Der Auftakt zur Somme-Offensive.
Mitte April 1916 wurde ich nach Croisilles, einem Städtchen hinter der Divisionsfront, zu einem Offizier-Ausbildungskursus kommandiert, der unter persönlicher Leitung des Divisions-Kommandeurs, Generalmajor Sontag, stand. Es wurde theoretischer und praktischer Unterricht in einer ganzen Reihe von militärischen Fächern erteilt. Besonders fesselnd waren die taktischen Ausritte unter dem Major von Jarotzky. Häufige Ausflüge und Besichtigungen der meist aus dem Boden gestampften Einrichtungen des Hinterlandes gaben uns, die wir gewohnt waren, alles über die Achsel anzusehen, was sich hinter dem ersten Graben befand, einen Begriff von der unermeßlichen Arbeit, die im Rücken der kämpfenden Truppe geleistet wurde. So besuchten wir die Schlachterei, das Proviantdepot und die Geschützreparaturstelle in Boyelles, die Sägemühle und den Pionierpark im Walde von Bourlon, die Molkerei, die Schweinezüchterei und die Kadaververwertungsstelle in Inchy, den Flugpark und die Bäckerei in Quéant. Sonntags fuhren wir in die naheliegenden Städte Cambrai, Douai und Valenciennes, „um wieder mal Frauen mit Hüten zu sehen“. — Am 16. 6. wurden wir vom General wieder zur Truppe entlassen mit einer kleinen Ansprache, aus der wir entnahmen, daß sich eine große feindliche Offensive an der Westfront vorbereitete, deren linker Flügel ungefähr unserer Stellung gegenüberliegen sollte.
Daß etwas in der Luft liegen mußte, wurde uns auch nach der Rückkehr zum Regiment klar, denn die Kameraden erzählten von der zunehmenden Unruhe des Gegners. Die Engländer hatten zweimal, allerdings ohne Erfolg, eine Gewaltpatrouille gegen den Abschnitt C unternommen. Wir hatten uns durch einen schwer vorbereiteten Angriff von drei Offizierspatrouillen auf das sogen. Grabendreieck gerächt und dabei eine ganze Anzahl von Gefangenen gemacht. Während meiner Abwesenheit war Leutnant Wetje durch eine Schrapnellkugel am Arme verwundet, übernahm jedoch bald nach meiner Ankunft wieder die Führung der Kompagnie. Mein Unterstand hatte sich inzwischen auch verändert, er war durch einen Treffer um die Hälfte kleiner geworden.
Am 20. 6. bekam ich den Auftrag, vorm feindlichen Graben zu lauschen, ob der Gegner mit Minierarbeiten beschäftigt wäre und kletterte mit dem Fähnrich Wohlgemut, dem Gefreiten Schmidt und dem Füsilier Parthenfelder um 11.30 über unser eigenes, ziemlich hohes Drahtverhau. Wir gingen die erste Strecke gebückt vor und krochen dann nebeneinander über das dicht bewucherte Vorfeld weiter. Tertianer-Erinnerungen aus Karl May kamen mir ins Gedächtnis, als ich so auf dem Bauche durch betautes Gras und Distelgestrüpp rutschte, ängstlich bemüht, jedes Rascheln zu vermeiden, da sich 50 Meter vor uns der englische Graben als schwarzer Strich aus dem Halbdunkel hob. Die Garbe eines entfernten Maschinengewehres klatschte fast senkrecht um uns nieder; ab und zu fuhr eine Leuchtkugel hoch und warf ihr kaltes Licht auf den unwirtlichen Flecken Erde.
Einmal ertönte hinter uns lebhaftes Rascheln, zwei Schatten huschten zwischen den Gräben dahin. Während wir uns bereitmachten, auf sie loszustürzen, waren sie schon spurlos verschwunden. Gleich darauf verriet der Donner von zwei Handgranaten im englischen Graben, daß eigene Leute unseren Weg gekreuzt hatten. Langsam krochen wir weiter vor.
Plötzlich krampfte sich die Hand des Fähnrichs um meinen Arm: „Achtung rechts, ganz nahe, leise, leise!“ Gleich darauf hörte ich zehn Meter rechts von uns vielfaches Rauschen im Grase. Mit der blitzschnellen, logischen Schärfe, die man in solchen Situationen entwickelt, übersah ich die Lage. Wir waren die ganze Zeit am englischen Draht entlang gekrochen, der Feind hatte uns gehört und kam nun aus seinem Graben, um das Vorgelände zu untersuchen.
Unvergeßlich sind solche Augenblicke auf nächtlicher Schleiche. Auge und Ohr sind bis zum äußersten gespannt, das näher kommende Rauschen der fremden Füße im hohen Grase nimmt eine merkwürdige, unheildrohende Stärke an, — es füllt einen fast ganz aus. Der Atem geht stoßweise; man muß sich zwingen, sein keuchendes Wehen zu dämpfen. Mit kleinem, metallischem Knacks springt die Sicherung der Pistole zurück; ein Ton, der wie ein Messer durch die Nerven geht. Die Zähne knirschen auf der Zündschnur der Handgranate. Der Zusammenprall muß kurz und mörderisch werden. Man zittert unter zwei gewaltigen Sensationen: der gesteigerten Aufregung des Jägers und der Angst des Wildes. Man ist eine Welt für sich, vollgesogen von der dunklen, entsetzlichen Stimmung, die über dem wüsten Gelände lastet.
Eine Reihe verschwommener Gestalten tauchte dicht neben uns auf, Flüstern wehte herüber. Wir wandten ihnen den Kopf zu; ich hörte, wie der Bayer Parthenfelder auf die Klinge seines Dolches biß.
