die Allerseelenherrin.

Die heilige Gertrud, ahd. Kêredrûd, trägt den heidnischen Namen einer germanischen Walküre und Speerjungfrau. Der mythologische Name Thrûdhr bezeichnet sowohl Thôrs und Sifs Tochter, als auch eine der von der Edda genannten 13 mit Odhin in die Schlacht reitenden Schlachtjungfrauen. Das altnord. Appellativ thrudhr, ags. thrydh, bezeichnet das Mannweib, virago; Gertrud also ist eine Jungfrau, die den Gegner im Waffenkampfe niedertritt, wie unser jetziges Wort Trude ebenfalls die den Schläfer auf die Brust tretende Nachtmahre, den ihn im Traume reitenden Alp, bezeichnet. Der Trude ist daher der fünfeckige Trudenfuss eigen, dessen Missgestalt aus dem Schwanenfusse der schwanengeflügelten Walküre entstanden ist. Eine Alptrudis und Albedrudis wird im Polyptychon Irminonis (sec. 8) unter den fränkischen Frauen genannt; ebendaselbst eine Ermendrudis (Dienerin des Gottes Irmin), eine Anstrudis (der Asen Dienerin), eine Electrudis (ahd. Alahtrûd), die das Heiligthum, alah, verwaltende Tempeljungfrau. Die ahd. Frauennamen Wolchandrud, Himildrud bezeichnen die geisterhaften Wetterfrauen, welche auf den Wolken tanzen, dass Regen fällt; eine ahd. Glosse bei Graff 5, 522 übersetzt trutari mit saltator, und jetzt noch giebt der Volksglaube den Truden das Geschäft, in der Walburgisnacht den Schnee vom Blocksberg wegtanzen zu müssen. Da die Walküre zugleich die den Lebensfaden spinnende Schicksalsschwester oder Norne ist, so vertauscht sie den Speer gegen Rockenstab und Spindel, und so wird die hl. Gertrud,

gleich den Göttinnen Freyja, Holda und Berchta, spinnend dargestellt, auf einem Wagen fahrend, ausnahmsweise sogar zu Rosse sitzend. Wie die eben genannten Göttinnen mit ihrem Erscheinen die Menschen zum Anbau des Kornes und Flachses auffordern, so stehen in Gertruds Dienst die Frühlingsvorboten Specht, Kukuk und Schnecke, tragen von ihr den Beinamen und werden zugleich zu Todesboten; denn wie Freyja sich mit Odhin in die Seelen der im Waffenkampfe Gefallnen theilt, so wird Gertrud als Seelenherrin geschildert, und ihr Geleitsthier, die nächtlich wühlende Maus, kündet mit ihrem Erscheinen nicht bloss die Reife der Saat, sondern auch Misswachs, Seuche und Tod an. In Folge dessen versöhnt man die Heilige mit Trank- und Speiseopfern, indem man die Gertrudenminne trinkt und das Erntebrod der Süssen Mäuschen bäckt.

Dies ist der äusserliche Umriss dieser heidnisch-christlichen Gestalt.

Ueber die Abkunft der geschichtlichen Gertrud schwebt schon ihre älteste Legende in vielfältigen Widersprüchen, die aus der Bemühung entstanden sind, die Heilige in der Familie der Pipiniden und Karolinger unterzubringen. Ihr ältester Biograph ist ein Mönch in Nivelles, zugleich ein Zeuge ihres im dortigen Kloster 658 erfolgten Todes: A. SS. sec. II, pag. 467. Ihm zu Folge ist das brabanter Stift Nivelles, zwischen Brüssel und dem hennegauischen Gebirg gelegen, durch Pipins I. Gemahlin Ita um 640 gegründet und wird von deren Tochter Gertrud als erster Abtissin regiert. Der Interpolator dieser Lebensbeschreibung, gleichfalls ein Niveller Mönch im 10. Jahrhundert, erzählt, dass Gertrud, um den Werbungen eines austrasischen Herzogs auszuweichen, nach Franken entflohen sei und hier längere Zeit in dem von ihr gestifteten Frauenkonvent Karleburg am Main im Spessart ein gottgeweihtes Leben geführt habe. Allein die Benediktiner fügen dieser Angabe hinzu, dieselbe verwechsle die Pipinentochter mit einer andern Heiligen desselben Namens, die unter Karl d. Gr. gelebt

habe. Und so gilt die hl. Gertrud bei den Mainfranken bis heute als Karls Tochter, welcher man dorten die Klostergründungen und Vergabungen zu Karleburg und zu Neustadt am Main beilegt, ja man führt daselbst noch eine dritte hl. Gertrud an, welche eine Tochter des Grafen Berger von Sulzbach und nachmalige Gattin des Königs Konrad III. gewesen ist. Das Ergebniss von dem allen ist, dass Gertrud bei den Mainfranken wie bei den Friesen frühzeitig eine volksthümliche Verehrung genoss, und dass man aus eben dieser Ursache ihre Genealogie nachmals an das grösste deutsche Kaiserhaus anknüpfte. Auch ihre frühzeitig erfolgte kirchliche Anerkennung steht ausser Zweifel; ihr sind in Belgien allein mindestens bei vierzig Kirchen geweiht, A. SS. l.c.. pag. 475; ihr Name steht im Rheinauer Martyrologium mitverzeichnet, welches dem 8. Jahrhundert angehört, und das nach ihr benannte Gertruidenburg am südlichen Ufer der Maas, das auf ihren Wunsch eingeweiht sein soll, wird schon 992 als eine Marienkapelle genannt. Reitberg, Kirchgesch. 2, 543. Ueberall treffen so die ihr beigelegten Stiftungen oder die von ihr gegründeten Kirchen mit den frühesten Anfängen des Christenthums in Deutschland zusammen.

Ihre kirchlichen Embleme und Abbildungen sind nachfolgende. In der Abtei zu Nivelles, wo sonst ihr wunderthätiges Sterbebette kirchlich verwendet wurde, wird nun ihr Wagen aufbewahrt. Bock, Eglise abbat. de Nivell. 4, 25. In holländischen Kirchen ist sie abgemalt, in einer Hand den Hirtenstab, in der andern ein Trinkgeschirr haltend, welches stabil die Form eines Schiffleins hat. Mit diesem giebt sie sich als die Patronin der Reisenden zu erkennen, die beim Abschied "Sinte Geerteminne" trinken, um dadurch gute Herberge zu finden. Wolf, Ndl. Sag. S. 434. Einen gleichen Stab, aber mit einem Blumenkranz behangen, trägt Gertrudens hölzernes Standbild in der Kapelle zu bairisch Hermatshofen. Panzer, BS. 2, no. 246. Dieser Stab wird sich später als ein Rockenstab, der Blumenkranz als

das Gertrudenkraut herausstellen. Am Titelblatte des Gertrudenbuches, Köln 1506, ist sie abgebildet am Rocken spinnend, an welchem drei Mäuse hinauflaufen; in ihr Kleid sind Zauberzeichen eingewoben, zwei, Weihrauchfässer schwingende Engel umschweben sie. Blunschi's Kalender aus der Stadt Zug vom J. 1823, und ebenso der Krainische Bauernkalender bezeichnen den 17. März, als den Gertrudentag, durch zwei Mäuslein, die an einer aufgeweiften Spindel nagen. Eine damit correspondirende Stelle in Konrads von Dankratsheim Namensbüchlein (edd. Strobel) lautet:

so kumet die liebe sant Geretrud,

die so entschlief in gottes willen,

und stulen die ratten und miuse ir spillen

und trugen sie in ir miuseloch.

Auf einem Gemälde, das vordem im Strassburger Münster gewesen, auf das sich Schilter in seinen Anmerkungen zu Könighovens Chronik 571 beruft, war der Strassburger Bischof Wilderolf zu sehen, zu Schiffe fahrend, umschwommen von Mäusen und überragt von St. Gertrud. Von diesen beiden in der Gertrudslegende sich wiederholenden Emblemen, dem Schiffe und der Maus, wird nachher ausführlicher die Rede sein; für jetzt seien die landwirtschaftlichen und bürgerlichen Ueblichkeiten hier vorangestellt, die sich an den Gertrudentag und an dessen Zeitthiere anreihen.

Betrachten wir die an den Gertrudentag (17. März) sich knüpfenden Kalenderregeln. Weil mit dem 25. Nov. (als am Katharinentage) der Winter, und mit dem 17. März der Frühling beginnen soll, so ziehen mit dem letzteren Termin die Hausmäuse aufs Feld. Davon heisst es bei Lasicz: Gertrudis mures a colis mulierum abigit. Altbairisch: Gertraud lauft d'Maus go Feld aus. Quitzmann, Bajwaren 124. Am Gertrudentag lauft die Maus den Rocken hinauf und beisst den Faden ab. Schmeller, Wörtb. 2, 71. Mit diesem Tage werden also die Spinnabende eingestellt und es beginnt die Gartenarbeit, weshalb die Heilige auch als die erste Gärtnerin

verehrt ist. Die Frühlingswärme kommt, die Bienen nehmen ihren Ausflug, das Stallthier geht wieder zur Weide. Davon reden folgende Sprüche;

Sünte Katherin

smitt den ersten Stên in 'nen Rhîn.

Sünte Gerderut

tüht ne wi'er herut. (Aus Köln.)

Sankt Gertraud

führt die Kuh ins Kraut,

das Ross zum Zug,

die Bienen zum Flug.

Gerdrut

geht das Schoof mit dem Lamme ruut. (Aus dem Waldeckischen.)

Sant Gertrud

Säit Zibelä und Chrût. (Schweizerisch.)

Wichtiger und von weiter reichendem Ziele werden diese Kalenderregeln, wenn man sie auf Specht, Kukuk und Schnecke ausdehnt und diese als im Dienste Gertrudens stehend aufweist. Alle drei werden von der Kalenderregel in dieselbe Zeitfrist gesetzt. Der Specht heisst Schweiz. Merzafülli, d.i. Fohlen; Gertrudentag fällt auf 17. März und die Bauernpraktika sagt: Schreit der Kukuk früh im März, so giebts einen guten Frühling.

