I. Von Neapel bis Tunis.

Im Bureau Florio-Rubattino. – Neapolitanische Barkenführer bei Nacht. – Der Herr aus Mailand im Damensalon. – Addio, Napoli! – Die »Afrika« und ihr Kapitän. – Wie man in Cagliari Feste feiert. – Der Witzbold von Cagliari und der »nervöse Herr«. – Die weißen Handschuhe des Stewart. – Afrika in Sicht. – Ankunftsscherze.

Nach Rom führen bekanntlich alle Wege, von Rom nach Tunis aber nur zwei. Und diese beiden Wasserstraßen sind Monopol der großen italienischen Schifffahrtsgesellschaft Florio-Rubattino. Ihr muß man sich anvertrauen, ob man über Cagliari oder über Palermo der tunesischen Küste zustrebt. Das erweckt dem, der die italienischen Beförderungsmittel und ihre zweifelhafte Sauberkeit kennen gelernt hat, zunächst keine angenehmen Empfindungen. Und die ersten Schritte, die man thut, um sich für die Ueberfahrt einen Platz zu sichern, sind keineswegs geeignet, diese Besorgnisse zu zerstreuen. Die Bureaubeamten der Gesellschaft Florio-Rubattino ähneln an Schwerfälligkeit und begrenztem Auskunftsvermögen ihren Collegen von der Eisenbahn. Auf der Agentur in Rom befindet sich zwar ein Schalter mit der schönen Aufschrift »Informationen«, und dahinter sitzt ein sorgfältig frisirter junger Mann. Aber da er bei meinem Besuche gerade die »Riforma« las und sein Nachbar den »Don Chisciotte«, so konnte es nicht ausbleiben, daß erst ein längerer Meinungsaustausch in politischen Dingen, ein Rede-Duell »hie Cavallotti, hie Crispi«, stattfinden mußte, ehe der Mann der Informationen für das Publicum Zeit hatte. Dann wußte er nicht, wann der Dampfer für Cagliari aus Neapel abging, auch nicht, ob überhaupt ein Fahrplan der verschiedenen Linien existirte oder wieviel die Ueberfahrt kosten würde, sondern er wußte nur, daß man diese nützlichen Dinge »vielleicht« auf der Direction wissen würde. Ein um 11 Uhr nach dieser Centralstelle angetretener Gang bereicherte zunächst die allgemeinen Erfahrungen dahin, daß die directorialen Localitäten nur von 2 bis 6 Uhr geöffnet sind, offenbar um eine Ueberarbeitung der Betheiligten zu vermeiden. Der vierstündige Normal-Arbeitstag – welch' ein Ziel auf's Innigste zu wünschen – hier ist er eingeführt. Von 2–6 Uhr aber war man wirklich vorhanden. Nur war Genaues auch hier nicht zu hören. Dagegen kam ein riesiger Fahrplan zum Vorschein, groß genug, um eine Zimmerwand zu tapeziren. Leider verlor das kostbare Schriftstück einigermaßen an Werth durch die bei der Uebergabe ausgesprochene Bemerkung, man möge sich auf diesen Fahrplan nicht verlassen, denn Aenderungen seien sehr häufig. Endlich an der dritten Stelle, in Neapel, erlangt man nach einiger Mühe und unterschiedlichen Formalitäten Auskunft und Billet. Ein neuer Scherz steht erst bei der Bezahlung bevor. Der Beamte verweigert die Annahme italienischen Papiergeldes. Er verlangt Gold! Also eine italienische Gesellschaft, die von der Regierung mit jährlich 10 Millionen Lire subventionirt wird, schlägt die einzig gangbare italienische Münze aus und verlangt Gold, trotzdem man Jahre in Italien leben kann, ohne jemals ein italienisches Goldstück zu sehen. Französisches Gold, das bereitwilligst acceptirt wird, beseitigt auch diese Schwierigkeit, und endlich hat man die Bescheinigung in Händen, daß sich die Gesellschaft Florio-Rubattino verpflichtet, den Passagier bis nach Tunis zu befördern und zu beköstigen. In aller Eile leistet sich der Herr hinter dem Schalter noch die unwahre Mittheilung, daß die Gesellschaft für Ein- und Ausbarkirung der Passagiere und Bagagen Sorge trägt. Es fällt der Gesellschaft natürlich gar nicht ein, den Reisenden dieses mühevolle und kostspielige Geschäft abzunehmen.

Der nach Cagliari bestimmte Dampfer »Afrika« liegt im Hafen in respectvoller Entfernung vom Quai. Die Abfahrt erfolgt um Mitternacht. Irgend ein Grund zur Wahl dieser höchst unbequemen Stunde liegt selbstverständlich nicht vor, es sei denn der, daß man der Unverschämtheit der neapolitanischen Barkenführer gestatten will, sich in ihrer ganzen Glorie zu zeigen. Wie eine Horde Wilder stürzt das Gesindel dem nächtlichen Ankömmling entgegen. Es dauert eine Weile, ehe man sich auf einen einigermaßen entsprechenden Preis einigen kann. Kaum ist man auf halber Fahrt zwischen Quai und Schiff, als die Bootsleute unter Androhung der Umkehr das Dreifache des Ausbedungenen fordern. Auf geraden Wegen kommt man mit dieser Gesellschaft nicht vorwärts. Ich verspreche also Alles, was Jene wollen, werde dafür mit »Excellenza« angeredet und mit rührender Vorsorge sammt Gepäck an Bord befördert. Dort erweist sich die »Excellenza« für die plötzliche Standeserhöhung wenig dankbar, denn sie zahlt zur Strafe für begangenen Treubruch nur den ursprünglichen Tarif und nicht einen Soldo des mit Recht so beliebten Trinkgeldes. Darauf retirire ich schleunigst in die Kajüte. Hier ist man sicher, denn jetzt ist man die Beute des Stewarts, und der läßt andere Trinkgeldheischende nicht in seinen Bereich. Nach einem Wuthgeheul ziehen die neapolitanischen Hafenpiraten ab, und das Deck ist zu einer Orientirungspromenade frei. Groß ist die Passagierliste der »Afrika« nicht. Außer mir befindet sich nur noch ein deutsches Ehepaar an Bord, das ebenfalls nach Tunis will, und ein mailändischer Handlungsreisender, der mit der eigenthümlichen Rührigkeit dieser Gesellschaftsklasse bereits Mittel und Wege gefunden hat, sich den – Damensalon reserviren zu lassen.

Zauberisch schön ist der Blick vom Verdeck auf das nächtliche Neapel. Gedämpft klingt das nervenerschütternde Geräusch der lärmvollsten Großstadt herüber, in der, wie im Pariser Café Jacques Offenbachs, erst um Mitternacht das Leben beginnt. Feurigen Schlangen gleich, bergauf und bergab, durchziehen die langen Reihen der elektrischen und Gaslaternen die sich zu Bergeshöhe emporstreckende Stadt, in einige lichte Vorposten auslaufend am weit vorspringenden Posilipp. Schweigend und düster, ohne äußere Zeichen des im Innern wüthenden Feuers, überragt der Vesuv das wundervolle Nachtbild. Da schießen Raketen auf am Mercato, und bunte Feuersäulen antworten aus den höheren Theilen der Stadt, vom Capodimonte und vom Vomero. Man vergnügt sich in Neapel, wie fast allnächtlich, mit Feuerwerk. Während es drüben knattert und blitzt, während Leuchtkugeln und Schwärmer prasselnd zum Himmel fahren, setzt sich die »Afrika« langsam in Bewegung. Und bald versinkt Neapel mit seinem Lichterglanz und seinem fröhlichen Lärmen in's schweigende Meer, auf das der Mond seine zitternden Streifen breitet. Addio, bella Napoli! Es ist Zeit, die Cabine aufzusuchen.

Am andern Morgen ist die Toilette mit ungewohnten Schwierigkeiten verknüpft. Auf den Fußboden ist kein Verlaß, und das Waschbecken vollführt mit den Gläsern einen Contre-Tanz. Draußen bläst eine tüchtige Mütze voll Wind, und die »Afrika«, ein ziemlich kleines Schiff, läßt sich von den aufgeregten Wellen tüchtig werfen. Aus den übrigen Cabinen dringen seltsam stöhnende Laute, ein Beweis, daß man dort bereits an Neptun Tribut zahlt. Als die Schiffsglocke melodisch zum Frühstück ruft, versammelt sich der Herr Kapitän ganz allein am schwankenden Tische und läßt es sich stillvergnügt schmecken. Erst gegen Abend sieht der grimme Meergott, klüger, als mancher Finanzminister ein, daß Mägen, die immerfort hergeben sollen, auch Etwas einnehmen müssen, und zum Diner wird der liebenswürdige Lenker des Schiffes von der gesammten Vierzahl seiner Kajüten-Passagiere umgeben. Mit lebhafter Unterhaltung würzt er das Mahl. Zunächst betont er, daß er sich nur ausnahmsweise auf dem »Mittelländischen« bewege. Seine gewöhnliche Tour sei die transatlantische nach Buenos-Ayres und Rio de Janeiro. Nachdem wir hiervon mit gebührendem Respect Notiz genommen, entschuldigte er sich, daß er uns nicht in Neapel auf Deck begrüßt habe. Aber er könne Neapel nicht ausstehen und bleibe stets so lange in seiner Kajüte, als das Schiff im dortigen Hafen ankere. Ihm, dem Genuesen, sind die Neapolitaner die verhaßteste, greulichste »Rasse«. Er erklärte die Einwohner der bella Napoli kurzweg für die ärgsten Briganten der civilisirten Welt. Und wir können diesem landsmännischen Urtheile trotz seiner Schroffheit nicht ganz Unrecht geben. Jedenfalls ist das Gespräch ein Beweis für die Tiefe der Kluft, die sich in Italien zwischen Nord und Süd öffnet.