Sie kamen noch einige Schritte auf uns zu, fingen dann aber an, am Draht zu arbeiten, ohne uns bemerkt zu haben. Wir krochen ganz langsam, sie immer im Auge behaltend, zurück. Der Tod, der schon in ragender Erwartung zwischen den Parteien gestanden hatte, entglitt mißmutig. Nach einiger Zeit erhoben wir uns und gingen aufrecht weiter, bis wir wohlbehalten in unserem Abschnitt angekommen waren.
Der gute Ausgang dieses Ausfluges begeisterte uns zu dem Gedanken, einen Gefangenen zu machen, und wir beschlossen, am nächsten Abend wieder loszugehen. Am Nachmittage hatte ich mich deshalb gerade zur Ruhe gelegt, als ich durch einen donnerartigen Krach in der Nähe meines Unterstandes hochgeschreckt wurde. Die Engländer schickten Kugelminen herüber, die trotz dem geringen Abschußgeräusch von solcher Schwere waren, daß ihre Splitter die baumdicken Verschalungspfähle glatt abschlugen. Fluchend kletterte ich von meinem „coucher“ und begab mich in den Graben, um, wenn ich drüben wieder einen der schwarzen Stielbälle seine bogenförmige Laufbahn antreten sah, mit dem Geschrei: „Mine links“ zum nächsten Stollen zu sausen. Mit Minen aller Größen und Arten wurden wir in den nächsten Wochen so ausgiebig versorgt, daß es uns Gewohnheit wurde, bei unseren Gängen durch den Graben immer ein Auge in die Luft, das andere nach dem nächsten Stolleneingang zu richten.
In der Nacht schlich ich also wieder mit drei Begleitern zwischen den Gräben herum. Wir robbten uns auf den Fußspitzen und Ellenbogen bis dicht vor das englische Hindernis und verbargen uns dort hinter einzelstehenden Grasbüscheln. Nach einiger Zeit erschienen mehrere Engländer, die eine Rolle Draht schleppten. Sie blieben dicht vor uns stehen, setzten die Rolle ab, knipsten mit einer Drahtschere daran herum und unterhielten sich flüsternd. Wir schlängelten uns aneinander heran und führten im Hauchton eine hastige Unterhaltung: „Jetzt ’ne Handgranate dazwischen und dann auf ihn!“ „Mensch, das sind vier Mann!“ „Hei hett de Böx all wedder gestrichen vull!“ „Quatsch doch nich!“ „Leise, leise!“ Meine Warnung kam zu spät; als ich hochsah, krochen die Engländer gerade wie die Eidechsen unter ihren Draht und verschwanden im Graben. Nun wurde die Stimmung doch etwas schwül. Der Gedanke: „Gleich bringen sie ein M. G. in Stellung“ verursachte mir einen faden Geschmack im Munde. Auch die anderen hegten ähnliche Befürchtungen. Wir rutschten unter großem Waffengerassel auf dem Bauche nach rückwärts. Im englischen Graben wurde es lebhaft. Getrappel, Geflüster, Hin- und Herlaufen. Pschschscht . . . eine Leuchtkugel. Ringsumher wurde es taghell, während wir uns bemühten, unsere Köpfe in Grasbüscheln zu verstecken. Noch eine Leuchtkugel. Peinliche Momente. Man möchte in die Erde verschwinden und lieber an jedem anderen Orte sein, als zehn Meter vorm feindlichen Graben. Noch eine. Peng! Peng! Der unverkennbare scharfe, betäubende Knall einiger aus nächster Entfernung abgefeuerter Gewehrschüsse. Oha! Wir sind entdeckt!
Wir schrien uns ohne weitere Rücksicht unsere Absicht, wegzulaufen, zu, sprangen auf und rasten in dem nun losprasselnden Feuer auf unsere Stellung zu. Nach einigen Sätzen stolperte ich und schlug in einen kleinen, ganz flachen Granattrichter, während die drei anderen, mich für erledigt haltend, an mir vorbeihetzten. Ich preßte mich fest an den Boden, zog Kopf und Beine ein und ließ die Geschosse durch das hohe Gras über mich hinwegfegen. Ebenso unangenehm waren mir die glühenden Magnesiumklumpen der herabfallenden Leuchtkugeln, die zum Teil dicht neben mir abbrannten. Allmählich wurde das Schießen schwächer, und nach einer weiteren Viertelstunde verließ ich zunächst langsam, dann so schnell mich Füße und Hände tragen wollten, meinen Zufluchtsort. Da inzwischen der Mond untergegangen war, verlor ich bald jede Orientierung und wußte weder wo die englische, noch wo die deutsche Seite sich befand. Nicht einmal die charakteristische Ruine der Monchy-Mühle hob sich mehr vom Horizonte ab. Ab und zu kam ein Geschoß von der einen oder anderen Seite mit geradezu beängstigender Rasanz durch die Gegend geflogen. Ich legte mich resigniert ins Gras und beschloß, die Morgendämmerung abzuwarten. Plötzlich ertönte dicht neben mir Gewisper. Ich nahm wieder Gefechtsbereitschaft ein und gab als vorsichtiger Mann zunächst eine Reihe von Naturlauten ab, nach denen ich ebenso gut ein Engländer als ein Deutscher sein konnte. Den ersten englischen Zuruf beschloß ich mit einer Handgranate zu quittieren. Zu meiner Freude stellte sich jedoch heraus, daß ich meine Leute vor mir hatte, die gerade beim Abschnallen der Koppel waren, um meine Leiche darauf zurückzutragen. Wir saßen noch eine Weile in dem Trichter zusammen und freuten uns über unser glückliches Wiedersehen. Dann begaben wir uns in unseren Graben zurück, den wir nach dreistündiger Abwesenheit erreichten.
