Die Cambraischlacht.

Die schönen Tage von Tourcoing waren bald vorüber. Wir lagen noch kurze Zeit in Villers-au-tertre, wo wir durch neuen Ersatz aufgefüllt wurden, und fuhren am 15. November 1917 nach Lécluse, dem Aufenthaltsort des jeweiligen Ruhebataillons der uns zugewiesenen Stellung. Lécluse war ein größeres, von Seen umgebenes Dorf des Artois. Die ausgedehnten Schilfflächen bargen Enten und Wasserhühner, die Gewässer wimmelten von Fischen. Obwohl das Fischen streng verboten war, hörte man nachts auf dem Wasser oft rätselhafte Geräusche. Eines Tages bekam ich von der Ortskommandantur auch ein paar Soldbücher von Leuten meiner Kompagnie, die beim Fischen mit Handgranaten erwischt waren, zugestellt. Ich verlor indes kein Wort darüber, da mir die gute Stimmung der Mannschaft bedeutend mehr am Herzen lag als die Schonung der französischen Jagd oder die Mittagsmahlzeiten des Ortsgewaltigen. Seitdem wurde fast jeden Abend von unbekannter Hand ein Riesenhecht auf meinem Tische niedergelegt. Am nächsten Mittag gab ich dann meinen beiden Kompagnie-Offizieren ein Essen mit dem Hauptgange „Hecht à la Lohengrin“ (Nie sollst du mich befragen).

Am 19. besichtigte ich mit meinen Zugführern die Stellung, die wir in den nächsten Tagen besetzen sollten. Sie lag vor dem Dorfe Vis-en-Artois. Wir kamen jedoch nicht so rasch in die Gräben, wie wir gedacht hatten, da fast jede Nacht alarmiert und wir wegen eines vermuteten englischen Angriffes abwechselnd in der Wotanstellung, dem Artillerieschutzriegel oder dem Dorfe Dury bereitgestellt wurden. Erfahrenen Kriegern war klar, daß das nicht lange gut gehen konnte.

Wirklich erfuhren wir am 29. November durch unseren Bataillons-Kommandeur, Hauptmann von Brixen, daß wir an einem groß angelegten Gegenangriff auf den Stellungsbogen teilnehmen sollten, den die Tankschlacht von Cambrai in unsere Front gedrückt hatte. Obwohl wir froh waren, endlich einmal die Rolle des Ambosses mit der des Hammers vertauschen zu können, hegten wir unserer noch von Flandern her ausgepumpten Leute wegen Bedenken. Trotzdem setzte ich festes Vertrauen in den Geist meiner Kompagnie und deren eisernes Rückgrat, die erfahrenen Zugführer und vorzüglichen Unteroffiziere.

In der Nacht vom 30. November zum 1. Dezember wurden wir in Lastautomobile verladen. Dabei erlitt meine Kompagnie die ersten Verluste dadurch, daß ein Mann eine Handgranate fallen ließ, die auf rätselhafte Weise explodierte und ihn nebst einem Kameraden schwer verwundete. Ein anderer versuchte sich wahnsinnig zu stellen, um der Schlacht zu entgehen. Ich wußte nicht, ob ich lachen oder wütend werden sollte. Endlich wurde er durch den kräftigen Rippenstoß eines Unteroffiziers wieder vernünftig und wir konnten endlich einsteigen. Wir fuhren, eng zusammengepökelt, bis dicht vor Baralle, wo wir in einem Straßengraben stundenlang auf Befehle warteten. Ich legte mich trotz der Kälte auf eine Wiese und schlief bis zum Morgengrauen. Wir erfuhren mit einer gewissen Enttäuschung, daß das Regiment 225, dem wir unterstellt waren, auf unsere Mitwirkung beim Sturm verzichtet hatte. Wir sollten währenddessen im Schloßpark von Baralle in Reserve liegen.