Das Diner an Bord ist im Uebrigen ausgezeichnet. Zum Schluß giebt es einen Marsala, der das Entzücken der Kenner erregt. Er stammt aus den Kellern Florio's, des sicilianischen Mitbegründers der Gesellschaft, der nicht nur Schiffsrheder, sondern auch Weinhändler ist. Eine seiner besten Marken wird auf den Schiffen gewissermaßen als Reclame-Weine credenzt. Es ist überhaupt an der Zeit, der Compagnie Florio-Rubattino eine Ehrenerklärung zu machen. Ihre Comptoirs am Lande mögen nicht tadellos eingerichtet sein, ihre Schiffe aber lassen Nichts zu wünschen übrig. Tadellose Sauberkeit, aufmerksame Bedienung, zweckmäßig eingerichtete Cabinen und brillante Verpflegung machen den Aufenthalt auf den Florio-Rubattino-Dampfern zu einem durchaus angenehmen.

Am Morgen des nächsten Tages kommt die Südküste Sardiniens und Cagliari, die Hauptstadt der Insel, in Sicht. Die Stadt ist malerisch auf schroff aus dem Golf emporstrebendem Hügel gelagert, zu dessen Füßen sich weite, öde Ebenen ziehen, die Salzsümpfe Cagliaris. Die Stadt ist sauber und nett. Abgesehen von einigen Bauten aus der Pisaner-Zeit giebt es eine hübsche, dem Fels abgerungene Terrassen-Promenade mit schöner Aussicht auf das Meer und die gelblich schimmernden Salzläger. Um so interessanter ist unser Spaziergang, zu dem ich mich den deutschen Reisegefährten angeschlossen habe, für die Einheimischen. Fremde scheinen hier noch ein seltener Artikel zu sein, denn halb Cagliari ist uns auf den Fersen, um die Inglesi zu bewundern. Als wir die Cagliaresen dahin aufklären, daß wir keine Engländer, sondern Deutsche seien, giebt es ein ungeheueres Staunen, daß diese klugen Prussiani ein verständliches Italienisch reden. Der Enthusiasmus hierüber setzt sich in eine feierliche Einladung um, ein abendliches Wohlthätigkeitsfest mit unserer Gegenwart zu verschönen. Trotzdem uns der Hauptgewinn der Tombola, ein sardisches Nationalcostüm und eine Büchse Sardinen so gut wie sicher versprochen wird, müssen wir doch mit schmerzlichem Bedauern ablehnen. Die »Asia«, ein anderer größerer Florio-Dampfer, der uns nach Tunis bringen soll, ruft die Säumigen mit greller Stimme an Bord.

Hier giebt es noch Manches zu beobachten, ehe die Schraube des Dampfers sich zu drehen beginnt. Zum Hafen steigt eine große Procession, unter Entfaltung vielen Pompes, hernieder. Musik, Pistolenschüsse, Feuerwerk, kurz Alles, was zu einem richtigen italienischen Rummel gehört, läßt sich vernehmen. Man feiert das Fest des heiligen Antonius von Padua. Wir schreiben den 16. Juni, und das Fest des Heiligen ist am 13. Auf meine bezügliche Frage kommt eine reizende Aufklärung. Cagliari zerfällt nämlich in vier Bezirke. Jeder Bezirk feiert seinen Festtag für sich, während jeweilig die drei anderen daran Theil nehmen. Auf diese höchst ingeniöse Art vervierfachen sich die Feiertage in Cagliari.

Unter den neu eingetroffenen Passagieren befindet sich ein behäbiger, junger Mann, der von einer ganzen Cohorte Abschied nehmender Freunde begleitet ist. Er macht furchtbaren Lärm, redet die Gepäckträger »meine Herren Cavaliere« an, drückt ihnen, als sie ihren Lohn heischen, gerührt die ausgestreckten Hände, wirft sich zur Begrüßung vor dem Kapitän auf den Bauch und läßt beim Abschied von den Gefährten klatschende Knallerbsen anstatt der Thränen auf das Verdeck fallen. Die Corona der cagliaresischen jeunesse dorée heult bei jedem dieser Impromptus vor Vergnügen. Kein Zweifel, wir haben einen der gefürchtetsten Witzbolde Cagliari's an Bord. Weniger vergnügt ist ein anderer Jüngling, der die Mütze tief in die Stirne gezogen hat und mit nervöser Hast, fortwährend sich erkundigend, ob man noch nicht abfährt, auf dem Verdeck herumläuft. Gerade als das Signal zur Reise gegeben wird, erfolgt unmittelbar Contreordre; denn vom Lande stößt ein Boot ab, das zwei lebhaft winkende Carabinieri enthält. Bei ihrem Anblick ist der nervöse junge Mann plötzlich verschwunden. Die Beamten der öffentlichen Ordnung klettern an Bord und schicken sich an, das Schiff zu durchsuchen, da man glaubt, daß ein seit Monaten aus dem Gefängniß ausgebrochener Gauner sich auf dem Dampfer befinde. Sehr schlau fangen die Herren Carabinieri ihre Nachforschung nicht an. Sie steigen in die verschiedenen Kajüten hinab und lassen die zahllosen Schlupfwinkel, die solch ein großer Dampfer bietet, undurchforscht. Ohne Resultat kehren die Carabinieri in ihr Boot zurück, und die »Asia« beginnt endlich ihre Fahrt gen Süden.

Unten in seiner Cabine liegt der nervöse Herr, läßt sich Eisumschläge machen und hat das »sardinische Fieber«. Auch zu Tische erscheint er nicht, dafür setzt sich der Witzbold, geladen mit angenehm zur Tafel passenden Scherzen, neben den Kapitän. Aber der erwartete Beifall bleibt vollständig aus. Ist es nun diese schmerzliche Enttäuschung oder der Umstand, daß die »Asia« die hohe See erreicht hat und in weichem Rhythmus sich zu heben und zu senken beginnt – plötzlich wird der Witzbold bleich, murmelt ein paar Worte, stürzt nach seiner Koje und wird nicht mehr gesehen.

Die vorhin gerühmten Vorzüge der »Afrika« finden sich in verstärktem Maße auf der »Asia« wieder. Letztere, ein Steamer, der bisher die Route Genua-Bombay befuhr, ist ein mächtiges Schiff mit eleganter Einrichtung und elektrischer Beleuchtung. Der Kapitän, ebenfalls Genuese, ein schmales, feines Männchen, gebietet über einen unversiegbaren Redestrom, dem es ganz gleich ist, ob er sich über die Klippen der Politik, der Philosophie oder des Klatsches ergießt. Küche und Keller sind wiederum vorzüglich, und der Stewart bedient bei Tische sogar in weißen Handschuhen. Dieser Luxus wirkt um so beruhigender, als der Ganymed die entschiedene Neigung hat, beim Serviren den Daumen in die Suppe zu stecken. Dem Stewart sei diese angenehme Manier nicht abzugewöhnen, versichert der Kapitän, und deshalb habe er einen täglichen Wechsel der Handschuhe angeordnet. Man könnte sonst im Consommé am Ende die Spargelsuppe von gestern schmecken. Der Kapitän ist ein Gourmet. Jedenfalls nimmt er hier seinen Ausgangspunkt zu einem halbstündigen Speech über die Macht der Gewohnheit. Dazu schaukeln von der Salondecke herab einige Orchideenkästen, leise den weichen Bewegungen des Schiffes folgend. Kein Wunder, daß sich bald allgemeine Müdigkeit einstellt und die Cabinen frühzeitig aufgesucht werden. Der Kapitän stopft sich ein frisches Pfeifchen und steigt, über eine Gesellschaft kopfschüttelnd, die seine Unterhaltung genießt und dennoch müde werden kann, langsam zum Deck empor.

Am andern Morgen frühzeitig kommt die afrikanische Küste in Sicht. Zuerst erscheint ein kahles Inselchen mit einem kleinen Leuchtthurm, dann, als man in den Golf von Tunis einläuft, das Vorgebirge von Karthago mit den weißschimmernden Häusern des Dorfes Sidi bou Saïd, und bald darauf zeigen sich die schlanken Thürme der Kathedrale, die auf den Trümmern Karthagos errichtet ist. Man nähert sich La Goulette, der früheren Hafenstadt von Tunis, und plötzlich weicht der frische Seewind dem glühenden Hauche, der vom Lande herüberweht. Das ist der heiße Athem Afrikas, der Scirocco.

Während früher die Dampfer in La Goulette anlegten und die Passagiere mit einer kleinen Bahn, die sich im Besitz von Florio-Rubattino befindet, nach Tunis befördert wurden, haben die Franzosen seit zwei Jahren einen Kanal eröffnet, der in Länge von einer Stunde die Lagune von Tunis, den See El Bahira durchschneidet. Für die Reisenden ist dadurch eine große Bequemlichkeit geschaffen, denn sie fahren jetzt unmittelbar bis an den Quai von Tunis. Den Schaden hat La Goulette und vor allen Dingen die italienische Eisenbahn.