Am Morgen hatte ich schon wieder um 5 Uhr Grabendienst. Im Abschnitt des ersten Zuges fand ich den Feldwebel H. vor seinem Unterstande. Alle ich mich wunderte, ihn zu so früher Stunde zu sehen, erzählte er mir, daß er beim Anstande auf eine große Ratte wäre, die ihm den Nachtschlaf raubte. Dabei betrachtete er angelegentlich seinen lächerlich kleinen Unterstand, den er „Villa Leberecht Hühnchen“ getauft hatte.
Als wir so nebeneinander standen, hörten wir einen dumpfen Abschuß, der indes nichts Besonderes zu bedeuten hatte. H., der am Tage vorher beinahe von einer großen Kugelmine erschlagen wäre und daher sehr nervös war, fuhr wie ein Blitz nach dem nächsten Stolleneingang, rutschte in seiner Hast die ersten 15 Stufen sitzend hinunter und benutzte die letzten 15 dazu, sich dreimal zu überschlagen. Ich stand oben am Eingang und vergaß vor Lachen Mine und Stollen, als ich diese schmerzhafte Unterbrechung einer Rattenjagd von dem armen Opfer unter empfindlichem Reiben verschiedener Körperstellen beklagen hörte. Der Unglücksmensch gestand mir auch noch, daß er gestern gerade beim Abendbrot gesessen hätte, als die Mine ankam. Erstlich wäre sein ganzes Essen versandet gewesen und er außerdem schon gestern recht empfindlich die Treppe hinuntergefallen.
Nach dieser erheiternden Episode begab ich mich in meinen Unterstand, sollte indes auch heute nicht zum erquickenden Schlummer kommen. Vom frühen Morgen an wurde unser Graben in immer kürzeren Zwischenräumen mit Minen beworfen. Gegen Mittag wurde mir die Sache zu bunt. Ich machte mit einigen Leuten unseren Lanzschen Minenwerfer fertig und nahm die feindlichen Gräben unter Feuer, eine allerdings etwas schwächliche Erwiderung der schweren Geschosse, mit denen wir reichlich bedacht wurden. Schwitzend hockten wir auf dem von der Junisonne heißgebrannten Lehm einer kleinen Grabenmulde und schickten Mine auf Mine nach drüben. Da sich die Engländer durchaus nicht stören ließen, begab ich mich mit Leutnant Wetje ans Telephon, wo wir nach reiflicher Überlegung folgenden Notruf erschallen ließen: „Helene spuckt in unseren Graben, lauter dicke Brocken, wir brauchen Kartoffeln, große und kleine!“ Dies Kauderwelsch wurde angewandt, um dem etwa mithörenden Gegner nichts zu verraten; es kam dann auch bald vom Oberleutnant Deichmann die tröstliche Antwort, daß sogleich der dicke Wachtmeister mit dem strammen Schnurrbart nebst einigen kleinen Jungen nach vorn kommen würde, und gleich darauf sauste unsere erste Zwei-Zentner-Mine mit unerhörtem Krachen in den feindlichen Graben, gefolgt von einigen Gruppen der Feldartillerie, so daß wir für den Rest des Tages Ruhe hatten.
Am nächsten Mittag begann indes der Tanz in bedeutend schärferer Weise. Beim ersten Schuß begab ich mich durch meinen unterirdischen Gang in den zweiten Graben und von dort in den Laufgraben, in dem wir unseren Minenwerfer aufgebaut hatten. Wir eröffneten das Feuer in der Weise, daß wir bei jeder ankommenden Kugelmine eine Lanz-Mine abschossen. Nachdem wir ungefähr 40 Minen gewechselt hatten, schien sich der feindliche Richtschütze auf uns persönlich einzuschießen. Bald schlugen einige Geschosse rechts, andere links neben uns ein, ohne unsere Tätigkeit unterbrechen zu können, bis eine gerade auf uns zukam. Wir rissen im letzten Moment noch unsere Abzugsleine durch und liefen dann so schnell wie möglich fort. Gerade war ich in einen schlammigen, drahtdurchzogenen Graben gelangt, als das Unding dicht hinter mir krepierte. Der gewaltige Luftdruck warf mich über ein Bündel Stacheldraht in ein mit grünlichem Schlamm gefülltes Granatloch, während gleichzeitig ein Schauer harter Lehmklumpen auf mich herabrasselte. Halb betäubt und übel zugerichtet erhob ich mich. Hose und Stiefel waren durch den Stacheldraht zerrissen, Gesicht, Hände und Uniform mit zähem Lehm überkleistert, und das Knie blutete aus einer langen Schramme. Ziemlich abgekämpft schlich ich durch den Graben in meinen Unterstand, um mich auszuruhen.
Sonst hatten die feindlichen Minen keinen großen Schaden angerichtet. Der Graben war an einigen Stellen zerstört, ein Priester-Minenwerfer zerschmettert, und „Villa Leberecht Hühnchen“ hatte durch einen Volltreffer den Rest bekommen. Der unglückliche Besitzer hatte schon unten im Stollen gesessen, sonst hätte er wohl bei dieser Gelegenheit seinen dritten Treppensturz vollführt.
Den ganzen Nachmittag ging die Schießerei ununterbrochen weiter und wurde in den Abendstunden durch eine Unzahl zylindrischer Minen zum Trommelfeuer gesteigert. Unsere Leute nannten diese walzenförmigen Geschosse die „Waschkorb-Minen“, da es manchmal den Eindruck machte, als würden sie mit Körben vom Himmel geschüttet.
