Auf dem Perlfluß.
Giebt es auf dem Erdball einen Fluß, auf welchem sich ebenso interessantes, reges, malerisches Leben zeigt wie auf dem Perlfluß? Ich kenne ihn nicht. Man könnte die Themse erwähnen und den Hudson bei Neuyork, aber die breiten Rücken dieser Ströme tragen hauptsächlich gewaltige Ozean- und Flußdampfer, Dampffähren, Schleppschiffe und moderne Segler. Sie sind nur Wasserstraßen, dem Verkehr gewidmet, nicht dem Leben. Leben zeigen wohl der Ganges, Nil, Irawaddi und der Menam, allein lange nicht in dem gleichen Maße wie der Perlfluß, besonders auf der achtzig Seemeilen langen Strecke zwischen dem größten Handelsemporium und der größten Stadt des himmlischen Reiches, zwischen Hongkong und Canton. Dort lebt ein großer Teil der Bevölkerung geradezu auf dem Wasser, und während die modernen Dampfer, welche die Europäer auch auf diesem urchinesischen Fluß verkehren lassen, nur dem Transport von Waren und Passagieren dienen, wohnen auf dem Perlfluß Hunderttausende von Menschen. Auf der breiten Wasserfläche dieses trüben, schlammigen, reißenden Flusses werden sie geboren, verbringen sie ihr Leben und sterben; aus seinen Fluten ziehen sie ihre Nahrung, ihren Lebensunterhalt. Sie sind menschliche Amphibien, denen das Leben auf dem trockenen Festlande kaum erträglich scheint, und die sich nur auf ihren Sampans, Fischerbooten und schwimmenden Häusern wohlbefinden.
Man mag in dem ungeheuren chinesischen Reiche reisen, wohin man will, nirgends wird sich die chinesische Eigenart malerischer zeigen als auf dem Cantonflusse und auf dem Wege dahin. In letzter Zeit wird viel von einer Eisenbahn zwischen Hongkong und Canton gesprochen, vielleicht wird man schon in wenigen Jahren das Dampfroß durch die gesegneten Reisgefilde am Kwantung eilen sehen. Aber wer immer in Zukunft Canton besucht, möge die Flußfahrt dahin unternehmen, wenn er das alte China kennen lernen will. Prächtige große Dampfer von mehreren tausend Tonnen Gehalt vermitteln den Verkehr zwischen den beiden so wichtigen Städten. Als ich eines Morgens nach einer raschen Fahrt in der Jinrickishaw durch das schmutzige Chinesenviertel in Hongkong den Dampfer Hankau bestieg, der mich nach Canton bringen sollte, glaubte ich mich auf einem der schwimmenden Passagierpaläste des Hudson zu befinden, so groß und prächtig sind die Dampfer der Hongkong-Canton- und Macao-Dampfergesellschaft. Auch die Einrichtung dieser blendend weißen Schiffe mit ihren geräumigen, eleganten Salons, ihrem Hurricandeck und ihren schönen Kabinen erinnerte mich an die Hudsondampfer. Nur besitzen sie eine bedenkliche Zuthat, die den amerikanischen Flußdampfern fehlt. In einem an den Salon grenzenden Raume prangte ein kleines Arsenal von Schieß-, Stich- und Hiebwaffen, zum Zugreifen bereit, und als mich ein chinesischer Steward mit lang herabhängendem Zopfe in meine Kabine führte, bemerkte ich in dieser, unmittelbar über meinem Bett, einen haarscharf geschliffenen Säbel und einen geladenen Revolver. Vor den zum Zwischendeck führenden Thüren hielten bewaffnete Matrosen Wache und ließen keinen der tausend oder noch mehr chinesischen Passagiere, welche dort unten zusammengepfercht waren, auf das Oberdeck.
