Mein letzter Sturm.

Am 30. Juli 1918 bezogen wir Ruhequartiere in Sauchy-Léstrée, einer wasserumglänzten Perle des Artois. Nach einigen Tagen marschierten wir noch weiter zurück nach Escaudoeuvres, einem kleinen, nüchternen Arbeitervorstädtchen von Cambrai.

Ich bewohnte in der Rue-des-Bouchers das typische Staatszimmer eines nordfranzösischen Arbeiterhäuschens. Das übliche Riesenbett als ominöses Hauptmöbel, ein Kamin mit scheußlichen roten und blauen Glasvasen auf dem Sims, ein runder Tisch, Stühle; an den Wänden einige der furchtbaren Farbendrucke des Familistère, Vive la classe, souvenir de première communion, Postkarten und anderer Plunder. Alles zusammen der Gipfel von Talmi, verlogener Sentimentalität und Ungemütlichkeit. Ich fühlte mich inmitten dieser selbstgefälligen Geschmacklosigkeit unbehaglicher als im nässesten Stollen und versuchte, wenigstens durch einen auf dem Tisch gestapelten Kartenstoß und die auf das Familienbett geschleuderten Reitstiefel meine Anwesenheit etwas zu motivieren.

Die hellen Vollmondnächte begünstigten den häufigen Besuch feindlicher Flieger, der uns einen Begriff von der erdrückenden Materialüberlegenheit auf der Gegenseite gab. Nacht für Nacht schwebten mehrere Geschwader heran und ließen Bomben von unheimlicher Brisanz auf Cambrai und die Vorstädte fallen. Ich wurde weniger durch das feine, moskitoartige Summen der Motore und die Gruppen lang widerhallender Detonationen als durch das ängstliche In-den-Keller-Stürzen meiner Wirtsleute gestört. Einen Tag vor meiner Ankunft war allerdings eine Bombe vor dem Fenster aufgeschlagen, hatte den in meinem Bette schlafenden Hausherrn betäubt ins Zimmer geschleudert und die Mauern von Splittern durchlöchert. Gerade dieser Zufall gab mir indes die Beruhigung, daß eine Wiederholung ziemlich unwahrscheinlich sein würde.

Nach einem Ruhetage setzte die verhaßte, aber unentbehrliche Ausbildungsleier wieder ein. Exerzieren, Unterricht, Appells, Besprechungen und Besichtigungen füllten einen großen Teil des Tages. Einen ganzen Vormittag verbrachten wir sogar damit, einen ehrengerichtlichen Spruch zu fällen. Die Verpflegung war wieder einmal miserabel. Eine Zeitlang gab es als Abendportion nur Gurken, denen der trockene Humor der Leute den trefflichen Namen „Gärtnerwurst“ beilegte.

Es war nicht leicht, meine dezimierte Kompagnie wieder zu einer Einheit zusammenzuschmelzen. Trotzdem mir die Notwendigkeit klar war, empfand ich es oft peinlich, immer wieder mit den Kleinigkeiten des Exerzierens an die Leute herantreten zu müssen. Der Drill wird als Mittel zum Zweck bei keinem Heere zu entbehren sein, er läßt sich weder durch individuelle noch durch sportliche Erziehung ganz ersetzen. Ein Mann, dessen innerer Wert nicht über jeden Zweifel erhaben ist, muß bis zum Stumpfsinn gehorchen lernen, damit seine Triebe auch in den schrecklichsten Momenten durch den geistigen Zwang des Führers gezügelt werden können.

Vor allem widmete ich mich der Ausbildung einer Stoßtruppe, da mir im Verlaufe des Krieges immer klarer geworden war, daß aller Erfolg der Tat des einzelnen entspringt, während die Masse der Mitläufer nur Stoß- und Feuerkraft darstellt. Lieber Führer einer entschlossenen Gruppe als einer zaghaften Kompagnie.