Wir saßen mit gespannter Erwartung in den Stolleneingängen, bereit, jeden Ankömmling mit Gewehr und Handgranate zu begrüßen, jedoch flaute das Feuer nach einer halben Stunde wieder ab. In der Nacht hatten wir noch zwei Feuerüberfälle, während deren unsere Posten unerschütterlich auf ihren Ständen Ausschau hielten, zu bestehen. Sowie das Feuer nachließ, bestrahlten zahlreiche emporsteigende Leuchtkugeln die aus den Stollen hervorstürzenden Verteidiger, und ein rasendes Feuer überzeugte den Feind von der unbeugsamen Entschlossenheit hannöverscher Füsiliere.
Trotz dem wahnsinnigen Feuer verloren wir nur einen Mann, dem durch eine auf ein Schutzschild schlagende Mine der Schädel zerschmettert wurde. Ein anderer wurde am Rücken verwundet.
Auch am Tage, der diese unruhige Nacht ablöste, bereiteten uns zahlreiche Feuerwirbel auf einen baldigen Angriff vor. Unser Graben wurde während dieser Zeit kurz und klein geschossen und durch die zerschlagenen Hölzer der Verschalung fast ungangbar gemacht, auch wurde eine Reihe von Unterständen eingedrückt.
Wir beschlossen, während der kommenden Nacht sämtlich wach zu bleiben, und verabredeten, daß derjenige, der auf den Zuruf „Hallo“ nicht seinen Namen riefe, sofort niedergeschossen werden sollte. Jeder Offizier hatte seine Leuchtpistole mit einer roten Kugel geladen, um die Artillerie unverzüglich verständigen zu können.
Die Nacht wurde noch toller als die vorige. Besonders ein Feuerüberfall um 2.15 Uhr übertraf alles Vorhergegangene. Rings um meinen Unterstand schlug ein Hagel schwerer Geschosse ein. Wir standen in voller Bewaffnung auf der Stollentreppe; das Licht der kleinen Kerzenstümpfe schimmerte vielfach an den nassen, schimmligen Wänden. Durch die Eingänge strömte blauer Qualm, Erde bröckelte von der Decke. Wumm! „Donnerwetter!“ „Streichholz, Streichholz!“ „Alles fertigmachen!“ Das Herz schlug bis zum Halse. Fliegende Hände lösten die Kapseln der Handgranaten. „Das war die letzte!“ „Rrraus!“ Als wir zum Ausgang stürzten, ging noch eine Mine mit verzögerter Zündung los und schleuderte uns durch ihren Luftdruck wieder zurück. Trotzdem waren, während noch die letzten Eisenvögel herunterrauschten, schon alle Postenstände von der wackeren Mannschaft besetzt. Knatterndes Schnellfeuer sprang auf, und Leuchtkugeln strahlten Mittagshelle auf das mit dichten Rauchschwaden behängte Vorgelände.
Als das Feuer schon verstummt war, erlitten wir noch einen Verlust. Der Füsilier N. fiel plötzlich von seinem Postenstande und rollte polternd die Stollentreppe herunter, mitten in den Kreis seiner unten versammelten Kameraden. Als wir den unheimlichen Ankömmling untersuchten, fanden wir eine kleine Wunde an der Stirn und eine blutende Öffnung über der rechten Brustwarze. Es blieb uns unklar, ob die Verwundung oder der jähe Sturz seinen Tod herbeigeführt hatte.
Am Ende dieser Schreckenssnacht wurden wir von der 6. Kompagnie abgelöst. Mit jener eigentümlichen Mißstimmung, die eine in der Morgensonne strahlende Landschaft auf die erschöpften, übernächtigten Nerven ausübt, zogen wir durch die Laufgräben nach Monchy und von dort zu der sich vor dem Waldrande von Adinfer hinziehenden zweiten Stellung, von wo wir einen grandiosen Ausblick auf den ersten Auftakt zur Sommeschlacht hatten. Die Frontabschnitte links von uns waren in weiße und schwarze Rauchwolken gehüllt, turmhoch spritzte ein schwerer Einschlag neben dem anderen; darüber zuckten zu Hunderten die kurzen Blitze platzender Schrapnells.
Als wir am Abend endlich einmal ausschlafen wollten, bekamen wir Befehl, in Monchy schwere Minen zu verladen und mußten die ganze Nacht vergeblich auf irgendeinen steckengebliebenen Wagen warten, während der Engländer mit M. G.-Steilfeuer und die Straße hinunterfegenden Schrapnells verschiedene, zum Glück erfolglose Attentate auf unser Leben ausübte.
In dieser Nacht gab mir der Gegner ein Beispiel seiner höchst sorgfältigen Beobachtung. In der zweiten Stellung, ungefähr 2000 Meter vom Feinde, war vor einem im Bau befindlichen Munitionsstollen ein Haufen Kreide aufgeschichtet. Der Engländer zog daraus den leider richtigen Schluß, daß dieser Hügel in der Nacht verzogen würde und schoß eine Gruppe Schrapnells darauf ab, durch die er wirklich drei Mann schwer verwundete.