Bevor wir im Kanal einlaufen, nehmen wir den Lootsen an Bord, der in einem mit vier Negern bemannten Boote herankommt. Gleichzeitig betreten die Postbeamten, nacktfüßige Araber in malerischen Gewändern, mit ihnen schwarze Gepäckträger und zudringliche Hôtelführer das Schiff. Man hat jetzt den vollen Blick auf das grellweiße Häusermeer von Tunis, das sich vom Strande bis zu einer Hügelkette, von welcher die Stadt im Süden umschlossen wird, emporzieht. Die »Asia« legt an, eine Treppe stellt die Communication mit dem festen Lande her, arabische und schwarze Träger ergreifen die Bagage und schleppen sie zur Douane, die höflich und ohne große Peinlichkeit geübt wird. Am bequemsten ist es, sich dann einem Hôtel anzuvertrauen, dessen Beamter das Nöthige besorgt. Meine deutschen Reisegefährten wollen Privatlogis aufsuchen, und im Nu haben sich sämmtliche anwesende Droschkenkutscher der verschiedenen Gepäckstücke bemächtigt und führen einen erbitterten Faustkampf um die Beute. Rathlos steht das Ehepaar mitten in dem tollen Gewühl, das sich zu einer allgemeinen Hauerei entwickelt, an der alle am Hafen Anwesenden vergnügt theilnehmen. Ich sehe nur noch, wie der Handkoffer von Madame als Wurfgeschoß benutzt wird und einem stämmigen Neger an den Kopf fliegt, wobei jedenfalls der Handkoffer mehr Schaden nimmt als der wollige Dickschädel. Dann führt mich der Omnibus zu den gastlichen Pforten des Grand-Hôtel.


II.
Stadt und Bevölkerung.

Culturbild auf der Trambahn. – Markthallen und Bazare. – Palast des Bey. – Der Herr Oberst nimmt Bakschisch. – Tunesisch-französische Sittlichkeit. – Sadok Bey und seine Getreuen. – Die »Ritter vom Zähringer Löwen«.

Der dem Hafen und der Lagune El Bahira zunächst gelegene Theil von Tunis macht durchaus den Eindruck einer mittleren, französischen Provinzstadt. Unmittelbar neben der Hafendouane klingelt dem Ankömmling die Pferdebahn entgegen, und wenige Schritte weiter steht ein Grand Café de Paris. Ein breiter, baumbepflanzter Boulevard führt geradlinig bis nach dem Mittelpunkt des europäischen Verkehrs, der Avenue de France. Elegante Läden mit Pariser Novitäten, zahllose Cafés und Restaurants nehmen diese Straße ein. Man würde sich in Europa wähnen, wenn sich nicht hie und da über einer Hofmauer der schlanke Hals eines Kameels erhöbe oder auf flüchtigem Roß ein Araber mit nachflatterndem weißen Burnus über den Weg dahingaloppirte. Ein frappantes Beispiel, wie in Tunis Orient und Occident einander berühren, bieten die vorbeirollenden Sommerwagen des Tramway. Die Conducteure sind meist Malteser, die Kutscher pechrabenschwarze Neger. Im Passagierraum sitzt neben dem tadellos gekleideten französischen Beamten ein schmutzig brauner Berber, neben der eleganten Modedame, deren riesige Ballonärmel sich im Winde blähen, die breithüftige Jüdin in ihren engen, um das Knie zusammengeschnürten Hosen, die zuckerhutförmige, spitze Behauptung auf dem Kopfe. Ein junger Lieutenant der Chasseurs d'Afrique klemmt das Monocle ein und fixirt ein Araberweib, aus deren schwarzer, das Antlitz dicht verhüllender Gesichtsmaske die dunklen Augen lebhaft hervorleuchten. Ein ganzes Culturbild – solch' ein tunesischer Pferdebahnwagen.

Im modernen Theile der Stadt liegen die Bahnhöfe: der italienische für La Goulette, La Marsa (Residenz des Beys) und Carthago; der französische für Hammann el Lîf, Biserta und Algier. In der Rue d'Allemagne erhebt sich ein prachtvolles, sehr zweckmäßig eingerichtetes neues Postgebäude und nicht weit davon das umfängliche Viereck der Markthallen. Diese, wie alle europäischen Markthallen, sind im Grunde nichts Anderes, als eine solidere Nachahmung der türkischen Bazare, Sûks genannt, in denen sich die Läden an überwölbten Wegen zusammendrängen. Das Leben und Treiben in diesen vornehmlich der europäischen Colonie dienenden Räumen ist besonders zur Vormittagszeit eigenartig. Zunächst fällt dem Beschauer auf, daß alle Verkaufsstände von Männern eingenommen werden. In Tunis giebt es also keine Hökerweiber, sondern nur Hökermänner. Die Geschwätzigkeit scheint aber nicht am Geschlecht, sondern am Gewerbe zu hängen, denn die Verkäufer vom männlichen Stamme reden mindestens eben so viel, wie ihre deutschen Colleginnen. In der Mitte des weiten Hofes erhebt sich der im maurischen Stil kokettirende Fisch-Pavillon. Dort herrscht der meiste Lärm – wiederum tout comme chez nous. Im Hofe lagern nachlässig dahingestreckt schmutzige Kameele, und in dichten Reihen drängen sich mißmuthige Esel aneinander, die riesigen Marktkörbe auf dem Rücken. Zwischen der Thierwelt hocken Araber und Juden, zanken, feilschen und gerathen sich einander in die Haare. Der französische Polizist, correct und scheinbar waffenlos – er trägt einen Revolver unter dem Rocke – mischt sich nur ein, wenn der freundschaftliche Streit in allzu grobe Thätlichkeiten ausartet. Durch all diesen Wirrwarr schreiten mit der Ruhe der Gewohnheit die Damen der europäischen Colonie und machen ihre Einkäufe. Jede hat einen braunen, barfüßigen Berberjungen hinter sich, in dessen seltsam geformten, runden Tragekorb die Waaren gelegt werden. Die kleinen Kerle, die sich bescheiden an den Thoren der Markthalle mit den Worten »Madame, moi porter«, anbieten, tragen eine sackartige Kapuze über Kopf und Rücken. Ueber diese Kapuze ziehen sie die Schnur des Korbes um die Stirn und schleppen so mit dem Kopfe oft ganz beträchtliche Lasten. Kostspielig sind diese kleinen, hübschen und stets vergnügten Dienstmänner nicht; denn sie geben sich mit ein paar Sous zufrieden, die dann das Capital bilden für ein am Nachmittag mit einigen Collegen zu entrirendes kleines Jeu. Sie spielen mit sehr schmutzigen Karten und ungeheurem Eifer ein Hazardspiel, das mit Poker eine gewisse Aehnlichkeit zu haben scheint.

Der europäische Theil der Stadt reicht bis zur Porte de France, die architektonisch sehr wirksam die Avenue de France abschließt. Dies war früher die streng verschlossene Hauptpforte von Tunis, und ihre jetzt Tag und Nacht weit offen stehenden Thürflügel, über denen die stolze Chiffre R. F. (République Française) prangt, bezeichnen den Weg, durch den die abendländische Cultur ihren Einzug gehalten hat. Von der kleinen Place de la Bourse, die sich hinter dem Thore rundet, streben fächerförmig vier Straßen nach den verschiedenen Quartieren, in denen sich die Hauptstämme der Bevölkerung, die Araber und Mauren, die Malteser und Juden, zusammengeschlossen haben. Die wichtigste dieser Verkehrsadern, die schmale Rue de la Kasbah, führt in unablässigem Zickzack durch das Herz des arabischen Quartiers nach der Kasbah, der Citadelle von Tunis. Ein Gang durch diese Gasse versetzt den Spaziergänger sofort in die bunte Welt des Orients. In malerische, weite weiße Gewänder gehüllt, den Turban oder den Fez auf dem Haupte, sitzen würdevolle Araber mit gekreuzten Beinen in ihren winzigen Lädchen und Werkstätten und harren geduldig eines Käufers. Behutsam watscheln voluminöse Jüdinnen vorbei, deren gassenfüllender Corpulenz schwer auszuweichen ist, und, stummen Schatten gleich, huschen vermummte Araberfrauen scheu die Mauer entlang. Rechts und links öffnen sich Ausblicke in die dem Fremden untersagten Thorbögen einer Moschee oder in majolicagepflasterte Höfe, in denen sich buntgekleidete, lustige Kinder tummeln. Das Alles giebt ein Bild, das, so oft es auch geschildert worden ist, seinen ganzen, geheimnißvollen Reiz erst ausübt, wenn man es selbst erschaut. Was gerade dem aus Italien kommenden Fremdling sehr angenehm auffällt, das ist die Ruhe auf der Straße, das zurückhaltende Benehmen der Bevölkerung, die Sauberkeit der Häuser. Kein überflüssiges Geschrei der Verkäufer, keine kindisch belästigende Neugier und alberne Zudringlichkeit, keine ekelerregenden Schmutzhöhlen. Man sagte mir einmal als Entschuldigung für das widerwärtige Treiben, das in den schmutz- und lärmerfüllten Straßen Neapels herrscht, Neapel wäre schon mehr eine afrikanische, als eine europäische Stadt. Man hat mit diesem leichtsinnigen Ausspruche Afrika schweres Unrecht gethan. Das unsauberste und übelriechendste Quartier von Tunis ist denn auch richtig das der Malteser und Italiener.