Meine Freizeit verbrachte ich mit Lesen, Baden, Schießen und Reiten. Auf den Spazierritten fand ich massenhaft herabgeworfene Flugblätter, die den Prozeß der moralischen Zersetzung unserer Armee beschleunigen sollten. Es war sogar ein Gedicht Schillers vom freien Britannien dabei. Ich fand es recht klug vom Engländer, das deutsche Gemüt mit Gedichten zu bombardieren, und auch recht schmeichelhaft für uns. Ein Krieg, in dem man sich durch Verse bekämpft, wäre eine recht segensreiche Erfindung. Die Fundprämie von 30 Pf. pro Exemplar verriet, daß die Heeresleitung die Gefährlichkeit dieser vergifteten Waffen nicht gering schätzte. Die Unkosten wurden allerdings der Bevölkerung des besetzten Gebietes zur Last gelegt. Wir schienen also doch nicht mehr das ganz reine Verständnis für Poesie zu besitzen.

Eines Nachmittags setzte ich mich aufs Rad und fuhr nach Cambrai. Das liebe, alte Städtchen war wüst und öde geworden. Läden und Kaffees waren geschlossen; die Straßen schienen tot trotz der feldgrauen Woge, die sie durchflutete. Ich fand Herrn und Frau Plancot, die mir das Jahr zuvor ein so schönes Quartier geboten hatten, herzlich erfreut über meinen Besuch. Sie erzählten mir, daß sich die Verhältnisse in Cambrai in jeder Beziehung verschlechtert hätten. Besondere beklagten sie sich über die häufigen Fliegerbesuche, die sie zwängen, des Nachts oft mehrere Male die Treppen auf und nieder zu rennen, über das Problem streitend, ob es ratsamer sei, im ersten Keller durch die Bombe selbst oder im zweiten durch Verschüttung umzukommen. Die alten Herrschaften mit den sorgenvollen Mienen taten mir herzlich leid. Einige Wochen später mußten sie Hals über Kopf infolge der Beschießung das Haus verlassen, in dem sie ihr Leben verbracht hatten.

Am 23. August gegen 11 Uhr wurde ich durch heftiges Pochen gegen meine Tür hochgeschreckt, als ich gerade sanft eingeschlafen war. Eine Ordonnanz brachte Marschbefehl. Schon tags vorher war von der Front das eintönige Rollen und Stampfen eines ungewöhnlich heftigen Artilleriefeuers herübergebrandet und hatte uns beim Dienst, beim Essen und beim Kartenspiel gemahnt, uns keinen Illusionen in bezug auf eine längere Dauer unserer Ruhezeit hinzugeben. Für dieses Brodeln entfernten Kanonendonners hatten wir den klangvollen Frontausdruck „es wummert“ geprägt.

Rasch packten wir und traten während eines wolkenbruchartigen Gewitters auf der Straße nach Cambrai an. Unser Marschziel war Marquion, wo wir gegen 5 Uhr morgens eintrafen. Der Kompagnie wurde ein großer, von einer Reihe demolierter Stallgebäude eingeschlossener Hof zugewiesen, indem sich jeder so gut wie möglich unterbrachte. Ich kroch mit meinem einzigen Kompagnieoffizier, dem Leutnant Schrader, in ein kleines Backsteinverließ, das zu friedlicheren Zeiten anscheinend als Ziegenstall fungiert hatte, jetzt allerdings nur noch von einigen großen Ratten bewohnt war.

Am Nachmittag war eine Offiziersbesprechung, bei der wir erfuhren, daß wir in der Nacht rechts der großen Straße Cambrai—Bapaume unweit Beugny bereitgestellt werden sollten. Wir wurden vor einem wahrscheinlichen Angriff der neuen, schnellen und wendigen Tanks gewarnt.

Ich teilte meine Kompagnie in einem kleinen Obstgarten zum Gefecht ein. Unter einem Apfelbaume stehend, sprach ich ein paar Worte zu den Leuten, die mich im Hufeisen umschlossen. Ihre Gesichter sahen ernst und männlich aus. Es war wenig zu sagen. Jeder wußte, daß wir nicht mehr siegen konnten. Aber der Gegner sollte sehen, daß er gegen Männer von Ehre kämpfte.