Am Morgen wurde ich schon wieder durch den Befehl, meinen Zug zum Schanzen in den Abschnitt C zu führen, aus dem Schlaf gerissen. Meine Gruppen wurden innerhalb der 6. Kompagnie verteilt. Ich ging mit einigen Leuten zum Walde von Adinfer zurück, um sie beim Holzhauen anzustellen. Auf dem Rückwege zur Stellung trat ich in meinen Unterstand, um dort ein halben Stündchen auszuruhen. Doch umsonst, ich sollte in diesen Tagen keine ungestörte Ruhe finden. Kaum hatte ich die Stiefel ausgezogen, als ich unsere Artillerie vom Waldrande her merkwürdig lebhaft feuern hörte. Gleichzeitig erschien mein Bursche Paulicke am Stolleneingang und schrie herunter: „Gasangriff!“
Ich riß die Gasmaske heraus, fuhr in die Stiefel, schnallte um, rannte nach draußen und sah dort, wie eine riesige Gaswolke in dichten weißlichen Schwaden über Monchy hing und sich auf den im Grunde liegenden Punkt 124 zuwälzte.
Da mein Zug zum größten Teil vorn in Stellung und ein Angriff sehr wahrscheinlich war, gab es für mich kein langes Überlegen. Ich sprang über das Hindernis der zweiten Stellung, rannte vor und war bald mitten in der Gaswolke. Ich setzte die Maske auf, riß sie aber gleich wieder herunter, da ich so stark gelaufen war, daß ich durch den Einsatz nicht genügend Luft bekommen konnte; auch waren die Augengläser im Nu beschlagen und vollkommen undurchsichtig. Da ich Bruststiche verspürte, versuchte ich, die Wolke wenigstens so schnell wie möglich zu durchqueren. Vor dem Dorfrande mußte ich noch einen Sperrfeuerriegel passieren, dessen Einschläge, von zahlreichen Schrapnellwolken unterbrochen, eine lange, regelmäßige Kette über die verödeten, sonst nie betretenen Felder zog.
Artilleriefeuer in derartig offenem Gelände, in dem man sich frei bewegen kann, hat weder dieselbe tatsächliche, noch moralische Wirkung wie in Ortschaften oder Stellungen. So hatte ich im Nu die Feuerlinie hinter mich gelegt und befand mich in Monchy, das unter einem tollen Schrapnellhagel lag. Ein Schauer von Kugeln, Ausbläsern und Zündern fegte durch das Geäst der Obstbäume in den verwilderten Gärten und klatschte gegen die Reste der zerstörten Mauern.
In einem Unterstande der Gärten sah ich meine Kompagnie-Kameraden Sievers und Vogel sitzen; sie hatten ein loderndes Holzfeuer entzündet und beugten sich über die reinigende Flamme, um den Wirkungen des Chlors zu entgehen. Ich leistete ihnen bei dieser Beschäftigung Gesellschaft, bis das Feuer abgeflaut war, und ging dann durch den Laufgraben 6 nach vorn. Da ich in meinem unverbesserlichen Phlegma ganz langsam durch den Graben schlenderte, begegnete es mir, daß ich, nur 50 Meter vom Kompagnieführer-Unterstande entfernt, noch einmal in einen wahnsinnigen Feuerüberfall geriet und, in eine kleine Nische gedrückt, das Unwetter über mich ergehen lassen mußte.
Vorn waren alle Leute beschäftigt, ihre Gewehre einzufetten, die durch das Gas vollkommen geschwärzt waren. Ein Fähnrich zeigte mir wehmütig sein neues Portepee, das seinen strahlenden Glanz eingebüßt und dafür ein grünlich-schwarzes Aussehen angenommen hatte.
Da beim Gegner alles ruhig geblieben war, rückte ich mit meinen Gruppen wieder ab. In Monchy sahen wir vor dem Revier eine Menge von Gaskranken sitzen, die sich die Hände in die Seiten preßten, stöhnten und würgten, während ihnen das Wasser aus den Augen lief. Die Sache war keineswegs harmlos, denn einige von ihnen starben etliche Tage darauf nach furchtbaren Schmerzen. Wir hatten einen Blasangriff von reinem Chlor auszuhalten gehabt, einem Kampfgas, das durch Ätzen und Verbrennen der Lungen wirkt. Auf dem Rückwege ging ich, um etwas zu kaufen, in die Kantine des II. Bataillons und fand dort den betrübten Kantinenjüngling inmitten eines Haufens zerschlagener Waren vor. Eine Granate war durch die Decke gefahren, im Laden krepiert und hatte seine Schätze in ein merkwürdiges Gemisch von Marmelade, ausgelaufenen Konserven und Seife verwandelt. Er hatte gerade mit echt preußischer Genauigkeit eine Unkostenaufstellung von 82 Mark und 58 Pfennig entworfen.
Am Abend wurde mein Zug, der bisher detachiert in der zweiten Stellung gelegen hatte, der unsicheren Gefechtslage wegen bis in das Dorf vorgezogen und bekam das Bergwerk als Aufenthaltsort angewiesen. Wir richteten uns die zahlreichen Nischen als Lagerplätze ein und zündeten ein riesiges Feuer an, dessen Rauch wir durch den Brunnenschacht abziehen ließen, sehr zum Ärger einiger Kompagnieköche, die beim Wasserholen fast erstickten. Da wir einen kräftigen Grog empfangen hatten, setzten wir uns rings um das Feuer auf die Kreideblöcke, sangen, tranken und rauchten.
Um Mitternacht ging im Gefechtsbogen von Monchy ein Höllenspektakel los. Dutzende von Alarmglocken bimmelten, Hunderte von Gewehren knallten und ununterbrochen stiegen grüne und weiße Leuchtkugeln hoch. Gleich darauf setzte unser Sperrfeuer ein, schwere Minen krachten und zogen Schweife von feurigen Funken hinter sich her. Überall, wo im Trümmergewirr eine Menschenseele hauste, erscholl der langgezogene Schrei: „Gasangriff!“ „Gasangriff!“
Im Scheine der Leuchtkugeln wälzte sich eine weißliche Gaswand durch das Dorf. Da sich auch im Bergwerke ein starker Chlorgeruch bemerkbar machte, zündeten wir vor den Eingängen große Strohfeuer an, deren beizender Qualm uns fast aus unserem Zufluchtsort vertrieb und uns zwang, die Luft durch Schwenken von Mänteln und Zeltbahnen zu reinigen.