Nur in den tunesischen Bazars oder Sûks gebrauche man dieselbe Vorsicht, die in den Läden Neapels und Venedigs angebracht ist. In den engen Abtheilen dieser an bedeckten Straßengängen sich entlang ziehenden Verkaufshallen liegen wahrhafte Schätze an Schmucksachen, kostbaren Essenzen, prachtvollen Teppichen und Seidenstoffen verborgen. Aber schon der Einkauf einer Kleinigkeit gehört zu den zeitraubendsten und unangenehmsten Aufgaben. Die meisten Händler sprechen und verstehen nicht Französisch. Man ist also auf einen Dolmetsch oder Führer angewiesen und diesen Herrschaften, die mit den Kaufleuten unter einer Decke stecken, ist erst recht nicht zu trauen. Die wenigen, fremde Sprachen beherrschenden Verkäufer wollen aus diesem Vorzuge besonderes Capital schlagen und verlangen enorme Preise. Wer unbedingte Sachkenntniß besitzt – es wimmelt von allerlei gefälschten Kostbarkeiten! – wer die Geduld hat, drei- bis viermal den Laden zu verlassen und sich eben so oft wieder zurückholen zu lassen, wer so zäh ist, daß er ungefähr den fünften Theil des ursprünglich Verlangten bietet und an diesem Standpunkte stundenlang annähernd festhält, der wird vielleicht in den Sûks kaufen können, ohne allzu arg übervortheilt zu werden. Wer aber diese Sachkenntniß nicht besitzt oder aber ungeduldigen Temperamentes ist, der verzichtet besser auf die zweifelhaften Freuden eines Einkaufes.

Verläßt man die Bazare und wandelt bis an's Ende der Rue de la Kasbah, so erreicht man einen baumgeschmückten Platz, der von der alten Citadelle, der jetzigen Kaserne des französischen Zuaven-Regiments, dominirt wird. Zu ihr im rechten Winkel steht das Schloß des Beys, das jedem Besucher zugänglich ist. Allzu viel ist freilich darin nicht zu sehen. Man zeigt einige Säle mit schönen Stuckfiligran-Plafonds, dann die Privatzimmer des Bey mit wurmstichigen Möbeln, endlich den früheren Berathungs-Saal mit dem sehr wackeligen Thron – wohl symbolisch aufzufassen! – und einer den Ministertisch überziehenden, ehemals rothen Decke, die so fleckenbesät ist, als hätten die dereinstigen Würdenträger von Tunis ihre ganze Wuth über den Tractat mit den Franzosen in Tinte verspritzt.

Als Führer durch alle diese Sehenswürdigkeiten dient ein beleibter, uniformirter Herr, dessen stolze Brust mit Orden bedeckt ist und vor dem die tunesischen Wachen präsentiren. Es ist der »Schloßhauptmann«, der den martialischen Titel »Oberst« führt. Mit Würde geleitet er mich wieder zur Pforte und hält dann die Hand hin. Sollte der Herr Oberst etwa ein »Backschisch« wollen? Bädeker sagt in seiner mit Recht so beliebten Kürze: Trinkgeld 1 Franc. Es ist auch mehr als genug in Anbetracht der mäßigen Wunderdinge, die der Palast enthält. Aber einem Herrn, der so hoch auf der tunesischen Rangliste hält und so viele schöne Orden besitzt, einen Franc zu geben, ist mißlich. Ich wage es dennoch, in der Befürchtung, daß der gekränkte Würdenträger mir die Münze vor die Füße werfen oder mich auf krumme Türkensäbel fordern wird. Nichts von alledem. Der Herr Oberst macht einen tiefen Bückling, sagt ein gerührtes »Merci« und murmelt ein paar arabische Worte, die nach Aussage meines Dolmetschers bedeuten: Beehren Sie mich bald wieder.

Der Bey und seine Getreuen sind nämlich sehr knapp bei Kasse. Dahin sind die schönen Zeiten, wo der Fürst und seine Minister ungezählte Millionen von ihren lieben Unterthanen erpreßten. Die Franzosen haben die Verwaltung in die Hand genommen, Seiner Hoheit die Schulden bezahlt und ihm außerdem eine jährliche Rente von einer Million Francs ausgesetzt. Davon muß der zur Ruhe gesetzte Ali Bey seine Hofhaltung und seine Armee (250 Mann stark) bestreiten. Kein Wunder, daß der Sold nicht immer prompt gezahlt wird. Und man versichert glaubwürdig, daß der Herr Oberst, der Commandirende des Schlosses, lediglich auf die Fremden-Trinkgelder angewiesen sei. Der Bey, ein alter Herr von 80 Jahren, residirt in seiner Villa zu La Marsa, die dicht am Meer und wenige Minuten von den »Trümmern Carthago's« entfernt liegt. Dort hat er seinen Marstall und seinen stark besetzten Harem, der freilich, Angesichts des hohen Alters des Fürsten, mehr decorativen Zwecken dient.

Die einzige Herrscherthätigkeit, die der Bey noch ausübt, ist die Rechtsprechung. Bei wichtigeren Criminalfällen, besonders zu solchen, auf denen Todesstrafe steht, begiebt der Bey sich nach der Stadt und sitzt zu Gericht. Doch giebt es einen Recurs gegen seinen Richterspruch an den obersten Kadi. Auch sonst ist die Jurisdiction über die Eingeborenen in den Händen der tunesischen Richter geblieben, während in allem Uebrigen das französische »Protectorat« in Wahrheit die französische Herrschaft bedeutet.

Die hiesige französische Garnison, deren Commandant zugleich tunesischer Kriegsminister ist, besteht aus je einem Regiment Zuaven, Chasseurs d'Afrique und Spahis. Besonders die Zuaven sind ein brillantes Corps. Schlanke Leute mit kühnen, gebräunten Gesichtern, denen die im türkischen Stile gehaltene Uniform – man kennt sie in Deutschland von 1870 her – vortrefflich steht. Wenn die Schaarwache der Zuaven des Abends im Laufschritt, Trompetengeschmetter vorauf, und die Mannschaft mit Fackeln in der Hand, die Straßen der Stadt durcheilt, begleitet von Neugierigen in den buntscheckigsten Gewändern, so bietet dieser Aufzug einen Anblick von ganz besonderen phantastischen Contouren.

Die Araber von Tunis sind im Allgemeinen von weit friedlicherer Art, als ihre Stammesgenossen in Marokko. Sie lassen sich ruhig das französische Regiment gefallen, ohne es freilich zu lieben. Wenigstens sind sie der ewigen Steuererpressungen ledig, unter denen sie früher zu leiden hatten. Die Franzosen sind auch klug genug, die Gewohnheiten und Eigenthümlichkeiten der Eingeborenen zu respectiren. Z. B. darf kein Europäer die Moscheen betreten, während jene von Algier dem Besucher freigegeben sind. Nur im Punkte der öffentlichen Sittlichkeit sind die neuen Herrscher energisch vorgegangen und mit dem Erfolge, daß in dieser Beziehung Tunis den meisten europäischen Großstädten zum leuchtenden Muster dienen konnte. Selbst in der Nacht sind die Straßen rein von zweifelhaften Elementen, und der Fremde, der nach Tunis geht, um »Sittenstudien« zu machen, kommt nicht auf seine Kosten.

Das hier Erreichte ist um so bemerkenswerther, als in Tunis in den siebziger Jahren die zügellosesten Zustände herrschten. Sadok Bey, Ali's Vorgänger, gab seinen Unterthanen nicht die besten Beispiele in seiner persönlichen Führung. An seinem Hofe machte sich die ausgesprochenste Günstlingswirthschaft breit, ja die sämmtlichen Minister und Vertrauensmänner des Fürsten verdankten ihre Stellungen weniger ihrer Tüchtigkeit, als – anderen Eigenschaften. So war der allmächtige Vezier, Mustapha ben Ismaïl, ursprünglich Barbiergehilfe gewesen, ehe er es verstanden hatte, dem Bey durch seine Schönheit aufzufallen. Seitdem leitete er die Geschicke des Reiches, dessen Kasse er nicht selten mit der seinigen verwechselte. Als seine Herrlichkeit zu Ende ging, konnte er wohlgezählte 80 Millionen Francs redlich gestohlener Gelder mit auf den Weg des Ruhestandes nehmen. Der schnöde Mammon ist freilich nicht bei ihm geblieben. Der gute Mustapha ging nach Frankreich, und dort haben ihm die freundlichen Damen von Paris und die Croupiers von Monte-Carlo seinen Reichthum allmählich wieder abgenommen. Der Reichskanzler und Millionär a. D. lebt jetzt in Konstantinopel von einem Gnadengehalt, das ihm der Sultan zahlt. Mustapha ben Ismaïl war allerdings der Hauptspitzbube, aber er hatte zahlreiche Genossen, die mit ihm um die Wette raubten und plünderten. Man kann sich kaum einen Begriff machen, woher diese Blutsauger die Unsummen genommen haben, denn Tunis, arm an Industrie und Handel, ist keineswegs ein reiches Land.