Um 9 Uhr setzte unsere Artillerie in wuchtigen Feuerstößen ein, die sich von 11.45 Uhr bis 11.50 Uhr zum Trommelfeuer verdichteten. Der Bourlon-Wald, der wegen seiner starken Befestigungen nicht frontal angegriffen, sondern ausgespart wurde, verschwand unter gelbgrünen Gaswolken. Um 11.50 sahen wir durch unsere Gläser Schützenlinien aus dem leeren Trichterfelde tauchen, während im Hintergelände Batterien anspannten und zum Stellungswechsel vorjagten. Ein deutscher Flieger schoß einen englischen Fesselballon in Brand, dessen Beobachter mit Fallschirm absprang.

Nach dem Genuß dieses Schlachtenpanoramas, das wir von der Höhe des Schloßparkes betrachtet hatten, leerten wir ein Kochgeschirr Nudeln, legten uns trotz der Kälte zu einem Nachmittagsschlaf auf den Boden und bekamen um 3 Uhr den Befehl, bis zum Regiments-Gefechtsstand vorzurücken, der in der Schleusenkammer eines ausgetrockneten Kanalbeckens versteckt war. Wir legten diesen Weg zugweise unter schwachem Streufeuer zurück. Von dort wurde die siebente und achte Kompagnie zum Bereitschaftskommandeur vorgeschickt, um zwei Kompagnien von 225 abzulösen. Die 500 Meter, die im Kanalbett zu überwinden waren, lagen unter dichtem Feuerriegel. Wir rannten ohne Verluste, in einem Klumpen zusammengeballt, zum Ziel. Zahlreiche Tote verrieten, daß hier schon manche Kompagnie blutigen Zoll gezahlt hatte. Reserven lagen dicht an die Böschungen gepreßt und waren beschäftigt, in fieberhafter Hast Deckungslöcher in die ausgemauerten Wände zu schlagen. Da alle Plätze besetzt waren und der Ort als Geländemarke das Feuer auf sich zog, führte ich die Kompagnie in ein Trichterfeld rechts daneben und überließ jedem einzelnen, sich dort einzurichten. Ein Splitter flog klirrend gegen mein Seitengewehr. Ich suchte mir mit dem Leutnant Tebbe, der mit seiner achten Kompagnie unserem Beispiel gefolgt war, einen passenden Trichter aus, den wir mit einer Zeltbahn überspannten. Wir steckten eine Kerze an, aßen zu Abend, rauchten unsere Pfeifen und unterhielten uns fröstelnd. Um 11 Uhr bekam ich Befehl, in die ehemalige vordere Linie einzurücken und mich bei dem K. T. K. zu melden, dem die siebente Kompagnie unterstellt war. Ich ließ sammeln und führte die Leute vor. Es schlugen nur noch vereinzelte, mächtige Granaten ein, von denen eine gleich einem Gruß der Hölle vor uns zerschellte, das ganze Kanalbett mit finsterem Qualm füllend. Die Mannschaft verstummte wie von einer eisigen Faust in den Nacken gepackt und stolperte hastig über Stacheldraht und Steintrümmer hinter mir her. Ein unbeschreiblich unangenehmes Gefühl beschleicht die Nerven beim Durchschreiten einer unbekannten Stellung zur Nachtzeit, auch wenn das Feuer nicht sonderlich stark ist. Auge und Ohr des Kriegers werden durch die sonderbarsten Täuschungen gereizt; er fühlt sich zwischen den drohenden Wänden des Grabens einsam wie ein Kind, das sich in dunkler Heide verirrt hat.

Endlich fanden wir die enge Mündung der vorderen Linie in den Kanal und wanden uns durch menschenüberfüllte Gräben zum Bataillons-Gefechtsstand. Ich trat ein und fand einen Haufen von Offizieren und Ordonnanzen inmitten einer pantagruelschen Atmosphäre vor. Ich erfuhr, daß der Angriff an dieser Stelle nicht viel erreicht hätte und am nächsten Morgen weiter vorgetrieben werden sollte. Die Stimmung im Raum hatte wenig Zuversichtliches. Zwei Bataillonskommandeure begannen eine lange Verhandlung mit ihren Adjutanten. Ab und zu warfen Offiziere der Spezialwaffen einige Brocken von der Höhe ihrer Pritschen, die wie Hühnerkörbe bevölkert waren, in die Debatte. Der Zigarrenqualm wurde erstickend. Burschen versuchten in dem Gedränge für ihre Herren Brote zu schneiden. Ein hereinstürzender Verwundeter rief durch die Meldung eines feindlichen Handgranatenangriffes vorübergehenden Alarm hervor.

