Fünftes Kapitel.
Man erreichte erst eben die Freitreppe, als von der Landstraße her das Rollen des Jagdwagens und das vergnügte Knallen der Peitsche ertönte.
Die kleine Gesellschaft hatte sich wundervoll amüsiert, obgleich die Partie an und für sich keine sehr nennenswerte Ergötzlichkeit bot. Ein Teil der Fahrt ging sogar über ziemlich reizlose Acker- und Wiesenstriche, wo die glühende Prallsonne des Junitages kaum hier und da durch ein paar Obstbäume abgedämpft wurde. Aber die Laune, die gute Laune! Fräulein Gertrud und der alte Major hatten sich so köstlich geneckt, und so urkomische kleine Geschichten waren erzählt worden, daß man just auf diesem sonnüberströmten Plateau aus dem Gelächter gar nicht herauskam.
Und dann die Bowle im Nehrauer Birkenwald. Natürlich hatte man alles Notwendige mitgebracht. Den sauren Landwein des Nehrauer Sternwirts konnte man selbst mit uraltem Cognac, Zucker und frischem Waldmeister nicht zur Genießbarkeit aufkünsteln: aber der bauchige Vorratskasten des Jagdwagens hatte ja Raum genug – sogar für das unumgängliche Eis! Neun Flaschen, sage, neun Flaschen edlen Gewächses waren unter dem luftigen Blätterdach der Nehrauer Birken rite verzecht worden. Selbst Fräulein Gertrud hatte sich eifrig daran beteiligt, wenn auch der Schein ihrer Leistung größer war als die Wirklichkeit. Und sie sorgte dafür, daß dem Herrn Grafen und dem Major, der ihr geflissentlich zutrank, mehr dieser stark imponierende Schein, dem jungen Baron mehr die maßvolle Wirklichkeit in die Augen stach.
Die heitere, fast übermütige Stimmung, die man von der Partie mit nach Haus brachte, setzte sich während des anderthalbstündigen Schwelgens im Speisegemach fort.
Somsdorff nahm heute zum erstenmal an dem Souper teil und mühte sich, es den übrigen an Vergnügtheit und Frische des Tones gleichzuthun, was von dem Grafen und ganz besonders von dem Major mit höchster Genugthuung konstatiert wurde.
»Der Appetit kommt beim Essen,« sagte der Graf. »Das gilt auch von der Geselligkeit. ›Wer sich der Einsamkeit ergibt, ach, der ist bald allein‹ – heißt es bei Goethe. Im Kreise fröhlicher Kameraden dagegen erwacht vom Schlummer, was Nervosität und Krankheit in uns erstarren ließ: der Urquell der Fidelität, und nun erst – nicht wahr, lieber Major? – genest man ex fundamento! Na, kommen Sie her, Somsdorff! Dieser hochduftige Edelwein aus der Bourgogne heilt alle Gebresten! Ihr Wohl!«
Somsdorff stieß mit ihm an; der alte Major und Gräfin Adele folgten dem Beispiel des Grafen; Gertrud Mettenius und Friedrich von Steinitz waren zu sehr ineinander vertieft, als daß man sie hätte stören dürfen.
Somsdorff leerte den großen geschliffenen Kelch auf einen Zug und litt es lächelnd, daß der Major ihm sofort wieder einschenkte. Graf Authenried erzählte bei diesem Anlaß ein komisches Intermezzo vom Bonner Kongreß – das erste Mal seit der Ankunft der beiden Barone, daß er das Thema der Numismatik streifte – und nun hielt es auch Gertrud für zweckmäßig, ihren eifrigen Kavalier nicht durch ferneres Lauschen auf sein bewegtes Geplauder zu verwöhnen. Sie mischte sich, eine launige Frage an den Major richtend, flott in die Hauptkonversation, so daß sich in kurzer Frist ein reizvolles Chaos ergab, das in den Nebenräumen den Eindruck erzeugte, als tafele hier eine Gesellschaft von zehn bis zwölf Personen.
