II. SCENE.

(Im selben Arbeiterviertel wie im ersten Aufzug.)

Pendelfrederech, Lange Anna, Amadeus, Eduard, Carl, August Puderbach, Großvater Wallbrecker.

AMADEUS: Klopfen Se man tüchtig, de alte Pius schläft doch nich in de Nacht, die hat mit em Satan zu konferieren.

Lange ANNA: Un oben beim Wallbrecker sin de Fensterlöcher verstopft.

PENDELFREDERECH: (stößt Eduard stier an) Ich hab ’ne trockene Kehl’, Herr.

Lange ANNA: Du toter Maulwurf, was weißt Du von em Durscht!

PENDELFREDERECH: (zu Eduard) Wir sin ja beide auf de Himmelfahrtreis. (Er murmelt grausig. Eduard gibt ihm ein Geldstück.)

Lange ANNA: (betrachtet es höhnisch) Davon brauchst De mich nicks mitgeben, Frederech!

PENDELFREDERECH: Altes Ferkel!

AMADEUS: Wenn Sie de Carl sprechen wollen, Herr, der is im Wirtshaus un säuft ’en Fusel nach dem andern (Eduard bewegt) un de Aujust sitzt bei ihm un frißt Zucker aus seine Tasch und säuft mit ihm in Kömpanni.

EDUARD: (bewegt sich in der Richtung zum Wirtshaus.)

AMADEUS: (instinktiv) Ich will ihm herausholen, bleiben Sie man lieber hier.

PENDELFREDERECH: Hausknecht!

EDUARD: (hält Amadeus zurück).

Lange ANNA: (kreischt plötzlich auf, ähnlich wie am Abend, als Carl Pius seinen Arm verrenkte).

AMADEUS: Was is Dich, Lange Anna?

Lange ANNA: (Wimmert wie ein Weib).

PENDELFREDERECH: (murmelt böse).

AMADEUS: Wie ’n Schellenzug von de Großmutter bammelt Dein Ärmel am Leib herunter.

Lange ANNA: (quietscht leise Frederech ins Ohr).

PENDELFREDERECH: Altes Ferkel!

AMADEUS: (zur langen Anna) Du hast es auch ein bißchen zu weit getrieben.

Lange ANNA: Ich?

AMADEUS: Ja, das hast De; seit de Zeit hockt er im Fusel drin.

Lange ANNA: Hihihihi!

AMADEUS: Dat tut mich leid, leid tut mich das, er säuft ja sonst nicks. (Lieschens Vater kommt nach Hause, durch die kleine Seitengasse vom inneren Viertel her, man sieht ihn also nicht, hört nur, wie er mit der Faust krachend die Haustür aufstößt.)

AMADEUS: Ich merk das Poltern da. (Faßt auf sein Herz.)

PENDELFREDERECH: (murmelt böse) Aus de Bibelstunde kömmt er.

Lange ANNA: (stößt Eduard an die Schulter und quietscht höhnisch auf) Das war der Vater von es ....

PENDELFREDERECH: (murmelt grausig).

AMADEUS: Geheult hat es, als es in die Zwangserziehungsanstalt geholt wurd wie en Madame ihr Schoßpudel auf dem Weg zum Schlachthaus.

EDUARD: (bewegt).

Lange ANNA: Da werden se es man tüchtig durchbleuen für seine Liebhabereien. (Kleine Pause.) Mich hätt’ Ihr Bruder lieber nehmen sollen.

PENDELFREDERECH: Dir altes Ferkel? (Eduard bewegt.) Die Kleine versteht es feiner wie Du. Im Nachthemd spaziert es grad unterm Mond über die Dächer. Ich lag selber auf de Lauer und schnappte nach dem Glühwürmken.

AMADEUS: (zu Eduard, wehmütig) Einmal hab ich es ja auch gesehen.

Lange ANNA: Auf mir hat es in de Herrgottsfrüh nach der Oper (zeigt auf seinen Arm) unten an de Wupper gelegen.

AMADEUS: Ich war dem netten Dier gut.

Lange ANNA: (zeigt auf seinen Arm) Ich soll man niks de Polizisten erzählen von de Carl, es wär sein Schatz. Hihihihi!

PENDELFREDERECH: Verlogenes Ferkel, verkrochen hast De Dir vor Carl seine fette Faust.

Lange ANNA: Du lauerst wohl aus Dein Deckel?

(Carl und August kommen schwankend Arm in Arm aus dem Wirtshaus. Carl sieht grenzenlos verändert aus. Seine alte Primanermütze trägt August umgedreht auf einen Stock gespießt. Die drei Herumtreiber lachen, Carl erblickt Eduard.)

CARL: Nen Abend, Eduard, wie geht es mein Schatz Marzebillken? Se will mich doch heiraten. Ijo, ijo! (zu sich selbst sprechend im Ton seiner Großmutter) Carl, hast De Deine Großmutter lieb? (Kleine Pause. Im seligtrunkenen Ton) Ich hab Dich ja so lieb, Eduard.

AUGUST: (neidisch; er schwankt ebenfalls) Laß doch den Hungerleider stehn, Carl, er soll sich das Haar schneiden lassen.

AMADEUS: (zu August) Zeig meine beiden Kollegen molz de heilige Eva aus Deine Brieftäsch, Aujust. (Die Brieftasche hängt August aus der Hosentasche.)

EDUARD: Das ist Pius’ Brieftasche. (Es beginnt ein Wehen in der Luft.)

AMADEUS: Ein Spruch aus lateinlich steht auf der Hinterseit’.

EDUARD: (Er umfaßt Carl hinterrücks) Helfen Sie mir doch, Amadeus.

AMADEUS: Ich kann ihm nich untergreifen, mein gläsern Herz bricht in Splittern. (Wehleidig) En Sprung hat es schon.

Lange ANNA: Nehmt mir in de Mitte, versoffne Brüders. (Er stößt Eduard zurück, der taumelnd an Frederechs Brust fällt. Lange Anna drängt sich zwischen Carl und August.)

PENDELFREDERECH: Sin wir beide Todenvögels vereint.

(Carl, Lange Anna, August wanken über die Brücke von dort weiter. Der Nachtwind klagt wie ein Kind, Eduard fröstelt. Noch einmal klopft er leise an die Haustür von Pius’ Häuschen. Der Großvater öffnet sein Fensterchen und kräht.)

Gr. WALLBRECKER: Will se schon vertreiben de Nachtgespenster. (Er gießt eine Emaillekanne voll Wasser herunter.)

PENDELFREDERECH: (murmelt böse) Ich leg mir schlafen unterm Busch. (Eduard tritt mit gesenktem Kopf den Heimweg an.)

Ende

Zur Kenntnis: Das Original dieses Schauspiels ist en Wopperdhalerplatt geschrieben worden.

Druckfehlerberichtigung:

Seite 31, Zeile 10 von oben lies statt:

Sie liebt mir — Sie liebt mich. „Im Ton der Arbeiter“ muß wegfallen.

Von ELSE LASKER-SCHÜLER erschienen bisher:

STYX. Gedichte.
DER SIEBENTE TAG. Gedichte.
DAS PETER HILLE-BUCH.
DIE NÄCHTE TINO VON BAGDADS.

Anmerkungen zur Transkription

Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit einem anderen Schriftstil gekennzeichnet.

Die Schreibweise und Zeichensetzung des Originales wurden weitgehend beibehalten. Nur offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):