl. Allg. Ztg. a. a. O.).
[604] In den ersten Wochen waren fast 5 000 Arbeiter ausgesperrt; zwar wurde die Sperre im Transportgewerbe am 20./4. wieder aufgehoben; aber von den Eisenbahnern, die am meisten litten, waren bis zum 21./4. bereits 1 600 Mann entlassen. "Hunger, Verzweiflung, selbst der Selbstmord hat unter den 5 000 Opfern dieses Kampfes gewütet" (Troelstra, Prot. intern. Kongr. Amsterdam 04, p. 8).
[605] Die niederländische Partei gab 22016,32 Gulden; die deutsche sozialdemokratische Partei schickte, auf den Appell der niederländischen Partei, vom 21./4., an die internationale Solidarität, 9 000 M (vgl. Bericht des Parteivorstands an den 10. Parteitag der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Hollands, Ostern 04, in Dordrecht).
[606] Vgl. van der Goes, a. a. O. p. 257.
[607] Eine Ausnahme bilden die gut organisierten Diamantarbeiter und die Rotterdamer Hafenarbeiter. Vor allem wurde "die große, prächtige, mächtige Eisenbahnerorganisation ... zerstört" (vgl. Troelstra a. a. O.; Prot. Gewerkschaftskongr. Köln 05, p. 225; Roland-Holst, "Zur Lage in Holland").
[608] Bericht des intern. sozialistischen Bureau über den G-str. in Holland (cit. bei Katz, "Der politische Massenstreik", Nr. 33, p. 3.); Roland-Holst, "G-str. u. Sozd.".
Die sozialdemokratische Partei scheint ohne wesentliche Beeinträchtigung aus dem Generalstreik hervorgegangen zu sein.[609] Sie hatte von jeher die anarchistische Generalstreikidee bekämpft, sich aber, als proletarische Parteivertretung, verpflichtet gefühlt, der Arbeiterschaft beizustehen, obwohl sie den Aprilstreik von vornherein als eine aussichtslose und verfehlte Unternehmung angesehen hatte.[610] Die Erfahrungen dieses Streiks bestärkten einen Teil der niederländischen Sozialisten, so vor allem Vliegen, in der strikten Ablehnung jedes Klassenstreiks überhaupt. Die Mehrheit der Partei aber erklärte sich bereits auf dem Parteitag von Enschede, bloß zwei Monate nach dem unglücklichen Generalstreik ausdrücklich für den politischen Massenstreik.[611] Sie wiederholte dies auch auf dem Parteitag 1904 in Dordrecht und arbeitete hiermit dem internationalen Kongreß in Amsterdam vor.[612]
[609] Wenigstens war dies die Auffassung der Partei selbst auf dem Parteitag zu Dordrecht 1904; vgl. Roland-Holst, "Zur Lage in Holland", "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in Holland"; Prot. Gwftskongr. Köln 05, p. 225.
[610] Vgl. Roland-Holst, "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in Holland". Einige Parteimitglieder, wie z. B. Roland-Holst, sollen das von ihnen prinzipiell mißbilligte Unternehmen doch mit großen persönlichen Opfern unterstützt haben.
[611] Vgl. die Mitteilungen der Delegierten der holländischen Partei auf dem Parteitag in Jena 1905 (Prot. p. 342).
[612] Vgl. Roland-Holst, "Der politische Streik auf dem 10. Parteitag der niederländischen Sozialdemokratie". Im Auftrag des Internat. sozialist. Bureau (um "dem internationalen Kongreß einen Bericht und den Entwurf einer Resolution über diese Frage vorzulegen", vgl. Vliegen, "Der zehnte Parteitag der niederländischen Sozialdemokratie") arbeitete die Redaktion der Zeitschrift "Die nieuwe tijd" einen Entwurf aus, auf Grund dessen der Parteitag in Dordrecht eine Resolution annahm, die das fast wörtliche Vorbild derjenigen des intern. Kongresses in Amsterdam darstellt.
§ 19. Rußland.
Die Darstellung und Beurteilung der russischen Klassenstreikbewegung begegnet so mannigfachen innern und äußern Schwierigkeiten,[613] daß wir uns hier mit einer Skizzierung der äußersten Umrisse begnügen müssen.
[613] Die besonderen Schwierigkeiten beruhen auf der Verknüpfung der Streikbewegung mit der Revolution, der Unzugänglichkeit der russischen Literatur und der Unmöglichkeit einer Kontrolle unseres spärlichen Materials.
