II.
Alle diese von den Kuhhirten gesammelten Berichte schienen mir fast unglaublich, bis ich schließlich im Herbst des Jahres 1893 die persönliche Bekanntschaft des schlauen Räubers machte und ihn am Ende gründlicher kennen lernte, als irgendein anderer. Vor Jahren, in den Tagen Bingos, hatte ich eifrig der Wolfsjagd obgelegen; doch hatten mich später Beschäftigungen anderer Art an den Schreibtisch gefesselt. Eine Abwechslung schien für mich unbedingt notwendig, und als mich ein Freund, einer der Züchter am Currumpaw, bat, nach Neu-Mexiko zu kommen und mein Jagdglück unter dem Raubgesindel zu versuchen, nahm ich die Einladung an, da ich vor Verlangen brannte, die persönliche Bekanntschaft des alten Königs zu machen. Nach wenigen Tagen war ich mitten in den Tälern des Currumpaw. Die ersten Wochen durchstreifte ich die Gegend zu Pferde, um sie gründlich kennen zu lernen, und oft zeigte mir mein Führer das Skelett eines Rindes oder einer Kuh mit der Bemerkung: »Hier war Lobo!«
Bald wußte ich, daß in dieser zerklüfteten Gegend an eine Verfolgung Lobos mit Hund und Pferd einfach nicht zu denken sei, und daß man es nur mit Giften und Fallen versuchen könne, ihm beizukommen. Da nun zurzeit keine Fallen von der nötigen Größe zur Hand waren, begann ich mein Werk mit Gift.
Es sei mir erlassen, näher auf die Einzelheiten der Hunderte von Versuchen einzugehen, mit denen ich diesen »loup-garou« zu erwischen trachtete. Es gab wohl keine Verbindung von Strychnin, Arsenik, Zyankali und Blausäure, die ich nicht versuchte, und es gab keine Sorte Fleisch, die ich nicht als Köder auslegte. Aber Tag für Tag, wenn ich hinausritt, um endlich einen Erfolg festzustellen, fand ich, daß alle Bemühungen vergeblich gewesen waren. Der alte König schien eben zu schlau für mich zu sein. Ein einziges Beispiel wird diesen Scharfsinn beweisen. Dem Rate eines alten Fallenstellers folgend, zerließ ich ein Stück Käse zusammen mit dem Nierenfett eines frischgeschlachteten Rindes, verkochte die Mischung in einem Porzellannapf und schnitt sie mit einem knöchernen Messer, um auch den leisesten Geschmack oder Geruch von Metall zu vermeiden, in Stücke. Dann machte ich in die Klumpen auf jeder Seite ein Loch und füllte es mit einer Mischung von Strychnin und Zyankali, die in geruchsdichten Kapseln eingeschlossen war. Zum Schluß verschloß ich die Löcher wieder mit Käse. Während dieser Vorbereitungen trug ich Handschuhe, die ich in das warme Blut des Rindes getaucht hatte. Als alles fertig war, wickelte ich die Köder in die bluttriefende Haut und ritt aus, indem ich Leber und Nieren des Rindes an einer Leine hinterherschleifte. Dann beschrieb ich einen Bogen von zehn Meilen und ließ alle Viertelmeilen einen Köder fallen, wobei ich eine Berührung mit meinen Händen ängstlich vermied.
Lobo pflegte am Anfang einer jeden Woche in diese Gegend zu kommen und trieb sich, wie man annahm, die übrigen Tage am Fuße der Sierra Grande herum. Es war an einem Montag, als ich am Abend beim Schlafengehen das tiefe Baßgeheul Seiner Majestät vernahm, und mein Herz schlug in freudiger Spannung.
Früh am nächsten Morgen ritt ich in der sicheren Hoffnung aus, nun endlich mit dem langersehnten Erfolg gekrönt zu werden, und bald kam ich auf die frische Fährte des frechen Räubergesindels mit Lobo an der Spitze, dessen Fußtapfen mit den furchtbaren Klaueneindrücken leicht von den übrigen Fährten zu unterscheiden waren. Die Bande hatte richtig meine Köder gefunden, und ich konnte erkennen, wie Lobo sich an den ersten Köder herangemacht, ihn beschnuppert und schließlich aufgenommen hatte.
Lobo
Nun konnte ich meine Freude nicht mehr verbergen: »Hab’ ich dich endlich!« rief ich aus und sprengte vorwärts, meine Augen begierig auf die große, breite Spur im Staube geheftet. Sie führte mich zum zweiten Köder, und auch er war verschwunden. Die freudige Erregung, die mich erfaßte, ist nicht zu beschreiben, denn nun hatte ich ihn sicher und mit ihm wahrscheinlich mehrere seiner Bande. Aber immer noch sah ich den furchtbaren Kralleneindruck vor mir im Sande, und obwohl ich mich im Steigbügel aufrichtete, um die weite Fläche besser überschauen zu können, entdeckte ich nichts, was einem toten Wolfe ähnlich sah. Wieder nahm ich die Verfolgung auf und fand, daß auch der dritte Köder fort war und die Spur des Königs aller Wölfe zu dem vierten führte. Dort jedoch kam ich zu der niederdrückenden Erkenntnis, daß er keinen der Köder wirklich verschlungen, sondern sie einfach im Maule mitgenommen, auf einen Haufen geworfen und mit Schmutz bedeckt hatte, um mir kundzugeben, wie sehr er meine Nachstellungen verachte. Dann hatte er diese Spur verlassen und seine Tagesarbeit an der Spitze seiner Getreuen begonnen.
