V.

Mit dem Einzug des Winters war das Futter spärlich geworden, und Rotkrause hielt sich wieder zu der alten Bergschlucht mit ihren fichtenbewachsenen Hängen. Jedoch die alte Fasanenweisheit lehrte: »Futter und Feinde wechseln mit dem Mond.« So hatte der Irrmonat Wahnsinn, Einsamkeit und Weintrauben gebracht, der Schneemonat Hagebutten, und der Sturmmonat kam mit Birkenschößlingen und Schneestürmen, die die Wälder mit Eis überzogen und es ungemein erschwerten, beim Abbeißen der erfrorenen Knospen einen festen Sitz zu behalten. Rotkrauses Schnabel wurde durch die harte Arbeit derartig abgenutzt, daß, selbst wenn er ihn geschlossen hielt, hinter dem Haken eine Öffnung sichtbar wurde. Die Natur hatte ihn für den glatten, schlüpfrigen Boden wohl ausgerüstet; denn seine Zehen, die noch im September zart und weich gewesen waren, wurden nun scharf und spornbedeckt und wuchsen mit der zunehmenden Kälte, bis ihn der erste Schnee mit starken Schneeschuhen und Eissporen ausgerüstet fand. Das kalte Wetter hatte die meisten Habichte und Eulen davongetrieben und machte es den vierfüßigen Feinden der Fasanen unmöglich, sich ungesehen zu nähern. Die Vorteile und Nachteile des Winters waren so beinahe ausgeglichen.

Die Suche nach Nahrung führte Rotkrause aber täglich weiter und weiter, bis er schließlich die Rosdaleschlucht mit ihren Silberbirken und Castle Frank mit seinen Weintrauben und Vogelbeeren entdeckte und gründlich erforschte. Ebenso durchstreifte er die Waldungen von Chester, wo die vollen Trauben der Waldrebe im Winde schwankten und verlockende rote Beeren unter dem Schnee glühten.

Bald hatte er herausgefunden, daß die Menschen aus irgendeinem Grunde in die hohe Einzäunung von Castle Frank nicht mit Schießgewehren hineingingen, und dort brachte er nun seine Tage zu, entdeckte neue Schlupfwinkel, neues Futter und wurde klüger und schöner von Tag zu Tag.

Zwar war er ganz allein, aber das betrachtete er als kein Unglück. Wohin er sich wendete, überall hüpften die munteren Schwarzmeisen umher, und er erinnerte sich der Zeit, da sie ihm noch als große, wichtige Wesen erschienen waren. Sie waren die komischsten und fidelsten Bewohner der Wälder: ehe noch der Herbst verflossen, hatten sie ihren berühmten Kehrreim zu singen begonnen:

»Bald Lenz, bald Lenz«, und sie wiederholten ihn mit frohem Mut selbst bei den schaurigsten Stürmen den ganzen Winter hindurch, bis schließlich das Ende des Hungermonds, unseres Februars, herannahte. Jetzt konnten sie mit verdoppelter Kraft ihre lebensfreudige Weltanschauung verkünden, und sie taten es mit einem Nachdruck, der klang wie: »Ich sagt’ es euch ja!« Die Sonne gewann an Macht, schmolz den Schnee vom südlichen Abhang und legte breite Beete voll duftenden Wintergrüns bloß, dessen Beeren ein festliches Mahl für Rotkrauses ausgehungerten Magen waren. Mit der harten Arbeit hatte es nun ein Ende; Rotkrause brauchte nicht mehr die erfrorenen Schößlinge mit vieler Mühe abzubeißen, und sein Schnabel hatte Ruhe und Zeit, seine ursprüngliche Gestalt wiederzugewinnen. Bald kam auch die erste Bachstelze vorübergeflogen und zwitscherte dabei: »Der Frühling naht!« Die Sonne schien wärmer von Tag zu Tag; eines Morgens in der Dämmerung ertönte ein lautes »Caw, Caw!«, und Silberfleck, ein alter, weiser Rabenvater, kam an der Spitze einer Truppe schwingend daher, um öffentlich bekanntzugeben:

»Der Frühling ist da!«

Die ganze Natur schien darauf zu antworten. Es war die Eröffnung des »Vogel-Neujahrs«, und der Frühling zog ein in jedes Vogelherz, die Schwarzmeisen wurden geradezu verrückt, sie sangen ihr: »Der Lenz ist da! der Lenz ist da!« mit einer solchen Beharrlichkeit, daß man sich nur wundern mußte, wie sie noch Zeit zum Futtersuchen fanden.

Auch Rotkrause fühlte, wie es ihn durch und durch erschütterte. Er sprang auf einen Stumpf und ließ mit frischer Kraft ein donnerndes: »Dum, dum, dum, donner – rrrrr« wieder und wieder in das enge Tal hineinschallen. Dort weckte es ein gedämpftes Echo und verbreitete seine Freude über die Ankunft des Frühlings durch die Wälder.

Weit unten im Tale stand Cuddys Hütte. Er vernahm den Trommelruf in der stillen Morgenluft und vermutete, daß droben ein Fasanenhahn zu holen wäre. So kam er die Schlucht mit seiner Donnerbüchse heraufgeschlichen, aber Rotkrause schwebte lautlos davon und ruhte nicht, bis er wieder im Schlammbachtale anlangte.

Dort ließ er sich auf einem alten Baumstumpf nieder und trommelte wieder und wieder seinen lauten Zapfenstreich, bis ein kleiner Junge, der im Wald herumgebummelt war, entsetzt nach Hause lief, um seiner Mutter zu erzählen, daß die Rothäute sicher auf dem Kriegspfade wären; denn er hätte ihre Kriegstrommel im Tale schlagen hören.

