Sechster Abschnitt.
Walburg, die Göttin der Zeugung und Ernährung.
Der Ordensneid der Jesuiten gegen die von ihnen unabhängigen Diöcesen und Stifte gab den ersten Anlass, die Walburgislegende in ihrem Gesammtzusammenhang zu betrachten, während man sie bis dahin fast nur in ihrer lokalen vereinzelten Tradition aufgefasst und dargestellt hatte. Die Ingolstädter Jesuiten, unter ihnen Gretser voran, wollten der niederdeutschen Walburg nicht die kirchliche Geltung der oberdeutschen zuerkennen. Jene, behaupteten sie, sei die sg. Walburga Westfalica, eine gewesene Nienheerser oder Herswender Nonne im Kloster bei Paderborn, die Schwester des dortigen Bischofs Liuthard, die um 840 gelebt habe und nebst ihrem Bruder 877 von den Vandalen erschlagen worden sei. Sie sei nur selig gesprochen worden, dagegen die Eichstädter Walburg sei bereits im J. 779 gestorben und canonisirt; erst ihr Ruhm habe jener westfälischen Namensschwester zu einigem kirchlichen Ansehen verholfen. Diesem Vorgeben steht indess in der Kirchengeschichte Niederdeutschlands alles Mögliche entgegen. Der grössere Theil der dortigen alten Stiftskirchen ist der hl. Walburg schon seit so alter Zeit geweiht, dass man daselbst von der Walburgiskirche zu Gröningen behauptet, sie sei ein Heidentempel der Göttin Walburg gewesen, und dass man in der Walburgiskirche zu Veurne (Diöcese Ypern) sogar noch die Stelle zeigt, wo dieser Göttin Menschenopfer gebracht worden sein sollen. Wolf, Ndl. Sag. no. 309, S. 696. Bollandisten l.c. 522. Die Annahme eines sehr hohen Alters dieser Kirchen wird zugleich durch ihren Baustil unterstützt; die
zu Gröningen ist eine Rotunde mit thurmähnlichen Mauern und steht auf einem Gange, welcher unterirdisch bis zum Nachbardorfe Helgen führen soll. Diejenige zu Antwerpen, in der dortigen Altstadt gelegen, heisst Burg (castrum), in ihrer Krypta soll Walburgis auf ihrer Herreise aus England gewohnt und die Gastfreundschaft der Stadt genossen haben. Je weiter man nun den Walburgiscult nordwärts verfolgt, um so mehr tritt seine heidnische Abkunft hervor, und Walburg nimmt da nebst ihrem bischöflichen Bruder die vergröberte Gestalt der Riesen an. Schon im Harz wird Wilibald ein Hüne genannt (Pröhle, Harzsag. 1, 275); um Harlem aber gilt Walburg als die Heerden weidende und Strandräuber vertilgende Riesin Walberech. Seeräuber ersäuft sie, Viehdiebe frisst sie lebendig auf; dann nimmt sie ihre Ochsen unter den rechten Arm, ihre Rosse unter den linken, steckt die Schafe zusammen in die Haare ihres Hauptes und geht so in einem Schritte von Holland nach England hinüber. Wolf, Ndl. Sag. no. 28. Als eine gleich ungestüme Heidenfrau, menschliches Mass überschreitend, gilt Walburg in Schweden, wovon in Wedderkop's Bildd. a.d. Norden, 2. Th. die Rede ist. Nicht anders erzählt die, irische Legende von der Hexe Moll Wallbee in Beeckmakshire, sie habe das Schloss Hao in einer Nacht erbaut und die Steine dazu von Dollgellen in der Schürze hergetragen. Als ihr dabei im Laufen ein Kiesel in den Schuh kam, schleuderte sie ihn heraus; er fiel auf den Kirchhof von Clowes, drei Meilen von Dollgellen, da liegt er noch, neun Fuss lang und einen dick. (Vulpius) Curiositäten Bd. 8, 240. Endlich hat sich jene Walburga Westfalica sogar als eine Antwerpner Venus herausgestellt, deren Abbildung in Wolfs Beiträgen 1, Tafel II, Figur 1, lehrt, dass sie keineswegs die antike Venus gewesen ist, sondern ein deren antiken Namen tragendes deutsches Götterbild. Es ist ein über dem Antwerpner Steenport in die Mauer eingelassenes, halb erhaben gehauenes Steinbild, das noch in seinen ursprünglichen