Die Erinnerung an diese saubere Gesellschaft wurde kürzlich auf eine für Deutschland nicht gerade rühmliche Weise aufgefrischt. Von Baden aus recherchirte man zu irgend einem statistischen Zwecke nach dem Verbleib der tunesischen – Ritter vom Zähringer Löwen. Es waren, wenn ich recht berichtet wurde, drei Würdenträger des Sadok Bey, die wahrscheinlich bei einem fürstlichen Besuch den hohen Orden erhalten hatten. Die Schicksale des einen Decorirten, eben jenes Mustapha ben Ismaïl, habe ich eben erzählt, der zweite ist gestorben oder verschollen, der dritte heißt Elias Chaloum und war früher Kriegsminister. Jetzt ist er etwas bescheidener geworden und fungirt als – Steuereinnehmer an der Bab el Kadrah mit einem Gehalte von 3 Francs täglich. Ob er bei seinem jetzigen Geschäfte immer den »Zähringer Löwen« trägt?


III.
Tunesische Vergnügungslocale.

Zuaven-Concerte. – Der Bauchtanz. – Die »Beuglants«. – Die Riesendame haut. – Mr. Rheyal und der Moralist von Tunis. – Auf den Trümmern von Carthago. – Bjil Kader. – Ein afrikanisches Seebad.

Es mangelt nicht an abendlichen Vergnügungen in Tunis. Zwar die Theater, von denen eines den für Schaubühnen nicht ganz gewöhnlichen Namen Teatro Cohn führt, spielen im Sommer nicht. Dafür giebt es Zuaven-Musik, arabische Cafés und französische Tingel-Tangels, nach Pariser Muster »Beuglants« genannt.

Die Zuaven-Kapelle läßt sich wöchentlich drei Mal auf der kleinen Promenade der Avenue de la Marine hören. Dort sitzen die Musiker auf eleganten Gartenstühlen, und in weiter Corona um sie herum das lauschende Publicum. Das Programm ist jedenfalls nicht vom chauvinistischem Standpunkte aus aufgestellt. Seine Haupt- und Paradestücke bilden eine Phantasie aus der »cavalleria rusticana« – selbst in Tunis kann man den Wimmertönen des Intermezzos nicht entgehen – Weber's »Aufforderung zum Tanz« und Beethovens »Adagio aus der Cis-Moll-Sonate«. Die Leute spielen ganz brav, aber das Beethoven'sche Adagio von einem kriegerischen Trompeter-Corps vorgetragen zu hören, bleibt ein zweifelhafter Genuß, zumal, wenn man ihn öfters hat. Und da die Zuaven immer dasselbe Programm executiren, mit kleinen Variationen nur in den Nebenstücken, so sind die Verdienste des Dirigenten um die tunesische Musikpflege keine ganz unbestrittenen.

Die großen arabischen Cafés, die von den Fremden hauptsächlich besucht wurden, des dort gezeigten Bauchtanzes wegen, der seit der Weltausstellung auch in Paris heimisch ist, gruppiren sich um den viereckigen Platz Halfa-Ouïne. Seit einiger Zeit ist jedoch den dortigen Etablissements die Erlaubniß zur Production des Bauchtanzes entzogen worden, und die Cafés von Halfa-Ouïne dienen jetzt nur noch zur Erholung für die arabischen Elegants, die sich allabendlich in dichten Schaaren einfinden und mit Andacht ihren »Kaoua« schlürfen. Der Bauchtanz hat sich in die Stadt zurückgezogen und kann dort von kunstsinnigen Interessenten aufgesucht werden. Sehr comfortabel sind die betreffenden Locale nicht. Eine Bretterbude mit Segeltuch bedeckt und mit langen Holztischen ausgestattet, an denen die Gäste sitzen. Im Hintergrunde erhebt sich die kleine bühnenmäßige Estrade, auf der das Tänzerinnen-Corps Platz nimmt. Es sind Mauresken oder Jüdinnen, mit interessanten, scharfgeschnittenen Gesichtern, die sie häufig durch eine kinnbartartige Tätowirung entstellen. Die obligate Musik besteht aus Clavier, Mandoline und Flöte. Sie ist von hervorragender Eintönigkeit. Die ersten beiden Instrumente bewegen sich unausgesetzt auf Mitteltönen, und dazu wirft die Flöte, alle drei Tacte etwa, ein paar gellende Quietscher ein. Der »Bauchtanz«, der zu dieser nervenreizenden Musik geleistet wird, besteht in einem eigenthümlichen, halb wiegenden, halb watschelnden Schreiten, das von heftigen, krampfartigen Zuckungen der mittleren Körpertheile begleitet wird. Hat sich die Tänzerin bis zu einem gewissen Grade begeistert, so feuert sie ein schaurig-schöner Chorgesang der Gefährtinnen zu weiterem Thun an. Die Bewegungen werden immer heftiger und wilder, bis die tunesische Balleteuse erschöpft innehält und – sammeln geht. Die Dame, deren Bauchkünste zu schauen mir vergönnt war, hatte dabei ihren besonderen Truc. Von den einheimischen Gästen nahm sie ruhig den üblichen Sou entgegen, bei den Fremden aber wies sie das Kupfer zurück und verlangte Silber. Als diesem Verlangen nicht entsprochen wurde, schmollte die Schöne und erklärte, ihre anregende Thätigkeit nicht eher wieder aufnehmen zu wollen, bis sie Silber gesehen habe. Um diesem »Bauchtanz-Strike« ein Ende zu machen, zogen wir es vor, das Local zu räumen. Noch ehe wir die Schwelle erreicht hatten, war die strikende Tänzerin bei uns, erklärte sich jetzt bereit, auch Kupfer zu acceptiren, und streckte das mit Hennah roth gefärbte Händchen hin. Ich begnügte mich, der jungen Dame freundschaftlich die Hand zu drücken. Die Undankbare aber bewies keinen Sinn für civile Umgangsformen, denn sie überhäufte mich mit einer Fluth nationaler Schimpfworte.

Durchaus im europäisch-pariserischen Stile gehalten sind die »Beuglants«. Es giebt deren in unmittelbarer Nähe der kurzen Avenue de France nahezu ein Dutzend, die sich durchweg mit dem Namen der großen Pariser Tingel-Tangels brüsten. Man trifft da eine »Horloge«, ein »Café des Ambassadeurs«, ein »Grand Eden« u. s. w. Gepflegt wird hauptsächlich das französische Chanson und der Pariser Cancan. Die Leistungen sind fast durchweg gräßliche. Es muß ein ungelöstes Räthsel bleiben, wie es den artistischen Leitern der besagten Etablissements gelungen ist, eine solche Menge ältlicher, häßlicher und total stimmloser Damen aufzutreiben. Die Eintrittspreise sind freilich sehr niedrig bemessen, aber der Besuch einer Vorstellung wird trotzdem ziemlich kostspielig durch die Sitte des Einsammelns seitens der »Künstler«. Wie eine Fußnote des Programms ausdrücklich mittheilt, erhalten die Artisten seitens der Direction nur die Beköstigung und sind im Uebrigen auf die Erträgnisse des Sammelganges angewiesen. Sowie also die Chansonnette ihre Nummer erledigt hat, schlägt sie ein Tuch um die entblößten Schultern und steigt zum Volke herab. Sie ist dabei bescheidener als ihre arabische Collegin, denn der übliche Obolus im Betrage von einem Sou wird stets mit Dank in Empfang genommen. Da aber ungefähr 20 Damen an der Vorstellung theilnehmen, deren Jede bei der Kürze ihrer Nummern zwei- bis dreimal zum Sammeln kommt, so ergiebt sich ein ganz nettes Sümmchen, das der Besucher für die zweifelhaften Genüsse aufzuwenden hat. Das Hübscheste an den Vorstellungen sind allerlei Episoden, die nicht auf dem Programm stehen. So geschah es eines Abends im Grand Eden, daß ein mißmuthiger Araber sich nicht nur weigerte, seinen Sou zu spenden, sondern der drängenden Sängerin noch einen Fußtritt versetzte. Auf der Stelle erhielt er von zarter Hand eine so kolossale Ohrfeige, daß er buchstäblich vom Stuhle fiel. Als das Publicum dieser muskulösen Vertreterin des schwachen Geschlechts Ovationen brachte, lehnte sie diese bescheiden mit dem Bemerken ab, sie sei früher – »Kraftdame« gewesen.

Ein anderes Intermezzo ereignete sich in den »Ambassadeurs«, wo Mr. Rheyal de Paris, »diseur des chansons rabelaisiennes« auftrat. Das Chantant befindet sich in einem offenen Garten, und als Mr. Rheyal sich gerade mitten in einem seiner saftigsten Vorträge befand, erscholl plötzlich vom Dache eines Nachbarhauses der liebenswürdige Ruf: »Sie Possenreißer, hören Sie doch endlich auf mit ihren Schw…! Ganz verblüfft antwortete Mr. Rheyal: »Aber das Lied ist von Béranger.« »Mir gleich,« klang es zurück, »Schw… sind es doch.« Man sieht, es giebt noch streng moralische Leute in Tunis.

Die Umgebung der Stadt bietet manche Gelegenheit zu Ausflügen. Obligatorisch sozusagen ist natürlich die Fahrt nach Carthago. Man benutzt hierzu die italienische Eisenbahn von Florio-Rubattino, eine höchst merkwürdige Anlage. Sie verbindet Tunis mit La Goulette und La Marsa in einem regelrechten Dreieck. Da die Station für Carthago zwischen den beiden letztgenannten Orten liegt, so differirt die Fahrtdauer zwischen 30 Minuten und 1½ Stunden, je nachdem man eine oder mehrere Seiten des Dreiecks absolviren muß. Um sich in dem verzwickten Fahrplan dieser Kleinbahn zurecht zu finden, dazu gehört an sich schon ein beträchtliches Orientirungsvermögen.