Der Schwede nennt den Schwarzspecht Gjertrudsfuglen und erzählt von ihm folgendes Märchen, enthalten in Asbjörnsen's Norske Folke-Eventyr 1866, no. 2. Christus und Petrus erscheinen reisemüde und hungrig bei einer brodbackenden Frau, welche Gertrud hiess und eine rothe Haube trug. Auf Beider Bitte nahm sie ein bischen Teig in die Backpfanne und thats übers Feuer, doch das Bischen gieng sogleich hoch auf und füllte das ganze Geschirr. Dieser Kuchen war ihr für ein Almosen zu gross; zum zweiten male nahm sie noch weniger Teig, doch auch dieser bekam dieselbe Grösse, und als nun zum dritten male dasselbe geschah, sprach das Weib: Ihr müsset ohne Almosen gehen,

all mein Gebäcke wird zu gross für euch! Zur Strafe verwünschte der Herr die Geizige in den Gertrudenvogel, der noch ihre rothe Haube trägt und kohlschwarz ist wie sie, als sie zum Schornstein hinausfuhr. Beständig hungernd hackt sie nach Futter in die Baumrinde.—Dieselbe Sage in deutscher Version lautet bei Simrock, Myth. 3, 23 also: Christus gieng an einem Beckerladen vorüber, wo frisches Brod duftete, und sandte einen der Jünger hin, um ein Stück zu erbitten. Der Becker schlug es ab, doch die Beckersfrau, die mit ihren sechs Töchtern von ferne stand, gab es heimlich her. Dafür sind diese zusammen als das Siebengestirn an den Himmel versetzt, der Becker aber ist zum Kukuk geworden. In Prätorius Weltbeschreibung und darnach in Grimms Myth. 641 wird eben dasselbe also berichtet. Ein Becker hat zur theuern Zeit den armen Leuten von ihrem Teig gestohlen und, wenn Gott den Teig im Ofen segnete, ihn herausgezogen, bezupft und dabei gerufen: Guck! guck! (ei sieh!) Dafür ist er in einen Raubvogel verwandelt, der unaufhörlich dieses Geschrei wiederholt. Im aargauer Freienamt gilt hierüber folgende Spielart. Ein hungernder Knabe wollte einem Marktweibe ein Brodwecklein abkaufen, sie, forderte aber so viele Kreuzer dafür, als man auf des Kindes flache Hand hinzählen könne. Das Büblein gieng darauf ein und machte sein hingestrecktes Händchen immer hohler und schmaler. Da die Alte nun in ihrem Zählen gar nicht fertig werden wollte, noch ein Plätzchen und wieder eins auf der Kinderhand zu suchen, so rief zuletzt der Knabe voll Hunger und Verdruss: So flieg und ruf Kukuk! Alemann. Kinderlied, S. 78.

So wird hier der Specht, ursprünglich ein nahrungsspendender Bote Gottes, ein die Nahrung hartherzig verweigernder Theuerungsgeist und geht in die Gestalt des gleichfalls eigennützig gefassten Kukuk über. Daher heisst es von diesem letzteren, er sei ein diebischer verwünschter Beckerknecht und trage davon sein fahles, mehlbestaubtes Gefieder. Dies besagen die nachfolgenden Kindersprüche:

Kukuk stahl Weggen.[[13]]—Kukuk, Beckenknecht![[14]]—Kukuk, Speckbub![[15]]—Kukuk, schniet Speck up![[16]].—Der Gugger uf em dürre Nast, er bettelt Brod und wird nicht nass.[[17]] Der Sauerklee, Oxalis acetosella, der zur nemlichen Zeit blüht, da des Kukuks Ruf ertönt, heisst in Deutschland Kukukskohl, in der deutschen Schweiz Guggerbrod, franz. pain de coucou, tessinisch pan cuculo, romansch paun e caschöl cucu (Butterbrod), und weil seine säuerlichen Blättchen von den Kindern genascht werden, auch Herrgottensüpple, Herrgottenbrod. Fr. Staub, das Brod, 1868, 6. Auch die süssen Keime des Habermarks (Tragopogon) heissen Guggichbrödle.

Der Vogel schenkt oder raubt also Brod und Butter, Speck und Speckwecken, nemlich solcherlei Kuchen, die man nach beendigter Fastenzeit um Ostern bäckt, mit Speckwürfeln belegt und Speckwähen benennt. Die Rolle des Diebes wird ihm beigelegt, weil er nur so lange seinen Ruf ertönen lässt, als die Brütezeit dauert und er die Eier andrer Vögel aussäuft. Ist diese Zeit vorüber und es beginnt die Reife der Frühkirschen, so sieht er auch diese, heisst es, in seiner Gier für buntgesprenkelte Eier an und frisst deren so viele, dass ihm die Stimme verfällt und er nur noch heiser ruft. Die Sage von der durch ihn erregten Theuerung knüpft sich an sein zeitweilen verspätetes Erscheinen und an sein über die geregelte Frist andauerndes Rufen. Die oberfränkischen Bussbacher sollen ihn daher einmal bei langem Regenwetter mit dem Backwisch verjagt haben. Panzer, BS. 2, no. 285. Er soll nur so lange rufen, als das Siebengestirn am Himmel steht, in welches jene Beckerin mit ihren Töchtern verwandelt ist; das ist bis Ende Juni. Die appenzeller Bauernregel sagt hierüber: Wenn d'Henne abwärts gönd, schlôt s'Brod ab, wenn s'ûfwärts

gönd, schlôt 's ûf. Hält der Vogel diese Frist nicht mit ein, so entsteht Nahrungsmangel, dessen Opfer er selber zuerst wird; hievon erzählt folgender venetianer Spruch:

Am achten des Aprils,

da soll der Kukuk kommen;

Kommt er am achten nicht,

so ist er todt oder gefangen.

Kommt er am zehnten nicht,

so hängt er gefangen im Zaun.

Und kommt er am zwanzigsten nicht,

so ist er gefangen im Korn;

Und kommt er am dreissigsten nicht,

so ass ihn der Hirt mit Polenta.

Weil mit des Kukuks zeitgemässem Erscheinen zugleich der Anbau in der ganzen Gemeindeflur beginnt, so heisst er in schwäbisch Mundingen Oeschhei, d.i. der Flurhege (vgl. Holzhei; Wieshei: der Bannwart), und daraus erklärt sich vollständig der Schwabenstreich des Städtchens Haiterbach, welches gegen die verspätete Ankunft des Vogels Kirchengebete abhielt. Wolf, Ztschr. 1, 440. Der appenzeller Spruch bestimmt: Am dritten Abrelle muss der Gugger grüene Haber schnelle (anraunzen). Schreit er nach Johannis von Norden her, so bringt er in Zürich einen sauern Wein; fliegt er den Wohnhäusern zu nahe, eine Jahrestheuerung (Gessner's Thierbuch, Von den Vögeln LXXI). Hält er den richtigen Termin ein, so ist er nachdrucksam der Zeitvogel und kann um Wohlstand und Lebensdauer zugleich befragt werden, so dass er beides bis in den Brodkorb hinein prophezeien wird; daher ruft ihm der Schwabe zu, in Meiers Kinderreim. no. 87:

Schrei sie mir in Deckelkräbe

Wie viel Jahr darf ich noch lebe?

Dieselbe Anfrage ergeht auch an die Schnecke, welche wie Specht und Kukuk, ein den Lenz, die Jahresfruchtbarkeit und die Lebensdauer verkündendes Thier ist und im Dienste Gertrudens gestanden hat;[[Nachtrag 4]] man ruft ihr in einem Jeverschen Kinderspruche (Mannhardt, Ztschr. f. Myth. 3, 222):

Kukuk, Kukuk, Gerderut:

stäck dîne vêr Hörns herut!

Um so besser stehts um das berufende Kind, je pünktlicher ihm die Schnecke ihre vier Fühler zeigt; es erkrankt, wird kreuzlahm, wenn es in die Fühler zwickt. Alemann. Kinderl. S. 97. Aus Göthes Lied Frühlingsorakel ist die Sitte allbekannt, nach der Zahl der im April gehörten ersten Kukuksrufe die Hochzeitsfrist, die Zahl der Kinder und der Lebensjahre voraus zu bestimmen; aber Vorbedingung dazu ist, dass man dem Vogel erst einen Thron baue, von dem herab er seine Weissagung ertheile, dies ist ein aus Binsen geflochtner Sessel, westfälisch der Kukukesstaul genannt (Woeste in Wolfs Ztschr. 2, 95). Alsdann spricht man:

Gugguger im Sessel,

Gieb mir dein Geld zu lesen,

Will dein Geld dir wieder geben,

Sag, wie viel Jahr thu ich leben?

Andr. Strobel, Geistl. Kartenspiel, Sulzbach 1693, 1 Th. 118. In Sommers Thüring. Sag. no. 9 kommt in den Zwölften unter wunderbarem, weit vernehmbarem Sausen, eine Frau durch die Luft geflogen, welche die Gestalt einer gewöhnlichen Taube hat, aber an ihren Füsschen ein kleines Schilfstühlchen mitträgt, das sie, wenn sie müde wird, auf den Boden stellt, um darauf auszuruhen. Sie selbst berührt die Erde nie, wo sie aber das Stühlchen hinsetzt, da grünt und blüht es im folgenden Sommer am schönsten und fruchtbarsten. Am Morgen des Dreikönigtages wird die Taube wieder zur Frau. Hier ist der Frühlingsbote, Kukuk oder Taube, die ihn aussendende Himmelsherrin selbst, nemlich Frigg die Göttermutter, die nach Paulus Diaconus Frea heisst und neben dem Gemahl Gwodan auf dem goldnen Thron in Walhalla sitzt. Als Frühlingsgöttin steht Freyja-Frigg der grossen Maifeier vor, denn in den Niederlanden heisst der Mai Vrymänd. Compte rendu, Bruxelles 1843.

VII. 1, 29. Menzel, Vorchristl. Unsterblichkeitslehre, 2, 243.

Im aargauer Frickthale pflegen die Kinder dem Kukuk zu rufen:

Gugger uf em grüene Ast,

Du, mi liebe, schüeche Gast:

Gugg mer doch, bis au so guet,

Wie mängis Jahr no han i z'guet?

Wer während dem ungerades Geld bei sich trägt und auf den Sack schlägt, dem geht es das Jahr über nicht aus, eine Volksmeinung, von welcher der Berner Volksdichter G.J. Kuhn (Volkslieder 1819, 93) ein Liebespaar also reden lässt:

Hans ghört di z'erst, er gryft i Sack

u sucht sys Geld: "O tusi Drack (Drache!),

dass i kei Batze by mer ha,

jetz wird's mer wol s'ganz Jahr so ga!"

Un Aenni lost und fraglet di:

Wie mängs Jahr ächt no leben i?