Warum diese Sicherheitsmaßregeln? Sie scheinen heute vielleicht überflüssig, aber in früheren Jahren kam es häufig vor, daß sich chinesische Seeräuber als Passagiere auf die Dampfer einschmuggelten und, sobald diese das Insellabyrinth vor der Mündung des Perlflusses erreicht hatten, den Kapitän, die europäischen Offiziere und Passagiere überfielen, um sie auszurauben. Noch vor einigen Jahren ereignete sich dies auf einem solchen Dampfer, und bald nachdem ich Canton wieder verlassen hatte, berichteten die Tagesblätter aus Hongkong von dem Ueberfall eines chinesischen Schiffes durch Piraten in jenen Gewässern. Sie ermordeten die ganze Schiffsmannschaft und führten das Schiff nach einer unbewohnten Insel, wo sie den Anstrich desselben änderten und es für weitere Piratenzüge benützten. In völliger Sicherheit ist man auch heute noch nicht, trotz der englischen Kriegsfahrzeuge und der kuriosen chinesischen Kanonenboote, welche den Patrouillendienst auf dem Perlfluß versehen. Deshalb wird der Wachtdienst auf den Passagierschiffen sehr streng gehandhabt; eine Anzahl Matrosen mit Revolvern und Säbeln sind stets in Bereitschaft, und neben diesen Waffen giebt es noch andere, nicht minder gefährliche. Der Ingenieur unseres Dampfers zeigte mir gerade gegenüber der Eisenthüre, welche zum Zwischendeck führt, die Mündung eines Schlauches, der mit dem Dampfkessel in Verbindung steht. Im Falle von Meuterei braucht der wachthabende Matrose nur einen Hahn zu öffnen, um die ganze bezopfte Gesellschaft mit heißem Dampf abzubrühen.
Während wir, den herrlichen Hafen von Hongkong verlassend, in das Labyrinth kahler, brauner Felseninseln steuerten, welche der eigentlichen Mündung des Perlflusses, der Boca Tigris, vorgelagert sind, besah ich mir die Einrichtung des Dampfers. In den Räumen der ersten Kajüte gleicht alles, wie gesagt, den Hudsondampfern. Eine Eisenthür führt nach der auf demselben Verdeck befindlichen zweiten Kajüte, welche für die Chinesen der besseren Stände bestimmt ist, und an diese schließt sich eine Kajüte für die chinesischen Damen. In der vornehmen Welt Chinas herrscht in Bezug auf das weibliche Geschlecht eine ähnliche Abschließung wie bei den Mohammedanern, nur daß sich die Chinesinnen niemals verschleiern.
Das Zwischendeck ist für die Chinesen der untern Stände bestimmt. Der ganze verfügbare Raum war mit Zopfträgern angefüllt, die auf mitgebrachten Decken oder Strohmatten lagen oder auf ihren Kisten und Kasten und Kleiderbündeln hockten, denn das Zwischendeck der chinesischen Dampfer besitzt keine Einrichtungsstücke, und jeder Passagier muß für seine Bequemlichkeit so gut als möglich selbst Sorge tragen. Die meisten hatten ihre Tabaks- oder Opiumpfeife im Munde und gaben sich Karten- oder Dominospiel hin; selbst die bettelarmen, halbnackten Kulis, die vielleicht nichts ihr Eigen nannten als das zerlumpte, bis zu den Knieen reichende Beinkleid, ihr einziges Kleidungsstück, und ein paar Sapeken (Kupfermünzen im Wert von einem viertel Pfennig), kauerten gruppenweise auf den kahlen Dielen und frönten dem Spiel. Verkäufer von allerhand Eßwaren, gekochtem Reis, kleinen getrockneten Fischen, Seegras, übelriechenden Eiern und sonstigen abschreckend aussehenden Dingen zogen von Gruppe zu Gruppe, andere verkauften kochendes Wasser für die Theebereitung; hier ließen sich blinde Musiker mit ihren Gesängen, Pfeifen und Gongschlägen hören, dort lauschten Gruppen von Kulis den Märchen und Räubergeschichten von gewerbsmäßigen Erzählern. Auch zahlreiche Frauen befanden sich unter den Passagieren. Die Chinesen sind ein sehr reiselustiges Volk, und der Prozentsatz jener, welche sich auf der Wanderschaft befinden, ist vielleicht größer als bei manchem europäischen Volke. Mütter mit ihren Kindern, junge Mädchen, arme Bootsfrauen und Kuliweiber lagen rauchend, spielend oder mit allerhand Arbeiten beschäftigt auf ihren Binsenmatten. Viele schliefen. Als Kopfkissen dienten ihnen eigentümliche hohle Porzellankästchen in der Form und Größe unserer Bauziegel. Die Atmosphäre in diesen Räumen war trotz der weitgeöffneten Luken geradezu unerträglich. Die kleinen Papierfächer, welche jeder Chinese mit sich führt, waren unausgesetzt in Bewegung; aber der Gestank der Lebensmittel, alten Kleider und Matten, die Ausdünstung von mehr als tausend Menschen, der eigentümliche odeur de Chine, der jedem Gegenstand in diesem Lande anhaftet, konnten weder von den Fächern noch von der stark durchziehenden Seeluft verscheucht werden.