Man verläßt den Waggon in La Malka, einem kleinen schmutzigen Berberdorfe, in dem das Vieh in innigster Gemeinschaft mit dem Menschen lebt. Der triste Ort verdient aber doch eine eingehendere Besichtigung. Er ist nämlich auf den Cisternen Carthagos erbaut, die verhältnißmäßig gut erhalten sind. Die Bewohner benutzen diese Baulichkeiten als Keller, Ställe oder Sommerfrische. Als ich mich in eine der mächtigen unterirdischen Wölbungen wagte, störte ich zunächst das Wochenbett einer Katze, dann traf ich einen ehrwürdigen älteren Herrn, der Wein pantschte, und endlich drei wild blickende Berber, die bei Fackelschein einen arabischen Dreimänner-Skat klopften.

Von La Malka aus sind es nur wenige Schritte bis zur Byrsa, dem Burghügel von Carthago. Er war der Mittelpunkt des wüthenden Schlachtens, als Scipio seine Legionen gegen die verzweifelten Carthager führte. Jetzt liegt der niedere Hügel freundlich im Sonnenlichte, und sein Plateau krönt eine gewaltige, im orientalischen Stil erbaute Kathedrale, deren impertinent weißer Anstrich das Auge blendet. Die Kirche verdankt ihr Entstehen dem bekannten Cardinal Lavigerie, der bei seinem 1892 erfolgten Tode hier beigesetzt wurde. Außer dieser Grabstätte bietet das in großen Dimensionen gehaltene Innere nichts Sehenswerthes. Hinter der Kathedrale liegt ein freundlicher Garten, der einige minderwerthige Antiken, ein kleines Museum und die Kapelle mit der angeblichen Grabstätte des heiligen Ludwig beherbergt. Sein Standbild überragt den Altar.

Von den ursprünglichen Riesenbauten der Byrsa ist Nichts erhalten geblieben. Am östlichen Abhange hat man einige Gräber- und Häuser-Ueberreste bloßgelegt. Diese stammen aber ersichtlich aus der späteren, römischen Zeit. Verläßt man den Garten und tritt an den Nordrand des Hügels, so hat man den vollständigsten Ueberblick über das Gesammtterrain der alten Carthager-Stadt. Tief unten zur Rechten erblickt man die beiden in ihrer Form wohl conservirten, kreisrunden Häfen, den Militär- und den Handels-Hafen. Beide sind durch eine schmale Landzunge getrennt, über die einst die starke Umfassungsmauer hinweglief, die den Militärhafen einschloß. Zur Linken erstreckt sich eine breite, hügelige Einsenkung dreiviertel Stunden weit bis zu dem steil in's Meer abfallenden Cap Carthago, auf dessen Vorsprüngen sich ein Leuchtthurm und das stattliche Araberdorf Sidi bou Saïd erheben. Zwischen der Byrsa und dem Cap lag der Haupttheil der alten Stadt. Heute sieht man auf diesem Terrain nur ein paar vereinzelte Häuser, darunter eine der Bruderschaft vom heiligen Ludwig gehörige Missionsschule. An Ausgrabungen werden gezeigt die Reste einer römischen Basilika, eine angeblich punische Nekropole mit zahlreichen unterirdischen Grabgängen, endlich die sogenannten »kleinen Cisternen«, die von der französischen Verwaltung vollkommen restaurirt worden und zur Wasserversorgung der Umgegend bereit sind.

Einige authentische Ueberreste des ältesten Carthago finden sich hart am Ufer des Meeres. Es sind die gewaltigen Unterbauten einer antiken Construction, wahrhaftige Riesenblöcke, die den Stürmen der Römer und den Verheerungen der Jahrtausende getrotzt haben. Im Schatten dieser Trümmer läßt es sich gut ruhen, vor sich das tiefblaue Meer, über das hie und da ein weißes Segel zieht. Plötzlich wird die Idylle unterbrochen durch ein langgezogenes, in unmittelbarer Nähe erklingendes Trompetensignal. Es kommt vom nahen Fort Bordj Djdid. Bjil Kader, mein kleiner Führer, ein strammer Berberjunge aus der Malka, meint in seinem gebrochenen, aber ganz passablen Französisch: »Ich möchte jetzt Zuave sein, denn es bläst zum Essen.« Der kleine Kerl hat überhaupt schnurrige Einfälle und waltet seines Führeramtes mit solchem Eifer, daß er mir einen vorbeifahrenden, älteren Herrn als den (seit Jahren verstorbenen) Cardinal Lavigerie bezeichnet. Es ist Zeit zur Rückkehr nach der Station. Dort ist der Zug bereits eingetroffen, aber da der Zugführer gehört hat, daß sich ein Fremder auf Carthago befinde, so kommt es ihm auf ein paar Minuten Wartens nicht an. Bjil Kader steckt mit seligem Lächeln die beiden als Extragabe erhaltenen Cigaretten auf einmal in den Mund und behauptet, daß er jetzt weit besser dampfe als die Locomotive. Dann leistet sich das Dampfrößlein einen dünnen Pfiff, und bald sind die öden und doch so reizvollen Gefilde, auf denen sich einstens eine der größten Culturstätten des Alterthums befand, dem Blicke entschwunden.

Ein anderer, landschaftlich genußreicher Ausflug führt nach dem am Ostrande des Golfes von Tunis gelegenen Hammam el Lîf. Die Verbindung nach dort vermittelt ein Secundärstrang der französischen Eisenbahn. Schon die kurze Fahrt bietet prächtige Ausblicke. Zur Linken breitet sich das Meer, zur Rechten läuft eine Hügelreihe, die mit malerischen Forts, Dörfern und Heiligengräbern besetzt ist. Die Bahntrace führt geradenwegs auf den seltsam geformten Bou Kornin zu, einen Berg, der mit seinem lang hingestreckten Vorgelände und seinem Doppelgipfel einem riesigen, in der Ruhe versteinerten Kameel auf's Haar gleicht. Am Südhange des Bou Kornin liegt Hammam el Lîf, seit langer Zeit wegen seiner heißen Schwefelquellen der beliebteste Badeort für die wohlhabende jüdische und arabische Bevölkerung von Tunis. Neuerdings hat sich ein französisches Unternehmer-Consortium gebildet, das die kühne Absicht hegt, Hammam el Lîf zu einem fashionablen Seebade zu gestalten. Sehr viele Umstände begünstigen die Ausführung des Planes. Der Strand hat weichen Sandboden, und die Tiefe des Meeres nimmt nur ganz allmählich zu. Der Wellenschlag ist für südliche Verhältnisse kräftig, die Lage des Ganzen zauberhaft und die Temperatur angenehm und milde. Die Gesellschaft hat bereits Straßen abgesteckt, einige luftige freundliche Villen errichtet und ein imposantes Casino mit Restaurationsterrasse, Spielsälen, Garten und Sommertheater geschaffen. Das provisorische Bade-Etablissement ist dagegen ziemlich primitiv. Es wird trotzdem, hauptsächlich Sonntags, von der französischen Colonie stark frequentirt.

Der Besuch des Casinos hat allerdings seit vorigem Jahre Rückschritte gemacht. Damals waren die Spielsäle Abend für Abend überfüllt, denn man fand dort all die netten, kleinen Spielgelegenheiten, durch die sich Monaco so vortheilhaft auszeichnet. Vornehmlich die arabisch-jüdische jeunesse dorée oblag hier mit rühmlichem Eifer dem Roulette. Der neue französische Gouverneur hat diesem Treiben zur geringen Freude der Casinogesellschaft ein Ende gemacht, und jetzt beherbergt der Spielsaal nur noch die zahmen petits chevaux, eine Unterhaltung, die immerhin in Ermangelung einer besseren lebhaft gewürdigt wird. Es ist entschieden ersprießlicher, den heißen Raum zu verlassen und sich den Sonnenuntergang zu betrachten, der Berg und Meer mit den herrlichsten, fast könnte man sagen unwahrscheinlichsten Farben-Reflexen vergoldet. Es ist ein selten schönes Fleckchen Erde, dieses Hammam el Lîf, und es könnte eine gefährliche Concurrenz werden für die heimatlichen Seebäder, wenn es – etwas näher zu Berlin läge.


IV.
Vom tunesischen Judenthum.

Werk der alliance israélite in Tunis. – Schulen und Schüler. – Parienti's Ackerbaucolonie. – Eine orthodoxe Hochzeit. – Die genudelte Braut und ihr Toilettenwechsel. – Povero sposo!