Von der gleichen Frage eines alten Weibes berichtet der Zürcher Chirurg Rud. Gwerb, Leuth- und Vychbesägnen, Zürich 1646, 13: "Vnd da der guckguck Fünffe herfür geschrauwen, da vermeinte das thorachte alte weyb anders nichts, dann das sy noch fünff jahre zu leben hette. Sie fiel aber bald in eine schwäre krankheit und da sie zum sterben sich zuzerüsten vermanet worden, wolte sie nicht dran, dann der guckguck hette jhren anders verheissen. Vnd ob es gleichwol mit jhren auff dem letzten gepfiffen, bliebe sie doch jmmer auff jhrer meinung und als sie jetz kein wort mehr reden kondte, streckte sie noch fünft finger auff, andeutende, dass sie, nach des guckgucks gesang noch fünff jahr zu leben habe. Das heisset auff das vogelgeschrey achten!"

Von demjenigen, dessen Leben augenscheinlich zu Ende geht, sagt man, der hört auch den Kukuk nicht mehr; was man verwünschen will, das soll des Kukuks werden, sich zum Kukuk scheren. Der die Lebensdauer weissagende Vogel wird also damit zum Propheten des Todes. "Der Kukuk auf dem Dache bringt den Tod ins Haus." Hahn, Albanes. Studien l, 158. Als Vogel der Trauer gilt er in kleinrussischen Liedern. Myth. 646. Nach serbischem Glauben

verwandeln sich die Seelen Verstorbener in Kukuke, man findet daher auf den hölzernen Grabkreuzen in Serbien so viele Kukuke abgebildet, als Angehörige um einen Todten trauern, und von einem Serbenmädchen, dem der Bruder gestorben war, wird erzählt, dass es nie mehr habe den Kukuksruf hören können, ohne nicht in heftiges Weinen auszubrechen. Friedreich, Symbolik 534, nach Hanusch, Slaw. Mythus. 317. Dieselbe Rolle des Leichenvogels ist ihm im finnischen Epos Kalewala zugetheilt; da klagt die alte Mutter, deren Tochter Aino beim Frühlingsbade ertrunken, im nächsten Frühjahre:

Aelter wird mein Ellenbogen,

Schwächer wird mein Handgelenke,

Ja, der ganze Körper zittert,

Wenn des Kukuks Ruf ich höre!

Schiefner's Uebers. 24. Kukuk und Specht treffen auch in ihrem ältesten Mythus überein. Altpolnisch hiess der Kukuk Zywie und war ein verwandelter Gott: opinabantur enim, supremum hunc universi moderatorem transfigurari in cuculum. Myth. 643. Dasselbe behauptet auch das griech. und römische Alterthum vom Specht. In Kreta zeigte man sein Grab und eine Säule dabei mit der Aufschrift: Hier liegt nach seinem Tode Picus der Zeus (Πῖκος ὁ Ζεύς), und ebenso hatte er nach altrömischer Mythe die ausgesetzten Zwillingssöhne des Mars, Romulus und Remus, aufgeässt und hiess davon Picus Martius. In der tiroler Gemeinde Wangen ist sein Name "der Wangener Gott". Zingerle, Tir. Sag. no. 1064. Die berühmte Springwurzel, vor welcher die Thüren der Schatzkammern und Gefängnisse aufspringen, liegt in seinem Neste; statt seine Jungen mit ihr zu füttern, lässt er sie von dem Baume fallen, unter den man ein rothes Tuch breitet. Wer sie dann in den Mund nimmt, versteht aller Vögel Sprache. Wie Zeus sich in den Kukuk verwandelt und sich auf den Scepterstab der Here setzt, so wird der Specht auf Gertrudens Stab weissagend gesessen haben; dieser Stab selbst wird theils zur erlösendem Springwurzel,

theils zur Spindel, theils verwandelt er deren Flachs in Gold. Ueberdies verleiht der Specht (ableitend von ahd. spahi, prudens, der spähende) seinen Namen eben jenem Spessart (urkundl. spechtes-hart), welcher der Schauplatz war von Gertrudens Thätigkeit in Ostfranken, und so heisst das Thier mit wiederholtem Nachdruck Gertrudenvogel.

Wie diese eben beschriebnen Frühlingsthiere, weil sie dämonische sind, aus Glücksboten sich in vorahnende Todesboten verkehren, so geschieht dies vornemlich mit Gertrudens besonderem Gefolgsthiere, der Maus. Die Seelen der Abgeschiedenen werden zuerst von Gertrud empfangen, um sich da entweder in gute oder in böse Elbe zu verwandeln; als solche erscheinen sie hierauf wieder als schädigende oder als bescherende Mäuse. Diesen Satz aus der Lehre von der Seelenwanderung nehmen wir nunmehr in Ausführung.

Wie Holda-Berchta die unmündig Verstorbenen, und Valfreyja die in der Schlacht Gefallenen zu sich nimmt, so haben nach älterem Kirchenglauben die Seelen der Abgeschiedenen ihre erste Herberge bei St. Gertrud zu nehmen. Hievon handelt eine Handschrift des XV. Jahrh., welche Grimm Myth. 54 citirt: Aliqui dicunt, quod, quando anima egressa est, tunc prima nocte pernoctabit cum beata Gerdrude, secunda nocte cum archangelis, sed tertia nocte vadit sicut diffinitum est de ea. Erweitert findet sich dieser merkwürdige Glaubenszug in Nik. Gryse's niederd. Spegel, auf welchen Schiller, Meklenburger Thier- und Kräuterbuch 3, 41 verweist: Se geven ock vor, wenn de Seele vth dem Minschen varet, so moth se de erste Nacht Herberge hebben by S. Gerderuten, darumme ock S. Gerderuten Kercke gemeinlyken vor de Döre der groten Stede gebuwet syn; und darnâ moth se ůuer dat Leuuer-Meer. Dieser hier das Lebermeer genannte Todtenstrom war auf jenem vorhin schon erwähnten Münstergemälde dargestellt, das den Bischof Wilderolf und St. Gertrud zu Schiffe zeigte, und wird in der Sage von Hattos Mäusethurm zum Rheinstrom. Hievon

später. Gertrudens Kirche und die von den Geistern darin abgehaltene Todtenmesse spiegelt sich ab in der Nürnberger Sage von der Jungfrau Gertraud Stromer. Der Patrizier Imhof, an dem dieser Jungfrau ganzes Herz hieng, war, weil sie ihm ihre Liebe verhehlt hatte, ihrer Freundin zu Theil geworden, starb nach kurzer Ehe und auch Gertraud überlebte ihn nicht lange. Drei Wochen nach diesem letzteren Todesfall gieng am Allerseelentag 1430 die Wittwe Imhof vor Tag in die Frühmesse nach St. Lorenz, hier aber befiel sie der unheimliche Eindruck, als wären statt der Gemeinde und Geistlichkeit lauter Verstorbene versammelt. Als sie nun, um anzufragen, aus ihrem Stuhle trat und eine vor ihr knieende Jungfrau leise auf die Schulter klopfte, erkannte sie in dieser ihre vor drei Wochen begrabne Freundin Gertraud. Auf deren Rath verliess sie so eilig die Kirche, dass sie ihren Mantel vergass, floh heim, erkrankte heftig und trat darauf ins Klarissenkloster. Hier starb sie nach etlichen Jahren und zwar gleichfalls am Morgen des Allerseelentages. Schöppner, Sagb. no. 1147. Die Heilige ist hier zu einer gleichnamigen Nürnberger Patrizierin geworden, welche über das stumme Todtenheer, in dessen Mitte sie ist, allein Auskunft zu geben vermag, deren Herzenszug aber noch immer die Liebe ist zu dem ehemaligen Geliebten. Von diesem Naturell der Walküre liefert die Gertrudensage noch mehrere nachher zu behandelnde Einzelheiten; hier ist vorerst der Glaube zu zeigen, dass die Abgeschiedenen die Gestalt von Mäusen annehmen.

Die Seelenherrin selbst ist die Weisse Frau und auch sie erscheint als Weisse Maus. Müller-Schambach, Niedersächs. Sag. S. 269; dazu ebendas. no. 7. 264. Lübecks Stadtwahrzeichen ist eine in dortiger Marienkirche abgebildete Maus, die an der Wurzel eines Baumstrunkes nagt; sie sei ein Weib gewesen, die über dem Wunsche, niemals zu sterben, zu mehrhundertjährigem Alter kam, zur Grösse einer Maus zusammenschrumpfte und unter einem Glaskästchen in dortiger Kirche aufbewahrt wurde. Bechstein

DSagb. no. 212. Letzteres stimmt mit der Sage vom thebanischen Seher Tiresias, der fünf, ja sogar neun Menschenalter gelebt haben und nach seinem Tode in eine Maus verwandelt worden sein soll. Nork, Realwtb. 4, 382. Die Blocksbergsscene im Göthe'schen Faust schildert das plötzliche Ende der gespenstischen Tänzerin: "Mitten im Gesange sprang ein weisses Mäuschen ihr aus dem Munde." Im aargauer Volksglauben finden sich folgende Sätze. Wenn der von Gemeinde wegen aufgestellte Feldmauser drei weisse Mäuse fängt und tödtet, so kommt er in die Hölle. Wer eine weisse Maus quält, dem fressen die übrigen das Korn von der Schütte. Vor der französ. Invasion 1798 waren im Hauptgange des Rathhauses zu Aarau, wo die Schildwache stand, in jeder Nacht auf Himmelfahrt zwölf weisse Mäuse zu erblicken, die man für zwölf verwünschte Rathsherren hielt; so erzählt uns die Bauernfrau Schenker aus solothurnisch Däniken.—Weisse Mäuse, berichtet V. Grohman über Böhmen, geniessen in diesem Lande eine Art religiöser Verehrung, man macht ihnen ein Lager zwischen den Stubenfenstern und pflegt sie, damit nicht mit ihnen das Glück des Hauses sterbe. Ein Nest weisser Mäuse zu finden ist nur Sache eines Sonntagskindes. Auf Schloss Drazic werden sie eigens gezüchtet, und lässt man ihrer eine in die Kornscheune laufen, so schüttet da das Getreide um die Hälfte mehr als sonst. Wer eine Maus zertritt, der führt den Teufel ins Haus. Zingerle, Tirol. Sitt. S. 55. Je weisser der Zahn, von dessen Ausfall man träumt, um so näher verwandt der Freund, dessen Tod drauf erfolgt (Aargau).[[18]] Dem Aberglauben gelten auch die rothen Mäuse in einem ähnlichen Sinne. Der Zauberer in Obermumpf vermochte einem mit offnem Munde Schlafenden als rothes Mäuschen

bis ins Herz hinunter zu schlupfen. Aargau. Sag. 2, S. 152. Dagegen ereifert sich der niederd. Pfarrer Männling in seinen Curiositäten, Frkf. 1713: "Ists nicht schreckliche Dummheit, dass man sich bereden lässt, die Seele des Menschen sei eine rothe Maus, welche, wenn man schlafe, aus dem Munde heraus spaziere!" Eben solcherlei Sagen von in Gestalt der Mäuse auswandernden Seelen wollen wir nun folgen lassen.