Trotz des ungemein interessanten Anblicks, den die bunt zusammengewürfelte Menge gewährte, eilte ich deshalb bald auf das Verdeck zurück. Wir waren bei den hohen steilen Felsen der Boca Tigris angekommen und fuhren zwischen den starken Batterien hindurch, welche die Chinesen hier zur Verteidigung von Canton durch deutsche Ingenieure haben anlegen lassen. Auch weiterhin zeigen alle Berge, alle Inseln, alle den Fluß eindämmenden Felsen Befestigungen, aber nur solche nach chinesischem Muster. Hohe, blendend weiße Mauern ziehen sich vom Flusse die Anhöhe hinauf und auf der andern Seite wieder herunter. Im Innern dieser so umschlossenen weiten kahlen Räume ist nichts zu sehen als ein oder zwei gemauerte Häuser, welche die Anhöhen krönen, und Steintreppen, welche vom Flusse zu ihnen emporführen. Kanonen, Erdwerke, Waffen, Mannschaften schienen diesen chinesischen Festungen zu fehlen. Die einzigen Anzeichen, daß sich dort Mannschaften befinden mußten, waren zahllose dreieckige Flaggen, weiß mit roten chinesischen Schriftzeichen in der Mitte, oder rot mit weißen Schriftzeichen; zu Hunderten wehten sie auf den Mauern und Gebäuden. Man sagte mir, es würde heute ein hoher Mandarin zur Untersuchung der Festungswerke erwartet, und deshalb der Fahnenschmuck. Ja, wenn die Chinesen mit Flaggen allein Krieg führen könnten!
Weiter stromaufwärts verflachen sich die Ufer, und jedes irgendwie verwendbare Stückchen Land wurde durch die fleißige Hand der Zopfträger in Reisfelder verwandelt. Splitternackt, nur mit großen Strohhüten auf den Köpfen, stehen sie in dem Schlamm und versetzen jedes einzelne der Hunderttausende von zarten Reispflänzlein in schnurgerade Reihen. Selbst die Schlammbänke, welche der reißende Strom hie und da mitten in seinem Bett aufgeworfen hat, zeigen solche Paddy-(Reis-)felder. Wohl äußert sich die Meeresflut bis hinauf nach Canton und hat dort noch ein Spiel von über einen Meter, aber das Salzwasser selbst dringt nicht viel weiter als bis zu der Boca Tigris, und es ist nur die Anstauung des schlammigen Süßwassers, welche weiter oben das Flutenspiel mitmacht. Die weiten, sumpfigen Ebenen werden durch Erddämme eingefaßt, welche mit Lichee und Bananen bepflanzt sind. Nur vereinzelt gewahrt man in diesen Gegenden Palmen. Wären diese zahlreicher vorhanden, die Dörfer zu beiden Seiten des Flusses würden mit ihren düstern, dunklen Schlammmauern an die Fellachendörfer des Nilthales erinnern. An Stelle der Minarets treten hier die eigentümlichen vielstöckigen Pagoden, an Stelle der Moscheen nicht etwa Buddhatempel, sondern die festen viereckigen Steintürme der Pfandhäuser, deren es wohl in jedem Dorfe eins oder mehrere giebt. Sie sind nächst den Pagoden die höchsten und solidesten Bauten in China. Auffällig ist es, daß auch in den Dörfern alle Häuser mit gebrannten Hohlziegeln eingedeckt sind, und daß die Dörfer durchweg parallel zu der Flußrichtung stehen; die abergläubischen Chinesen thun dies aus Furcht vor den bösen Geistern, welche, unsichtbar für sie, in der Richtung des Flusses durch die Lüfte jagen und ihrer Meinung nach durch quergestellte Dächer aufgehalten würden. Im Gegensatz zu der Armseligkeit der Dörfer steht die ungemein sorgfältige Bebauung der sie umgebenden Ländereien. Sie verraten die Jahrtausende alte Kultur, der