Umrissen zu erkennen, in seinen Besonderheiten aber abgemeisselt ist; dasselbe hat langes Haar, hebt beide Arme bis zur Kopfhöhe anbetend empor und zieht die aus einander gespreizten Beine herauf. Dass es ein Götterbild war, urtheilt Wolf, l.c. 107, darin stimmen alle älteren Geschichtschreiber Antwerpens überein, unter denen auch der berühmte Bollandist Papebrochius; dafür spricht ferner die allgemeine Verehrung, deren es genoss, dafür zeugt auch, dass unfruchtbare Frauen ihm Kränze und Blumen opferten, die Manneszeichen, die es phallisch trug, abschabten und als Heilpulver tranken, um bald des Mutterglückes theilhaftig zu werden. Davon berichten Mart. Zeiller, Itin. Gall. Bl. 527; Goropius Becanus, Origin. Antverp. pg. 26; J.B. Gramaye, Antiquitt. Antverp. lib. II, pg. 13, und selbst die Bollandisten III, 521. Bei dem geringsten Zufalle, sagt Becanus, welcher Antwerpner Frauen begegnet, ob sie ein Küchengeschirr zerbrechen, oder sich die Zehe verstauchen, rufen sie ohne weiteres dieses priapische Bild laut an, und selbst bei den Anständigsten ist solche alte Unsitte noch im Schwange. Die Ortslegende, deren Gramaye erwähnt, erzählt, dass der hl. Willibrord, als er hier die Bekehrung begann, die heidnische Anbetung dieser steinernen Walburgis schon vorgefunden und an ihrer Stelle den Dienst der hl. Walburgis eingeführt habe. Die Heiden hätten jedoch von diesem Idol ihrer Venus nur sehr zähe abgelassen, und daher rühre denn der bei den dortigen Weibern andauernde schmutzige Brauch, deren Hartnäckigkeit in Sachen des Aberglaubens allbekannt sei. Somit steht der Cult einer vorchristlichen, norddeutschen Walburgis fest, welche in der Mönchsprache Venus und, da sie phallische Abzeichen trug, Priapus genannt worden ist. Ihre Hermaphroditengestaltung entspringt aus den ursprünglichen Grundbegriffen der eddischen Götterlehre, zu Folge welcher die Gottheit doppelgeschlechtig ist, um sich selbst ins Unendliche fort zu erzeugen. Dem Urriesen Ymir erwuchs unter dem linken Arme Mann und Weib. Tuisco, der vaterlose Stammgott,
erzeugt aus sich selbst den Sohn Mannus. Die Ackergöttin Walburg musste doppelgeschlechtig sein, wie die Pflanze und das Samenkorn ein Zwitter ist. Als weiblicher Liebesgott erscheint sie priapisch, gleich dem männlichen Liebesgotte Freyr, (ahd. Frô), welchen Adam von Bremen Fricco unter der ausdrücklichen Beifügung benennt, er werde phallisch abgebildet, walte über Regen und Sonnenschein und stehe den Werken des Friedens und der Ehe vor: cujus simulachrum fingunt ingenti priapo; si nuptiae celebrandae sunt, sacrificia offerunt Fricconi. Sein Name gründet in der Wurzel prî = freien, woraus auch Πρίαπος, selbst stammt. Freyrs Schwester Freyja (gleich der altslavischen Prija = Venus) ist daher die Ehefrau ausschliesslich. Es ist nun gewiss ausserordentlich bedeutsam, dass sich ganz dieselbe Verehrung heidnisch-phallischer Bildwerke im Eichstädter Gebiete, als dem süddeutschen Schauplatze der Wirksamkeit der hl. Walburg, wieder findet. In dem zwischen den Städten Eichstädt und Weissenburg am Ausgänge des grossen Weissenburger Waldes gelegnen Dorfe Emmetsheim findet sich unter mehrfachem römischem Grundgemäuer im Garten des dortigen Wirthshauses ein antiker Steinwürfel, dessen eine Seite die Grabinschrift einer römischen Ehefrau, die andere die eines Merkuraltares trägt. Letztere zeigt die Herme einer stark gebrüsteten Frau; auf der andern ist eine nackte Figur sitzend dargestellt mit aus einander gespreizten Beinen, beide Hände am Phallus haltend. Beide Figuren sind an den Einzeltheilen vorsätzlich verstümmelt. Noch im vorigen Jahrhundert setzten sich unfruchtbare Weiber auf dieses Steinbild, um dadurch zum Kindersegen befähigt zu werden, und als der Markgraf von Ansbach am 7. April 1721 hier durchreisend den Stein besah und um ihn für seine Kunstsammlung anzukaufen, sich an den Eichstädter Bischof wendete, wurde ihm die Antwort, dass diese Gruppe als Nahrung des Wirthes in statu quo zu belassen sei. Sax, Gesch. v. Eichst. 1857, S. 287. Von der Mönchsweisheit wurde dieses Bild abwechselnd bald der