Einer thüringer Magd, die in der Gesindestube über der Arbeit entschlafen ist, kommt ein rothes Mäuschen zum Munde heraus und geht durchs offenstehende Fenster davon. Ein mit zuschauendes Dienstmädchen rüttelt die Schlafende von ihrer Stelle, ohne sie erwecken zu können. Das Mäuschen kehrte hierauf zurück, suchte hin und her nach der vorigen Stelle, fand sie nicht mehr und verschwand zuletzt. Nun aber erwachte die Schlafende nicht wieder, sondern blieb todt. Grimm, DS. 1, S. 335. In Gestalt eines weissen Mäuschens kommt der Alb durchs Schlüsselloch ins Schlafzimmer und drückt den Sohn. Die Mutter, welche vorsorglich schon ein Tuch über die Brust des Schlafenden gebreitet hat, legt es nun, da sie ihn stöhnen hört, an den vier Enden zusammen, thuts in die Schublade der Kommode und lässt den Schlüssel dran stecken. In derselben Stunde war im Nachbarorte ein Mädchen plötzlich gestorben und sollte nach drei Tagen begraben werden. Da traf sichs, dass der Sohn, der seit dieser Zeit vom Alb frei geblieben war, am dritten zufällig den Schlüssel von der Schublade abzog, worin jenes Tuch lag. Sogleich schlupfte ein weisses Mäuschen durchs Schlüsselloch und lief zur Thür hinaus. Gleichzeitig hatte man im Nachbarorte schon den Sarg schliessen wollen, als ein Mäuschen zur Thüre herein und in den Mund der Leiche gelaufen kam, diese öffnete die Augen und gehörte wieder dem Leben an. Wolf, Hess. Sag. no. 95. Dieselbe Begebenheit in Sommers Thüring. Sag. no 40. In gleicher Gestalt kommt die Nachtmahr zum schlafenden Gesellen geschlichen und wird in gleicher Weise von ihm gefangen; kaum hat er das

Schlüsselloch der Kammerthüre verstopft, so sieht er statt der Maus ein wunderschönes Mädchen splitternackt hinter dem Ofen sitzen. Ibid. no. 96. Kuhn, Westfäl. Sag. no. 247. Wenn der Bergmeister Hinten auf dem Harze seinen Nachmittagsschlaf zu machen pflegte, kam eine Maus aus seinem Munde gekrochen und schlupfte in die Erde, doch zur vorbestimmten Minute erschien sie wieder und kroch in den Mund zurück. Alsdann wachte der Bergmeister unter heftigem Schnarchen auf, zog rasch seinen Fahrhabit an und fuhr in den Schacht. Dies that er nie vergeblich, denn sicher hatte er jedesmal durch die Maus Nachricht erhalten, dass die Knappen falsch gearbeitet oder gar die Grube verlassen hatten. Pröhle, Harzsagen 1, S. 68. Die Wache der Landsknechte sieht ihrer einen in der Mittagsrast einschlafen, da kommt ein kleines weisses Thierlein, gleich einer Wiesel, aus seinem Munde dem nächsten Bächlein zugelaufen und will hinüber. Der zuschauende Knecht legt sein entblösstes Schwert wie eine Brücke über den Graben, das Thierlein geht darüber hin und verschwindet. Nach einer kleinen Weile wieder kommend, findet es jenseits die vorige Brücke nicht mehr, da mittlerweile der Kriegsknecht sein Schwert weggethan. Also brückte dieser ihr abermals, das Thierlein kam herüber, näherte sich dem Schlafenden und kehrte in seine vorige Herberge ein. Als die Spiessgesellen den Erwachenden befragten, was ihm im Schlafe begegnet, antwortete er: Mir träumte, ich wäre gar müd und hellig von wegen eines fernen weiten Weges, den ich zog, und auf dem Wege musste ich zweimal über eine eiserne Brücke. Grimm, DS. no. 455. Ebenfalls als Wiesel fährt die Seele eines schlafenden Hirtenknaben aus. Wolf, Hess. Sag. no. 98. Der Prototyp dieser Sage ist nach der Aufzeichnung von Paulus Diaconus 3,34 und Aimoinus 3,3: der Frankenkönig Guntram, dessen Seele in eines Schlängleins Gestalt aus des Schlafenden Munde kommt, auf einem Schwerte den Bach überschleicht, in einen Berg schlieft und rückkehrend über die nämliche Schwertbrücke in den Mund

des Königs zurück geht. Der Erwachende erzählt, vom grossen Flusse mit Eisenbrücken geträumt und im hohlen Berge den Hort der Ahnen erblickt zu haben. Grimm, DS. no. 428 (zweite Aufl. no. 433).[[19]] Einige ähnliche Sagen aus Böhmen theilt Grohmann mit in Apollo Smintheus pg. 22. Die ausfahrende Seele nimmt auch noch anderer Thiere Gestalt an, zumal geflügelter. Aus dem Munde schlafender Hexen bricht eine Fliege (Grimm, DS. 2. Aufl. no. 408), eine Hummel, Wespe, ein Schmetterling hervor. Grimm, Myth. 1031, und Vonbun, Beiträge 2, 83. So viel von den Mäusen als ausfahrenden und umwandernden Menschenseelen. Sind die Mäuse damit Geister, so können sie sowohl Segens- als auch Rachegeister werden, den Freund beschützen und den Feindseligen vertilgen, und daraus wird ihr Erscheinen überhaupt den Völkern allgemein zum Omen. Das Gleichgültigere sei hier wiederum vorangestellt, um zum historisch Wichtigen emporzuführen. Unser übelverstandner Ausdruck maustodt, anstatt mhd. murztot, holländ. morsdood, spielt auf Maus und Scheermaus an, deren Stossen im Wohnhause auf den Tod des Hausherrn gedeutet wird. Träumt man von Mäusen, so wird es nächstens etwas Ungerades geben; klettert die Maus an der Zimmerwand, so entsteht Hauszank; raschelt sie im Bettstroh, so betrifft den Schläfer schon am Morgen Unheil; nagt sie an seinem Kleide, so stirbt dieser bald. Verlassen sämmtliche Mäuse mit einem Male das Haus, so ist dies mit Aussterben bedroht; man sagt: viel Müs, wenig Lüt. Salom. Landolt, Reime und Lieder, Aarau 1845, sagt S. 326 von der Maus:

Der Aberglaube redt re noh,

(Me cha zwar uf das G'schwätz nid goh,

Glaubt' i's, i müesst mi schäme):

Verlöi die Fründi d'Wohnig ganz,

Geb's i dem Hus en andre Tanz,

Das heisst, es g'hei bald z'säme.

Mäuse verkündeten den Ausbruch des marsischen Krieges, als sie die Silberschilde zu Lanuvium benagten, und den Tod des Feldherrn Carbo, als sie dessen Schuhriemen zerbissen. Cicero de Divin. 2, 27. Plinius HN. 8, 82. Als die Philistäer die Bundeslade geraubt und in Dagons Götzentempel aufgestellt hatten, schlug Jehovah sie mit der Beulenpest und ihre Felder mit dem Mäusefrasse (percussit inimicos in posteriora. Psalm 77, 66). Nach sieben Monaten lieferten sie die Arche wieder zurück und übersandten dazu in einem Kästlein als Sühnkleinode fünf goldne Mäuse und fünf goldne Aerse, beides nach er Zahl der mit der Doppelplage heimgesucht gewesnen philistäischen Landschaften. 1. Sam. 6, 4. Aehnliche Sühnbilder sind dem ganzen antiken Alterthum gemeinsam. Der Priesterkönig Sethon, der die Pest abgewendet hatte, erhielt dafür eine Bildsäule, welche in der einen Hand eine Maus hielt. Herodot 2, 141. Vergoldete Aehren und goldne Mäuse wurden der phönizischen Ceres zum Sühnopfer gebracht. Welcker, Griech. Götterl. 1, 484. Im kretensischen und im äolischen Dialekt bedeutet Apollos Beiname Smintheus eine Feldmaus, Münzen von Tenedos stellen ihn mit dem Pestpfeil und der Maus dar, sowie auch eine Münze von Metapont die sechszeilige Gerstenähre zugleich mit der Wanderheuschrecke und der Maus aufweist. O Heer, Pflanzen der Pfahlbauten. Selbst Athene, wie man sie auf Gemmen dargestellt sieht (Tassie no. 1585), trägt die Maus auf dem Brustharnisch oder auf der Schulter. Menzel, Vorchristl. Unsterblichkeitslehre 1, 22. In allen diesen Sinnbildern ist mithin die Pestseuche an den Misswachs, dieser an den Mäusefrass geknüpft, und die agrarischen Gottheiten nehmen das ihnen in Form einer Maus dargebrachte Opfer an und heben die herschenden Uebel