Nur Gräfin Adele nahm wenig teil am Gespräch. Inhaltsvolle Gedanken schienen sie stark zu beschäftigen, was sie indes durch häufige Weisungen an den Bedienten und sonstige Aufmerksamkeiten fürs Wohl ihrer Gäste sattsam bemäntelte. Somsdorff allein ahnte, was in ihr vorging.
Nach Tisch begab man sich in den größern der beiden Verandasalons.
»Adele, nun singst du etwas!« bat Graf Gerold mit einer artigen Kopfneigung.
»O, ich kann nichts!« wehrte die Gräfin.
Gertrud Mettenius trat an das Notengestell.
»Hier sind ja Lieder zu Hunderten … deutsche, französische, italienische … Liebes Adelchen, ich glaube du zierst dich! Im Pensionat sagte doch schon der Kantor, du solltest dich ausbilden lassen! Aber was red' ich noch? Heut erst, unter den Nehrauer Birken hat dein Gemahl uns erzählt, daß du zum Besten des Frauenvereins öffentlich das famose ›Vorrei morir‹ geschmettert …«
»Oeffentlich?«
»Nun ja, – vor einem geladenen Publikum, aber doch so zu sagen …«
»Mein Gott, wenn ihr absolut wollt,« sprach die Gräfin und trat an den Flügel. »Aber ich bin so ganz aus der Uebung.«
»Wie kommt das?« frug der Major.
»Gerold ist kein Freund von Musik; sie stört ihn bei seinen Studien. Ueberhaupt … ich weiß selbst nicht …«
Sie strich mit der Hand über die Stirne und fuhr dann in etwas verändertem Tone fort:
»Was soll ich denn singen?«
»Nun, eben dies ›Vorrei morir‹, wenn uns die Bitte gestattet ist,« sagte der junge Baron mit einem schwärmerisch leuchtenden Blick auf Gertrud Mettenius.
»Verstehen Sie italienisch?« fragte die Gräfin.
»Gerade genug, um mir die beiden Wörter ›Vorrei morir‹ ins Deutsche zu übersetzen. ›Ich möchte sterben!‹ Das andre überlaß ich dem Komponisten und der Künstlerin, die mir sein Tonwerk interpretieren soll.«
Der alte Major staunte. Was war das? Die Stimme des Sohnes hatte bei dieser Bemerkung eine so schmelzende, man konnte fast sagen, kokett wehleidige Klangfarbe, daß er den übermütigen Leichtfuß nicht wiedererkannte! Diese verteufelte Gertrud schien auf den kotillonordenüberschütteten König der Zeschauer Klub- und Ressourcenbälle wirklich einen geradezu phänomenalen Eindruck gemacht zu haben. Nun, ihm, dem Papa, sollte das recht sein! Eigne Erfahrungen flößten ihm für die Zukunft des Sohnes manchmal recht ernste Befürchtungen ein. Die Schwiegertöchter, wie sie dem Herrn Major tauglich erschienen, waren nur spärlich gesät. Straff mußte die sein, klug und energisch, die einen Menschen wie Friedrich aus den Gefahren des Leichtsinns dauernd erretten wollte. Diese Gefahren … du lieber Himmel! Er selbst, der gute Major, wußte Historien davon zu erzählen bis auf den heutigen Tag, trotz seiner vieljährigen Ehe mit Dorothea Freiin von Pehrts, die allerdings fast zwei Jahre älter gewesen als er, und viel zu geduldig und harmlos.
Gräfin Adele setzte sich, ließ ihre schlanken Hände präludierend über die Tasten gleiten und sang das funkelnde Tostische Lied mit dem sehnsuchtsvollen Refrain ›Vorrei morir‹. Die herrliche Altstimme war von unsagbarem Wohllaut.