Trotz des Koalitionsverbots[614] kam seit der Mitte der 1890er Jahre der Streik, auch der Massenstreik, in Rußland immer häufiger zur Anwendung.[615] Als eine bedeutende Industriekrise im Süden die Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen und politischen Lage gesteigert hatte,[616] entlud sich die allgemeine Erregung schließlich im Juli 1903 in einer kolossalen Streikbewegung mit der bis dahin in Rußland unerreichten Ausstandsziffer von einer Viertelmillion.[617] Die Bewegung ergriff "epidemieartig" den ganzen Süden,[618] woselbst sie wegen der Beteiligung aller Gewerbe[619] eine mehrtägige völlige Stockung von Industrie, Handel und Verkehr, sowie empfindlichen Mangel an Lebensmitteln samt entsprechenden Preissteigerungen, auch das Versagen des Beleuchtungs- und Reinigungsdienstes zur Folge gehabt haben soll.[620] Während der Dauer des Ausstands waren die Arbeiter auf der Straße, forderten die Arbeitswilligen zum Anschluß auf, entleerten die Dampfkessel und hielten Demonstrationen ab.[621] Anfangs blieben sie unbehelligt. Dann, als der erste Elan vorüber war und die Bewegung nach und nach verlief, scheinen Militär und Polizei immer energischer eingegriffen zu haben, sodaß der Streik viele Opfer kostete.[622] Bei der Verschwommenheit der Ziele[623] konnte von einem direkten "Erfolg" keine Rede sein, wenn auch versucht worden ist, die Entwicklung des "Klassenbewußtseins" und die Entfaltung revolutionärer Energie als einen solchen zu konstruieren.[624]
[614] Vgl. Roland-Holst, "Generalstreik und Sozd.", p. 35; ihre diesbezüglichen Angaben sind übrigens mit Vorsicht aufzunehmen.
[615] Vgl. "Die Sozialdemokratie in Rußland", Bericht der Delegation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands an den intern. sozialist. Kongreß in Amsterdam 1904, p. 3. Da die Regierung von jeher gegen Streiks mit Gewalt vorgegangen sein soll (Bourdeau, p. 436), hätten sich aus den rein ökonomischen Streiks häufig politische Streiks entwickelt, die bei zu geringer Ausdehnung den Arbeitern leicht gefährlich wurden, weshalb man sie zu vermeiden suchte (Streltzow, "Der politische Massenstreik in Rußland und seine Lehren"). 1902 fand in Rostow am Don ein großer Sympathiestreik mit pol. und ökonom. Forderungen statt (vgl. Bourdeau; Roland-Holst, "Der politische Massenstreik in der russischen Revolution").
[616] In Odessa soll die Agitation der Subatow'schen Arbeiterorganisationen den von ihren Lenkern durchaus nicht beabsichtigten Anstoß zum Streik gegeben haben (Ber. der Delegation).
[617] Vgl. Bericht der Delegation p. 24 ff.; Bourdeau; Roland-Holst, "Gstr. u. Sozd."
[618] Vgl. Bericht der Delegation, p. 3, 24, 25. Am 1. Juli begann der Streik in Baku (Petrolarbeiter), Odessa (Hafenarbeiter); er war in diesen Städten und in Tiflis am 4. schon vollständig; es folgten Batum, Nikolajew, Kiew (21. Juli), Jelisawetgrad (28. Juli) und, nach Beendigung des Streiks in diesen Städten, Jekaterinoslaw (7. August) und Kertsch. In den drei kaukasischen Städten sollen 10 000 (?) in Odessa 50 000, in Kiew 30 000, in Nikolajew 10 000, in Jekaterinoslaw 20-30 000, in Jelisawetgrad 2 000, in Feodosien, Kertsch, Konotop je mehrere Tausend Personen gestreikt haben.
[619] Es streikten Fabrik- und Werkstättenarbeiter, Verkehrsarbeiter (Tram-, Eisenbahn-, Hafenarbeiter), Lebensmittelarbeiter (Metzger, Bäcker, Müller; Hôtelpersonal), Schriftsetzer, Telegraphisten, Handelsgehilfen, Handwerker, selbst Stiefelputzer.
[620] Bericht der Delegation, p. 25 ff.
[621] Sie demonstrierten mit revolutionären Liedern und roten Fahnen, wobei sich die sozd. Arbeiterpartei Rußlands lebhaft beteiligt zu haben scheint.