Bei solchen Gelegenheiten vermied ich, mich vom Draufgängertum fortreißen zu lassen. Es wäre wenig taktvoll gewesen, den Leuten, die zum Teil mit der Angst um Frau und Kind zur Vernichtung zogen, zu zeigen, daß man der Schlacht mit einer gewissen Lust entgegensah. Auch war es mein Grundsatz, nicht durch große Worte zum Mute anzuspornen oder den Feigling zu bedrohen. Ich suggerierte: Ich weiß genau, daß mich niemand im Stiche läßt. Wir haben alle Angst, aber wir müssen dagegen kämpfen. Es ist menschlich, wenn jemand von seiner Schwäche übermannt wird. Er muß dann auf seinen Führer und die Kameraden sehen. Schon beim Sprechen fühlte ich, daß solche Worte den Leuten verständlich waren. Die Erfolge rechtfertigten diese psychologische Vorbereitung in glänzender Weise.

An unserem aus einer Karre und einer Haustür improvisierten Tisch aß ich im Hof mit Schrader zu Abend und trank eine Flasche Wein dazu. Dann rollten wir uns in unseren Ziegenstall, bis uns um 2 Uhr morgens der Posten meldete, daß die Lastautos auf dem Marktplatz verladebereit ständen.

In geisterhafter Beleuchtung rasselten wir durch das kampfzerwühlte Gelände der vorjährigen Cambraischlacht und wanden uns durch die von Trümmerwällen eingefaßten Dorfstraßen abenteuerlich zerschossener Nester. Dicht vor Beugny wurden wir ausgeladen und in unsere Aufstellungsräume geführt. Das Bataillon besetzte einen Hohlweg an der Straße Beugny—Vaux. In den Vormittagsstunden brachte eine Ordonnanz den Befehl, daß sich die Kompagnie bis an die Straße Frémicourt—Vaux vorzuschieben hätte. Dies typische Vorrücken gab mir die Gewißheit, daß uns bis zum Abend noch Blutiges bevorstand.

Ich schlängelte meine drei Züge in Reihen durch das Gelände, das kreisende Flieger mit Bomben und Geschossen bestreuten. Am Ziele verteilten wir uns in Trichter und Erdlöcher, da vereinzelte Granaten bis über die Straße hinausgriffen.

Ich befand mich an diesem Tage so schlecht, daß ich mich sofort in ein kleines Grabenstück legte und einschlief. Nach dem Erwachen las ich in Laurence Sterne’s „Tristram Shandy“ und verbrachte so, mit der Gleichgültigkeit eines Kranken, in der warmen Sonne liegend, den Nachmittag. Ab und zu trank ich einen Schluck Wermut.

Um 6.15 Uhr nachmittags rief ein Gefechtsläufer die Kompagnieführer zum Hauptmann von Weyhe.

„Ich habe Ihnen die ernste Mitteilung zu machen, daß wir angreifen. Das Bataillon tritt nach halbstündiger Feuervorbereitung um 7 Uhr (!) vom Westrande Favreuil zum Sturm an. Marschrichtungspunkt der Kirchturm von Sapignies.“

Nach kurzem hin und her und einem kräftigen Händedruck stürzten wir zu den Kompagnien, da das Feuer in zehn Minuten beginnen sollte und wir noch eine große Strecke zu marschieren hatten. Ich verständigte meine Zugführer und ließ antreten.

„Die Gruppen in Reihe zu einem mit 20 Meter Zwischenraum. Marschrichtung halblinks die Baumkronen von Favreuil!“

Ein gutes Zeichen für den Geist, der in den Leuten steckte, war, daß ich einen Mann bestimmen mußte, zurückzubleiben, um die Feldküche zu benachrichtigen. Freiwillig hatte sich keiner melden mögen.

