Gegen Inder.

Am 6. Mai 1917 waren wir schon wieder auf dem Marsche nach dem wohlbekannten Brancourt, und am folgenden Tage rückten wir über Montbréhain, Ramicourt, Joncourt in die Siegfriedstellung, die wir erst vor einem Monat verlassen hatten.

Der erste Abend war stürmisch; starke Regenschauer prasselten unaufhörlich auf das überschwemmte Gelände nieder. Bald versöhnte uns jedoch eine Reihe von schönen, warmen Tagen mit unserem neuen Aufenthaltsort.

Unsere Stellung bildete einen halbmondförmigen Vorsprung vor dem Kanal von St. Quentin, dahinter lag die berühmte Siegfriedstellung. Es war mir rätselhaft, warum wir uns in die engen, unvollkommenen Kreidegräben legen mußten, während wir das mächtige, riesenstarke Bollwerk hinter uns hatten.

Die vordere Linie schlängelte sich durch ein idyllisches, von kleinen Baumgruppen beschattetes Wiesengelände in den zarten Farben des ersten Frühjahrs. Man konnte sich ungestraft hinter und vor den Gräben bewegen, da zahlreiche, kilometerweit vorgeschobene Feldwachen die Stellung sicherten. Diese Postierungen waren dem Gegner ein Dorn im Auge, und es verging in mancher Woche keine Nacht, wo er nicht hier oder dort mit List oder Gewalt die kleinen Besatzungen zu vertreiben suchte.

Unsere erste Stellungsperiode verging jedoch in angenehmer Ruhe; die Witterung war so schön, daß die Leute die milden Nächte im Grase liegend verbrachten. Am 14. Mai wurden wir von der achten Kompagnie abgelöst und rückten, das brennende St. Quentin zur Rechten, nach unserem Ruheort Montbréhain, einem großen Dorfe, das noch wenig durch den Krieg gelitten hatte und infolgedessen sehr gemütliche Quartiere aufwies. Am 20. besetzten wir als Reservekompagnie die Siegfriedstellung. Wir hatten die reinste Sommerfrische, tagsüber saßen wir in den zahlreichen in die Böschung eingebauten Lauben oder badeten und ruderten im Kanal.

Der Nachteil solcher Idealstellungen ist der häufige Besuch von Vorgesetzten, der gerade in den Schützengräben am wenigsten geschätzt wird. Allerdings hatte sich mein linker, an das Dorf Bellenglise grenzender Flügel keineswegs über Mangel an Feuer zu beklagen. Gleich am ersten Tage bekam einer meiner Leute einen Schrapnellsteckschuß in die rechte Gesäßseite. Als ich auf diese Nachricht hin zur Unglücksstelle eilte, saß er schon wieder ganz vergnügt, die Sanitäter erwartend, auf der linken Seite, trank Kaffee und aß eine riesige Marmeladenstulle dazu.

Am 25. Mai lösten wir die zwölfte Kompagnie in der Riqueval-Ferme ab. Diese Ferme, ein ehemaliger großer Gutshof, diente jeweilig einer der vier Stellungskompagnien zum Aufenthalt. Es waren mit je einer Gruppe drei im Hintergelände verstreute Maschinengewehrstützpunkte zu besetzen. Diese schachbrettartig hinter der Kampfstellung gruppierten Kampfnester waren die ersten Versuche einer elastischen Verteidigung.

Die übrigen Leute wurden des Nachts zum Schanzen nach vorn entsandt.

Die Ferme lag höchstens 1500 Meter hinter der vorderen Linie, trotzdem waren ihre von einem verwachsenen Park umschlossenen Gebäude noch völlig unzerstört. Sie war, da Stollen erst im Bau waren, auch dicht bewohnt. Die blühenden Rotdorngänge des Parks und die anmutige Umgebung verliehen unserem Dasein trotz der Nähe der Front eine Spur jenes heiteren Lebensgenusses, den der Franzose unter seinem „vie de campagne“ versteht. In meinem Schlafzimmer hatte sich ein Schwalbenpärchen eingenistet, das schon in den frühesten Morgenstunden mit der geräuschvollen Fütterung seiner unersättlichen Nachkommenschaft begann.