sie durch die arbeitsamen Chinesen unterworfen wurden. Jede irgendwie verwendbare Erdscholle ist bebaut; neben den Reisfeldern gewahrt man Gemüsegärten, Orangen- und Obstpflanzungen, hie und da erheben sich gewaltige Schattenbäume, und zwischen ihnen hindurch sieht man noch in weiter Ferne Segelboote dahinziehen, wie in Holland. Der Fluß ist in viele Seitenarme gespalten, und je nach ihrer Bestimmung stromauf- oder -abwärts benutzen die chinesischen Fahrzeuge die Flutströmungen im Hauptfluß oder in kleinen Nebenarmen. Ja, diese chinesischen Schiffe! Jedes einzelne verdient in Europa in irgend einem Museum aufgestellt zu werden. Gewiß waren es nicht die Phönizier, sondern die Chinesen, welche die Segelschiffahrt erfunden haben, denn schon vor Jahrtausenden war dieselbe sehr entwickelt. Chinesische Fahrzeuge besuchten die verschiedenen Länder der ostasiatischen und australischen Welt, und wenn sie auch im Laufe der Zeit erheblich verbessert worden sind, so heimeln sie den Reisenden, der ihnen hier auf dem Perlfluß begegnet, doch an, wie die kuriosen Fahrzeuge der alten Portugiesen und Holländer aus der Zeit der großen Entdeckungsreisen. Gegen sie erscheinen die Karavellen des Kolumbus noch modern. Und dabei haben sie sich in China vielleicht in demselben Verhältnis vermehrt wie die riesige Bevölkerung, denn die zahlreichen Flüsse, Seen und Kanäle des großen Landes, wo immer man auch hinkommen mag, sind mit ihnen bedeckt, zu Tausenden und Abertausenden drängen sie sich in den Häfen, an den Kanalschleusen, in den Marktstädten zusammen, zu Tausenden schwimmen sie auch hier auf dem Perlfluß.
Dschunken.
Am zahlreichsten sind wohl die Fischerboote, dem ungeheuren Fischreichtum dieses merkwürdigen Flusses entsprechend. Fischerboote überall, in der Mitte des Stromes verankert, in den zahlreichen Buchten oder längs der schlammigen, schilfbedeckten Ufer, mit Netzen, Angeln und Kormoranen, diesen eigentümlichen Vögeln, welche sich die Chinesen ganz unterthan gemacht haben und die mit unendlicher Geduld den lieben Tag lang die Fische aus den Fluten für ihre Herren hervorholen.
An verschiedenen Stellen ist der Fluß von den Chinesen zur Verteidigung gegen die Franzosen und Engländer gesperrt worden. Sie trieben in kleinen Abständen starke Pfähle in den Grund quer über den Fluß und ließen nur schmale, leicht zu verteidigende Durchfahrten für die Schiffe frei. Diese schwarzen, über die Wasserfläche hervorlugenden Pfähle sind für den Fischfang wie geschaffen; die Angriffe der weißen Barbaren waren doch für etwas gut. Ungeheure kohlschwarze Netze hängen an diesen Pfählen, und während die letzteren den Schiffen den Durchzug versperren, thun die ersteren dies in Bezug auf die Fische. Stromabwärts schaukeln sich, durch Seite an die Pfähle befestigt, zahllose aneinandergekettete Sampans, plumpe offene Boote, mit den Fischern darin. Diese haben ihren Opfern, den Fischen, die Art der Fortbewegung im Wasser abgelauscht, denn statt Ruder nach unserer Art zu benützen, hängt ein einziges großes Ruder über den Hinterteil des Bootes ins Wasser und wird durch die Bootsleute hin und her bewegt, ähnlich wie der Fisch seine Schwanzflossen braucht. Hunderte anderer Boote liegen in den Buchten verankert, die schwarzen Netze zum Trocknen auf den Masten aufgehängt.