Endlich konnte ich meinen Angriffsbefehl niederschreiben. Ich sollte mit der Kompagnie um 6 Uhr morgens den Drachenweg und von dort so weit als möglich die Siegfried-Linie aufrollen. Die beiden Bataillone des Stellungs-Regiments sollten um 7 Uhr rechts von uns angreifen. Diese Zeitdifferenz erweckte in mir sofort einen ganz bestimmten Verdacht. Ich erhob entschiedenen Einspruch gegen den zersplitterten Angriff und erreichte, daß auch wir erst um 7 Uhr antreten sollten. Der nächste Morgen zeigte, daß diese Änderung von großer Bedeutung war. Der kriegserfahrene Führer kann in solchen Fällen seiner Truppe viel unnützes Blut sparen.

Eine aus ihrem Verbande gerissene Kompagnie wird unter fremdem Befehle nicht verwöhnt. Da mir die Lage des Drachenweges äußerst schleierhaft war, bat ich beim Abschied um eine Karte, die aber angeblich nicht entbehrt werden konnte. Ich dachte mir mein Teil und ging.

Nachdem ich mit den schwerbepackten Leuten lange Zeit in der Stellung umhergeirrt war, entdeckte ein Mann an einem kleinen, nach vorn abzweigenden Graben, der durch spanische Reiter gesperrt war, ein Schild mit der halbverwischten Aufschrift „Drachenweg“. Als ich hineinging, hörte ich schon nach wenigen Schritten fremdartiges Stimmengewirr. Ich war äußerst überrascht, den Gegner so nahe, beinahe in der eigenen Stellung zu finden, ohne daß Sicherungsmaßregeln getroffen waren, und sperrte den Graben sofort durch eine Gruppe ab.

Dicht neben dem Drachenweg lag ein riesiges Erdloch, anscheinend eine Tankfalle, in der ich die ganze Kompagnie zusammenzog, um den Gefechtsauftrag zu erklären und die Züge zum Angriff einzuteilen. Meine Ansprache wurde mehrere Male durch leichte Granaten unterbrochen. Einmal sauste sogar ein Blindgänger in die rückwärtige Wand der Grube. Ich stand oben auf dem Rande und sah bei jedem Einschlag eine tiefe, gleichmäßige Verneigung der mondbeglänzten Stahlhelme unter mir.

Aus Sorge vor einem großen Unglückstreffer schickte ich den ersten und zweiten Zug in die Stellung zurück und blieb mit dem dritten in der Grube. Mannschaften einer Abteilung, die am vorigen Mittag im Drachenweg abgeschmiert war, machten meine Leute kopfscheu, indem sie erzählten, daß nach 50 Metern ein englisches Maschinengewehr den Graben als unüberwindliches Hindernis sperrte. Ich kam daraufhin mit den Zugführern überein, beim ersten Widerstand rechts und links auf Deckung zu springen und konzentrisch mit Handgranaten anzugreifen. Inmitten des fremden Verbandes galt es besonders, die Waffenehre des Regiments hochzuhalten. Die endlos langen Stunden verbrachte ich, eng an den Leutnant Hopf gekauert, in einem Erdloch. Um 6 Uhr erhob ich mich und traf in der eigentümlichen Stimmung, die jedem Angriff vorausgeht, die letzten Anordnungen. Man hat ein seltsames, flaues Gefühl im Magen, redet mit den Gruppenführern, versucht Scherze zu machen, läuft hin und her wie vor einer Parade vor dem kommandierenden General; kurz, man sucht sich möglichst zu beschäftigen, um den bohrenden Gedanken zu entgehen. Ein Mann bot mir eine auf Hartspiritus erwärmte Tasse Kaffee an, die Wärme und Zuversicht ins Mark zauberte.