Am 30. Mai hatte dieses Idyll für mich ein Ende, denn der aus dem Lazarett entlassene Leutnant Vogeley übernahm wieder die Führung der vierten Kompagnie. Ich begab mich zu meiner alten zweiten Kompagnie, die jetzt unter Führung eines Kavallerieleutnants stand, in den Schützengraben.

Unser Abschnitt war von der Römerstraße bis zum sogenannten Artilleriegraben von zwei Zügen besetzt; der Kompagnieführer lag mit dem dritten hinter einem kleinen Hange ungefähr 200 Meter zurück. Dort erhob sich auch eine winzige Bretterbude, die ich mit Leutnant Kius zusammen in rührendem Vertrauen auf die Stümperhaftigkeit der englischen Artilleristen bewohnte. Die eine Seite war an einen kleinen, in der Schußrichtung verlaufenden Hang geklebt, die drei anderen boten dem Feinde trutzig die Flanken. Jeden Tag, wenn der Morgengruß angefegt kam, konnte man ungefähr folgendes Zwiegespräch, das sich zwischen dem Besitzer der oberen und dem der unteren Pritsche entspann, vernehmen:

„Du, Ernst!“

„Hm?“

„Ich glaube, sie schießen!“

„Na, laß uns man noch ein bißchen liegen; ich glaube, das waren die letzten.“

Nach einer Viertelstunde:

„Du, Oskar!“

„Ja?“

„Das hört ja heute gar nicht mehr auf; ich glaube, eben ist eine Schrapnellkugel durch die Wand geflogen. Wir wollen doch lieber aufstehen. Der Artilleriebeobachter nebenan ist schon lange ausgerissen!“

Die Stiefel hatten wir leichtsinnigerweise immer ausgezogen. Wenn wir fertig waren, war es der Engländer meist auch, und wir konnten uns vergnügt an den lächerlich kleinen Tisch setzen, den von der Hitze sauer gewordenen Kaffee trinken und die Morgenzigarre anzünden. Nachmittags wurde vor der Tür der englischen Artillerie zum Hohn ein Sonnenbad auf der Zeltbahn genommen.

Auch sonst war unsere Bude äußerst kurzweilig. Wenn man im dolce far niente auf der Drahtpritsche lag, pendelten riesige Regenwürmer an der Erdwand, die bei Störungen mit unbegreiflicher Geschwindigkeit in ihre Löcher schossen. Ein grämlicher Maulwurf schnüffelte ab und zu aus seinem Bau heraus und trug viel zur Belebung unserer ausgedehnten Siesta bei.

Am 12. Juni mußte ich mit 20 Mann die zum Kompagnieabschnitt gehörige Feldwache besetzen. Zu später Stunde verließen wir die Stellung und schritten auf einem Trampelpfade, der sich durch das wellige Gelände schlängelte, in den lauen Abend. Die Dämmerung war so weit vorgeschritten, daß der rote Mohn auf den verwilderten Feldern mit dem hellgrünen Grase in einem merkwürdig satten Farbenton zusammenschmolz. Wir schlenderten, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt, mit umgehängtem Gewehr lautlos über den blumigen Teppich und hatten nach 20 Minuten unser Ziel erreicht. Flüsternd wurde die Wache übergeben, leise die Posten aufgestellt, dann entschwand die abgelöste Mannschaft im Dunkel.

Die Feldwache lehnte sich an einen kleinen Steilhang. Im Rücken floß ein wirr verwachsenes Waldstück in die Nacht, vom Hange durch einen 100 Meter breiten Wiesenstreifen getrennt. Davor und in der rechten Flanke erhoben sich zwei Hügel, auf denen die englische Linie verlief. Zwischen diesen Hügeln führte ein Hohlweg zum Gegner.

