Zwölftes Kapitel.

Hals über Kopf trat Somsdorff die Reise an; wenn auch nicht an dem nämlichen Tage, so doch am folgenden. Leuthold, sein Diener, hatte ihm das Notwendigste packen müssen. Die alte Wirtschafterin, die seit vergangenem Herbst engagiert war, blieb zunächst in der Wohnung. Sie sollte vor ihrem Weggang, der Ende September erfolgen würde, die Möbel bei einem Transportgeschäft unterstellen. Den Leuthold, einen gewandten, tüchtigen Menschen, der ihn bereits nach Rußland begleitet hatte, nahm er auf dieser plötzlichen Flucht mit.

Somsdorff kannte die Gräfin hinlänglich, um zu wissen, daß es sich hier durchaus nicht um eine »Scene« handelte, die nach einigen Tagen des Schmollens mit einer Versöhnung schließt. Der Aufschrei ihres verletzten Gefühls war zu leidenschaftlich, zu elementar gewesen, als daß sich ein Umschwung in absehbarer Zeit hätte erwarten lassen. Uebrigens war Leo zu stolz, um diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen. – »Er wird sich zu trösten wissen!« Dies letzte Wort beim Ueberschreiten der Schwelle klang in ihm nach wie ein feierliches Gelöbnis.

Zu Anfang meinte er auch, das mit dem Trösten ginge so leidlich. Die Bitternis, die in ihm gärte, täuschte ihn über den Kern seines Empfindens.

»Ich habe die Frauen zu hoch taxiert,« sagte er zu sich selbst, und kokettierte dabei mit den Stimmungen einer längst überwundenen Frivolität. »Noch in Sankt Petersburg war ich ein Weltweiser, der sie nahm, wie sie sind! Mit dem Augenblick, da ich vom Pfade der Philosophie abwich, hat im Verborgenen die Nemesis auf mich gelauert! Ein ganz abnormer Charakter, diese Adele! Bezaubernd, hinreißend – ja! Aber doch eben so wankelmütig, wie ihre Schwestern, wenn auch auf andrem Gebiet! Es fehlt ihr im Blute! Wo die gewöhnlichen Weiber die Liebe wechseln, da wechselt sie mit dem Haß! Erst ihr bedauernswerter Gemahl, – dann ich! Wer weiß, wodurch er sich die Verstimmungen zugezogen, die ihr die Galle empörten! Vielleicht war die erste Ursache eine ganz harmlose Bemerkung über das Kind! Ein Wort des Verdrusses, der Ungeduld! Sie aber, mit ihrer nervösen Feinfühligkeit … Lächerlich!«

Und es war nicht zu ändern! Sollte er sich sein jungfrisches Leben verkümmern um dieses flüchtigen Intermezzos willen? Er war ja nun auf der Fahrt nach Paris, wo er sich acht Tage aufhalten wollte, vielleicht auch vierzehn. Dort in dem Eldorado der Teufel hielt eine deutsche Liebe, wenn sie daheim noch so viel Zeit gehabt, Wurzeln zu schlagen, nicht lange vor. Auch Spanien galt für ein zweckentsprechendes Heilterrain! Zunächst San Sebastian mit seinem funkelnden Badeleben; denn in der Hauptstadt war es vor Mitte September zu heiß … Fort also mit den trüben Gedanken! Im Herbste kam dann die Arbeit … es würde schon gut werden!

Leider schwand diese Zuversicht rasch. In Paris fühlte sich Somsdorff, trotz der mannigfachen Beziehungen, die er mit Leichtigkeit anknüpfen konnte, öd und vereinsamt. Die Vergangenheit war nicht durch einen bloßen Entschluß abzustreifen, und ebensowenig ließ sich die Neigung und das Verständnis für die oberflächlichen Tändeleien der goldenen Jugend künstlich heraufbeschwören. Wer einmal am Born einer echten und wahrhaftigen Liebe getrunken, den mutet alles, was ihn sonst wohl gelockt hat, schal und erbärmlich an, just wie der Sage zufolge an dem geweihten Spiegel, den Ormas göttlicher Hauch streifte, kein Wasser haftet.