Dies war nur eine von den Erfahrungen, die mich zu der Überzeugung brachten, daß Gift niemals anschlagen konnte, den Räuber aus der Welt zu schaffen. Obgleich ich fortfuhr, es anzuwenden, während ich die Ankunft der Fallen erwartete, tat ich es nur, weil es sich als ein sicheres Mittel bewährte, eine beträchtliche Anzahl Präriewölfe und anderes Raubgesindel unschädlich zu machen.
Ungefähr um die gleiche Zeit ereignete sich ein anderer Zwischenfall, der Lobos ganze teuflische Schlauheit ans Licht brachte. Die Bande betrieb das Morden von Schafen ausschließlich zum Vergnügen; denn ihren verwöhnten Zungen schien Schaffleisch nicht zu behagen. Man hält die Schafe im Westen gewöhnlich in Herden von tausend bis dreitausend Stück mit einem oder mehreren Hirten zum Schutze. Zur Nachtzeit treibt man sie an geschützten Plätzen zusammen, und auf jeder Seite der Herde schläft zur Bewachung einer der Hirten. Nun sind bekanntlich die Schafe so unvernünftig und dumm, daß sie durch die geringste Kleinigkeit in Verwirrung und Todesangst versetzt werden. Aber etwas ist ihnen tief eingewurzelt und vielleicht ihre größte Schwäche, das ist der blinde Gehorsam, mit dem sie ihrem Leiter folgen. Die Hirten pflegen deshalb ein halbes Dutzend Ziegenböcke unter die Herde zu verteilen. Die Schafe erkennen die höhere Intelligenz ihrer bärtigen Vettern an, und bei einem nächtlichen Alarm drängen sie sich dicht um sie herum. Auf diese Weise werden die Herden meistens vor einer allgemeinen Verwirrung bewahrt und sind leichter zusammenzuhalten. Aber dies ist nicht immer der Fall. Eines Nachts spät im November wurden zwei Perico-Hirten durch einen Angriff der Wölfe aufgeschreckt. Ihre Herden drängten sich um die Böcke, die, weder dumm noch feig, tapfer auf ihrem Platz verblieben. Doch es war kein gewöhnlicher Wolf, der den Ansturm leitete. Alt-Lobo, der Werwolf, wußte ebensogut wie die Hirten, daß die Böcke die Stütze der Herde bildeten. Er sprang gewandt über die Rücken der dichtgedrängten Schafe hin, fiel die Führer an, erwürgte sie alle in wenigen Minuten und hatte bald die ganze Schafherde in hundert verschiedenen Richtungen zerstreut. Noch vier Wochen später wurde ich fast täglich von geängstigten Hirten angehalten, die mich fragten, ob ich nicht vor kurzem ein verirrtes Schaf mit dem Brandzeichen der Herde gesehen habe, und meistens mußte ich es bestätigen. Einmal hatte ich fünf oder sechs Leichname nahe der Diamantquelle gesehen, ein anderesmal einen kleinen Trupp, der das Malpai-Tal hinauftrottete, und Juan Meira fand vierzig frisch gemordet am Fuße des Monte Cedra.
Endlich langten auch die Wolfsfallen an, und mit zwei Gehilfen arbeitete ich eine volle Woche, um sie wirkungsvoll auszusetzen. Wir ließen uns weder Mühe noch Arbeit verdrießen, und ich wendete alles auf, den Erfolg zu sichern. Am zweiten Tage, nachdem wir die Fallen ausgesetzt, machte ich mich auf, um unsere Vorbereitungen noch einmal zu prüfen, und bald fand ich Lobos Spur, die von Falle zu Falle führte. Im Sande konnte ich die ganze Geschichte seines nächtlichen Rundganges lesen. Er war im Dunkeln dahingetrottet, und obwohl die Fallen sorgfältig vergraben waren, hatte er die erste sofort entdeckt. Seiner Bande Halt gebietend, hatte er vorsichtig um das Eisen herumgescharrt, bis er die ganze Falle mit der Kette und mit dem daranhängenden Holzklotz offengelegt hatte.
In derselben Weise hatte er auch die übrigen behandelt. Dabei hatte er, wie ich entdeckte, des öfteren angehalten und sich zur Seite gewendet, sobald er irgend etwas Außergewöhnliches abseits vom Wege wahrnahm. Auf diese Beobachtung baute ich einen neuen Plan. Ich setzte die Fallen in der Form eines H aus, d. h. eine Reihe auf jeder Seite des Weges und in der Mitte eine als Querriegel. Es währte nicht lange, und meine Erfahrungen waren um eine neue bereichert. Lobo war den Pfad herabgekommen und mitten zwischen den Fallen gewesen, ehe er die einzelne Falle in der Mitte entdeckte. Aber noch dicht davor hatte er angehalten. Woher und wie er es wußte, kann ich nicht sagen. Sein Schutzengel mußte wohl bei ihm gewesen sein; denn er hatte sich weder zur Rechten noch zur Linken gewandt, sondern war rückwärts, genau in seine alten Fußtapfen tretend, zurückgewichen, bis er außerhalb der gefährlichen Linien war. Dann hatte er sich von außen herangemacht und die Fallen mit den Hinterläufen mit Erdklumpen und Steinen beworfen, bis alle Federn zugeschnappt waren. Genau so verfuhr er auch später, und obgleich ich meine Methoden ständig änderte und meine Vorsicht verdoppelte, war er einfach nicht zu übertölpeln. Sein scharfer Spürsinn schien ihn nicht eine Sekunde zu verlassen, und er würde wohl noch heute seiner Räuberlaufbahn folgen, hätte nicht eine unglückliche Verbindung seinen Untergang herbeigeführt und seinen Namen der langen Liste von Helden angefügt, die, allein unüberwindlich, durch die Unbedachtsamkeit eines ihrer Getreuen gefallen sind.