Am nächsten Morgen konnten wir im Dorfe die Spuren, die der Gasangriff hinterlassen hatte, bestaunen. Ein großer Teil aller Pflanzen war verwelkt, Schnecken und Maulwürfe lagen tot umher, und den in Monchy untergebrachten Pferden der Meldereiter lief das Wasser aus Maul und Augen. Die überall verstreuten Geschosse und Granatsplitter waren von einer schönen, grünen Patina überzogen. Auch in dem weit zurückliegenden Douchy machte sich die Gaswolke noch bemerkbar. Die Zivilisten, denen die Sache unheimlich wurde, versammelten sich vor dem Quartier des Oberstleutnants von Oppen und verlangten Gasmasken. Sie wurden auf Lastautos gesetzt und in weiter zurückliegende Ortschaften transportiert.
Die nächste Nacht verbrachten wir wieder im Bergwerk; am Abend bekam ich Nachricht, daß um 4.15 Uhr Kaffee empfangen werden sollte, da ein englischer Überläufer ausgesagt hätte, daß um 5 Uhr angegriffen würde. Wirklich, kaum hatten mich am Morgen die zurückkehrenden Kaffeeholer aus dem Schlaf gestört, als der uns nicht mehr fremde Ruf „Gasangriff!“ erscholl. Draußen lag süßlicher Phosgengeruch in der Luft, und im Monchy-Bogen tobte starkes Trommelfeuer, das jedoch bald abflaute.
Ein erquickender Morgen folgte dieser unruhigen Stunde. Aus dem Laufgraben 6 trat der Leutnant Brecht auf die Dorfstraße, einen blutigen Verband um die Hand gewunden, von einem Mann mit aufgepflanztem Seitengewehr und einem gefangenen Engländer begleitet. Er wurde im Stabsquartier West im Triumph empfangen und erzählte folgendes:
Die Engländer hatten um 5 Uhr Gas- und Rauchwolken abgeblasen und anschließend den Graben stark mit Minen betrommelt. Unsere Leute waren wie gewöhnlich noch im Feuer aus Deckung gesprungen und hatten dabei über 30 Verluste gehabt. Dann waren, in Rauchwolken verborgen, zwei starke englische Patrouillen erschienen, von denen eine in den Graben eingedrungen war und einen verwundeten Unteroffizier mitgenommen hatte. Die andere war schon vor dem Drahtverhau zusammengeknallt worden. Ein einziger, der bereits das Hindernis überwunden hatte, wurde von dem Leutnant Brecht, der vorm Kriege ein Pflanzerleben in Amerika geführt hatte, an der Gurgel gepackt und mit einem „Come here, you son of a bitch!“ in Empfang genommen. Dieser einzige wurde nun mit einem Glase Wein bewirtet und schaute mit halb erschreckten, halb verwunderten Augen auf die eben noch menschenleere Dorfstraße, die jetzt von Essenholern, Krankenträgern, Meldegängern und Neugierigen wimmelte. Bald traf ein langer Zug von Bahren am Verbandsplatze ein. Auch vom Abschnitt Süd kamen viele Verwundete, denn im Kompagnieabschnitt E war ebenfalls eine starke Patrouille in den Graben gedrungen. Ungefähr 50 Tragen, auf denen stöhnende Menschen mit weißen, blutdurchtränkten Verbänden lagen, waren vor einigen Wellblechbögen aufgestellt, unter denen der Arzt seines Amtes waltete.
Ein junges Kerlchen, dessen blaue Lippen als schlimmes Vorzeichen aus einem schneeweißen Gesicht leuchteten, stammelte: „Ich bin zu schwer . . . ich werde nicht wieder . . . ich — muß — sterben.“ Ein dicker Sanitäts-Unteroffizier sah ihn mitleidig an und murmelte verschiedene Male ein tröstendes: „Nun, nun, Kamerad!“
Trotzdem der Engländer diesen kleinen Angriff, der hauptsächlich Kräfte von uns zum Vorteil der Somme-Offensive binden sollte, durch zahlreiche Minenüberfälle und Gaswolken vorbereitet hatte, fiel ihm dabei nur ein, dazu verwundeter Gefangener in die Hände, während er zahlreiche Tote vor unserem Draht liegen ließ. Unsere Verluste waren allerdings auch beträchtlich, das Regiment verlor an diesem Vormittage über 40 Tote, darunter drei Offiziere.
Am nächsten Nachmittag rückten wir endlich wieder für einige Tage nach unserem lieben Douchy ab. Noch am selben Abend feierten wir den glücklichen Verlauf dieser kleinen Aktion durch einige wohlverdiente Flaschen.
Am 1. Juli wurde uns die traurige Aufgabe, einen Teil unserer Toten auf unserem Kirchhofe zu bestatten. 39 rohe Holzsärge wurden nach einer ergreifenden Ansprache des Pfarrers Philippi, während der die Leute weinten wie Kinder, in die Grube gesenkt. Der Pfarrer sprach über den Text: „Sie haben einen guten Kampf gekämpft,“ und begann mit den Worten: „Gibraltar, das ist Euer Zeichen und fürwahr, Ihr habt gestanden wie der Fels im brandenden Meer!“[2]
In dieser ergreifenden Stunde wurde mir der hohe ethische Wert unserer feierlichen Handlungen klar. Oft haben wir auf irgendeinem Schlachtfelde die zehnfache Zahl von Kameraden liegen lassen müssen und waren von dem Verlust doch nicht so tief gepackt, wie hier vor den offenen Gräbern.