auf, indem sie die Mäuse vertilgen. Dieselbe Abhülfe wird nun aber auch durch die hl. Gertrud gewährt, welche, indem sie die Mäuseplage aufhebt, zugleich die Seuchen abwendet. So lange schon Gertrud ein Standbild in der Kapelle zu baierisch Hermatshofen besitzt, hat sie von diesem Orte stets die Viehseuchen abgehalten. Panzer, BS. 2, 157. Dahin gehört die allbekannte Sage vom Rattenfänger zu Hameln. Da sich an sie die Geschichte von der magischen Pfeife knüpft, mit deren Tone die Mäuse vertrieben werden, und hiervon noch später bei Gelegenheit der in Mausform gebackenen Erntenudel wiederum die Rede sein muss, so folgt hier diese Hamelner Geschichte in der Fassung nach, wie sie Balth. Becker in der Bezauberten Welt lib. 4, S. 157 des Mart. Tschockius Fabula Hamelensis nacherzählt. Als die Stadt Hameln a.d. Weser im J. 1284 mit einem Haufen Mäuse und Ratten geplagt war, die alle Frucht wegfrassen, kam man mit einem fremden Mann überein, der sich gegen Geld erbot, sie aus der ganzen Gegend wegzuschaffen. Er holte aus seiner Henktasche eine Pfeife hervor und sowie er darauf spielte, kamen die Mäuse aus den Hauswinkeln, Dächern und Dachrinnen zu Haufen hervor und folgten ihm zur Weser. Er trat sein Kleid aufschürzend in den Strom, die Thiere ihm nach und ertranken. Nach verrichteter Sache begehrte er den bedungenen Lohn. Allein die Bürger waren nicht geneigt zu bezahlen. Da erschien er am folgenden Mittag wieder, diesmal in Jägertracht, sein Hut war purpurfarbig, seine Gestalt von erschreckender Länge, und nun spielte er eine andere, von der gestrigen weit verschiedene Pfeife. Da liefen ihm binnen einer Stunde alle Kinder der Stadt zu, vom vierten bis zum zwölften Altersjahre, die führte er, 130 an der Zahl, in eine Höhle des vor dem Thor gelegenen Koppenberges, und keins von ihnen ist nach diesem wieder gesehen worden. Man sagt, er habe sie zweihundert Meilen weit unter der Erde fort his nach Siebenbürgen und dorten erst wieder ans Licht geführt; denn seitdem spricht man in diesem Lande niedersächsisch.—So

lassen sich auch in Wolfs Hess. Sag. no. 14 die Bauern um Lorsch alles Feldungeziefer und alles Gewitter, durch einen Einsiedler aus dem Lande pfeifen, als sie ihm aber den Lohn dafür vorenthalten, ist der Ameisen- und Grillenregen nebst dem Mäuseheere wieder da. Von neuem wird der Mann berufen, nun kommen jedoch auf seinen Pfiff alle Schafe und Schweine des Dorfes ihm in den Lorschersee, und zuletzt alle Kinder in den Tannenberg nachgelaufen und bleiben verloren.

Dieselbe Sage ist auch in dem bei Paris gelegnen Dorfe Drancyles-Nouis lokalisirt gewesen, wo im J. 1240 der Mönch Angionini mit dem Erbieten erschien, den Ort von seinen Ratten und Mäusen zu befreien. Er lockte alle diese Thiere in einen Fluss, wo sie ertranken. Doch da man ihm den versprochnen Lohn vorenthielt, stiess er in ein Horn, worauf sich alle Zuchtthiere des Dorfes, Pferde, Rinder, Schweine und Gänse, um ihn sammelten, mit denen er davon gieng. Nork, Myth. der Volkssag. 392. Die Uebereinstimmung dieser Erzählungen lehrt, dass die Mäuse, weil sie Geister sind, nur dem magischen Ton der Pfeife gehorchen und damit hinweggelockt werden. Wie man mit der Bastpfeife im Frühling den Fruchtkeim in die Pflanze zu blasen meint (Alemann. Kinderl. S. 182); wie der Seefahrer dem Fahrwinde pfeift, so glaubt man, die pfeifende Maus werde durch sanfte Musik angezogen, durch schreiende verjagt. Du singst mir alle Mäuse aus dem Hause, sagt man abmahnend dem zur Unzeit singenden Kinde. Zur Vertreibung der Mäuse bedient man sich folgenden Mittels. Aus dem Hinterfusse einer gefangnen Ratte schneidet man ein Pfeifchen und umgeht damit blasend am Charfreitag das Haus, oder man hängt dem gefangnen Thiere ein Glöckchen an und lässt es laufen; es springt aus dem Hause und alle übrigen folgen ihm. Grohmann, Bedeut. d. Mäuse, S. 26. Abergl. aus Böhmen S. 62. 66. Denselben Zweck hatten die Pfeifchen im Schweife der hölzernen Spielrösschen und die thönernen, die man an der Stelle des Schwänzleins in

die Erntenudel der gebacknen Mäuschen steckt. Dass damit magisch fortgelockt werden sollte, ergiebt die Umschrift an der grossen Abteiglocke in würtembergisch Weingärten; die Glocke wurde 1490 gegossen und ihre Umschrift lautet nach Sauten (Kloster Weingarten, 1857, 48):

Osanna heiss ich, den Todten pfeif ich.

Es ist daher gewiss ein lautredender Zug der Sage, wenn Bischof Hatto in seinem Thurm zu Bingen von den Mäusen bei lebendigem Leibe gefressen wird, weil er bei einer Hungersnoth die Armen unter dem Vorgeben einer Brodvertheilung in eine Scheune lockte, sie sammt dieser verbrannte und der Sterbenden Geschrei mit den Worten verhöhnte: Höret, wie meine Mäuse pfeifen! Hattos Tod im J. 973 und seine Verhasstheit bei den Unterthanen wird nebst der eben berührten Sage von Trithemius in der Hirsauer Chronik 1, 116 erzählt und zur Unterstützung dieser Begebenheit, wie es scheint, dorten S. 140 ein ähnlicher Fall vom J. 995 hinzugefügt über einen Grafen von Rotenburg in Franken. Auch der Schlossherr einer am thurgauer Seeufer versunken liegenden Wasserburg Güttingen soll sich desselben Frevels schuldig gemacht haben und ebenso von den Mäusen aufgefressen worden sein. Puppikofer, Gesch. des Kt. Thurgau, 121. Es haben W. Menzel (Odin 229); Felix Liebrecht (Ztschr. f. Myth. 2, 405. 3, 307), und jüngsthin besonders ausführlich Grohmann (Apollo Smintheus, S. 78 ff.) über diesen Mythus und dessen zahlreiche Sagen gehandelt, in der Erklärung desselben aber sich keineswegs geeinigt. Der Sinn kann kein zweifelhafter sein. Der Erntegott schickt Undankbaren die Mäuseplage und damit die Hungersnoth ins Land. Der um seine Vorräthe besorgte Gewaltsherr entledigt sich der bei ihm Brod suchenden Unterthanen mit Gewalt, aber die Geister der von ihm Gemordeten verfolgen ihn in Gestalt der Mäuse bis in seine Wasserburg, wo er der gemeinsamen Seuche erliegt. Mäuse werden daher Gottes Heerzug genannt, weil sie sich mit jeder Seuchenzeit einstellen. Das Brüderpaar, das sich vor der Pest auf den

Irchelberg flüchtet, erwürgt sich da in der Hungersnoth um einer gefangenen Maus willen. Bluntschli, Memorabilia Tigurina 1, 117. Zur Zeit des Beulentodes war es in den Hexenprozessen eine stehende Inquisitionsfrage, ob die angeklagte Person auch Mäuse gehext habe. Aargau. Sag. 2, 172. Und daher stammt die gegen jeden Flausenmacher gebräuchliche Phrase: Mach mir keine Mäuse. "Die Festung macht Mäuse und will sich nicht ergeben", heisst es ebenso in Göthes Bürgergeneral, 9. Auftritt.

Die den Körper in Mausgestalt verlassende und wieder besuchende Seele hat zu dem Spielreim Anlass gegeben, bei dem man mit den Fingern über die Brust des Kindes hinauf tippt, sprechend:

Kommt ein Mäuschen,

will ins Häuschen,

da 'nein, da 'nein!

Aus demselben Glaubensgrunde dachte aber die Vorzeit verpflichtet zu sein, den Mäusen Recht und Gericht halten zu sollen. Bei dem Prozesse, welchen die tiroler Gemeinde Stilfs 1590 gegen die Schädigung der Lutmäuse beim Amte Glurns anhängig machte, erhielten beide Parteien ihren Procurator, das Gericht war mit eilf namhaften Männern besetzt, für Anklage und Entlastung wurden Zeugen abgehört und der Beschluss lautete: Die Lutmäuse seien gehalten binnen 14 Tagen den Landstrich gänzlich zu verlassen, jedoch unter freiem Geleite gegen Hund, Katze und jeden andern Feind; "wo aber ains oder mehr der Tierlein schwanger wäre, oder Jugend halber nicht fortkommen möchte, dieselben sollen ein weiteres sicheres Geleit fernere 14 Tage lang haben." Zingerle, Sag. no. 708. Aehnliches geschah auch vor dem Rathscollegium zu Autun 1540, welches die Mäuse als Saatenverwüster anklagen und verurtheilen liess; der Mäuse Anwalt jedoch, Barthol. Cassanäus, nachmaliger Präsident des Pariser Parlaments, machte den Einwurf, die Verurtheilten seien noch nicht dreimal vorgeladen und könnten, so lange die Strassen durch Hunde und Katzen unsicher

seien; füglich auch nicht erscheinen. Diebolt, Histor. Welt, 1715, S. 1117.

Von hier aus übergehend zu den der Kornmaus dargebrachten Ernteopfern, findet sich Raum zur Einschaltung der an dies Thier geknüpften volksmedizinischen Bräuche, deren allverbreiteter gleichfalls auf ein Opfer hinausläuft. Bekanntlich wirft das Kind beim Zahnschichten den Wechselzahn ins Mausloch und verlangt dafür von der Maus einen neuen, dessen Dauerhaftigkeit nach Stein, Bein, Eisen, Silber und Gold bestimmt wird.[[20]] In Pforzheim spricht man (Grimm, Abgl. no. 631): Mäuschen, da hast du einen hölzernen Zahn, gieb mir einen beinernen dran.—In Schlesien: Mäusel, ich geb dir ein Beindel, gieb mir ein Steindel.—Mäuschen, ich geb dir einen knöchernen Zahn, gieb du mir einen eisernen. Kuhn, Westfäl. Sag. 2, S. 34. Im Aargau heisst es (Alemann. Kinderl. S. 338):

Müsli, Müsli, nimm de Zah,

gim-mer en schöne goldige dra,

frei en schöne wîsse,

ass ech's Brod cha bîsse.

Das Kind wirft seinen ausgefallenen Zahn, wenn ihn die Mutter nicht selber verschluckt, hoch gegen Himmel:

Seh, liebe Herrgett, en Zah!

Gieb mer wider en andre dra.—

In Würtemberg wirft es ihn über sich und spricht beim Schneidezahn:

Se, Mäusle, has du dean Za,

sez mer derfür en andra na!

Beim Mahlzahn heisst es:

Wolf, Wolf, da has en Za,

gi mer derfür no koen Biberza!

