Tendenzfreie Lyriker der jüngsten Zeit.
Detlev von Liliencron, geb. am 3. Juni 1844 in Kiel, war Offizier und wandte sich erst im reifen Mannesalter der Litteratur zu. Seine litterarische Stellung verdankt er hauptsächlich seinen Gedichten, in denen er sich als durchwegs subjektiver Dichter zeigt, dessen Werke den Stempel der Ursprünglichkeit und des Selbsterlebten tragen. (»Adjutantenritte«, »Gedichte«, »Der Haidegänger«, »Neue Gedichte«, »Ausgewählte Gedichte«, »Kämpfe und Ziele«.) Die Form seiner Werke ist nicht immer einwandfrei, weil oft ein burschikoses Sichgehenlassen hervortritt, aber die Unmittelbarkeit seiner Empfindungsdarstellung und die Frische seiner Gedanken vermögen wohl für diese Fehler zu entschädigen. Sein bester Roman ist »Breide Hummelsbüttel«, der in den Kreisen des holsteinischen Landadels spielt. Viel Lob ernteten auch seine Novellensammlungen: »Eine Sommerschlacht«, »Kriegsnovellen«, »Unter flatternden Fahnen« und sein neuester Roman: »Mit dem linken Ellenbogen.«
Gustav Falke, geb. am 11. Januar 1853 in Lübeck, steht hinsichtlich der Begabung Detlev v. Liliencron am nächsten. Obwohl seine Lyrik viel Formales enthält, hat er doch die Mittel, die höchsten und reinsten Wirkungen zu erzielen und den Leser in seine Stimmungen hineinzuzwingen. Gedichte: »Mynheer der Tod und andere Gedichte«, »Tanz und Andacht«, »Zwischen zwei Nächten«, »Neue Fahrt«, »Mit dem Leben«. Seinem stark realistisch gefärbten Hamburger Roman »Landen und Stranden« ließ er vor kurzem den psychologischen Roman eines fin-de-siècle-Menschen: »Der Mann im Nebel« folgen.
Carl Busse, geb. am 12. Nov. 1872 zu Lindenstadt in Posen, lenkte schon als Schüler die Aufmerksamkeit litterarischer Kreise auf sein dichterisches Schaffen. In seinen »Gedichten« und »Neuen Gedichten«, die in der Form von größter Reinheit sind, ist alles Farbe, Glanz und Stimmung. Seine Romane und Novellen entbehren der Charakteristik, während seine litteraturgeschichtlichen Untersuchungen feine Bemerkungen und treffende Urteile aufweisen.
Ludwig Jacobowski, geb. am 21. Januar 1868 in Strelno, Herausgeber der »Gesellschaft«, ist einer der fleißigsten und begabtesten der jüngeren Dichtergeneration. Seine Gedichte (»Aus bewegten Stunden«, »Funken«, »Aus Tag und Traum«, »Leuchtende Tage«), zeigen ein eigenartiges Gepräge, das auch in seinen Romanen »Werther der Jude«, »Loki« und der Novellensammlung »Und Satan lachte« zu Tage tritt.
Richard Zoozmann, geb. am 13. März 1863 in Berlin, mehr Dilettant als Dichter, gab eine ganze Reihe von Gedichtsammlungen heraus, von denen hier »Minneborn«, »Lieder, Romanzen und Balladen«, »Neue Dichtungen«, »Aus Herz und Welt«, »Aus allen Zonen« genannt sein mögen.
Reinhold Fuchs, geb. am 8. Juni 1858 in Leipzig, ist gleich ausgezeichnet als Lyriker wie als Epiker. Die Versnovellen »Strandgut« und »Herzenskämpfe«, drei Erzählungen in Versen, sind »goldene Früchte in silbernen Schalen« und brauchten den Vergleich mit Tennyson nicht zu scheuen.
Jeannot Emil Freiherr von Grotthuß, geb. am 5. April 1865 in Riga, Chefredakteur des »Türmer«, zeigt sich in seinen auch formell einwandfreien Gedichten »Gottsuchers Wanderlieder«, sowie in der Erzählung: »Der Segen der Sünde« als ein überzeugungstreuer Christ.
Ricarda Huch (recte Frau Ricarda Ceconi), geb. am 16. Juli 1864 zu Porte Alegre, bekundete in ihren im Denken und Fühlen modernen »Gedichten«, sowie in dem Roman »Erinnerungen von Ludolf Urslen dem Jüngeren« ein starkes poetisches Talent.
Alfred Beetschen, geb. am 8. Okt. 1864 in Aarau, ist ein feinsinniger, liebenswürdiger Dichter, dem auch Witz und Satire nicht fremd sind. Seine »Gedichte«, die er 1898 herausgab, spiegeln fast durchweg Selbsterlebtes und -empfundenes wider. Ein hübsches wenn auch nicht gerade bedeutendes novellistisches Talent spricht aus den »Flegeljahren der Liebe«.
Hans Bethge, geb. am 9. Januar 1876 in Dessau, der Jüngsten einer in der Litteratur, debütierte mit dem Skizzenbuche »Syrinx«, dem er Gedichte: »Die stillen Inseln« folgen ließ, in denen sich eine frische, fröhliche Jugend ausspricht, die aber dank des Storm'schen Vorbildes künstlerisch nicht auf Abwege gerät. Er ist ein Moderner und doch »unmodern«, weil er noch Ideale hat.
Anna Ritter, geb. am 23. Febr. 1865 in Coburg, gab 1898 »Gedichte« heraus, die die leidenschaftliche hingebende Liebe des Weibes in formvollendeten Versen zum Ausdruck bringen.
Johanna Ambrosius (recte Johanna Voigt), geb. am 3. August 1854 in Lengwethen, führte sich als »arme Bäuerin« in die Litteratur ein und verdankte dieser Darstellung einen großen buchhändlerischen Erfolg ihrer »Gedichte«.
Ludwig Palmer brauchte kaum als »Arbeiter« gleichsam entschuldigend in die Litteratur eingeführt zu werden. Ein großer Teil seiner »Lieder eines Arbeiters« sind, bei tiefem Gefühlsgehalt, in der Form tadellos.
Gustav Renner, geb. am 17. Oktober 1866 in Freiburg in Schl., war ursprünglich Buchbinder und ging dann zur Kunstmalerei über. Seine »Gedichte« erregten Aufsehen und wurden von der Kritik ebenso günstig aufgenommen, wie die »Neuen Gedichte«, die eher eine Steigerung als eine Abnahme seines dichterischen Könnens verraten.