Punkt 7 Uhr traten wir in der bestimmten Reihenfolge in langer Schlange an. Wir fanden den Drachenweg unbesetzt; eine Reihe leerer Trommeln hinter einer Barrikade verriet, daß das MG. zurückgenommen sein mußte. Unser Angriffsgeist wurde dadurch entfacht. Wir betraten einen kleinen Hohlweg, nachdem ich einen rechts abzweigenden, gut ausgebauten Graben durch ein paar Mann abgeriegelt hatte. Der Hohlweg wurde immer flacher, und zuletzt fanden wir uns im grauenden Morgen auf freiem Felde. Wir machten kehrt und betraten den rechten Graben, der gestopft voll Kriegsgerät und englischer Toter lag. Es war die Siegfried-Stellung. Plötzlich riß der Führer der Stoßgruppen, Leutnant Hoppenrath, einem Manne das Gewehr aus der Hand und schoß. Er war auf einen englischen Posten gestoßen, der nach einigen Handgranatenwürfen die Flucht ergriff. Es ging weiter, bis gleich darauf von neuem Widerstand geleistet wurde. Handgranaten flogen von beiden Seiten und barsten mit vielfachem Krachen. Die Stoßtrupp-Technik trat in Funktion. Wurfgeschosse wanderten von Mann zu Mann durch die Kette der Hände; Scharfschützen nisteten sich hinter Schulterwehren ein, um die feindlichen Werfer aufs Korn zu nehmen, die Zugführer spähten über Deckung, um einen Gegenstoß rechtzeitig zu erkennen und die Bedienungen der leichten MG. bauten ihre Waffen an schußfeldbietenden Stellen auf.

Nach kurzem Kampfe erschollen drüben aufgeregte Stimmen, und ehe wir recht begriffen, was geschehen, kamen uns die ersten Engländer mit hochgereckten Händen entgegen. Einer nach dem anderen bog um die Schulterwehr und schnallte ab, während unsere Gewehre und Pistolen drohend auf ihn gerichtet waren. Es waren lauter junge, stramme Kerle in neuen Uniformen. Ich ließ sie mit der Aufforderung: „Hands down!“ passieren und beauftragte eine Gruppe mit dem Abtransport. Die Meisten zeigten durch ihr zuversichtliches Lächeln, daß sie uns nichts Unmenschliches zutrauten. Andere suchten mit vorgehaltenen Zigarettenschachteln und Schokoladentafeln uns zur Milde zu stimmen. Mit der gesteigerten Freude eines Weidmannes sah ich, daß wir einen gewaltigen Fang gemacht hatten; der Zug wollte gar kein Ende nehmen. Schon hatten wir 150 Mann gezählt, und immer noch erschienen neue mit erhobenen Armen. Ich hielt einen Offizier an und fragte ihn nach dem weiteren Verlauf und der Besetzung der Stellung. Er antwortete sehr höflich, beeinträchtigte indes den guten Eindruck, den er auf mich machte, dadurch, daß er stramm stand. Er geleitete mich dann zu dem Führer der Kompagnie, einem verwundeten Captain, der sich in einem nahen Stollen aufhielt. Ich fand einen jungen Mann von ungefähr 26 Jahren mit feingeschnittenem Gesicht, der mit durchschossener Wade an dem Stollenrahmen lehnte. Als ich mich vorstellte, hob er seine Hand, von der eine goldene Kette blitzte, an die Mütze, nannte seinen Namen und übergab mir seine Pistole. Seine ersten Worte zeigten, daß ich einen Mann vor mir hatte. „We were surroundet about.“ Es drängte ihn, seinem Gegner zu erklären, warum sich seine Kompagnie so rasch ergeben hätte. Wir unterhielten uns in französischer Sprache über verschiedenes. Er erzählte mir, daß eine Reihe deutscher Verwundeter, die von seinen Leuten verbunden und verpflegt wären, in einem nahen Unterstande lägen. Als ich mich erkundigte, wie stark die Siegfriedstellung weiter hinten besetzt wäre, verweigerte er die Auskunft. Nachdem ich versprochen hatte, ihn und die anderen Verwundeten zurückschaffen zu lassen, verabschiedeten wir uns durch einen Händedruck.