[622] Bericht der Delegation, p. 25 ff.
[623] Ursprünglich handelte es sich um überall ziemlich gleichlautende, fest formulierte wirtschaftliche Forderungen (betr. Arbeitszeit und -lohn, Fabrikdisziplin, usw.) und polit. Forderungen (Volksvertretung und die verschiedenen Freiheitsrechte); diese lösten sich aber immer mehr in einen allgemeinen Protest gegen den gesamten wirtschaftlichen und politischen Druck auf (vgl. Bericht der Delegation; Roland-Holst "G-str. u. Sozd.", p. 35, ist anderer Meinung).
[624] Bericht der Delegation, p. 28.
Ein ganz anderes Bild bietet die russische Streikbewegung des Jahres 1905, deren erste Phase sich unmittelbar an den sog. blutigen Sonntag (22., resp. 9. Januar 1905) anschloß.[625] Sie umfaßte 1-1/2 Monate, während welcher Zeit Streiks mit vorwiegend politischen Zielen in 150 Städten Rußlands ausgebrochen sein sollen.[626] Am intensivsten scheint sich die Bewegung in Russisch-Polen entwickelt zu haben,[627] wo der proletarische Klassenstreik zudem noch einen "eigenartigen Widerhall" im Gymnasialstreik fand.[628] — Im Mai erfolgte eine neue Steigerung, die sich den Sommer hindurch fortsetzte.[629] Ihren Höhepunkt bildete der politisch-revolutionäre Ausstand vom 7. bis 17. Oktober 1905, der einzige wirklich allrussische Streik. Zu diesem gaben die Eisenbahner den Anstoß;[630] alsbald ruhte die Arbeit auf fast allen Eisenbahnlinien und in fast allen Städten des europäischen und asiatischen Rußlands.[631]
[625] Schon vorher streikten 13 000 Arbeiter der Poutiloff-Werke (wegen Maßregelung von Kameraden, usw.); andere Arbeiter hatten sich angeschlossen; am 22. Jan. sollen es schon 200 000 Ausständige gewesen sein (Bourdeau, p. 436).
[626] Vgl. Roland-Holst, a. a. O. p. 79 ff. Es traten "auch ganz bestimmte Klassenansprüche" der Arbeiter (betr. Arbeitsbedingungen, Behandlung, Anerkennung der Organisationen usw.) hervor (vgl. Dr. v. Wiese, "Die Arbeiterfrage in Rußland"); die "Diktatur des Proletariats", die Bourdeau unter Hinweis auf einen Vorwärts-Artikel von Luxemburg erwähnt, dürfte in der Regel wohl kaum unter den offiziellen Zielen der Arbeiter figuriert haben. Forderte doch der Arbeiterdeputiertenrat — "eine Vertretung der spezif. großindustriellen Arbeiterelite" — die Unternehmer zur Schließung der Fabriken auf, weil "ja auch ihre Interessen an Freiheit und Sicherheit von der Arbeiterschaft verfochten würden" (vgl. M. Weber, "Zur Lage der bürgerlichen Demokratie in Rußland", p. 286).
[627] Die Bewegung dauerte hier ungefähr vom 27. Januar bis 4. Februar (vgl. "Der politische Streik im Königreich Polen", Krakau, Verlag des Przedswit, besprochen in "Dokumente des Sozialismus", V, 9.). Es nahmen 400 000 Arbeiter daran teil (vgl. Rdsch. Soz. Mh. 05, April, p. 359). Der Streik wurde durchschnittlich nach 8-10 Tagen, in Warschau schon nach 3 Tagen, von den Parteikomitees der einzelnen Städte für beendet erklärt. Die Leitung scheint die polnische sozialistische Partei, P. P. S., gehabt zu haben. Für die gleichzeitig erhobenen wirtschaftlichen Forderungen wurde vielerorts nach Beendigung des des polit. Streiks noch weiter gestreikt, mit nur teilweisem Erfolg (vgl. Rdsch. Soz. Mh. a. a. O.).
[628] Vgl. Rdsch. Soz. Mh. Mai 05, p. 458, 459. Nach persönlichen Mitteilungen eines aktiv Beteiligten protestierte die polnische Gymnasialjugend, durch das Beispiel der Arbeiter zum Ausstand angeregt, durch den Schulstreik gegen die langverhaßte Russifizierung der Gymnasien.
