VI.

Gar selten verläßt ein Bewohner des Waldes das Leben aus Altersschwäche; er nimmt wohl immer einmal früher oder später ein tragisches Ende, und es ist nur eine Frage der Zeit und der Klugheit, wie lange er sich den Verfolgungen seiner Feinde entziehen kann. Zottels Leben bewies jedoch, daß ein Hase, der einmal glücklich ins Mannesalter eingetreten ist, meistens erst im letzten Drittel seines Daseins, wenn es bergab geht, seinen Verfolgern zum Opfer fällt.

Die Hasenfamilie hatte überall Feinde, und ihr tägliches Leben war eine Kette von Ängstigungen, Nachstellungen und Verfolgungen, denen sie nur um Haaresbreite entrannen; denn Hunde, Füchse, Katzen, Skunks, Waschbären, Wiesel, Schlangen, Raubvögel und Menschen, ja selbst giftige Insekten schmiedeten fortwährend Anschläge gegen ihr Leben. Sie waren in Hunderte von Abenteuern verwickelt, und wenigstens einmal am Tage waren sie gezwungen, ums liebe Leben zu rennen und es durch die Schnelligkeit ihrer Läufe und ihre Schlauheit zu retten.

Wenn das weiße Kissen dahinfliegt durch die Waldung …

Mehr als zweimal zwang sie der böse Fuchs von Springfield, Zuflucht unter den Ruinen eines verfallenen, mit Stacheldraht überspannten Schweinekofens nahe an der Quelle zu nehmen; doch wenn sie einmal dort geborgen waren, durften sie ihm ruhig zusehen, wie er sich die Beine in vergeblichen Versuchen, die Hasen zu erreichen, blutig riß.

Einige Male lenkte Zottel auch die Aufmerksamkeit eines ihn verfolgenden Hundes von sich ab und auf einen Skunk, der fast ebenso gefährlich war, wie der Rüde.

Einmal wurde Zottel sogar von einem Jäger, dem ein guter Hund und ein Frettchen helfend zur Seite standen, eingefangen, aber er hatte das Glück, am nächsten Tage zu entwischen, und von da war er vom tiefsten Mißtrauen gegen die Sicherheit der Erdlöcher erfüllt. Verschiedene Male wurde er von einer Katze ins Wasser gejagt, und oft stellten ihm Bussarde und Eulen nach, jedoch für jede noch so große Gefahr gab es einen rettenden Ausweg. Die Mutter lehrte ihn all die Winkelzüge und Kniffe, die ihr bekannt waren, und Zottelohr verbesserte sie und erfand sogar neue, als er älter wurde. Je gesetzter und weiser er wurde, desto weniger verließ er sich auf seine Läufe, aber mehr und mehr auf seinen Witz und seine Erfahrung.

»Ranger« hieß ein junger Hund aus der Nachbarschaft, den sein Meister zu seiner Ausbildung und Erziehung des öfteren auf die Fährte eines Hasen brachte. Fast in jedem Falle war es Zottelohr, dem die Jagd galt, und er ergötzte sich bei diesen Hetzen mindestens ebenso sehr wie seine Verfolger; denn der Beigeschmack von Gefahr gab der Sache den nötigen Reiz. Gewöhnlich pflegte er zu sagen:

»O Mutter, da ist dieser Hund schon wieder, jetzt muß ich mich einmal ordentlich auslaufen!«

»Du bist zu frech, Zottel, mein Sohn,« erwiderte die Mutter, »und mir ahnt, daß du noch einmal in dein Verderben rennen wirst.«

»Aber, Mutter, das ist doch solch ein herrlicher Spaß, diesen dummen Hund zu necken, und dabei ist’s eine gesunde Übung. Wenn er mir zu hart zusetzen sollte, werde ich schon klopfen, und dann kannst du kommen und ihn etwas auf Seitenwege führen, während ich für ein neues Rennen Luft schnappe.«

Dann hopste er hervor und mitten in Rangers Weg, der sofort die Verfolgung aufnahm und Zottelohr nachsetzte, bis dieser müde wurde und der Mutter ein Klopftelegramm um Hilfe sandte, das sie veranlaßte, sofort zum Entsatz herbeizueilen. Oft wußte er sich den Hund auch durch irgendeinen anderen schlauen Winkelzug vom Halse zu halten. Die Beschreibung eines solchen wird den Beweis liefern, wie gründlich Zottel mit den Lehren der Waldeskunde und der Geographie vertraut war.