Vorm Stollen standen meine Leute und meldeten, daß wir an 200 Gefangene gemacht hätten. Für eine Kompagnie von 80 Köpfen eine schöne Leistung. Nachdem ich Postierungen ausgestellt hatte, sahen wir uns in dem eroberten Graben um, der von Waffen und Ausrüstungsstücken starrte. Auf den Postenständen lagen MG., Minenwerfer, Hand- und Gewehrgranaten, Feldflaschen, Pelzwesten, Gummimäntel, Zeltbahnen, Dosen voll Fleisch, Marmelade, Tee, Kaffee, Kakao und Tabak, Kognak-Flaschen, Handwerkszeug, Pistolen, Leuchtpistolen, Wäsche, Handschuhe, kurz alles, was man sich nur denken konnte. Ich legte eine kleine Pause ein, um den Leuten Zeit zu geben, sich auszuruhen und die guten Sachen etwas näher zu untersuchen. Auch ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, mir von meinem Burschen in einem Stolleneingang ein kleines Frühstück zusammenstellen zu lassen und eine Pfeife des langentbehrten navy cut zu entzünden, während ich meinen Bericht an den Kampftruppen-Kommandeur kritzelte. Als vorsichtiger Mann schickte ich ein Duplikat an unseren Bataillons-Kommandeur.

Nach einer halben Stunde traten wir in gehobener Stimmung (ich will nicht ableugnen, daß die englischen Kognakflaschen ein wenig dazu beigetragen haben mochten) wieder an und pirschten uns von Schulterwehr zu Schulterwehr die Siegfriedstellung entlang.

Aus einem in dem Graben eingebauten Blockhaus erhielten wir Feuer und stiegen, um uns zu orientieren, auf den nächsten Postenstand. Während wir mit den Insassen einige Kugeln wechselten, wurde ein Mann wie durch eine unsichtbare Faust zu Boden gestoßen. Ein Geschoß hatte den Scheitel seines Stahlhelms durchbohrt und eine lange Rille in die Schädeldecke gerissen. Das Gehirn hob und senkte sich in der Wunde unter jedem Schlage des Blutes, trotzdem konnte er noch allein zurückgehen.

Ich rief Freiwillige auf, um den Widerstand durch einen Angriff über freies Feld zu brechen. Die Leute sahen sich zögernd an; nur ein unbeholfener Pole, den ich immer für blödsinnig gehalten hatte, kletterte aus dem Graben und stapfte schwerfällig auf das Blockhaus los. Nun sprang auch der Fähnrich Neupert mit seiner Gruppe auf Deckung, während wir gleichzeitig im Graben vorgingen. Die Engländer gaben einige Schüsse ab und rissen aus, das Blockhaus uns überlassend. Einer der Leute des Fähnrichs war mitten im Anlauf tot zusammengebrochen und lag wenige Schritte vorm Ziel mit dem Gesicht auf dem Boden.

Beim weiteren Vorgehen stießen wir auf die erbitterte Gegenwehr unsichtbarer Handgranatenwerfer und wurden im Verlaufe eines längeren Gemetzels wieder bis zum Blockhaus zurückgedrängt. Dort verbarrikadierten wir uns. Sowohl wir als die Engländer ließen in dem umkämpften Grabenstück eine Anzahl von Leichen zurück. Leider befand sich darunter auch der Unteroffizier Mevius, den ich in der Nacht von Regniéville als tollkühnen Kämpfer schätzen gelernt hatte. Er lag mit dem Gesicht in einer großen Blutlache. Als ich ihn umdrehte, sah ich an einem großen Loch in der Stirn, daß hier keine Hilfe mehr not tat.