[629] Im Sommer 1905 fand z. B. ein allgemein durchgeführter eintägiger Streik statt, den das Warschauer Komitee des P. P. S. als Protest gegen die blutigen Zusammenstöße zwischen demonstrierenden Arbeitern und Militär in Lodz (die im Juni 05 ca. 2 000 Tote gekostet haben sollen) veranstaltete. (Rdsch. Soz. Mh. Aug. 05, p. 706).
[630] Im April 1905 hatte sich endlich der allrussische Eisenbahnerverband gebildet (noch 1903 war eine diesbezügliche Anregung, die, unter Hinweis auf die Bedeutung der Eisenbahner bei einem ev. M.-str., bezeichnenderweise von südrussischen Eisenbahnern ausgegangen war, erfolglos geblieben). Der Streik begann auf der Moskau-Kasaner Linie. Sogleich proklamierte das Zentralkomitee den Generalstreik (vgl. Streltzow, a. a. O.).
[631] Streltzow, p. 133 ff.
Die ungeheure Wirkung des Streiks[632] war für die Regierung einer der Beweggründe, die Erfüllung der dringendsten Forderungen im Oktobermanifest zuzusichern.[633] Dieser Erfolg war in den besonderen russischen Verhältnissen begründet. Kämpfte doch Schulter an Schulter mit den Arbeitern fast die ganze russische Gesellschaft gegen die Regierung.[634] Sogar zahlreiche Angehörige unproletarischer Berufe folgten dem Streikbeispiel der Lohnarbeiter.[635] Letztere scheinen im Bürgertum, selbst bei den Unternehmern, Sympathie und Unterstützung gefunden zu haben.[636]
[632] Die Verkehrsstockung führte zu einer Isolierung der großen Wirtschaftszentren. Die Truppenbewegungen waren erschwert. Immerhin dürften Behauptungen, wie die, daß der Massenstreik "die gesamte Staatsmaschinerie" "desorganisiert" (vgl. Roland-Holst, "Der politische Massenstreik in der russischen Revolution", p. 216), Rußland "aus den Angeln" gehoben, (vgl. Lensch, "Die Idylle im Sumpf"), den "Tron ins Wanken" gebracht (vgl. Ellenbogen, Prot Parteitg. Wien 05, p. 121), "den Absolutismus für eine Weile niedergestreckt" habe, denn doch etwas übers Ziel hinausschießen.
[633] Weniger meßbar sind die übrigen sogenannten Erfolge des Streiks, wie Aufrüttelung der indifferenten Volksschichten. Förderung der proletarischen Organisation (die Gewerkschaften entwickelten sich allerdings nach dem Streik, aber wohl nicht, wie mehrfach behauptet wurde, wegen des Streiks an sich, sondern infolge der errungenen Freiheiten; vgl. Streltzow, p. 134) und Schwächung des Heeres. Die von Roland-Holst (a. a. O., p. 218 ff., und "G-str. und Sozd.", p. XVI) prognostizierte "allmähliche Aufreibung der Armee durch die Streikbewegung" hat keineswegs stattgefunden.
[634] Vgl. Streltzow, a. a. O.
[635] Es streikten Handels- und Bankangestellte, Lehrer, Schauspieler, Advokaten, Ärzte, Apotheker, Seminaristen, Ingenieure, Staatsbeamte (Richter, Telegraphisten, Eisenbahnbeamte), Kellner, Dienstboten usw. (vgl. Kropotkin, "Die direkte Aktion und der Generalstreik in Rußland"; Streltzow, a. a. O.).
[636] Vgl. Bernstein, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"; Streltzow, a. a. O.; Plechanow (cit. bei Streltzow) sagt: "die allgemeine Sympathie ersetzte den Arbeitern die Unzulänglichkeit der Organisation". — Semstwoleute, Staatsbeamte, Ingenieure sollen Streikfonds zur Unterstützung streikender Arbeiter gegründet haben (Streltzow). In der Streikleitung seien bürgerliche Elemente, z. B. höhere Eisenbahnbeamte, vertreten gewesen. Die Unternehmer sollen mehrfach während des Streiks den Lohn weiter gezahlt und sich regelmäßig mit den Arbeitern solidarisch erklärt haben (Streltzow). Die Frage, inwieweit hierbei Furcht vor den Drohungen der Arbeiter eine Rolle spielte (vgl. N. Z. Z. 8. Dez. 05, 2. Beilage, Nr. 340), kann hier natürlich nicht entschieden werden. Die Roland-Holst'sche Auffassung, das russische Proletariat habe "den Angriff gleichzeitig gegen die ökonomischen Ausbeuter, wie gegen die staatlichen Unterdrücker gewendet", und es habe, "was es den Ersten abtrotzt, gebraucht, um die Zweiten weiter zu bekämpfen" (vgl. "Der politische Massenstreik in der russischen Revolution", p. 215), geht wohl zu weit.