Birlinger, Schwäb. Sag, 1, no. 570. Biber ist schwäbisch Name des wälschen Hahns (Birlinger, Schwäb. Wörtb. 61) und bedeutet hier: lass mir den Zahn nicht krumm wie einen Vogelschnabel wachsen. Ein altarabischer Spruch in

Rückerts Morgenländ. Sagen 2, 264 opfert den Schichtzahn gleichfalls der Sonne:

Liebes Kind, nimm deinen Zahn,

Der dir ausgefallen,

Wirf ihn zu der Sonn' hinan,

Sprich mit frohem Lallen:

Gieb mir einen bessern dran!

Und du wirst von allen

Neuen Zähnen keinen Zahn

Schwarz und schief und stumpf empfahn,

Sondern jeden wohlgethan.

Kind, so lehrt' es mich dein Ahn.

Dem Sonnengotte Freyr ward von den Göttern die Sonne, Lichtalfenheim, zum Zahngebinde geschenkt. Grimm, GDS. 154. Der Zahn ist also eine Himmels- und Sonnengabe; der ausfallende erste Milchzahn heisst in Süddeutschland Wölfle (Alemann. Kinderlied, S. 337), Wolfszähne werden dem zahnenden Kinde umgehangen, vielleicht in altheidnischer Rücksicht auf den Sonne und Mond verschlingenden Weltenwolf, dem auch Gott Freyr zum Opfer fällt.

In Hahns Griechisch-albanes. Märchen no. 10 und 101 lässt sich die Prinzessin, die einen Zahn verloren, bald einen goldnen, bald einen silbernen einsetzen, besiegt darauf ihres Vaters Feinde, befreit das Land und wird des fremden Prinzen Gemahlin. Dass der erste Wechselzahn wirklich in Gold gefasst und so am Armring getragen wurde, ist nebst anderen dahin einschlägigen Bräuchen des Alterthums im eben genannten Alemann. Kinderliede pag. 338 bereits geschichtlich nachgewiesen. Der hellfunkelnde, unverwüstliche Zahn des im Boden oder in Höhlen wohnenden Thieres soll auch dem jungen Menschen zu Theil werden, wenn er seine Zähne in den Boden säet; darum streut auf Athenes Geheiss Kadmos die Zähne des erschlagnen Drachen in die fruchtende Ackererde, und aus ihnen erwachsen die Stammväter des kadmeischen Thebens. Den Schneidezahn wirft man der Maus hin, den Mahlzahn dem Wolfe, heisst es; der erste Zahn heisst in Süddeutschland Wölfle, und wölfen ist

zahnen: Aus Wolfs- und Rosszähnen bestand die Halsschnur, die man zahnenden Kindern sonst umhieng, und selbst unter den Fundstücken, die man seit 1857 aus den Pfahlbauten des Bodensees erhebt, zeigen sich die Zähne des Bären und Wolfes, durchbohrt, um an Schnüren als Amulette getragen zu werden. Zürch. Antiq. Mitthll. 12, Heft 3, 139. Damit stimmt die doppelte Notiz bei Plinius überein HN. 28, cap. 78, und 30, cap. 7: Wolfzähne werden zahnenden Kindern gegen Erschreckung, und Pferden gegen Ermüdung angehängt, ausgerissene Maulwurfszähne gegen Zahnschmerz. Weil die Maus Alles benascht, streut man dem naschenden Kinde heimlich eine gepulverte Maus auf die Speise, damit soll der eine Dieb den andern abschrecken. Höchst auffallend aber bleibt der sg. Maustrank, ein Volksmittel, von welchem die älteste und die neueste Zeit zu erzählen hat. Das Pönitentiale des hl. Bonifacius und dasjenige von Angers (Poenitentiale Andegavense) schreiben dem Priester vor, die Frage an sein Beichtkind zu stellen, ob es von dem zauberhaften Maus- oder Wieseltrank genossen habe: edisti de liquore, in quo mus aut mustella mortua invenitur? Das Verbot gegen diesen Trank wird von mehreren Kirchenschriftstellern, darunter Regino und Burchard von Worms wiederholt, zugleich den Bischöfen aufgetragen, bei der jährlichen Kirchenvisitation strenge Nachforschung hierüber anzustellen. Auffallender Weise aber lebt die Unsitte bis heute fort. In baierisch Rosenheim gilt als probates Mittel gegen Epilepsie eine Maus, die gewiegt, gekocht und verspeist werden muss, und ein sehr verbreitetes kostspieliges Geheimmittel, welches von Frankreich aus in Ruf gekommen ist, besteht nach neuerlich angestellter Analyse aus pulverisirten Mäusen. Bavaria 1, 464. Nun behauptet zwar die uns persönlich umgebende schweizerische Volksmedicin, Bettnässer seien dadurch zu heilen, dass man ihnen eine in Wein destillirte Maus zu trinken gebe; allein man lasse sich hiebei nicht dadurch irreleiten, dass auch schon Plinius NG. 30, c. 47 den Kindern, welche

den Harn nicht verhalten können, gepulverte Mäuse unter der Speise zu essen verordnet; denn diese Heilmethode gründet sich auf ein blosses Wortspiel und steht nicht in entfernter Beziehung zu jenem dem Thiere beigemessenen, dämonischen Charakter. Nach dem Medicinischen Lehrsatze, Gleiches mit Gleichem zu vertreiben, schlägt nemlich Plinius vor, die Muskelschwäche am Halse der Harnblase durch eine eingenommene Maus zu heilen, da latein. musculus beides ist, Muskel und Mäuslein. Die deutsche Medicin nahm nicht bloss diese gleiche Benennungsweise, sondern auch die daran geknüpfte Heilmethode an, um so mehr, als beides ursprünglich unter dem Einflusse der wälschen Universitäten zu Padua und Montpellier stand. Peter Vffenbachs Newes Artzneybuch ist eine Uebersetzung der Chirurgie des Hieron. Fabricius ab Aquapendente, Professors zu Padua, und schreibt daher (Frankfurter Ausgabe von 1605, S. 127) wörtlich nach: "Das Bettharnen der Kinder entsteht, wenn das Mäusslin, so umb den Hals der Harnblasen herumbliegt, verletzt wird und dem Willen des Menschen nicht mehr gehorchen kann." Die späteren Aerzte gebrauchen denselben Ausdruck und pflanzen den daran geknüpften Aberglauben fort. "Der Geist kumpt durch die müssly vnd neruen vssgespreitet zum hirn", schreibt der Zürcher Arzt Jak. Rueff, von Empfengknussen, Zürich 1554, Blatt 126b; Johann von Muralt lehrt in seinem Hippocrat. Helvet., Basel 1692, 45: "Wann die junge Kinder so hart verstopft, also dass jhnen der Leib auflauft, so gib jhnen ein wenig Mausskoht mit der Muttermilch ein."

Ein ähnliches Wortspiel scheint nach Nork, Realwörterb. 3, 125, der schon vorhin erwähnten Stelle l. Sam. 6, 5 zu Grunde zu liegen, weil die dorten enthaltenen Stichwörter Pestbeule und Maus im Hebräischen stammverwandt sind und Maus im Syrischen auch ein Geschwür bedeutet.

Der Name Maus, sanskrit mûscha, abgeleitet von der Wurzel mûsch, stehlen, bezeichnet einen Dieb, weshalb denn das indische Gesetzbuch Yajnavalkya III, 214 (übers.

von Stenzler) zustimmend besagt: "Eine Maus wird der Getraidedieb sein, denn wie die verschiednen Gegenstände sind, so sind auch die Gattungen der lebenden Wesen." Das Wort behält diesen Begriff in allen indogermanischen Sprachen bei: mausen bedeutet stehlen. Quasi mures semper edimus alienum cibum, lässt Plautus in den Gefangenen den Schmaruzer sagen. In des Hieron. Bock Teutscher Speisekammer, 1555, sagt das Vorwort:

Mein frischgebachen brot

muoss leiden vil der not

von hunden vnd von katzen,

von meusen vnd von ratzen,

zerhülchen's, schliefen drein,

wolt, sie schwimmen im Rhein!

Die Regeln der Haus- und Landwirthschaft setzen daher seit ältester Zeit für bestimmte Zeitfristen allgemein beobachtete Ueblichkeiten fest, durch die man dem schädlichen Einfluss des Thieres zuvorzukommen glaubte, indem man theils ihm selbst, theils den Geistern opferte, in deren Gefolge es erschien. Deutliche Spuren hievon liegen noch in unseren Fasnachts- und Erntebräuchen. Man darf um Weihnachten und Fasnacht, wo die Elben in Mausgestalt ihre Julzeit, halten (Volksglauben in der Mark), oder wo nach oberdeutschem Glauben Berchta-Holla ihren Umzug hält, nicht spinnen, sonst zerzausen die Mäuse den Flachs. Das Mäuslein beisst! ist ein besonderes Drohwort, gleichwie im Gedichte von den Sieben Schwaben der gewichtigste Fluch lautet: Dass dich das Mäuslein beisst! denn alles was man in der Fasnacht spinnt, das fressen die Mäuse (Aargau). Man darf alsdann die Mäuse auch nicht bereden, sonst stehlen sie das Korn von der Schütte. Anstatt Maus sagt man dann (nach Kuhns Nordd. Sag. pg. 411) Bönlöper, Scheunenbodenläufer, in Dänemark Tede, die Kleinen. Noch im vorigen Jahrhundert hielt man diesen Brauch so fest, dass der dänische Ortspfarrer Laurids Muns († 1774) während der berufenen Weihnachtszeit bei seinen Pfarrkindern stets nur Herr Tede genannt wurde. Handelmann, Nordalbing.

Weihnacht. pg. 13. Die Rindfleischsuppe, die vom Fasnachtsdienstag im Kochkessel übrig bleibt, schüttet man gegen die Kornmäuse in die Mauslöcher. H.L. Fischer, Buch v. Abgl. 1790. 1, 237. In Grochwitz bei Torgau bäckt man die Fasnachtsküchlein. in einer Eisenform, von der es heisst, man stosse mit ihr dem wühlenden Maulwurf die Schnauze ab. Man erkauft also hier das Gedeihen der künftigen Ernte mit einem Opferbrode voraus. Dasselbe gilt in Altbaiern; hier wird dem Gesinde des Hofbauern die Mehlspeise der gebacknen Mäuschen als Fasnachtsgericht aufgesetzt; dafür hat es theils bei Nacht, theils schon vor Sonnenaufgang die Strohbänder für die Garben der Ernte vorauszuflechten; da die Mäuse dieser Nachtarbeit nicht mit zusehen können, so werden auch die Garben vor ihnen sicher bleiben, jedoch vermehren sich die Mäuse, wenn man ihnen über dieser Arbeit flucht. Bavaria 2, 300.