Somsdorff, der abseits in einem Fauteuil saß, fühlte, wie ihm das Herz vor wildem Verlangen beinahe in Stücke brach. Zuletzt hielt er es nicht mehr aus. Die Wände des schwülen Raumes schienen die eingesogene Tagesglut unter dem Schwall dieser vulkanischen Töne mit verdoppelter Heftigkeit wieder auszustrahlen … Die Thüre nach der Veranda war halb geöffnet. Beim Verrauschen der Schlußaccorde erhob er sich und trat leise und langsam über die Schwelle.
Die Freitreppe, die Balustraden des Teiches, die Parkwege glänzten im Scheine des Vollmonds, der groß und leuchtend über den Wipfeln stand. Zwischen den Säulen hindurch strömte silbernes Licht auf das Marmorgetäfel und floß um die teppichbelegte Chaiselongue, wo Somsdorff während der letzten Wochen so manchmal selig geträumt hatte.
Ein warmblütiges Lachen scholl vom Salon heraus in die trostlose Mondnachtstimmung. Es war Gertrud Mettenius, die sich jetzt ans Klavier setzte und mit dem Sprudelton dieser herzentquellenden Lustigkeit eine nicht ganz geschickte Bemerkung ihres Verehrers Friedrich von Steinitz beantwortet hatte …
Nun spielte sie …
»Etwas Flottes!« hatte der Graf gesagt; »dieses ›Vorrei morir‹ war doch gar zu sentimental!«
Und wie ein prasselndes Feuerwerk sprühten die Klänge des neuesten Wiener Walzers unter den kecken, beweglichen Fingern hervor und prallten in unversöhnlichem Gegensatz auf den bläulichen Märchenschimmer des Parks und die verzweiflungsvolle Erregtheit Somsdorffs.
Da rauschte etwas über die Fliesen. Gräfin Adele, in der Linken den Fächer, trat bis zum Rande der Freitreppe, schien ein paar Augenblicke zu zögern und wandelte dann, sich Kühlung wehend, die Stufen hinab.
Drinnen ertönte ein lautes Bravo des Herrn Majors, ein kurzes Stimmengemurmel, und gleich danach, mit neckischer Virtuosität vorgetragen, der Karneval von Venedig.
Somsdorff, unweit des Langsofas an die Säule gelehnt, stand noch unschlüssig, ob er der Gräfin folgen sollte, als sie schon wieder zurückkam.
Nun erst bemerkte sie ihn. Sie stutzte, machte eine Bewegung, als wolle sie rasch über die Schwelle, und schritt dann geradeswegs auf ihn zu.
»Es nimmt mir die Ruhe,« sagte sie halblaut. »Besser, ich frage Sie gleich, als daß ich's noch über Nacht mit mir herumschleppe.«
Sie stand jetzt vor ihm.
»Frau Gräfin …« stammelte Somsdorff.
Der Mond schien ihr voll ins Gesicht. Er sah, daß ihre Augen sich feuchteten.
»Offen heraus,« fuhr sie fort, »ich schäme mich! Bleischwer liegt es mir auf der Brust, kaum zu ertragen! Ich schäme mich, daß Sie so Unerhörtes gesprochen – und mehr, daß ich noch eine Silbe der Höflichkeit für Sie fand, nachdem Sie's gewagt hatten … Herr von Somsdorff! Ich wünsche zu wissen, bei Ihrer Ehre: hab' ich etwas gethan oder geduldet, was Sie zu dieser Kränkung berechtigte?«
Sie schaute ihn fest an, fast drohend. Ihr Mund zuckte; von ihren Wimpern lösten sich zwei rollende Thränen.
Er suchte nach Worten. Einer plötzlichen Eingebung folgend, sagte er kurz und rasch, ohne auf die gestellte Frage zu antworten:
»Adele, Sie lieben mich!«
»O Gott!« stöhnte sie, mit der Hand nach der Brüstung fassend.
»Sie lieben mich,« sagte er ruhig. »Wenn Sie den Mut haben, eine Lüge zu sprechen, so sagen Sie Nein!«
»Ich darf Sie nicht lieben! Nein, ich liebe Sie nicht!«
Somsdorff machte eine Gebärde nach dem Salon hin.