Götze Miplezeth (1 Könige 15, 13), bald Priapus genannt. Falkenstein, Nordgau. Alterth. 86. "Der Phallusdienst, sagt Grimm, Myth. 1209, entspringt in der Kindheit der Völker aus einer schuldlosen Verehrung des zeugenden Prinzips, die eine spätere, ihrer Sünde bewusste Zeit ängstlich mied." Voltaire war der Urheber der tiefen Bemerkung, dass schlüpfrige religiöse Ceremonien nichts gemeinsam haben mit schlüpfrigen nationalen Sitten. In dem Essar sur les moeurs ch. 143, Oeuv. 17, 341 sagt er: "Unsre Vorstellungen über Wohlanständigkeit veranlassen uns zu glauben, ein uns schamlos erscheinender Brauch könne nichts anderes als eine Erfindung der Zügellosigkeit sein. Allein es ist unglaublich, dass Sittenverderbniss jemals bei irgend einem Volke die Stifterin religiöser Ceremonien gewesen wäre. Im Gegentheile ist es verbürgt, dass dergleichen Bräuche bereits in den Zeiten der Sitteneinfalt entstanden und dass man dabei keinen andern Gedanken hatte, als die Gottheit in dem uns von ihr gegebnen Lebenssymbole zu verehren. Ein derartiger Feierbrauch hatte den Zweck, die Jugend für ihre Reife zu begeistern und kann nur einem ergreisten Gehirne in abgeklärten, abgefeimten oder moralisch ruinirten Epochen lächerlich erscheinen."
Folgerichtig wurde nun die Göttin der Fruchtbarkeit nicht nur in ihrer Körpergestalt priapisch gedacht, sondern auch die von ihr kommende Frucht, in gleicher Weise künstlich geformt, zum Genusse dargeboten. Daher weihte man den Gottheiten des Ackerbaues phallisch geformte Kuchen. Priape, aus Weizenmehl gebacken, erwähnen Martial (XIV, 61: Priapus siligneus; IX, 3: siligneus cunnus) und der Scholiast zu Juvenal II, 53: membra virilia, de melle et fermento composita. Unseren eignen Vorfahren war diese Sitte keineswegs fremd. Joh. Campegius De re cibaria 1560 schreibt: aliae placentae repraesentant virilia (si diis placet); adeo degeneravere boni mores, ut etiam christianis obscoena et pudenda in cibis placeant. Sunt etiam quos cunnos saccharatos appellent. Dass solcherlei Kuchen (miches), die
weiblichen Theile darstellend, vorzugsweise in der Auvergne gebacken wurden, bemerkt Dulaur De divinites generatrices 226 und fügt noch hinzu: dans plusieurs parties de la France on fabrique des pains, qui ont la figure du Phallus. Aehnliche Landesbräuche umgeben uns noch ringsum, man braucht nur die Augen zu öffnen. Das Milchbrod der fränkischen Eierweckchen, in bekannter zweideutiger Form gebacken, heisst in Ansbach Klärungsweck; dieser Name wird daselbst nicht etwa von Eierklar abgeleitet, sondern von der Clairon († 1803 zu Paris), des letzten Ansbacher Markgrafen Hofmaitresse, deren Lieblingsspeise diese feine Brodgattung gewesen sein soll. Archiv f. Oberfranken V. 2, 93. Das altbairische breite Eierweckel wird als Geschenk nur an Mädchen gegeben, dagegen das stangenartige Weissbrod des Kipferl nur an Bursche. Dass man in den oberbair. Gegenden beiden Brodformen sexuelle Bedeutung unterlegt, beweisen die um Rosenheim und im Chiemgau hierüber gesungenen Schnaderhüpfeln, in denen das stuprum variirt wird. Aehnlich ist das obscöne Gebildbrod der Meissner Fummeln, über welche Schäfer im ersten Theil der deutschen Städtewahrzeichen 1858 gehandelt hat, und