Dort traf ich beim Abgeben meiner Posten den Vizefeldwebel Hackmann mit einigen Leuten der siebenten Kompagnie im Begriff, eine Patrouille zu machen. Ich schloß mich ihnen als Schlachtenbummler an, trotzdem ich eigentlich meine Feldwache nicht verlassen durfte.

Wir überschritten, indem wir eine von mir erfundene Methode des Vorgehens anwandten, zwei den Weg sperrende Drahtverhaue und gelangten, seltsamerweise ohne auf einen Posten zu stoßen, über den Hügelkamm, auf dem wir rechts und links vor uns Engländer schanzen hörten. Später wurde mir klar, daß der Gegner seine Postierungen zurückgezogen hatte, um sie nicht bei dem Feuerüberfall auf unsere Feldwache, von dem ich gleich berichten werde, in Mitleidenschaft zu ziehen.

Meine eben erwähnte Art des Vorgehens bestand darin, daß ich in einem Gelände, in dem wir jeden Augenblick auf den Feind stoßen mußten, die Patrouillenteilnehmer abwechselnd vorkriechen ließ. So befand sich zur Zeit immer nur einer, den sich das Fatum auswählen mochte, in der Gefahr, von einem lauernden Schützen erschossen zu werden, während die anderen geschlossen weiter hinten zum Eingreifen bereit waren. Ich pflegte mich natürlich für meine Person von diesem Amte niemals auszuschließen, trotzdem ich meine Anwesenheit bei der Patrouille selbst für wichtiger hielt. Indes muß der Frontoffizier im Kriege manchmal aus Rücksichten subjektiver Art taktische Fehler begehen.

Wir umschlichen mehrere schanzende Abteilungen, die leider durch dichte Hindernisse von uns getrennt waren. Nachdem der Vorschlag des etwas exzentrischen Feldwebels, sich als Überläufer auszugeben und so lange zu verhandeln, bis wir den ersten feindlichen Posten umgangen hätten, in einer kurzen Beratung verworfen war, pirschten wir uns mißmutig zur Feldwache zurück.

Dort setzte ich mich am Steilhange auf meinen Mantel, zündete mir so versteckt wie möglich eine Pfeife an, und überließ mich meiner Phantasie. Inmitten des schönsten Luftschlosses wurde ich durch ein merkwürdiges Rascheln im Waldstück und auf der Wiese hochgeschreckt. Vorm Feinde liegen die Sinne immer auf der Lauer und es ist sonderbar, daß man in solchen Augenblicken bei gar nicht ungewöhnlichen Geräuschen sofort bestimmt weiß: Jetzt ist etwas los!

Gleich darauf kam der nächste Posten angestürzt: „Herr Leutnant, es gehen 70 Engländer gegen den Waldrand vor!“

Ich wunderte mich etwas über die präzise Zahlenangabe, versteckte mich aber vorsichtshalber mit den vier in meiner Nähe liegenden Leuten oben auf dem Steilhange im hohen Grase, um die weitere Entwicklung der Dinge zu beobachten. Nach einigen Sekunden sah ich einen Trupp über die Wiese huschen. Während meine Leute die Gewehre darauf richteten, rief ich ein leises: „Wer da?“ Es war der Unteroffizier Teilengerdes, ein bewährter alter Krieger der zweiten Kompagnie, der seine aufgeregte Gruppe zu sammeln versuchte.

Ich raffte rasch alles zusammen und ließ eine Schützenlinie formieren, deren Flügel sich an Steilhang und Waldstück lehnten. In einer Minute standen die Leute mit aufgepflanztem Seitengewehr. Als ich die Richtung nachsah und einen etwas zurückstehenden Mann zurechtweisen wollte, bekam ich zur Antwort: „Ich bin Krankenträger.“ Der Mann hatte sein Exerzierreglement gut im Kopfe. Beruhigt durch diesen Triumph preußischer Disziplin, ließ ich antreten.

