Sechstes Kapitel.
Des andern Tages las man an allen Mauern Clatou's und Gressinet's folgendes Manifest:
»Einwohner!
»Ein schamloser Diebstahl ist in der Nacht von gestern auf heute innerhalb eures Weichbildes verübt worden. Die s. Z. den Gressineter Insurgenten confiscirte Feuerspritze wurde, unter gewaltsamer Erbrechung der Pforten, aus dem Hinterhofe der Mairie entführt, ohne daß es bis jetzt gelungen wäre, der ruchlosen Thäter habhaft zu werden.
»Einwohner der Gemeinde Clatou-Gressinet! Dieses unerhörte Attentat auf die Gesellschaft bildet einen unauslöschlichen Schandfleck auf dem Ehrenschilde unserer geliebten Vaterstadt! Ich fordere daher alle guten Bürger auf, das Ihrige zur Entlarvung der Missethäter beizutragen. In einem Augenblicke, wo Frankreich von einer Prüfung heimgesucht wird, wie sie in den Annalen unserer glorreichen Geschichte ohne Beispiel sein dürfte, erscheint ein Verbrechen wie das vorliegende doppelt verwerflich. Soll dereinst die Chronik berichten, Clatou-Gressinet habe sich die durch die feindlichen Siege hervorgerufene Verwirrung zu Nutz gemacht, um dem Gesetze Hohn zu sprechen? Einwohner! Patrioten! Die Augen von ganz Europa sind auf euch gerichtet! Duldet nicht, daß man euren guten Namen ungestraft der Verachtung aller civilisirten Nationen Preis gebe! Frankreich ist, so tief es auch in diesem Augenblicke darniederliegt, das Land der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der echten Bürgertugend. Thut das Eurige, um diesen Ruf aufrecht zu erhalten!
»Der Weinwirth Goguenard, den der dringende Verdacht trifft, um das Attentat zu wissen, ist bereits in Haft genommen. Die unterzeichnete Behörde sieht weiteren Enthüllungen von zehn bis vier Uhr im Bureau der Bürgermeisterei entgegen.
Der Maire von Clatou-Gressinet.
C. Clamard. †*
Für die Ausfertigung: Coquerel, Adjunkt.«
Die Clatounesen schäumten vor Wuth. Der desselbigen Abends erscheinende ›Beobachter‹ verlangte im Namen Frankreichs eine »exemplarische Züchtigung dieser entarteten Söhne des Vaterlandes« und ließ ziemlich unverblümt durch die Zeilen blicken, wen er nach so mannigfachen Antecedentien für schuldig erachten müsse …
Herr Clamard versäumte indessen nichts, was die aufgeregte öffentliche Meinung beruhigen konnte. Schon in aller Frühe hatte er, wie sein Manifest besagte, den Weinwirth Goguenard verhaften lassen. Seine zweite Maßnahme bezog sich auf den ›Unverzagten Streiter von Gressinet‹, der bereits vor mehreren Wochen unter dem Titel: »Wie löschen wir?« einen höchst bedenklichen Artikel gebracht hatte. Damals war jener Aufsatz nicht ernstlich beachtet worden: jetzt gewann er angesichts des heimtückischen Attentats eine sehr compromittirende Färbung. Herr Clamard suspendirte den ›Unverzagten Streiter‹ von Amtswegen, belegte das redactionelle Material – eine Schreibmappe, eine Scheere, ein Tintenfaß, vier Hefte Conceptpapier, drei Stahlfedern, vier Gänsekiele und ein zweiklingiges Federmesser – mit Beschlag und beauftragte die competenten Behörden mit der Einleitung eines Preßprocesses.
Nach Erledigung dieser von dem Publikum mit größter Befriedigung aufgenommenen Präliminarien ordnete Herr Clamard eine regelrechte Haussuchung bei sämmtlichen Bürgern von Gressinet an.
»Die Spritze soll und muß wiedergefunden werden!« sprach er zu seinen Leuten … »Bedenkt, daß nicht nur die Ehre Clatou's, sondern auch die Würde meines Amts auf dem Spiele steht! Ich werde Denjenigen, der mir die Spritze wiederbringt, zum Kreuz der Ehrenlegion vorschlagen.«
Die Leute gingen und suchten. Sie kehrten ganz Gressinet um und um. Jede Schublade wurde aufgezogen; keine Rocktasche blieb undurchstöbert; unter jede Bettlade ward geschnüffelt: umsonst! Die Spritze war nirgends aufzutreiben.
Herr Clamard erließ ein erneutes Manifest. Er sicherte Demjenigen, der über den Verbleib des vermißten Instruments irgend welche Anhaltspunkte zu geben vermöchte, eine Belohnung von 100 Francs zu. Aber unter den Patrioten Gressinet's fand sich kein Verräther. Die Spritze war und blieb verschwunden wie eine Stecknadel.
Was half es dem Herrn Bürgermeister, daß Jules Pierrot und Croquepeu wegen Aufreizung zu einer verbrecherischen Handlung je vierzehn Tage ins dunkle Verließ des städtischen Kerkers geworfen wurden?
Was half es, daß der ›Unverzagte Streiter‹ verstummt war?
Die Spritze war fort, und aller officieller und officiöser Zorn des Pascha's war nicht im Stande, sie wieder herbeizuschaffen.