dasjenige der verschiedenartig, stets schimpflich zubenannten Nonnenkräpflein. Deutsche Festbrode, gebacken in Gestalt der in den Cannstatter Grabhügeln aufgefundenen Frôbildchen, welche das gleiche Symbol des Belebens und Wiedererweckens an sich tragen (Memminger, Beschreib. des OA. Cannstatt, 18), heissen in Oberdeutschland Mannoggel, Nikolause, Klausmänner, Hanselmänner, Grittebenze; in Niederdeutschland Sengterklas, Klaskerlchen u.s.w. Die weibliche ähnlich gestaltete Brodfigur wird gewöhnlich nur die Frau genannt. Beiden ist gemeinsam, dass ihnen Augen, Brüste, Rockknöpfe aus Korinthen eingesetzt sind, dass sie beide Arme in die Seite einstemmen und ihre Beine weit aus einander spreizen; daher auch ihr Name Gritte, Grittebenz, altbair. Beingrattel, varus oder valgus. Es ist in ihnen, also die Stellung der beiden vorhin beschriebenen Steinbilder
zu Antwerpen und Emmetsheim typisch wiederholt. Alle diese Formen sind symbolische, dem mythischen Zeitalter und den Urvorstellungen der Menschheit angehörende, und müssen eben darum gegen unser Sittengesetz verstossen, weil dieses im Bewusstsein des Naturmenschen noch gänzlich schlummert.
Bis hieher ist verspart geblieben, den Namen Walburg zu erklären und mit den Hauptzügen seines Mythus in Verbindung zu bringen. Wie der bisher vorgetragene Sagenkreis in zwei Hälften sich scheidet, in ein lichtes Frühlingsgebiet und in ein dämonisches Nachtreich, so führt auch die Etymologie des Namens in diese Doppelwelt. Die schönere Seite mache hier den Beginn, weil sie sprachlich die ergiebigere ist.
Wenn der liebende Wuotan im Frühlingsbeginne seine Vermählung mit der Himmelsherrin (Freyja, Frouwa) feiert, so trägt er den ahd. Beinamen des Liebesgottes Wunscio, nordisch Oski, und ist begleitet von einem Liebesheere von Brautjungfern, welche die schwanenweissen Wünschelfrauen, Schwanenjungfrauen sind, nord. ôskmeyjar, Wunschmädchen. Das Wort Wunsch stammt aus wunia, bedeutet Lust und Liebe, und führt uns sogleich 1) auf Walburgis Mutter Wunna, aus deren Namen die Lateinlegende eine Bona mater, und die niederdeutsche Legende eine Frau Guta bildete (Gretser 749), eine in der deutschen Heldensage vielgenannte Ahnfrau der Heldengeschlechter. Sodann führt Wunsch 2) auf den Namen eines der Brüder Walburgis, Wunnibald: der den Wonnewunsch Gewährende.
Als Wunnas Oheim sodann wird in dem von Othlon verfassten Leben des Bonifacius dieser Bekehrer Winfrid genannt (der Frieden Gewinnende); diese beiden Namen alliteriren zum Namen Wunnibald und stellen also durch gleichen Wortstamm und gleichen Anlaut, auch sprachlich eine Sippe dar. Des andern Bruders Wilibald Name knüpft sich an den eddischen Beinamen Odhins, Vili, opes und felicitas bedeutend. Dem Namen Winfried entspricht der ahd. Frauenname Winburc, demjenigen Wilibalds eine ahd.
Wiliburc und Willahild; und vorgreifend sei bemerkt, dass die englische Königstochter Werburga auch Walburg hiess: Wêrburga, Wulferi, Merciorum regis et Ermenildae filia, quae saepius etiam Walpurga dicitur. Basnage bei Canisius tom. II. 3, 266. Walburgis Vater heisst Richard, d.i. dives, potens, wieder allmächtige Gott gleicherweise der Reiche genannt wurde. Sämmtliche Namen in Walburgis' Sippschaft sind also nächstverwandt mit den höchsten Götternamen. Der Himmel nun, in den jenes Liebesheer geflügelter Jungfrauen das Götterpaar geleitet, ist Walhall, nordisch Valhöll, und der silbergedeckte Saal darin heisst Valaskiâlf, der Wunschhof, also eine Wahlburg, eine Burg der Auserwählten. In gleicher Namensbildung wie Walburg besteht der angelsächsische Name der Friedensgilde: Fridborg, d.i. Friedensbürgschaft.