Ich schritt mit meinem Kompagniestabe und dem Feldwebel Reinecke, der die Gegend genau kannte, weit vor der Kompagnie. Hinter Hecken und Ruinen sprangen die Abschüsse unserer Geschütze auf. Das Feuer glich mehr einem wütenden Gebell als einer vernichtenden Sturmwelle. Hinter mir sah ich meine Gruppen in bewunderungswürdiger Ordnung vorgehen. Neben ihnen staubten die Wölkchen der Fliegergeschosse auf, Kugelladungen, Hohlbläser und Treibplatten von Schrapnells fuhren mit höllischem Fauchen durch die Zwischenräume der schmalen Menschenstreifen. Rechts lag das schwer beschossene Beugnâtre, aus dem gezackte Eisenstücke schwerfällig herüberbrummten und sich mit kurzem Schlag in den lehmigen Boden stanzten.

Noch ungemütlicher wurde der Anmarsch hinter der Straße Beugnâtre—Bapaume. Plötzlich platzte eine Reihe von Brisanzgranaten vor, hinter und zwischen uns. Wir spritzten auseinander und warfen uns in die Trichter. Ich stürzte mit dem Knie in das Angstprodukt eines Vorgängers und ließ in der Eile von meinem Burschen mit dem Messer eine grobe Säuberung vornehmen.

Um den Dorfrand Favreuil ballten sich die Wolken zahlreicher Einschläge, dazwischen stiegen und fielen braune Erdsäulen in hastigem Wechsel. Um mich zu orientieren, ging ich allein bis zu den ersten Ruinen vor und gab dann mit dem Spazierstock das Zeichen zum Folgen.

Das Dorf war von zerschossenen Baracken umsäumt, bei denen sich allmählich Teile des ersten und zweiten Bataillons sammelten. Während des letzten Wegabschnittes forderte ein Maschinengewehr verschiedene Opfer. Unter anderen erhielt der Vizefeldwebel Balg von meiner Kompagnie einen Schuß durchs Bein. Eine Gestalt in braunem Manchester schritt gleichgültig über das beschossene Stück und schüttelte mir die Hand. Kius und Boje, Hauptmann Junker und Schaper, Schrader, Schläger, Heins, Findeisen, Höhlemann und Hoppenrath standen hinter einer von Blei und Eisen durchfegten Hecke und hielten ein großes Angriffspalaver. Wir hatten an manchem Tage des Zorns auf einem Felde gefochten, und auch diesmal sollte die schon tief im Westen stehende Sonne noch das Blut fast aller bestrahlen.

Teile des I. Bataillons rückten in den Schloßpark. Vom II. Bataillon hatten nur meine und die fünfte Kompagnie ungefähr vollzählig den flammenden Vorhang durchschritten. Wir arbeiteten uns durch Trichter und Häusertrümmer zu einem Hohlweg am Westrande des Dorfes vor. Unterwegs stülpte ich mir einen gefundenen Stahlhelm aufs Haupt, eine Handlung, die ich nur in kritischen Momenten vorzunehmen pflegte. Zu meinem Erstaunen lag Favreuil vollkommen tot da, die Besatzung hatte anscheinend ihren Verteidigungsabschnitt verlassen.

Hauptmann von Weyhe, der bereits einsam und schwerverwundet in einem Trichter des Dorfes lag, hatte angeordnet, daß fünfte und achte Kompagnie in vorderer, sechste in zweiter und siebente in dritter Linie stürmen sollten. Da von der sechsten und achten Kompagnie noch nichts zu sehen war, beschloß ich draufzugehen, ohne mich lange um Staffelungen zu kümmern.

Es war 7 Uhr geworden. Durch die Kulisse von Häuserresten und Baumstümpfen sah ich bei schwachem Gewehrfeuer eine Schützenlinie auf das freie Feld heraustreten. Es mußte die fünfte Kompagnie sein.

Ich stellte meine Leute im Hohlweg auf und gab Befehl, in zwei Wellen anzutreten. „Abstand 100 Meter. Ich selbst befinde mich zwischen erster und zweiter Welle!“

Es ging zum letzten Sturm. Wie oft waren wir in den verflossenen Jahren in ähnlicher Stimmung in die westliche Sonne geschritten! Les Eparges, Guillemont, St. Pierre-Vaast, Langemarck, Paschendale, Moeuvres, Braucourt, Mory! Wieder winkte ein blutiges Fest.

Wir verließen den Hohlweg ganz programmäßig, nur befand „ich selbst“, wie die schöne Befehlsformel lautet, mich plötzlich neben dem Leutnant Schrader weit vor der ersten Welle.