Nächst zahlreich sind auf dem Perlfluß die kuriosen chinesischen schwimmenden Wohnhäuser, die, aus der Ferne gesehen, das Aussehen schwimmender Pantoffel haben und auch Pantoffelboote genannt werden. Zehntausende dieser Boote bedecken den Fluß, andere Zehntausende liegen in Canton an den Ufern verankert, mit einer Bevölkerung, die nach Hunderttausenden zählt. Jedes dieser Boote beherbergt eine, mitunter auch mehrere Familien. Der hintere Teil des Pantoffelbootes ist offen und dient für die Ruderer. Unter ihnen sind die Vorratsräume für Lebensmittel, Getränke, allerhand Hausrat, lebende Schweine, Enten, Gänse und gar häufig auch Kinder. Sind die Eltern an der Arbeit, oder werden Passagiere mit dem Boote befördert, so wird die kleine unangenehme, störende Gesellschaft einfach in diese dunkeln Vorratsräume gesteckt. Das Vorderteil des Bootes ist durch ein tonnenartiges, nach hinten offenes Gewölbe eingedeckt, aus Reifen bestehend, die mit Brettern oder Leinwand überzogen sind. Unter dem Gewölbe befinden sich lange Bänke, welche der Bootsfamilie tagsüber als Sitze, zur Nachtzeit als Betten dienen. Der Fluß ist die Welt, in welcher diese Leute leben. Unaufhörlich kreuzen sie mit ihren Fahrzeugen hin und her, vollständig unbekümmert um die großen Dschunken und europäischen Dampfer, welchen sie häufig den Weg versperren. Die Steuerleute müssen die Dampfpfeife unaufhörlich ertönen lassen, um diese Boote zu warnen, und an den Flußsperren, wo sich Hunderte von Booten an den kaum vierzig Meter breiten Durchlässen zusammendrängen, werden gar häufig einzelne umgerannt. Sie scheinen aber geradezu mit Absicht das Fahrwasser der Dampfer aufzusuchen und fahren auf zwei, drei Schritte Entfernung vor dem scharfen Bug vorbei, in beständiger Lebensgefahr. Wie mir der Kapitän des „Hankau” erzählte, betrachten sie dieses Passieren des Dampferbuges in ihrem Aberglauben als glückbringend. Was mir gelegentlich meiner ersten Fahrt auf dem Perlflusse auffiel, waren die roten Leinwandlappen und roten Papierstreifen, welche jedes einzelne Boot, jede Dschunke auf den Masten, am Bug und an den Seiten zeigte. Vorn auf der Spitze jedes Schiffes brannten außerdem Joß-sticks (Räucherkerzen) in großen Mengen, und wer immer ein Gong besaß, schlug wie besessen unaufhörlich darauf los. Durch diese abergläubischen Mittel wollten die Bootsinsassen die bösen Geister bannen. In Canton und den umliegenden Ortschaften wütete gerade die sibirische Beulenpest. Tausende fielen dieser schrecklichen Plage täglich zum Opfer, und die Chinesen kennen kein anderes Mittel, ihr entgegenzutreten, als daß sie die bösen Pestgeister auf die genannte Art verscheuchen.
Zwischen den Sampans und Fischerbooten schwimmen Hunderte von Dschunken den Fluß auf und ab, große plumpe Kästen mit hohem Bug und noch viel höherem Stern, mit bunten Farben überschmiert und an den Seiten mit grotesken Fratzen bemalt. Die Seitenwände dieser Fahrzeuge laufen gegen das Steuer zu nicht zusammen wie bei unseren Schiffen, sondern verlängern sich geradlinig um etwa einen Meter oder noch mehr über das Steuer hinaus. In diesem so gebildeten Schlitz steckt das Steuerruder mit einer Reihe vertikaler Einschnitte, durch welche beim Steuern das Wasser durchschießt. Auf dem plumpen, bunt bewimpelten Mast sitzt gewöhnlich nur ein großes Segel, nicht aus Stoff, sondern aus einer Binsenmatte bestehend, die mit fächerartigen Rippen versehen ist. Wird das Segel entfaltet, so öffnet es sich mit divergierenden Rippen ähnlich wie ein Fächer, dem der Knopf abgeschnitten wurde. Die zahlreichen Löcher und aufgesetzten Flecke zeugen nicht nur von dem Alter dieser Mattensegel, sondern auch von den Stürmen, welche die Boote in den chinesischen Gewässern, besonders zur Teifunzeit, zu überstehen haben. Der Bug mancher Dschunke zeigt eine grotesk geschnitzte scheußliche Fratze, bei allen Dschunken aber sitzen nahe dem Bug zwei ungeheure runde Fischaugen, welche den Schiffskörpern das Aussehen scheußlicher Seeungetüme verleihen. Als ich einen Chinesen in Canton über den Zweck dieser aufgemalten Augen befragte, meinte er in der merkwürdigen Verkehrssprache zwischen Europäern und Chinesen im fernen Osten, dem Pidgen-English: „No got eye, no can see; no can see, no can go” (hat kein Auge, kann nicht sehen; kann nicht sehen, kann nicht gehen).