Nachdem sich auch der Gegner etwas zurückgezogen hatte, begann ein hartnäckiges Feuergefecht, währenddessen ein 50 Meter von uns postiertes Lewis-Gewehr unsere Köpfe niederzwang. Ein leichtes Maschinengewehr von uns nahm das Duell auf. Eine halbe Minute lang knatterten die beiden Mordwaffen, von Geschossen umspritzt, gegen einander los. Dann brach unser Richtschütze, der Gefreite Motullo, mit einem Kopfschuß zusammen. Obwohl ihm das Gehirn bis zum Kinn über das Gesicht lief, war er noch bei klarem Verstande, als wir ihn in den nächsten Stollen trugen. Allmählich wurde es etwas ruhiger, da auch die Engländer an einer Barrikade arbeiteten. Um 12 Uhr erschienen Hauptmann von Brixen, Leutnant Tebbe und Leutnant Vogt und beglückwünschten mich zu den Erfolgen der Kompagnie. Wir setzten uns in das Blockhaus, frühstückten von den englischen Vorräten und besprachen die Lage. Zwischendurch unterhandelte ich schreiend mit ungefähr 25 Engländern, deren Köpfe 100 Meter vor uns aus dem Graben tauchten, und die sich anscheinend ergeben wollten. Sowie ich mich aber über Deckung erhob, wurde ich von weiter hinten beschossen.

Plötzlich entstand bei der Barrikade Bewegung. Handgranaten flogen. Gewehre knallten, MG. ratterten. „Sie kommen! Sie kommen!“ Wir sprangen hinter die Sandsäcke und schossen. Einer meiner Leute, der Gefreite Kimpenhaus, sprang in der Hitze des Kampfes oben auf die Barrikade und schoß so lange in den Graben, bis ihn zwei schwere Armschüsse herunterfegten. Ich merkte mir diesen Helden des Augenblicks und hatte die Freude, ihm 14 Tage später zum E. K. I gratulieren zu können.

Kaum waren wir von diesem kleinen Intermezzo zum Frühstück zurückgekehrt, als von neuem ein Heidenlärm losbrach. Es trat einer jener merkwürdigen Zwischenfälle ein, an denen die Kriegsgeschichte im großen und kleinen so reich ist. Das Geschrei rührte von einem Offizier-Stellvertreter des linken Nachbar-Regiments, der mit uns Verbindung aufnehmen wollte und von gewaltiger Rauflust beseelt war. Alkoholgenuß schien seine angeborene Tapferkeit zur Raserei entfacht zu haben. „Wo ist der Tommy? Ran an die Hunde! Los, wer kommt mit?“ In seiner Wut riß er unsere schöne Barrikade ein und stürzte vor, sich den Weg mit krachenden Handgranaten bahnend. Vor ihm glitt seine Ordonnanz durch den Graben und erledigte mit Gewehrschüssen die dem Sprengstoff Entronnenen.

Mut, tollkühner Einsatz der eigenen Person wirken immer begeisternd. Auch wir wurden vom Draufgängertum gepackt und beeilten uns, einige Handgranaten aufraffend, an dem improvisierten Sturm teilzunehmen. Bald befand ich mich neben dem Offizier-Stellvertreter, und auch die anderen Offiziere, gefolgt von Leuten meiner Kompagnie, ließen sich nicht lange bitten. Selbst der Bataillons-Kommandeur, Hauptmann von Brixen, befand sich mit einem Gewehre in der Hand unter den Vordersten und streckte über unsere Köpfe hinweg mehrere feindliche Werfer nieder.

Die Engländer wehrten sich wacker. Es wurde um jede Schulterwehr gerungen. Die schwarzen Bälle der Mill-Handgranaten kreuzten sich in der Luft mit unseren Gestielten. Hinter jeder genommenen Schulterwehr fanden wir Leichen oder noch zuckende Körper. Man tötete sich, ohne sich zu sehen. Auch wir hatten Verluste. Neben der Ordonnanz fiel ein Stück Eisen zu Boden, dem der Mann nicht mehr ausweichen konnte; er brach zusammen, während sein Blut aus vielen Wunden auf den Lehm sickerte.

Über seinen Körper hinweg sprangen wir weiter. Donnerkrachen zeichnete unseren Weg. Hunderte von Augen lauerten in dem toten Gelände hinter Gewehr und Maschinengewehr auf Ziel. Wir waren schon weit vor den eigenen Linien. Von allen Seiten pfiffen uns Geschosse um die Stahlhelme oder zerschellten mit hartem Knall am Grabenrand.