Allein jenem Wonnemonat der Vermählung Odhins geht des Gottes stürmische Brautwerbung im Mittwinter (den Zwölften) voraus, wo die leidenschaftlich Wünschenden zu Verwünschten, die Liebenden zu Wüthenden, ihre Hochzeitsreigen zu geschlechtlichen Hexentänzen werden (Grimm, Ueber den Liebesgott). Dann ändert sich die Bedeutung des Wortes wal (von valjan, eligere). Die Gemahlin Freyja wird eine Valfreyja, die sich mit Odhin in die Leichen der auf der Walstatt Erschlagnen theilt, die Jungfrauen ihres Gefolges sind die Walküren, welche die auf dem Wal Gefallnen auswählen und für den Himmel erküren. Die Wolen, sonst nach der Seherin Wala genannt, werden schicksalspinnende Parzen. Nun sind es Schildjungfrauen, die unter Wetterleuchten durch den Nachthimmel niederreiten. Sie stehen unter dem Helme, ihre Brünne ist blutbespritzt, Feuer zuckt auf ihrem Speer. Noch fliesst Thau aus den Mähnen ihrer Rosse herab und reiche Ernten trägt dann der wildbefeuchtete Boden; aber zugleich flattert das Schlachtfeld von windgebauschten weissen Kriegsmänteln, als fiele ein dichtes Schneegestöber, und von ihren Zaubergesängen
verwandelt sich der Nachtthau in Reif und Hagelschlag. Noch ist ihre Gestalt schwanenweiss, geflügelt umschwebt Kara ihren im Kampfe stehenden Helgi so nahe, dass dieser zum Hiebe ausholend, sie selbst in den Fuss trifft. Allein dieser Schwanenfuss wird zugleich verkehrt in den gegen die Hexen auf die Thüren gekreideten Trudenfuss, oder es erscheint das leichenankündende Gespenst des Holzweibleins gar in Gestalt einer weissen Gans (Schönwerth, Oberpf. Sag. 1, 268). Der Schwanenfuss wird zum Gänsefuss verkrüppelt, aus der Königin Berta wird eine Königin Gansfuss, Reine pédauque. Wollen sich die Bollandisten III, 516b erklären, warum die hl. Werburg so häufig mit der hl. Walburg verwechselt werde, so sehen sie den Grund hievon darin, dass beiden die Wildgänse gehorsam gewesen seien. Dahin gehören nun die vielfachen Wunder, die am Walburgisgrabe zu Monheim an Klumpfüssigen geschehen, wie z.B. eine Frau Manswind aus dem bairischen Markt Trutinga (Wassertrüdingen) dorten Heilung ihres Klumpfusses gesucht und gefunden hat. A. SS. l.c. 304. Die den Thau bescheerende, schwanenfüssige Walküre und der für seinen gelähmten Fuss im Thau Heilung suchende Kranke erscheinen sachverwandt; in der L. Bajuv. 4, 10 und 5, 16 wird der Fussgelähmte nach alemannischem Ausdrucke tautragil genannt, der Thauschlepper, wie in Friesland die Hexe daustrîker heisst, weil sie in schädigender Absicht den Maienthau mit plumpem Fusse vom Grase streicht. Grimm RA. 94. 630. An frühzeitigen Uebergängen des Namens Walburg in das Gebiet des Dämonischen kann es daher nicht mangeln. Walahild heisst eine der Walküren; Walgund ist die im Hugdietrich und im Wolfdietrich besungene Königstochter; Walber eine nordd. Riesin; Walberan der riesig starke, kriegsgewaltige König (im mhd. Gedichte König Laurin), welchen Dietrich im Zweikampfe nicht zu besiegen vermag. Der Versammlungsplatz der Hexen auf Island heisst Valakirkja und liegt am Ingolfsfjall, einem hervorragenden Berge des dortigen Südlandes.