Am vierten Abend bereits, da Somsdorff aus einer der großen Konzerthallen der Champs Elysées, wo er mit einem jungen Rumänier den brausenden Fanfaronaden einer bildhübschen Volkssängerin gelauscht hatte, in sein Hotel zurückkam, war es mit seiner Selbstbeherrschung zu Ende. Alles, was er sich vorgeredet, zerfloß wie Rauch. Nach einer schlaflosen Nacht war sein Entschluß gefaßt. Er schrieb an Gräfin Adele einen ausführlichen Brief, worin er noch einmal ruhig und klar auseinandersetzte, was er ihr mündlich gesagt, und sie heilig beschwor, nicht um der einen tausendfältig beklagten Thorheit willen ihn und sich selbst für alle Zeit elend zu machen. Er könne das Leben fern von ihr nicht ertragen. Was er bis jetzt gelitten, sei auch im schlimmsten Fall Buße genug, zumal doch auch seine Eigenliebe unter der schroffen Behandlung, die er erfahren, immer noch blute. Zum Schluß bat er sie um sofortige Nachricht. Er werde nicht eher wieder frei aufatmen, bis er Gewißheit habe, daß sie ihm endlich verzeihe.

Somsdorff ließ den Brief, den er als Einschreibesendung bezeichnete, unverzüglich durch seinen Bedienten zur Post bringen. Er wollte die halbe Stunde, die er noch zur Erledigung seiner Toilette brauchte, nicht erst verstreichen lassen; sonst wäre er selbst gegangen.

Nun begann eine Zeit fiebernder Ungeduld.

Im ersten Taumel der sich neu belebenden Hoffnung rechnete Leo fest auf ein Telegramm. Adele, wenn sie nun sah, wie er im Gram sich verzehrte, würde ihn doch bestimmt nicht so lang auf die Folter spannen, bis eine briefliche Antwort in seine Hände gelangt sein konnte! Er sah sie im Geist, wie sie mit zitternder Hand die Empfangsbescheinigung unterschrieb, das Couvert erbrach, die längst schon erwarteten Zeilen im Sturm überflog und dann sofort anspannen ließ, um in eigner Person nach dem Telegraphenbüreau zu fahren. O, diese Depesche! Ganze Stunden verbrachte Somsdorff mit dem Erwägen des vermutlichen Inhalts. Keine der Fassungen, die ihm vorschwebten, dünkte ihm herzlich genug, keine entsprach der köstlichen Eigenart der Geliebten! Es würde ein langes, ein umständliches Telegramm sein, glühend und doch versteckt im Ausdruck, nur ihm verständlich, für die Beamten jedoch hieroglyphisch und rätselhaft …

Aber der Tag, an dem der Einschreibebrief spätestens in die Hände Adelens gelangt sein mußte, verstrich, ohne daß der Portier des Hotels auf die wohl zwanzigmal wiederholte Nachfrage Somsdorffs eine bessere Antwort gehabt hätte, als ein lächelndes »Rien, Monsieur« oder ein artig bedauerndes »Pas encore«. Bis gegen Mitternacht hielt sich Somsdorff buchstäblich auf der Lauer. Er saß, die Abendnummer eines Boulevardblattes zwischen den Fingern, in dem spärlich erleuchteten kleinen Salon, der an sein Schlafzimmer stieß, und horchte auf jedes Geräusch, das draußen im Gang sich rührte, auf jeden Schritt, der abgedämpft über den Läufer huschte. Von Zeit zu Zeit stand er auf, um die Thüre zu öffnen. Er glaubte Stimmen zu hören, die nach ihm fragten. Einmal klang es wie »Monsieur de Somsdorff«, so scharf und bestimmt – er hätte die Wirklichkeit dieser Worte beeidigt … Und doch war alles ein Spiel seiner erregten Einbildungskraft.

