Die großen Novellisten der 70er und 80er Jahre.
Conrad Ferdinand Meyer, geb. am 12. Oktober 1825 in Zürich, gest. am 28. November 1898, ist der Meister der historischen Novelle, ein Dichter, der zwar nicht Gemeingut des deutschen Volkes werden wird, der aber den Kenner mit seiner fein ciselierten Goldschmiedearbeit immer entzücken wird. M.'s Novellen haben meist das Reformationszeitalter oder die Renaissancezeit als Hintergrund. Seine dichterische Laufbahn begann er mit dem Epos »Huttens letzte Tage«, ihm schlossen sich »Jürg Jenatsch«, »Hochzeit des Mönchs«, »Der Heilige«, »Versuchung des Pescara«, »Angela Borgia« u. a. an.
Gottfried Keller, geb. am 19. Juli 1819 in Glattfelden bei Zürich, gest. am 15. Juli 1890, neben Conr. Ferd. Meyer die bedeutendste schweizerische Dichtererscheinung der letzten Litteraturperiode, trat zuerst mit »Gedichten« und dem autobiographischen Meisterwerk »Der grüne Heinrich« vor die Öffentlichkeit, der erst 20 Jahre nach seinem Erscheinen die verdiente Würdigung fand und oft mit Goethes »Wilhelm Meister« verglichen wurde. Das Reifste und Schönste seiner Kunst bot K. in seinem nächsten Werk, der Novellensammlung: »Die Leute von Seldwyla«, der 1872 die »Sieben Legenden« folgten. Kulturbilder aus Zürichs Vergangenheit enthalten die »Züricher Novellen« und ebenso spielt der Roman »Martin Salander« auf schweizerischem Boden. Lebendige Phantasie, vermischt mit einem Zug ins Hausbackene, Kleinstädtische und ein liebenswürdiger, goldener Humor bilden die Grundzüge seines dichterischen Schaffens. K.'s Domäne ist die Novelle, und wie sehr er diese meisterte, hat kein Geringerer als Paul Heyse anerkannt, als er ihn den Shakespeare der Novelle nannte.
Theodor Storm, geb. am 14. Sept. 1817 in Husum, gest. am 4. Juli 1888, folgte den Spuren Goethescher Lyrik. Ihn zeichnet ein feiner Natursinn und echtes tiefes Empfinden aus, so daß seine Lyrik vorbildlich für die besten dichterischen Talente unter den Modernen geworden ist. Stifter und Eichendorff, vielleicht noch Mörike, mögen sein Schaffen am stärksten beeinflußt haben. Neben der Lyrik (»Gedichte«) ist es besonders die Novelle, der Storm seine Thätigkeit zuwandte und für deren Entwicklung und Ausbau er das Meiste beigetragen hat. Als die besten novellistischen Erzeugnisse gelten Storms »Immensee«, »Von jenseits des Meeres«, »Vor Zeiten«, »Ein stiller Musikant«, »Psyche«, »Am Nachbarhause links«, »Der Schimmelreiter«.
Paul Heyse, geb. am 15. März 1830 in Berlin, wurde als Jüngling von Geibel dem König Maximilian mit den Worten vorgestellt: »Ein junger Goethe, Majestät!« Er ist ein moderner Dichter, wenn es auch eine Zeitlang zum guten Ton gehörte, ihn als abgethan zu betrachten. H. weiß immer etwas zu sagen und hat moderne Probleme lange vor der »neuen Schule« behandelt, von der ihn nur technische Fragen scheiden. Ein guter Schilderer menschlichen Innenlebens, wenns nicht zu tief nach »innen« geht, bekundet er in seinen Novellen und Romanen, von denen viele auf italienischem Boden spielen, eine Vorliebe für die Verirrungen des Weibes, namentlich der Frau von 40 Jahren. Eine vornehme, edle Sprache zeichnet alle seine Werke aus, er ist der Dichter der Schönheit und der Leidenschaft, wenn auch der Künstler mehr als der Mensch an ihnen Anteil hat. Von seinen Novellen und Romanen, die fast durchwegs moderne Menschen zu Helden haben, die sich über Gesetz und Sitte erheben, um der Stimme ihres Herzens zu folgen, seien hier nur angeführt: »Novellen« von 1855, 1858, 1859, 1862, »Meeraner Novellen«, »Troubadour-Novellen«, »Kinder der Welt«, »Im Paradiese«, »Roman der Stiftsdame«, »Merlin«, »Über allen Gipfeln«. Auch seine dramatische (»Ludwig der Bayer«, »Graf Königsmark«, »Elfriede«, »Alcibiades«, besonders aber »Hans Lange«) und lyrische Produktion (»Gedichte«, »Neue Gedichte und Jugendlieder«) verdient Erwähnung.