Vala wird dorten die böse Stiefmutter genannt im Märchen von Schneewittchen. Maurer, Isländ. Sag. 107. 280. Die niederd. Hexe Valrîderske ist eine Pferdemahr, die sich zu ihrem Nachtritte fremder Rosse heimlich bedient, schweissbedeckt stehen diese Morgens darauf im Stalle. Simrock, Myth. 421. So viel über den Namen Walburg, insoweit er der Reihe der Bedeutungen nach zuerst die in der Wünschelburg wohnende Götterjungfrau, dann eine steinschleudernde Riesin, eine leichensammelnde Walküre, ein die Früchte und Thiere zehntendes Zauberweib bezeichnet hat. Herabgesunken zur landschaftlichen Sagengestalt, hat Walburg es im Hochnorden, gleich dem übrigen Riesengeschlechte, ausschliesslich mit der Viehzucht zu thun und wird darüber zur Göttin der W. Jagd. Bei dem 1588 zu Nürnberg abgehaltenen grossen Fasnachtszuge erschien das Wilde Heer unter Anführung "der Frau Holda auf einem schwarzen wilden Rosse; als die wilde Jägerin stiess sie ins Horn, schwang die knallende Peitsche, schüttelte ihr Haupthaar wild umher wie ein wahrer Wunderfrevel, und der mitzuschauende bamberger Bischof sprach zum Markgrafen Albrecht von Ansbach: Das ist eure Jagdgöttin; dieser aber erwiederte: Bannet das Ungethüm, aber nur heute nicht!" Vulpius, Curiositäten, Bd. 10, S. 397. In Mitteldeutschland geht sie mit dem Geschäfte des Flachsbaues und Spinnens um; in Süddeutschland erst erscheint sie als Ackerbauerin und siedet Bier. Bei diesem letzterwähnten Geschäfte nimmt sie den Namen der Frau Holle (die Huldreiche) an. "Der gemeine Mann nennt sie Frau Holle und die Mägde auf den Dörfern verstecken ihre Spindeln vor ihr", sagt im J. 1812 von ihr ein thüringischer Bericht, Curiositäten, Bd. 2, 472; und eine schon ältere Notiz in Prätorius, Blockesberg S. 457 lautet: "Am Walburgisabend darf man weder spinnen noch auch das Garn nur auf der Spindel lassen, sonst machen die Hexen Bratwürste daraus, d.h. ungleichfädiges Garn. Die Thüringer geben vor, dann ziehe Frau Holla herum und verwirre oder hole das Garn."—
Das schicksalwebende Wunschmädchen webt das Eheband, darum wird am Garnfaden in der Walburgisnacht das S. 40 bereits erwähnte Liebesorakel erforscht, und neun gesponnene Flachsknoten sind heilsam (Myth. 1182); als flachsspinnende Schwanenjungfrau erscheint es ferner sowohl im Liede von Wieland dem Schmied (Simrock, Myth. 345), als auch in der schlesischen Spillaholle (die Spindelhulda), und diese wohnt im Hollabrunn (Vernaleken, Alpensag. 121), um hier kinderlosen Eltern deren Wunschkinder herauszuschöpfen.
In der Niederlausitz heisst Walburgis Holpurga (Pott, Familiennamen, 117), in der Oberpfalz nennt man die Hexenausfahrt zu Walburgis die Hullfahrt, das Hullfahren, und der bezügliche Schimpfname ist Hullsluder. Schönwerth 3, 177. Hier thut zugleich der Spirantenwechsel das Seinige zur Namens-Umgestaltung; wie aus Wuotan ein niederd. Wôd und Hoden wurde (englisch Robin Hood), so aus Walburg eine Frau Wulle und Frau Hulle. Was in den Zwölften gesponnen wird, das besudeln Frau Holle und Frau Wolle, Frau Hulle und Frau Wulle. Kuhn, NS. 417. Ebenda 418 heisst Frau Hilde Verhellen, bei Müllenhoff 178 Ver-Wellen. Der bierschenkenden Frau Holle, welche im Walperholz bei Arnstadt Volles Mass ausruft, ist schon im vorletzten Abschnitte gedacht worden, und mit diesem Geschäfte Walburgis als einer den Maienthau spendenden, älschenkenden Frühlingsgöttin werde hier abgeschlossen.