Schwer niedergedrückt ging er nun endlich zu Bette. Da er infolge des unausgesetzten Wartens nicht gleich einschlafen konnte, versuchte er, sich die Trostlosigkeit der Enttäuschung zurechtzulegen, und kam – wie dies immer geschieht, wenn man die Hoffnung auf ein glückliches Resultat um keinen Preis aufgeben will – zu der frohen Erkenntnis, er selbst trage die Schuld an dieser Enttäuschung, da er etwas vorausgesetzt habe, was er gar nicht voraussetzen durfte. Ganz mit der nämlichen Logik, die ihm bis jetzt dargethan hatte, es sei unmöglich, daß Gräfin Adele nicht telegraphiere, bewies er sich jetzt das Gegenteil. Wie hatte er annehmen können, sie, das feinfühlige, scheue Gemüt, werde so peinlich intime Vorgänge einem Blatt anvertrauen, das durch die Hände unbeteiligter Menschen wandern und Gott weiß von wie vielen gleichgültigen oder gar spöttischen Blicken profaniert werden mußte! Und ferner: das Beste, das Heiligste, was sie ihm sagen konnte, ging doch naturgemäß seiner Wirkung verlustig, wenn es ihm nicht in den eigenen Schriftzügen der Geliebten vors Auge trat! Ein Telegramm, das Offenbarungen des Herzens enthielt, war eine Roheit, die mit den Heiratsannoncen und ähnlichen Ausgeburten des Zeitgeistes auf der nämlichen Stufe stand! Nein, solcher Mißgriffe war Adele nicht fähig, – und im Geiste bat er sie um Vergebung, daß er so thöricht gewesen, das einfach Undenkbare für wahrscheinlich zu halten.

Nun ward er ruhig und fand so allmählich den Schlaf. Kurz nach sechs jedoch fuhr er, wie jemand, der sich plötzlich erinnert, empor. Die Julisonne schien grell durch die unvollständig geschlossenen Gardinen, deren brennender Purpur über das ganze Gemach einen rosigen Schimmer goß. Es war wie die Vorahnung eines Festtages. Leo von Somsdorff nahm das zum guten Zeichen. Heute konnte ja nun ein Brief kommen!

Er zog sich an, bestellte sich Thee, warf einen Blick in die Zeitung, die er während des gestrigen Abends mehr zerknickt als gelesen hatte, und verließ dann mit Herzklopfen das Hotel.

Das eigentliche Paris war noch nicht aufgewacht. Arbeiter und kleine Verkäuferinnen wanderten scharenweise nach ihren mannigfaltigen Werkstätten, Magazinen und Läden, während ganze Kolonnen von Straßenkehrern damit beschäftigt waren, den Fahrdamm zu reinigen. Somsdorff beschaute dies fremdartige Bild mit jener vielgeschäftigen Neugier, die alles willkommen heißt, was ihr Ablenkung von dem Gegenstand ihrer Ungeduld bietet. Unter den Mädchen, die zum Teil in geschmackvollen, wenn auch meist sparsamen Toiletten über den glatten Asphalt huschten, befanden sich ganz allerliebste Gesichter, anmutig, frisch und just wie geschaffen, um ein vergrämtes Gemüt zum Frohsinn und zur Lebenslust zu bekehren. Somsdorff indes starrte sie an, ohne das wahrzunehmen.

Nur ein einziges Mal ward er aus seiner Stumpfheit aufgerüttelt, als er, nach seinem Hotel zurückschreitend, mit zwei solcher Püppchen, die eben aus einem Thorweg heraustraten, heftig zusammenstieß, ein verblüfftes »Pardon!« stammelte und höflich den Hut zog.

Die Mädchen lachten. Eine von ihnen, die hübscheste kleine Blondine, die man sich denken konnte, sagte mit dem entzückendsten Stimmchen »Il n'y a pas de quoi«, und warf ihm dabei einen Blick zu, den er trotz aller Zerstreutheit nicht übersehen konnte. Dann schritten die beiden quer über die Straße nach einem Putzmachergeschäft, dessen mächtige Eisenvorlagen noch fest geschlossen im Glanz der Sonne blinkten, und verschwanden dort in dem Nebeneingang unter dem Thürschilde, das in silberner Rundschrift den melodischen Namen der Inhaberin »Félicie Marchand« trug.