Während wir den Wiesenstreifen überschritten, setzte von englischer Seite ein Schrapnellhagel und wildes Maschinengewehrgeknatter ein. Wir gingen unwillkürlich in Laufschritt über, um den toten Winkel des vor uns liegenden Hügels zu gewinnen.

Plötzlich erhob sich vor mir ein dunkler, Schatten. Ich riß eine Handgranate ab und schleuderte sie ihm entgegen. Zu meinem Schrecken erkannte ich beim Aufblitzen der Explosion den Unteroffizier Teilengerdes, der unbemerkt vorgelaufen und über einen Draht gestolpert war. Glücklicherweise blieb er unverletzt. Gleichzeitig ertönte neben uns das schärfere Krachen englischer Handgranaten, und das Schrapnellfeuer verstärkte sich zu unangenehmer Dichte.

Meine Schützenlinie zerflatterte und verschwand in der Richtung auf den Steilhang, der unter schwerem Feuer lag, während ich mit Teilengerdes und drei Getreuen meinen Platz behielt. Plötzlich stieß mich einer an: „Die Engländer!“

Wie eine Vision bohrte sich sekundenlang auf der nur durch stiebende Funken erhellten Wiese eine Doppelschnur knieender Gestalten in mein Auge, sich gerade erhebend und avancierend. Ich erkannte deutlich die Figur des Offiziers am rechten Flügel.

Wir sprangen auf und rannten dem Steilhang zu. Trotzdem ich über einen tückisch durchs hohe Gras gespannten Draht stolperte und mich überschlug, kam ich doch glücklich an und brachte meine erregten Leute allerdings nur durch Anwendung höchster Energie in eine auf Tuchfühlung gedrängte Schützenlinie.

Ich habe immer erfahren, daß in solchen Augenblicken der gewöhnliche Mann, der vollauf mit seiner persönlichen Gefahr beschäftigt ist, die scheinbar unbeteiligte Sachlichkeit des Führers bewundert, der inmitten der tausend entnervenden Eindrücke des Gefechts die Ausführung seines Auftrages klar im Auge hat. Diese Bewunderung hebt jeden ritterlich Gesinnten über sich selbst hinaus und spornt ihn zu immer größeren Leistungen an, so daß Führer und Mannschaft sich aneinander zu gewaltiger Energieentfaltung entzünden. Der moralische Faktor ist eben alles.

Schlagartig verstummte das Feuer, während ein vielfaches Knacken und Rauschen durch das Unterholz des Wäldchens glitt.

„Halt! Wer da! Parole?!“

Wir brüllten wohl fünf Minuten lang und schrieen auch das alte Losungswort des 1. Bataillons „Lüttje Lage“, ein Ausdruck für Schnaps und Bier, jedem Hannoveraner geläufig; doch antwortete uns nur ein seltsames, unverständliches Geschrei. Endlich nahm ich die Verantwortung auf mich und ließ feuern, trotzdem einige Leute behaupteten, deutsche Worte gehört zu haben. Meine zwanzig Gewehre fegten ihre Geschosse in das Wäldchen, die Kammern rasselten, und bald hatte sich das Geschrei drüben in Wimmern verwandelt. Ich hatte dabei ein flaues Gefühl der Ungewißheit.

Doch blitzten uns ab und zu gelbe Flämmchen entgegen. Einer von uns bekam einen Schulterschuß und wurde durch den Sanitäter verbunden.

„Stopfen!“

Langsam drang das Kommando durch, und das Feuer ruhte. Die Spannung der Nerven war durch die Tat gedämpft.

Erneutes Parolerufen und meinerseits die überredende Aufforderung: „Come here, you are prisoners, hands up!“

Darauf drüben vielstimmiges Geschrei. Ein einzelner löste sich vom Waldsaum und kam auf uns zu. Einer beging die Dummheit, ihm „Parole!“ entgegenzurufen, worauf er stehen blieb und sich umdrehte.