Vereinzelte Gewehrschüsse knallten uns entgegen. Den Spazierstock in der rechten, Pistole in der linken Hand stapfte ich vor und ließ, ohne es recht zu merken, die Schützenlinie der fünften Kompagnie zum Teil hinter, zum Teil rechts neben mir. Während des Vorgehens merkte ich, daß mein Eisernes Kreuz sich von der Brust gelöst hatte und zu Boden gefallen war. Schrader, mein Bursche und ich begannen eifrig zu suchen, trotzdem verborgene Schützen uns aufs Korn zu nehmen schienen. Endlich zog Schrader es aus einem Grasplacken hervor, und ich steckte es wieder fest.

Das Gelände senkte sich. Verschwommene Gestalten bewegten sich vor einem Hintergrund aus braunem Lehm. Ein Maschinengewehr hackte uns seine Geschoßgarben entgegen. Mich packte ein fatales Gefühl der Aussichtslosigkeit. Trotzdem begannen wir zu laufen. Mitten im Sprunge über ein Grabenstück riß mich ein durchdringender Stoß vor die Brust aus der Luft. Mit lautem Schrei wirbelte ich um die Längsachse und klirrte betäubt zu Boden.

Ich erwachte im Gefühl eines großen Unglücks, eingeklemmt zwischen enge Lehmwände, während durch eine geduckte Menschenreihe der Ruf glitt: „Sanitäter! Der Kompagnieführer ist verwundet!“

Ein älterer Mann einer anderen Kompagnie beugte sich mit gutmütigem Gesicht über mich, löste das Koppel und öffnete meinen Rock. Zwei blutige Kreisflecke leuchteten von der Mitte der rechten Brust und vom Rücken. Ein Gefühl der Lähmung fesselte mich an die Erde, und die glühende Luft des engen Grabens badete mich in qualvollem Schweiß. Der mitleidige Helfer erquickte mich durch fächelndes Schwingen meiner Kartentasche. Ich hoffte, nach Luft ringend, auf baldiges Dunkelwerden, um mich zurückschleppen zu lassen.

Plötzlich brauste von Sapignies her ein Feuerorkan los. Es war klar, daß dieses lückenlose Rollen, dieses gleichmäßige Brüllen und Stampfen mehr drohte als Abwehr unseres so schlecht angesetzten Angriffes. Über mir blickte ich in das unterm Stahlhelm versteinerte Gesicht des Leutnants Schrader, der wie eine Maschine schoß und lud, schoß und lud. Es entspann sich zwischen uns ein Gespräch, das an die Turmszene der Jungfrau von Orleans erinnerte. Sehr humoristisch war mir indes nicht zumute, denn ich hatte die klare Erkenntnis, verloren zu sein.

Oben sprang der Schreckensschrei: „Links sind sie durch! Wir sind umgangen!“ von Mund zu Mund. Er gab mir die alte Kraft zurück. Ich faßte in ein Loch, das ein Maulwurf in die Grabenwand gebohrt hatte, und zog mich hoch, während das Blut aus den Wunden rieselte. Mit bloßem Kopf und offenem Rock, die Pistole in der Faust, starrte ich ins Gefecht.

Durch weißliche Rauchschwaden stürzte eine Kette bepackter Menschen schnurgeradeaus. Einige fielen und blieben liegen, andere schlugen Rad wie getroffene Hasen. 100 Meter vor uns wurden die letzten vom Trichtergelände eingesogen.

Wie an einer Schnur gezogen krochen vier Tanks über den Kamm einer Bodenwelle. In wenigen Minuten waren sie von der Artillerie in die Erde gestampft. Der eine klappte wie ein Spielzeug aus Blech in zwei Hälften auseinander. Rechts brach der wackere Fahnenjunker Mohrmann mit einem Todesschrei zusammen.