»Etwa um dieses Gemahls willen?«
»Allmächtiger Himmel!« raunte sie angstvoll. »Sie wissen nicht mehr, was Sie reden! Sie häufen Beleidigung auf Beleidigung! Ich verzeihe Ihnen als dem Erretter meines geliebten Kindes; aber Sie können nicht länger bei uns zu Gast sein! Wenn Sie nicht wollen, daß ich verzweifle, so reisen Sie schleunigst ab! Schleunigst! Ich würde sagen: heut' abend, in dieser Minute … Aber das geht nicht! Morgen jedoch … Im Laufe des Vormittags kommt Doktor Michalsky. Irgend was Glaubhaftes wird sich schon finden lassen. Er muß Sie beurlauben …«
»Ich abreisen?« flüsterte Somsdorff. »Das wäre mein Tod!«
»Sie müssen,« sprach sie, die Hände faltend. »Ach, versteh'n Sie nicht falsch! Es soll keine Strafe sein … Ich bin sogar überzeugt, Sie haben im Grund Ihres Herzens Respekt vor mir – aber ich sehe doch, wie Sie ganz und gar außer stande sind, sich zu beherrschen! Und – weshalb soll ich es leugnen? – Ihre Haltlosigkeit raubt mir die Ruhe …«
»Sie lieben mich also!« war das Einzige, was sie zur Antwort bekam.
Frei erhob sie das Antlitz wie jemand, der sich entschlossen hat, einer Gefahr trotzig und kampfbereit in das Auge zu sehen.
»Ja!« versetzte sie kurz. »Für meine Empfindungen kann ich nichts; wohl aber für meine Handlungen. Jetzt, da's heraus ist, kommt es mir vor, als hätt' ich mir eine Last von der Seele gewälzt! Sie wissen's nun, – und deshalb müssen Sie fort!«
»Adele! Wie ist es möglich …«
»Was?«
»Solch ein Geständnis zu machen und gleichzeitig das Verbannungsurteil zu sprechen?«
»Das ist möglich, weil ich fest an die Ehrenhaftigkeit Ihrer Gesinnung glaube! Ich halte die Liebe für etwas Heiliges. Wer liebt – und Sie behaupten doch, daß Sie mich lieben – der kann den Gegenstand seiner Liebe unmöglich erniedrigen wollen. Dies würde aber geschehen, wenn … Sie mich ferner mit so abscheulichen Blicken verfolgten, wie vorhin, als ich zum Flügel schritt. Diese Blicke verletzen mich; sie machen mich unglücklich! Wenn Sie denn kein Verständnis haben für die Pflichten der Gattin, so erwägen Sie, daß ich ein süßes, holdes, schuldloses Kind besitze!«
Somsdorff erschauerte. So herrlich und lockend war ihm die edle Gestalt und das bezaubernde Antlitz mit dem blühenden Mund, der im fließenden Mondlicht wie verträumt auf ihn einsprach, noch niemals erschienen. Er hatte das bange Gefühl, als müsse er im nächsten Moment vor unsagbarer Liebessehnsucht verrückt werden.
Aber just der Ueberschwang seiner Leidenschaft lieh ihm die Fähigkeit, sich äußerlich zu bezwingen. Wenn er die Hoffnung nicht aufgeben wollte, mußte er dieser Frau gegenüber eine Komödie spielen, deren Entwurf ihm blitzartig durchs Gehirn schoß.