Der Klassenstreik war die typische Form, in der die russischen Arbeiter sich an der Revolution beteiligten.[637] Er war eine überaus bedeutende Begleiterscheinung der russischen Revolution, doch immerhin nicht diese selbst. Seinen Erfolg dankte er den ganz einzigartigen Umständen, unter denen er stattfand. Aber selbst in Rußland hat der Massenstreik zu politischen Zwecken vorläufig seine Rolle ausgespielt,[638] und um so mehr muß man sich hüten, in den russischen Erfahrungen einen Fingerzeig für die proletarischen Kämpfe anderer Länder zu erblicken.[639]
[637] Wollten sich die Arbeiter überhaupt an der Revolution beteiligen, so mußten sie die Arbeit verlassen, woraus naturgemäß der Streik entstand. Der "spontane" Ausbruch desselben, ohne vorherige literarische Entdeckung und parteitägliche Sanktionierung, ist daher nichts Überraschendes. Roland-Holst erachtete übrigens, trotz dieses sie so sehr befriedigenden politischen Streikdebuts der russischen Arbeiter, bei diesen die theoretische Vertiefung des Problems für notwendig. Ihr Generalstreikbuch erschien auch in russischer Sprache (vgl. "Der politische Massenstreik in der russischen Revolution", p. 214 ff.).
[638] Streltzow: "Darin sind wohl alle namhaften russischen Politiker nur einer Meinung"; nur gewisse Sozialrevolutionäre glauben noch, daß jetzt die Ära der gewaltsamen Streiks beginne. Nach Labriola, "Riforme e Rivoluzione sociale", p. 163, bestünde die den russischen M-streiks entnommene Bereicherung der revolutionären Erfahrung in der "combinazione dello sciopero generale con la dimostrazione armata e l'uso personale degli esplosivi". Übrigens war natürlich nicht andauernd gestreikt worden, sondern die Bewegung ruhte vorübergehend hier und dort; die Arbeiter sammelten inzwischen wieder Kräfte; der Streik war also parzelliert (Roland-Holst, "G-str. u. Sozd.", p. 105 ff.). — Es wurde noch bis in den Dezember 1905 hinein gestreikt, aber die Beteiligung nahm ab (Streltzow, a. a. O.), der Erfolg blieb aus, und durch die Mißerfolge wurde der Streik diskreditiert, "der Glaube an seine schöpferische Kraft ging verloren" (Bernstein, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"; vgl. auch Bebel, Prot. Parteitg. Mannheim 06). Inzwischen hatten sich nämlich Staat und Gesellschaft organisiert. Im Oktober hatte die Regierung dem Streik isoliert gegenüber gestanden; andernfalls hätte sie gewiß die "in ihrer materiellen Bedeutung nicht sehr erheblichen Arbeiter" bald unterworfen gehabt (Katz). Die Arbeiter aber hatten sich durch ihre Methode der Abstoßung der liberalen Elemente selbst isoliert (Streltzow, p. 135). — Die Frankf. Ztg. meldet am 20. Juni 1907 aus Petersburg, die sozialdemokratische Konferenz habe darauf verzichtet, die Dumaauflösung mit dem Massenstreik zu beantworten, da dieser "mit Rücksicht auf die mangelnde Organisation des Proletariats" jetzt scheitern würde.
[639] Dies scheint z. B. M. Beer ("La grève générale, son histoire et sa signification", Dez.-Nr. von "The Social-Democrat", vgl. Bulletin Bibliographique de la Revue socialiste, Janvier 06, p. 125) zu tun; ähnlich Roland-Holst (a. a. O. und "Der politische Massenstreik in der russischen Revolution"). Vor derartigen Verallgemeinerungen warnen z. B. Streltzow a. a. O. und Bernstein a. a. O.
c) Die internationalen Arbeiterkongresse und der Klassenstreik.
§ 20.
