VIII.
Im gleichen Winter fing ich eine große Anzahl Wölfe und Füchse, die nicht so viel Glück hatten wie Bingo und den unbarmherzigen Fallen nicht zu entrinnen vermochten. Ich ließ die Fallen draußen bis spät ins Frühjahr; denn die Fangprämien sind hoch, auch wenn das Pelzwerk minderwertig ist.
Kennedys Wiesen waren stets ein ergiebiger Jagdgrund, weil sie nicht von Menschen besucht wurden und zwischen dem Forst und der Ansiedlung lagen; hier hatte ich das meiste Glück.
Die Wolfsfallen sind von schwerem Stahl und haben zwei Federn, jede mit einer Schlagkraft von hundert Pfund. Vier werden zusammen ausgesetzt rund um einen vergrabenen Köder. Nachdem sie an verborgenen Holzklötzen stark befestigt sind, bedeckt man sie sorgfältig mit Laub und Sand, um sie vollkommen unsichtbar zu machen.
In einer solchen Falle hatte ich einen Präriewolf gefangen. Ich schlug ihn mit einem Knüppel tot und warf ihn beiseite. Dann begann ich die Falle wieder zu spannen, wie ich es hundertmal vorher getan. Alles war schnell geschehen, und da ich ein Häufchen feinen Sand nahebei erblickte, griff ich hinüber, um mit einer Handvoll die Falle gut zu bedecken.
O welch ein unglückseliger Gedanke, welche Unvorsichtigkeit! Der Sand lag auf der nächsten Wolfsfalle, und im Augenblick war ich ein Gefangener. Zwar war ich unverletzt; denn die Fallen hatten keine Zähne, und mein dicker Handschuh schwächte den Schlag, aber ich war oberhalb des Knöchels fest erfaßt. Indem ich trotz des Schreckens möglichst kühl zu bleiben trachtete, versuchte ich den Schlüssel zum Öffnen der Fallen mit meinem rechten Fuße zu erreichen. Mich in voller Länge ausstreckend, arbeitete ich mich, mit dem Gesicht nach unten gekehrt, langsam darauf zu und machte meinen gefangenen Arm so lang und gerade als möglich. Ich konnte mich nicht zur gleichen Zeit umsehen und nach dem Schlüssel langen; aber ich rechnete auf das Gefühl in meinen Zehen und hoffte, sofort zu bemerken, wenn ich das kleine eiserne Werkzeug berühren würde. Mein erster Versuch mißlang. So stark ich auch an der Kette ziehen mochte, mein Fuß traf auf kein Metall. Dann versuchte ich es zum zweitenmal, indem ich mich immer um meinen gefangenen Arm drehte, doch war alles umsonst. Ich entdeckte, daß ich viel zu weit nach Westen geraten war, und so begann ich von neuem blindlings herumzutappen, in der Hoffnung, mit meinen Zehen auf den Schlüssel zu stoßen. Bei dem wilden Umherfahren mit meinem rechten Fuß vergaß ich vollkommen den linken, bis sich die eisernen Klauen von Falle Nr. 3 mit einem scharfen »Klink« über meinem linken Knöchel schlossen.
Zuerst machte die entsetzliche Lage, in der ich mich befand, keinen sonderlichen Eindruck auf mich; aber bald wurde mir schrecklich klar, daß all mein Arbeiten, loszukommen, vergeblich sein mußte. Ich konnte mich von keiner der Fallen ohne Hilfe befreien, konnte sie auch nicht bewegen, und so lag ich denn ausgestreckt, fest und sicher an den Erdboden gekettet.
Was sollte nun aus mir werden? Es war zwar keine Gefahr, zu erfrieren; denn das kalte Wetter war vorüber, aber Kennedys Plan wurde von keinem Menschen besucht, außer von den Holzfällern im Winter. Zu Haus wußte niemand, wohin ich gegangen war, und wenn ich mich nicht selbst befreien konnte, hatte ich keine andere Aussicht, als von den Wölfen zerrissen zu werden oder vor Kälte und Hunger elend zu sterben.
Als ich so dalag, ging die Sonne blutigrot im Westen hinter dem Buschmoor unter, und eine Heidelerche sang im nahen Busch ihr Abendlied, genau wie am Abend zuvor vor der Tür unseres Häuschens. Obwohl dumpfe Schmerzen in meinem Arm in die Höhe krochen und ein eisiger Schüttelfrost mich erfaßte, bemerkte ich doch noch, wie lang die kleinen Federbüschel über den Ohren der Lerche waren. Dann wanderten meine Gedanken zum behaglichen Abendtische in Wrights Haus, und ich dachte, jetzt wird gebraten und gekocht, und jetzt setzen sie sich nieder. Mein Pferd stand dort, wo ich es verlassen, mit den Zügeln auf dem Erdboden, und wartete geduldig, um mich heimzutragen. Es verstand die lange Verzögerung nicht, und als ich es rief, hörte es auf zu weiden und sah mich hilflos fragend an. Wenn es doch heim liefe! Der leere Sattel würde genug erzählen und sicher Hilfe herbeirufen. Jedoch die große Pflichttreue des Tieres hielt es wartend Stunde für Stunde bei mir zurück, während ich vor Kälte und Hunger beinahe verging.