Er wußte genau, daß der Hund seiner Fährte am leichtesten folgen konnte, wenn sie direkt auf dem Waldesboden hinführte und wenn er sich warm gelaufen hatte. Konnte Zottel es nun ermöglichen, einen erhöhten Punkt zu erreichen, wo er sich eine halbe Stunde ungestört abkühlen durfte, und hatte die Fährte Zeit, den Geruch zu verlieren, so wußte er, daß er dann in Sicherheit war.

Wurde er der Jagd müde, so wendete er sich einer wilden Rosenhecke am Talabhang zu und beschrieb einen Zickzackweg, bis er eine so verzwickte Spur hinter sich ließ, daß sie dem Hund auf eine gute Weile zu tun gab. Dann lief er in gerader Linie mitten in den Wald auf D zu und passierte mit einem Sprunge südlich den Baumstumpf E. Bei D umwendend, verfolgte er den gleichen Weg bis F, sprang hier seitlich und lief nach G, von dort zurück nach H und wartete hier, bis der Hund bei I vorüberkam. Dann begab er sich gemächlich auf seinem alten Weg zurück nach E, wo er mit einem mächtigen Satze den hohen Baumstumpf erreichte, um dort, zur Bildsäule erstarrt, ruhig das Weitere abzuwarten.

Ranger verlor viel Zeit in dem unwegsamen Dornendickicht, und es wurde ihm unendlich schwer, die unregelmäßige und beinahe schon verwischte Fährte zu finden; jedoch nach vielen Mühen langte er bei D an. Hier begann er Kreise zu beschreiben, um auf diese Weise die Spur zu kreuzen, und nachdem er wieder viel kostbare Zeit beim Suchen vergeudet, kam er auf den richtigen Weg, der aber plötzlich bei G ein Ende fand. Zum zweitenmal stand er vor einem Rätsel und war gezwungen, wie vorher geschäftig hin und her zu laufen, um auf den richtigen Pfad zu kommen. Größer und größer wurden seine Kreise, bis er schließlich gerade unter dem Baumstumpf vorbeikam, auf dem Zottelohr sich niedergelassen hatte. Aber da war keine Gefahr; denn an einem kalten, windstillen Tage wird die Witterung kaum nach unten getrieben, und da Zottel sich nicht muckste und mit keiner Wimper zuckte, lief der Hund arglos vorüber.

Wieder näherte sich der Verfolger dem Baumstumpf, und zwar diesmal dem tieferen Ende. Er hielt an, beschnüffelte es und dachte bei sich: »Wahrhaftig, das riecht nach Hase!« Die Witterung war schon kalt und halb verweht, aber nichtsdestoweniger bestieg er den Stamm.

Es war eine harte Probe für Zottelohr, den mächtigen Hund schnüffelnd den Baumstamm entlang kommen zu sehen, aber seine starken Nerven ließen ihn nicht im Stich. Der Wind war günstig, und er hatte den festen Vorsatz gefaßt, mit einem kühnen Satze das Weite zu suchen, sobald Ranger den halben Weg nach oben zurückgelegt haben würde. Aber so weit kam es nicht. Ein gewöhnlicher, schmutziger Dorfköter würde den Hasen sofort entdeckt haben, doch nicht der edle Jagdhund; er sprang vom Baumstumpf herab, und Zottel war Sieger.