Beim Einbringen des Korns stellt man drei Garben mit den Aehren nach unten gekehrt in die Tenne; dies gehört den Mäusen, die hiemit sich begnügen und den Geizigen heimsuchen mögen. Die Beinchen vom Osterfleischkuchen, welcher aus Teig mit gehacktem Kalbfleisch besteht, streut man gegen das Wühlen des Maulwurfs in dessen frische Gänge. Grohmann, Böhm. Abgl. S. 58. In böhmisch Raudnitz hebt man vom Schmalz, worin man die Fasnachtskrapfen bäckt, bis zur Ernte auf und salbt damit die Räder des Erntewagens. Sobald dieser vor der Scheune ankommt, fragt der abladende Knecht den Fuhrmann: Was fährst du? Dieser antwortet: Die Katze für die Mäuse. Alsdann werden keine Mäuse in die Scheune kommen. Schon die Brosamen vom Weihnachtsmahl schüttet man in die Scheunentenne und spricht: Mäuschen, esst diese Bröckchen und lasset das Getreide in Ruhe! Grohmann, Apollo Smintheus 38. 27. Im Wittgensteinischen wird in die erste Scheunengarbe ein Käse gebunden und der sie Abladende fragt den Fuhrmann Wann haben wir Christtag? Antwort: Ich weiss es nicht. Ei, erwiedert Jener, so wissen die Mäuse auch nicht, wo ich

meine Gerste hinlege. Kuhn, Westf. Sag. 2, S. 187. In des Albertus Magnus Egypt. Geheimnissen Heft 3, 73 heisst es: "Wann du das Korn zum ersten einführst, so nimm die erste Garbe, die du in den Baren legst, in deine rechte Hand und sprich:

Da leg ich dem Menschen das Brot

und allen Mäusen den bittern Tod."

Meklenburger Erntebrauch ist, den ersten Kornwagen nicht abzuhalmen, auf dass die Mäuse das Korn nicht fressen. Schiller, Thier- und Kräuterb. 3, S. 9a.

Hier folgt nun eine Beschreibung der zu verschiednen Jahreszeiten in Mausform gebackenen Zweckbrode.

Mit erstem Frühlingsbeginn nimmt die oberdeutsche Bäuerin junge Salbeiblätter, wickelt sie in Eierteig und bäckt sie in Butter ab; hinten muss dann der Blattstiel gleich einem Mausschwänzchen aus der Nudel vorstehen. Die um dieselbe Zeit für den Marktverkauf gebackenen grösseren Brodnudeln haben eben dieses Schwänzchen, doch ist es ein thönernes, damit die Kinder darauf pfeifen können. Marx Rumpolts Kochbuch von 1581, Bl. 167b wählt zur Einlage in dieses Mehlmäuslein die Pflanzen Bertram, Borrag und U. Frauen Blätter. Noch älter ist folgende Notiz in der Inkunabel Kuchenmaistrey, o.O.u.J. Blatt 19. 20: ein gutz gebachen von Salvey. nim dür leutzbiren vnd mach sie schôn. seüd sie weich vnd stoss sie in einem morsser. bestreich ein saluenblat damit vnd deck ein anders daruber, druck sie auch sitlichen zusammen, dz sie auch bey einander bleiben. mach ein straubenteiglein mit honig vnd wein, zeuch es dardurch vnd bach es. Auch Fischart im Gargantua cap. 8 singt von dieser Nudel:

Bachen wir ein Küchelein,

Meuselein und Streubelein

Und trinken auch den kühlen Wein,

Kaku-kaka-nai,

Dass man fröhlich sei.

In A. Corrodi's Zürcher Idyll De Dokter (Winterthur 1860,

S. 45) heisst es von der städtisch bereiteten gezuckerten Mausnudel:

Müsli, weischt, du kännsch es ja wol, sind gar nid z' verachte,

Wämmä de Zucker nid spart und wämmä cha gnueg devu esse.

Beim aargauer Landvolke im Frickthal und im Hallwiler Seethal wird nach beendigtem Kornschnitte dem Gesinde die Müslinudel aufgestellt, aus Kernenmehl, schmalzgebacken. Unter demselben Namen wird sie in Altbaiern demjenigen unter den Dreschern heimlich zugeschoben, auf den der letzte Drischelschlag gefallen war, und er heisst davon beim Dreschermahl scherzweise der Maushüter. Panzer, BS. 1, no. 405. In Frankreich schätzt man einen in Arras, Béthune und St. Quentin einheimischen Käse-Pfannkuchen Namens Ratons, beides bezeichnend, Ratte und Eierkuchen. Ein Steinbild in der Nürnberger Lorenzokirche mit einer eignen Sage wird für eine Ratte mit der Bratwurst angesehen. Schöppner, Sagb. no. 641.

Gertruds Name verräth sich zwar bei diesen Erntespeisen nicht, wohl aber werden die ihr geweihten Pflanzen und Wappenthiere in den weiteren Erntebräuchen, besonders beim Heuschnitt erwähnt. In Schwaben sammelt man am Himmelfahrtstage Mausöhrleinkraut, gnaphalium dioicum, und hängt es gegen Blitzschlag in Haus und Stall. Meier, Sag. 2, 399; in Baiern wirft man Frauenschühlein, melilotus, und Gertrudenkraut gegen Abwendung des Hagelschlags ins Sonnewendfeuer. Panzer, BS. 1, 212. Gertruds Wagen und Gespann ist in nachfolgenden Sagen hervorgehoben. In der Stadt Grimmen fährt in der Walburgisnacht ein mit vier Mäusen bespannter Wagen umher, dessen Kutscher hahnenfüssig ist. Temme, Volksag. von Pommern und Rügen 329. Hier ist in des Kutschers Gestalt Donars Erntehahn nicht zu verkennen. Beim Prinzessinnen- oder Teufelsstein, einem Felsblock bei Köpenick, erscheint abwechselnd der Geist eines alten Mütterleins, das gebückt am Stabe geht, oder einer Prinzessin, die ihr Haar kämmend sich im Spiegel des dortigen Sees beschaut und dreimal um die Köpenicker

Flur getragen zu sein verlangt; dabei kommt ein schwer geladner Heuwagen heran, von vier kleinen Mäusen gezogen. Kuhn, Märk. Sag. no. 111. Bei Marne in Südditmarschen fliesst der Geldsot, in welchem ein Braukessel mit einem grossen Schatz versenkt liegt; nächtlich kommt dorten ein Fuder Heu gefahren, von sechs weissen Mäusen gezogen und vom Schimmelreiter begleitet. Letzterer aber ist bekanntlich Wuotan selbst. Bechstein, DSagb. no. 171. Wie hier der Geldsot eine Wunderquelle ist, so kennt solche nach Gertrud benannte Heilquellen besonders die Legende der Rhön- und Spessartgegenden, wo die Heilige als Karls des Grossen Tochter gilt. In den gekräuselten Wellen der Mainströmung glaubt man dorten nächtlicher Weile Gertrudens Fussspuren schimmern zu sehen;[[21]] wo sie zum Gebete niedergekniet hat im Felde bei Rohrlaha, bleibt die Stelle ewig unbebaut (Herrlein, Spessartsag. 68. 126. 127. 131.) Ihr daselbst kirchlich verwahrter Mantel wird Frauen umgehängt, welche Mütter zu werden wünschen. Das Gebet zu ihr lindert die Geburtsschmerzen und fördert die Geburten. Jac. Schmid, Leben hl. Hirten und Bauern, 3. Th. 52. Der Kinderbringer Storch ist daher unter ihren Attributen und sitzt an den ihr geweihten heilkräftigen Quellen. Zingerle, Gertrudenminne S. 50. Schöppner, Bair. Sagb. n. 976. In der Gertrudenkapelle zu Bamberg hörte jener Edelknabe, der auf den "Gang zum Eisenhammer" (Schillers Ballade) geschickt war, erst noch die Messe und entgieng darüber dem Tode. Schöppner, no. 207. Während sie auf Schloss Karleburg am Main einen Frauenconvent gründete,

wurde ihrem Priester Atalong von Schulknaben die Stelle verrathen, wo die Leiche des hl. Kilian unrühmlich verscharrt in einem Rossstalle lag. Da Atalong dieser Nachricht misstraute, so liess ihn dafür der Heilige erblinden, stellte ihn jedoch alsbald wieder her, nachdem er einer ihm zu Theil gewordenen Vision Folge gegeben hatte. So meldet die alte Aufzeichnung (bei Ign. Gropp, Collectio Scriptor. Wirceburg. 799), ohne jedoch den Vorgang der Heilung Atalongs zu berichten; letzteres thut die lebende Sage. Gertrud gieng eines Tages von der Karleburg nach dem benachbarten Waldzell, an dessen Klösterlein sie Stiftungen gemacht hatte, und blieb erschöpft und dürstend in der Einsamkeit stehen, als plötzlich ein Storch vor ihr aufflog. Zur Stelle entsprang die Gertrudisquelle, deren Wasser kranke Augen heilt. Bavaria IV. 1, 493. Archiv des histor. Vereins von Unterfranken 13, 154.

Nun ist noch des Brauches zu gedenken, der altherkömmlich, weitverbreitet, und langandauernd gewesen ist: Gertrudis Minne zu trinken.