Ein großartiges Unternehmen hat die Alliance israélite durch die Begründung ihrer hiesigen Schulen in's Leben gerufen. Die jüdische Bevölkerung von Tunis beträgt über 40000 Seelen. Für die Kinder dieser Gemeinde gab es bis in die neueste Zeit nur die primitiven Rabbinatsschulen, in denen ausschließlich hebräischer Religions- und Leseunterricht ertheilt wurde. Auf Betreiben des Barons de Castelnuovo, eines italienischen Philanthropen, richtete die Alliance ihr Augenmerk hierher und eröffnete 1878 in einem zu diesem Zwecke erworbenen Hause zuvörderst eine Knabenschule. Trotz des Mißtrauens, das die Rabbiner und der überwiegende Theil der jüdischen Bevölkerung gegen die abendländische Neuerung hegten, betrug dennoch schon die Anfangsfrequenz 750 Schüler, ein Erfolg, der in erster Reihe dem Umstande zu danken war, daß nicht nur der Unterricht gratis ertheilt, sondern auch allen Kindern, die darauf Anspruch machten, freie Beköstigung gewährt wurde. Auch sonst wurde des guten Zweckes wegen diplomatisch vorgegangen, indem man für den Anfang den Lehrkörper hauptsächlich mit Rabbinern besetzte und nur einige wenige Elementarlehrer anstellte. Allmählich mit dem Erstarken des Unternehmens wurde hierin Wandel geschaffen. Zur Zeit sind die Rabbiner lediglich auf den Religionsunterricht beschränkt. Alle übrigen Fächer: Französisch, Arabisch, Arithmetik, Geschichte und Geographie, werden von wissenschaftlich gebildeten Lehrern ertheilt.

Im Jahre 1880 wurde dann eine Mädchenschule gegründet, die mit 22 Zöglingen begann. Hier war als einzige Bedingung der Aufnahme europäische Kleidung der Mädchen vorgesehen. Bald darauf eröffnete man ein drittes Werk, eine Art Vorschule (école maternelle), in der die ganz Kleinen, und zwar Mädchen und Knaben zusammen, die ersten Weisheitslehren empfangen. Die Entwickelung dieser Schulen von ihren Anfängen bis zur Gegenwart ist eine ganz außerordentliche. Sie umfassen jetzt 1200 Knaben, 600 Mädchen und 400 Vorschüler. Daneben ist ein ausgedehnter Handwerksunterricht eingerichtet, verbunden mit einem Abendcursus, der es den Handwerksschülern ermöglicht, ihre Schulstudien fortzusetzen. Mit besonderer Vorliebe wird seitens der Schüler das Buchdruckerei-Gewerbe erlernt. Aber auch Wagenbauer, Marmorarbeiter, Kunstschmiede etc. werden ausgebildet.

Die Schulen der Alliance sind nunmehr in zwei Häusern untergebracht, von denen besonders das den Mädchen reservirte ein stattliches, freundliches Gebäude ist. Die Einnahmen des Unternehmens bestehen aus einer den Schulen überwiesenen Fleischsteuer, einer baaren, von der Regierung gezahlten Subvention, Ueberschüssen aus den Miethserträgen der Häuser und den Zuschüssen der Alliance. Die Ausgaben für Beköstigung und Bekleidung der Zöglinge haben sich vermindert. Man hat nicht mehr nöthig, diese Vergünstigungen als Lockmittel für den Schulbesuch auszuwerfen, nachdem die Eltern allmählich eingesehen haben, welche Vortheile ihren Kindern durch einen geregelten Unterricht zuwachsen. Nur den wirklich Bedürftigen wird noch der Freitisch gewährt. Weniger erfolgreich ist man mit der Einführung eines entsprechenden Schulgeldes gewesen. Kaum acht Procent der Unterrichteten zahlen Schulgeld, aber man hofft mit der Zeit auch hier eine Besserung zu erzielen.

Als vortrefflich sind die wissenschaftlichen Resultate der Schule zu bezeichnen. Sie besitzt das Recht, ihren nach bestandenem Schluß-Examen abgehenden Schülern das brévet élementaire auszustellen, das zum Ertheilen von Unterricht an jeder französischen Normalschule berechtigt, und verleiht dieser Diplome jährlich ungefähr zehn. Die Abiturienten ohne Schluß-Examen erhalten ein »Studienzeugniß«, das ihnen bei der Erlangung von Stellen, insbesondere bei der französischen Administration, von großem Nutzen ist. Von derartigen Zeugnissen werden durchschnittlich siebzig pro Jahr ausgestellt. Ein gleiches Certificat erhalten die Mädchen, wenn sie die Schule verlassen. Der beste Beweis für die Leistungen des Instituts ist wohl die Thatsache, daß bei dem letzten Schul-Wettbewerbe die israelitische Schule die höchste Auszeichnung erhielt. Sie wurde hors concours gestellt.

Der Lehrkörper besteht aus dem Director, einigen Rabbinern und circa zwanzig Elementarlehrern, von denen mehrere aus der Anstalt selbst hervorgegangen sind. An der Mädchenschule unterrichten eine Vorsteherin und zehn Unterlehrerinnen. Darunter befanden sich noch vor Kurzem zwei deutsche Damen, die Vorsteherin, Frl. Ungar, und die Lehrerin, Frl. Braun. Beide wirken gegenwärtig in Adrianopel.

Bemerkenswerth ist, daß der Lehrplan nur sogenannte »moralische« Strafmittel kennt. Schläge, Einsperren, Strafarbeiten etc. sind ausgeschlossen. Man bewirkt dadurch, daß die Kinder mit Freuden die Schule besuchen, und ein Nachtheil für die Disciplin ist durch diese Milde noch nirgends erwachsen. Ueberhaupt ist der moralische Einfluß der Schule sehr hoch anzuschlagen. Tausende von Kindern, die früher der Straße oder der einseitigen, orthodoxen Erziehung unwissender Eltern überantwortet waren, wachsen nun unter der sicheren Obhut der Schule zu gebildeten, gesitteten Menschen heran. Noch unberechenbarer ist der Nutzen für den weiblichen Theil der Schüler. Die Lehren, welche die Mädchen hier im jahrelangen Unterricht empfangen, verhindern sie, sich später wieder dem haremartigen, unwürdigen Scheinleben der tunesischen Jüdinnen anzupassen, und so ist die stetig wachsende Zahl der weiblichen Zöglinge die beste Gewähr für die allmähliche Ermöglichung einer Emancipation von den bisherigen erniedrigenden Gewohnheiten.

Ich verdanke die bezüglichen Mittheilungen der Freundlichkeit des gegenwärtigen Directors der Schulen, Herrn Parienti. Herr Parienti, trotz seines italienischen Namens ein Franzose, ist eine sympathische Erscheinung mit energischen Gesichtszügen und scharfblickenden Augen. Er wurde erst vor Kurzem nach Tunis berufen, nachdem er bis dahin für die Alliance in Rußland thätig gewesen war. Herrn Parienti's eigenster Initiative ist ein weiterer Schritt nach Vorwärts zu verdanken. Anläßlich einer Urlaubsreise nach Paris erwirkte nämlich Herr Parienti beim Präsidium der Alliance Erlaubniß und Mittel zur Gründung einer Ackerbauschule. Bereits wurde ein geeignetes Terrain von 1550 Hektar erworben, dreiviertel Stunden von Tunis entfernt bei Djédéida gelegen. Im October 1895 ist die Besitzung mit einem halben Hundert Knaben belegt worden, die bei vollkommen freier Station unter fachmännischer Leitung praktisch und theoretisch den Ackerbau erlernen werden. Zum ersten Mal seit Bestehen der Schule in Tunis hat sich anläßlich dieses agricolen Unternehmens auf französischer Seite eine gewisse Opposition bemerkbar gemacht, die darauf hindeutet, daß man die jüdische Concurrenz im Ackerbaufache fürchtet. Herr Parienti hat als einzige Antwort darauf die Mittheilung ergehen lassen, daß er bereit sei, bis zu einem bestimmten Procentsatze auch Knaben katholischen wie mohamedanischen Glaubens kostenfrei in seine Ackerbaucolonie aufzunehmen.

Ein Rundgang durch die Schulen, auf dem Herr Parienti mich in liebenswürdigster Weise geleitete, zeigte ein sehr freundliches Bild. Die Knabenschule ist in einem Gebäude der rue Malta Strida untergebracht, in dessem Vordertracte sich elegante Miethwohnungen befinden, deren eine der Director inne hat. Durch den Hausflur gelangt man in einen langen, viereckigen Hof, der mit schattenspendenden Bäumen bepflanzt ist. In einer zweistöckigen Veranda, die diesen Hof umgiebt, befinden sich die ca. 20 Schulzimmer, die sich durchweg lustig und hell präsentiren. An den Hof schließt sich ein Garten, der für die Spiele in den Pausen freigegeben ist. Ein großer Gartensaal dient als Refectorium für die von der Anstalt Beköstigten. Das Haus, in dem die Mädchen und die ganz Kleinen lernen, liegt im arabischen Viertel in der Nähe der place Carthagéna. Es hat den Typus eines italienischen Palazzo und birgt hohe, geräumige Säle, deren Fußböden und Wände mit Porzellan ausgelegt sind. Hier befindet sich auch eine vielbenutzte, kleine Schülerbibliothek.

Während unseres Rundganges war Unterrichtszeit, und ich konnte mich von dem guten Aussehen und der Sauberkeit der Schüler, ihrer frischen, intelligenten Art, zu antworten, selbst überzeugen. In Geschichte und Geographie hörte ich durchweg tadellose Antworten. Sogar in Deutschlands Geographie zeigte sich eine höhere Klasse vortrefflich beschlagen. Hier sah ich auch Aufsätze über schwierige, meist historische Themata, die stilistisch wie orthographisch fehlerlos waren. Wenn man bedenkt, daß das Französische den tunesischen Kindern im Grunde eine fremde Sprache ist, so ist das hier Erreichte als ganz außerordentlich zu rühmen. In der Mädchenschule entwickelte sich das Frage- und Antwortspiel weniger im gewohnten Gleise, denn die jungen Damen bewiesen dem unerwarteten Besuche so viele Neugier, daß die Aufmerksamkeit ganz erheblich darunter litt. Auch die hier vorgelegten Hefte wiesen häufigere orthographische Mängel auf. Doch soll ja auch außerhalb Tunis die Orthographie nicht die stärkste Seite der weiblichen Bildung sein.