„Schießt ihn kaputt!“

Ein Dutzend Schüsse; die Gestalt sank zusammen und glitt ins hohe Gras.

Dieser kleine Zwischenakt erfüllte uns mit einem Gefühl der Genugtuung. Vom Waldrande erscholl wieder wirres Rufen; es klang, als ob die Angreifer sich gegenseitig ermutigten, gegen die geheimnisvollen Verteidiger vorzugehen.

In höchster Spannung starrten wir auf den dunklen Streifen. Es begann zu dämmern, und ein leichter Nebel stieg vom Wiesengrunde auf.

Da hob sich eine Reihe von Schatten aus dem Dunkel. Fünf, zehn, fünfzehn, eine ganze Kette. Zitternde Hände lösten die Sicherungsflügel. Auf 50 Meter waren sie heran, 30, 15 . . . . . Feuerrr! Minutenlang knatterten die Gewehre. Funken sprühten auf, wenn spritzende Bleikerne gegen Waffen und Stahlhelme wuchteten.

Plötzlich ein Schrei: „Aaaachtung, links!“ Eine Schar von Angreifern schnellte von ganz links auf uns zu, voran eine Riesengestalt mit vorgestrecktem Revolver, eine weiße Keule schwingend.

„Linke Gruppe links schwenken!“

Die Leute flogen herum und empfingen die Ankömmlinge stehend. Einige der Gegner, darunter der Führer, brachen unter den hastig abgefeuerten Schüssen zusammen, die anderen verschwanden spurlos, ebenso schnell wie sie gekommen waren.

Das war der Moment zum Draufgehen. Mit aufgepflanztem Seitengewehr und wütendem Hurra stürmten wir das Wäldchen. Handgranaten flogen in das verschlungene Gestrüpp, und im Nu waren wir wieder im Alleinbesitz unserer Feldwache, allerdings ohne den geschmeidigen Gegner gepackt zu haben.

Wir sammelten uns in einem angrenzenden Kornfeld und starrten in die blassen, übernächtigen Gesichter der Kameraden. Die Sonne war strahlend aufgegangen. Eine Lerche stieg hoch und ärgerte uns durch ihr Trillern. Wir waren ungefähr in derselben Stimmung, in der man nach einer durchspielten Nacht die Karten auf den Tisch wirft, wenn die kühle Morgenluft sich durch die aufgerissenen Fenster mit abgestandenem Zigarrenqualm vermengt.

Während wir uns die Feldflaschen boten und eine Zigarette ansteckten, hörten wir, wie sich der Gegner mit einigen laut jammernden Verwundeten durch den Hohlweg entfernte.

Ich beschloß den Kampfplatz abzugehen. Aus der Wiese, auf der wir die Schützenlinie zusammengeschossen hatten, stiegen fremdartige Rufe und Schmerzensschreie. Wir entdeckten im hohen Grase eine Reihe von Toten und drei Verwundete, die uns um Gnade anflehten. Sie schienen fest überzeugt, von uns umgebracht zu werden.

Auf meine Frage: „Quelle nation?“ antwortete einer: „Pauvre Radschput!“

Wir hatten Inder vor uns, weit übers Meer gekommen, um sich bei diesem gottverlassenen Stück Erde an Hannoverschen Füsilieren die Schädel einzurennen.

Die zierlichen Gestalten waren übel zugerichtet. Auf diese kurzen Entfernungen besitzt das Infanteriegeschoß Sprengwirkung. Keiner hatte weniger als zwei Schüsse bekommen. Wir nahmen sie auf und schleppten sie zu unserem Graben. Da sie schrieen, als ob sie am Spieß stäken, verstopften ihnen meine Leute den Mund und drohten mit der Faust, wodurch sie in ihrer Angst noch bestärkt wurden. Einer starb schon während des Transportes. Er wurde doch noch mitgenommen, da auf jeden Gefangenen, ob tot oder lebendig, eine Prämie gesetzt war. Die beiden anderen suchten unser Wohlgefallen zu gewinnen, indem sie fortwährend riefen: „Anglais pas bon!“ Weshalb diese Leute französisch sprachen, ist mir nicht recht klar geworden.