»Das Kind,« murmelte er wie geistesabwesend. »Ja, das Kind!«
Dann fuhr er, etwas lebhafter werdend, mit seltsam raunender Stimme fort: »Adele! Mich überkommt's wie die frohe Gewißheit, daß in Josefa uns beiden das Heil erblüht! Glauben Sie an himmlische Offenbarungen? Ich glaube daran – seit einer Minute! Das Kind … Fürchten Sie nichts! Dulden Sie mich noch vierzehn Tage lang hier! Sie können's getrost – und so war es ja ausgemacht! Eine frühere Abreise müßte Verdacht erwecken; auch wäre sie zwecklos. Adele, Sie sollen nicht wieder durch meine Thorheit zu leiden haben! Wie Schuppen fällt es mir von den Augen: die Erinnerung an das eine entscheidende Wort, das Sie jetzt eben gesprochen, wird mir die Kraft geben … Lassen Sie uns hier feierlich einen Bund schließen, der über allem Vergänglichen hoch und erhaben steht! Lassen Sie uns die Sehnsucht, der wir nicht folgen dürfen, mutig in einer Empfindung begraben, die heilig und selbstlos ist: in der gemeinsamen Liebe zu Ihrer Josefa! Wollen Sie? Dann reichen Sie mir die Hand …«
Im Salon verstummte jetzt die Musik. Adele, von plötzlicher Angst ergriffen, man möchte heraustreten, und ihr mondscheinumflutetes tête-à-tête mit Herrn von Somsdorff mißdeuten, schlug hastig ein und verließ ihn, ohne auf seine pathetischen Phrasen etwas erwidert zu haben.
Er starrte ihr nach, sah, wie ihr wallendes Kleid langsam über die Schwelle glitt, und lehnte sich dann, schwer atmend, gegen die Säule.
Dunkel und schweigsam lagen die Wölbungen der gewaltigen Baumgänge. Rechts vor der tiefen Allee glänzte im Mondlicht die Stelle, wo neulich die kleine Josefa, ihre Miß Harriet verlassend, der Mutter entgegengeeilt und so überaus leidenschaftlich geherzt und geküßt worden war.
Dies Bild verfolgte ihn jetzt wie ein Gespenst.
War's denn zu glauben? Das herrlichste, wonnigste Weib liebte ihn – und versagte sich ihm bei all ihrer Glut, weil da ein kleines fünfjähriges Wesen herumlief, das doch, bei Gott, nicht verkürzt wurde, wenn er die Mutter, ach, nur ein einzigesmal selig umfing! Das Kind und immer wieder das Kind! Dies thörichte kleine Geschöpf versperrte ihm also unabwendbar die Straße zum Glück! Es drängte sich stets wie ein Dämon zwischen ihn und den Labequell, sobald er sich niederbeugte, um seinen Durst zu löschen!
Er suchte sich nun die Züge Josefas recht deutlich vorzustellen, mit dem uneingestandenen Zweck, das hübsche Gesichtchen, das ihm zu Anfang so hold erschienen, um jeden Preis antipathisch zu finden.
»Sie ist das Ebenbild ihrer Mutter,« dachte er stirnrunzelnd. »Gut! Um die Brauen jedoch und im Blick hat sie etwas vom Vater – etwas Kaltes, Unangenehmes, Ordinär-Pfiffiges. Wahrhaftig, sie lächelt manchmal, sie lächelt … Wie sie mir heute den Strauß brachte! Infam! Die kleine Canaille weiß, daß sie stört! Sie ahnt es mit dem alles witternden frühreifen Instinkt einer spinösen Weiblichkeit.«
Und das Antlitz Josefas dünkte dem Aufgeregten immer entsetzlicher und verabscheuungswerter. Zuletzt kam es ihm vor, als ringelten sich statt der Locken gelbe, giftsprühende Schlänglein um die Stirne des Kindes … ein kleines Gorgonenhaupt, das mit Adele nur die Augen gemein hatte!
Ach, und da drinnen im kerzenhellen Salon, auf den er jetzt mühsam zuschritt, blühte, den Arm auf die Kante des Flügels geschmiegt, der Gegenstand seines Verlangens, die Göttin, deren Altar er längst schon mit leuchtenden Blumen geschmückt hätte, wäre der garstige, natternumzüngelte Kopf nicht gewesen, das öde, alberne Püppchen, das da im Herzen der Mutter eine so breite Stelle einnahm, das mit dem Klang seiner süßlichen Schmeichelworte das Weib in Adele grausam ertötet hatte!