Viele von den Dschunken, in chinesischer Sprache Tschuank genannt, sind für den Passagierverkehr zwischen Canton und den Küstenstädten, sowie Formosa, Hainan, ja Singapore und den Sundainseln bestimmt; andere liegen nur dem Frachtenverkehr oder dem hier in großartigem Maßstabe betriebenen Schmuggel ob. Zu seiner Verhinderung besitzt die Zollbehörde eine Anzahl von Kanonenbooten, welche sich durch besondere Schnelligkeit auszeichnen und deren Befehlshaber Europäer sind. Aber auch die Chinesen haben auf dem Perlflusse eine Menge von Kanonenbooten, hauptsächlich gegen die Seeräuber bestimmt, auf die sie nach Thunlichkeit Jagd machen. Diese Kanonenboote sind nichts weiter als gewöhnliche Dschunken mit einer Kanone auf dem Stern und einer Bemannung von etwa einem Dutzend Soldaten. Die großen rotweißen Flaggen auf der Mastspitze künden den Schmugglern schon von weitem die chinesische Hermandad an, so daß sie beizeiten Reißaus nehmen können.
Aus dem Perlfluß verkehren gegen sechzig verschiedene Arten von Dschunken. Viele von ihnen, besonders die Privatfahrzeuge reicher Chinesen, sind mit prachtvollen Schnitzereien und Vergoldungen geschnitzt und sehr rein gehalten. Nichts kann malerischer sein als diese kurios geschwungenen, stets wie zu einer Hochzeit mit Wimpeln und bunten Flaggen geschmückten großen Schiffe, die nirgends als nur in China zu sehen sind und eine der größten Merkwürdigkeiten dieses Landes bilden. Für den Passagierverkehr zwischen Hongkong und Canton, auch weiter stromaufwärts bis Shaoking, dienen unter anderen eigentümliche Fahrzeuge, welche die Europäer spottweise „chinesische Dampfer” nennen. Eben kam uns eines derselben entgegengefahren, und es hätte nicht viel gefehlt, so wären wir mit ihm zusammengestoßen. Der Form nach war dieses Schiff den europäischen Dampfern ähnlich, nur besaß es statt der Schaufelräder an den Seiten ein einziges Schaufelrad auf dem Stern, ähnlich den berüchtigten Stern-wheelers auf dem Ohio und Mississippi, die ich auf meinen amerikanischen Reisen so häufig zu benutzen gezwungen war. Aber statt durch eine Dampfmaschine, wurde dieses Schaufelrad durch Menschenarbeit in Drehung versetzt. Vor dem Schaufelrad befand sich nämlich unter dem Verdeck ein großes Tretrad, und auf diesem steigen unaufhörlich, in Schweiß gebadet, etwa zwei Dutzend halbnackter Kulis einher. In früheren Jahren führten manche dieser „Dampfer”, um die Täuschung für die chinesischen Passagiere noch vollständiger zu machen, mittdecks einen hohen schwarzen Schornstein, unter dem ein Feuer aus feuchtem Holz unterhalten wurde, damit der aus dem Schornstein qualmende Rauch recht weit sichtbar war. In neuerer Zeit sind die Schornsteine verschwunden, aber die Treträder sind geblieben, fürwahr eine billige Triebkraft, denn jeder Passagier, der sich dazu hergiebt, das Rad zu treten, hat freie Fahrt. Dabei melden sich stets doppelt und dreifach so viele Passagiere, als der Schiffseigentümer zur Fortbewegung des Schiffes braucht.