Nun endlich, da Somsdorff wieder vor seinem Hotel stand, kam der »Facteur«, den hölzernen Kasten schwer mit Briefschaften aller Art überladen. Leo war seiner Sache gewiß. Er fragte jetzt gar nicht: »Haben Sie was für mich?« sondern streckte dem Mann, der einen ganzen Stoß von Korrespondenzen nach der Portierloge trug, einfach die Karte entgegen.

Aber der Briefträger zuckte ganz mit der gleichen Gebärde, wie gestern der Concierge, die Achseln und sagte dann höflich: »Vielleicht mit dem folgenden Umgang!«

Diesmal war Leo von Somsdorff sprachlos. Trostsprüche, wie er sie gestern so leicht noch handhabte, verfingen nicht mehr. Sie hat nicht geschrieben; sie wird überhaupt nicht schreiben: das war der Sachverhalt, der ihm jetzt unwiderruflich schien. Es gibt Obliegenheiten, die man entweder gar nicht, oder sofort erledigt. In diese Kategorie zählte die Antwort auf seinen Brief, der doch wahrlich ein übriges that in Demut und Selbstverleugnung! Also sie wollte nicht!

Trotzdem blieb er noch eine Weile im Zustand unausgesprochner Erwartung. Fünf- oder sechsmal ging er und kam er … Mit auffälliger Langsamkeit schob er sich an der Loge vorüber … vielleicht, vielleicht trat der beleibte Concierge zu ihm heran … Direkt nachzufragen schämte er sich.

Es war ein qualvoller Tag. Das ewige Auf- und Niederwogen der Stimmung, der unvermittelte Wechsel von Bangigkeit, Sehnsucht, Aerger und Zorn drückte auf alle Nerven. Zuletzt hielt er's in dem Bereich des Hotels, das er umkreist hatte, wie ein Detektiv die Verbrecherhöhle, nicht länger aus. Er bestieg eine Droschke und fuhr auf dem kürzesten Weg ins Boulogner Gehölz. Er kam sich so über die Maßen jämmerlich und verwaist vor, daß er laut hätte aufschreien mögen. Da es die Zeit des Diners war, nahm er dort irgendwo einen Imbiß, trank eine Flasche Léoville, die ihm den Kummer nicht einwiegte, und machte sich gegen halb neun auf den Heimweg.

Obgleich die Jahreszeit schon stark vorgerückt war und ein erheblicher Teil der »Gesellschaft« sich in Villegiatur befand, herrschte doch auf den glänzend erleuchteten Boulevards ein Gedränge, wie kaum in der hohen Saison. Die endlosen Tischreihen vor den Kaffeehäusern waren über und über mit Gästen besetzt. Ein flüchtiger Regenschauer hatte den Staub niedergeschlagen; die Luft war köstlich; ein tiefblauer Himmel, der noch im Westen ein leuchtendes Rot zeigte, spannte sich wolkenlos über das bunte Gewühl.

Somsdorff fragte sich, ob er nicht trotz des herrlichen Wetters noch ein Theater oder das gastfreie Haus einer vornehmen englischen Dame besuchen solle, die heute Empfangstag hatte. Dies stumme Alleinsein unter dem wogenden Menschenschwarm, der so angeregt und vergnügt schien, so ganz und gar ohne Sorgen und Kümmernisse, spannte ihn ab. Es war wie das nervenermüdende Branden des Meeres, ein ewiger Wellenschlag – ohne Einzelerlebnisse, die ihn wirklich zerstreut hätten.

Da, an der Ecke der Rue Vivienne, wo er einen Moment stehen blieb, sah er plötzlich in zwei strahlende Mädchengesichter, die erstaunt zu ihm aufschauten. Es gab ihm einen Stich ins Herz. Sofort hatte er die beiden zierlichen Püppchen von heute morgen erkannt, mit denen er so ungeschickt karamboliert hatte. Die ganze Stimmung jener Minute, die freudige Zuversicht, die sich so bald in herbste Enttäuschung verwandeln sollte, trat ihm grell ins Bewußtsein. All seine Trübsal erneute sich.