Dann erinnerte ich mich, wie der alte Trapper Girou sich im Walde verlaufen hatte und wie seine Kameraden im folgenden Frühjahr das Skelett fanden, mit den Knochen des Beines in einer Bärenfalle eingeklemmt. Ich zerbrach mir den Kopf, welcher Teil meiner Kleidung mich wohl erkennbar machen würde. Dann kam mir ein neuer Gedanke. Das gleiche Gefühl hatte doch auch der Wolf, wenn er sich in einer Falle fing. O für welches Elend war ich schon verantwortlich! Nun mußte ich dafür büßen.
Die Nacht sank langsam hernieder. Ein Präriewolf heulte. Das Pferd spitzte die Ohren und kam näher an mich heran, schnaufend und den Kopf tief am Boden. Dann heulte ein zweiter Wolf und noch einer, und ich konnte vernehmen, wie sie sich in der Nähe zusammenscharten. Da lag ich nun hilflos, mit dem Gesicht am Boden, und wunderte mich nur, daß die gierigen Bestien nicht gleich auf mich losstürzten und mich in Stücke zerrissen. Lange hörte ich sie heulen, bevor ich gewahr wurde, daß undeutliche, schattenhafte Gestalten um mich herumhuschten. Das Pferd bemerkte sie, und sein entsetztes Schnaufen trieb sie erst zurück, aber das nächstemal kamen sie schon näher, saßen um mich herum und gafften mich an. Bald wurden sie frecher, krochen heran und rissen an dem Kadaver ihres toten Genossen. Ich schrie, und die Wölfe zogen sich knurrend zurück, während das Pferd entsetzt davonlief.
Wieder kamen sie heran, und nach zwei oder drei derartigen Rückzügen und Angriffen zerrten sie den Leichnam davon und verschlangen ihn in wenigen Minuten.
Danach kamen sie wieder näher, umringten mich und starrten mich frech an. Der Unverschämteste von ihnen beroch mein Gewehr und bewarf es mit Schmutz. Zwar zog er sich zurück, als ich mit meinem freien Fuße nach ihm stieß und ihn anschrie, aber je schwächer ich wurde, desto frecher wurden die Bestien, und ihr Führer kam ganz nahe und fauchte mir direkt ins Gesicht. Dann heulten auch die übrigen und scharten sich dicht um mich, und ich glaubte schon, daß das verhaßte Pack mich zerreißen und verschlingen würde, als plötzlich aus dem Dunkel mit heiserem Geheul ein großes, schwarzes Tier heraussprang. Die Scheusäler zerstoben wie Spreu vor dem Winde, nur ihr Führer blieb, der von dem Ankömmling gepackt wurde und in einigen Minuten als verstümmelter Leichnam dalag. Und dann – Entsetzen packte mich – das mächtige Ungetüm sprang auf mich los und – Bingo, mein treuer Bingo rieb atemlos seinen zottigen Kopf an meiner Schulter und leckte mein eiskaltes Gesicht.
»Bingo – Bingo, alter Junge, hol mir den Fallenschlüssel!«
Davon sprang er und kam zurück, aber er zerrte mein Gewehr hinter sich her; denn er wußte nur, daß ich irgend etwas haben wollte.
»Nein, Bingo, den Fallenschlüssel!« Diesmal brachte er meine Säge, aber schließlich kam er mit dem Schlüssel und wedelte freudig mit dem Schwanze, als er sah, daß er diesmal das Richtige getroffen. Mit meiner freien Hand öffnete ich mühselig die Schrauben, die Falle fiel auseinander, meine Hand war frei, und eine Minute später war ich ganz erlöst. Bingo brachte das Pferd, und nachdem ich einige Male langsam auf und ab gegangen, um das erstarrte Blut in Umlauf zu bringen, war ich fähig, aufzusteigen. Dann ging es heimwärts, langsam zuerst, schließlich im Galopp, und Bingo sprang wie ein Herold bellend vor ihm her. Als wir die Ansiedelung erreichten, erfuhr ich, daß der treue Hund sich am Abend ganz auffällig benommen hatte; winselnd und heulend war er die Straße auf und ab gelaufen, und als schließlich die Dunkelheit kam, hatte er sich, allen Versuchen, ihn zurückzuhalten, zum Trotz, davongemacht und war, geleitet von einem Instinkt, den wir nicht erklären können, gerade im rechten Moment bei mir angelangt, um mich zu rächen und zu befreien.
Bingo hält die Wölfe fern, während Curley sich vollfrißt
Treuer, alter Bingo – du warst ein rätselhafter Hund. Obwohl er mich liebte, lief er am nächsten Tage an mir vorüber, ohne mir nur einen Blick zu schenken, folgte aber mit Feuereifer Wrights kleinem Sohn, der ihn zur Jagd mitrief. So blieb er bis ans Ende, und bis ans Ende führte er auch sein geliebtes wölfisches Leben und konnte es nicht lassen, auf die Suche nach gefallenen Pferden zu gehen. So fand er einmal auch eins mit einem vergifteten Köder und verschlang diesen wie ein Wolf. Als er die furchtbare Wirkung fühlte, machte er sich auf, nicht nach Haus, sondern um mich zu suchen, und erreichte die Tür der kleinen Hütte, in der er mich vermutete. Als ich am andern Tag nach Hause kam, fand ich ihn tot im Schnee, mit dem Kopf auf der Schwelle der Tür – der Tür, vor der er seine Jugendtage verlebt. Er war verendet – mein Hund bis zum letzten Atemzug – und es war meine Hilfe, die er gesucht hatte, vergeblich gesucht in der Stunde bitterer Todesschmerzen und tiefer Verzweiflung.