Die Sozialisten schenkten der Klassenstreik-Idee anfänglich keine besondere Beachtung, und sie ignorierten auch die auf dem internationalen Kongreß in London 1888 französischerseits gemachten diesbezüglichen Andeutungen.[640] Um so eifriger bemühten sich die Anarchisten, diesen ihren Lieblingsgedanken[641] in die "Neue Internationale" einzuführen, erfuhren hierbei aber, wie bei allen ihren Projekten, schroffste Ablehnung.
[640] Vgl. Pouget (Enquête, p. 42).
[641] Die Anarchisten verdankten zum guten Teil dem G.-str. die Wiederbelebung ihrer Bewegung (vgl. Vliegen, "Der Generalstreik als politisches Kampfmittel", p. 195). Eine Anarchisten-Konferenz in London, im Frühling 1902, beriet über die Propaganda eines G-streiks in Deutschland, Österreich-Ungarn und Dänemark und beschloß die wöchentliche Verbreitung von 100 000 Exemplaren eines unter dem Titel "Generalstreik" zu gründenden Anarchistenblattes in den deutschen Gewerkschaften (vgl. N. Z. Z., Nr. 137, 17. Mai 02). — Neuerdings erklären die Anarchisten übrigens den G.-str. und die Gewerkschaft "als mächtige revolutionäre Mittel, aber nicht als Surrogat der Revolution" (vgl. die Resolution Malatesta vom internat. Anarchistenkongr. in Amsterdam am 31. Aug. 1907 [vgl. Frankf. Ztg., Sept. 07]).
Auf dem internationalen Kongreß in Paris 1889 hatte Tressaud den Generalstreik zur Verstärkung der gerade damals beschlossenen Maidemonstration, ferner als Eröffnungsakt der sozialen Revolution empfohlen. Aber nur zwei Delegierte unterstützten diesen Antrag, der von Liebknecht aufs Entschiedenste zurückgewiesen wurde.[642]
[642] Vgl. Prot. int. Kongr. Paris 1889, p. 126.
Der folgende Kongreß, Brüssel 1891, hatte sich u. a. mit der Stellung des Proletariats zum Militarismus zu befassen. Bei dieser Gelegenheit plädierte der holländische Anarchist Nieuwenhuis, nur von den holländischen und einem Teil der englischen und französischen Delegierten unterstützt, für den Generalstreik im Kriegsfalle. Aber sowohl dieser Vorschlag, wie auch Nieuwenhuis' Plan der Stellungsweigerung, wurde abgelehnt.[643] Eine Resolution der Engländer und Franzosen, wonach die Arbeiter "sich durch eine starke Organisation auf die Möglichkeit eines Generalstreiks vorbereiten" sollten,[644] erfuhr das gleiche Schicksal.
[643] Vgl. Prot. int. Kongr. Brüssel 1891, p. 24, 27-31.
[644] Vgl. Prot. int. Kongr. Brüssel 1891, p. 19.
Auf Antrag der französischen Sektion erschien sodann die Frage des Generalstreiks auf der Tagesordnung des Kongresses in Zürich 1893.[645] Eine Kommissions-Resolution, die allerdings nicht mehr zur Erörterung im Plenum gelangte, lehnte den Weltstreik ausdrücklich ab. Aber, offenbar unter dem Eindruck des erst kurz zuvor stattgehabten belgischen Wahlrechtsstreiks, erklärte jene Resolution den Massenstreik für eine unter gewissen Voraussetzungen "höchst wirksame Waffe nicht bloß im ökonomischen, sondern auch im politischen Kampfe". Dies ist das erste Aufflackern eines Flämmchens, das nach und nach zu einem ansehnlichen Feuerwerk angewachsen ist, und das den internationalen, vor allem aber den deutschen Sozialismus eine Zeit lang völlig beherrschte. — Der französische Antrag, den Generalstreik in allen Ländern zu dekretieren, sofern die Regierungen nicht innerhalb Jahresfrist dem Verlangen des Zürcher Kongresses nach einer internationalen Staatenkonferenz zur Durchführung des Achtstundentags entsprächen, wurde schon in der Kommissionsberatung abgelehnt. — Bei dem Punkte "Stellung der Sozialdemokratie im Kriegsfall" empfahl Nieuwenhuis wieder sein Militärstreikprojekt, das er diesmal auf die Reservisten und die für die Kriegsführung unentbehrlichsten Lohnarbeiter beschränkt hatte; es wurde aber wiederum abgewiesen.