Ein rechts abzweigender Graben wurde von uns folgenden Leuten des Regiments 225 ausgeräumt. In die Zwickmühle geratene Engländer versuchten, über freies Feld zu entkommen und wurden niedergeschossen wie bei einer Treibjagd.

Dann kam der Höhepunkt; der atemlose Gegner, dem wir hart auf den Fersen geblieben waren, machte Anstalten, durch einen rechts abbiegenden Verbindungsgraben zu entweichen. Ich sprang auf einen Postenauftritt und sah, daß dieser Graben eine ganze Strecke lang dem unsrigen in einer Entfernung von 20 m parallel lief. Der Feind mußte also noch einmal an uns vorbei. Wir konnten von unserem erhöhten Standpunkt den Engländern, die vor Eile und Aufregung stolperten, direkt auf die Stahlhelme sehen. Ich schleuderte den Vordersten eine Handgranate vor die Füße, so daß sie stutzend stehen blieben, und die ihnen Folgenden eingekeilt wurden. Nun entstand eine unbeschreibliche Vernichtung; Handgranaten flogen wie Schneebälle durch die Luft, alles in weißlichen Qualm hüllend. Zwei Leute reichten mir ununterbrochen fertige Wurfgeschosse zu. Zwischen den zusammengeballten Engländern zuckten Blitze auf, Fetzen und Stahlhelme hochschleudernd. Wut- und Angstgebrüll mischte sich. Feuer vor den Augen, sprangen wir schreiend auf den Grabenrand.

Mitten in diesem Taumel wurde ich durch einen furchtbaren Schlag zu Boden geworfen. Ernüchtert riß ich meinen Stahlhelm herunter und erblickte zu meinem Schrecken zwei große Löcher darin. Der Fahnenjunker-Unteroffizier Mohrmann, der mir beisprang, beruhigte mich durch die Versicherung, daß an meinem Hinterkopfe nur ein blutender Riß zu sehen wäre. Das Geschoß eines weiter entfernten Schützen hatte meinen Stahlhelm durchschlagen und den Kopf gestreift. Halb betäubt, wankte ich mit verbundenem Kopfe zurück, um mich aus diesem Brennpunkte des Kampfes zu entfernen. Kaum hatte ich die nächste Schulterwehr passiert, als ein Mann hinter mir herstürzte und hervorstieß, daß Leutnant Tebbe an derselben Stelle soeben durch Kopfschuß gefallen wäre.

Diese Nachricht gab mir den Rest. Ich sträubte mich, die Tatsache zu fassen, daß ein Freund, mit dem ich jahrelang Freud, Leid und Gefahr geteilt, und der mir vor wenigen Minuten noch ein Scherzwort zugerufen hatte, durch ein sinnloses Stück Blei sein Ende gefunden haben sollte. Es war leider nur zu wahr.

Gleichzeitig verbluteten in diesem mörderischen Grabenstückchen sämtliche hervorragenden Unteroffiziere und ein Drittel meiner Kompagnie. Auch der Leutnant Hopf fiel, ein bereits älterer Mann, Lehrer von Beruf, deutscher Ideal-Schulmeister im besten Sinne des Wortes. Meine beiden Fähnriche und viele andere wurden verwundet. Trotzdem hielt die siebente Kompagnie die glorreich eroberte Stellung unter Führung des Leutnants Hoppenrath, des letzten Kompagnieoffizieres, bis zur Ablösung.

Auch das moderne Gefecht hat seine großen Augenblicke. Man hört so oft die irrige Ansicht, daß der Infanteriekampf zu einer uninteressanten Massenschlächterei herabgesunken ist. Im Gegenteil, heute mehr denn je entscheidet der einzelne. Das weiß jeder, der sie in ihrem Reich gesehen hat, die Fürsten des Grabens mit den harten, entschlossenen Gesichtern, tollkühn, so sehnig, geschmeidig vor- und zurückspringend, mit scharfen, blutdürstigen Augen, Helden, die kein Bericht nennt. Der Grabenkampf ist der blutigste, wildeste, brutalste von allen, doch auch er hat seine Männer gehabt, Männer, die ihrer Stunde gewachsen waren, unbekannte, verwegene Kämpfer. Unter allen nervenerregenden Momenten des Krieges ist keiner so stark, wie die Begegnung zweier Stoßtruppführer zwischen den engen Lehmwänden des Grabens. Da gibt es kein Zurück und kein Erbarmen. Blut klingt aus dem schrillen Erkennungsschrei, der sich wie Alpdruck von der Brust ringt.

