2. Der Vater, gegen den Feindseligkeit empfunden wird.
Hier zeigt sich der Teufel nicht als Versucher und Verführer, sondern als Verfolger, als böser Feind. All die Grausamkeit, kleinliche Tyrannei und allgemeine Unvernunft, die den Yahweh des Alten Testaments[387] entstellen, wurden voll und ganz von dem christlichen Teufel übernommen. Die Ähnlichkeit dieses Bildes mit dem, das viele Kinder als das genaue Spiegelbild ihres Vaters empfinden, ist nur zu auffallend. Der Teufel spottet der Mühen und Anstrengungen der Menschen, verletzt ihren Ehrgeiz und verfolgt ihre Schwächen. Er quält und schädigt sie aus bloßer Freude an seinem Tun, vernichtet ihre Arbeit und läßt alle ihre Bemühungen vergebens gewesen sein. Das Menschengeschlecht lebt im ewigen Kampf mit ihm, bald seinen lockenden Versuchungen widerstehend, bald seine boshaften Angriffe abwehrend. Die Ödipus-Situation, und zwar sowohl die männliche wie die weibliche, wird so in Gänze wieder hergestellt.
Die Feindseligkeit des Teufels gegen den Menschen ist charakteristischerweise besonders ausgeprägt in jenen Legenden, die er von den Riesen (= Erwachsenen) geerbt hat. In diesen versucht er alles Denkbare, um sie zu schädigen und zu behindern[388]; er schleudert ungeheure Felsblöcke nach Kirchen und Klöstern, dämmt Flüsse ab, um Überschwemmungen herbeizuführen, baut Mauern, um menschliche Wesen von seinem Reiche abzuhalten, u. s. w. Die Menschheit muß gegen ihn in seiner Riesengestalt kämpfen, wie die jungen Götter einst gegen die Titanen kämpften.
In diesem Kampfe wurden die Menschen keineswegs regelmäßig besiegt. Die Geschichten, in denen der Teufel übers Ohr gehauen und betrogen wird, sind zahlreich und es ist zu beachten, daß diese Erzählungen meist von heidnischen Vorbildern genommen sind, in denen die Bekämpften Riesen waren.[389] Zum Beispiel nach Wünsche[390]: »Hinter dem Schmiede von Bielefeld, Apolda u. s. w. in den bekannten Märchen, der den Teufel im Sacke auf dem Amboß ganz windelweich hämmert, so daß er ein Zetergeschrei erhebt und um seine Freilassung bittet, verbirgt sich, wie wir unten zeigen werden, sicherlich der seinen Hammer auf das Haupt des Riesen schwingende Thor. Ist doch »Meister Hammerlein« auch ein gebräuchlicher Beiname des Teufels«. Ein beliebter Anschlag war es, mit dem Teufel einen Vertrag zu schließen, nach welchem ihm eine Seele gehören sollte, unter der Bedingung, daß er irgend ein Werk vor Hahnenschrei ausführe, und dann im letzten Moment einen Hahn zu kneifen und dadurch zum Rufen zu bringen oder den Ruf nachzuahmen, so daß die Hähne in der Nachbarschaft erwachten und wirklich krähten. Selbst ein Pferd konnte den Teufel überlisten.[391] Es ist hier für die gegenwärtige Beweisführung von Wesenheit, daß der Teufel in allen diesen Geschichten durch Betrug überlistet wird, niemals durch Gewalt überwunden; Schlauheit und Betrug sind bekanntermaßen die einzigen Waffen des schwachen Kindes gegen den feindlichen Vater.
Eine mächtige Person, die durch Schwächen leicht betrogen wird, muß notwendigerweise als dumm oder wenigstens naiv geschildert werden. Diese geringschätzige Meinung haben Kinder oft von ihren Eltern, teils aus dem genannten Grunde, teils als Überkompensation für ihr Gefühl der Unwissenheit im Verhältnis zur Weisheit der Eltern. Die Geschichten, in denen der Teufel eine unglaubliche Naivität an den Tag legt und leicht übers Ohr gehauen wird, bilden ein ausgedehntes Kapitel in der Geschichte der Dämonologie[392] und liefern einen wichtigen Beitrag für die spätere Auffassung der Clowns, Buffons und Narren auf der Bühne.[393] Eine Psycho-Analyse der einzelnen Erzählungen, auf die wir hier verzichten müssen, zeigt deutlich die infantilen Quellen der Motive und bestätigt endgültig die hier in Kürze dargelegten Schlüsse.
Diese kinderhafte Verachtung des Teufels zeigt sich auf verschiedene Weise, insbesondere durch Verneinung seiner Macht. Keines von den Gebäuden, die er aufführt, kann vollständig sein, seine Pläne und Anschläge werden stets im letzten Moment vereitelt und in einem Punkte insbesondere stimmen alle Autoren überein, nämlich in seinem Mangel an Samen und der daraus folgenden Unfruchtbarkeit. Wie wir später sehen werden, hat dieser letztere Glaube eine tiefere Quelle. Ihm mag auch der Abscheu des Teufels vor dem Salz zugeschrieben werden, denn dies kann als altes mythologisches Symbol für Samen erwiesen werden.[394] Bodin[395] ist also im gewissen Sinne im Recht, wenn er für die Abneigung des Teufels davor den Grund anführt, daß es ein Symbol der Ewigkeit sei.
Selbst manche Mittel, die angewandt wurden, um die Angriffe des Teufels abzuwehren, haben ihre Wurzel in der infantil-sexuellen Symbolik. Das bewährteste, oft wirksam wenn alle anderen versagt hatten, war, ihm das Gesäß zu weisen und einen Flatus zu lassen; kein geringerer als Martin Luther half sich auf diese Weise.[396] Die Psycho-Analyse hat dargetan, daß eine der tiefsten Quellen des Trotzes gegen die Eltern die Weigerung des Kindes ist, die Funktionen seines Sphincters nach ihren Wünschen einzurichten. Ein anderes, allgemeines Mittel, dem Teufel zu trotzen, bestand darin, ihm ins Gesicht das heilige Kreuz zu schwingen oder das Zeichen des Kreuzes zu machen, d. h. das Zeichen des Sohnes (Christus). Die phallische Bedeutung dieses Symbols ist längst bekannt[397], so daß, es dem Teufel entgegenstrecken, nichts anderes bedeutet als die exhibitionistische Verachtung der väterlichen Autorität.
Die sicherste Zuflucht für den Verfolgten war es jedoch, die Jungfrau Maria zu Hilfe zu rufen. Dies war so allgemein, daß die ganze Angelegenheit oft als ein ständiger Kampf zwischen dem Teufel und der heiligen Mutter gedacht wurde. Roskoff[398], der mehrere Beispiele hiefür anführt, sagt: »Die Tätigkeit des Teufels wird überdies vornehmlich entwickelt und hervorgerufen durch dessen Haß gegen die heilige Jungfrau, der um so mehr gesteigert wird, als diese, nach Frauenart, sich in alle Angelegenheiten hineinmengt und ihr, wie im gewöhnlichen Leben, in allem willfahren wird, so daß sie ihren Willen immer durchsetzt und ihre Schützlinge, die nun einmal ihre Gunst durch eifrigen Marienkultus erlangt haben, auch nie fallen läßt, wenn sie übrigens auch die ärgsten Lumpen sein sollten.« Es ist schwer, die Analogie dieser Situation zu derjenigen des Kindes, das bei der Mutter Schutz vor dem übelgelaunten Vater sucht und damit einen ähnlichen Zwist herbeiführt, nicht zu bemerken.