Und der Abend war so bezaubernd, das Licht floß in so funkelnden Strömen von rechts und links aus den Kaffeehäusern und Brasserieen, und die zwei Mädchen, die ihn mit ihren schelmischen Augen so freundlich anblitzten, waren so jung und so lebensfrisch! Besonders die eine – die mit dem quellenden Blondhaar unter dem zierlichen braunen Strohhut! Ihre Zähne schimmerten schneeglöckchenweiß durch das rosige Lippenpaar, das sich ein bißchen stark öffnete, wenn sie lachte, aber so duftig schien, so weich und so küßlich …

Nun sah die Blonde sich um. Wahrhaftig, ein reizendes Ding, so zierlich und schwalbengleich! Die echte Pariserin! Ganz ehrbar und anständig schauten sie aus, die beiden übermütigen Kinder, aber doch so, daß man es wagen durfte, sie anzureden. Natürlich! Sie flanierten ja so allein – just wie Somsdorff – und wenn man den Tag über Federn und Blumen zu arrangieren hat, und nicht die Mittel besitzt, am Abend einen Salon zu besuchen, wo man Bekanntschaften macht nach allen Regeln des guten Tons, dann nimmt man es grade nicht streng mit der Etikette und amüsiert sich einmal auch ohne den Austausch der üblichen Präliminarien …

Somsdorff besann sich nicht lange. – Er war ja nun frei. – »Nun« war nicht einmal das bezeichnende Wort, denn frei war er schon mit dem Moment, als Gräfin Adele ihm grollend die Thür wies. Er konnte getrost da wieder anknüpfen, wo er aufgehört, eh' ihn das Schicksal nach Authenried-Poyritz geführt. Hätte er doch dies unheilvolle Besitztum nie mit Augen gesehen!

Er machte jetzt Kehrt. Nach zwei Minuten hatte er die Mädchen erreicht. Mit der Höflichkeit eines Weltmannes, der eine hochgefeierte Aristokratin begrüßt, zog er den Hut und ließ eine Phrase vom Stapel, die dem Selbstgefühle der beiden Putzmacherinnen ganz außerordentlich schmeichelte. Er bat um Entschuldigung, daß er hier scheinbar den Takt verletze: aber es dränge ihn, nach dem Rencontre von heute früh, dessen Schuld ihn allein treffe, den Damen nochmals sein tiefstes Bedauern zu äußern.

Er hielt diesen etwas gespreizten Ton eine Weile noch fest, obgleich er alsbald merkte, daß er sich über die Anspruchslosigkeit dieser kleinen Geschöpfe durchaus nicht getäuscht hatte. Die Blonde sah ihn so dankbar an! Es war ihr augenscheinlich höchst angenehm, in Herrn von Somsdorff, der sich sogar jetzt vorstellte, und zwar schlechthin als »Monsieur Léon«, einen so wohlerzogenen, rücksichtsvollen, wenn auch vielleicht etwas gar zu umständlichen Kavalier kennen zu lernen.

Nach Verlauf einer Viertelstunde saßen die drei vor dem Café Riche und plauderten frisch darauf los, als sei die kaum erst geschlossene Kameradschaft schon Wochen alt. Die Blonde hieß Blanche – Blanche Leterrier –; die Schwarze, weniger hübsche, Cécile Prévôt. Sie waren Cousinen und jetzt schon über ein Jahr bei Mademoiselle Félicie Marchand, wo sie ihr gutes Auskommen hatten. Das Geschäft dieser Dame warf ein Stück Geld ab – enorm! Und Mademoiselle Marchand, die selber von klein auf angefangen, war eine wirkliche Mutter für ihre Arbeiterinnen. Blanche excellierte im »Fertigstellen«; sie gab den Hüten und Hütchen den letzten Chic und mußte sie sämtlich am großen Spiegel des Rückzimmers aufprobieren, da sie, wie Mademoiselle behauptete, ein so ausgezeichnetes Hutgesicht hatte. Cécile war vorzugsweise »Fleuriste«. Sie arrangierte die Blumen- und Rankenwerke. Mademoiselle beschäftigte vierzehn Arbeiterinnen und eine »Première«, die nur die Aufsicht führte und Briefe und Rechnungen schrieb, dafür aber mehr bezog, als Blanche und Cécile beide zusammengenommen.