Die einzige Station, bei der wir auf dem Wege nach Canton anhielten, war das alte Whampoa, früher der Handelshafen der Riesenstadt Canton, denn bis hierher konnten die großen Seeschiffe vordringen. Auf den benachbarten Anhöhen erheben sich zwei alte, vierstöckige Pagoden, die sich in der herrlichen Umgebung dieses einstigen Welthafens sehr malerisch ausnehmen und die Wahrzeichen Whampoas bilden. Aber Glanz und Reichtum sind längst dahin, und an Stelle der einstigen reichen Hafenstadt befindet sich ein elendes chinesisches Fischerdorf, von den Zollbeamten spottweise die „Bambusstadt” genannt. Die einstigen Docks und Reparaturwerkstätten der Europäern wurden an die chinesische Regierung verkauft, welche sie zur Ausbesserung und Ausrüstung ihrer Kanonen- und Torpedoboote eingerichtet hat. Auch eine Marineschule befindet sich hier.
Während unser Dampfer in der Mitte des Stromes anhielt und einige Boote den Passagierwechsel bewerkstelligten, wurde mein Augenmerk durch ein höchst malerisches Schauspiel gefesselt. Von Canton her kam auf dem Flusse eine Flottille von etwa einem Dutzend Booten herabgeschwommen; war es denn chinesische Fastnacht? Aus der Ferne betrachtet, erschienen mir diese Boote wie aus einem kölnischen Karnevalsumzug herausgerissen. In phantastischen Farben prangend, über und über mit Fahnen, dreieckigen und viereckigen Bannern, bunten Wimpeln und roten Papierstreifen geschmückt, zeigte jedes Boot eine andere mehr oder minder verzwickte Form. Am glänzendsten und reichsten erschien das erste Boot, auf dessen Mast die gelbe kaiserliche Fahne mit dem blauen Drachen wehte. Unter seltsamen Musikklängen und lärmenden Gongschlägen zog es an uns vorüber. Soldaten mit blauen Kitteln und roten Kreisen auf Brust und Rücken standen auf dem Verdeck, und unter einem bunten Baldachin saß rauchend ein hoher Mandarin. Dieses offizielle Mandarinboot wurde von einer Anzahl Kanonenboote und Dschunken begleitet, die alle ähnlichen Flaggenschmuck zeigten. Wie mir der chinesische Comprador unseres Dampfers mitteilte, war der Mandarin der auf einer Inspektionsreise begriffene Provinzbefehlshaber. Aber selbst diese phantastischen Züge werden zu gewissen Zeiten weitaus übertroffen, wenn in den größern Städten und vor allem in Canton das Fest der Drachenboote abgehalten wird, eine Art Wasserkarneval, der aus dem dritten Jahrhundert vor Christo stammt und sich seit zwei Jahrtausenden alljährlich wiederholt. Gerade während meines Aufenthaltes in Canton wurde zur Verscheuchung der sibirischen Pest von dem Provinzstatthalter ein solches Fest anbefohlen. Die phantastische Ausschmückung dieser zwanzig bis dreißig Meter langen, in Drachenform gebauten Boote spottet jeder Beschreibung. Unter dem furchtbarsten Lärmen, Gongschlagen, Schreien und Singen, mit Feuerwerk und bengalischen Lichtern schießen diese von fünfzig bis sechzig Rudern fortbewegten Boote zwischen den Tausenden von Sampans und Pantoffelbooten, die ebenfalls mit Laternen bedeckt sind, auf und nieder, und häufig kommt es bei den Wettfahrten zu ernsten Unglücksfällen.
Bald nachdem wir Whampoa verlassen hatten, passierten wir die letzte Strombarriere, unter fortwährender Gefahr, einige der immer zahlreicher werdenden Boote umzurennen, und endlich gewahrte ich in der Ferne zwischen den zahllosen Masten dieses belebtesten Flusses der Erde das Häusermeer der Zweimillionenstadt Canton, überragt von dem höchsten Gebäude derselben, von der katholischen Kathedrale mit ihren zwei Türmen. Unwillkürlich wurden meine Blicke von dem aufregenden, malerischen Flußschauspiele abgezogen, und staunend mußte ich immer wieder diese Wahrzeichen des Christentums betrachten, welche inmitten dieser fremden, heidnischen Welt uns so packend an die ferne christliche Kultur gemahnten.
Straße in Canton.