Im Graben wurden wir von der Kompagnie, die den Lärm des Kampfes gehört und schweres Absperrungsfeuer bekommen hatte, mit Jubel empfangen und unsere Beute gebührend bestaunt. Ich zog mich mit Kius, der gleich ein halbes Dutzend Aufnahmen machte, in unsere Hütte zurück und ließ mich von ihm zur Feier des Tages mit Spiegeleiern bewirten.

Unsere Leistung erregte berechtigtes Aufsehen und wurde im Divisionstagesbefehl lobend besprochen. Wir hatten mit 20 Mann einer um das Mehrfache überlegenen Abteilung, die uns schon in den Rücken gekommen war, siegreich widerstanden. Ein solcher Erfolg ist natürlich nur durch eine glänzend disziplinierte Truppe von hoher moralischer Qualität zu erzielen.

Ich selbst konnte mir mit Befriedigung sagen, daß ich durch Überlegenheit über die Situation und persönliche Einwirkung auf meine Leute dem feindlichen Führer eine arge Enttäuschung und ein frühzeitiges Grab bereitet hatte. Wir beiden hatten unsere Fähigkeiten in derselben Weise gemessen, wie es bei kleinen Offiziersübungen in der Garnison üblich ist; nur hatten wir nicht mit Platzpatronen geschossen.

Sollte ein Angehöriger der 1st Hariana Lancers diese Zeilen lesen, so sei ihm hier meine Achtung ausgesprochen für eine Truppe, die solche Führer ihr eigen nennt wie diesen Oberleutnant, gegen den ich die Ehre hatte zu kämpfen.

Was sagt Nietzsche vom Kriegsvolke? „Ihr dürft nur Feinde haben, die zu hassen sind, aber nicht Feinde zum Verachten. Ihr müßt stolz auf Euren Feind sein, dann sind die Erfolge des Feindes auch Eure Erfolge.“

Am nächsten Abend bekam ich Befehl, die Feldwache, bei der sich tagsüber der Sichtverhältnisse wegen niemand aufhalten konnte, wieder zu besetzen. Kius und ich faßten mit 50 Mann zangenförmig um das Gehölz und trafen am Steilhange zusammen. Vom Feinde war nichts zu bemerken, nur aus dem Hohlwege, den ich mit dem Feldwebel Hackmann erkundet hatte, rief uns ein Posten an, schoß eine Leuchtkugel ab und feuerte. Wir merkten uns den unvorsichtigen jungen Mann für unseren nächsten Ausflug vor.

An der Stelle, wo wir in der vorigen Nacht den Flankenangriff abgeschlagen hatten, lagen drei Leichen. Es waren zwei Inder und ein weißer Offizier mit zwei goldenen Sternen auf den Achselstücken, also ein Oberleutnant. Er hatte einen Schuß ins Auge bekommen. Das Geschoß hatte die entgegengesetzte Schläfe durchbohrt und den Rand seines Stahlhelmes zerschmettert, der sich heute in meiner Sammlung derartiger Dinge befindet. Seine Rechte hielt noch die von eigenem Blut bespritzte Keule, die Linke einen großen, sechsschüssigen Coldrevolver umspannt, dessen Trommel nur noch zwei scharfe Patronen enthielt.

Meine Leute plünderten die Gefallenen. Dieser Anblick hat mich immer unangenehm berührt, doch mischte ich mich nicht ein, da die Sachen doch nur dem Verderben ausgesetzt waren, und ästhetische oder moralische Bedenken mir in dem dunklen Wiesengrund über dem noch die ganze rohe Unerbittlichkeit des Kampfes schwebte, nicht recht am Platze schienen.