Der Germane weihte dem Angedenken (ahd. minni ist memoria) seiner Götter und Stammhelden bei Opfern, Hochzeiten, Abschiedsschmäussen feierlich den ersten oder letzten Becher. Wie die Alemannen eine Kufe Bier sotten, um sie auf Wuotans Minne zu trinken, meldet aus der ersten Hälfte des siebenten Jahrhunderts die Lebensbeschreibung des hl. Columban. Nach der Bekehrung trank das unter christlicher Hülle fortlebende Heidenthum "Krists, Michaels, Marien, Gertruden und Johannis-minni." Grimms Myth. 53 ff. hat darüber aus unsern einheimischen Quellen vom 11. Jahrhundert. an eine Reihe Belegstellen gesammelt, deren Ergebniss ist, dass es im Mittelalter vorzugsweise zwei Heilige waren, zu deren Ehre Minne getrunken wurde, Gertrud und Johannes der Evangelist. Dasselbe zeigt auch J.V. Zingerle's Schriftchen: Johannissegen und Gertrudenminne (Wiener Jahrbücher 1862). Heut zu Tage scheint diese

kirchliche Sitte nur, noch für Johannis zu gelten (so z.B. im Kanton Wallis); Gertrudenminne zu trinken war in Holland und Belgien allgemein üblich gewesen und soll dorten aus Abscheu vor dem Andenken an den Verräther Gysbrecht abgekommen sein, dem sein Schlachtopfer, Graf Floris von Holland, vergeblich Gertrudenminne zugetrunken hatte. Wolf, Ndl. Sag. S. 699. Den Johannissegen pflegt man heute des Reiseschutzes wegen zu trinken; mit dem Gertrudensegen aber glaubte man für den Fall, dass der Scheidende von seiner Reise nicht mehr zurück kehre, sich eine gute Herberge jenseits zu sichern, da der abgeschiednen Seele ihre erste Nachtruhe eben bei St. Gertrud angewiesen ist; und darum wurde diese Heilige aus einer Seelenherrin später eine Patronin der Reisenden. Das Glas, aus dem man in den Niederlanden ihre Minne trank, hatte die Form eines Schiffchens (Wolf, Beitr. 2, 108), als Andeutung nicht bloss der weiteren Reisen, die man in den Niederlanden zu Schiffe machte, sondern jener weitesten, welche über den Todesstrom führt und unsern Ausdruck Absegeln für Sterben zur Folge hat. Von dieser Seelenüberfahrt handelt Deutscher Glaube und Brauch 1, 173, und dorten ist die redende Stelle aus einer Einsiedler Handschrift angeführt: "wenn die menschen sterbend, so far die sel durch das wasser." Darum auch zeigte das schon erwähnte Strassburger Kirchengemälde St. Gertrud mit zu Schiffe, und die Gertrudenlegende (A. SS. sec. II. pag. 465) berichtet, wie die Schiffer des Klosters Nivelles bei heiterem Wetter einem wundersam grossen Fahrzeuge begegnen, das sich rasch in ein stürmendes Meerungeheuer verwandelt und ihnen den Untergang droht, aber sogleich versinkt, als sie dreimal Gertrudens Hilfe anrufen. Aus solchem schiffähnlichem Trinkgeschirre schenkte Gertrud den Schatten den Erinnerungstrank, wie Freyja und ihre Walküren den Asen den Meth. Ein Nachklang an dieses in Walhall ausgeübte Mundschenkenamt liegt noch in der Gertrudenlegende der Bollandisten, A. SS. tom. I. ad diem VI. Januarii, wornach

eine andere Gertraud, welche hier nur Venerabilis genannt ist, in ihren jüngeren Jahren Kellnerin in verschiednen Wirthshäusern Hollands gewesen war; sie trägt den Beinamen Von Osten, weil sie unter den Zechliedern der Wirthsgäste das geistliche Lied "Es taget auf von Osten" gedichtet und öfters hergesungen hat. Sie war ein Bauernkind aus dem Dorfe Voorburch, zwischen Delfft und Grafenhaag, trat mit ihren beiden Freundinnen Lielta und Diewardis, die gleichfalls Dienstmädchen gewesen, in das Beginenhaus zu Delfft und starb hier 1358. Bei andern Autoren wird sie abwechselnd eine Beata und Sancta genannt.

Die in der Figur Gertruds enthaltenen Züge der Walküre sind ausser ihrem schon anfangs erklärten mythischen Namen nachfolgende.

Sie ist des von ihr erwählten Mannes schützender Gefolgsgeist, seine Fylgja, lässt sich mit ihm in ein Ehebündniss ein, schützt ihn mit Gefahr ihres eignen Lebens vor den feindlichen und den höllischen Waffen, reitet für ihn ins Gefecht und hinterlässt ihm, wenn sie nach dem Schluss des Schicksals verschwinden muss, einen gesegneten Besitz und tüchtige Nachkommenschaft. Die elbische Waldfrau, welche des Hofbauern Untermoser Eheweib geworden war, hatte diesem untersagt, sie je um ihren Namen zu befragen. Einst aber war er Ohrenzeuge, wie ein an der Wiese vorbeigehendes Waldfräulein im Gespräche mit seinem Weibe dieses Gertrud nannte; unvorsichtig wiederholte er ihr diesen Namen und weinend musste sie hierauf Mann und Kinder für immer verlassen. Scheidend ergriff sie einen Eisenstab, stiess ihn ins Feld und sprach: So lange von dem Stecken noch eine Ader bleibt, wird jeder Untermoser gut hausen. Und dies Wort ist bis heute in Erfüllung gegangen. Panzer, BS. 2, S. 46. In Wolfs Ndl. Sag. no. 42 und 358 ist ein ähnliches Bündniss im Tone der Ritterzeit erzählt. Riddert von Berkhof hatte sich dem Teufel verschrieben, veranstaltete nach abgelaufener Frist seinen Freunden ein grosses Abschiedsmahl; trank ihnen zum Schlusse einen Becher Geerdenminne

zu und ritt darauf der Linde beim Kirchhofe von Heppener entgegen, wo der Böse bereits seiner wartete; doch der Satan konnte ihm nichts anhaben, denn nun sass hinter Riddert die hl. Gertrud, deren Minne er vorhin getrunken, selbst mit zu Rosse. Dieser Vorfall war später in der Heppener Kirche künstlich gemalt zu sehen. Mittelhochd. Dichtungen tragen ähnliches auf die hl. Maria über, die als Schutzgeist eines Gefährdeten hinter ihm mit zu Rosse sitzt; mehrfache deutsche Sagen lassen sie sogar mit oder für den Schutzbefohlnen aufs Turnier ziehen und in Gefechten mitkämpfen. Wolf, Beitr. 1, 192, folgert daraus, dass Maria hier an die ursprüngliche Stelle der kriegerischen Frouwa getreten sei, welche als Valfreyja zwar auf ihrem Götterwagen mit zum Kampfe fuhr, allein als Vorsteherin der reitenden Walküren gleichfalls das Schlachtross besteigt und sich ins Schlachtgetümmel mischt; eben dahin sei denn auch jene Kirche in Vorderditmarschen zu deuten, deren Name ist Unse leve Fru up dem perde.


Im Jahre 1867 hat J.V. Scheffel, der Verfasser des Ekkehart, auf einem gallorömischen Grabfelde zu Rheinzabern das Stellfigürchen einer aus Terracotta geformten Maus nebst demjenigen eines Hähnchens ausgegraben und beides uns zu einem höchst schätzbaren Andenken übersendet. Der Fundort, das alte Tabernae Rhenanae, der ergiebigste an römischen Alterthümern in der ganzen Rheinpfalz, hat jüngst auch zur Entdeckung eines wohlerhaltnen Brennofens geführt; man erhob daselbst eherne Legionsadler, Broncefigürchen, Meilensteine, Münzen aus dem 4. Jahrhundert. Im benachbarten Orte Hert wurde 1829 ein dem unsrigen ganz gleiches Hähnchen aus Glas gefunden. Die Figur der Maus ist phallisch dargestellt und entspricht dadurch dem Hahn, dem Symbol der Regenerationskraft. Die Maus trägt eine Schelle um den Hals gebunden; denn nach Apollodor (Fragmente) wurde für Sterbende Erz an einander

geschlagen und die Spartaner geleiteten ihre Könige unter Glockenton zu Grabe; "der Erzklang sollte die Seele reinigen und entzaubern von der Macht der Dämonen." Creuzer 4, 401. Ebenso verkündet das Krähen des Hahnes das Licht des neuen Tages.

Ein zweites Abbild, die Maus mit den vier Jungen, ist uns durch Hn. Hermann Brunnhofer aus Oxford überbracht worden. Die Figur ist aus ungesäuertem Teig gebacken und mit Eierklar glasirt. Die Landleute aus der Umgegend von Oxford pflegen derlei Brodfigürchen auf den dortigen Weihnachtsmarkt zum Verkauf zu tragen. Sie sind zwar nicht zum Essen bestimmt, sonder dienen als Zierat auf Thür- und Kamingesimse, finden aber ihr Ende zuletzt doch im Kindermagen.


FUSSNOTEN:

[13]

Selbst der altmexikanische Glaube schon schrieb vor: Ein Wechselzahn muss in ein Mausloch gelegt werden, sonst wachsen die Zähne nicht mehr. Waitz, Anthropol. der Naturvölker 4, 165.

[14]

Firmenich, Völkerstimm. 3, 112.

[15]

Simrock, Kinderbuch 1, no. 338. 340.

[16]

Simrock, Kinderbuch 1, no. 338. 340.

[17]

Curtze, Waldecker Volksüberlief. S. 285.

[18]

Alemann. Kinderlied.

[19]

Harun al Raschid träumte, alle seine Zähne seien ihm ausgefallen; der Traumdeuter erklärte dies dahin, der Monarch werde alle seine Verwandten überleben. Rosenöl, oder Sagen des Morgenlandes 2, 85. Das Wahrzeichen der indischen Todesgöttin Kali ist der schwarze Zahn, der alles benagende Zahn der Zeit.

[20]

In dem Gebetbuch Himmlisches oder Geheiligtes Jahr, Einsiedeln bei Reymann 1686, Erster Theil, ist unterm 28. März der hl. König Guntram abgebildet, schlafend unter einem Baume neben einem Bächlein. Ueber dieses legt der Kriegsknecht das Schwert, und die aus Guntrams Munde gekommene Maus läuft darüber dem Berge zu, der im Hintergrunde mit offnem Thore sich zeigt. Das dazu gesetzte Gebet ruft den hl. Guntram an, weil er seine Schätze den Armen geschenkt und dafür einen ihm von Gott im Schlafe gezeigten verborgnen Schatz erworben habe.

[21]

Die hl. Jutta von Sangershausen, erst eine Kammermagd der hl. Elisabeth von Thüringen, nachher Dienstmagd auf einem Hofe bei Kulm in Preussen, überschritt hier die grossen Teiche, die zwischen ihrer Wohnstatt und der Stadt lagen, jeden Sonntag, um rechtzeitig in die Messe nach Kulm kommen zu können. Noch lange nach ihrem Tode war ihre Fussspur in jenem Gewässer wahrzunehmen. Jac. Schmid, Kleine Ehehaltenlegend 2, 39. So sieht man in mondhellen Nächten auf den Wellen der Aare bei Gauenstein die Fusstapfen schimmern, welche hier Königin Berta zurückgelassen. Aargau. Sag. no. 2. Sämmtliches erinnert an Homers silberfüssige Thetis und goldenfüssige Hera.