Während dieser Tage lernte ich die Leute erst recht schätzen, mit denen zusammen ich noch drei Kampfjahre verbringen sollte.
In der ganzen Armee wird man keinen Mann finden, der so verläßlich, einfach und ohne Phrase seine Pflicht tut wie der Niedersachse. Wenn es galt zu zeigen: hier steht ein Mann und wenn es sein muß, fällt er hier, war jeder bis zum letzten zur Stelle. —
Am Abend des 3. Juli rückten wir wieder nach vorn. Es war verhältnismäßig ruhig, doch verrieten kleine Anzeichen, daß noch etwas in der Luft liegen mußte. Bei der Mühle klopfte und hämmerte es leise und unaufhörlich. Oft fingen wir verdächtige Ferngespräche über Gasflaschen und Sprengungen, an einen englischen Pionieroffizier in vorderer Linie gerichtet, auf. Vom Morgengrauen bis zum letzten Tagesschimmer flogen feindliche Flugzeuge eine dichte Luftsperre. Der Durchschnitt der täglichen Grabenbeschießung war bedeutend stärker als gewöhnlich. Trotzdem wurden wir am 12. Juli abgelöst, ohne unangenehme Erlebnisse gehabt zu haben und blieben als Reserve in Monchy.
Am 13. abends wurden unsere Unterstände in den Gärten durch ein 24-Zentimeter-Schiffsgeschütz beschossen, dessen gewaltige Granaten in scharfer Flachbahn herangurgelten und mit wahrhaft furchtbaren: Knall zerbarsten. In der Nacht wurden wir durch lebhaftes Feuer und einen Gasangriff geweckt. Wir saßen im Unterstande mit aufgesetzter Gasmaske um den Ofen herum, bis auf Vogel, der seine Maske nicht finden konnte und jammernd hin- und herlief, während einige schadenfrohe Gesellen vorgaben, einen immer stärkeren Gasgeruch zu verspüren. Schließlich gab ich ihm meine zweite Atempatrone, und er hockte eine Stunde lang wie ein Häufchen Unglück hinter dem gewaltig qualmenden Ofen, hielt sich mit Jammermiene die Nase zu und sog an seinem Einsatz.
Ein Angriff erfolgte in dieser Nacht nicht; trotzdem kostete die dumme Geschichte dem Regiment 25 Tote und viele Verwundete. — Am 15. und 17. hatten wir zwei weitere Gasangriffe auszuhalten. Am 17. wurden wir abgelöst und hatten in Douchy zwei schwere Beschießungen zu bestehen. Eine überraschte uns gerade während einer Offiziersbesprechung durch den Major von Jarotzky in einem Obstgarten. Trotz der Gefahr bot es einen Anblick von überwältigender Komik, zu sehen, wie die Gesellschaft auseinanderspritzte, auf die Nase fiel, sich mit unglaublicher Geschwindigkeit durch die Hecken zwängte und blitzschnell in allen möglichen Deckungen verschwunden war. Eine Granate tötete im Garten meines Quartiers ein achtjähriges kleines Mädchen, das dort in einer Grube nach Abfällen suchte.
Am 20. Juli rückten wir in Stellung. Am 28. verabredete ich mich mit dem Fähnrich Wohlgemut, den Gefreiten Bartels und Birkner zu einer Patrouille. Wir hatten kein anderes Ziel im Auge, als etwas zwischen den Drähten herumzustreichen und zu sehen, was uns das Niemandsland Neues brächte. Am Nachmittag kam der mich ablösende Offizier der 6. Kompagnie, Leutnant Brauns, zu Besuch in meinen Unterstand und brachte mehrere gute Flaschen mit. Um ½ 12 Uhr brachen wir die Sitzung ab; ich ging in den Graben, wo meine drei Gefährten schon im dunklen Winkel einer Schulterwehr zusammenstanden. Nachdem ich mir einige trockene Handgranaten ausgesucht hatte, kletterte ich in der fröhlichsten Stimmung über den Draht, während Brauns mir ein „Hals- und Bauchschuß!“ nachrief.
Wir hatten uns in kurzer Zeit an das feindliche Hindernis herangepirscht. Dicht davor entdeckten wir im hohen Grase einen ziemlich starken, gut isolierten Draht. Ich hielt die Beobachtung für wichtig und beauftragte Wohlgemut, ein Stück davon abzuschneiden und mitzunehmen. Während er sich in Ermangelung eines anderen Instruments mit seiner Zigarrenschere daran abplagte, klirrte es direkt vor uns im Draht; einige Engländer tauchten auf und begannen zu arbeiten, ohne unsere ins Gras gedrückten Gestalten wahrzunehmen.