Auf dem Rückweg blieb ich neben dem Hauptmann von Brixen stehen, der, mit einigen Leuten einen Feuerkampf gegen eine Reihe von Köpfen führte, die aus einem nahen Parallelgraben ragten. Ich stellte mich zwischen ihn und einen anderen Schützen und beobachtete die Geschoßeinschläge.

Plötzlich warf mich wieder ein Prall vor die Stirne auf die Grabensohle, während meine Augen durch herabströmendes Blut geblendet wurden. Der Mann neben mir stürzte zu gleicher Zeit und begann zu jammern. Kopfsteckschuß durch Stahlhelm und Schläfe. Der Hauptmann fürchtete, seinen zweiten Kompagnieführer an diesem Tage verloren zu haben, stellte indes bei näherem Hinsehen nur zwei oberflächliche Löcher an der Haargrenze fest; wahrscheinlich durch das zerschellende Geschoß oder Stahlhelmsplitter des Verwundeten verursacht.

Durch den erneuten Blutverlust geschwächt, schloß ich mich dem Hauptmann an, der zu seiner Befehlsstelle zurückging. Den hart beschossenen Dorfrand von Moeuvres im Laufschritt überwindend, gewannen wir den Unterstand im Kanalbett, wo ich Verband und Tetanusspritze erhielt. — Am Nachmittag setzte ich mich in ein Lastauto und fuhr nach Lécluse, wo ich dem begeisterten Oberst von Oppen beim Abendessen Bericht erstattete. Nachdem ich halb im Schlaf, aber in vorzüglicher Stimmung, eine Flasche Wein geleert hatte, verabschiedete ich mich und warf mich nach diesem gewaltigen Tage mit einem Feierabendgefühl in das Bett, das mir mein treuer, freudestrahlender Vinke bereitet hatte. Am übernächsten Tage rückte das Bataillon in Lécluse ein. Am 4. Dezember hielt der Divisions-Kommandeur, Generalmajor von Busse, eine Ansprache an die beteiligten Bataillone, in der die Verdienste der siebenten Kompagnie besonders hervorgehoben wurden.

Ich konnte mit Recht stolz auf meine Leute sein. Kaum 80 Mann hatten ein langes Grabenstück erobert; eine Menge Maschinengewehre, Minenwerfer und Material erbeutet und 200 Gefangene gemacht. Leider hatten wir auch eine Verlustziffer von 50 Prozent, darunter besonders viele Chargen. Ich hatte die Freude, eine lange Reihe von Beförderungen und Auszeichnungen verkünden zu können. Verdientermaßen erhielten der Leutnant Hoppenrath, Führer der Stoßtruppen, Fähnrich Neupert, der Blockhausstürmer und last not least, der kühne Barrikadenverteidiger Kimpenhaus das E. K. I. Ich bekam als Pflaster auf meine fünfte Verwundung einen vierzehntägigen Weihnachtssurlaub, währenddessen mir das Ritterkreuz des Hausordens von Hohenzollern mit Schwertern ins Haus geschickt wurde. Ich habe mir im Verlaufe des Krieges über Orden eine eigentümliche Anschauung erworben, indes gestehe ich, daß ich mir das goldgerandete Emaillekreuz mit Stolz an die Brust heftete. Dieses Kreuz, mein durchschossener Stahlhelm und ein silberner Pokal mit der Inschrift „Dem Sieger von Moeuvres“, den mir die drei anderen Kompagnieführer des Bataillons schenkten, sind meine Erinnerungszeichen an den Tag von Cambrai.