Die Sache schien noch nicht verloren. Ich flüsterte dem Fähnrich Wilsky zu, nach links zu kriechen und mit seinem Maschinengewehr die Lücke abzufegen. Er kam gleich darauf zurück und meldete, daß sich 20 Meter weiter schon alles ergeben hätte. Es lagen dort Teile des Regiments 99 (Zabern). Mich umwendend, hatte ich ein seltsames Bild. Von hinten kamen Leute mit erhobenen Händen nach vorne! Der Feind mußte bereits das Dorf, aus dem wir gestürmt hatten, genommen haben.

Die Szene belebte sich immer mehr. Ein Kreis von Engländern und Deutschen umringte uns und forderte uns auf, die Waffen fortzuwerfen. Ich ermunterte mit schwacher Stimme die Nächststehenden zum Kampf aufs Messer. Sie schossen auf Freund und Feind. Ein Kranz von Stummen und Schreienden umschloß unser Häuflein. Links tauchten zwei hünenhafte Engländer ihre Bajonette in ein Grabenstück, aus dem sich flehende Hände reckten.

Auch unter uns wurden gellende Stimmen laut: „Es hat keinen Zweck mehr! Gewehre weg! Nicht schießen, Kameraden!“

Ich blickte nach den beiden Offizieren, die mit mir im Graben standen. Sie lächelten fatalistisch zurück und ließen ihre Koppel zu Boden fallen.

Es blieb die Wahl zwischen Gefangenschaft und einer Kugel. Nun war ja der Augenblick gekommen, wo es galt, zu zeigen, ob das, was ich meinen Leuten in manchem Ruhetage über den Kampf gesagt hatte, mehr war als leere Phrase. Ich kroch aus dem Graben und taumelte auf Favreuil zu. Zwei Engländer, die einen Trupp gefangener 99er auf ihre Linien zuführten, stellten sich mir entgegen. Ich hielt dem nächsten die Pistole vor den Leib und drückte ab. Er klappte wie eine Schießbudenfigur zusammen. Der andere brannte sein Gewehr auf mich ab, ohne zu treffen. Die hastigen Bewegungen trieben das Blut in hellen Schlägen aus der Lunge. Ich konnte freier atmen und begann, an dem Grabenstück entlang zu laufen. Hinter einer Schulterwehr kauerte der Leutnant Schläger inmitten einer feuernden Gruppe. Sie schlossen sich an. Einige Engländer, die über das Gelände schritten, blieben stehen, setzten ein Lewisgewehr auf den Boden und beschossen uns. Bis auf mich, Schläger und zwei Begleiter wurden alle getroffen. Schläger, der seinen Kneifer verloren hatte, erzählte mir später, daß er nichts gesehen hätte als meine auf- und niederfliegende Kartentasche. Der dauernde Blutverlust gab mir die Freiheit und Leichtigkeit eines Rausches, mich beunruhigte nur der Gedanke, zu früh zusammenzubrechen.

Endlich gelangten wir an einen halbmondförmigen Erdaufwurf rechts von Favreuil, aus dem ein halbes Dutzend schwerer Maschinengewehre auf Freund und Feind Feuer spieen. Feindliche Geschosse zerspritzten im Sande der Schanze, Offiziere schrien, aufgeregte Leute tanzten hin und her. Ein Sanitätsunteroffizier der sechsten Kompagnie riß meine Jacke herunter und riet mir, mich sofort hinzulegen, da ich sonst in wenigen Minuten verblutet sein könnte.

Ich wurde in eine Zeltbahn gerollt und am Ortsrand von Favreuil entlang geschleppt. Einige Leute meiner und der sechsten Kompagnie begleiteten mich. Nach einigen hundert Schritten bekamen wir auf nächste Entfernung aus dem Dorfe Gewehrfeuer. Knallend schlugen Geschosse in menschliche Körper. Den Sanitäter der sechsten Kompagnie, der das Hinterende meiner Zeltbahn trug, riß ein Kopfschuß zu Boden; ich stürzte mit ihm.

Die kleine Schar hatte sich glatt auf die Erde geworfen und kroch, von Aufschlägen umpeitscht, der nächsten Senkung zu.

Ich blieb einsam, in meine Zeltbahn eingeknüpft auf dem Felde, den Endtreffer erwartend.