Bis gegen elf Uhr musizierte man noch. Friedrich von Steinitz trug ein Studentenlied vor. Sein Papa, der den Sekt ein wenig spürte, fiel beim Refrain donnernd mit ein und schwang dabei die zierliche Mokkatasse wie ein rebenumkränztes Hochglas. Hiernach erbat sich der Graf das unverwüstliche ›Gaudeamus‹. Friedrich von Steinitz konnte das nicht begleiten, wohl aber Gertrud Mettenius, die alles vom Blatt spielte. Ihre Accorde brausten wie Orgelklänge. Von der zweiten Strophe ab sangen die drei Kavaliere gemeinschaftlich, grundfalsch zum Teil, aber mit sprühender Verve. Bei der dritten ging dem Major der Text aus, was ihn nicht hinderte, auf die Silben ›la-la‹ volltönig weiter zu schmettern. Bei der vierten folgte Gertrud Mettenius dem Beispiel der Herren und ließ eine flotte, nicht unangenehme Diskantstimme los. Bei der fünften zeigte sich Karl, der Bediente, schüchtern im Nebenzimmer und reckte staunend das sonst so diskrete Haupt: die Herrschaften waren ja ganz außerordentlich gut bei Laune!
Auch Leo von Somsdorff that zuletzt, als ob er sich dem ausgelassenen Konzert anschließe, während Adele wieder für Augenblicke ins Freie trat. Aber sein Herz wußte nichts von dem Uebermut dieser Stunde. Das Kind, das Kind verfolgte ihn unablässig – und als man gegen halb zwölf nach einem kurzen Geplauder, woran auch Gräfin Adele teilgenommen, sich trennte, da war er von diesem Gedanken wie festgepackt.
In trostloser Stimmung betrat er sein Schlafgemach. Rasch zog er sich aus, zum erstenmal ohne die Hilfe des Dieners, obgleich die Hüfte ihn wieder schmerzte. Sein Ingrimm steigerte sich mit jeder Minute. Er löschte das Licht und schloß gewaltsam die Augen, da ein Reflex des Mondes über dem Thürgesims ihn peinlich erregte. Die Fäuste geballt, sah er den flirrenden Schein trotzdem durch die zusammengepreßten Lider hindurch – und das bleiche Oval spann sich ihm aus zu einer bethörenden Sinnestäuschung. Es wuchs und wuchs, und schließlich war es Gräfin Adele, die im duftigen, milchweißen Gewand, die Arme bis an die Schultern entblößt, über die Schwelle glitt. Vor seinem Lager kniete sie langsam nieder, legte ihm schmeichlerisch die Hand auf die Stirn, küßte ihn heiß auf die Lippen und zog ihn mit ihren weichen, wonnigen Armen fest an die Brust.
»Adele!« rief er, von Glück und Seligkeit überwältigt.
Da schrillte schon wieder aus nächster Nähe die unleidliche Stimme: »Mama, Mama!«
Und das Kind kam herein durch die doppelt verriegelte Thür wie ein Geist, der die Mauern zerteilt, und zerrte hohnlachend das süße, himmlische Weib am Gewand und schlug dem liebeglühenden Mann die kleinen, spitzigen Krallen ins Antlitz, daß ihm das Blut über die Wangen troff.
Er fuhr stöhnend empor. Mit zuckender Hand strich er sich über die Augen.
Ja, da rieselt es warm wie entquellendes Blut. Es sind Thränen, – Thränen des Zorns, der Sehnsucht, der ohnmächtig wilden Verzweiflung. Er hat geträumt, – und noch liegt der Nachklang des jäh unterbrochenen Traumes auf seiner Brust wie ein Alp. Händeringend stößt er einen beklommenen Schrei aus und drückt die Stirne keuchend in seine Kissen.