In den nächsten Tagen machte sich noch eine Anzahl im Unterholz des Wäldchens verborgener Leichen bemerkbar, ein Zeichen der schweren Verluste der Gegner, das den Aufenthalt auf Feldwache noch weniger einladend machte. Als ich mich einmal allein durch das Gestrüpp arbeitete, fiel mir ein merkwürdiges, zischendes und sprudelndes Geräusch auf. Ich trat näher und stieß auf zwei Leichname, die infolge der Hitze zu einem gespenstischen Leben erwacht schienen.

Am Abend des 19. Juni ging ich mit dem kleinen Schultz, zehn Mann und einem leichten Maschinengewehr von dem allmählich etwas beklemmenden Orte auf Patrouille aus, um dem Posten, der sich neulich so forsch im Hohlweg bemerkbar gemacht hatte, einen Besuch abzustatten. Schultz ging mit seinen Leuten rechts, ich links vom Hohlweg vor mit der Verabredung, uns gegenseitig beizuspringen, wenn ein Trupp Feuer bekäme. Wir arbeiteten uns kriechend, ab und zu lauschend, durch Gras und Ginstergestrüpp vor.

Plötzlich ertönte das klappernde Geräusch einer Gewehrkammer. Wir lagen wie angegossen am Boden. Jeder alte Patrouillengänger wird die Reihe unangenehmer Gefühle der nächsten Sekunden zu würdigen wissen.

Ein Schuß zerriß die drückende Stille. Ich lag hinter einer Ginsterstaude und wartete ab. Rechts von mir warf ein Mann Handgranaten in den Hohlweg.

Schlagartig sprühte eine Feuerlinie vor uns auf. Der ekelhaft scharfe Knall der Abschüsse verriet, daß die Schützen nur wenige Meter von uns lagen. Ich sah, daß wir in eine üble Falle geraten waren und rief zum Rückzug. Alles sprang hoch und rannte in wahnsinniger Hast zurück, während auch zu unserer Linken Gewehrfeuer einsetzte. Inmitten dieses entnervenden Geknatters gab ich jede Hoffnung an heiles Zurückkommen auf. Das Unterbewußtsein war in ständiger Erwartung eines Treffers. Der Tod hielt eine Hetzjagd ab.

Irgendwo neben uns ging eine Abteilung mit schrillem Hurräh auf uns los. Der kleine Schultz gestand mir später, die Vorstellung gehabt zu haben, daß ein hagerer Inder messerschwingend hinter ihm her wäre und ihn schon fast am Kragen gepackt hätte.

Einmal stürzte ich und über mich hinweg der Unteroffizier Teilengerdes. Ich verlor Stahlhelm, Pistole und Handgranaten. Nur weiter! Endlich erreichten wir den schirmenden Steilhang und preschten hinunter. Zu gleicher Zeit kam der Leutnant Schultz mit seinen Leuten an. Er berichtete mir ganz außer Atem, daß er wenigstens den frechen Posten durch Handgranaten gezüchtigt hätte. Gleich darauf brachten zwei Leute den Füsilier F. angeschleppt, der Schüsse durch beide Beine bekommen hatte. Alle anderen waren unverwundet.

Das größte Unglück war, daß der Mann, der das Maschinengewehr getragen hatte, ein Rekrut, über den Verwundeten gefallen war, und das Ding liegen gelassen hatte.

Während wir noch lebhaft debattierten und eine zweite Expedition planten, setzte ein Artilleriefeuer ein, das mich genau an die Nacht vom 12. erinnerte, auch in bezug auf die heillose Verwirrung, die sofort ausbrach. Ich fand mich ohne Waffe am Steilhang allein mit dem Verwundeten, der sich mit beiden Händen vorwärtszog, an mich herankroch und jammerte: „Herr Leutnant, nicht allein lassen!“

Ich mußte, so leid es mir tat, ihn liegen lassen und mich an der Aufstellung der Feldwache beteiligen. Ich sammelte die Leute in einer Reihe von Postenlöchern am Waldrande, war jedoch herzlich froh, als der Morgen dämmerte, ohne daß sich etwas Besonderes ereignet hätte.

