IV.

Der goldene Sonnenschein eines Augustmorgens flutete über das Moor, und jedes Blättchen schien sich im warmen Glanze zu baden. Ein kleiner, brauner Sumpfsperling schaukelte auf einer langen Rute über dem Teiche. Unter ihm spiegelte das schmutzige Wasser ein paar Streifen blauen Himmels, und aus ihnen und den grüngelben Wasserlinsen bildete sich das wunderbarste Mosaik mit dem Spiegelbilde des kleinen Vogels in der Mitte. Am Ufer stand ein dichter Wald üppig wuchernder Wasserpflanzen, die tiefe Schatten über das braune Riedgras warfen.

Die Augen des kleinen Sumpfsperlings waren nicht dazu erzogen, all diese Farbenpracht in sich aufzunehmen; aber sie hatten etwas entdeckt, was wir wohl übersehen hätten, nämlich daß zwei der kleinen, braunen Höcker unter den breiten Blättern der Wasserpflanzen Lebewesen waren, deren Nasen sich unaufhörlich auf und ab bewegten, obwohl sie sonst wie tot dalagen.

Es waren Mutter und Sohn, die behaglich ausgestreckt unter den schützenden Blättern lagen. Sie hatten dieses schattige Plätzchen gewählt, weil es den lästigen Pferdefliegen dort zu langweilig war und sie infolgedessen ungestört der Ruhe pflegen konnten.

Die Hasenkinder haben keine fest bestimmte Zeit für ihre Unterrichtsstunden, sie lernen den ganzen Tag; denn die Wahl einer Unterrichtsstunde hängt ganz von den Umständen ab und macht sich oft nötig, bevor man’s ahnt. Mutter und Sohn hatten sich zu einer gemütlichen Mittagspause nach diesem stillen Ort begeben, aber sie waren nicht lange dort, als plötzlich des immer wachsamen Eichelhähers Warnruf erscholl und die Hasenmutter veranlaßte, sofort Nase und Ohren aufzurichten. Drüben über dem Moor erschien Olifants großer schwarz- und weißgefleckter Hund und kam gerade auf sie los.

»Duck dich nieder,« rief die Alte, »und ich will den Narren schon Mores lehren.« Davon sauste sie und kreuzte furchtlos des Hundes Weg.

»Wau, wau,« ertönte sein aufgeregtes Gebell, als er hinter Zottelohrs Mutter dahinrannte, doch diese ließ ihn nicht in greifbare Nähe kommen und führte ihn dorthin, wo Millionen von scharfen Stacheln ihn blutig rissen, bis ihm das Fell von den Ohren hing. Zuletzt leitete sie die wilde Jagd im Bogen genau auf einen dichtüberwucherten Stacheldrahtzaun zu, wo sich der hitzige Verfolger eine derartige Wunde zuzog, daß er heulend vor Schmerz heimwärts trottete. Nachdem die Häsin dann noch eine doppelte Schleife und verschiedene andere kunstvolle Windungen im Laufe beschrieben hatte, um ihre Spur möglichst zu verwischen, im Falle der Hund zurückkehren sollte, kam sie zu ihrem Söhnchen zurück und fand es, die großen, neugierigen Augen weit aufgerissen, aufrecht sitzend und sich den Hals verdrehend, um diesen interessanten Sport mitanzusehen.

Dieser Ungehorsam machte die Alte so ungehalten, daß sie ihrem Sprößling eins mit dem Hinterlauf versetzte, worauf er kopfüber in den Schlamm purzelte.

Eines Tages als die Hasen sich gerade zum üppigen Mahle im Kleeacker niedergelassen hatten, kam ein rotgeschwänzter Bussard aus den Lüften herab auf sie zugeschossen. Die Mutter schlug hinten aus, um den Bussard zum besten zu haben, und flüchtete dann unter die Dornen, die längs eines alten Waldpfades standen, wohin der Räuber natürlich nicht folgen konnte. Es war der Hauptverbindungsweg zwischen dem Dickicht am Bache und dem sogenannten »Ofenrohr«-Reisighaufen, und da einige Schlingpflanzen querherüber gewachsen waren, machte sich Mutter Hase, den Bussard natürlich im Auge behaltend, daran, diese Zweige abzubeißen. Zottelohr sah ihr eine Weile zu, dann lief er ein Stückchen voraus und knabberte einige Ranken ab, die weiter unten den Pfad versperrten. »Das ist recht,« sagte die Mutter, »halte die Rennwege offen, nicht zu breit, aber laß sie ja nicht zuwachsen; denn du wirst sie oft genug nötig haben. Beiße alle Ranken sorgfältig ab, dann wirst du eines Tages finden, daß du Fallstricke zerschnitten hast.« »Was bedeutet denn das?« fragte Zottelohr wißbegierig, indem er sich mit dem linken Hinterlauf behaglich am rechten Ohr kratzte.

»Ein Fallstrick oder eine Schlinge,« erklärte ihm die Mutter, dann und wann einen raschen Blick nach dem jetzt weit entfernten Bussard werfend, »eine Schlinge ist ein Ding, das genau so aussieht, wie eine Schlingpflanze, aber es wächst nicht und ist gefährlicher als alle Raubvögel der Welt; denn Tag und Nacht liegt es verborgen im Rennweg, bis es einst die Gelegenheit wahrnimmt, dich zu fangen.«

»Du glaubst doch nicht etwa, daß es mich fangen könnte?« fragte Zottelohr mit der ganzen Einbildung seiner jungen Jahre, indem er sich auf die Zehenspitzen stellte, um sich hoch oben an der glatten Rinde eines jungen Bäumchens Kinn und Schnurrbart zu reiben. Zottel wußte nicht, warum er das tat, aber seine Mutter sah und kannte dieses Anzeichen, ähnlich dem Stimmwechsel bei einem Knaben, und wußte, daß ihr Kleiner nun kein Baby mehr war und bald in die Reihen der Erwachsenen eintreten würde.