Warum gibt wohl ein glücklicher Junge seine Freude durch Jauchzen kund? Warum seufzt wohl die vereinsamte Jugend? Sie wissen es ebensowenig, wie Rotkrause es wußte, warum er jeden Tag auf einen alten, abgestorbenen Baumstumpf kletterte und seinen Ruf trommelnd und rollend durch die Wälder schallen, oder warum er seine prächtige, schillernde Krause im Sonnenlicht glänzen ließ. Woher kam ihm dieses fremde Sehnen nach einem Genossen, der seine glitzernden Federn bewundern konnte? Und warum war ihm solch ein Wunsch nicht schon viel früher vor dem Eintreten des Kätzchenmonds gekommen?

»Dum, dum, donner – rrrrr

dum, dum, donner – rrrrr«,

rollte er wieder und wieder.

Tag für Tag besuchte er seinen Lieblingsplatz, und eine neue Zierde, ein rosenroter Kamm, wuchs ihm über jedem seiner klaren, kühnblitzenden Augen. Die alten, schwerfälligen Schneeschuhe verschwanden von seinen Füßen, die Krause wurde majestätischer, das Auge klarer, und seine ganze Erscheinung war ein prächtiger Anblick, wie er sich spreizte und im Sonnengold glitzerte. Aber er war so einsam.

Doch was konnte er tun – er mußte seinem Sehnen durch tägliche Trommelkonzerte Luft machen, bis eines Morgens früh im schönen Monat Mai, als er sehnsüchtig getrommelt und wieder getrommelt hatte, sein scharfes Ohr ein leises Rascheln im Gebüsch vernahm. Er erstarrte zur Bildsäule und lauschte; er wußte nun, man hatte ihn beobachtet. Und war es möglich? Da stand eine zarte Gestalt, ein scheues, kleines Fasanenfräulein, das sich schämig zu verbergen suchte, und im Augenblick war er an deren Seite. Über ihn kam ein neues, fremdes Gefühl, wie ein brennender Durst, der nach einer kühlenden Quelle sucht, und er stolzierte einher und trug seinen stolzen Putz gefällig zur Schau. Woher wußte er, daß ihr das gefallen würde? Er blies seine Federn auf und verstand es, sich so zu stellen, daß die Sonnenstrahlen sich glitzernd darin brachen, und ließ ein sanftes Glucksen hören, das wohl das gleiche bedeutete, wie das süße, nichtige Geplauder höherer Wesen; denn das war offenbar: ihr Herz war gewonnen. Gewonnen, und zwar schon lange vorher, wenn er es nur bemerkt hätte. Volle drei Tage war sie seinem lockenden Trommeln gefolgt, hatte ihn sittsam von weitem bewundert und sich ein wenig gekränkt gefühlt, daß er sie noch nicht entdeckt hatte, obwohl sie doch so dicht bei ihm gewesen. So war dieses leichte Rascheln im Gebüsch vielleicht nicht ganz Zufall gewesen. Doch jetzt neigte sie demütig ihr Köpfchen mit süßer, hingebender Huld – die einsame Reise durch die öde Wüste war überstanden, der durstgequälte Wanderer hatte die kühle Quelle am Ende doch gefunden.

Das war eine glückliche, herrliche Zeit im lieblichen Tale mit dem häßlichen Namen. Niemals hatte die Sonne so klar geschienen, und die Luft war mit balsamisch süßem Fichtenduft erfüllt. Tag für Tag kam der große, edle Vogel zu seinem Lieblingsplatz, zuweilen mit ihr, zuweilen auch allein, und trommelte und rollte vor lauter Freude am Leben. Doch warum zuweilen allein? Warum kam er nicht immer mit seiner kleinen, braunen Gattin? Stundenlang blieb sie bei ihm zum festlichen Mahle und süßen Liebesspiele, dann plötzlich entschlüpfte sie ihm und war verschwunden bis zum nächsten Tage, wenn der laute Kriegsgesang vom alten Baumstumpf herüber erschallte und ihr gebieterisch befahl, zurückzukehren. Ein tiefes Waldgeheimnis schwebte zwischen dem liebenden Paar, das Rotkrause nicht zu durchdringen vermochte. Was war wohl der Grund, daß sie von Tag zu Tag länger ausblieb, bis sie schließlich eines Morgens seinem Rufe nicht folgte? Der zweite Tag verstrich, ein dritter ging zur Neige, doch sie war nicht gekommen, und Rotkrause, wild vor Erregung, durchmaß sausenden Fluges die Wälder, ließ seinen Ruf vom alten Stumpf erschallen, flog stromauf, stromab, hinüber zum Hügel und hinunter ins Tal und trommelte und rollte voll Sehnsucht – aber vergeblich. Als am vierten Tage sein Locken durch die Forste klang, hörte er plötzlich wie beim ersten Zusammentreffen ein Geräusch in den Büschen; da stand die Vermißte, und unter ihren schützenden Flügeln und um sie herum piepsten zehn kleine niedliche Kücken.

Rotkrause ließ sich ihr zur Seite nieder und erschreckte die helläugigen Flaumbällchen ganz furchtbar durch sein plötzliches Erscheinen. Die Brut scharte sich um die Mutter, um ihm zu zeigen, daß sie nun ein größeres Anrecht hatten als er. Zuerst schien ihn das etwas zu verwundern, aber bald gewöhnte er sich an die Veränderung, blieb von dieser Stunde an bei den Kleinen und sorgte für sie, wie sein Vater es niemals für ihn getan.