[645] Vgl. Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 11, 17, 53 ff.
Bei Behandlung der proletarischen Wirtschaftspolitik berührte auch der Kongreß in London 1896 die Klassenstreikfrage.[646] Zwar hielt er "die Möglichkeit für einen internationalen Generalstreik nicht gegeben"; immerhin empfahl er den Ausbau der gewerkschaftlichen Organisation auch als Voraussetzung der Streikerweiterung auf ganze Industrien und Länder.
[646] Vgl. Prot. int. Kongr. London 1896, p. 29.
Da ein Teil der französischen Sozialisten mit dem Londoner Resultat unzufrieden war, verlangten die Allemanisten die Behandlung des Klassenstreiks auch auf dem Kongreß in Paris 1900.[647] Die Kommissionsminderheit, die sich, wie Legien hervorhob, bezeichnenderweise aus französischen, italienischen und solchen Delegierten zusammensetzte, in deren Ländern überhaupt noch keine Gewerkschaftsorganisationen bestanden, verlangte durch Briand die Vorbereitung des Generalstreiks zur Erreichung revolutionärer, wie reformistischer Ziele. Der Kongreß begnügte sich jedoch mit der Wiederholung des Londoner Beschlusses.
[647] Vgl. Prot. int. Kongr. Paris 1900, p. 7, 31 ff.
Am Amsterdamer Kongreß 1904 wehte aber bereits ein ganz anderer Wind. Auch in sozialistischen Kreisen hatte man nun nämlich angefangen, sich recht eifrig mit der Klassenstreikidee zu beschäftigen.[648] Infolge der Erfahrungen, die inzwischen bei mehreren Riesenausständen gemacht worden waren, infolge der Fortschritte anarchistischer Tendenzen in gewissen Gewerkschaftskreisen und infolge verstimmender politischer Ereignisse hatte sich eine Wandlung in der sozialistischen Kritik des Klassenstreiks vollzogen. Der Kongreß errichtete zwar wiederum eine scharfe theoretische Grenzlinie gegenüber der anarchistischen Generalstreikpropaganda, erklärte aber, daß der politische Massenstreik unter bestimmten Voraussetzungen, zu bestimmten Zwecken, akzeptiert werden müsse.[649] — Die Gegner des Klassenstreiks tadelten den kompromißartigen Charakter der Amsterdamer Resolution;[650] knüpfte sie doch die Verwirklichung des politischen Massenstreiks an so ungeheure Voraussetzungen, daß bei strikter Interpretation die Aufnahme des Klassenstreiks in das sogenannte Arsenal der proletarischen Kampfmittel illusorisch wurde. Die Anarchisten und Syndikalisten aber beklagten den parlamentarischen Beigeschmack der Resolution. Immerhin begrüßten sie dieselbe mit Genugtuung als eine Annäherung des internationalen Sozialismus an die "direkte Aktion".[651] Die Amsterdamer Resolution, diese Verlegenheitsresultante aus den von Land zu Land so verschiedenen proletarischen Tendenzen, gab allen Parteirichtungen Gelegenheit zu Lob und Tadel, weil sie im Grunde eben wirklich nur besagte: "Sans doute, la grève générale peut être utile, mais elle est impraticable".[652] — Auf dem Stuttgarter Kongreß von 1907 spielte der Klassenstreik keine Rolle mehr.
[648] Hiervon legt die vom Juni bis September 1904 erschienene internationale Enquête Zeugnis ab.
[649] Die Resolution der Allemanisten, die das Studium und die Vorbereitung des G-streiks, dieses wirksamsten Mittels der sozialen Revolution, verlangte, wurde abgelehnt, ebenso die Resolution der Guesdisten, die den G-str. als Organisations- und Kampfmittel anerkannte, ihn aber zur reinen Gewerkschaftsangelegenheit erklärte, deren bloße Unterstützung der sozialist. Partei obliegen sollte (vgl. Prot. int. Kongr. Amsterdam 1904, p. 27-30).
[650] Vgl. Wolfg. Heine, "Politischer Massenstreik im gegenwärtigen Deutschland?" p. 754.
[651] Diese Auffassung in anarchistischen Kreisen konstatiert z. B. Bömelburg (Prot. Gewerkfts. Kongr. Köln 1905, p. 218.)
[652] Vgl. "Chronique" du Musée sociale, Oct. 1904, p. 455.