Doch solange noch ein Mann meiner Kompagnie lebte, war ich nicht ganz verlassen. Neben mir ertönte die Stimme des Gefreiten Hengstmann: „Ich nehme Herrn Leutnant auf den Rücken, entweder kommen wir durch, oder wir bleiben liegen.“

Leider kamen wir nicht durch; zu viele Gewehre waren auf kürzeste Entfernung auf uns gerichtet. Als ich, die Arme um den Hals des Getreuen geschlungen, auf seinem Rücken saß, erklang mitten im Lauf ein feines metallisches Sirren. Hengstmann sank ganz sanft unter mir zusammen. Ich löste mich aus seinen Armen, die meine Schenkel noch fest umklammert hielten. Ein Geschoß hatte ihm Stahlhelm und Schläfen durchschlagen. Der Tapfere, der die Treue zu seinem Führer mit dem Tode besiegelte, war ein Lehrerssohn aus Letter bei Hannover. Ich habe später seine Familie aufgesucht und halte sein Andenken heilig.

Das schlimme Beispiel schreckte einen anderen Helfer nicht ab, einen neuen Versuch zu meiner Rettung zu wagen. Es war der Sanitäts-Sergeant Strichalsky. Er nahm mich auf seine Schultern und brachte mich glücklich in den toten Winkel der nächsten Geländewelle.

Es dunkelte. Die Leute suchten die Zeltbahn eines Toten und trugen mich über ein einsames Gelände, auf dem nah und fern zackige Strahlensterne hochflammten. Ich mußte nach Luft ringen, eins der qualvollsten Gefühle, die der Mensch haben kann. Der Duft einer Zigarette, die ein Mann zehn Schritt vor mir rauchte, drohte mich zu ersticken.

Endlich gelangten wir an einen Verbandsunterstand, in dem der mir befreundete Doktor Key seines Amtes waltete. Er mischte mir eine köstliche Zitronenlimonade und versenkte mich mittels einer Morphiumspritze in erquickenden Schlummer.

Am nächsten Tage setzte die übliche, etappenweise Rückbeförderung ein. Die wüste Autofahrt zum Kriegslazarett brachte mich an den Rand des Grabes. Dann kam ich in die Hände der Schwestern. Trotzdem ich kein Weiberfeind bin, irritierte mich jedesmal das weibliche Wesen, wenn mich das Schicksal der Schlacht in das Bett eines Krankensaales geworfen hatte. Aus dem männlichen, zielbewußten und zweckmäßigen Handeln des Krieges tauchte man in eine Atmosphäre undefinierbarer Ausstrahlungen. Eine wohltuende Ausnahme bildete die abgeklärte Sachlichkeit der katholischen Ordensschwestern.

Nach 14 Tagen lag ich in dem federnden Bett eines Lazarettzuges und hatte das Glück, in Hannover ausgeladen zu werden. Dort lag ich im Clementinenstift mit einem jungen Kampfflieger der Staffel Richthofen zusammen, der bereits zwölf Gegner im Luftkampf gestreckt hatte. Der letzte hatte ihm zuvor durch ein Geschoß den Oberarmknochen zersplittert. Auf unserem ersten Genesungsgange trafen wir meinen Bruder und einige Kameraden, mit denen wir zu Abend aßen. Da unsere baldige Kriegstüchtigkeit angezweifelt wurde, fühlten wir beide das unbedingte Bedürfnis, verschiedentlich über einen gewaltigen Sessel zu eskaladieren. Es bekam uns sehr schlecht. Trotzdem fühlten wir uns recht bald wieder in Form für eine neue Winterkampagne. Diese wurde vorläufig vertagt. Wir sollten uns bald an anderen Kämpfen beteiligen, als uns geträumt. — — —

Am 22. September 1918 erhielt ich folgendes Telegramm:

„Seine Majestät der Kaiser hat Ihnen den Orden Pour le Mérite verliehen. Ich beglückwünsche Sie im Namen der ganzen Division.

General von Busse.“

Ernst Siegfried Mittler und Sohn, Buchdruckerei G. m. b. H., Berlin SW 68, Kochstr. 68-71.