In derartigen Augenblicken war ich immer wieder erstaunt und gerührt von dem gläubigen Vertrauen des Mannes auf die Überlegenheit den Offiziers über die Lage.

„Herr Leutnant, wo sollen wir hin? Herr Leutnant, zu Hilfe, ich bin verwundet! Wo ist der Leutnant?“

Dann Führer zu sein mit klarem Kopfe, birgt den schönsten Lohn in sich, wie die Feigheit ihre Strafe. Ich habe stets den Feigling bemitleidet, dem die Schlacht zu einer Reihe höllischer Qualen wurde, die der Mutige in gesteigerter Lebenskraft nur als eine Kette aufregender Ereignisse betrachtete.

Die nächste Nacht fand uns an demselben Orte mit der Absicht, unser Maschinengewehr wiederzuholen, doch verriet uns eine Reihe verdächtiger Geräusche beim Anschleichen, daß wieder eine starke Besatzung lauern mußte.

Es wurde daher beschlossen (ein Ehrenstandpunkt, der wie so mancher andere im Kriege uns innerlich fluchen machte), die verlorene Waffe mit Gewalt wiederzuerobern. Wir sollten um 12 Uhr nachts nach einer Feuervorbereitung von drei Minuten die feindlichen Postierungen angreifen und das Gewehr suchen.

Ich machte gute Miene zum bösen Spiel und schoß am Nachmittage selbst einige Batterien ein.

Um 11 Uhr fand ich mich mit meinem Unglückskameraden Schultz wieder auf dem unheimlichen Stück Erde, auf dem mir schon so manche wilde Stunde geblüht hatte. Der Verwesungsgeruch in der schwülen Luft war kaum mehr auszuhalten. Wir überstreuten die Leichen mit Chlorkalk, den wir in Säcken mitgebracht hatten. Wie Leichentücher leuchteten die weißen Flecke aus dem Dunkel.

Das Unternehmen fing damit an, daß uns die eigenen Maschinengewehrgeschosse fortwährend um die Beine flogen und in den Steilhang klatschten. Deswegen entstand ein heftiger Zank zwischen mir und dem kleinen Schultz, der die Gewehre selbst eingerichtet hatte. Wir versöhnten uns jedoch wieder, als Schultz mich hinter einem Busche im Zwiegespräch mit einer Flasche Burgunder entdeckte, die ich zur Stärkung für das bedenkliche Abenteuer mitgenommen hatte.

Zur verabredeten Zeit brauste die erste Granate heran. Sie schlug 50 Meter hinter uns ein. Ehe wir uns noch über diese seltsame Schießerei verwundern konnten, saß eine zweite neben uns auf dem Steilhange und überschauerte uns mit einem Erdregen. Hierbei durfte ich noch nicht einmal fluchen, denn ich hatte die Geschütze ja selbst eingeschossen.

Nach dieser wenig ermunternden Einleitung gingen wir vor, mehr der Ehre wegen als in der Hoffnung auf Erfolg. Wir hatten das Glück, daß die Posten anscheinend ihre Plätze verlassen hatten, sonst wäre uns wohl ein sehr unsanfter Willkomm zuteil geworden. Leider fanden wir das Maschinengewehr auch nicht.

Da wir am folgenden Tage durch Truppen einer anderen Division abgelöst wurden, hatte das Geplänkel ein Ende.

Wir kamen vorläufig nach Montbréhain zurück und marschierten von dort nach Cambrai, wo wir fast den ganzen Monat Juli verlebten.

Die Feldwache ging in der auf unsere Ablösung folgenden Nacht endgültig verloren.