»O, und sie ist so häßlich!« meinte die liebliche Blanche mit einem Lächeln, das gar deutlich besagte: »Wir dagegen – nicht wahr – Monsieur? …«

Nachdem sie die große Portion Gefrorenes hinabgelöffelt und sich nunmehr für einen »petit noir« erklärt hatten, fingen die beiden Mädchen an, ihren Herrn Ritter nach seinem Was und Woher zu fragen. Somsdorff, dessen Beklemmung allmählich nachließ, machte sich das Vergnügen, den stolzen Talar einer gewissen Romantik um die Schultern zu nehmen und sich mit großer Treuherzigkeit für einen russischen Flüchtling auszugeben, der seiner freiheitlichen Bestrebungen halber von der moskowitischen Tyrannei verfolgt werde. Der Galgenhumor, der ihn ergriff, trieb ihn zu immer grelleren Ausmalungen. Er lockte so in die Augen der hübschen Blanche einen Schimmer der Rührung, der um so lebhafter wurde, je öfter er seine Worte direkt an sie wandte. Als man sich nach Verlauf einer Stunde erhob, konnte sie nicht mehr im Zweifel darüber sein, daß sie die Bevorzugte war; daher sie denn auch das Wort ergriff, um Leos Frage, ob und wo er die beiden Damen wiedersehen dürfe, mit liebenswürdiger Deutlichkeit zu beantworten.

»Morgen,« sagte sie, »ganz um dieselbe Zeit – hier auf dem Boulevard! Nicht wahr, Cécile?«

»Ganz wie du willst! Freilich – morgen hat Antoinette Geburtstag …«

»O, das macht nichts! Wir gratulieren ihr schon beim Frühstück! Also – auf Wiedersehen!«

Somsdorff wollte die Mädchen bis an die Wohnung bringen: aber sie dankten mit großer Entschiedenheit. So ging er noch eine Weile im dichtesten Volksgewühl auf und ab, lächelte innerlich über die Albernheit seiner Erfindungen und begab sich dann ins Hotel, fest entschlossen, die ganze Glut seiner Einbildungskraft nunmehr auf das hübsche Gesichtchen der reizenden Blanche Letellier zu konzentrieren.

Das gelang ihm jedoch sehr mangelhaft. Als er das Zimmer betrat, wo Leuthold soeben die Fenster schloß, überkam ihn der Gedanke, wie ganz anders er den heutigen Abend verbracht haben würde, wäre am Nachmittag der glühend ersehnte Brief eingetroffen … Diese Vorstellung wich und wankte nicht. Ja, es regte sich, aller Vernunft zum Trotz, etwas wie Hoffnung in seiner bedrückten Seele, ein letzter Schimmer: »Es wäre ja immer noch möglich!« Wütend über sich selbst ging er zu Bett, wälzte sich stundenlang hin und her und sah dann im Halbschlaf die himmlischen Züge Adelens, die ihm vertraulich zunickte, gütig und mild, wie einst in den Tagen des ersten Glücks.