Im Herzen des bairischen Fruchtlandes werden jene drei letzten Aehren oder Aehrenbüschel des Ackers, welche die Schnitter zum Opfer stehen lassen, bekränzt, umbetet, umtanzt und eben so genannt, wie Walburgis dritter Bruder heisst, Oswald, d.i. der allwaltende Ase. Dieses Aehrenopfer ist in einer Passauer Urkunde des 13. Jahrh. Wûtfutter genannt (Panzer BS. 2, 505), hat ebenso in Meklenburg unter denn Namen Wode gegolten und war also in diesen beiden, geschichtlich sich fremdgebliebnen Landstrichen ein dem Wuotan geweihtes Ernteopfer, bei welchem
man das Wodelbier als Trankopfer darbrachte. Eben diese heidnische Erinnerung ist christlich personificirt worden im hl. Oswald, und so hat denselben Zingerle in seiner Ausgabe der Oswaldslegende pg. 74 nachgewiesen. Diese beiden leiblichen Geschwister, Oswald und Walburg, tragen in ihrer Hand das Attribut der drei Aehren. Bruder Oswald besitzt bei dem nach ihm benannten tiroler Dorfe eine geheiligte Quelle, die als des Landes Jungbrunnen gilt (Zingerle, Sitten no. 936); die Schwester Walburg spendet nebst solchen Heilquellen das besondere Heilöl: es ist dies die Nährkraft des unter dem Einflusse des Maienthaues sich bildenden Getreidekornes. Der Thau, der aus der Mähne des Walkürenrosses trieft, verleiht dem Erdboden seine Lebens- und Befruchtungsquellen; aus dem Trinkhorne bietet hierauf die Walküre Oelrun den von ihr gebrauten Seligkeitstrank dem in den Himmel Eingehenden. Wie war oder ist nun der Name dieses Trankes? Zum Meth führt am Weissen Sonntag, 8 Tage nach Ostern, der altbair. Bursche sein Mädchen, es soll sich dabei schön und stark trinken. Schmeller, Wörtb. 3, 360. Der Litthauer nennt sein Hausbier, das bei keinem häuslichen Feste fehlen darf, Alus, das Bärtige, denn es wird aus der grannenreichen Gerste gebraut; der Alus hat Hörner, sagt er von der Stärke dieses Getränkes, ja Gerste bedeutet ihm überhaupt so viel wie Getränk. Schleicher, Litthau. Märch. 1857, S. 3. 149. 160. Von der Wirkung des Münchner Bockbieres pflegt der Baier eben dasselbe zu sagen: der Bock hat ihn gestossen. Ob wir nun obige Walküre Oelrun in ihrem Namen ableiten von Alarun, allwissend durch die um ihr Trinkhorn geschrieben stehenden Runen, oder von Aelrun, die den Göttern den Stärketrank kredenzende, so verschlägt diese doppelte Etymologie hier in der Sache selbst nichts; Ael und Oel, beiderseits der Begriff der Lebensnahrung, ableitend von goth. aljan lat. alere, ist hier längst in den Eigennamen und in die bezüglichen Symbole eingedrungen. Der Skandinavier nennt das
Bier, das er im Heidenthum den Alfen opferte (âlfablôt), heute das Engelbier: Engelöl (Mannhardt, Mythen 326). So braut man seit Altem in England das Ale, in Rostock Oelbier (Coler, Oeconomia lib. 2, pg. 23), in Breslau Schöps, in Wollin Bockhänger (Klemm, Nahrung, 335), in München Bock, dessen Ausschank daselbst mit dem 1. Mai beginnt und anzudauern hat bis Pfingsten. Er hält dorten somit dieselben Termine ein, die kalendarisch für das Gedeihen der Kornsaat und kirchlich für das Fliessen des Walburgisöles gegolten haben.
Vorahnend hat Uhlands realistische Dichterphantasie den Inhalt des hier abgeschlossnen Mythenkreises, wie folgt, umschrieben:
Auf den Wald und auf die Wiese,
Mit dem ersten Morgengrau,
Träuft ein Quell vom Paradiese,
Leiser frischer Maienthau.
Wenn den Thau die Muschel trinket,
Wird in ihr ein Perlenstrauss;
Wenn er in den Eichstamm sinket,
Werden Honigbienen draus.
Mit dem Thau der Maienglocken
Wäscht die Jungfrau ihr Gesicht,
Badet sie die goldnen Locken
Und sie glänzt vor Himmelslicht.
Selbst ein Auge rothgeweinet
Labt sich mit den Tropfen gern,
Bis ihm freundlich nieder scheinet
Thaugetränkt der Abendstern.