Der bösen Erfahrungen der vorigen Patrouille eingedenk, hauchte ich fast unhörbar: „Wohlgemut, Handgranate dazwischen!“ „Herr Leutnant, ich glaube, wir lassen sie noch etwas arbeiten!“ „Direkter Befehl, Fähnrich!“
Der Geist des preußischen Kasernenhofes verfehlte auch in dieser Einöde nicht seine mächtige Wirkung. Mit dem fatalen Gefühl eines Mannes, der sich in ein sehr ungewisses Abenteuer eingelassen hat, hörte ich neben mir das trockene Knistern der herausgerissenen Zündschnur und sah, wie Wohlgemut, um sich möglichst wenig zu zeigen, die Handgranate ganz flach über den Boden rollen ließ. Sie blieb im Gestrüpp, beinahe zwischen den Engländern, liegen, die nichts bemerkt zu haben schienen. Es vergingen einige Momente höchster Spannung. „Krrrach!“ Ein Blitz beleuchtete taumelnde Gestalten. Mit dem Angriffsgebrüll: „You are prisoners!“ stürzten wir uns wie Tiger in die weiße Wolke. Eine wüste Szene wickelte sich in Bruchteilen von Sekunden ab. Ich hielt meine Pistole mitten in ein Gesicht, das mir wie eine blasse Maske aus der Dunkelheit entgegenleuchtete. Ein Schatten schlug mit quäkendem Aufschrei rücklings ins Drahtverhau. Links neben mir feuerte Wohlgemut seine Pistole ab, während der Gefreite Bartels in seiner Erregung blindlings eine Handgranate zwischen uns schleuderte.
Beim ersten Schuß war mir das Magazin aus dem Pistolenkolben gesprungen. Ich stand schreiend vor einem Engländer, der sich entsetzt mit dem Rücken in den Stacheldraht preßte und drückte immer wieder den Abzugsbügel zurück, ohne daß ein Schuß ertönte. Es war wie ein Alpdruck. Im Graben vor uns wurde es laut. Zurufe erschollen, ratternd setzte ein Maschinengewehr ein. Wir sprangen zurück. Noch einmal blieb ich in einem Trichter stehen und richtete die Pistole auf einen mir folgenden Schatten. Diesmal erwies sich das Versagen als ein Glück, denn es war Birkner, den ich schon längst zurück glaubte.
Nun ging es in sausendem Laufe dem eigenen Graben zu. Vor unserem Draht pfiffen die Geschosse schon so, daß ich in einen wassergefüllten, drahtversponnenen Minentrichter springen mußte. Auf schwingendem Stacheldraht über dem Wasserspiegel pendelnd, hörte ich mit gemischten Gefühlen die Geschosse wie einen gewaltigen Immenschwarm über mich hinwegbrausen, während Drahtfetzen und Geschoßsplitter in die Böschung des Trichters fegten. Nach einer halben Stunde, als sich das Feuer beruhigt hatte, arbeitete ich mich über unser Hindernis und sprang, von den Leuten freudig begrüßt, in den Graben. Wohlgemut und Bartels waren schon da; nach einer weiteren halben Stunde erschien auch Birkner. Alles freute sich über den glücklichen Ausgang und bedauerte nur, daß uns der ersehnte Gefangene auch diesmal entschlüpft war. Daß das Erlebnis an die Nerven gegangen war, merkte ich erst, als ich im Unterstande zähneklappernd auf einer Pritsche lag und trotz der Erschöpfung keinen Schlaf finden konnte. Am nächsten Morgen konnte ich kaum gehen, da sich über mein eines Knie ein langer Drahtriß zog und in dem anderen ein Splitterchen der von Bartels geschleuderten Handgranate steckte.
Diese kurzen, sportsmäßigen Sensationen waren indes ein gutes Mittel, den Mut zu stählen und die Eintönigkeit des Grabendaseins zu unterbrechen.
Am 11. 8. trieb sich im englischen Hintergelände vor dem Dorfe Berles-au-bois ein schwarzes Reitpferd herum, das von einem Landwehrmann mit drei Schuß zur Strecke gebracht wurde. Der englische Offizier, dem es entlaufen war, wird bei diesem Anblick wohl kein sehr vergnügtes Gesicht gemacht haben. In der Nacht flog dem Füsilier S. der Mantel eines Infanteriegeschosses ins Auge. Auch im Dorfe wurden die Verluste immer häufiger, da die durch Artilleriefeuer rasierten Mauern immer weniger Schutz vor den ins Blinde gesandten Garben der Maschinengewehre boten. Wir begannen, das Dorf mit Gräben zu durchziehen und an den gefährlichsten Stellen neue Mauern zu errichten.
Der 12. August war der lang ersehnte Tag, an dem ich zum zweiten Male während des Krieges auf Urlaub fahren konnte. Kaum war ich jedoch zu Hause wieder etwas warm geworden, als mir ein Telegramm nachgeflogen kam: „Sofort zurückkommen, Näheres erfragen bei Ortskommandantur Cambrai.“ Drei Stunden später saß ich im Zuge. Auf dem Wege zum Bahnhof schritten drei Mädchen an mir vorüber in hellen Kleidern, lachend, Tennisschläger unter dem Arm. Ein strahlender Abschiedsgruß des Lebens, an den ich draußen noch lange denken mußte.
Am 21. war ich wieder in der bekannten Gegend, deren Straßen infolge des Abmarsches der 111. und des Zuzuges einer neuen Division von Truppen wimmelten. Das I. Bataillon lag in dem zwei Jahre später von uns wieder erstürmten Dorfe Ecoust-Saint-Main, wo ich mit acht anderen Offizieren die Nacht auf dem Dachboden eines leer stehenden Hauses verbrachte.
Am Abend saßen wir noch lange wach und tranken in Ermangelung von etwas Stärkerem den Kaffee, den uns zwei Französinnen im Nebenhause brauten. Wir wußten, daß es diesmal in eine Schlacht ging, wie sie die Weltgeschichte noch nie gesehen hatte. Bald schwoll die erregte Unterhaltung zu einem Gelärm, an dem alte Landsknechte oder friderizianische Grenadiere ihre Freude gehabt hätten. Nach einigen Tagen waren nur noch wenige Teilnehmer dieser fröhlichen Tafelrunde am Leben.
[2] Vgl. Anmerkung auf [Seite V.]