Eine Woche verstrich, ohne daß sich etwas in der Situation Leos geändert hätte. Ab und zu verkehrte er mit dem jungen Rumänier. Ab und zu machte er seine Fahrt ins Gehölz. Ab und zu traf er Blanche und Cécile; einmal sogar Blanche allein, weil Cécile einen Schnupfen hatte, oder weil Blanche das hübscher fand. Im großen und ganzen jedoch wußte er nicht, was er eigentlich von Paris wollte. Er langweilte sich; er fühlte sich geradezu unglücklich. Zum Ernsten wie zum Vergnüglichen fehlte ihm Ruhe und Sammlung. Es war ein unaufhörliches Kommen und Gehen, eine Flucht vor sich selbst. Jetzt betrat er, wie stolz auf diesen erlösenden Einfall, das Louvre – etwa die Säle der Plastik –: und gleich darauf kam es ihm vor, als wandle er dort unter Leichen. Dann lief er nach dem Quartier latin, mischte sich unter die jungen Studenten, und sah nun erst recht, daß für den Verstoßenen hier kein Bleibens sei. Kaum gab es ein Stadtviertel, das er nicht heimgesucht hätte, zu Fuß, zu Wagen, frühmorgens, oder beim Schimmer der Gaslaterne. Ueberall fand er die gleiche Oede und Farblosigkeit. Selbst das sogenannte »Interesse« für Blanche ließ sich mit allem Eifer nicht großziehen.

Es half hier zunächst kein Trotz und kein Philosophieren: er stand noch sklavisch unter dem Bann seiner Leidenschaft. Nicht einmal sein stark ausgeprägter Gerechtigkeitssinn half ihm darüber hinaus. Im Gegenteil, sobald er sich anstrengte, ganz objektiv zu sein, mußte er einräumen, daß Adelens Entschluß doch nicht so unbegreiflich sei, wie er dies anfangs behauptet hatte. Sie kannte ja nicht die Genesis jener Stimmung, in der sein Unmut dem Kinde den Tod gewünscht: sie hielt sich vorab an die Thatsache. Das Schlimmste war, daß sie durch ihre Schroffheit in Somsdorffs Augen nur noch gewonnen hatte. Diese grenzenlose Pietät für die Tote, diese Treue über das Grab hinaus paßte ja vollständig zu dem Bild hehrster und lieblichster Weiblichkeit, das er von Gräfin Adele im Herzen trug! Sie handelte groß und heroisch! Es grauste ihr vor dem Manne, der nicht mehr im stande war, gemeinsam mit ihr die fromme Erinnerung an den verstorbenen Liebling zu hegen: so war sie denn tapfer genug, ein Band zu zerreißen, von dem sie kein Heil mehr hoffte!

In der zweiten Hälfte des Juli ward ihm die Oedigkeit seines Treibens, dazu auch der Staub und die Hitze so unerträglich, daß er sich plötzlich zur Abreise entschloß, wenn auch unter Veränderung seines ursprünglichen Planes. Er gab die Küste von San Sebastian auf und fuhr über die deutsche Grenze zurück nach dem Schwarzwald. Sein Nervensystem war so überreizt, daß er jetzt vor der Seeluft, die ihn erfahrungsgemäß aufregte, eine förmliche Angst empfand. Das dunkle Tannengrün dieser Berge mußte ihm wohlthun. Einige Bücher hatte er mitgenommen. Der ländliche Wirt, bei dem er sich eingemietet, war in seiner Art ein verständiger Mann, kernig und urwüchsig, mit dem sich ein Wort reden ließ, wenn man der sonst so willkommenen Einsamkeit müde war. Die Tochter, ein gutes, braves, häßliches Mädchen, gab nicht zu denken, wie die reizende Blanche, die doch bei all ihrer Hübschheit so wenig im stande gewesen, das kranke Gemüt von seinen Zwangsvorstellungen abzuleiten.

So vergingen dem jungen Mann zwei Monate in der schweigsamen Thalschlucht, eine Epoche der Unlust für das bewegliche Temperament seines vortrefflichen Leuthold, der sich aus barer Trostlosigkeit dazu herabgab, der garstigen Wirtstochter gründlich den Hof zu machen, heilsam jedoch, wie es schien, für den Herrn, der seine Tage mit diätetischer Pünktlichkeit einteilte, regelmäßige Ausflüge ins Gebirg unternahm, wieder ordentlich schlief, und einen freundlichen Ernst annahm, der mit der früheren Ungeduld seines Wesens nichts mehr gemein hatte.

In der letzten Septemberwoche trat Leo von Somsdorff die Fahrt nach Madrid an.