Ich verließ die Anstalt mit herzlichem Danke für Herrn Parienti und mit hohem Respect vor dem schönen, humanen Culturwerke, das die Opferwilligkeit der Alliance und der beharrliche, zielbewußte Eifer der Lehrkräfte auf diesem schwierigen Terrain errichtet haben.

Wenige Tage später hatte ich Gelegenheit, zur rechten Contrastwirkung einen Blick in die fremde Welt des orthodoxen, tunesischen Judenthums zu thun. Durch Vermittelung des Hotelführers, der in seinen Mußestunden übrigens »College« des Herrn Parienti, nämlich Vorsteher einer kleinen Rabbinatsschule ist, erhielt ich Zutritt zu einer jüdischen Hochzeit. Die dabei erscheinenden Sitten und Gebräuche ähneln in mancher Hinsicht sehr stark den arabischen, wie denn auch die Stellung der jüdisch-tunesischen Frau sich um Weniges über das Niveau des Haremdaseins erhebt. Selbst die Vielweiberei soll unter den Juden von Tunis im Gebrauche sein. Herr Parienti verneint dies zwar, sondern giebt blos einen außerordentlichen Leichtsinn im Scheiden und Wiederverheirathen zu, von anderer Seite aber wurde auf's Bestimmteste versichert, daß eine ganze Reihe von Haushaltungen mit mehreren Herrscherinnen besetzt sei, von denen freilich nur die Erste völlige Legitimitätsrechte habe.

Der traditionelle Hochzeitstag ist der Mittwoch, die Zeit für den Beginn der Ceremonie der späte Nachmittag. Gegen 5 Uhr ist der enge Zugang zur Synagoge, die im Souterrain eines unscheinbaren Hauses liegt, mit Kindern und Bettlern reich besetzt. Aus den Gitterfenstern und von den flachen Dächern der benachbarten Häuser sehen unzählige, grell bunt gekleidete Mädchen, darunter reizende Typen, auf die Straße hinab. Der Hochzeitszug des Bräutigams läßt nicht lange auf sich warten. Ihm schreitet eine Schaar von Knaben voraus, die unter der Aegide eines blinden Cantors einen schrecklich mißtönenden Singsang vollführen. Der Bräutigam, ein hochgewachsener, stattlicher Mann, Apotheker seines Zeichens, hat tadellosen schwarzen Salonanzug, Gehrock und runden Hut angelegt. Seine Verwandten und Freunde tragen sich dagegen höchst zwanglos. Einige sind nach europäischer Manier, die meisten orientalisch gekleidet.

Das Innere der Synagoge, der größten, die Tunis besitzt, bietet wenig Besonderes. Es ist ein niederer, ziemlich beschränkter Raum. In der Mitte steht die Kanzel und ringsumher im regellosen Durcheinander ziehen sich Holzbänke, die mit Matten bedeckt sind. Die Frauen besuchen hier die Synagoge nicht, beanspruchen also auch keinen besonderen Raum für sich. Die Ceremonie ist rasch erledigt. Der Rabbi psalmodirt einige Gebete, die von der Gemeinde wiederholt und durch Wippen mit den Füßen begleitet werden. Die kleinen Sänger von vorhin treiben in einem Winkel Unfug. Mein Führer fühlt den Schuldirector in sich erwachen. Er kneift den Haupträdelsführer in's Ohr und verspricht den übrigen die Bastonnade, wofür jede Rabbinatsschule eine besondere Maschinerie besitzt. Kurz, es geht nicht übermäßig andächtig zu im tunesischen Gotteshause.

Nach erledigter Andacht begiebt sich der Zug zum Hause der Braut. Der kleine Hof, sauber mit blauweißen Majolikaplatten gepflastert, wird von der Gefolgschaft des Bräutigams eingenommen, an den engen Gitterfenstern der Wohnräume pressen sich Verwandtschaft und Freundinnen der Braut und über die hohe Hofmauer hinweg schauen die neugierigen Nachbarinnen, von denen man nur die Köpfe sieht, die sich scharf gegen den tiefblauen Himmel abheben. Ein seltsames Bild von fast beängstigender Farbenfülle!

Die Brautführer verschwinden über eine halsbrecherische, schmale Stiege im Inneren des Hauses. Der Eine kehrt alsbald mit einer Stange wieder, aus der eine riesige weiße Hand mit Fackeln statt der Finger befestigt ist. Nach einigen Minuten erscheint, von Vater, Mutter und Verwandten sorglich geleitet, die 16jährige Braut. Es ist keine Kleinigkeit, das junge Mädchen ungefährdet die steile Treppe herabzubringen, denn die Verlobte ist von einer unglaublichen Corpulenz. Bei ihrem Erscheinen bricht Alles in den gellenden, nervenzerreißenden Ruf: Girigirigi aus. Dieses im Laufe der Ceremonie fortwährend wiederholte Zauberwort soll ganz vortreffliche Eigenschaften für den guten Verlauf der Ehe besitzen. Man befördert die Braut glücklich durch den Hof, setzt sie auf einen Stuhl und lehnt sie an die Mauer. Stehend nimmt der Bräutigam neben ihr seinen Platz. Die Braut trägt ein orientalisches außerordentlich reiches Gewand aus himmelblauem Atlas dicht mit Gold besetzt. Von der hohen, zuckerhutförmigen Haube hängen kostbare Münzen herab, die unförmigen, roth gefärbten Finger sind mit Ringen besteckt. Ein langer, weißer Schleier verhüllt die Gesichtszüge nur wenig. Sie sind regelmäßig, aber schlaff, aufgequollen und apathisch. Wie das junge Mädchen, ohne sich zu rühren, dasitzt, als ob die ganze Sache sie gar Nichts anginge, während die Fackeln phantastische Lichter über ihre goldstrotzenden Kleider werfen, gleicht es einem exotischen Götzenbilde auf ein Haar.

Diese dumpfe Apathie der Verlobten ist übrigens kein Wunder. Ganz nach mohamedanischer Anschauung gilt auch dem tunesischen Juden die dickste Braut für die schönste. Darum werden die unglücklichen Geschöpfe vom Momente ihrer Verlobung an regelrecht genudelt. Sie dürfen sich keine Bewegung machen, müssen Unmengen von Kouß-Kouß essen, eine mit gepfeffertem, durstreizendem Fleisch gefüllte Mehlspeise, und so schwellen die armen Wesen oft zum Doppelten und Dreifachen ihres bisherigen Umfanges auf.

Der Rabbi spricht nunmehr den Segen über das Paar, der Bräutigam steckt einen Ring an die fleischige Hand der Erkorenen, Beide nippen an einem Glase Rothwein, das dann zu Boden geworfen wird, und die religiöse Feier ist zu Ende. Die Herrenwelt beginnt sich in gierigster Weise um die Weinreste in der für das Ehepaar benutzten Flasche zu balgen, da der Aberglaube diesem Weine eine besonders glückbringende Kraft zuspricht. Dann wird die Braut in ihre Gemächer zurücktransportirt, denn erst am nächsten Morgen zu Beginn der zweitägigen Schmauserei betritt sie ihr künftiges Heim.

Schon in der Frühe beginnt das Gelage. Die Tafel ist schmucklos, aber mit Speisen in verschwenderischem Maße überladen. Das oben geschilderte Nationalgericht Kouß-Kouß bildet auch hier die pièce de résistance. Getrunken wird hauptsächlich Schnaps, besonders ein in Tunis fabricirter süßlich-scharfer Anisette. Mehrere Gäste berauschen sich sehr rasch, indem sie die diversen Schnäpse mischen. Toaste, die Schrecken europäischer Hochzeitstafeln, kennt man hier zum Glück nicht. Wer das Bedürfniß fühlt, seinem überquellenden Gefühle für die Verehelichten Luft zu machen, der geht hin und küßt das Paar auf die Wangen. Schon dachte ich an einen geordneten Rückzug vor den immer neu anstürmenden Massen von Speisen und Getränken, als sich mir ein Brautführer mit geheimnißvoller Miene nähert und mir mittheilt, daß mir als dem Ehrengaste mit zwei anderen Honoratioren die Ehre zugedacht worden sei, der Braut bei ihrem demnächstigen Toilettenwechsel – sie trägt während der Festesdauer sieben verschiedene Costümes – zu helfen. Ein Blick auf die in ihren Strapazen lieblich schwitzende Dame, und ich erkläre mich sehr geehrt von dieser besonderen Gunst, aber ich wäre ein wenig unwohl und müßte mich auf kurze Zeit entfernen. »So bleibt der Toilettenwechsel bis zu Ihrer Rückkehr,« meint höflich der junge Mann. Ich aber ergreife schleunigst die Flucht und hoffe nur, daß man nicht bis zum heutigen Tage auf meine Rückkunft wartete. Im Interesse des verliebten Bräutigams wäre das sehr bedauerlich.


Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.

Korrekturen:

S. 21: Appenninen → Apenninen
die ersten Vorläufer der [Apenninen] darstellt

S. 33: Cefarotto → Cesarotto
Titelrolle, [Cesarotto], der, ein Schüler